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Die Netzpiloten sind Medienpartner der dmexco 2017

Partnergrafik_dmexco

Sie verspricht Einblicke, spannende Speaker und viele Aussteller: am 13. und 14. September findet wieder die dmexco in Köln statt. Die Digital Marketing Exposition & Conference ist der Treffpunkt für die internationale digitale Branche, Marken, Medien, Agenturen, Influencer sowie Vertreter aus Industrie und Technik und viele Mehr. Der Kongress findet nun schon zum neunten Mal statt.

Auf den ingesamt 15 Bühnen stellen Unternehmen digitale Trends vor, egal ob Startup oder CEOs führender Unternehmen. Über 570 Speaker werden in den acht Formaten erwartet. Dieses Jahr unter dem Motto: Lightening the Age of Transformation. It’s not a Trend – it’s a Movement!

Die Digitale Transformation ist ein fortlaufender Prozess

Themen die unter diesen Bereich fallen sind zum Beispiel das Internet of Things, zunehmende Automatisierung, die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen oder auch der Einsatz von Virtual Reality für alle. Aber was wäre eine digitale Transformation ohne die treibende Kraft dahinter: der digitalen Branche. Und so stellen die Speaker ihre Ideen und Vorschläge für die Zukunft in diesen Formaten vor:

  • Congress Hall:
    Hier ist der Ort für Keynotes, Interviews und Panels. Die Congress Hall wird der Mittelpunkt der Veranstaltung werden und spannende Insights zu allen aktuellen Themen und Trends geben. Dieses Jahr hat die dmexco erneut ein hochkarätiges Programm an Speakern zusammengestellt, unter anderem mit Sheryl Sandberg, CCO von Facebook, Jack Dorsey, CEO von twitter, Marc Pritchard, CBO von Procter & Gamble, Claudia Willvonseder CMO IKEA Global und dem ehemaligen ESA Astronaut Dr. Thomas Reiter.
  • Debate Hall
    Nah am Geschehen können Zuschauer in dieser Diskussionsarena Debatten zu aktuellen Themen verfolgen und sogar mitgestalten. Mit einem Voting Tool diskutiert das Publikum live mit.
  • Motion Hall
    Im letzten Jahr feierte die Motion Hall ihre Premiere, jetzt gehört sie schon zum festen Programm. In der Motion Hall dreht sich alles um die führenden Videoproduzenten, Bewegtbildtrends und innovative Marketingmöglichkeiten. In diesem Jahr wird es erneut 13 Casestudies geben zu internationalen Unternehmen, unter anderem CNN, Facebook, RTL, National Geographic, Walt Disney Company und YouTube.
  • Experience Hall
    Hier steht das Verbrauchererlebnis im Mittelpunkt. Hier treffen Visionäre und Vordenker zusammen um über die Zukunft zu sprechen. Unternehmen und Marken stellen innovative Kommunikationsmöglichkeiten und Technologien vor und berichten von ihren Erfahrungen. So können Trends veranschaulicht werden.
  • Außerdem:
    Über 100 Seminare, Work Labs, das Speakers Forum und das Startup Village für Business Pitches, Case Studies und nahen Austausch mit Unternehmen wie: Amazon, Facebook, Spotify, ebay, ProSiebenSat.1 Media, CNN, Snapchat, Gruner +Jahr, Twitter, Mozilla, BILD, Nestlé, BBC World News oder Google.

Dabei sein

Abends hat die dmexco ebenfalls ein Programm aufgestellt, mit der offiziellen dmexco Pure Partyin der Wolkenburg in der Kölner Innenstadt oder verschiedenen Standparties. 

Egal ob junger Unternehmer oder etabliertes Unternehmen, die dmexco hält für jeden etwas bereit. Alle die dabei sein wollen, können sich hier bis zum 29. August noch Frühbuchertickets sichern, danach geht der Verkauf in die nächste Preisstufe. Wir wünschen euch viel Spaß.

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Verschärfen Soziale Medien die politische Debatte in Großbritannien?

Westminster (adapted) (Image by Hernán Piñera [CC BY-SA 2.0] via flickr)

In der angespannten Atmosphäre, die Großbritannien nach der Ermordung des Parlamentsmitgliedes Jo Cox fest im Griff hält, ist die Sorge um den Ton der politischen Debatte im Land groß. Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass die Sozialen Medien eine direkte Rolle in der Straftat spielten, doch die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, wie diese generell die Wut der Menschen schüren. Parlamentsmitglied Stephen Kinnock teilte sich ein Büro mit Cox und die beiden waren gute Freunde. Nach dem Angriff wurde er desöfteren zitiert:

Wir müssen auf den Ton in unserer Politik und auf die Art und Weise, wie Politiker und die Presse miteinander reden, Acht geben… und auch auf die Art, wie die Sozialen Medien teilnehmen und diese Tendenzen verstärken. Es ist kein allzu großer Schritt zwischen dem Aussprechen von schrecklichen Dingen und einer schrecklichen Tat.

Die Sozialen Medien werden oft dafür angeprangert, einen öffentlichen Schauplatz für Meinungen zu bieten, die Leute niemals im echten Leben aussprechen würden (dies ist als der Online-Enthemmungs-Effekt bekannt) und dafür uneingeschränkt zu Belästigung und Missbrauch aufzurufen und eine Massenmentalität zu entwickeln . Doch die Rolle, die die Sozialen Medien politisch spielen, ist dank der Natur politischer Debatten viel komplizierter. Der feindliche Kommunikationsstil, den wir in der heutigen Politik beobachten können, ist mit Sicherheit kontraproduktiv und polarisiert Meinungen. Meinungsverschiedenheiten sind an sich großartig und das Herz der Demokratie. Aber, so argumentiert Politikwissenschaftlerin Susan Bickford, der demokratische Prozess ist nur dann erfolgreich, wenn man sich die Meinungen der Anderen tatsächlich anhört und sie nicht nur abtut. Und es verhält sich hier genauso wie persönliche Interaktion zwischen Politikern oder Fernsehdiskussionen – das Internet hat bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, es Menschen zu ermöglichen, einander zuzuhören, dass es nun Versuche gibt, unsere Onlinekommunikation zu verändern, um uns zu besseren Zuhörern zu machen. Besonders in der Politik gibt es mehrere Dinge, die uns daran hindern, aktiv zuzuhören. Menschen neigen bewiesenermaßen dazu, Informationen, die ihre Überzeugungen und Positionen angreifen, abzutun, was als Bestätigungsbias bekannt ist. Und weil politische, kulturelle und religiöse Werte oft im Zentrum unserer Identität stehen, wird ein Angriff auf diese Werte schnell zu einem Angriff auf uns selbst und wie wir uns wahrnehmen. Wenn jemand gegen unsere Weltsicht argumentiert, nehmen wir das persönlich. Es wird argumentiert, dass wir, um in der Lage zu sein, uns die Meinung anderer Leute anzuhören, in der Lage sein müssen, unsere persönliche Identität von unseren Überzeugungen und Werten zu trennen. Das wird in einem politischen Umfeld, in dem Persönlichkeiten immer wichtiger werden, in dem ein einzelner politischer Anführer mehr und mehr Bedeutung als die Institutionen und Ideale, die er oder sie repräsentiert, erlangt, noch schwerer gemacht als es ohnehin schon ist. Diese erhöhte Persönlichkeitsbildung in der Politik wird von traditionellen Medien verstärkt, was politische Bindungen impliziert. Beispielsweise habe ich kürzlich eine kleine, noch nicht veröffentlichte Studie durchgeführt, die im Einklang mit anderen Untersuchungen aufzeigte, wie personalisierte Berichterstattung die Absicht junger Leute verringert, sich aktiv politisch zu beteiligen. Teilnehmer der Studie waren weniger gewillt, an politischen Aktivitäten wie Diskussionen, Wahlen oder ehrenamtlicher Arbeit teilzunehmen, nachdem Sie einen auf einen einzelnen Politiker fokussierten Bericht gelesen hatten als nach dem Lesen desselben Berichtes, der diesmal auf eine Partei oder die Regierung fokussiert war.

Es wird persönlich

Die Sozialen Medien jedoch sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fördern sie die politische Beteiligung sowohl online als auch offline. In einer unveröffentlichten Studie, die ich durchgeführt habe, fand ich heraus, dass Menschen, die das Internet nutzen um zu diskutieren und unter Nachrichten zu kommentieren, wahrscheinlicher auch im echten Leben politisch aktiv waren. Dies deckt sich ebenfalls mit anderen Nachforschungen auf diesem Gebiet. Doch die Sozialen Medien fördern ebenfalls Polarisierung. Menschen tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden – und sich mit Inhalten zu beschäftigen, die ihre bereits existierenden Ansichten und Einstellungen reflektieren. Die Sozialen Medien fokussieren politische Diskussionen sogar noch mehr auf Personen, die aktive Profile auf Sozialen Netzwerken haben. Sie können besonders auffallen und somit mehr persönlichen Missbrauch von denen hervorrufen, die ihre Meinung nicht teilen. Der kürzlich angelaufene Kampagne „Reclaim the Internet“ hat die Höhe der Anzahl der Missbrauchsvofälle, dem Einzelne (und besonders Frauen) im Internet ausgesetzt sind, herausgestellt. Die Probleme des Cyberbullying und der Frauenhasser im Netz verdienen ernsthafte Beachtung für den negativen Einfluss den sie auf die Empfänger solchen Missbrauchs haben können. Trotzdem ist es wichtig, daran zu erinnern, dass nur wenige Menschen auch nach den gewalttätigen Tendenzen handeln, die sie online ausleben. Und leider sind solche Trends auch nicht nur auf die Ära der Sozialen Medien beschränkt. Es gibt kaum Beweise dafür, dass Missbrauch in Sozialen Medien zu Missbrauch jenseits des Netztes führt, wenn die Personen ansonsten nicht auffällig sind. Was können wir dagegen tun? Nutzer von Sozialen Medien müssen Missbrauch im Netz aktiv angreifen, die Plattformen selbst müssen effektiv und mit ernstzunehmenden Regularien auf Berichte solchen Missbrauchs reagieren. Die Polarisierung und Personalisierung der Politik ist allerdings ein sehr schwerwiegenderes Problem. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Westminster“ by Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0)


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Die Bibliothek wird als Ort der Arbeit neu gedacht

Medienregal (image - Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

In Deutschland, dem Land von Goethe und Schiller, hatten Bibliotheken schon immer eine besondere Stellung. Doch diese Wissensinstitute wandeln sich, den Kern dieser Transformation begreifen jedoch die wenigsten Kommentatoren dieses Wandels. Die Verschiebung – von lokal gesammeltem Wissen zu Informationen erlebbar machenden Orten der Arbeit – vermögen sowohl negative als auch positive Superlative kaum angemessen zu beschreiben. Die Bibliothek wird zu einem der wichtigsten Orte in einer sich digitalisierenden Gesellschaft.

Hagner und Ball – zwei Pole am gleiche Ende des Irrtums

Mitte Februar löste der an der ETH Zürich tätige Wissenschaftsforscher Prof. Dr. Michael Hagner durch einen Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung eine Debatte über die Zukunft von Bibliotheken in einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft aus. Hagner meint, nur in Bibliotheken mit Büchern einen Ausdruck von Zivilisation zu erkennen. Doch dies sind Bibliotheken auch ohne Bücher – und noch so vieles mehr.

Hagner want vor einer möglichen Alternative zu Bibliotheken durch „einen einzigen nationalen Server (…) auf dem sich jeder bedienen kann, und alle Bücher des Landes, da sie ja ohnehin niemanden mehr interessieren, in einem gigantischen Alpenbunker“ gelagert sind. Er lehnt diesen Gedanken ab, ohne aber ein Argument dagegen formuliert zu haben. Dass er an nationale Server denkt, zeigt schon eine gewisse Rückständigkeit in seinem Denken. Wer das Internet mit Grenzen denkt, hat das Wesen eines globalen Netzwerks nicht verstanden.

Ähnlich sieht es aus bei Rafael Ball, dem Chef der ETH-Bibliothek. Er sieht Bibliotheken als reine Wissensspeicher an und erklärt sie für unnütz. Ball macht den vermeintlich häufigsten Fehler progressiver Entwicklungen: er vergisst den historisch gewachsenen Sinn einer Bibliothek. Beide verkennen, dass Bibliotheken mehr sind als Speicher gedruckten Wissens und andere Qualitäten gegenüber dem Internet entwickelt haben, die in einer digitalisierten Gesellschaft eine noch nicht geahnte Bedeutung erlangen werden.

Orte, die Wissen schaffen: Bibliotheken als Makerspaces

Ende letzten Jahres besuchte ich die Kölner Stadtbibliothek und lernte den Ort Bibliothek als etwas vollkommen Neues kennen. Die Bibliothek als Makerspace, wo ich Zugang zu Wissen erhalte, in dem ich es miterschaffe und nutze, statt nur in Büchern herum zu blättern oder das Internet danach zu durchsuchen. Hier könnten Hagner und Ball ihren Irrtum gut erkennen. Der Kerngedanke einer Bibliothek ist noch genauso erkennbar, wie die neuen Möglichkeiten als Makerspace. Das Bücherregal steht hier neben dem 3D-Drucker.

Die Kölner Stadtbibliothek bietet auf einer Ebene eine Mischung aus digitaler Werkstatt und Makerspace an. In Kursen für jedes Alter, besonders natürlich für Kinder, wird in Workshops Wissen über Social Media gelehrt, man kann erfahren, wie man online Informationen recherchieren kann, bekommt Fotobearbeitung und vieles mehr erklärt. Wissen wird hier auch außerhalb von zwei Buchdeckeln vermittelt. Deshalb hat mich das Makerspace persönlich am meisten beeindruckt. Kinder können hier lernen, wie man kleine Roboter programmiert und ihnen Bewegung beibringt. Musikinstrumente wie beispielsweise ein Piano oder verschiedenen Gitarren sind zugänglich, aber auch zwei 3D-Drucker und Virtual-Reality-Brillen.

Wissen wird hier zu etwas, dass einen Prozess auslöst und so zu neuen Erkenntnissen führt. In dieser Bibliothek wirkt Wissen nicht statisch. Es waren viele Menschen vor Ort, testeten die verschiedenen Geräte aus, schufen Neues und lernten, mit den neuen Informationen und Möglichkeiten umzugehen. Dies ist ein offener Raum für neue Ideen, Potenziale und Do-It-Yourself-Projekte. Und einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem ich einmal nicht darüber nachdenken musste, wie sehr dieses Land eine weitere wichtige Entwicklung, Bibliotheken als Orte des Wissens zum anfassen in einer digitalisierten Gesellschaft, verpasst.

Bibliotheken adaptieren Coworking-Elemente

„Mit einer Bücherei aus den Neunzigerjahren hat das kaum noch etwas zu tun“, wird die Leiterin Hannelore Vogt von der Wirtschaftswoche zitiert. Köln ist hier Vorreiter, die Stadtbibliothek im vergangenen Jahr, als „Bibliothek des Jahres“ ausgezeichnet. Doch eine bestimmte Entwicklung lässt sich in vielen Bibliotheken des Landes beobachten: die Bibliothek wird zu einem Ort der Arbeit. Das kann bewusst passieren und gezielt gefördert werden, wie in Köln, oder zufällig und ohne Kenntnis des Hauses, wie in der Bezirksbibliothek Friedrichshain, meinem Wohnort. Hier treffen sich beispielsweise regelmäßig die Mitglieder eine Meetup-Gruppe zum Coworking.

Konrad Fischer von der Wirtschaftswoche nennt Bibliotheken deshalb gleich kostenlose Coworking Spaces. Soweit würde ich nicht gehen, ein Coworking Space ist mehr als ein frei zugänglicher Tisch in einem Raum mit WLAN, aber es sind durchaus Elemente des Coworking in modernen Bibliotheken zu finden. Im Lesesaal werden nicht nur Zeitungen auf Papier gelesen, auch Laptops finden ihren Platz auf dem Tisch. In Köln treffen sich Lerngruppen voll von SchülerInnen, aber auch geflüchteten Menschen, die hier neben Zugang zu Wissen auch eine Möglichkeit finden, digital zu kommunizieren.

Das mehr als 150 Jahre alte Ideal der Bibliothek als Ort der sozialen Chancengerechtigkeit, an dem alle Menschen den gleichen Arbeitsplatz und die gleichen Möglichkeiten haben, wird so neu entdeckt. Und in Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Lebens, ist die Bibliothek „der nicht kommerzielle und für jedermann zugängliche Treffpunkt in der Stadt“, sagt Vogt. Und sie kann noch mehr sein, ein Ort an dem Innovationen geschaffen werden, an dem die Gesellschaft neue Wege austestet, und Wissen als etwas sowohl von Nationen als auch Medien befreites Gut begreifen und erfahren lernen können.


Image „Medienregal“ by Tobias Schwarz/Netzpiloten (CC BY 4.0)


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Wir sind viele – Dekoder will Russlands Diskurse sichtbar machen

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Russland verstehen. Darum, was das heißt und wie das geht, gibt es immer wieder hitzige Diskussionen. Über Dekoder kann man einfach mal reinlesen ins Land. Es gibt sie, die Debatten in Russland. Darüber, wie Reformen möglich sein können. Ob Straßenprotest etwas bringt oder ob das nicht längst zu gefährlich ist. Darüber, wie lange Präsident Putin noch an der Macht sein könnte und wie der Fall des Rubels die russische Wirtschaft trifft. Solche Debatten werden kontrovers geführt. Ein Brennglas, das auf den Kosmos dieser Stimmen gerichtet ist, haben Martin Krohs und Leonid Klimov mit dem Projekt Dekoder ins Netz gebracht.

Zwar schafft schon das Internet die Verbindungen nach Russland, zum Content an sich, zu all den Texten, die es vielfach bereits im Web gibt. Zwei Barrieren aber überwindet es nicht: Das Russische, und das, was die Sprache meint. „Man gerät in eine Sackgasse, wenn man glaubt, dass das, was in Russland das gleiche Wort bezeichnet wie bei uns, auch die gleiche Sache ist.“ Seien es Begriffe wie liberal, Abstrakta wie Gerechtigkeit oder ein Organ wie das Parlament. Gerade viele staatliche Institutionen würden tatsächlich wie in Deutschland heißen, jedoch anders funktionieren, sagt Krohs.

Deshalb stolpert der Leser bei den Texten auf Dekoder über markierte Stichworte – die nach einem Klick in einen Kasten kurze Erklärungen bieten oder auf Hintergrundtexte führen. Solche lexikalischen Einträge nennen sie „Gnosen“, aus dem Griechischen abgeleitet für „Erkenntnis“. Die Texte, über die solche Gnosen gestreut sind, kommen aus dem breit gefächerten liberalen Medienspektrum in Russland. „Es sind viele verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, aber ihre Reichweite ist relativ klein“, sagt Leonid Klimov.

Es sind angesagte Webmagazine wie slon.ru oder colta.ru für ein junges, urbanes Publikum, das traditionelle Wirtschaftsblatt Wedomosti für Entscheider in den Unternehmen oder die Nowaja Gaseta, ein renommiertes Oppositionsblatt für ein Nischenpublikum, das mit investigativen Recherchen genauso glänzt wie mit Sozialreportagen. „Ich wurde oft gefragt, ob es solche Medien überhaupt gibt“, sagt Leonid Klimov. Mit Dekoder sollen sie direkt sichtbar gemacht werden. Mit den Redaktionen dieser Medien gibt es Lizenzvereinbarungen für die übersetzten Wiederveröffentlichungen.

Bis ein Text fertig auf Deutsch vorliegt, gegebenenfalls versehen mit neuen Gnosen, sei es viel Arbeit, sagt Krohs. Übersetzer werden beauftragt, Doktoranden für die Hintergrundtexte angefragt – alle Russlandkenner. Dekoder als gemeinnützige GmbH zahlt dafür – und will sich in seiner Arbeit ausschließlich aus Spenden finanzieren. Der Anfang ist gemacht, seit fünf Monaten ist das Portal online. Die ersten Reaktionen seien überwiegend positiv, sagt Krohs, der die Idee als Antwort auf die Ukraine-Krise und den Krieg im Donbass entwickelte. Ein Impuls, der als Projekt dann immer mehr gewachsen sei.

Die eigentliche Aufgabe, wie Krohs sich bald gesagt hat, sei „eine ganze Kultur zu entschlüsseln“. Russland, das unterliege häufig einer monolithischen Wahrnehmung in Europa. Der Vorstellung, die Leute würden so denken wie der Kreml. „Aber die Vielfalt der Stimmen und auch der sich widersprechenden Stimmen darzustellen, das ist das Ziel“, sagt Krohs. Und das, so entschieden sie, gehe am besten als „hybrides Medium“, als Mischung aus Journalismus und Wissenschaft. Mit Texten, die Aktualität und zugleich Anlass für neue Sachtexte unter der Gnosen-Rubrik böten.

Die Medien, auf die sie sich dabei beziehen, gelten in Russland als kremlkritisch. „Insofern gibt es schon eine Stoßrichtung“, sagt Krohs. Ein Bias, der sich zunächst nicht vermeiden lasse, wenn unabhängige Medien in den Fokus rücken sollen. „Das Ideal wäre, dass wir Texte haben, mit denen wir verschiedene Positionen zu den Krisenpunkten darstellen.“ Eine Maschine, die Übersetzungen mache und die Kommentare der Wissenschaft hinzuziehe, das stellt sich Krohs vor. Regierungsnahe Autoren innerhalb dieser Medien würden mit ihren Texten daher ebenso ausgewählt. Außerdem planen sie derzeit ein neues Format, in dem Zusammenschnitte aus dem Kreml ergebener Presse nachzulesen sein sollen. Bis zu ein Drittel könne man als Auszug präsentieren, ohne die Rechte dafür zu haben.

Schon jetzt kommt jede Woche eine allgemeine Presseschau auf die Seite, geschrieben von deutschen Journalisten in Russland. Etwa zwei Mal pro Woche gibt es einen frisch übersetzten Text, vom Interview bis – jetzt erstmals auch – zum Blogeintrag. Sei es ein Artikel zum Diskurs um die aktuellen Verwerfungen zwischen London und Moskau wegen des früheren russischen Agenten Litwinenko, der in London einer Polonium-Vergiftung erlegen war; oder ein Aufsatz über die Unterschiede in den Erinnerungskulturen Russlands und Deutschlands, reflektiert durch einen russischen Intellektuellen; oder eine Analyse des widersprüchlichen Phänomens, Hollywood-Kino und westlichen Konsum zu lieben und doch brennend auf den neu entfachten Patriotismus zu schwören.

Krohs und Klimov – sowie drei andere feste Teammitglieder – wollen für die deutschsprachigen Russlandinteressierten nicht weniger, als „die große Wahrnehmung“ des Landes beeinflussen, eine „indirekte Vertrautheit“ schaffen. Sie meinen, das Innere nach außen kehren, Narrative aus den Debatten im Inland zeigen, den Kulturcode öffnen. Leonid Klimov sagt, wenn er davon in Russland erzählt, höre er oft: „Ihr müsstet das auf jeden Fall auch andersrum machen.


Teaser & Image by Dekoder


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Deutsche Stiftungen und die Digitalisierung: Chance vertan?

The Big Debate (Image by The Big Debate [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Stiftungen könnten ein nachhaltiger gesellschaftlicher Treiber der Digitalisierung in Deutschland sein, eine Chance die leider verspielt wird. Noch ist es aber nicht zu spät. Die deutsche Politik muss beim Thema Internet und Digitalisierung viel Kritik einstecken. Diese Kritik erscheint mir zwar in den meisten Fällen gerechtfertigt und angebracht (ob zur Überwachung, der enttäuschenden Digitalen Agenda, der Worthülse Industrie 4.0, dem Leistungsschutzrecht, etc.), doch ist ?die Politik? kein homogener Adressat und nur einer von vielen Akteuren unserer Gesellschaft, die sich beim Thema Digitalisierung nicht mit Ruhm bekleckern. Die deutschen Stiftungen kommen beim Thema Digitalisierung ihrer systemischen Aufgabe als Agendasetter und gemeinnützige Förderquelle kaum nach und das ist aus mehreren Gründen fatal für unser Land.


Warum ist das wichtig? Stiftungen erfülllen traditionell eine wichtige Rolle zwischen Staat und Privatwirtschaft. Sie kümmern sich um langfristige gesellschaftliche Arbeit in Bildung, Forschung, Aufklärung und Wirkung (siehe z.B. hier, hier und hier).

  • Stiftungen geben Geld primär für eigene Projekte oder in eng angelegten Förderprogrammen aus, deren Ursprung interne Diskurse sind. Zudem kooperieren Stiftungen wenig miteinander, in den meisten Feldern agieren sie gar als Konkurrenten, Synergieeffekte gibt es wenig.

  • Das Querschnittsthema Digitalisierung wäre die Gelegenheit für Stiftungen, sich mit den jeweils satzungsrelevanten Aspekten daraus zu befassen und politischer Treiber zu sein.

  • Die meisten Stiftungen beginnen gerade erst selbst, das Thema Digitalisierung aufzugreifen und kennenzulernen. Sie sollten eigentlich Zukunftsthemen gesellschaftlich antreiben und festigen, stattdessen haben sie selbst akuten (institutionellen) Aufholbedarf.

  • Gerade Stiftungen wären prädestiniert dafür, jenseits von Marktlogiken wichtige Förderrollen einzunehmen und den digitalen Wandel zu gestalten, stattdessen füllen US-Konzerne (unfreiwillig) diese Lücken (Beispiel 1, Beispiel 2).


Wie sich in den Vereinigten Staaten beispielsweise die Knight Foundation oder die Sunlight Foundation für die Förderung von Journalismus, Bürgerbeteiligung und Open Government einsetzen, ist international vorbildhaft. Gerade die Sunlight Foundation ist ein spannendes amerikanisches Beispiel dafür, wie eine private Stiftung die komplette Transparenzökonomie Washingtons auf den Kopf stellt. Dabei zehrt die Stiftung selbst von Geldern anderer Stiftungen, einzelnen Stiftern und Unternehmensspenden. Die Knight Foundation hat sich auf die Unterstützung von Transformationsprozessen in Journalismus und Medien spezialisiert.

Dass Burda, Springer, Bertelsmann und Co. hierzulande nicht ähnlich innovativ handeln ist schade, zu sehr zehren deren Unternehmungen oder Erben (noch) an den Geschäftsmodellen des alten vordigitalen Systems. Was die Knight Foundation in den USA unterstützt, sieht schon sehr stark nach dem aus, was Google mit der kürzlich angekündigten Digital News Initiative verfolgt. Die Motivation für deren Handeln ist wohl aber eine andere. In den USA ist die Stiftungslandschaft zudem viel nachfragegetriebener. Das mag nicht generell positiv sein, stellt aber viel mehr gesellschaftliche und politische Relevanz her.

Was hätte die Rolle deutscher Stiftungen im digitalen Wandel sein können?

Digitalisierung und Vernetzung stellen uns vor gesamtgesellschaftliche Herausforderungen unter anderem in den Bereichen Bildung, Ausbildung, Weiterbildung und Forschung. Sie erfordert Diskussionsräume, Brückenbildung, Aufklärung und Investitionen. Stiftungen verfolgen mit ihren gesellschaftlichen, oft gemeinnützigen Missionen schon von Haus aus Ziele, die sich mit der Bewältigung der Digitalisierung prinzipiell decken. Stiftungen könnten Forschungsvorhaben fördern, Diskurse anstoßen oder unterstützen, Menschen und Ideen fördern, Lehrstühle finanzieren, Weiterbildung organisieren oder Stipendien ausschreiben. Auch können sie Lobbying für nachhaltige politische Entwicklungen betreiben durch Studien, Kampagnen und Veranstaltungen – genauso wie sie es in vielen anderen Politikfeldern seit Jahrzehnten machen.

Wo sind also die Stiftungslehrstühle zu digitalem Unternehmertum? Welche Stiftung fördert hierzulande wirklich substantiell NGOs die sich mit dem digitalen Wandel auseinandersetzen? Wieso legen die unzähligen deutschen Familien- und Unternehmenstiftungen nicht einmal Geld zusammen in einen Topf um dediziert Projekte im Bereich der Digitalisierung zu fördern? Die meisten Stiftungen sind zu sehr selbst damit überfordert, sich den Entwicklungen zu stellen, ihre Institutionen zu modernisieren und sich strategisch neu aufzustellen – oder gar ihre Finanzierung sicher zu stellen (Alcatel Lucent).

Der deutsche Stifterverband, ein Dachverband, zählt über 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zu seinen Mitgliedern. Mit dem Schwerpunkt auf Bildung und Forschung, wird dort viel zu Kräftebündelung und Initiativen geleistet, aber auch hier ist das Thema Digitales (noch) recht dünn gesät.

Es ist nicht alles schlecht

Es gibt auch vereinzelt Lichtblicke. So hat das von der Stiftung Mercator initiierte Institut MERICS einen großen Schwerpunkt auf Digitalisierung und Internet (mit Fokus China) gelegt. Bei der gemeinnützigen Hertie Stiftung gibt es Bemühungen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, und an der von der Stiftung etablierten Hertie School wurde mit Unternehmensgeldern ein Lehrstuhl etabliert (mit Fokus auf eGovernment), der aber aktuell wieder vakant ist. Die Bertelsmann Stiftung streckt regelmäßig ihre Fühler in Richtung digitaler Themen aus, scheint aber ihren Platz in der Debatte noch nicht gefunden zu haben. So musste letztes Jahr das internationale Bloggernetzwerk FutureChallenges.org zum Überleben ausgegründet werden, und die Aktivitäten im Bereich Bürgerbeteiligung finden eher in klassischen Branchen statt. Was aus den aktuellen Entwicklungen rund um den Themenbereich Zukunft der Arbeit “Arbeiten 4.0” wird, ist noch nicht abzusehen.

Zwar unterstützen Stiftungen von Bosch, Vodafone und Co. vereinzelt Projekte und Veranstaltungen, die sich mit dem digitalen Wandel befassen, ein kohärentes Bild ergibt sich daraus jedoch nicht. Insgesamt gesehen sind die investierten Ressourcen eher auf Alibi-Niveau. Von wirklich nachhaltigen Projekten mit viel Wirkung auf die Debatten um den digitalen Wandel ist kaum etwas zu spüren.

Exkurs: Die politischen Stiftungen

Bei den politischen Stiftungen sieht es etwas besser aus, diese haben die Themen im Bereich der Digitalisierung meist schon bei deren Erscheinen mit geprägt und getrieben (vor allem die Böll Stiftung war hier aktiv, andere zogen später nach). Der Einfluss auf das Tagesgeschehen und die gesamtgesellschaftliche Wirkung sind aber auch hier minimal und zumeist parteiideologisch eingefärbt. Von außen betrachtet ist Digitalpolitik bei FES, KAS & Co. also ebenso Nischenthema wie bei den ihnen nahestehenden Parteien. Hier wäre ein stärkerer Austausch mit und Einfluss der Stiftungen auf die Parteien wünschenswert.

Sind deutsche Stiftungen zu konservativ um dem digitalen Wandel begegnen zu können?

Die mangelnde Triebkraft der Stiftungen im Bereich des digitalen Wandels wäre zu verkraften, wenn andere Akteure diese Rolle einnehmen würden. Doch auch von Seiten der deutschen Industrie ist nur wenig zu vernehmen. So bleibt es dabei, dass das Engagement meist US-amerikanischer IT-Unternehmen, die mit großen Summen versuchen Deutschland als wichtigen, aber technisch zurückgebliebenen Standort hochzupäppeln, durchgehend als am meisten sichtbar wahrgenommen werden, und dies gleichzeitig auch entsprechend kritisiert wird.

Wie so oft wenn bestehende Strukturen nicht schnell und angemessen Unterstützung bieten, liegt der Ausweg vielleicht darin, neue Wege zu gehen. Doch diese sind eben noch schwerer zu finanzieren. Bei der Stiftung Neue Verantwortung (allerdings ein Verein, trotz des Namens keine Stiftung) laufen seit einiger Zeit mehrere Projekte, die sich intensiv mit digitalen Themen befassen – Tendenz steigend (und lobenswerterweise unterstützt von beispielsweise Bosch, Mercator und RWE Stiftungen). Doch auch hier kommen viele Gelder aus dem Ausland, und die Geschäftsführung hat mit Ben Scott aktuell einen US-Amerikaner inne. Das die letzten Jahre von mir selbst geleitete Internet & Gesellschaft Collaboratory, ein Verein für digitalpolitische Projekte und Diskurse, ist zwar keine Stiftung, tat sich aber ebenfalls schwer Geldgeber zu finden, die fördern statt nur sponsern, oder deutsche Unternehmen sind. Anderen digitalpolitischen Organisationen geht es ähnlich.

Liegt die Lösung in der Disruption?

Finanzkräftige Stiftungen sind eigentlich unabhängig vom Markt. Das ist auch gut so – es gibt ihnen aber natürlich auch die Freiheit, jahrelang am gesellschaftlichen Bedarf vorbei zu fördern. Kleine Akteure haben hier Chancen für Sichtbarkeit und Impact – sie können die sich dem Wandel verweigernden Organisationen aber nicht existenzbedrohend unter Druck setzen.

Könnte die Lösung gar darin liegen, viele weitere neue Stiftungen zu gründen? Der ehemalige Donaukurier-Herausgeber Georg Schäff, hat mit der Stiftung Erneuerbare Freiheit eine der wenigen neuen Stiftungen gestartet, die digitale Grundrechte im Fokus haben, ähnlich der Stiftung Bridge. Das Journalismusportal Correctiv hat ebenso einige Stiftungen und Förderer gefunden die neue Unterfangen unterstützten. Vielleicht ließen sich weitere Mäzene finden, die bereit sind, Mittel in eine größere Stiftung zu geben, deren Aufgabe es sein könnte, den digitalen Wandel in Deutschland zu stärken. Eine Stiftung, die richtige Plattformen fördert, um Worthülsen wie Industrie 4.0 eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zu geben. Eine Stiftung die Stipendien an Querdenker vergibt (ähnlich dariah.eu), Vereine wie z.B. die Open Knowledge Foundation (das deutsche Chapter ist trotz des Namens keine Stiftung) mitfinanziert, und inhaltlich wie parteipolitisch unabhängige Studien und Projekte unterstützt. Auch in Bereichen die nicht gerade als Hype-Thema durch die Berliner Republik getrieben werden.

Stiftungen könnten ein nachhaltiger gesellschaftlicher Treiber der Digitalisierung in Deutschland sein, eine Chance die bisher grunsätzlich verspielt wurde. Sie haben die Rolle als politische Agenda-Setter, im Rahmen der Gestaltung des Digitalen Wandels bisher nicht ausfüllen können. Ich bin aber guter Dinge, dass die entsprechende Erkenntnis, als Mitgestalter der Digitalisierung zu fungieren, langsam Berücksichtigung finden wird. Stiftungen müssen in diesem Gestaltungsdiskurs vorne mitspielen, anstatt wie Industrie und Politik hinterher zu hecheln. Genau dort könnten Stiftungen mit ihren Ressourcen und Know How nämlich wirklich helfen.

Diese Gedanken erheben weder einen allumfassenden Anspruch, noch handelt es sich dabei um quantitative Analysen digitalpolitischer Aktivitäten in der deutschen Stiftungslandschaft. Es ist jedoch lange überfällig, dass diese Debatte über die Rolle der Stiftungen im digitalen Wandel beginnt. Ich hoffe auf viele Kommentare zu diesem Artikel mit Hinweisen auf Projekte, die mir noch nicht bekannt sind und darauf, in einem Jahr dieses Thema noch einmal aufgreifen zu können. Dann aber mit einer noch positiveren Einschätzung.

Dieser Artikel steht unter CC BY 4.0.


Image ?The Big Debate? by The Big Debate (CC BY-SA 3.0)

 

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“Future of Data”: Daten-Debatten jenseits von Vorurteilen

Statt Debatten über die “Datensammelwut” von Unternehmen zu führen, sollte das Sammeln und die Verwendung von Daten ganzheitlicher gesehen werden. Das Szenario Building ist zu einem beliebten Werkzeug geworden und ersetzt das bekannte Bonmot “Wenn du mal nicht weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis”. So ist auf Ebene der politischen und wirtschaftlichen Entscheider als entsprechend geschulter Berater leichtes Geld damit zu verdienen, wenn der Unsicherheit dieser Entscheider in einem globalisierten Weltgeschehen, die Scheinsicherheit eines Szenarios entgegen gehalten werden kann. Dass diese Szenarien allzu häufig in der Banalität zwischen “Kalter Marktwirtschaft” und “Sozialer Marktwirtschaft” oder auch gern “Vernetzte Welt” versus “Mensch steht trotz Technologie im Zentrum” enden, scheint nicht zu stören, fehlt doch allzu oft die Erfahrung, mehrfach einem solchen Prozess beigewohnt zu haben.

Daten sammeln: Wo stehen wir im Jahre 2025?

Der globale not-for-profit Future Agenda Foresight Prozess hat bewusst einen anderen Weg gewählt, konzentriert sich auf einzelne Schwerpunktthemen und verzichtet auch darauf, alle Meinungen in irgendwelche Matrizen einspeisen zu wollen, um am Ende ein Ergebnis zu bekommen, dass der PC scheinbar “genau” errechnet hat. In inzwischen über 100 Workshops, in über 50 Ländern, werden in einem strukturierten Diskurs bis zu 30 Themen (je Workshop aber nur ein Schwerpunktthema) besprochen und qualitativ zusammengefasst. Im Zuge der Workshop-Reihe hatte vor einiger Zeit in Köln ein “Future of Data”- Treffen stattgefunden.

Aufgrund eines ersten Brainstormings, wurden vor Ort die folgenden Entwicklungstendenzen bis zum Jahre 2025 identifiziert:

  • Datenapathie angesichts der nicht zu bewältigenden und zu interpretierenden Datenmenge

  • Gefahr simplifizierender Analysen aufgrund mangelnder Fähigkeit zur Operationalisierung der Möglichkeit zum Datensammeln

  • Daten werden verhaltensbestimmende Variablen

  • Big Data führt zu mehr Transparenz; Auswirkung auf bestehende Geschäftsmodelle unklar

  • #dataforgood wird immer relevanter

  • menschliches Miteinander, das immer mehr datenbestimmt ablaufen wird, muss neu definiert werden

  • steigende menschliche Abhängigkeit von datenbasierter Interpretation der (Um) Welt

  • Aufkommen von datengetriebenen Lebensstilen

  • Bindung der Lebenszyklen von Produkten an deren Datensammelfähigkeit

  • Dateninterpretation als neue Form der “Weisheit”

  • Sicherheit von Mobilität wird essenziell

  • Daten als Grundlage der Vermittlung von Bildung

  • Ethik der Daten

  • datengetriebene Anpassungen von Unternehmen statt durch Vorstandsentscheidungen

  • Suche nach der Grenze der Anwendung von Daten

  • potenzieller Backlash gegen die Nutzung von Daten

In einem nächsten Schritt wurden nun diese Aspekte aggregiert und mit Blick auf die mögliche Relevanz im Jahre 2025 priorisiert. Auffällig daran war, dass auch im Kreis der dem Thema gegenüber eigentlich eher aufgeschlossenen Teilnehmern, die spannungsgeladenen Fragen der Datensicherheit, der Privatsphäre und der durch Daten eventuell intendierten Ungleichheit dominierten.

Tabelle: Abstimmungsverhalten der Teilnehmer bezüglich der Frage nach der Relevanz der vorab genannten Unterthemen bis zum Jahre 2025

 

Zwang zur Konformität und Daten-Darwinismus?

Dieses Ergebnis war insofern spannend, als dass Daten(schutz) nicht, wie so häufig üblich, als Selbstzweck betrachtet wurde, sondern das Ziel eine politische, wie auch gesellschaftspolitische Einordnung der Datenthemen darstellte, was sich in der abschließenden qualitativen Debatte über die Priorisierung auch zeigte:

1. Intelligentes Sammeln von Daten statt blinder Datensammelwut: Das Internet der Dinge wird zu einem weiteren Anstieg der gesammelten Daten führen. Mehr denn je muss sich aber rechtzeitig Gedanken darüber gemacht werden, welche Daten denn überhaupt sinnvoll ausgewertet werden können. Während man im Einführungskurs zur “Empirischen Sozialforschung” an der Uni bereits zu hören bekommt, dass die Forschungsfrage vor dem Sammeln von Daten bekannt sein muss, gehen manche Datenanalysten anscheinend allzu oft den Weg, im Datenkonvolut nach interpretierbaren Mustern zu suchen, um das Datensammeln gegenüber den Investoren und den Usern im Nachhinein zu rechtfertigen.

2. Juristische Rules of the Game: Es bedarf – unabhängig von der Art der Daten und der sammelnden Institution – dringend weltweit gültiger Spielregeln zum Umgang mit diesen Daten. Nur datenbezogene Grundrechte, wie der jederzeitige Zugang zu den eigenen Daten bei Unternehmen oder staatlichen Verwaltungen, werden auf Dauer die Akzeptanz der Datensammlungen erhalten. Das Spannungsfeld zwischen nationalen politischen Regelungssystemen und kulturellen Unterschieden im Umgang mit personenbezogenen Daten, lässt diese Aufgabe aber auch utopisch erscheinen. Wie wäre es daher, eine Art Global Governance in diesem Bereich aufzubauen und zu legitimieren?

3. Digital Literacy: Der Umgang mit und der Zugang zu den eigenen Daten, muss Bestandteil der schulischen Bildung werden. Nur damit kann Datensouveränität im Sinne des Verständnisses der Relevanz der eigenen Daten in einem ökonomischen und politischen Kontext erreicht werden.

4. Moralische Dimension datenbasierter Entscheidungen: Wie sind datenbasierte Entscheidungen, wie das schon häufig vorgebrachte Unfall-Vermeidungsszenario selbstfahrender Autos und das mit einhergehende Entscheidungsdilemma moralisch zu bewerten? Wer entscheidet vor welchem kulturellen Hintergrund, welche Entscheidung die moralisch “richtige” ist? Wie kann Transparenz über die moralischen Eckpunkte von Algorithmen, die solchen Entscheidungen zugrunde liegen, hergestellt werden, ohne das jeweilige Geschäftsmodell zu gefährden?

5. Daten-Darwinismus: Der Umgang mit Daten, sei es auf unternehmerischer, politischer oder individueller Ebene, wird schon bald über die Überlebensfähigkeit, insbesondere von Unternehmen und die Lebensqualität, des Einzelnen entscheiden. Datenungleichheit kann damit zu Ungleichheit in den unterschiedlichsten Lebensbereichen führen. Wie gehen wir mit diesem Daten-Darwinismus um, die aus der gekonnten Anwendung von Human-Data-Teaming Einzelner entsteht? Die aktuelle Debatte um die finanzielle Beteiligung von Krankenkassen am Kauf von Wearables und Health Apps, deuten den sich abzeichnenden Kontext von digitaler Affinität und daraus resultierender persönlicher Livelihood an.

6. Dateninduzierter Druck zur Konformität: Wenn wir Big Data nutzen, um Generalisierungen, Muster in großen Datenmengen oder aber Gruppen von Menschen zu kategorisieren, steigt die Gefahr, dass das Individuum mit abweichenden Verhalten, Meinungen, Leistungsindikatoren oder Gesundheitsdaten negativ auffällt. Die Kosten der Abweichung können beim “Abweichler” oder auch in der Gesellschaft anfallen. Wie geht eine Gesellschaft damit um? Wie können wir trotz allem Individualität in ein Zeitalter von Big Data hinüber retten? “Habe ich ein individuelles Recht auf eine ungesunde Lebensführung?”. Könnte dieser Blickwinkel überspitzt beschrieben werden? Wie weit wird unsere Toleranz dem Individualisten gegenüber im Zeitalter des Datensammelns gehen?

Die Ergebnisse aller globalen Workshops zum Thema Future of Data können hier nachgelesen werden.

“Datenkrake” als politischer Kampfbegriff?

Sowohl beim Blick auf die Ergebnisse des Treffens in Deutschland als auch der weiteren globalen Workshops wird deutlich, dass wir die in den deutschen Traditionsmedien stets nur unter dem Hinweis die “Datenkraken” Facebook und Google vollkommen verengt geführte Debatte, dringend ausweiten müssen. Netzpolitik.org hat erst gerade wieder auf das Lobbying der US-Regierung hingewiesen, mit dem versucht wird, der Welt einseitig die amerikanischen Vorstellungen zum Umgang mit personenbezogenen Daten aufzudrücken.

Im Rahmen der vor kurzem stattgefundenen Telemedicus Sommer Konferenz, wurde eine Übersicht über die verschiedenen Daten(schutz)-Aspekte in den sozialen Medien herumgereicht, die ebenfalls sehr schön die Komplexität des Themas darstellt, die natürlich sehr weit über die dumpfe Datenkranken-Sematik hinausreicht. Wir sollten versuchen, die Daten-Debatte im Interesse einer sehr viel weiter reichenden Verwendung als der Analyse persönlichen Like-Verhaltens auf Facebook zu führen. Die oben genannten Aspekte, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben, deuten dabei an, dass “Daten” immer in einem inhaltlichen Kontext gesehen werden sollten. Überlassen wir dieses wichtige Thema nicht den Traditionsmedien.

Der Beitrag basiert auf den seit August 2015 vollständig vorliegenden Ergebnissen eines Treffens von Experten im Zuge des Foresight-Prozesses “Future Agenda” zu dem übergeordneten Thema “Zukunft der Arbeit/Datennutzung” im April diesen Jahres.


 


 

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This is not a Rückblick

I Cant See You... (adapted) (Image by Peter [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Das Digitale offenbart eine politische und moralische Systemkrise. Die Verweigerer der digitalen Entwicklung beschimpfen uns aus Hilflosigkeit als Taliban und Maoisten. Wir sollten diese Versuche, uns Digitale zu diskreditieren ignorieren und uns auf die wichtigen gesellschaftlichen Fragen konzentrieren. Die re:publica lebt meiner Meinung nach immer davon, dass erstens vor Ort spontane Eindrücke von neuen Projekten, Ideen oder spannenden Personen gesammelt werden können, die in dieser Form online zu nachzuvollziehen sind. Zugleich geht es aber zweitens immer darum, langfristige Trends zu diskutieren und eine persönliche Landkarte der wichtigsten Eindrücke zu erstellen, die dann doch zumindest 12 Monate Gültigkeit behalten sollte. Bei einem Rückblick (nicht nur auf die #rp15 sondern auch die netzpolitischen Debatten der letzten Wochen) und zugleich einem Blick nach vorn stellen sich mir die folgenden fünf Fragen für die Zukunft der Digitalisierung in Deutschland.

Frage 1: Wie sollen wir in der Welt der zwei Geschwindigkeiten agieren?

Auf der einen Seite gibt es hierzulande die alternde Offline-Gesellschaft (ich werde bald 50 und kann mir diese Begrifflichkeit erlauben), die sich hartnäckig der digitalen Neuerung gegenüber verweigert, auf der anderen Seite gibt es den netzaffinen Teil der Gesellschaft, der begeistert von den Neuerungen berichtet, jedoch die Offliner nicht zu überzeugen vermag. Wir Begeisterten sollten uns Gedanken darüber machen, ob wir zukünftig wieder ein Klassentreffen veranstalten wollen oder uns mit einem Sandkasten zufrieden geben sollten (dazu später mehr).

Was haben wir digitalen Enthusiasten uns den Mund fusselig geredet; Kommunikation, Kollaboration und Teilen machen Spaß, Digitales erleichtert die Arbeit, eBooks sind praktisch und helfen dem Verlagswesen aus der Krise, Open Gov ermöglicht mehr Partizipation, Open Data löst gesellschaftliche Probleme, soziale Medien bedeuten Empathie, die Online-Welt überwindet das anachronistische Meatspace-Modell nationaler Grenzen, usw. Allein: Was haben wir damit erreicht? Wir werden als „Taliban“ und „Maoisten“ diskreditiert.

Mein Vorschlag: Schenkt Denjenigen, die kein Interesse an neuen Sichtweisen haben und engagierte Innovatoren mit diesen menschenverachtenden Extremisten vergleichen, keine weitere Beachtung mehr. Wir sollten sie nicht zum Jagen tragen oder zum Glück zwingen. Zusammenarbeit und das Eintreten für eigene Positionen ist eine Frage der Haltung. Und eine positive Haltung zur Offenheit und Zusammenarbeit kann man nicht erzwingen. Ich habe jedenfalls keine Lust, zum x-ten Male darüber zu diskutieren, ob Google oder Facebook Weltregierungen darstellen, ob das Digitale die Arbeitsweisen verändern wird oder ob wir auch auf den hartnäckigsten digitalen Verweigerer warten sollten. Lasst uns nach vorn schauen und die grießgrämigen Kulturpessimisten weiter in ihren Totholzprodukten über den Untergang des Abendlandes räsonieren.

Berlin - digitale Insel im analogen Deutschland (Bild: Ole Wintermann)
Berlin – digitale Insel im analogen Deutschland (Bild: Ole Wintermann)

Berlin – digitale Insel im analogen Deutschland

Frage 2: Wie gehen wir mit der Systemkrise um?

Die westlichen Demokratien erlebten, so Ethan Zuckerman in seiner #rp15-Keynote „The System is Broken – and That is the Good News„, eine historisch einmalige Systemkrise durch ein breites in der Bevölkerung messbares Misstrauen gegenüber all den Institutionen, die die Gesellschaft im letzten Jahrhundert so geprägt hätten (Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien). Daran sei (so meine persönliche Interpretation) nicht das Digitale, die digital Affinen, die Technik, Facebook, Google oder die gesamte Welt Schuld (also immer die Anderen) sondern die Unfähigkeit der Offliner, mit dem Digitalen und seiner Auswirkung auf angestammte Themenfelder und Branchen umzugehen.

Statt zu Wahlen zu gehen, würde die jüngere Generation in politischen Aktivismus und auf die Straße drängen. Dies zeige das hohe politische Engagement, habe jedoch das Problem, dass damit nur selten wirklich gesetzliche Änderungen einhergingen.

Zunehmend digital ermöglichte Transparenz über soziale und finanzielle Ungleichheiten sowie globale Herausforderungen wie dem Klimawandel und die Erfahrung der Egomanie großer Unternehmen im Umgang mit menschlichen Lebensbedingungen (wie z.B. der Deutschen Bank) ließen die Menschen in westlichen Demokratien an den wirtschaftlichen und politischen Akteuren mehr denn je zweifeln. Die Lösung bestünde in einer erhöhten Wirksamkeit der misstrauten Systeme, dem Monitoring der Aktivitäten dieser Systeme durch die Bürger und dem Aufbau dezentraler Systeme mit Hilfe der digitalen Tools (dies ist ein Punkt, auf den auch bereits Nafeez Ahmed hingewiesen hatte).

Passend dazu zeigte Gabriella Coleman in ihrem Vortrag „How Anonymous (narrowly) Evaded the Cyberterrorrism Rhetorical Machine“ die versuchte Diskreditierung der Tätigkeiten einiger Anonymous-Aktivisten durch westlichen Geheimdienste auf. Erst das Bekenntnis der polnischen Parlamentsangeordneten zur Guy Fawkes-Symbolik habe es vermocht, Anonymous aus der Ecke der Terrorristen heraus zu holen, in die die westlichen Geheimdienste sie absichtlich gedrängt hätten. Geheimdienstliche Diskreditierung als Reaktion auf Misstrauen gegenüber Institutionen; von dieser Kombination hören wir in Demokratien leider nicht zum ersten Mal.

Die Antworten der Traditionalisten auf diese Systemkrise lauten Vorratsdatenspeicherung, eine verbesserte Kommunikation der Parteienbotschaften den WählerInnen gegenüber (wir haben es nicht vermocht, unsere Ziele den BürgerInnen zu vermitteln), das Diskreditieren der digitalen Sympathisanten, die Investition in schön anzusehende aber für die Entscheidungsfindung innerhalb von Unternehmen bedeutungslose Facebook-Seiten (gib uns ein Like für unsere neue Hautcreme) oder der Ausschluss von NGOs und politischen Netzaktivisten aus tradierten parlamentarischen Gesetzgebungsprozessen.

Frage 3: Wie sollen wir auf Ideenklau reagieren?

Lasst euch nicht eure tollen Ideen von Männern mit viel Geld wegnehmen“, so ein Sessiongeber auf der #rp15. Es zeigt ein Grundproblem der digitalen Euphorie auf: Die digitalen Enthusiasten und Innovatoren laufen vor, laufen immer wieder gegen Wände, holen sich eine blutige Nase, beuten sich selbst aus – und am Ende folgen die Ängstlichen (mit und ohne viel Geld), sammeln die Erfolge der Innovatoren ein und labeln das Aufgesammelte mit ihrem Namen (Dank an Thomas Herr für sein stimmiges Bild der Pioniere mit den Kugeln in ihren Rücken). Die Aussage, dass Wissen der einzige Rohstoff sei, der mehr werde, wenn man ihn teile ist zugleich richtig und falsch. Richtig ist sie, weil erst Kommunikation und Kollaboration zu einem Erkenntnisfortschritt führt. Falsch ist sie, weil im Moment des Teilens bereits wieder Kräfte aktiv werden, die dieses Wissen abgreifen, begrenzen und horten wollen, um damit ihre Macht abzusichern.

Zwei prominente Innovatoren, Doc Searls und David Weinberger, beschreiben in ihren „New Clues“ genau diese Problematik, indem sie u.a. mit dem Blick auf die risikoscheuen aber im System fest etablierten Nachahmer schreiben: „The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools.“ Das Dumme ist; innovativ und neugierig zu sein, kann man nicht werden, wenn man nicht so denkt und man kann es nicht abstellen, wenn man es ist. In einer anderen Session über die zukünftige Rolle von Freelancer setze man genau an dieser Stelle an – temporäre Nutzung von Freelancern in Unternehmen, um Innovationen, die das Unternehmen nicht aus Sicht selbst heraus generieren kann, damit quasi „einzukaufen“. Ob dieses Geschäftsmodell für beide Seiten lohnend ist, wird die Zukunft zeigen.

Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen (Bild: Ole Wintermann)
Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen (Bild: Ole Wintermann)

Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen

Frage 4: Wie kann sich eine überwachte Zivilgesellschaft gegen Überwachung zur Wehr setzen?

M. C. McGrath hat in seinem Vortrag mit dem Titel „Watch the Watchers“ den Spieß der Überwachung umgedreht und eine Datenbank derjenigen Experten, die meinen, uns normale Durchschnittsbürger überwachen zu müssen, vorgeführt.

Darüber hinaus aber muss natürlich die Frage gestellt werden, wie sich BürgerInnen in Demokratien dagegen wehren können, dass ihre Kommunikation und ihr Verhalten eventuell gleich durch mehrere Geheimdienste und Spähprogramme überwacht wird. Initiativen wie der #FakeDataDay oder Protestaktionen gegen die Vorratsdatenspeicherung und die umfassende Abschaffung der Netzneutralität zugunsten der Interessen einiger weniger großer Unternehmen sind ein guter Ansatz. Allein: es stellt sich die Frage, wieso diese Aktionen so dermaßen schlecht durch die agierenden politischen Akteure aufgenommen werden.

Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen (Bild: Ole Wintermann)
Die überwachte Bevölkerung (Bild: Ole Wintermann)

Die überwachte Bevölkerung

In den letzten Wochen haben uns Teile der Medien gerade wieder darüber informiert, dass Teile der deutschen Bundesregierung die deutsche Bevölkerung anscheinend über Monate hinweg angelogen hat. Ach liebe Politiker, und bei der nächsten Wahl fragt ihr euch dann wieder, wieso wieder weniger Menschen zur Wahl gegangen sind. Sollen wir das Spiel noch ernst nehmen? (s.a. Systemkrise)

Frage 5: Vergesst “Digitalisierung”! Welche Rolle spielt Digitalisierung bei interdisziplinären Analysen?

Die digitale Karawane zieht weiter, während die Führungsetagen der Unternehmen damit (vergeblich) glänzen wollen, das Digitale entdeckt zu haben. Im Übrigen ist es (unabhängig von der #rp15) schon spannend zu sehen, wie zentralisierte und hierarchische Führungskonzepte nicht mehr fähig sind, den aktuellsten Entwicklungen in ihren Branchen oder aber der digitalen Disruption und ihrer Auswirkung auf angestammten Absatzmärkte und Rollenverständnisse zu folgen. Das Digitale ist dezentral, hierarchieunabhängig, chaotisch, unkontrollierbar; alles Eigenschaften, die mit dem traditionellen „Führung“verständnis nicht mehr kompatibel sind (Stichwort weiter unten: #Arbeiten40).

Meine Empfehlung: Lasst die politischen und wirtschaftlichen Entscheider dieser Republik mit ihrem Aha- und „Seht mal her, bin ich nicht innovativ„-Selbstbild zurück (wobei selbst höchst bezahlte Auto-Vorstände teils immer noch nicht verstanden haben, was da auf sie zukommt) und lasst uns über die anstehenden weitergehenden Fragen reden.

Wenn Algorithmen und „Roboter“ bis 2030 die Hälfte der menschlichen Jobs übernehmen, sollten wir uns vielleicht heute schon Gedanken über machen über ein technikkompatibles Steuersystem (Dank an Lena-Sophie Müller für diesen Hinweis!). Wenn das Modell der Norm-Arbeitsverhältnisse in der digitalisierten Welt ausläuft; wie kann eine Arbeitslosenversicherung aussehen, die dem Rechnung trägt? Wie hoch sind die Einsparpotenziale, die durch Anwendung von digitaler Unterstützung in der Altenpflege (Achtung: Demographischer Wandel!) entstehen werden? Wie sieht eine intelligente Straßeninfrasstrukturplanung aus, die zunehmend Sensoren im Straßenbau einsetzen könnte? Wie muss unser Schulsystem und das System der Weiterbildung in einer Welt des globalisierten (Online-) Arbeitsmarktes ausgestaltet sein? Welche Rolle kann Big Data bei der Bewältigung des Klimawandels und dem Einsparen natürlicher Ressourcen spielen?

Ausblick

Um es ganz klar zusagen: Ich bin ein großer Fan der #rp15 und werde nach Möglichkeit auch in 2016 wieder dabei sein. Nichtsdestotrotz muss man sich Gedanken über das Format machen können.

Die #rp15 scheint aber in einer Art Zwischenwelt angekommen zu sein. Auf der einen Seite ist sie tatsächlich in einem Teil des Mainstreams angekommen (das „Messe“-Feeling kann man mit dem Verbot der Unternehmens-Logos tatsächlich nur kaschieren), auf der anderen Seite bietet sie aber gerade noch beim Thema Netzpolitik mit Personen wie Jillian York und Cory Doctorow die internationalen VIPs an, die einen Benchmark für die Debatte über das Internet darstellen. Das Problem: Die dort gesichteten Staatssekretäre und Ministerinnen sind ihrerseits in ihren Umgebungen die digitalen Ausreißer, so dass nach wie vor keine Schnittstellen zur Mainstream-Politik in der Breite bestehen (http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/10160-digitalpolitik-in-deutschland ). Gleichzeitig aber vermag es der Modus der #rp15 nicht in der Breite in die Tiefe zu gehen (außer eben bei der Netzpolitik). Das ist schade.

Welche Frage könnte sich wohl ein externer Beobachter stellen, der in Sessions geraten ist, in der über die Jakobiner-Mütze als Stierhodensymbol, über die „Schuld“ von Facebook am Aufkommen der #Pegida-Provinzialisten oder den Gegensatz der weiblichen Figur der französischen Revolution versus des männlichen Jesus gesprochen wurde. Sind diese Themen wirklich relevant? Was ist mit dem Klimawandel, den Flüchtlingsthemen, Pandemien, der Zukunft des Gesundheitssystems, der weltweiten Ungleichheit, der der Globalisierung geschuldeten Umweltzerstörung? Diese Themen gehörten eigentlich auf die #Stage1 nicht nur der Veranstaltung sondern auch der Politik in diesem Lande. Bei beiden: Fehlanzeige.

Das „Klassentreffen“ der Bloggergemeinde droht daher ein wenig, zum „Sandkasten“ aus Sicht der tradierten politischen und wirtschaftlichen Akteure zu werden, bei denen man den putzigen Kleinen beim Bauen von Sandburgen zuschaut, milde lächelt und dann zur wirklich wichtigen Tagesordnung wie dem Erhalt der Kohlkekraftwerke, der Herdprämie, und ganz allgemein der politischen Ökonomie einer alternden Gesellschaft übergeht.

Das kann nicht in unserem (digitalen) Interesse liegen.

Dieser Beitrag ist eine modifizierte Fassung dieses Posts in meinem privaten Blog.


Image (adapted) „I Can’t See You…“ by Peter (CC BY-SA 2.0)


 

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Die Fiktion der Urheberschaft und ihre gesellschaftliche Gebrechlichkeit

CTRL (Bild by Bruno [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons)

Debatten um die Urheberschaft werden vor allem durch Begriffe bestimmt, die keinerlei Fundament besitzen, aber kritiklos angewendet werden. Jeder erinnert sich an den Plagiatsfall ?“Zu Guttenberg“?. Gegen den damaligen Minister wurde der Vorwurf erhoben, er habe bei der Abfassung seiner Doktorarbeit betrügerisch gehandelt, da er keinen eigenständigen Text angefertigt habe. Vielmehr habe er nur nur eine Textcollage aus einer Vielzahl von bereits an anderen Stellen dokumentierten Textbausteinen erstellt, ohne ihre Herkunft durch genaue Quellenangaben deutlich zu machen. Er habe, so der Vorwurf, der im Laufe des Prüfungsverfahrens nicht mehr entkräftet werden konnte, nur ein Plagiat verfasst; er habe Diebstahl „?geistigen Eigentums“? begangen. Er sei gar nicht der Urheber eines Textes, sondern nur ein Sammler und Abschreiber.

Welche Bedingungen sonst noch an die Verleihung eines akademischen Doktortitels geknüpft sein mögen, der Urheber eines Textes und Besitzer ?“geistigen Eigentums“? zu sein, ist eine unverzichtbare Bedingung für das, was unter dem Titel ?“akademische Würde?“ firmiert. Wer so etwas nicht geleistet hat, dies aber durch Abgabe eines entsprechenden Textes bei einem zuständigen universitären Prüfungsamtes behauptet, dürfe ein Betrüger genannt werden und habe mit dem Entzug solcher Würde zu rechnen

Mit diesem Text möchte ich deutlich machen, dass der ganze Diskurs um Plagiate, Raubkopien und Diebstahl „geistigen Eigentums“ alle Merkmale einer gesellschaftlichen Gebrechlichkeit aufweist. Damit ist eine Art von Inkommunikabilität gemeint, die ihre soziale Ordnungsfähigkeit nur dadurch noch verteidigen kann, dass die Gesellschaft in Bezug auf „?Urheberschaft“? gelernt hat, ?“geistiges Eigentum?“ und ?“akademische Würde?“ als inkommunikabel hinzunehmen, weil es beinahe unmöglich geworden ist, über das, worüber jeder spricht, anders zu sprechen. Denn die Vermutung liegt nahe, es sei in dieser Hinsicht alles Entscheidende bereits geklärt; eine Vermutung, die nur darum plausibel ist, weil diese Inkommunikabilitäten alle Widerstandsmöglichkeiten so stark erschweren, dass schließlich einer Ordnung nichts mehr entgegen gestellt werden kann und sie sich deshalb auf naiv gewordene Gewissheiten verlässt.

Ich beginne mit dem Begriff ?“akademische Würde?“. Mit dieser Art von Würde ist eine Erhabenheit gemeint, ein Stolz, eine Ehre, eine souveräne Genialität, die unvergleichbar in Erscheinung tritt und der eine autoritative Kraft innewohnt, die mit einer koronalen Strahlkraft einen jeden Beschauer ergriffen macht und ihm dadurch die Demut der eigenen Minderwertigkeit auferlegt. Diese Würde wird von einem bürokratischen Apparat verliehen, der ansonsten massenweise „Jodeldiplome“ ausstellt. Was ist die Masse der Bachelor- und Masterarbeiten anderes als ein Überfluss, der diese Zeugnisse zu „Jodeldiplomen“ entwertet? Der Ausdruck ?“Jodeldiplom“? ist bekannt, ?da hat man etwas Eigenes? und man möcht einwenden, dass dies für Doktorarbeiten nicht gelte?

Ich habe Schätzungen gefunden, denenzufolge pro Jahr ungefähr 30.000 Doktorarbeiten an deutschen Universitäten eingereicht werden. Diese Menge dürfte einen Beobachter zwar darüber informieren, dass der Schreibfleiß zur Produktion wissenschaftlicher Texte enorm beeindruckend ist, aber gerade deshalb ist die besondere, würdeverleihende Genialität eines einzelnen Textes nicht mehr zu erkennen. Der Entzug einer „?akademischen Würde“? ist für das erfolgreiche Leben in der Gesellschaft ungefähr so bedeutsam, wie ihre Verleihung, was für den Sohn einer bekannten und erfolgreichen Adelsfamilie erst recht gilt. Wenn die Karriere an dieser Stelle nicht weiter geht, nun, dann geht sie eben an anderer Stelle weiter. Doktortitel sind schon lange kein Privileg im Karrierewettbewerb mehr.

Was auch immer die vielen Antragsteller sich vom Erwerb eines Doktortitel erhoffen mögen, versprochen wird ihnen nichts mehr. Und dass diese Indifferenz nicht als Trivialität auffällt, hängt damit zusammen, dass man darüber nicht reden kann, weil man nicht mehr wüsste, was man dazu noch sagen soll. Also wird geschwiegen und stattdessen werden weitere Anträge auf Verleihung von Doktortiteln gestellt. Warum sollte in einer Zeit, in der beinahe alles im Überfluss produziert wird, ausgerechnet der akademische Titel knapp sein?

Will man nun zugeben, dass es sich dabei also um eine Trivialität handelt, dann wird man immer noch meinen, dass die „?Würde eines Jodeldiploms?“ kein Einwand sein darf gegen das, was man „?geistiges Eigentum?“ nennt. Wie trivial und gebrechlich auch immer der Begriff der „?akademischen Würde?“ sein mag, ?“geistiges Eigentum“? sei wie jedes andere zu respektieren.

Dass man Eigentum überhaupt feststellen kann, hängt damit zusammen, dass es sich dabei in der Regel um Objekte handelt, die bei Überhändigung die Stelle im Raum wechseln und darum nicht an zwei Stellen im Raum gleichzeitig vorhanden sein können. Im Fall von Immobilien ist es umgekehrt: Die Objekte bleiben wo sie sind, die Stellen wechseln die Objekte. Deshalb können Objekte und Stellen mit Zeugnisaussagen über ihre Herkunft und ihren Verleib versehen werden, was man im Fall der unerwünschten Entwendung als Diebstahl beschreiben kann. Nicht nur jeder Fachjurist weiß, dass so etwas für „?geistiges Eigentum?“ nicht gilt. Die Juristerei genießt das Privileg, dass sie nicht erklären muss, was Geistigkeit eigentlich ist und kann trotzdem daraus einen juristischen Begriff machen. Alle anderen Experten können dazu nun verschiedene Interpretationen formulieren, ohne allerdings an der juristischen Unklarheit etwas zu ändern.

Aus diesem Grund wird in neuerer Zeit über Geistigkeit gar nicht mehr viel gesagt, weil erstens alles schon gesagt wurde und zweitens auch schon von allen. Über Geistigkeit und ?“geistiges Eigentum“? kann nur noch sprechen, wer sehr einfache Möglichkeiten zur Information nutzen kann, ohne allzu viel darüber nachzudenken. Diese Möglichkeit wird von Google kostenlos geliefert und man erhält mit einer Suchanfrage genügend Material, um über ?“geistiges Eigentum“? etwas wissen zu können. Und da gewiss ist, dass jeder ohnehin etwas anderes dazu sagt, weil jeder andere auch Google zu benutzen weiß, ist es ratsam, darüber nicht mehr zu sagen als das, was man schlechterdings noch sagen kann: dass es sowas gibt. Mehr als das würde die Verwirrung nur steigern, was angesichts der anhaltenden Verwirrung eine unterträgliche Zumutung ist.

Bleibt noch die dritte Inkommunikabilität: der Urheber. Wird denn durch das Schwarmprüfungsverfahren nicht eindeutig erkennbar, dass es „Urheberschaft“ gibt? Und dass an „Urheberschaft“ die Verfügung über Rechte geknüpft sei, die ein jeder andere zu respektieren habe?

Es besteht schlechterdings kein Zweifel daran, dass man eine Kongruenz von Zeichenfolgen bei verschiedenen Textadressen einer gemeinsamen Autorenadresse zuordnen kann, da Autorenadressen wiederum Teile von Textadressen sind. Da diese Texte chronologisch erfassbar sind und eine zeitliche Reihenfolge der Publikation ergeben, kann man daraus auf Ursprung und Nachfolge schließen. Wer aber, der sich um den Respekt ?“geistigen Eigentums?“ bemühen will, würde behaupten, dass sich die Genialität des Gedankens im Verbot erschöpft, kongruente Zeichenfolgen in anderen Texte zu reproduzieren? Der Urheber dieses Textes hat zwar keinerlei Ahnung, was ?“geistiges Eigentum?“ eigentlich ist, dass es sich dabei aber um das Verbot handelt, irgendwelche Zeichenfolgen x-beliebiger Länge zu kopieren, hat er noch nirgendwo gelesen.

Also käme es irgendwie auf den Inhalt dessen an, worüber diese Zeichenfolgen Auskunft geben. Aber was auch immer man unter dem Inhalt von Zeichenfolgen verstehen will, mindestens müsste man, will man etwas Plausibles dazu sagen, anfangen, darüber zu reden, hier insbesondere über den Unterschied zwischen der Identität des Inhalts und der Kongruenz von Zeichenfolgen. Niemand tut das, erst recht nicht schriftlich. Wer damit beginnen wollte, mag gewiss fleißig weitere Texte produzieren können, aber für alle weitere Textproduktion gilt, was für alle vorangegange auch schon galt: ?“geistiges Eigentum?“ müsse respektiert werden, unabhängig davon, ob irgendwer schlüssig erklären kann, worum es dabei eigentlich geht. Und da darüber nicht mehr sehr viel gesagt werden kann, weil dazu ohnehin schon sehr viel gesagt wurde, hat derjenige Urheber, der sich dennoch zutraut, die alles klärenden und entscheidenden Argumente beizubringen, alle Hände voll zu tun und wird gewiss nicht erwarten wollen, dass die Bedeutsamkeit seines Strebens, Urheber von entscheidenden Argumenten zu sein, seinen Bemühungen voraus geht.

So verbleibt die Bedeutung von „Urheberschaft“ als Zeugungsinstanz genialer Leistungsfähigkeit eine Fiktion, die gesellschaftlich nur deshalb zu einer geordneten Realität wird, weil sie gerade wegen ihrer Gebrechlichkeit nur noch zu einem Verzicht auf Fortsetzung des Gesprächs ermuntert.

„?Akademische Würde?“, „?geistiges Eigentum“? und „?Urheberschaft?“, über all das kann freilich viel geschrieben werden, aber nur unter der Voraussetzung, dass über das ?Was? dieser Angelegenheiten keine andere Klarheit möglich ist, als die unbestreitbare Feststellung, dass darüber trefflich diskutiert werden kann. Die ?Dassheit? der Diskussion scheint die ?Washeit? der Themen zu verbürgen; und dies allein ist die letzte noch verbliebene Möglichkeit, der Einsicht in die Gebrechlichkeit dieser Konzepte aus dem Wege zu gehen.

Wer glauben will, dass sich mit der Digitalisierung etwas ändert, könnte freilich etwas Neues lernen. Da geht aber nur, wenn man sich einer Veränderung nicht widersetzt. Diese Plagiatsprüfungen sind ein deutliches Zeichen der Gebrechlichkeit und der Weigerung, sich auf stattfindende Veränderung einzulassen.


Teaser & Image by Bruno (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 28. August

In unseren Lesetipps geht es heute um die Kommunikation von Ai Weiwei, Debatten über Netzkonzerne, unabhängigeren Datenschutz, Journalismus und Selbstzensur in sozialen Netzwerken. Ergänzungen erwünscht.

  • NETZPOLITIK Spiegel Online: Sascha Lobo über die Dämonisierung der Netzkonzerne: Die SPON-Kolumne von Sascha Lobo als Lesetipp zu verlinken ist irgendwie zu sehr stating the obvious, da das sowieso eine Form von Pflichtlektüre ist, aber der Mann schreibt mir heute mal wirklich Wort für Wort von der Seele: „Die Dämonisierung der Netzkonzerne erschwert die notwendige differenzierte Kritik und damit auch die wirksame politische Regulierung.“ So ist es. Wer sich netzpolitisch engagiert, bei Themen wie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage oder populistische Monopolkritik (Ja, ich meine Sie, Sigmar Gabriel!), ist nicht automatisch auf der Seite von Google, Amazon, Facebook & Co., denn in anderen Punkten, sagen wir mal dem Datenschutz, sind diese Unternehmen wirklich zu kritisieren. Und dem Internet würden konstruktivere Debatten als politische Schwarzweißmalerei wirklich gut tun.

  • DATENSCHUTZ Zeit Online: Datenschutzbeauftragte wird unabhängig vom Innenressort: Es ist ein Beispiel für die in der Politik oft typische Ironie: die seit einem Jahr kaum in Erscheinung tretende Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff (CDU) wird künftig wohl auch die unabhängigste Vertreterin ihres Amtes werden. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass das Amt ab 1. Januar 2016 eigenständig und weisungsfrei agieren wird. Diese Unabhängigkeit vom Bundesinnenministerium hat ihr Vorgänger Peter Schaar lange gefordert, er hätte sie auch zu nutzen gewusst. Bei Voßhoff wirkt das wie ein schlechter Witz.

  • SOCIAL MEDIA ReadWrite: Why We Self-Censor On Social Media: Wir hatten zwar erst gestern einen Artikel von Selena Larson in unseren Lesetipps, aber die Frau hat gerade einen kreativen Lauf oder so, zumindest ist sie wieder einmal sehr informativ: Social Media spielt in unserer Kommunikation eine größere Rolle, aber wer etwas ins Internet schreibt, sollte gut überlegen, was er da tut. Oft wird in diesem Moment die Schere im Kopf aktiv und wir zensieren uns selber. Kontroverse Aussagen führen oft zu heftigen Gegenreaktionen, über unbehagliche Themen wird seltener diskutiert und wenn, dann meist nur mit Leuten, die die gleiche Meinung haben. Das sind gefährliche Muster in unserer Kommunikation, die wir gerade bei den Vorteilen von sozialen Netzwerken überwinden sollten.

  • JOURNALISMUS Gigaom: Journalism is doing just fine, thanks — it’s mass-media business models that are ailing: Auf Gigaom geht Mathew Ingram lesenswert der Frage nach, ob Massenmedien denn den Journalismus zerstört haben, also noch vor dem Internet, aber beides ist nach kurzer Überlegung wirklicher Unsinn. Gerade das Internet ermöglicht Journalismus in den unterschiedlichsten Formen und das oft mit nur wenigen Ressourcen. Aber was wirklich kaputt ging sind Geschäftsmodelle und dadurch traditionelle Arbeitsplätze. Trotzdem geht es, Leser und Leserinnen von Netzpiloten.de können das seit 16 Jahren beobachten, der Journalismus nicht kaputt. Se einen Gedanken muss man heutzutage klar und deutlich formulieren.

  • AI WEIWEI NZZ.ch: Ein Versuch, sich dem Phänomen Ai Weiwei zu nähern: Auf der Website der Neuen Zürcher Zeitung hat Minh An Szabó de Bucs einen lesenswertes Porträt über den chinesischen Künstler Ai Weiwei geschrieben, der zwar ein politischer Verfolgter in China ist, aber alles andere als ein Opfer zu seien scheint. Deinn Ai kennt, wie kaum ein anderer Künstler oder politischer Aktivist, die Macht von Bildern und des Internets, die er beide wirkungsvoll für seine Sache einsetzt. Letzteres ist ein Spielfeld, dass nicht nur die chinesische Regierung fürchtet, Bilder die viralste Art der Kommunikation. Von Ai kann man eine Menge über moderne Kommunikation lernen, was ihn auch außerhalb der Kunstszene zu einer interessanten Figur machen.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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(De)formiert die Digitalisierung unser Leben?

Digitalisierung und Technisierung sind allgegenwärtig. Erleichtern sie nur unser Leben oder verändern sie unser elementares Verhalten? // von Christina zur Nedden

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Digitalisierung ist Teil unserer Realität geworden. Gewinnt der Mensch durch sie an Souveränität oder verliert er seine Kulturtechniken, je weniger er selbst erledigen muss? Im telegraphen_lunch der Deutsche Telekom AG am 15. April wurde gefragt, wie sich der Mensch durch digitale Helfer verändert. Die Autorin und Journalistin Kathrin Passig diskutierte mit dem Professor für Design an der Fachhochschule Potsdam und Gründer und Design Direktor bei IXDS, Reto Wettach. Moderiert wurde die Veranstaltung von Volker Wieprecht von radioeins (rbb).

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Wo liegt die Schmerzgrenze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

„Qualität über Gebühr – unter Niveau? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk“ war Thema des 52. Akademie-Gesprächs. Eine Debatte ohne Debatte. // von Jenny Genzmer

Sendung im MDR (Bild: Tilo Mittelstrass [CC BY-SA 3.0], via Flickr)

Das 52. Akademie-Gespräch der Akademie der Künste lief unter dem Motto „Qualität über Gebühr – unter Niveau? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Ganz gerecht wurde Gastgeber Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, den Erwartungen des Publikums auf ein kritisches Gespräch hingegen nicht.

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Journalismus und Fehlerkultur: Die Angst vor dem Scheitern

Please try again (adapted) (Image by Samantha Marx [CC BY 2.0] via Flickr)

Analysen, Debatten, Wutreden – der Journalismus weiß, sich im Gespräch zu halten. Das ist auch notwendig. Doch welchen Wert haben Worte, wenn Taten ausbleiben? Auf der Social Media Week Hamburg hat der junge Journalist Andreas Grieß ein flammendes Plädoyer für einen anderen Journalismus gehalten. Seine vielbeachtete Wutrede drehte sich nicht im Kreis, sondern landete auf direktem Wege viele Treffer. Solche inhaltlichen Punktladungen machten ihm aber schon andere vor. Doch wo sind neben all der Theorie die praktischen Umsetzungen dieser Forderungen? Klar, es gibt sie. Es gibt sie leider nicht genug. Journalisten sind Künstler. Künstler leben auch von ihrer Kreativität. Wer die Angst vor dem Scheitern ständig mit sich herumträgt, wird Grieß‘ Appell kaum gerecht werden können.

Journalismus als Beruf: Frust anstatt Innovation?

Andreas Grieß spricht über Frust im Job: „Wenn man überhaupt einen Job im Journalismus findet, ist der schnell sehr frustrierend für unsere Generation.“ Innovationen könne man wegen den immer gleichen Gründen nicht umsetzen. Junge Talente würden nicht zum Einsatz kommen, die alteingesessene Chefetage mache nicht Platz. Das stimmt natürlich teilweise. Die alten Damen und Herren – meistens aber Herren – rücken nun einmal nicht einfach beiseite, weil ein Herr Grieß, ein Herr Gillen oder ein Herr Heck um die Ecke kommen und meinen, die Medienbranche revolutionieren zu können. Aber in welcher Branche ist das bitteschön der Fall? Fragen Sie mal studierte Bankkaufmänner, Chemielaboranten, Mediendesigner oder Archäologen, ob Ihnen mit 26 der Chefsessel freigemacht wird oder sie am Unternehmenskonzept feilen können.

Natürlich fliegen uns zurzeit keine Festanstellungen mehr entgegen. Unter dieser Entwicklung leiden aber nicht nur die Mittzwanziger, sondern Journalisten aller Altersgruppen. Wir müssen uns wahrscheinlich damit abfinden, dass der Beruf des Journalisten vermehrt ein freier Beruf sein wird. Der Journalismus ist gewissermaßen eine künstlerische Branche. Wir Freien versichern uns in der Künstlersozialkasse, gemeinsam mit Gleichgesinnten in verwandten Branchen. Wer die Kreativität nicht auslebt oder keinen Raum dafür erhält, wie Andreas Grieß zurecht kritisiert, der wird in der Medienbranche den Kürzeren ziehen. Wir leben nicht davon, ewig die gleiche Tätigkeit in der gleichen Form auszuüben, sondern kreativ zu sein und uns ständig weiterzuentwickeln – besonders die journalistischen Formate und Herangehensweisen unterliegen einem stetigen Wandel. Nicht umsonst haben BuzzFeed, NowThis News, datenjournalistische Projekte oder die Snowfalls und Co. solch einen Erfolg und finden immer mehr Nachahmer.

Strukturwandel dank Mut und Risiko

Ja, feste Strukturen in Verlagen und Medienhäusern müssen stückweise aufgebrochen werden, um Innovationsversuche – die Betonung liegt auf den Versuchen – zuzulassen. Genauso wichtig ist es aber, dass all die freien Journalisten all ihren Mut zusammennehmen und das Risiko in Kauf nehmen, mit ihren Versuchen auch mal zu scheitern. Wir twittern, bloggen, machen und tun in unserer Freizeit, um an der Markenbildung zu schrauben, uns zu profilieren und etwas zur medienjournalistischen Debatte beizutragen. Wir sollten diese Zeit zukünftig mehr dafür nutzen, einfach mal auszuprobieren, wie sich etwa Martin Giesler vornimmt.

Während ich diesen Beitrag schreibe, könnte ich auch an einem hyperlokalen Projekt arbeiten, dass anders aufgezogen ist als alles, was bisher auf dem Markt ist. Ich könnte diese Zeit nutzen, um meinen Blog nutzerfreundlicher und noch leichter verdaulich aufzubereiten als das meiste, was sich bisher in der Blogosphäre herumtreibt. Ja, statt ausschließlich an dieser – selbstverständlich wichtigen – Debatte teilzuhaben, sollten wir an unseren Schreibtischen sitzen und in der Welt unterwegs sein, um unsere theoretischen Forderungen in die Praxis umzusetzen. Es ist doch kein realistischer und sinnvoller Weg zu fordern, das Alte müsse weg. Stattdessen sollten wir einfach mal machen, mutig sein und das Risiko in Kauf nehmen, dem wir in unserem Beruf sowieso ständig begegnen, wenn wir erfolgreich sein möchten.

Nur dann schaffen wir das, was sich auch der 26-jährige Wutredner Andreas Grieß wünscht: „Also sorgen wir dafür, dass diejenigen, die uns nicht wollen oder nicht machen lassen, in ein paar Jahren bereuen, dass sie sich uns in den Weg gestellt haben.“ Und die Miete? Die müssen wir Journalisten uns vielleicht härter erarbeiten, als es die Bankkaufmänner und Chemielaboranten müssen. Darauf muss sich jeder angehende Journalist einstellen – trotz aller Angst vor dem Scheitern. Journalismus ist eine Kunst. Zaubern gehört leider nicht dazu.


Image (adapted) „Please try again“ by Samantha Marx (CC BY 2.0)


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Journalismus – Die Vierte Gewalt im Tumult

Turmoil (adapted) (Image by marcusrg [CC BY 2.0], via flickr)

Das Jahresende endete mit einer neuerlichen Debatte über den Journalismus und auch im neuen Jahr 2014 wird viel über den Medienwandel diskutiert werden. Edward Snowden hat nicht nur den Datenhunger der Geheimdienste enthüllt. Seine Enthüllungen haben auch eine Debatte über den Journalismus in Gang gebracht. Sind Journalisten als Vierte Gewalt nicht immer auch Aktivisten? Oder ist Aktivismus mit Journalismus nicht mit einander vereinbar? Was hat das Handwerk des Journalisten mit einer politischen Haltung zu tun? Die alte Schule grummelt: „Macht Euch doch nicht gemein mit einer Sache! Das dürft Ihr nicht! Meinung und Fakten müssen getrennt bleiben!“ Inzwischen haben haben auch die Journalistenschulen Abstand davon genommen, die Idee der reinen Objektivität als handwerkliche Leitidee zu vermitteln. Warum? Weil ihre Schüler nicht mehr daran glauben? Oder weil diese Idee blind gegenüber der tatsächlichen Praxis des Meinungsmarkts scheint?

Journalismus ohne Haltung unterscheidet sich kaum mehr von interessengeleiteter Öffentlichkeitsarbeit. Warum ist das so? Hinter der Idee der Objektivität verschwindet die Idee der Kritik. Wenn Kritik aber ausgeblendet bleibt oder nur zu ein paar Sorgenfalten im Bratenrock des Leitartiklers führt, dann macht sie sich selbst überflüssig. Oder lächerlich.

Das Gegenmodell dazu klärt auf, scheut nicht davor zurück, politisch und wirtschaftlich Mächtige scharf zu kritisieren, kann Fehlverhalten und Verantwortlichkeit bei Skandalen durch gute Recherchen dokumentieren.

Die betagte Verwunderung darüber, dass jeden Tag genau so viel passiere, wie in die Zeitung passt, illustriert den Sachverhalt ganz gut. Was nicht rein passt, kommt nicht rein – oder wird passend gemacht, hier etwas weglassen, da etwas hinzufügen, vor allem den Mus mit dem subjektiven Touch – und fertig ist eine gewisse Tageszeitung als Blutsuppe mit Titten.

Die Wiki-Leaks, die Chelsea Mannings und Julian Assange ermöglichten, brachten Bewegung ins Spiel. Die Enthüllungen kamen nicht dadurch zustande, dass ein kompetentes Recherche-Team viele Monate ermittelte. Plötzlich stand ein riesiges Paket an Originaldaten online. Assange hatte zwar mehreren Zeitungen das Recht des ersten Zugriffs eingeräumt, aber schon bald, als das dicke Paket der Daten komplett online durchsuchbar war, brach etwas zusammen. Plötzlich war es nicht mehr das Privileg (oder Monopol) der etablierten Medien. Plötzlich konnte auch ein aufgeräumter Datenanalyst in seiner Hackerbude einen Beitrag dazu leisten, den Skandal weiter aufzuklären.

Die Gatekeeper standen dem zunächst fassungslos gegenüber: So weit offene Scheunentore zu relevanten Daten stellten ihre Rolle der Auswahl und Gewichtung in Frage. Kein Wunder, dass sofort professionelle Sekundärtugenden ins Spiel kamen: das Gewichten, das Bewerten, das Kontextherstellen, also auch das Relativieren. Suspekt erscheint den Vertretern der traditionellen Medien das Selbstverständnis der Aktivisten. Suspekt erscheint ihnen das Zusammenspiel mit den Crowds im Netz. Bringt ihre verteilte Intelligenz mehr an analytischer Kraft in die Waagschale als die Old School Jungs und Mädels? Die Aktivisten konnten plötzlich die eigene Agenda durchsetzen – und das gelang ihnen mit lächerlich bescheidenen Finanzmitteln im Vergleich zu den Redaktionsbudgets der großen Medien. So etwas bringt nicht nur gelernte angesehene Redakteure ins Grübeln. Darüber denken auch Controller und Eigentümer und Aufsichtsgremien der Medien in privatem Eigentum nach.

Der Sturz Christian Wulffs

Ein interessanter Fall ist der Sturz Christian Wulffs. Bekannt ist heute, dass Journalisten über viele Monate eine Story recherchierten und schließlich Gerichtsbeschlüsse darüber herbeiführten, um an den Grundbucheintrag für das Haus von Wulff in Großburgwedel zu gelangen. Bekannt wurde eine nicht im vollen Umfang den Tatsachen gerecht werdende Antwort Wulffs an den niedersächsischen Landtag. Bekannt wurde schließlich auch eine Nachricht Wulffs auf dem Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs. Hatte da jemand bloß die Nerven verloren? Hatte da die „gebende und nehmende“ Pressearbeit versagt? Oder gibt es Gründe dafür, den Fall Wulffs als neues Beispiel für eine mediale Hetzmeute zu lesen, die am Ende ihr Opfer zur Strecke gebracht hat? Man muss keine sonderlich große Sympathie für Christian Wulff oder das eine oder andere deutsche Presseerzeugnis haben, um das Zusammenwirken von etablierten Medien und einer netzbasierten Meute problematisch zu finden. Am Ende wurden durch die Frau des Bundespräsidenten selbst der Suchalgorithmus von Google und die Default-Antworten im Suchfenster zu einem Fall für die Gerichte.

Haben im Fall Wulff die etablierten journalistischen Techniken der Gatekeeper funktioniert oder versagt? Ist der Fall Wulffs ein medialer Erfolg? Oder dokumentiert er ein Versagen der viel gepriesenen alten journalistischen Sekundärtugenden? Ist den Klassikern die Kontrolle über die von ihnen angestiftete Jagd entglitten? Oder ging es gar nicht mehr um Kontrolle, sondern um die Exekution eines Exempels: Seht her, wie wir einen zur Strecke bringen, und fürchtet diese Macht?

Der Held Edward Snowden

Die Enthüllungen Edward Snowdens schreiben inzwischen ebenfalls Geschichte. Ein Auftragnehmer der CIA und der NSA kommt den Diensten abhanden. Als Systemadministrator hat er über Monate Beweismaterial dafür gesammelt, was die Dienste tun, wie sie über die Stränge schlagen, welche Mittel sie verwenden und wie sie damit gegen Verfassungsgrundsätze der USA verstoßen. Heute sitzt Snowden in Moskau und genießt den zweifelhaften Schutz Wladimir Putins.

Erst wurde er zu einem Outlaw, zu einem Verbrecher abgestempelt. Sein Pass wurde ihm entzogen. Der Präsident von Bolivien musste in Wien zwischenlanden, damit seine Maschine nach dem flüchtigen Snowden durchsucht werden konnte.

Heute leitartikelt die New York Times, dass Edward Snowden ein klassischer Whistle-Blower sei und dafür rechtlichen Schutz verdiene. Warum ist sein Fall beispielhaft für die Diskussion um neue Medienformate, neue Medienrollen? Die erste Lektion erteilt uns das Schweigen der Bundeskanzlerin. Die Exekutive versucht, durch windige Erklärungen bzw. eisernes Schweigen den Überwachungsskandal auszusitzen. Die Pflege der deutsch-amerikanischen Freundschaft, das heißt, das Ziel, selbst auf die von den Amerikanern erhobenen Daten Zugriff zu behalten, hat für die Bundesregierung höhere Priorität als der Schutz des Grundrechts der informationellen Selbstbestimmung.

Wichtige deutsche Medien berichten seit Juni 2013 täglich über den Skandal. Demoskopen aber stellen fest, dass der Skandal die Bürger mehr oder weniger nicht berührt. Bestätigen die Demoskopen die robuste Haltung der Bundesregierung? Bestätigen ihre Befunde nicht auch den Machtverlust der Medien? Wirkt die Agenda von Spiegel, Zeit und FAZ nicht faktisch wirkungslos?

Die Legislative hat zwar mehrfach in aktuellen Stunden über den Skandal debattiert. Gregor Gysi erhielt sogar den Preis für die beste Rede des Jahres 2013. Aber das Parlamentarische Kontrollgremium, von Ausnahmen abgesehen, folgte der Regierungsmehrheit und wiegelte ab.

Die Judikative nahm – nach ersten Strafanzeigen beim Generalbundesanwalt – widerwillig und nur pflichtschuldig Ermittlungen gegen unbekannt auf und scheint ebenso unwillig, den Sachverhalt der massenhaften Ausspähung privater Daten als Straftat energischer untersuchen zu wollen.

Nur die Vierte Gewalt gibt keine Ruhe. Jeden Tag werden neue Details bekannt, über welche Hintertürchen jedes Smartphone und jeder Computer scheunentorweit für die NSA zum Abschnorcheln offen stehen. Seit dem 30C3-Kongress des Chaos Computer Clubs hat sich die Debatte um die Rollen des Journalisten zugespitzt. Den Anstoß dazu gab durch Videozuschaltung der Vortrag Glenn Greenwalds am Eröffnungstag des Kongresses. Sind Journalisten durch ihren professionspolitischen Kodex nun ausschließlich der Objektivität ihrer Berichterstattung verpflichtet – oder hat der NSA-Überwachungsskandal die Vierte Gewalt dazu genötigt, sich stärker, als bisher für zulässig erachtet, auf die Seite der Aktivisten zu stellen? Denn was wäre das Recht der freien Meinungsbildung noch wert, wenn schon die Suche nach unabhängigen Quellen unter Verdacht gerät?

 

Schließlich müssen wir uns auch mit dem Sachverhalt einer Kränkung beschäftigen. Das Interview Barton Gellmans mit Edward Snowden in der Washington Post illustriert diese Kränkung subtil. Ein Mann aus dem Zentrum der Dienste, ein Ex-Schlapphut mit eigener Agenda („mission accomplished“), zieht an den etablierten Medien vorbei und nutzt sie als Vertriebspartner für eine Botschaft, die seit sechs Monaten von Tag zu Tag an Brisanz gewinnt. Die Gatekeeper-Rolle ist ramponiert. Der Wert der Nachricht wird nicht mehr allein durch die Medien bestimmt. Aktivisten wie Glenn Greenwald und Jacob Appelbaum bezeugen durch ihre Vorträge auf dem 30C3-Kongress die Kraft eines global orientierten zivilgesellschaftlichen Engagements. Es gehört nicht viel Phantasie zu der Annahme, dass damit auch die bisher den Medien unterstellte Macht, Skandale unter dem Teppich zu halten, dahinschwindet. Das Whistle-Blowing macht Schule. Wer im Spiel der alten Eliten diesen Sachverhalt übersieht, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. Während die Vertriebsabteilungen der Printmedien fieberhaft über neue Vertriebswege und Online-Geschäftsmodelle nachdenken, schaffen manche Netzaktivisten, oft nur mit Minimalbudgets, neue Tatsachen.

Weit weg von den etablierten ehrwürdigen medialen Plattformen entsteht etwas Neues. Das muss nicht auf Verdrängung hinauslaufen. Die Idee wäre vermessen, aber der Sachverhalt selbst lässt sich auch nicht mehr verdrängen.


Discloser: Der Text ist ein Beitrag von Tilo Jung und Hans Hütt zur neuerlichen Debatte über den Journalismus und erschien zuerst auf wiesaussieht.de. Tilo Jung ist Erfinder des neuen Web-TV-Formats Jung & Naiv. Hans Hütt arbeitet als Redakteur bei Jung & Naiv.


Image (adapted) “bildtitel“ by marcusrg (CC BY 2.0)


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Eine innovative Gesellschaft muss die Digitalisierung nutzen

Working offline, sort of (adapted) (Image by dhaun [CC BY 2.0], via flickr)

Vor einigen Tagen saß ich mal wieder mit zwei Laptops und meinem Smartphone auf dem Sofa, vertieft in Tablet-Testberichte. Kein ungewöhnlicher Abend für mich, muss ich gestehen. Bei Treffen mit Kollegen ist der größte Konflikt oft die Steckdosenverteilung. Wenn jemand vorbeikommt und nach einem Stift fragt, durchsuchen wir meist erfolglos unsere Taschen. Keiner von uns erinnert sich, wann er das letzte Mal mehr als ein paar Stichworte per Hand geschrieben hat. Diesmal aber hielt ich inne, um über mein Technikverhalten nachzudenken. Warum? Kurz vorher, war ich zu Besuch in einer Parallelwelt gewesen.

Digitaler Kulturzusammenstoß – Innovation braucht Smartphone und Bleistift!

Natürlich war mir immer klar, dass ich mich in einer digitalen Extremsphäre bewege. Und genauso weiß ich, dass nicht jeder morgens nach dem Aufwachen direkt seinen Newsfeed checkt und dass es Menschen gibt, die den Preis von Briefmarken kennen. Ich schreibe ständig über digitale Spaltung, über (N)Onliner und unterschiedliche Internet-Nutzertypen. Wie können wir möglichst von allen Gruppen unserer Gesellschaft Ideen erfragen und zusammenbringen? Wie können wir gemeinsam Probleme lösen und politische Prozesse gestalten? Bei der Antwort auf diese Fragen ist ein Element immer vorhanden: Die Kombination von Online- und Offline-Methoden. Kein Problem dachte ich bisher. Solange wir es schaffen, Ergebnisse aus verschiedenen Kanälen zu integrieren, sollte der gesellschaftlichen Innovation nichts im Wege stehen.

Doch das ist zu einfach gedacht. Ich hatte unterschätzt, wie groß diesbezüglich die Kulturunterschiede sind in unserer Gesellschaft und was das für Konsequenzen hat für die Zusammenarbeit – auch auf derselben Seite klassischer digitaler Gräben. Richtig bewusst geworden ist es mir erst, als ich durch einen Konferenzbesuch einen Tag außerhalb meiner Digitalblase verbrachte.

Digitale Blasen und analoge Parallelwelten

Meistens bin ich auf Veranstaltungen, auf denen ein Großteil der Teilnehmer mich wie einen digitalen Gelegenheitsnutzer aussehen lässt. Es gibt mehr Twitter-Accounts als Personen. Oft brechen WLANs unter dem Ansturm zusammen. Nicht so dieses Mal. Erstes Indiz: kein WLAN. Und das heißt nicht: kein WLAN, weil es gerade kollabiert war. Das heißt: kein WLAN, weil keines vorgesehen war.

Ich fing an mich zu wundern, als ich beim abendlichen Zusammensitzen die einzige war, die sich nach dem Veranstaltungshashtag erkundigte. Dass ich in einer anderen Welt gelandet war dämmerte mir, als ich in einer Debatte gefragt wurde: Und wieso braucht man dazu jetzt unbedingt Computer? Als ich irgendwann meinen Blick umherschweifen ließ und feststellte, dass ich in einem Saal voller Menschen die einzige war, die einen Laptop auf dem Tisch hatte, wurde mir klar, dass ich meine gewohnte Umgebung weit hinter mir gelassen hatte. Prompt wurde mir der Kulturclash bestätigt: „Entschuldigen Sie, aber das macht mich ganz nervös, wenn Sie da immer mit Ihrem Telefon rumspielen.“ – „Oh, das tut mir leid. Ich schreibe gerne an meinem Laptop weiter mit, wenn Sie das weniger stört.“ – „Ach, Sie schreiben mit. Nein, dann … also, kein Problem.

Digitale Ignoranten und Facebook-Tralala

Ich war verdattert. Das letzte Mal, dass ich mich für meinen Technikeinsatz so ungerecht zurechtgewiesen gefühlt habe, war auf der Schule in Frankreich, als mir eine Lehrerin meinen Übersetzer in der Annahme abnahm, ich würde auf meinem Handy spielen. Gleiche Situation – 10 Jahre später. Der Unterschied: Es handelte sich hier nicht um eine Interaktion zwischen einer Lehrerin kurz vor der Rente und einer Jugendlichen. Es ist ein kurzer Dialog zwischen Wissenschaftlern. Und auch wenn nach diesem Austausch vernünftigerweise kein Grund zu Beschwerde besteht – von beiden Seiten ist die Beziehung durch eine gewisse emotional verankerte Skepsis geprägt.

Was sagt es über unser ständiges Streben nach Interdisziplinarität und fächerübergreifender Arbeit aus, wenn schon Barrieren aufgebaut werden, bevor es um den wissenschaftlichen Austausch geht? Scheitert unser Dialog schon, bevor er überhaupt angefangen hat? Und zwar nicht an anderen Fachausdrücken, Methoden oder wissenschaftstheoretischen Überlegungen, sondern am Zuhör-Verhalten.

Und es betrifft nicht nur die Wissenschaft. Wie sollen wir gemeinsam daran arbeiten, gesellschaftliche Probleme zu lösen, wenn wir uns gegenseitig nur als analoge Hinterwäldler und hyperaktive Spielkinder betrachten? Auch wenn wir offiziell sagen: „Ne, finde ich total gut, dass du nicht bei Facebook bist.“ Finden wir es dann nicht trotzdem merkwürdig, wenn diejenige nicht das Video der beiden Hintergrundtänzer beim Orkan-Bericht gesehen hat? Und auch wenn wir wissen, dass die Menschen im Publikum auf ihren Laptops mitschreiben? Denken wir nicht trotzdem, dass sie unaufmerksam sind und nicht alles mitbekommen? Es wird dringend Zeit, dass wir uns bewusst werden, welche Vorurteile im Dialog zwischen den Welten mitschwingen.

Das gilt auch für die Politik. Wollen wir wirklich, dass in unseren Verwaltungen und Parlamenten das „digitale Ignorantentum“ beleidigt und der Gegenseite „Facebook-Tralalaan den Kopf wirft? Oder wollen wir, dass möglichst viele verschiedene digitale Nutzertypen miteinander reden und Lösungen entwickeln?

Innovation statt Trennstrich

Ständig diskutieren wir über digitale Gräben zwischen den Generationen, zwischen Einkommens- und zwischen Bildungsschichten. Wir müssen erkennen, dass a) es auch einen Graben gibt, der nicht dieser klaren Grenzziehung folgt und b) welche Auswirkungen er auf uns hat. Unterschiedliche Präferenzen für Arbeitsweisen, unterschiedlicher Umgang mit Technik – die Grenze zwischen diesen Welten sollte eine dünn gestrichelte Linie sein und nicht ein dicker Trennstrich, hinter dem beide Seiten jeweils einen ernstzunehmenden Problemfall vermuten. Wenn wir unser Rufen nach Partizipation und Zusammenarbeit ernst meinen, wenn wir eine offene, moderne und innovative Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir ohne unterschwellige Skepsis miteinander reden, unabhängig davon, ob wir auf einem Touchscreen tippen oder mit Füllfederhalter schreiben.


Image (adapted) “working offline, sort of“ by dhaun (CC BY 2.0)


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Fünf Erwartungen an die Debatte über Journalismus

Lliga de debat UB - 2011 (adapted) (Image by Joan Simon [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Auf Journalistentagen, Fachtagen, Verbandstagen, Konferenzen, Stammtischen und vielen anderen Gelegenheiten steht dieses eine Thema immer wieder auf der Tagesordnung: Die Zukunft des Journalismus. Trotzdem ist das Thema noch längst nicht ausgereizt und braucht weiterhin Raum – auch 2014. Damit das nächste Jahr das Jahr des Journalismus wird, braucht es eine Debatte, die es in sich hat. Ich erwarte ein Reset, eine Probezeit, mehr Nutzerorientierung, Selektion und Konzentration.


  • Ohne Mut und Experimentierfreude kann es keinen Erfolg geben.
  • Wer die potentiellen Konsumenten nicht fragt, ist selbst schuld.
  • Die vielen Debatten müssen in einem Weg münden, um fortschrittlich zu sein.

[reset] – Denkt Journalismus grundsätzlich neu!

Weg mit der Schere im Kopf, weg mit altertümlichem Denken. Wenn wir über Journalismus diskutieren, dann müssen wir bei Null anfangen und Journalismus neu definieren. Wenn wir den vor Jahrzehnten befestigten Zaun nicht endlich plattmachen und die Grenzen des Journalismus nicht neu setzen, dann wird sich die Branche dem heutigen, digitalen Zeitalter nie anpassen können. Qualitätsjournalismus ist ein Begriff, der 2014 endgültig begraben werden sollte. Klar, es wird immer guten und weniger guten Journalismus geben, aber man spricht doch auch nicht von Qualitätsmedizin, von einer Qualitätsversicherungsbranche oder von Qualitätsspeditionen. Statt sich – und nur sich – eine besondere Qualität zuzuschreiben, bedarf es eines gemeinsamen Verständnisses von Journalismus, wozu dann alles zwischen Buzzfeed, Huffington Post und FAZ oder SZ gehören könnte.

[probezeit] – Experimentiert, solange ihr noch könnt!

Der Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner hat kürzlich in einem Interview mit dem Medienmagazin Zapp gesagt, in das Konzept von Zeit Online fünf Prozent Buzzfeed beimengen zu wollen. Zärtlicher Ansatz, aber immerhin riecht dieser Ansatz nach etwas Experimentierfreude. Darum geht es nämlich. Wenn alle mehr wollen, aber keiner etwas wagt, dann wird keiner mehr bekommen. 2014 wird für große Medienhäuser vielleicht der letzte Zeitpunkt sein, um größere Experimente einzugehen, bevor es zu spät ist. Start-Ups und einzelne Journalisten und Blogger sind in diesem Zusammenhang wesentlich mutiger und innovationsfreudiger. Ja, ich werfe etwas in die Kaffeekasse, aber dieser Spruch stimmt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

[nutzerorientierung] – Debattiert mit euren Konsumenten!

Es ist wie so oft: Man diskutiert über statt mit jemandem. Auch die Medienbranche diskutiert und diskutiert – mit sich selbst. Dabei wollen Verlage und Journalisten doch etwas verkaufen. Klar, sie haben einen demokratischen Auftrag und so. Aber letztendlich befinden sie sich in einer freien Marktwirtschaft mit einem Produkt, das an den Mann gebracht werden muss. Damit das funktioniert, ist es hilfreich, sich bei den potentiellen Käufern umzuhören und sie in die Debatten einzubeziehen. Was bräuchte es, damit sie ein Printprodukt in die Hand nehmen und das Portemonnaie zücken? Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit auch Online-Ware etwas wert ist? Will die Zielgruppe ein Gesamtpaket (Tageszeitung) oder lieber ein selbst zusammenstellbares Puzzle? Man glaubt es kaum, aber ein Gespräch mit der potentiellen Kundschaft, eine Nutzerorientierung kann Wunder bewirken.

[selektion] – Nehmt diejenigen mit, die mitgenommen werden wollen!

Steile These, die nicht allen gefallen wird und Mut erfordert. Als die Projektgruppe des Deutschen Journalistenverbands ihre acht Thesen zur Zukunft des Journalismus präsentierte und rechtfertigen musste, kam die Frage auf: Muss man erst alle Kollegen auf den gleichen Stand bringen, um einen Schritt nach vorne gehen zu können? Ich meine: jein! Natürlich wäre es toll, wenn alle mitziehen würden. Klar wäre es super, wenn allen Kollegen einleuchten würde, dass Selbstmarketing, technische Grundkenntnisse und vieles mehr Voraussetzungen für diesen Berufsstand sind und noch mehr sein werden. Da wird aber in keiner Traumwelt leben und wissen, dass das nicht der Fall sein wird, muss die Devise lauten: Nehmt diejenigen mit, die mitgenommen werden wollen. Es wird eine natürliche Selektion geben. Das mag für einige eine harte Prognose sein, für andere ein Grund zur Freude, weil eine Marktbereinigung die eigenen Chancen erhöhen könnte. Vor allem sollte es aber eines sein: ein Grund, dass sich jeder Journalist darüber Gedanken macht, ob er in diesem Beruf auch in Zukunft gut aufgehoben ist.

[konzentration] – Kanalisiert die Debatten!

Leichter gesagt, als getan. Dennoch: es werden an vielen Stellen parallele Debatten geführt, die sich naturgemäß oft wiederholen. Der vorherige Punkt zeigt, dass das nicht unbedingt schlecht sein muss. Schließlich soll die Debatte möglichst viele erreichen und einbeziehen. Andere empfinden diese Situation als sehr frustrierend und lähmend. Wo bleibt der Fortschritt? Ein Debattenfortschritt wird sich nur einstellen können, wenn die Debatten kanalisiert, konzentriert und zusammengeführt werden. Wer das macht und wie das ablaufen soll? Das ist eine Frage, die es 2014 noch zu beantworten gilt.


Image (adapted) „Lliga de debat UB – 2011“ by Joan Simon (CC BY-SA 2.0)


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Journalismus: Lasst euch nicht ausbremsen!

Wenn es um Innovationen geht, gibt es immer solche Menschen, die sie vorantreiben oder zumindest mitziehen und solche, die zurückbleiben. Mitschleifen sinnlos. Wir kennen das alle: einige Engagierte schieben eine Debatte an, entwickeln Ideen und versuchen, sie unter das Volk zu bringen. Dieses wiederum kann damit nicht wirklich etwas anfangen oder will damit gar nichts zu tun haben, weitermachen wie bisher. Für die Engagierten gibt es zwei Wege: Entweder lässt man die wenigen innovativen Köpfe wieder rauchen – ohne Rücksicht auf Verluste. Oder – ein oft gegangener Weg – die kreative Elite wirkt positiv gestimmt auf den Rest ein, bremst aber dadurch den Innovationsprozess. Eine Situation, wie sie problemlos auf die Journalismusdebatte übertragbar ist.


 

  • Die DJV-Zukunftsthesen gehen nicht weit genug.
  • Motivierte Denker und Macher dürfen nicht ausgebremst werden.
  • Fortschritt funktioniert zunächst nie mit allen, sondern nur mit einzelnen Akteuren.

Als eine Projektgruppe des Deutschen Journalistenverbands vor wenigen Wochen acht Thesen zur Zukunft des Journalismus vorstellte, entfachte eine Diskussion darüber, ob diese Thesen denn weit genug gehen würden oder ob sie immerhin ein Anfang seien, um die Kollegen außerhalb der Filterblase jener, die sich tagtäglich damit beschäftigen, endlich zu erreichen. Nachvollziehen lässt sich diese Diskussion beispielsweise anhand der Kommentare unter meinem Artikel auf Lousy Pennies, in dem ich die Thesen als zu mutlos bezeichne. „Ich hoffe, dass diejenigen sich nicht gebremst fühlen, wenn ihr Verband versucht, das, was für sie schon normal ist, endlich zum notwendigen Status Quo in der gesamten Branche zu machen.“, schreibt Carolin Neumann dort. Die Frage, die man sich aber tatsächlich stellen muss: Kann man diesen notwendigen Status Quo in der gesamten Branche erreichen? Und vor allem: Ist es die Arbeit wert, dieses Ziel wirklich anzustreben? Geht man noch einen Schritt weiter, schließt sich auch die Frage an, wie lange diejenigen, welche die Innovationen voranzutreiben versuchen, sich da vorne noch abstrampeln. Wie oft lassen sie sich noch ausbremsen, weil die gesamte Branche noch nicht so weit ist?

Das Potential ausschöpfen

Selbstverständlich dürfen wir nicht davonrennen nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut“. Natürlich erfordert es unser aller Anstrengung, die Branche weiterzuentwickeln – und zwar gemeinsam an einem Strang. Aber es darf nicht dazu kommen, dass es kreative, motivierte Köpfe gibt (und diese sind in der Journalismusbranche vorhanden!), die sich auf einem hohen Leistungsniveau abmühen, aber immer wieder ins Mittelfeld zurückgeholt werden und ihr Potential nicht annähernd ausschöpfen. Fortschritt geschieht nun einmal nie in der Masse, sondern durch einzelne Akteure. Und wenn der Rest davon überzeugt ist, dann wird er folgen. Wenn grundlegend über den Journalismus im 21. Jahrhundert diskutiert wird – in einem offenen Prozess mit der Möglichkeit, nicht der Bedingung von Partizipation – und ein neues, gemeinsames und überzeugendes Verständnis entsteht, dann werden sich auch andere damit identifizieren.

Die Rede ist nicht von allen anderen, klar. Es sind ja auch nicht alle von „Bio“ überzeugt, nicht alle vom Mindestlohn, nicht alle von Salami-Pizza. Man wird nie alle Menschen in einer Gruppe von der einen Sache, dem einen Konzept überzeugen können. Aber nur, weil man das nicht kann, heißt es nicht, bestimmte Wege zu gehen, sich für gewisse Dinge zu entscheiden. Ohne Mut und Entscheidungen wird es keinen Fortschritt geben. Auch im Journalismus müssen wir uns das bewusst machen: wir werden nicht die ganze Branche hinter diesen Ideen, Thesen und Konzepten versammeln können, aber wir können mit diesen Ideen, Thesen und Konzepten etwas bewegen. Wir müssen es bloß tun.

 

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NSA-Spionage und die Gefahr aus dem Osten

Rhetorisch glänzte die politische Klasse zuletzt nicht, siehe NSA-Pofallala-Weisheiten – oder: Wer sich zu spät aufregt, sollte zurücktreten. // von Gunnar Sohn

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Die deutsche Wirtschaft und die deutsche Öffentlichkeit müssten sich nicht vor der verdachtsunabhängigen Totalüberwachung der NSA fürchten. Denn die Bedrohung lauert nach wie vor im Osten, so Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“. Deshalb „gibt es auch angesichts einer derzeit aufgeregt geführten Debatte keinen Anlass, die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Partnern in den USA und Großbritannien grundsätzlich infrage zu stellen“.

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Medienwandel: Reden wir über Buzzfeed!

TechCrunch Disrupt NY 2013 - Day 1 (adapted) (Image TechCrunch [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Schlachten um die Zukunft des Journalismus sind eingebildet. Zwar steht sie noch nicht fest, aber sie wird nicht gewonnen, sondern gemacht werden. Im Medienwandel laufen manche Journalisten zur Höchstform auf, wenn es darum geht, die Krise herbei zu schwören, die ihre ganze Zunft wahrscheinlich weg digitalisieren soll. In dieser Krisenkommunikation liegt die eigentliche Krise, denn anstatt Veränderungen und Möglichkeiten zu beobachten, darüber zu schreiben und auszuprobieren, wird das Ansehen einer ganzen Berufsgruppe durch pessimistische Zukunftssorgen beschädigt. Wer liest auch schon gerne Beiträge von den Verlierern von morgen?

Die Huffington Post startet am Donnerstag mit einer deutschen Ausgabe. Viele Medienmacher werden diesen Tag als schwarzen Donnerstag in Erinnerung behalten. Am 10.10. um 10 Uhr wird das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen, seinen Anfang nehmen. Das klingt alles sehr dramatisch und trotzdem wird Roland Emmerich nie die Geschichte des Untergangs des Journalismus verfilmen, denn er geht gar nicht unter. Wer einen genauen Blick wagt wird feststellen, dass es dem Journalismus sogar sehr gut geht. Es geht sogar den meisten deutschen Presseverlagen sehr gut, ziehen wir mal keine Vergleiche zu den Einnahmen in vordigitalen Zeiten. Aber es verändert sich was und dies betrifft neben dem Journalismus vor allem die ihn finanzierenden Geschäftsmodelle.

Über Geld redet man aber nicht gerne, man fordert es lieber laut. Der bei Axel Springer von Amt zu Amt hinauf springende Christoph Keese hat sich darin einen besonders unvergesslichen Namen gemacht, als er sich zum Gesicht des Leistungsschutzrecht für Presseverlage (LSR) machte. Durch brüderliche Lobbyarbeit wurden die richtigen Köpfe im Kanzleramt überzeugt, ein Innovation und Meinungsfreiheit gefährdendes Gesetz auf den Weg zu bringen, dass sich eintönig gegen Google richtete, bisher aber nur links und rechts vom Suchmaschinenunternehmen Opfer forderte. Dieser Keese hat jetzt durch einen Tweet eine Debatte unter zwitschernden Anhängern des Journalismus entfacht, die getrost als Nebelkerze bezeichnet werden kann. Nicht die von den alten LSR-Kumpeln bei Burda hierzulande gestartete Huffington Post ist die neueste Bedrohung des Journalismus, sondern Buzzfeed.

Reden wir über Buzzfeed!

Buzzfeed ist ein von Jonah Peretti gegründetes Nachrichtenportal, dass zwar auch in Deutschland nicht mehr ganz so unbekannt ist, aber vor allem, wie im Tweet von Christoph Keese, als Bedrohung wahrgenommen wird. Warum? Peretti, übrigens ein Mitgründer der Huffington Post, hat es in vier Jahren geschafft, ein Millionenpublikum auf eine Nachrichtenwebsite zu ziehen, die nicht nur Nachrichten bietet, und im Jahr 2013 sogar einen Gewinn zu erwirtschaften. Neben exklusiven Politikberichten stehen Artikel mit wenigen Sätzen und einem viralen Video oder 17 Bilder zu einem bestimmten Thema, wie z.B. warum zu Hause bleibende Frauen Fans von Benedict Cumberbatch sind, sogenannte Cumberbitches.

 

Was genau Buzzfeed ist, hat Gunnar Sohn gut erfasst: “Eine Melange aus ernsthaften Nachrichten und putzigen Katzenvideos”. Und Dirk von Gehlen hat die Folgen von Perettis Denkweise für den Journalismus treffend formuliert: “Bisher haben Journalisten ihre Zeit in die Herstellung von Inhalten investiert, im Zeitalter von Social Media sei das nur die eine Hälfte journalistischen Arbeitens”. Das mag für Journalisten eine Umstellung sein, aber es wird ihrer journalistischen Arbeit nicht schaden und es wird vor allem dem Journalismus nicht schaden. Was nach dem Prozess des Inhalte erstellen folgt ist ein Community-Management, wie Anette Novak, Vorstandsmitglied des World Editors Forum in ihrem Talk auf der Digitalkonferenz des Reeperbahnfestivals erklärte. Dadurch werden Inhalte gezielt bei den Lesern platziert, Verbindungen aufgebaut und sich eine Leserschaft geschaffen. Es würde dann zwischen Sendern und Empfängern menscheln. Die Zeiten der medialen Top-Down-Kommunikation sind vorbei.

Axel Springer ist das deutsche Buzzfeed

Warum aber sieht Christoph Keese in Buzzfeed etwas, dass Journalisten ernster nehmen sollten? Ein Hauch von Bedrohung schwingt in seinem Tweet mit, auch wenn Keese das nicht wörtlich schreibt. Sein Ziel ist es, Buzzfeed früh zu diskreditieren und das mit Erfolg. Marcel Winatschek wirft dem Portal “Journalismus für grenzdebile Idioten” vor, was irgendwie witzig ist, weil man das auch ohne Probleme über seine beiden Projekte Amy&Pink und Neue Elite sagen könnte, wenn man davor nicht den gleichen Respekt wie vor Buzzfeed haben würde. Mit Karsten Lohmeyer nimmt sogar ein ernstzunehmender Medienanalyst den Tweet gleich zum Anlass, sich mit Buzzfeed zu beschäftigen. Seine Gedanken enden in der Forderung, dass wir endlich über (guten) Journalismus diskutieren sollten und wie dieser “im digitalen, sozialen und mobilen Zeitalter aussehen muss – ohne dass wir dabei in unserem Elfenbeinturm verhungern”. Eine gute Forderung, aber Lohmeyer hat sich hier in den Schwaden von Keeses Nebelkerze verlaufen, denn darum geht es (Keese) nicht. Die Lektion, die anhand der Buzzfeed gelernt werden kann, ist nämlich keine Lektion für den Journalismus, sondern wie Geld verdient werden kann und darauf sollte sich Journalismus nicht konzentrieren, sondern Presseverlage.

Das weiß Keese und das machen sie bei Springer auch erfolgreich. Axel Springer hat im vergangenen Jahr drei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und in diesem Jahre durch diverse Praktika im Silicon Valley, geschickter Zeichensetzung und dem Verkauf von Regionalzeitungen die Umstellung auf das digitale Zeitalter mit einer beeindruckenden Konsequenz vorangetrieben. Mit Journalismus haben Springers Zukunftspläne aber wenig zu tun. Viel Geld werden sie also auch weiterhin nicht in die Journalisten stecken, auch nicht in die, die Keeses Tweet Folge geleistet haben und die Buzzfeed zu ernst nahmen, während sich in den Springermedien neben einer Meldung über die mögliche neue FDP-Generalsekretärin ein Bericht über einen Vogel findet, der von einem betrunkenen Wiesngänger angekotzt wurde und an den Folgen starb (gesehen auf Bild.de) oder neben einem Artikel über den außenpolitischen Machtgewinn der USA durch Fracking ein Video gezeigt wird, wie ein Küken todesmutig mit einer Katze kuschelt (gesehen auf Welt.de).

Fazit: Wer Geld haben will, sollte danach fragen – am besten seine überzeugte Community

Christoph Keese hat sich Buzzfeed ernsthaft angeschaut und scheinbar erkannt, dass Axel Springer auf die gleiche Art Geld verdienen könnte. Damit das aber möglichst wenige andere machen, wird Perettis Nachrichtenportal in Verruf gebracht und zwar mit Hilfe der Zukunftsangst deutscher Journalisten. Sicherlich ist Buzzfeed nicht die absolute Antwort auf alle Fragen, aber es kann viel von der Seite gelernt werden. Weder Buzzfeed noch die Huffington Post werden das Ende des Journalismus sein. Journalisten können trotzdem etwas von Perettis Buzzfeed lernen und das ist, wie schon gesagt, das Community-Management. Die Crowd soll nicht vorgeben, was wann wie geschrieben wird, aber eine Beziehung aufzubauen und ab und zu einmal zu horchen, was die Leute bewegt und was ihnen gefällt, kann nicht schaden. Wer weiß wie die Menschen denken, kann ihnen auch besser etwas erklären und das ist die eigentliche Hauptaufgabe, die Journalisten wirklich ernst nehmen sollten.


Teaser by Charlie Engmann


Image (adapted) „TechCrunch Disrupt NY 2013 – Day 1“ by TechCrunch (CC BY 2.0)

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Nach der Wahl: die Netzpolitik muss 2.0 werden

People (adapted) (Image by ThisParticularGreg [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Deutschland hat gewählt, aber was bedeutet dies für die Netzpolitik? Es scheint in unserer Gesellschaft ein Verständnis für die Bedeutung als Querschnittsthema zu fehlen. In den Wahlprogrammen wurden Forderungen formuliert, in den Wahlkampfreden kamen die Themen vor, der Überwachungsskandal war Thema im Wahlkampf, aber nun wirkt es so, als ob neben Mindestlohn, Bürgerversicherung, Steuererhöhungen und anderen Klassikern des politischen Diskurses kaum noch Raum ist, um über die netzpolitischen Weichenstellungen für die nächste Legislaturperiode zu streiten.

Das ist fatal. Die Digitalisierung der Gesellschaft nimmt stetig zu, die Art und Weise, wie wir arbeiten verändert sich, die Kreativwirtschaft wächst und im Bildungsbereich sorgen immer neue Bildungsangebote im Netz und auf Tablets für Aufsehen. Im Deutschen Bundestag gab es in den vergangenen vier Jahren eine Enquete-Kommission zu Internet und digitale Gesellschaft, aber das kann nur der Anfang einer politischen Entwicklung gewesen sein. Dankenswerterweise hat jetzt Mathias Döpfner, der Chef der Springer AG, gefordert, ein Kreativministerium zu schaffen, um sich verstärkt um Internet, Digitalisierung und Urheberrecht kümmern zu können. Das geht schon in die richtige Richtung, verkennt aber die Vielschichtigkeit der Herausforderung der Digitalisierung unser Lebensbereiche, die sich eben nicht nur auf die Kreativwirtschaft beschränkt.

Aber es wird höchste Zeit, dass man Internet und digitale Gesellschaft als ein Querschnittsthema annimmt und ähnlich wie Europa auffasst: es betrifft alle Lebens- und Arbeitsbereiche und muss bei der zukünftigen Entwicklung unseres Landes immer mitbedacht werden, wenn wir die Chancen nutzen wollen, die sich durch die Digitalisierung bieten. Die Kreativwirtschaft ist so groß und vielfältig, hat aber kaum politischen Einfluß, obwohl sich genau hier der Wachstumsmotor der Zukunft entwickelt.

Wir müssen jetzt in eine neue Phase der Netzpolitik eintreten, von mir aus Netzpolitik 2.0, bei der wir das Gestalten der Zukunft in den Vordergrund nehmen und uns nicht mehr nur darauf verständigen, welche Entwicklungen wir nicht wollen und daher ablehnen. Ein Ministerium für Internet und digitale Gesellschaft wäre ein richtiger Schritt in die richtige Richtung, aber es muss sich dann auch eine begleitende Debatte entwickeln, die, ähnlich wie beim Thema Europa vor vielen Jahrzehnten, dafür sorgt, dass breite Teile der Gesellschaft involviert werden und die Relevanz des Themas für unsere Zukunft erkennen.


Image (adapted) „People“ by ThisParticularGreg (CC BY-SA 2.0)

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5 Lesetipps für den 20. September

In unseren Lesetipps geht es um die Zukunft von PR, eine Artikelreihe zur digitalen Gesellschaft, Videochat-Alternativen, Netzneutralität und Meilensteine des Internets. Ergänzungen erwünscht.

  • PUBLIC RELATIONS Pressesprecher: Hat PR eine Zukunft?: Während viele Köpfe aufgeregt über die Geschäftsmodelle eines modernen Journalismus debattieren, steht auch die PR-Branche vor einem Paradigmen-Wechsel. Thomas Mickeleit, Director of Communications bei Microsoft, beschreibt, warum die PR neue Geschäftsmodelle braucht und was sich ändern muss.
  • DIGITALE GESELLSCHAFT Süddeutsche.de: Debatte zur Digitalisierung von Süddeutsche und Vocer: Die Münchner Zeitung Süddeutsche und die Hamburger Medienplattform Vocer starten gemeinsam eine Artikelreihe zur Digitalisierung unserer Gesellschaft. Im Auftakt schreibt Stephan Weichert über die Debattenkultur und Politik im Digitalen.
  • VIDEOCHAT ReadWrite: 5 Services That Can Upgrade Your Video Chat Experience: Auf ReadWrite stellt Chris McConnell fünf Videochatdienste vor, die die meisten sicher noch nicht kennen. Denn es gibt mehr als Skype, Airtime und Hangouts. Die noch unbekannten Alternativen haben es in sich, längst vorbei sind die Zeiten, in dem Videochats qualitativ schlecht und schwer zu bedienen waren.
  • NETZNEUTRALITÄT Carta.info: Die Verwirklichung des vernetzten Kontinents: Das Netz soll ganz nach den Wünschen der großen Telkos reguliert werden. Damit entsteht ein Zweiklassennetz, in dem schnell vorankommt, wer gut zahlt. Auf Carta kommentiert Thomas Stadler den letzte Woche von der EU-Kommission vorgelegten Verordnungsvorschlag.
  • INTERNET Kroker’s Look @ IT: Von der ersten E-Mail zum ersten Tweet: Zwar wirken die Zeichnungen der Meilensteine eher wie Grabsteine, doch die von Michael Kroker besprochene Infografik ist doch interessant, zeigt sie die Geschichte des Internets und die wichtigsten Errungenschaften – von der ersten E-Mail zum ersten Tweet.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Experimentierfreude im digitalen Journalismus

Leser (Bild: Thomas Leuthard, CC BY 2.0)

Die Zukunft des Journalismus lässt sich schwer voraussagen. Wie wäre es statt großer Pläne also mit Produktionsmethoden, die auf Geschwindigkeit und Spontaneität setzen? // von Gunnar Sohn

Durchwursteln statt bedeutungsschwere Masterpläne zu schmieden sei das probateste Mittel, um in der digitalen Sphäre zu überleben, so die Empfehlung von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“. In seiner Eröffnungsrede auf dem Besser-Online-Kongress des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) sieht er das Merkel-Prinzip als den besten Ansatz, wie heute Medien entwickelt werden müssen. Man könne vielleicht ein halbes Jahr weit sehen, aber bestimmt nicht zehn Jahre. „Alle Masterpläne scheitern permanent“, so Wegner. Wo die Zukunft der Print- oder Onlinemedien im Jahr 2020 liegen werde, die man jetzt so intensiv diskutiert, kann er nicht beantworten. „Ich weiß es nicht. Es passieren gerade so viele Dinge bei der Veränderung des Verhaltens der Nutzer und Leser, dass ich froh wäre, wenn ich wüsste, was wir nächstes Jahr machen“, sagt Wegner. Weiterlesen »

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Komm mit mir ins Neuland

Katharina Große, Tinka genannt, schreibt in ihrer Kolumne über den digitalen Wandel in unserer Gesellschaft. Diesmal sinniert sie über die Neuland-Metapher von Bundeskanzlerin Merkel nach. #Neuland ist inzwischen fast ein alter Hut, aber ich möchte ihn mir noch einmal aufsetzen. Ob das jetzt eine gut oder schlecht gewählte Aussage war von unserer Bundeskanzlerin und warum oder warum nicht man sich darüber aufregen sollte, darum geht es mir nicht. Verschiedenste Artikel haben sich dazu positioniert. Cicero hat sogar einen Neulandsreaktionskompass angelegt.

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Parallelen zwischen Hip Hop und der Mediendebatte #tag2020

Don't Blame Yourself...Blame Hip-Hop (adapted) (Image by Angie Linder [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Die Mediendebatte #tag2020 stößt auf wenig Interesse. Benjamin O’Daniel glaubt den Grund dafür gefunden zu haben und entdeckte Parallelen zum Hip Hop. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir als 15-Jährige abends in kleiner Runde vor unserem Turntable saßen. Aus den Boxen kam: Advanced Chemistry, Absolute Beginner, Main Concept. Natürlich auf Platte und nicht auf CD. Deutschsprachiger Hip Hop – das war damals noch Underground. Die Bands hatten kein Geld und waren nicht berühmt. Sie wollten einfach nur rappen. Ohne Kompromisse das rauslassen, was sie sich in ihren Köpfen zusammengereimt hatten. Sie erzählten von ihrem Leben und sprachen uns aus der Seele. Und genau deswegen wurden sie erfolgreich.

Irgendwann in einer lauen Sommernacht im Jahr 1998 ging ich durch die Bonner Innenstadt. Zwischen den Schaufensterpuppen im Karstadtfenster stand ein Fernseher. Aus den Boxen kam: das Freundeskreis-Video „Anna“. Deutschsprachiger Hip Hop wurde schlagartig Mainstream. Ausgekramt von einem hippen Kölner Fernsehsender namens Viva.

Heute sitzen wir an unseren Rechnern und konsumieren tagtäglich Underground. Hier eine liebevoll gestaltete Seite, dort ein großer Erzählkünstler. Videos, Podcasts, Texte – und so weiter. Eigentlich muss man es gar nicht mehr erklären, denn jeder hat längst seine persönlichen Nischenblogs und Communities gefunden. Der Unterschied zu damals: Durch das Netz ist der Underground extrem einfach zu finden und ständig verfügbar – so wie früher der Mainstream.

Underground ist unser neuer Mainstream.

Wir konsumieren ihn tagtäglich und haben uns längst daran gewöhnt. So sehr, dass wir vom eigentlichen Mainstream, also den Zeitungen, Magazinen und Sendern, erwarten, dass sie gefälligst auch so sein sollen. Anders kann man die vielen Debattenbeiträge auf Spiegel Online nicht interpretieren. Dort wird mehr Kreativität und Überraschung gefordert, mehr Experimente. Der Journalismus soll kämpferischer, ästhetischer, mutiger werden.

Tatsächlich sind das ja keine ungewöhnlichen Wünsche. Der Mainstream lebt schließlich davon, dass er Underground-Strömungen aufnimmt und kommerzialisiert. Und der Underground lebt davon, dass er irgendwann entdeckt wird und endlich Geld verdient. Nur dauert es heute keine 24 Stunden, bis etwas aus dem Underground in den Mainstream übergeschwappt ist. Die beiden Pole ziehen sich an wie Magneten – und prallen im nächsten Moment schon wieder voneinander ab.

Was bedeutet das für Journalisten und Verlage? Vielleicht müssen Medien viele stärker daran arbeiten, Mainstream und Underground zugleich zu sein. Vielleicht brauchen die Verlage nicht nur Datenjournalisten, Infografiker und scharfzüngige Schreiber. Sondern Künstler, die jeden Tag alles hinterfragen und den Laden immer wieder auf den Kopf stellen. Und geschickte Betriebswirte, die erkennen, wie sich damit Geld verdienen lässt.

Vielleicht sollte auf der nächsten Podiumsdiskussion einmal Jan Delay sitzen? Ein Hip Hop-Künstler, der sich immer wieder neu erfunden hat. Einer, der aus dem Underground kam, den Mainstream rockte, richtig Geld verdient und trotzdem immer “real” geblieben ist. Genau das, was sich alle wünschen.


Dieser Artikel erschien zuerst auf o-daniel.de.


Image (adapted) „Don’t Blame Yourself…Blame Hip-Hop“ by Angie Linder (CC BY-SA 2.0)


 

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Internet Manifest – Nachlese

Photo: alviman

Vor gut vier Wochen veröffentlichten einige im Web bekannte Journalisten und ihre Bekannten das Internet Manifest. Sie wandten sich damit vordergründig gegen Zeitungsverleger, die eine Überarbeitung der Gesetze verlangen, damit sie ihr bisheriges Geschäftsmodell bewahren können. Das bestand bis dato darin, dass man Reichweiten (Leser), die durch ein Übergewicht an Agenturtexten aller Art und einigen intern erstellten Artikeln enstanden war, an Anzeigenkunden verkaufte. Aber das war gar nicht das Problem der Unterzeichner. Weiterlesen »

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Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24

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Heute Abend wird um 23:30 Uhr auf N24 die Sendung Debatte 2.0 ausgestrahlt. „2.0“ deswegen, weil die Zuschauer dem Gast, Bayerns Ministerpräsidenten Günther Beckstein, im Vorfeld Fragen per Videoclip oder MMS stellen konnten. N24 definiert das als „interaktiv“, was es de facto aber eher nicht ist. Denn interaktiv wäre es, wenn es einen echten Live-Austausch geben würde, der aber offenbar nicht vorgesehen ist. Denn die Sendung wird „ausgestrahlt“. Von live ist nur in Bezug auf den entsprechenden Stream im Web die Rede und das hat mit live nun mal recht wenig im eigentlichen Sinne zu tun. „2.0-nullig“ wird es zwar durch den Einsatz der MyVideo-Plattform, aber das ist lediglich eine technische Finesse und hat mit Netzkultur im Web 2.0 noch nicht viel zu tun.

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