Hat Musik-Streaming den Höhepunkt bereits erreicht?

Musik-Streaming ist die Rettung und Zukunft der Musikindustrie, dachte man bisher. Doch das Wachstum lässt plötzlich nach – gibt es keine neuen Streaming-Nutzer mehr? Nach der Krise ist vor der Krise. Jetzt wo die Musikindustrie sich aus dem Würgegriff der illegalen Tauschbörsen der frühen 2000er Jahre befreit hat, versucht man eine Wiederholung einer derartigen Krise zu verhindern. Musik-Streaming soll dabei die Schlüsselrolle spielen, weisen die entsprechenden Anbieter doch seit Jahren massiv steigende Nutzerzahlen auf. Doch die schöne Zukunftsvision kommt derzeit etwas ins Straucheln, denn plötzlich stagniert das Wachstum. Ein Plateau wäre für die Major-Labels das Worst-Case-Szenario, denn ohne neue zahlende Nutzer ist der gesamte Streaming-Zweig, auf den alle setzen, wertlos.

Vorwärts immer?

Es sah lange Zeit so gut aus für die Musikindustrie. Nach dem die Filesharing-Krise überwunden war, sollte das Streamen von Musik das nächste große Ding sein. Und die Rechnung schien zunächst aufzugehen. Jahr für Jahr stiegen die Nutzerzahlen bei den verschiedenen Anbietern gewaltig an. Doch die aktuellen Halbjahreszahlen (PDF) des Verbandes der amerikanischen Musikindustrie, Recording Industry Association of America (RIAA), versetzt der Euphorie nun einen ersten heftigen Dämpfer. Innerhalb eines Jahres sind die Nutzerzahlen lediglich um 2,5 Prozent von 7,9 auf 8,1 Millionen zahlende Nutzer gestiegen. Im Vorjahreszeitraum betrug das Wachstum noch satte 43 Prozent. Auch ein genaueres Betrachten der Zahlen kann das Bild derzeit nicht schöner färben. Denn die große Mehrheit der Nutzer, nämlich diejenigen, die werbefinanzierte “Freemium”-Angebote von Spotify, Soundcloud oder YouTube verwenden, generieren mit 299 Millionen US-Dollar lediglich 27 Prozent des gesamten Umsatzes aus Streaming-Angeboten.

Das werbefinanzierte Freemium-Modell trägt also nur sehr wenig zum Gesamtumsatz bei, da verwundert es nicht, dass die Plattenfirmen diese Angebote unterbinden, oder zumindest einschränken wollen. Doch ob durch dieses Vorgehen das Problem gelöst werden kann, ist zweifelhaft, denn eine Umfrage vom Martforschungsunternehmen Nielsen für Digital Music News hat ergeben, dass die 3 häufigsten Gründe, warum Nutzer kein Geld für Streaming-Angebote ausgeben wollen wie folgt aussehen:

  • Sie sind zu teuer (46 Prozent)

  • Ich kann Musik auch kostenlos streamen (42 Prozent)

  • Ich werde den Streaming-Service nicht genug nutzen (38 Prozent)

Natürlich wird das Augenmerk der Major Labels auf dem zweiten Punkt liegen, doch sind die anderen beiden Punkte mindestens genau so wichtig. Der derzeitige Standardpreis von 9,90 Euro pro Monat liegt bereits deutlich über dem, was der Durchschnitt sonst für Musik in Form von physischen Datenträgern oder MP3s) ausgegeben hat. Nun also davon auszugehen, dass man die meisten Nutzer dazu bewegen kann, einen derart hohen Betrag pro Monat für Musik auszugeben, scheint deutlich naiver zu sein als anfangs gedacht.

Apple Music als Rettung?

Natürlich ist es verlockend, eine gewaltige Musikauswahl für nur 10 Euro im Monat zur Verfügung zu haben und sie von jedem Gerät im Haus und unterwegs hören zu können, doch letztendlich ist dies nur für Musikenthusiasten wirklich aufregend. Wer sich nicht besonders für Musik interessiert, ist besser bedient die Songs und Alben von Interesse einfach käuflich zu erwerben, oder schlicht im Radio zu hören. Und wer wirklich enthusiastischer Musikhörer ist, will sichergehen, dass von dem angelegten Geld auch möglichst viel bei den Künstlern ankommt, was bei Streaming ja leider nicht gegeben ist. Dazu passt auch ein anderer Trend, nämlich der zurück zu physischen Tonträgern, genauer gesagt zur guten alten Schallplatte. Das Vinyl-Revival hält derzeit nämlich weiter an und sorgt dafür, dass die Schallplatten-Verkäufe mehr Umsatz generieren, als die kostenlosen Streaming-Angebote von Spotify und YouTube zusammen. Die Masse interessiert sich einfach nicht genug für Musik, um eine regelmäßige Ausgabe von 10 Euro im Monat zu rechtfertigen. Dies belegt die Nielsen-Umfrage deutlich, denn von den befragten 3500 Amerikanern sagen 78 Prozent, dass sie nicht beabsichtigen, in den nächsten 6 Monaten Geld für ein Streaming-Abo auszugeben – 13 Prozent befinden sich in der Grauzone der Unentschlossenheit und nur 9 Prozent halten es für sehr oder einigermaßen wahrscheinlich.

Wie sehr sich dieser Trend derzeit bereits in den Zahlen der Streaming-Anbieter wiederspiegelt, wird anhand des Beispiels Deezer klar. Nur die Hälfte der rund 6 Millionen zahlenden Nutzer verwendet den Dienst überhaupt, die anderen Accounts liegen komplett brach, ohne dass ein Track gespielt wird. Schaut man sich die verbleibenden 3 Millionen aktiven Nutzer an, fällt schnell auf, dass nur die Hälfte von ihnen überhaupt zahlt, die andere Hälfte sind Nutzer, die das Deezer-Abo als Bundle zu ihrem Mobilfunkvertrag hinzubekommen haben. Ein erneuter Blick auf die Zahlen macht deutlich, dass auch die 3 Millionen inaktiven Nutzer eben solche Bundle-Nutzer sind. Von den über 6 Millionen Deezer-Nutzern zahlt also nur ein Viertel überhaupt den vollen Preis. Bei Spotify dürften ähnliche Verhältnisse herrschen, denn einige Mobilfunkanbieter bundeln ein Spotify-Abo an ihre Verträge.

Die Hoffnung liegt also mal wieder auf Apple, die mit Apple Music vor drei Monaten ihren eigenen Streaming-Dienst gelauncht haben. Genau diese drei Monate dauert die kostenlose Testphase an. Von den ungefähr 15 Millionen Nutzern haben laut der New York Post, zugegebenermaßen nicht gerade die seriöseste Quelle, rund die Hälfte die automatische Verlängerung des Abos nach Ablauf der Testphase deaktiviert. Nehmen wir mal an, die Zahlen stimmen halbwegs und die verbleibenden 7,5 Millionen Nutzer haben ihr Abo nicht einfach nur vergessen, sondern wollen Apple Music tatsächlich kostenpflichtig weiternutzen. In dem Fall hätte Apple auf einen Schlag mehr als ein Drittel der zahlenden Nutzermenge von Spotify (20 Millionen). Realistisch betrachtet ist aber eher damit zu rechnen, dass ein Großteil der Nutzer das Apple-Music-Abo aber spätestens dann kündigen wird, wenn sie das erste Mal per Rechnung daran erinnert werden. Mit aussagekräftigen Zahlen ist also erst in mehreren Wochen zu rechnen. Wenn Apple es allerdings nicht gelingen sollte, die Nutzer zum Zahlen zu bewegen, sollten die Streaming-Anbieter und vor allem die Major Labels vielleicht mal darüber nachdenken, warum doch nicht so viele Leute dazu bereit sind, für gestreamte Musik zu zahlen.


Image (adapted) „Spotify App“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)


 

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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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