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Reeperbahnfestival: Journalismus und die große Freiheit

Reeperbahn @6:46

Auf dem Reeperbahnfestival ging es in diesem Jahr nicht nur um die Musik. Vor allem der Medienwandel im Journalismus und dem Musikgeschäft standen im Vordergrund der Debatten. // von Jenny Genzmer

Hamburg vor drei Wochen. Tanzende Türme, siebter Stock. Es ist 19 Uhr. 12 Autoren haben 12 Stunden, um eine Geschichte zu schreiben. Bei der WriteNight gibt es zwei Regeln: 7 Uhr fertig sein und eine paar Gegenstände einbauen: ein Telefon, eine Streichholzschachtel. Ein Gutschein für die Große Freiheit, rosa Handschellen, ein Flyer für den Molotov-Club. „Fiancée“ hat jemand draufgekritzelt – „Verlobte“. Ich bin gespannt, in welcher Geschichte die Dame auftauchen wird. Denn „Versprochenes“ passt überhaupt nicht zu dieser Veranstaltung.

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Digital killed the Radio Star: Warum irgendwann alle Popsongs gleich klingen werden

Rihanna (adapted) (Image by avrilllllla [CC BY 2.0] via Flickr)

Jeder, der schon einmal den kommerziellen Musiksendern im Radio gelauscht hat, ist sicherlich dem Eindruck erlegen, dass die Pop-Musik größtenteils sehr ähnlich klingt. Es wäre doch dann aber zu einfach, diese Beschwerde als das bloße Nörgeln der Alten und der Zyniker abzutun, doch tatsächlich bestätigt die Wissenschaft: Die Pop-Musik ist im Laufe ihrer Geschichte sehr homogen gewesen – und wird es sogar immer mehr. In einer Studie aus dem Jahr 2014 untersuchten Wissenschaftler aus den USA und Österreich über 500 000 Alben über 15 Genres und 374 Sub-Genres. Die Komplexität jedes Musik-Genres im Laufe der Zeit wurde mit seinen Verkäufen verglichen. Und fast immer war es so, dass Genres mit zunehmender Popularität immer ähnlicher klangen. Für sich genommen bedeutet dies jedoch nicht viel, da Genres und Sub-Genres immer wieder auseinander hervorgehen. Es mag als Binsenweisheit betrachtet werden, dass ein Genre als etabliert gilt, sobald seine Regeln definiert sind – und dass, sobald das Genre etabliert ist, Abweichungen davon in neuen Genres oder Sub-Genres resultieren. So entwickelte sich beispielsweise Funk als ein neues Genre aus dem Soul und R’n‘B heraus, mit einem weit stärkeren Fokus auf den Bass und den rhythmischen Groove. Eine andere Studie aus dem Jahr 2012 untersuchte die Entwicklung der westlichen Popmusik, indem sie auf ein großes Archiv zurückgriff, das als das ‚Million-Song-Dataset‘ bekannt ist, und das eine gewaltige Menge an Daten über den Inhalt jedes Songs enthält. Sie fand heraus, dass zwischen 1955 und 2010 die Songs lauter und weniger vielfältig in Bezug auf ihre musikalische Struktur geworden sind. Dies sind Trends – doch die Wahrnehmung vieler Zuhörer ist, dass diese Homogenisierung der Musik in den letzten Jahren einen großen Sprung vorwärts gemacht hat. Und es gibt eine Reihe wichtiger, technologischer Entwicklungen, die dies möglich gemacht hat.

Der Krieg der Lautstärke

Kompression über einen großen Dynamik-Bereich ist das (meist automatisierte) kontinuierliche Anpassen der Level eines Audio-Signals mit dem primären Ziel, die Variationen in der Laustärke zu reduzieren. Ihre übermäßige Anwendung hat zu einem „Krieg der Lautstärke“ geführt. Der Musiker, der eine laute Aufnahme haben möchte, der Produzent, der eine Klangmauer haben möchte, die Techniker, die sich mit den wechselnden Lautstärke-Leveln während der Aufnahme befassen, die Ingenieure, die die Inhalte für die Veröffentlichung vorbereiten und die Sendeanstalten, die um Zuhörer kämpfen, sind alle Kämpfer in diesem Krieg der Lautstärke. Doch der Krieg der Lautstärke ist möglicherweise bereits an seinem Höhepunkt angelangt. Audiowissenschaftler äußern sich besorgt darüber, dass die anhaltende Lautstärke neuer Platten Hörschäden produzieren könnte und Musiker heben das Problem mit der Klangqualität hervor. Es wurde einmal jährlich der Tag des dynamischen Ausgleichs ins Leben gerufen, um das Bewusstsein dafür zu stärken. Es entstand die Non-Profit-Organisation ‚Turn Me Up!‘, um Aufnahmen mit einer größeren dynamischen Bandbreite zu bewerben. Normierungsorganisationen haben Empfehlungen dafür bereitgestellt, wie Lautstärke und Lautstärke-Bereiche für die zu veröffentlichenden Inhalte gemessen werden können. Sie haben auch die jeweils angemessenen Bereiche für jene Werte empfohlen. Zu den Entwicklungen mit dem Ziel, einen Waffenstillstand im Krieg der Lautstärke zu etablieren, war es ein weiter Weg.

Und dann kam der Autotune

Doch es gibt noch einen anderen technologischen Trend, der keine Anzeichen des Niedergangs zeigt. Autotune, von einer überraschend hohen Anzahl der Plattenfirmen heutzutage benutzt, um die Tonhöhe ihrer Sänger zu korrigieren, entstammt ursprünglich einem Nebenprodukt in der Bergbauindustrie. Von 1976 bis 1989 arbeitete Andy Hildebrand in der Ölindustrie und wertete seismische Daten aus. Durch das Senden von Schallwellen in den Boden konnte er die Reflexionen aufdecken und potentielle Bohr-Standorte ausmachen. Er untersuchte die Benutzung von Schallwellen, um unter der Erde Öl aufzuspüren. Hildebrand, allgemein bekannt als Dr. Andy, hatte Komposition an der Rice University in Houston, Texas, studiert und wandte sein Wissen in beiden Bereichen an, um Audioverarbeitungsprogramme zu entwickeln. Das berühmteste ist eben jenes Autotune. Bei einer Abendgesellschaft forderte ihn ein Gast heraus, ein Werkzeug zu entwickeln, das dabei helfen würde, richtig zu singen. Basierend auf dem ‚Phase Vocoder‘, der eine Reihe mathematischer Methoden anwendet, um die Frequenzdarstellung eines Signals zu manipulieren, entwickelte Hildebrand Techniken, um Töne auf musikalisch relevante Art und Weise zu analysieren und zu bearbeiten. Hildebrands Kollege, Antares Audio Technologies, veröffentlichte Autotune Ende des Jahres 1996. Autotune war darauf ausgerichtet, falsche Töne zu finden und zu kaschieren.  Es bewegte die Höhe einer Note zum nächstmöglichen, korrekten Halbton (das nächste musikalische Intervall in der traditionellen, oktavenbasierten westlichen Tonmusik), und ermöglichte so, dass die Gesangsleistung für die Ohren einigermaßen gefällig war. Das ursprüngliche Autotune besaß einen Geschwindigkeits-Parameter, der zwischen 0 und 400 Millisekunden eingestellt werden konnte. Dieser bestimmte, wie schnell die Note zur Zielhöhe bewegt wurde. Techniker erkannten schnell, dass dies als ein Effekt genutzt werden könnte, um Töne zu verfälschen und es klingen zu lassen, als ob der Ton von Note zu Note springe, während er dabei perfekt und unnatürlich im Einklang bleibt. Es gibt der Stimme außerdem einen künstlichen, synthesizerartigen Klang, der je nach persönlichem Geschmack irritierend oder angenehm sein kann. Dieser unübliche Effekt wurde der Markenzeichen-Sound von Chers Song ‚Believe‘ vom Dezember 1998, der die erste kommerzielle Aufnahme darstellte, die den hörbaren Nebeneffekt von Autotune bewusst anwendete. Techniker und Interpreten fanden eine kreative Möglichkeit, Autotune zu nutzen, der von der intendierten Nutzung deutlich abwich. Wie Hildebrand sagte: „Ich hätte niemals erwartet, dass jemand bei klarem Verstand so etwas wollen würde“. Dennoch sind Autotune und konkurrierende tonhöhenkorrigierende Technologien, wie beispielsweise ,Celemony’s Melodyne‘, mittlerweile bei Amateur- und bei professionellen Aufnahmen – sowie über viele Genres hinweg verbreitet und werden künstlerisch angewendet – egal, ob dies nun so gedacht war oder nicht. Es ist sogar so vorherrschend, dass es heutzutage beinahe universell bei kommerzieller Pop-Musik erwartet wird. Kritiker sagen, dies sei einer der Hauptgründe, warum heutzutage so viele Aufnahmen gleich klängen (obwohl der Lautstärke-Krieg und die generelle Überproduktion auch bedeutende Faktoren sind). Und einige junge Zuhörer, die damit aufgewachsen sind, mit Autotune bearbeitete Musik zu hören, glauben sogar, dass ein Sänger mangelndes Talent hat, wenn sie eine unbearbeitete Stimme hören. Autotune wurde in der Musik, beim Fernsehen und in den sozialen Medien verspottet. Das Time Magazine bezeichnete es sogar als eine der „50 Schlimmsten Erfindungen“. Dennoch, wenn auch dezent, wächst die korrigierende und kreative Nutzung weiterhin. Und wenn Sie Chris Brown nicht mehr von Kanye West unterscheiden können, dann könnte dies an Dr. Andy liegen. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Rihanna“ by avrilllllla (CC BY 2.0)


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Die digitale Zukunft der Musikbranche

Digital Design Slam_Music Award Show Identity (adapted) (Image by Vancouver Film School [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Musikbranche musste Digitalisierung auf den harten Weg lernen, die neue Generation nutzt von Anfang an die digitalen Möglichkeiten. Im Hochschulanzeiger der Frankfurter Allgemeine Zeitung stellt der freie Journalist Stephan Knieps fünf Menschen vor, die schon heute in den Jobs der Musikbranche von morgen tätig sind. Drei der fünf Berufe basieren auf der Digitalisierung von Geschäftsmodellen, Vertriebswegen und einem analogen wie auch digitalem Phänomen der Popkultur. Die Musikbranche musste Digitalisierung auf den harten Weg lernen, doch die neue Generation scheint ihren Beruf von Anfang an mit den digitalen Möglichkeiten zu gestalten.

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Spotify hat keine negativen Auswirkungen auf die Musikindustrie

dj (Image by Designatic [CC0 Public Domain] via pixabay)

Spotify ist die Rettung der Musikindustrie! Spotify ist schlecht für die Künstler! Wie eine Studie nun zeigt, hat Spotify weder positive noch negative Auswirkungen auf die Musikindustrie. Die Diskussion um Musik-Streaming-Anbieter wurde in letzter Zeit sehr verbissen geführt. Verschiedene Parteien vertreten verschiedene Standpunkte und die teilweise mit großer Vehemenz. Nun wurde eine Studie veröffentlicht, die all diese Standpunkte relativiert, denn Spotify und Co. haben zwar positive wie negative Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Musik-Business, insgesamt neutralisieren diese sich allerdings, so dass eigentlich niemand sich beschweren dürfte. Dass sich dennoch viele Beteiligte beschweren, liegt allerdings nicht am Konzept Musik-Streaming generell, sondern an ganz anderen Punkten.


Warum ist das wichtig? Musik-Streaming wird von den Künstlern immer für die geringen Umsätze verantwortlich gemacht, obwohl dies gar nicht unbedingt so stimmt.

  • Eine Studie der EU Kommission hat digitale Musikverkäufe, illegale Downloads und Spotify Streaming-Daten mit einander vergleichen.

  • Das Ergebnis: Spotify lässt zwar legale, aber auch illegale Downloadzahlen zurückgehen und gleicht dabei sogar die Einnahmeverluste aus.

  • Für die geringen Einnahmen der Künstler sind daher nicht Spotify, sondern die Plattenfirmen verantwortlich.


Streaming ist schlecht für die Musikindustrie?

Nachdem Spotify an den Start gegangen ist, haben es sich die Major Labels unheimlich schwer getan, das neue Konzept des Musik-Streamings gut zu finden, bei dem Nutzer immer und überall Zugriff auf alle Musik haben. Nachdem der Boom von mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets dafür gesorgt hat, dass die Nutzerzahlen in den letzten Jahren nahezu explodiert sind, hat sich die Haltung der Musikindustrie zumindest einigermaßen entspannt, wenngleich Spotify und Co immer noch eher skeptisch beäugt werden. Einer der Hauptgründe ist, dass die Musikindustrie das Geschäftsmodell der Anbieter nicht genügend Umsatz generiert. Dafür wird immer wieder vor allem das kostenlose Angebot von Spotify, das sich durch Werbung finanziert, verantwortlich gemacht. Die beiden Forscher Luis Aguiar vom Institute for Prospective Technological Studies in Sevilla, Spanien und Joel Waldfogel von der University of Minnesota sind der Sache mit einer Studie für das Joint Research Center der EU Kommission einmal auf den Grund gegangen, in der sie die wöchentlichen Verkäufe digitaler Musik, sowie die Piraterie per Bit Torrent für 8.000 Künstler zwischen 2012 und 2013 ausgewertet und diese dann den Daten von Spotify gegenübergestellt haben.

Die Studie hat dabei einige interessante Ergebnisse zutage gefördert. So hat Spotify einen deutlichen Effekt auf Musikpiraterie. In den Ländern, in den Spotify verfügbar ist, ist für alle 47 Streams ein illegaler Download weggefallen. „Das klingt erstmal vielleicht nicht nach viel, in Anbetracht der schieren Masse von Streams ist der Effekt aber deutlich zu beobachten,“ wie die Seite TorrentFreak schreibt. Doch dieser sehr positive Effekt auf den einstigen Erzfeind der Plattenfirmen wird durch einen negativen Effekt auf die Verkaufszahlen von individuellen Songs überschattet. Für alle 137 Spotify-Streams wird ein Song weniger auf den Download-Portalen gekauft. „Wenn man von den üblichen Umsätzen pro Download (0,82 US-Dollar) und denen eines Spotify-Streams (0,007 US-Dollar) ausgeht“, schreiben Aguiar und Waldfogel in der Studie, „ergibt unsere Schätzung der Sales-Verschiebung, dass die Verluste der rückgängigen Verkäufe durch die Zuwächse durch Spotify-Streams ausgeglichen werden. In anderen Worten zeigt unsere Analyse, dass interaktives Streaming für die Musikindustrie Umsatzneutral zu seien scheint.“

Streaming ist schlecht für die Künstler?

Spotify ist also nicht nur ein sehr viel effektiverer Weg gegen illegale Downloads als die bisherigen Strafen gegen die Musikpiraten, sondern auch in der Lage, die Umsatzeinbußen durch sinkende Verkaufszahlen auszugleichen. Doch wenn dies doch beides eher positiv gewertet werden kann, warum belklagen sich dann immer noch so viele Künstler wie Taylor Swift über Spotify? Ein Grund ist, dass in Anbetracht der Streaming-Zahlen gefühlt nur sehr wenig Geld ankommt. Geoff Barrows von der britischen Band Portishead hatte zum Beispiel im April erst über Twitter bekanntgegeben, dass er aus 34 Millionen Streams lediglich 1.700 Britische Pfund (nach Abzug der Steuer) erhält. Es wird wahrscheinlich niemand bestreiten, dass dies nicht viel ist, vor allem wenn man bedenkt, dass die Anzahl an Streams für kleinere Künstler absolut utopisch ist.

Taylor Swift beklagte sich medienwirksam über das kostenlose Angebot von Spotify, da es den Nutzern suggeriert, dass man Musik etwas ist, für das man nichts bezahlen muss. Doch die Studie zeigt nun, dass Swift mit Spotify den falschen Feind auserkoren hat. Zwar steigen durch Spotify die Umsätze nicht, aber sie sinken eben auch nicht. Wenn nun also die Einnahmen der Künstler sinken ist die Schuld nicht beim Geschäftsmodell von Spotify zu suchen. Vielmehr hat Barrows in seinem Tweet den eigentlichen Schuldigen n den niedrigen Einnahmen bereits genannt: die Plattenfirmen. Die Studie von Aguiar und Waldfogel unterstützt dies zudem: Wenn die Einnahmen nicht, wie allgemein angenommen, sinken, sondern gleich bleiben, sind das Problem nicht die Streaming-Anbieter, sondern die Deals zwischen den Plattenfirmen und den Künstlern, die festlegen, wie viel von den Einnahmen direkt bei den Musikern und Rechteinhabern ankommt. Der Unmut der Künstler sollte sich entsprechend gegen die Plattenfirmen richten, aber nicht gegen die Streaming-Anbieter und die Fans, die darüber ihre Musik hören.


Image „dj“ (adapted) by Designatic (CC0 Public Domain) via Pixabay


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Hat Musik-Streaming den Höhepunkt bereits erreicht?

Spotify App (adapted) (Image by freestocks.org [CC0 1.0] via Flickr)

Musik-Streaming ist die Rettung und Zukunft der Musikindustrie, dachte man bisher. Doch das Wachstum lässt plötzlich nach – gibt es keine neuen Streaming-Nutzer mehr? Nach der Krise ist vor der Krise. Jetzt wo die Musikindustrie sich aus dem Würgegriff der illegalen Tauschbörsen der frühen 2000er Jahre befreit hat, versucht man eine Wiederholung einer derartigen Krise zu verhindern. Musik-Streaming soll dabei die Schlüsselrolle spielen, weisen die entsprechenden Anbieter doch seit Jahren massiv steigende Nutzerzahlen auf. Doch die schöne Zukunftsvision kommt derzeit etwas ins Straucheln, denn plötzlich stagniert das Wachstum. Ein Plateau wäre für die Major-Labels das Worst-Case-Szenario, denn ohne neue zahlende Nutzer ist der gesamte Streaming-Zweig, auf den alle setzen, wertlos.

Vorwärts immer?

Es sah lange Zeit so gut aus für die Musikindustrie. Nach dem die Filesharing-Krise überwunden war, sollte das Streamen von Musik das nächste große Ding sein. Und die Rechnung schien zunächst aufzugehen. Jahr für Jahr stiegen die Nutzerzahlen bei den verschiedenen Anbietern gewaltig an. Doch die aktuellen Halbjahreszahlen (PDF) des Verbandes der amerikanischen Musikindustrie, Recording Industry Association of America (RIAA), versetzt der Euphorie nun einen ersten heftigen Dämpfer. Innerhalb eines Jahres sind die Nutzerzahlen lediglich um 2,5 Prozent von 7,9 auf 8,1 Millionen zahlende Nutzer gestiegen. Im Vorjahreszeitraum betrug das Wachstum noch satte 43 Prozent. Auch ein genaueres Betrachten der Zahlen kann das Bild derzeit nicht schöner färben. Denn die große Mehrheit der Nutzer, nämlich diejenigen, die werbefinanzierte “Freemium”-Angebote von Spotify, Soundcloud oder YouTube verwenden, generieren mit 299 Millionen US-Dollar lediglich 27 Prozent des gesamten Umsatzes aus Streaming-Angeboten.

Das werbefinanzierte Freemium-Modell trägt also nur sehr wenig zum Gesamtumsatz bei, da verwundert es nicht, dass die Plattenfirmen diese Angebote unterbinden, oder zumindest einschränken wollen. Doch ob durch dieses Vorgehen das Problem gelöst werden kann, ist zweifelhaft, denn eine Umfrage vom Martforschungsunternehmen Nielsen für Digital Music News hat ergeben, dass die 3 häufigsten Gründe, warum Nutzer kein Geld für Streaming-Angebote ausgeben wollen wie folgt aussehen:

  • Sie sind zu teuer (46 Prozent)

  • Ich kann Musik auch kostenlos streamen (42 Prozent)

  • Ich werde den Streaming-Service nicht genug nutzen (38 Prozent)

Natürlich wird das Augenmerk der Major Labels auf dem zweiten Punkt liegen, doch sind die anderen beiden Punkte mindestens genau so wichtig. Der derzeitige Standardpreis von 9,90 Euro pro Monat liegt bereits deutlich über dem, was der Durchschnitt sonst für Musik in Form von physischen Datenträgern oder MP3s) ausgegeben hat. Nun also davon auszugehen, dass man die meisten Nutzer dazu bewegen kann, einen derart hohen Betrag pro Monat für Musik auszugeben, scheint deutlich naiver zu sein als anfangs gedacht.

Apple Music als Rettung?

Natürlich ist es verlockend, eine gewaltige Musikauswahl für nur 10 Euro im Monat zur Verfügung zu haben und sie von jedem Gerät im Haus und unterwegs hören zu können, doch letztendlich ist dies nur für Musikenthusiasten wirklich aufregend. Wer sich nicht besonders für Musik interessiert, ist besser bedient die Songs und Alben von Interesse einfach käuflich zu erwerben, oder schlicht im Radio zu hören. Und wer wirklich enthusiastischer Musikhörer ist, will sichergehen, dass von dem angelegten Geld auch möglichst viel bei den Künstlern ankommt, was bei Streaming ja leider nicht gegeben ist. Dazu passt auch ein anderer Trend, nämlich der zurück zu physischen Tonträgern, genauer gesagt zur guten alten Schallplatte. Das Vinyl-Revival hält derzeit nämlich weiter an und sorgt dafür, dass die Schallplatten-Verkäufe mehr Umsatz generieren, als die kostenlosen Streaming-Angebote von Spotify und YouTube zusammen. Die Masse interessiert sich einfach nicht genug für Musik, um eine regelmäßige Ausgabe von 10 Euro im Monat zu rechtfertigen. Dies belegt die Nielsen-Umfrage deutlich, denn von den befragten 3500 Amerikanern sagen 78 Prozent, dass sie nicht beabsichtigen, in den nächsten 6 Monaten Geld für ein Streaming-Abo auszugeben – 13 Prozent befinden sich in der Grauzone der Unentschlossenheit und nur 9 Prozent halten es für sehr oder einigermaßen wahrscheinlich.

Wie sehr sich dieser Trend derzeit bereits in den Zahlen der Streaming-Anbieter wiederspiegelt, wird anhand des Beispiels Deezer klar. Nur die Hälfte der rund 6 Millionen zahlenden Nutzer verwendet den Dienst überhaupt, die anderen Accounts liegen komplett brach, ohne dass ein Track gespielt wird. Schaut man sich die verbleibenden 3 Millionen aktiven Nutzer an, fällt schnell auf, dass nur die Hälfte von ihnen überhaupt zahlt, die andere Hälfte sind Nutzer, die das Deezer-Abo als Bundle zu ihrem Mobilfunkvertrag hinzubekommen haben. Ein erneuter Blick auf die Zahlen macht deutlich, dass auch die 3 Millionen inaktiven Nutzer eben solche Bundle-Nutzer sind. Von den über 6 Millionen Deezer-Nutzern zahlt also nur ein Viertel überhaupt den vollen Preis. Bei Spotify dürften ähnliche Verhältnisse herrschen, denn einige Mobilfunkanbieter bundeln ein Spotify-Abo an ihre Verträge.

Die Hoffnung liegt also mal wieder auf Apple, die mit Apple Music vor drei Monaten ihren eigenen Streaming-Dienst gelauncht haben. Genau diese drei Monate dauert die kostenlose Testphase an. Von den ungefähr 15 Millionen Nutzern haben laut der New York Post, zugegebenermaßen nicht gerade die seriöseste Quelle, rund die Hälfte die automatische Verlängerung des Abos nach Ablauf der Testphase deaktiviert. Nehmen wir mal an, die Zahlen stimmen halbwegs und die verbleibenden 7,5 Millionen Nutzer haben ihr Abo nicht einfach nur vergessen, sondern wollen Apple Music tatsächlich kostenpflichtig weiternutzen. In dem Fall hätte Apple auf einen Schlag mehr als ein Drittel der zahlenden Nutzermenge von Spotify (20 Millionen). Realistisch betrachtet ist aber eher damit zu rechnen, dass ein Großteil der Nutzer das Apple-Music-Abo aber spätestens dann kündigen wird, wenn sie das erste Mal per Rechnung daran erinnert werden. Mit aussagekräftigen Zahlen ist also erst in mehreren Wochen zu rechnen. Wenn Apple es allerdings nicht gelingen sollte, die Nutzer zum Zahlen zu bewegen, sollten die Streaming-Anbieter und vor allem die Major Labels vielleicht mal darüber nachdenken, warum doch nicht so viele Leute dazu bereit sind, für gestreamte Musik zu zahlen.


Image (adapted) „Spotify App“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)


 

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Imogen Heap will die Musikindustrie revolutionieren

Imogen Heap (image (adapted) by PopTech [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Die Musikerin Imogen Heap hatte immer schon einen Hang zum Experiment und dieser könnte nun zu einer Revolution der Musikindustrie führen. Der entscheidende Schlüssel könnte dabei die Blockchain-Technologie darstellen. Diese ist vor allem durch Bitcoins bekannt geworden, soll nun aber, wenn es nach Heap geht, für die Erschaffung einer dezentralisierten, offenen und vor allem für die Künstler fairen Musikplattform Einsatz schaffen. Die Idee besitzt viel Potenzial, aber auch noch viele Ungewissheiten, die es nun mit Hilfe einer Community aus Techies, Hackern und Kreativen zu klären gilt.

Time for Change

Was war das Gejammer von der Musikindustrie Anfang der 00er Jahre groß. Napster, Bit Torrent und andere neue Technologien sorgen dafür, dass niemand mehr Musik kauft, da ja alles plötzlich kostenlos verfügbar ist. Die ganze Industrie und natürlich auch die Künstler werden in den Ruin stürzen, war die wohl beliebteste Endzeitvision dieser Zeit. An allen Ecken wurde sich über die Situation beklagt, aber auf die Idee, die neue Technologie für die eigenen Zwecke zu nutzen, kam niemand – stattdessen wurden erbitterte Kämpfe gegen die Nutzer und Technologien gefochten. Dann kamen iTunes und viel wichtiger noch YouTube und Spotify, denen das Kunststück gelang, die Piraten in zahlende Nutzer zu verwandeln. Alles was nötig war, war eine große Musikbibliothek, und ein günstiges Abomodell und schon zahlen die Nutzer im Schnitt monatlich mehr für Musik, als sie jemals zuvor für physische Datenträger ausgegeben haben. Eigentlich sollten alle glücklich sein, allerdings jammern nun die Künstler, denn bei ihnen kommt, gerade aus dem Streaming-Geschäft, kaum Geld an. Und wie damals bei der jammernden Musikindustrie fehlt bisher die zündende Idee, wie man die Misere beheben und die Künstler fair bezahlen kann.

Die Musikerin Imogen Heap hat nun möglicherweise die zündende Idee, wie man das undurchschaubare Wirrwarr, das die Musikindustrie derzeit ist, übersichtlicher machen kann. Für Künstler ist es kaum nachvollziehbar, wo das Geld auf dem Weg vom Streaming-Anbieter oder Online-Store zu einem bleibt. Plattenfirmen kennt man, aber dann gibt es noch diverse Distributoren, außerdem müssen diverse Lizenzgebühren bezahlt werden, dann gibt es noch die Verwertungsgesellschaften und Verlage, die allesamt ein Stück vom Kuchen abhaben möchten – dazu kommt noch eine Vorliebe für Geheimhaltungsvereinbarungen seitens der Plattenfirmen. All dies macht es für Künstler nahezu unmöglich herauszufinden, wie viel Geld ihnen eigentlich zusteht. Und dies beklagen die Künstler allerorts, ohne jedoch zu wissen wie man die Situation ändern kann. Als Reaktion und um ein Zeichen zu setzen, ziehen immer mehr Künstler ihre Musik von Streaming Anbietern wie Spotify oder Apple Music zurück. Auch Imogen Heap hat sich oft über die Situation beklagt, bis sie es satt hatte, sich ihre Klagen anzuhören. Als sie sich mit der Musikerin Zoë Keating darüber unterhielt, ließ diese das Stichwort Blockchain fallen. Heap begann sich in die Thematik einzulesen und Ideen zu entwickeln, wie man das Rauschen in der Musikindustrie reduzieren kann.

Mycelia

Imogen Heap war schon immer für ihren Erfindergeist bekannt. Sie hat 2005 ihr Album “Speak for Yourself” auf eigene Faust veröffentlicht, bevor dies populär wurde, sie hat als bisher einzige Frau einen Grammy für Tontechnik erhalten und arbeitet seit 6 Jahren an Musikhandschuhen für die Steuerung von Musik auf der Bühne oder im Studio. So beeindruckend all diese Dinge auch sind, ihre neueste Idee hat das Potenzial alles Dagewesene in den Schatten zu stellen und wirklich disruptiv zu sein. Das Problem mit digitaler Musik ist, dass sie ohne großen Aufwand kopiert werden kann und die Dateien deshalb niemand wirklich besitzt. Ein Ansatz der Musikindustrie war DRM, also ein digitaler Kopierschutz – eine Idee, die sich glücklicherweise nicht durchgesetzt hat. Heap hat nun die Idee, dass es eine öffentliche Datenbank geben soll, in der Informationen chronologisch gespeichert werden – ebenso wie bei der Kryptowährung Bitcoin. Auf diesem Wege lässt sich verhindern, dass die Dateien kopiert, manipuliert oder gelöscht werden. Mit dem Unternehmen Ethereum hat Heap dann auch gleich eine Firma gefunden, die genau solche Lösungen anbietet. Das System von Ethereum ist zwar nicht auf Musik zugeschnitten, aber das Team ist sehr von Heaps Vision für ein Blockchain-Modell, das sie Mycelia nennt, begeistert und hilft ihr bei der Umsetzung.

Imogen Heap hat zwar die Idee zu Mycelia gehabt, die Umsetzung schafft sie aber nicht auf eigene Faust, sondern benötigt Entwickler, die ihr bei dem Unterfangen helfen. Aus dem Grund wird Heap ihren neuen Song “Tiny Humans” inklusive Video, Live-Performance und allen nur erdenklichen Daten die potenzielle Klienten (andere Künstler, Werbung, Marken oder Film) interessieren könnten, als Dateien zum Download auf ihre Website stellen, offen für alle, die neue Technologien für die Blockchain entwickeln. Aber noch wichtiger, es werden auch simple Verträge enthalten sein, die Aufschluss darüber geben, unter welchen Bedingungen die Musik heruntergeladen oder von Dritten weiterverwertet wird und wie das damit verdiente Geld zwischen den beteiligten Kreativen verteilt wird. Alle erhaltenen Zahlungen durch Kryptowährungen werden innerhalb von Sekunden an die Empfänger weitergeleitet – eine massive Verbesserung gegenüber den derzeit üblichen Wochen bis Monaten, die es dauert, bis Lizenzgebühren beim Künstler ankommen.

Seit Heap das erste Mal Online über Mycelia gesprochen hat, haben sich bereits viele Unternehmen bei ihr gemeldet, die Technologien für Blockchains entwickeln und ihr bei dem Projekt helfen wollen. Das Potenzial für die Revolution der Musikindustrie ist definitiv vorhanden, aber es gibt noch viele ungeklärte Fragen zu klären und Probleme zu lösen, bevor das dezentralisierte Musiknetzwerk tatsächlich Ausmaße annimmt, die Heap mit der Namensgebung angedeutet hat – Myzel bezeichnet die fadenförmigen Zellengeflechte eines Pilzes, die sich über einen Quadratkilometer ausbreiten können. Wie wird sich dies jedoch auf die Musikindustrie wie wir sie heute kennen auswirken? Kurz gesagt, jeder, der etwas von Wert beisteuern kann, wird auch eine Überlebenschance haben. Plattenfirmen können weiter existieren – wenn sie Talente frühzeitig erkennen oder den Künstlern mit Marketing helfen, können sie diesen Services verkaufen. Wer allerdings keinen Mehrwert für die Künstler bietet, hat auf lange Sicht keine Überlebenschance. Auf diese Weise könnte sich die Musikindustrie wieder auf ein gesundes Maß gesundschrumpfen und ein faires und offenes System für Künstler schaffen.


Image (adapted) „Imogen Heap – PopTech 2010 – Camden, Maine“ by PopTech (CC BY-SA 2.0)


 

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„Darf es noch ein Streaming-Dienst zum Eis sein?“

Spoon Live Streaming (adapted) (Image by Incase [CC BY 2.0] via Flickr)

Das Streaming von Musik wird einem heute fast schon hinterhergeschmissen. Mit welchen Folgen? Amazon, Google, T-Mobile. Die nächsten Großunternehmen haben bereits eigene Streaming-Dienste für Musik lanciert oder zumindest angekündigt. Durchgesetzt werden sie zum Teil mit harten Bandagen und fragwürdigen Preisen. Die Strukturen verschieben sich mehr und mehr zuungunsten kleinerer Labels.

1000-mal gehört…

Die Band Plan B rund um den „Spreeblick“-Blogger Johnny Haeusler hat im April einmal ihre digitalen Erlöse des Vorjahres öffentlich ausgewertet. Möglich war das, weil die Band ihr eigenes Label ist und somit die Schnittstelle, die normalerweise zwischen Künstlerin und Dienst steht, selbst einnahm. Die Erlöse für einen Download bewegten sich um die 40 Cent herum, die für einen Stream wiederum rund um einen Cent.

Damit wiederholtes Streamen ein und desselben Songs beim Label den gleichen, später noch mit der Künstlerin zu teilenden Wert generiert wie der einmalige digitale Kauf des Stücks, müsste dieses im Fall von Plan B mehr als 29 Mal angehört werden – sofern man hier den ausschüttungsfreudigsten Streamingdienst, WiMP (1,3 Cent pro Stream), mit dem am wenigsten ausschüttungsfreudigsten Shop, Amazon (37 Cent pro Kauf), vergleicht. Bei der Gegenüberstellung der beiden Google Produkte „Play Music“ (46 Cent pro Kauf) und YouTube (0,1 Cent pro Kauf) müsste man für das gleiche Ergebnis ein YouTube-Video schon mindesten 460-mal abspielen. Doch auch bei einem regen Musikkonsumenten wie mir schaffen es die wenigsten Lieder überhaupt schon auf 29 Abspielungen, Online- und Offline-Nutzung zusammengerechnet.

Wie diese Rechnung wohl aussehen würde, wenn der zu vergleichende Streamingdienst das neue „unRadio” von T-Mobile und Rhapsody wäre? Das Angebot ist gerade in den USA gestartet. In der üblichen Sonderpaketvariante inklusive neuem Smartphone, unbegrenzter Datenflat etc. und als Zusatzangebot für nur 4 US-Dollar im Monat. Ohne Werbung. Mit Spotify oder WiMP wäre das hierzulande nur für 9,99 Euro möglich.

Amazon gab den US-Nutzern von „Amazon Prime“ vor Kurzem seinen Streaming-Dienst „Prime Music“ zu der bewährten Mischung aus garantiertem Zwei-Tages-Versand, Gratis-eBooks und „Prime Instant Video“ einfach dazu. Lediglich um 20 US-Dollar, also 1,67 US-Dollar pro Monat, wurde der Jahrespreis für Prime dabei angehoben. Unbekannt ist, ob das Unternehmen dieses Mal wenigstens die internationalen Labels über seine Pläne informierte. Als Amazon nämlich im letzten Jahr seine „AutoRip“-Funktion einführte, eine Gratis-Downloadschwemme für vormals gekaufte CDs und Schallplatten, hatte es schlichtweg vergessen, den Musikvertrieben bzw. Labels über die für die Kunden ohne Frage sehr angenehme neue Funktion Bescheid zu geben.

…irgendwann war es passiert.

Dass „Prime Music“ dabei in den Punkten Technik und Sortiment bislang kaum überzeugen konnte, ist eher zweitrangig. Wichtiger sind zwei andere Faktoren: Zum Einen gibt es neben der ohnehin nicht gerade geringen Menge an originären Streaming-Diensten wie Spotify, WiMP, Deezer, Rdio, Pandorra, Simfy und Slacker auch immer mehr Dienste, die eher Zusatzprodukte darstellen, wie eben „Prime Music“, „unRadio“ oder „Beats“ von der gleichnamigen Kopfhörerfirma, die kürzlich spektakulär von Apple aqurriert wurde. Auch Google will zeitnah YouTube um einen eigenen Streaming-Dienst ergänzen. Es würde nicht verwundern wenn etwa auch der Marktführer im Ticketing, Eventim, der ja ohnehin bereits deutlich mehr an einem Konzert verdient als die auftretenden Musikerinnen – soviel zu alternativen Erlösen – einen eigenen Streaming-Dienst aufmacht. McDonalds oder große Autobauer könnten ebenfalls nachziehen, denn Musikstreaming wird mittelfristig zur Selbstverständlichkeit innerhalb der Konsumumgebung werden.

Und in dieser, damit wären wir beim zweiten Punkt, scheinen nachhaltig nur die Big Players sich durchsetzen zu können, wie die aktuellen Verwerfungen bei der Einführung des Streaming-Dienstes von Google zeigen. Letzteres hat sich bereits mit den Major-Labels auf einen gemeinsamen Tarif einigen können, nicht aber mit den unabhängigen Independent-Labels, die derzeit einen Marktanteil von etwa 30% besitzen und in Verbänden und Netzwerken wie Merlin organisiert sind. Die Indies hatten sich quer gestellt, als sie erfuhren, dass sie niedrige Tarife als Universal, Sony und Warner – alle Teile riesiger Medienkonglomerate – erhalten sollten. Google kündigte im Gegenzug wiederum öffentlich an, Videos von jenen Labels, mit denen man sich nicht einigen könnte, auf YouTube zu sperren. Die bisherigen Nutzungsverträge wurden zudem von Seiten Googles kündigt.

Bietet Crowdfunding auch hier einen Ausweg?

Dabei sollten die Merlin-Labels die Situation bereits gewohnt sein: Auch bei Spotify bekommen sie weniger als Universal oder Sony. Dass sie sich bei Google nun erstmals so entschieden wehren, dürfte vor allem an den hier eingangs beschriebenen Entwickelungen liegen. Man darf sich wohl daraufstellen, in Zukunft noch mehr Crowdfunding-Kampagnen für Musik zu begegnen. Schließlich können die Musiker hier ihren Bedarf exakt auflisten und, sofern es die „Crowd“ es denn will, vorab und an den Diensten vorbei finanzieren lassen. Die Band The Bianca Story hatte etwa in ihrer Kampagne für ihr jüngstes Album im letzten Jahr neben Studio-, Produktions- und Promokosten auch ganz nüchtern einen Punkt für das Gehalt der Bandmitglieder angeführt. Das Konzept ging auf.

An der Übelwahl zwischen unfairer Bezahlung oder entfallender Sichtbarkeit, vor der die Independent-Labels und ihre Künstler jetzt stehen, ändern solche Projekte allerdings nichts. Auch nicht am Ungleichgewicht im Konzertgeschäft. Sie können die Akteure höchstens finanziell unabhängiger machen, während sie sich gleichzeitig marginalisieren. Natürlich könnte ein solches Crowdfunding-Projekt auch der Start es neuen und „fairen“ Streaming-Dienstes sein. Allerdings dürfte der Markt dafür bereits schon jetzt gesättigt sein und Streaming wird eben auch erst ab hoher Nutzungszahlen finanziell für Label und Interpreten relevant. Vielleicht könnte Soundcloud, an dem sich Twitter interessiert zeigte, dafür jedoch die Grundlage liefern. Der Dienst bietet in dem gesamten Spiel jedenfalls noch das größte Überraschungspotenzial.

Da bleibt es vorerst abzuwarten, ob ein großes Indielabel wie etwa das britische XL Recordings, deren Künstlerin Adele mit „21“ das weltweit kommerziell erfolgreichste Album der Jahre 2011 und 2012 veröffentlicht hat, diese auch unter solchen Bedingungen weiter an sich binden kann.


Image (adapted) „Spoon Live Streaming“ by Incase (CC BY 2.0)


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5 Lesetipps für den 10. Juni

In unseren Lesetipps geht es um das Cyberabwehrzentrum, wie Metallica Geld verdient, Google+, #24hPolizei in Berlin und Metadaten auf Twitter. Ergänzungen erwünscht.

  • CYBERABWEHRZENTRUM Golem: Vernichtendes Urteil zum Cyberabwehrzentrum: Das vor drei Jahren gegründete Cyberabwehrzentrum des Bundes sei in seiner jetzigen Konzeption nicht gerechtfertigt: Zu dem Urteil kommt der Bundesrechnungshof in einem vertraulichen Bericht, den Jörg Thoma auf Golem.de vorstellt.
  • MUSIKINDUSTRIE Die Welt: Metallica bietet mehr Cash Metal als Thrash Metal: Musiker verdienen ihr Geld heutzutage vor allem mit Auftritten. Ein Metallica-Konzert zeigt, dass daraus nervige Werbeveranstaltungen geworden sind. Mit Musikern als Verkäufern ihrer Marke, wie Steffen Fründt kritisch auf Welt.de anmerkt.
  • GOOGLE+ ZDNet: Thanks for nothing, jerkface: Einen Monat nach der Entlassung von Vic Gundotra, Erfinder von Google+, hat sich Sergey Brin auf einer Konferenz sehr kritisch über die Entwicklung des sozialen Netzwerks geäußert. Das hat Violet Blue dann doch sehr auf die Palme gebracht und zu einem lesenswerten Rant auf ZDNet veranlasst.
  • #24hPOLIZEI Zeit Online: 24 Stunden Berlin auf Twitter: Am Samstag gab die Berliner Polizei einen Tag und eine Nacht lang Einblick in den Alltag der Beamten. Durch Tweets über die Einsätze soll das Bild der Polizei verbessert werden und Nachwuchs geworben werden. Zeit Online hat das Experiment in einem Storify zusammengefasst.
  • METADATEN WSJ: In a Single Tweet, as Many Pieces of Metadata as There Are Characters: Richtig gute Twitter-Nutzer, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen, können in 140 Zeichen jede Menge Informationen packen und trotz der begrenzten Zeichenanzahl via Twitter kommunizieren. Doch die Tweets sagen viel mehr aus, als uns klar ist. Das Startup Elasticsearch hat ermittelt, dass ein Tweet bis zu 150 einzelne Metadaten besitzt.

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5 Lesetipps für den 3. Juni

In den Lesetipps geht es um verhinderte Aufklärung durch die Bundesregierung, Kommentare via Facebook, den Alaska Dispatch, wo Fotos geteilt werden und den Kampf gegen Filesharing. Ergänzungen erwünscht.

  • ÜBERWACHUNG Spiegel Online: Bundesregierung verhindert Aufklärung durch Snowden: In einer neuen Stellungsnahme macht die Bundesregierung klar, dass sie kein Interesse daran hat, dass Edward Snowden in Deutschland vom NSA-Untersuchungsausschuss verhört wird. Die Forderung von Edward Snowdens Anwalt, dass sein Mandant in Deutschland verhört werden soll, lehnt Angela Merkel ab. Es ist blamabel für unsere Demokratie, dass unsere Regierung rein gar nichts gegen die anlasslose Überwachung durch ausländische Geheimdienste von uns allen tut und Aufklärung auch noch aktiv verhindert.
  • KOMMENTARE The Huffington Post: Moving the Conversation to Where You Want to Have It: In einem Blogpost in eigener Sache erklärt der CTO der US-amerikanischen Huffington Post, Otto Toth, dass das Blog seine komplette Kommentarspalte zu Facebook verlagert. Die Artikel können nur noch als Facebook-Kommentar kommentiert werden. Das geht natürlich nur, wenn man ein Konto bei Facebook hat und den Tracker nicht blockiert, was eine problematische Einschränkung der Meinungsfreiheit darstellt, aber auch die enorme Bedeutung von Social Media für US-Medien.
  • ALASKA DISPATCH Vocer: Vom Küchentisch-Blog zum Nachrichtenplatzhirsch: Wie man es im US-Bundesstaat Alaska vom kleinen Blog zum Nachrichtenplatzhirsch mit 30 Mitarbeitern schafft, haben Herausgeberin Alice Rogoff und Chefredakteur Tony Hopfinger vom „Alaska Dispatch“ im Interview mit VOCER-Redakteur Jan Ewringmann erzählt. Ein lesenswerter Einblick in die Newsonomics von Journalismus im hohen Norden der USA.
  • MESSENGER Kroker’s Look @ IT: WhatsApp überholt bis Jahresende Snapchat als größte Foto-Plattform der Welt: Jahrelang galt Facebook als größte Foto-Plattform im Internet, doch im vergangenen Jahr zeichnete sich schon ein rasanter Bedeutungswandelan, denn binnen zwei Jahren haben es die Messaging-Apps WhatsApp und Snapchat geschafft, das soziale Netzwerk Facebook als wichtigste Foto-Community abzulösen. Bereits im Jahr 2013 wurde Facebook auf die Ränge verwiesen, in diesem Jahr machen die beiden Messenger das Rennen mit großem Abstand zu Facebook untereinander aus.
  • FILESHARING The Guardian: If Google can get rid of personal data, why can’t it purge the pirates?: Bei egal was gegen Google ist die Unterhaltungsindustrie, von manchen auch wenig liebevoll Content Mafia genannt, meist nicht weit mit eigenen Forderungen gegen die Suchmaschine. Nach dem viel kritisierten EuGH-Urteil über ein vermeintliches „Recht auf Vergessen“, eher ein Recht auf Löschung von Google-Suchergebnissen, fordert nun die britische Musikindustrie, dass Google auch stärker gegen unautorisiertes Filesharing vorgeht. Bereits jetzt zeigt Google viele Links zu Filesharing-Anbietern nicht an, doch das reicht manchen noch nicht.

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5 Lesetipps für den 20. Mai

In unseren Lesetipps geht es um die geplanten Akquisen von Twitch und Soundcloud, die Deutschen und Google, Framing in der Netzpolitik, sowie die Folgen des Rechts auf Vergessen. Ergänzungen erwünscht.

  • TWITCH NextDraft: Life’s a Twitch: Die interessanteste Akquiseabsicht gestern (zu der Zweitinteressantesten kommen wir im nächsten Lesetipp) war die Meldung, dass YouTube (also Google) Twitch kaufen will. Kaum jemand wird wissen, was Twitch ist, aber bevor die Netzökonomen zu Rate gezogen werden, ist die simple Erklärung von Dave Pell vorzuziehen: „It’s the only recent deal my kids care about.“
  • SOUNDCLOUD Re/code: Twitter Is Considering a Deal to Buy SoundCloud: Halb Berlin war heute Früh auf den Beinen, denn die nächtliche Meldung, dass Twitter darüber nachdenkt Soundcloud zu kaufen, versetzt viele in helle Aufregung. Doch selbst wenn es zum großen Exit von der Spree ins Silicon Valley kommt, ist die eigentliche Frage, welche Auswirkungen der Deal auf Soundclouds Verhandlungen und Entwicklung gegenüber der Musikindustrie hat und das könnte am Ende weniger gefeiert werden.
  • ZE GERMANS Techdirt: German Official Says It May Be Time To Break Up Google… Just Because: Auch in den USA wurden die Drohungen von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Europapolitiker Martin Schulz vernommen, das US-amerikanische Unternehmen Google zerschlagen zu wollen. Anders als in der deutschen Presse kommt der Blogger Mike Masnick zu dem Fazit, dass die Deutschen keine Ahnung haben, was ihnen genau an Google nicht passt. Sollte Google aber als Reaktion deutsche IP-Adressen blocken, würden vielleicht einige wieder wissen, worum es gehen könnte und wer welche Macht wirklich hat.
  • NETZPOLITIK i heart digital life: Netzpolitik, Mad-Men-Style? Framing und Strategie angesichts der Totalüberwachung: Kathrin Ganz setzt sich kritisch mit der rp14-Rede von Sascha Lobo auseinander und kommt zu dem Fazit, dass die Suche nach der richtigen Sprache wichtig ist, da Sprache aufzeigt, wo die Analyse der Lage zu kurz greift. Dies ersetzt aber nicht die Beschäftigung mit Organisation und Strategie, „und um über Organisation und Strategie zu diskutieren, brauchen wir eine ordentliche Analyse“.
  • RECHT AUF VERGESSEN SmartCompany: Why the EU’s privacy ruling is the latest legal blow for Google: Auf SmartCompany schreibt die Anwältin Vanessa Emilio über das Google-Urteil des Europäischen Gerichtshof und befürchtet, dass die Auswirkungen weltweit zu spüren sind. Das Urteil bewertet sie als jüngste Zuspitzung des Konflikts zwischen dem Recht auf Vergessen und dem Recht auf Wissen, der noch mehr Zensurgebaren hervorrufen könnte.

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CNN und Musiklabel wollen Twitter-Frühwarndienst aufbauen

Twitter (adapted) (Image by Andreas Eldh [CC BY 2.0] via Flickr)

Big Data ist so ein Ausdruck, der inzwischen in der Gesellschaft angekommen ist. Ebenso bei den großen Unternehmen, die von den großen Datenmengen aus sozialen Netzwerken profitieren wollen. Nein, nicht erst seit der „Spiegel“ im Mai 2013 in einer Titelgeschichte über das „Leben nach Zahlen“ berichtet hat, ist Big Data bei uns angekommen. Es ist eines dieser Buzzwörter, das seit einiger Zeit schon ständig mal hier, mal dort durch die Medien wandert. Und spätestens seit der NSA-Affäre wissen wir, dass er „Spiegel“ mit seiner Story und der Frage, „wie Staaten berechnen, was wir tun werden“ wenige Wochen vor den Snowden-Enthüllungen schon ganz schön nah dran war.

Viele Daten hinterlassen wir ganz freiwillig, etwa Tweets und Postings bei Twitter und Facebook. Und bei den Datenmengen, die dabei entstehen, ist es wenig verwunderlich, dass sich neben den Geheimdiensten auch Konzerne dafür interessieren. Etwa Fernsehsender, die die Viralität ihrer Formate untersuchen möchten und sich daher über Twitters Kooperationen mit Nielsen in den USA oder künftig mit der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Deutschland, Österreich und den Niederlanden freuen. Nun hat Twitter zwei neue Kooperationen bekanntgegeben.

Bislang – das muss man leider so drastisch sagen – hat man von Twitters Kooperationen mit Unternehmen meist nicht mehr viel gehört. Ob das bei den neuen mit dem US-Nachrichtensender CNN und dem Musiklabel 300 Entertainment anders sein wird, bleibt natürlich noch abzuwarten. Immerhin klingen die Vorhaben logisch: CNN möchte (noch) schneller auf News aufmerksam werden und 300 Entertainment versucht, durch die Kooperation neue Künstler frühzeitig und vor anderen Labels zu entdecken. Twitter will dazu unter anderem auch Standortinformationen zur Verfügung stellen. Im Fall von CNN ist noch eine weitere Kooperation geplant, nämlich mit Dataminr, die die Tweets auswertet und in einem Userinterface für die Journalisten darstellt.

Die wachsende Anzahl an Kooperationen mit großen Unternehmen dürfte Twitter weiter helfen, sich zu refinanzieren. Die Refinanzierung ist nach wie vor ein eher schleppender Prozess beim Kurznachrichtendienst. Dennoch zeigen sie auch wieder ganz deutlich: Daten sind Gold im Internet. Sowohl für die Konzerne, die damit versuchen, Frühwarnsysteme aufzubauen als auch für Twitter selbst, die von den Daten auch finanziell profitieren.


Image (adapted) „Twitter“ by Andreas Eldh (CC BY 2.0)


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MIDEM 2014: Zwei Berliner Startups gewinnen beim Midemlab

Auf der MIDEM 2014 sucht die Musikindustrie nach ihrer Zukunft und glaubt sie in zwei Startups aus Berlin gefunden zu haben. // von Tobias Schwarz

MIDEM 2014 - CONFERENCES - MIDEM LAB START UP COMPETITION - MUSIC DISCOVERY, RECOMMANDATION AND CREATION - INNOVATION FACTORY

Insgesamt 30 Startups aus der ganzen Welt kamen als Finalisten des Wettbewerbs Midemlab nach Cannes, um auf der Musikfachkonferenz MIDEM ihre Ideen vorzustellen. Darunter waren auch drei Startups aus Berlin und zwei von ihnen – Nagual Sounds und Starlize – gewannen dann auch das Midemlab und erhalten nun eklusiven Zugang zu den Unternehmensnetzwerken der Sponsoren sowie Mentoring. Kommt die Zukunft der Musikindustrie aus Berlin?

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MIDEM 2014: Die Flucht ins Streaming

Skyphone Session through Autographer (adapted) (Image by Mads Boedker [CC BY 2.0], via flickr)

Kann Streaming ein nachhaltiger Wert für Musiker sein? Auf der Musikfachmesse MIDEM gab es neben YouTube kaum ein anderes Thema. Nachdem Thom Yorke im Vorjahr Spotify & Co. ein baldiges Ende vorher sagte, erfreuten sich gerade die Streaming-Anbieter in diesem Jahr viel Beachtung. Der respektvolle Umgang mit den Künstlern und der Branche trägt Früchte und wurde auf fast jedem Podium lobend erwähnt. Scheinbar hat die Branche den Wert von Streaming erkannt und nutzt ihn bereits intensiv.

Ein Kindergarten namens Musikindustrie

Musiker sind Künstler, Emotionen sind Teil ihrer Natur. Und an denen fehlte es der prominenten Podiumsrunde auch nicht, die am Samstagabend auf der MIDEM 2014 über die Zukunft der Musikindustrie diskutierten. Deezer-CEO Axel Dauchez, Eddy Maroun von Anghami, Musikmanager Brian Message, Mandar Thakur von der indischen Firma Times Music und schließlich noch Thorsten Schlieche von Napster. An Kompetenz fehlte es offensichtlich eben so wenig in der von Milana Rabkin moderierten Runde.

Und Rabkin machte gleich zu Beginn einen provokanten Start: „Die Musikindustrie hat in den letzten Jahren das Wachstum von Streaming stark gebremst. Wollte man einen Streaming-Dienst aufbauen, war es ein Alptraum. Einige in der Musikindustrie haben sich wie im Kindergarten benommen

Streaming als Strategie

Wie zum Beispiel von Eddy Maroun vom arabischen Streaming-Dienst Anghami, der auf den Wert des Produkts verwies. Es muss stets attraktiv sein und „nichts setzt einem mehr Wettbewerbsdruck aus als Piraterie„. Doch die Entwicklung ist erst am Anfang und das volle Potenzial von Streaming noch gar nicht erkannt. Auch Schlieche von Napster sieht die Entwicklung noch lange nicht beendet und berichtete von eigenen Versuchen, „Play“ als neue Währung des Streaming zu etablieren, denn am Ende kommt es nur darauf an, wie oft ein Lied oder Video abgespielt wurde, wenn es um Geld für Künstler geht und um nichts anderes geht es. Deshalb setzt Napster auch vermehrt auf eigene Inhalte, wie z.B. Videos von Akustiksessions oder Interviews, alles was Fans interessieren könnte und näher an die Musiker bindet, so dass Videos öfters geschaut werden und Musiker bekannter werden.

Brian Message betonte den Nutzen von Streaming für noch wenig bekannte Musiker oder für diejenigen, die nicht viel von Marketing halten: „Es kann für einen neuen Musiker sehr schwierig sein, mit bereits bekannteren Musikern zu konkurrieren, (…) aber Streaming ist genau dafür ein sehr praktisches Werkzeug„. Deshalb hat er zum Beispiel bei Nick Cave „Streaming an vorderste Stelle aller Aktivitäten gesetzt, noch vor der Entwicklung von Spotify-Apps oder Songtextekarten, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Und das hat ausgezeichnet funktioniert„. Es lässt sich zwar nicht alles monetarisieren, aber alles zählt wiederum in den Bereich des Messbaren und das kann viel Wert sein.

Aufmerksamkeit und Geld

Wie viel wert so etwas ist, wollte das Publikum vor allem von Deezer-Geschäftsführer Alex Dauchez wissen, der die Bemühungen seines Unternehmens, mehr Aufmerksamkeit zu generieren, nicht nur als Service für Musiker verstanden wollte, sondern als Hilfe für die gesamte Musikindustrie. Die interessierten sich aber eher dafür, wie viel Deezer gewillt ist, von den Einnahmen abzugeben als für die Investitionsvorhaben. Dauchez verwies auf Deezers unterschiedlichen Beteiligungsformen, die sich nach dem Lied richten.

Musiker aus dem Publikum interessierten sich besonders für die Daten, denn sie wissen kaum etwas über ihre Fans auf Deezer und würden gerne das Wissen besser monetarisieren, in dem sie sich auf Zielmärkte konzentrieren könnten. Vom Respekt allein lässt es sich eben auch nicht leben, doch Dauchez blockte hier schnell ab. Es wird zwar über Wege nachgedacht, wie Musiker auf Deezer mehr aus den Daten machen können, eine Herausgabe und damit vielleicht eine Nutzung des Wissens in anderen Diensten, könnte er nicht zu lassen.

Eine Lösung aus diesem Dilemma brachte zum Ende der lebhaften Diskussion Schlieche ins Gespräch: „Wenn Künstler ihre eigenen Plattformen bauen würden und selber ihre Inhalte bewerben, sollten sie es auch selber schaffen, Zugang zu ihrer Fangemeinde zu bekommen„. Und Messsage ergänzte: „Das Gute ist doch, dass wir die Wahl haben, denn es gibt schon jetzt eine Reihe von Möglichkeiten, denn immer mehr Unternehmen mit Diensten, die früher Labels angeboten haben, bieten einen leichten Zugang zu ihren Daten„.


Image (adapted) “Skyphone session through Autographer“ by Mads Boedker (CC BY 2.0)


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MIDEM 2014: Ist die Musikindustrie endlich am Wendepunkt angekommen?

MIDEM Panel (Bild: Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

In kleiner Runde wurde auf der MIDEM 2014 angenehm offen über den digitalen Wandel der letzten Jahre und den neuen Möglichkeiten der Musikindustrie diskutiert. // von Tobias Schwarz

MIDEM Panel (Bild: Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

Die Digitalisierung verändert das Musikgeschäft seit mehr als einem Jahrzehnt und inzwischen haben viele Akteure ihre Lehren aus dem Wandel gezogen und das eigene Geschäftsmodell angepasst. Distribution ist digital geworden und längst in den Händen von Unternehmen wie Apple, Google und Spotify. Doch wenn es nicht mehr um den Verkauf von Platten geht, was bleibt dann noch übrig, womit Künstler und Verlage Geld verdienen können? Die Antwort ist naheliegend: Musik.

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MIDEM 2014: Auf der Suche nach der Zukunft der Musikindustrie

Cannes (Bild: Mathieu Lebreton [CC BY 2.0], via Flickr)

Vom 1. bis 4. Februar 2014 findet die alljährliche Musikfachmesse MIDEM in Cannes statt. Die Netzpiloten sind live vor Ort, um einer ganzen Industrie bei der Suche nach der Zukunft (und dem Geld) im Digitalen zu zuschauen. // von Tobias Schwarz

Cannes (Bild: Mathieu Lebreton [CC BY 2.0], via Flickr)

Bereits seit 1967 treffen sich Vertreter von Verlagen, Labels, Musiker und Manager in der südfranzösischen Riviera. um sich über die neuesten Trends auszutauschen und Geschäfte zu machen. Doch der Glanz einstiger Tage, als die MIDEM (Marché international de l’édition musicale) als größte Musikmesse der Welt galt, scheint vorbei zu sein. Die Digitalisierung hatte bisher mehr Disruption als neue Möglichkeiten für die Musikwelt übrig. So verwundet es nicht, dass zehn Jahre nach dem sich die MIDEM thematisch mit dem Musikverkauf im Internet auseinandersetzte, dieses Thema immer noch maßgeblich das Programm beeinflusst. Unter dem Motto „Get back to Growth? Make it Sustainable!“ versucht die Musikindustrie in den nächsten vier Tagen neue Wege zu finden.

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Tim Renner: Vordenker für ein zeitgemäßes Urheberrecht

Tim Renner: Vordenker für ein zeitgemäßes Urheberrecht

Tim Renner hat in seinem Leben schon viele Rollen eingenommen – Punkrocker, Publizist und der mächtigste Mann der deutschen Musikbranche sind nur drei davon. Ein „kraftvoller Visionär“ für die einen, ein „überschätzter und aufgeblasener Kerl“ für die anderen – im persönlichen Gespräch wirkt der Medienmanager seiner Umstrittenheit zum Trotz völlig unaufgeregt.

Der gebürtige Berliner mit dem rotblonden Haar ist ein jugendlicher Typ, dessen Erscheinung so gar nicht zum Klischee eines aalglatten Managers passen will. Im Jeans-und-Turnschuh-Look, der auch dem Frontmann einer Indie-Band gut zu Gesicht stünde, sitzt er in seinem Büro in Berlin Mitte und begegnet dem Gesprächspartner mit Interesse, ja Neugierde. Seine blauen Augen leuchten, er wirkt sehr aufmerksam und entspannt zugleich. Wenn Tim Renner spricht, liegt seine Ausstrahlung irgendwo zwischen der eines Dozenten (er hat eine Professur an der Mannheimer Pop-Akademie inne) und eines Kumpeltypen. Man sollte den Sympathie-Faktor, den er zweifelsohne hat, jedoch keinesfalls mit einem Mangel an Biss verwechseln. Tim Renner war nicht umsonst der Chef von Universal Deutschland. Er weiß, was er kann und was er will. Doch nicht nur das macht ihn zu einem interessanten Player in der Musikbranche einerseits und in der Netzszene andererseits.

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Dirk Dresselhaus: „Ich möchte die Musik weiterentwickeln“

Dirk Dresselhaus by Christian ObermaierNachdem Dirk Dresselhaus vor allem durch Indiebands wie „Hip Young Things“ und „Locust Fudge“ bekannt wurde und sich später als „Schneider TM“ einen Namen in der Elektronik-Szene gemacht hat, arbeitet der Musiker in letzter Zeit auch immer häufiger an Soundtracks. An welche Projekte Dirk derzeit arbeitet und welchen Blick er auf die Musikindustrie hat, erzählt er uns in diesem Interview.


Deine erste Filmmusik war zu „1.Mai- Helden bei der Arbeit“ (2008)?

Da habe ich einen Teil der Filmmusik gemacht. Das war ja ein Film von drei Regisseuren und ich
hab mit Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser zusammengearbeitet, die eine von den drei
Episoden gemacht haben. Das ist ein Regieteam, Carsten Ludwig schreibt eher die Drehbücher
und Jan-Christoph Glaser ist eher der Regisseur, aber sie arbeiten auch an beidem zusammen.
Wir kannten uns indirekt schon länger. Die haben vorher einen Film gemacht mit Christoph Bach
in der Hauptrolle, der hieß „Detroit“ und war absolut genial. Christoph Bach kannte ich wiederum
schon einige Zeit privat und ein gemeinsamer Freund hat ihm mal unveröffentlichte Stücke von
Kptmichigan und mir zukommen lassen, die auch bis heute noch unveröffentlicht sind. Und die
haben diese Tracks die ganze Zeit gehört, als sie „Detroit“ gemacht haben, sich aber irgendwie
nicht getraut zu fragen, ob wir die Filmmusik machen könnten, was ich überhaupt nicht
nachvollziehen kann. Jahre später sind sie dann bei mir auf einer Geburtstagsparty aufgetaucht
und haben mich gefragt, ob ich die Musik zu „1.Mai“ machen würde. Und ich habe ‚Ja‘ gesagt,
weil ich immer schon mal Filmmusik machen wollte. So hat sich das ergeben. Das war die erste
Musik, die ich direkt für einen Kinofilm aufgenommen habe.

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Warum die Blockade von Union und Musikindustrie nicht überrascht

Warum mich die Blockadepolitik von Union und Musikindustrie nicht überraschtRechtsanwälte, Wettbewerbs- und Abmahnvereine machen seit Ewigkeiten richtig dicke Kohle mit dem Abmahngeschäft. Das Ganze ist ein reiner Papierkrieg mit richtig schöner Rendite. Ohne viel Aufwand wird eine Software im Internet eingesetzt, um Verstöße gegen Urheberrecht oder gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb zu erforschen. Das Standardschreiben ist immer gleich, nur Name und Adresse des „Rechercheopfers“ und den Sachverhalt eintragen, frankieren, eine eklig kurze Frist für die Unterlassungserklärung setzen und raus das Ding mit einer Kostenberechnung, die pro Abmahnung mehrere hundert Euro beträgt – natürlich wird der Streitwert richtig hoch angesetzt, damit man die Abmahnsummen nach oben treiben kann.

Diese Abmahnfabriken können mit der Angst der Empfänger kalkulieren. Lieber eine Unterlassungserklärung außergerichtlich akzeptieren, als den unkalkulierbaren Fortgang der Geschehnisse abwarten und noch auf eigene Rechnung einen Rechtsanwalt einschalten. Es könnte ja vor Gericht gehen mit der Gefahr, den Prozess zu verlieren.

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Piraterie reicht nicht als Erklärung für Preisdruck

 Bei Techdirt ist vor ein paar Tagen ein interessanter Beitrag erschienen, der sich mit der Frage auseinander setzt, ob die Major-Labels im Musikmarkt ihren Bedeutungsverlust hätten verhindern können, wenn sie das iTunes-Modell früher angewandt hätten: Did The Recording Industry Really Miss The Opportunity To ‚Monetize‘ Online Music? Besonders treffend finde ich die Betonung, dass der durch die Verfügbarkeit quasi kostenloser digitaler Inhaltekopien ausgelöste Preisdruck im Musikmarkt unabhängig von Piraterie entsteht: Weiterlesen »

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