Dirk Dresselhaus: „Ich möchte die Musik weiterentwickeln“

Dirk Dresselhaus by Christian ObermaierNachdem Dirk Dresselhaus vor allem durch Indiebands wie „Hip Young Things“ und „Locust Fudge“ bekannt wurde und sich später als „Schneider TM“ einen Namen in der Elektronik-Szene gemacht hat, arbeitet der Musiker in letzter Zeit auch immer häufiger an Soundtracks. An welche Projekte Dirk derzeit arbeitet und welchen Blick er auf die Musikindustrie hat, erzählt er uns in diesem Interview.


Deine erste Filmmusik war zu „1.Mai- Helden bei der Arbeit“ (2008)?

Da habe ich einen Teil der Filmmusik gemacht. Das war ja ein Film von drei Regisseuren und ich
hab mit Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser zusammengearbeitet, die eine von den drei
Episoden gemacht haben. Das ist ein Regieteam, Carsten Ludwig schreibt eher die Drehbücher
und Jan-Christoph Glaser ist eher der Regisseur, aber sie arbeiten auch an beidem zusammen.
Wir kannten uns indirekt schon länger. Die haben vorher einen Film gemacht mit Christoph Bach
in der Hauptrolle, der hieß „Detroit“ und war absolut genial. Christoph Bach kannte ich wiederum
schon einige Zeit privat und ein gemeinsamer Freund hat ihm mal unveröffentlichte Stücke von
Kptmichigan und mir zukommen lassen, die auch bis heute noch unveröffentlicht sind. Und die
haben diese Tracks die ganze Zeit gehört, als sie „Detroit“ gemacht haben, sich aber irgendwie
nicht getraut zu fragen, ob wir die Filmmusik machen könnten, was ich überhaupt nicht
nachvollziehen kann. Jahre später sind sie dann bei mir auf einer Geburtstagsparty aufgetaucht
und haben mich gefragt, ob ich die Musik zu „1.Mai“ machen würde. Und ich habe ‚Ja‘ gesagt,
weil ich immer schon mal Filmmusik machen wollte. So hat sich das ergeben. Das war die erste
Musik, die ich direkt für einen Kinofilm aufgenommen habe.

Du hast auch für den Film „66/67“ (2009) von Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser die Musik komponiert. Hattest du da irgendwelche Vorgaben?

Naja, ich bin ja kein Filmmusiker im klassischen Sinne und habe da auch eher einen
spielerischen Ansatz. Ich mache auch gerne Sachen für einen Film, die ich z.B. für meine neue
Platte nicht unbedingt machen würde… Man tauscht sich natürlich aus. Es gab jetzt keine
Vorgaben in dem Sinne, aber zu „66/67“ hätte man jetzt keine reine Electronica- Ambient-Musik
machen können, obwohl so etwas auch darin vorkommt. Es gab eine Vorgabe mit dieser Band
(‚Magnetband‘), für die ich die Musik entwickelt habe und die im Film vorkommt. Dann gibt es
andere Stücke, die in eine ähnliche Richtung gehen und Stücke, die sich sehr mit dem
Sounddesign und echten Geräuschen vermischen. Die hört man vielleicht gar nicht als Musik. Es
gibt oft Situationen, wo man nicht genau weiß: ‚Ist das jetzt Musik oder sind das komische
Geräusche, die da auf der Straße sind?‘, oder so. Das finde ich halt interessant und über solche
Sachen haben wir uns schon ausgetauscht. Ich würde jetzt auch keinen Film machen, bei dem
ich das Gefühl habe, dass der Regisseur oder die Produktionsfirma etwas von mir will, wozu ich
entweder keine Lust habe oder was ich gar nicht kann. Also, es ist schon im Voraus in etwa klar,
worum es im Groben geht. Es gibt einen Austausch und für mich als Musiker ist es wichtig das es
mir Spaß macht, sonst würde es auch nicht gut werden.

Wer hat in der Band mitgespielt, die für den Film erfunden wurde (‚Magnetband‘), oder hast
du die Stücke alleine aufgenommen?

Die Musik habe ich bis auf Kleinigkeiten komplett alleine aufgenommen. Dann gibt es noch eine
Sängerin namens Nina Asseng, mit der habe ich zwei Texte zusammen geschrieben und
gesungen, die taucht auch im Film als Sängerin dieser Band auf. Aber im Prinzip ist die Band
eine, die ich mir ausgedacht habe und die sicherlich auch Einflüsse von meinen alten Bands hat.
Im Film gibt es dann auch personelle Überschneidungen. Olaf Arndt von den ‚Hip Young Things‘
hat im Film Schlagzeug gespielt und Dirk Kretz von ‚Tuesday Weld‘ Bass, aber das war natürlich
alles Playback. Ich habe da ein paar Freunde gefragt, ob sie Lust haben die Band im Film zu
spielen. Leider nicht live. Das hätte man theoretisch machen können, ist bei einem Film aber
natürlich nicht so einfach.

Du hast auch für einen Dokumentarfilm Musik gemacht, „Reine Männersache“ (2011).

Ja, das war auch für das kleine Fernsehspiel. „Reine Männersache“ ist eine Doku von Susanne
Binninger über Männer in Identitätskrisen, die eigentlich nicht das leben können, was sie gerne
leben würden, aber durch gesellschaftliche Zwänge in irgendeine Rolle gedrängt werden und
deswegen eine Krise haben, mehr oder weniger. Ein sehr interessanter Film. Ich wusste nicht
das es so etwas gibt. Da kamen sehr interessante Sachen zu Tage… Meine japanische Freundin
hat ihn gesehen und war extrem verwirrt danach. Da gab es eine relativ klare und minimalistische
Vorgabe, und zwar: Schlagzeug und Bass. Es sollte irgendwie unrund klingen, wie ein Rad, das
eiert. Da habe ich auch teilweise direkt zum Film gespielt, dazu improvisiert, aber auch ohne Film
Sachen aufgenommen.

Da war die Vorgabe ganz schön, weil man sich dann innerhalb solcher Koordinaten relativ frei
austoben kann. Denen habe ich vorher auch ein zwei Sachen gegeben als Vorschlag, die ich
noch so herumliegen hatte. Aber es war sehr schnell klar, das die Regisseurin an ihrer Vision der
Musik festhielt. Sowas ist auch cool und macht wirklich Spaß.

Weißt du vorher für welche Szenen deine Musik benutzt wird?

Das ist immer unterschiedlich. Manchmal ist es schon ganz konkret, da wird dann Musik zu einer
ganz konkreten Stelle gemacht. Es kommt vor, das die dann trotzdem für andere Szenen benutzt
wird, als Remix sozusagen. Das mache ich sehr viel, dass ich Musik aus dem gleichen
Rohmaterial generiere, sich aber in sehr unterschiedliche Richtungen fortsetzen lasse. Das ist
der elektronische Aspekt. Ich spiele dann viel mit Effekt Feedbacks, ich dubbe ganz viel,
resample. Bei den beiden Filmen für die ich jetzt Musik mache, sind das eigentlich nur
Improvisationen mit Slide-Gitarre und Effekten, das dient dann quasi als Steinbruch, daran wird
dann weitergemacht. Da kann man sich dann kleine Teile nehmen, die dann noch in andere
Richtungen manipuliert werden können. Das war auch bei „66/67“ so, da gab es z.B. einen
Akustik-Song, den ich als Schneider FM mal aufgenommen habe und daraus habe ich dann
diese Hooligan-Punkrock-Hymne über Eintracht Braunschweig generiert. Also ich habe das
gleiche Stück genommen, aber einen ganz anderen Text und eine andere Instrumentierung. Da
gab es dann später diese Akustik und diese rockige Hooligan-Oi-Punk-Version. Und aus diesen
Sachen habe ich dann auch wieder so Drone-Sachen generiert, die dann eher so Flächen
wurden. Das mach ich eigentlich ganz gerne, das ich mir relativ wenig Ausgangsmaterial selber
schaffe aus dem ich dann möglichst viel mache. Dadurch entsteht dann ein roter Faden. Das
finde ich wichtig bei Filmmusik, das es nicht so ein wahlloses Aneinandergereihe von Ideen,
Songs, Score und sonstwas ist, sondern das es irgendwie alles irgendwie miteinander zu tun hat
und trotzdem unterschiedlich ist. Also nicht weitergehend als Interpretation des gleichen Songs,
sondern wirklich totales Deformieren von Material… So wie ich arbeite kann ich eigentlich aus
allem alles machen, wie wenn man als Töpfer mit Ton an Skulpturen arbeitet. Das Wort Ton ist in
dem Zusammenhang ja gar nicht mal so falsch, ist nur anderer Ton…

Gerade hast du also für zwei weitere Filme Musik gemacht?

Ja, das sind zwei kürzere Filme. Der eine ist eine Stunde lang und ist auch von Carsten Ludwig.
Der heißt „Leerstellen“, wird auch im Rahmen des ‚kleinen Fernsehspiels‘ im ZDF laufen und auf
Filmfestivals, schätze ich. Der andere heißt „Teilhart“, das ist ein 30 minütiger Kurzfilm von
Christoph Ischinger. Für beide Filme habe ich eigentlich relativ ähnliche Sound und NoiseScapes
mit Slide Gitarre und Effekten gemacht, sehr droniges Material. Das waren auch die
Ideen der Regisseure, unabhängig voneinander, die kennen sich glaube ich gar nicht. Das sind
Leute die meine Musik mögen und mich dann fragen, etwas dafür zu machen und dann ist auch
klar, das es irgendwie Musik wird, die so wie ich Musik mache, dafür machen würde…
Denen habe ich jeweils relativ viel Rohmaterial zur Verfügung gestellt, also wirklich Stunden. Und
die haben auch so gearbeitet, das sie sich Teile aus teilweise eineinhalbstündigen
Improvisationen herausgenommen und damit selber herumgespielt haben beim Schnitt, was sehr
dankbar für beide Seiten ist. Ich habe die Filme noch nicht mal gesehen. Ich hab die Drehbücher
gelesen und irgendwie den Vibe des Projekts im Kopf gehabt und einfach aufgenommen. Ich
glaube auch, das man so sehr passende Sachen macht. Ich glaube an Synchronität. Ich glaube,
das manchmal sogar interessantere Sachen entstehen, wenn man nicht, was auch Spaß macht,
direkt zum Film improvisiert, sondern einfach weiß worum es geht und dann relativ frei dazu spielt
und schon mal die Basis schafft für einen Soundtrack, den man nachher trotzdem noch in
verschiedene Richtungen manipulieren kann.

Ist durch die Musikindustrie-Krise das Arbeiten an Filmmusik reizvoller geworden?

Mitte oder Ende der Neunziger gab es die ja so noch nicht, aber das fing schon vor mehr als
Zehn Jahren an. Da habe ich natürlich auch eher indirekt was von mitbekommen, aber ich arbeite
sowieso eher antizyklisch und jetzt auch nicht auf hohe Verkaufszahlen hinaus. Ich möchte die
Musik weiterentwickeln. Mich interessieren Verkaufszahlen nur, solange ich davon irgendwie
leben kann. Aber ich hab auch nie nur von Plattenverkäufen gelebt, das hat sich immer irgendwie
anders zusammengesetzt.

Ich finde das eigentlich auch ganz gut mit der Krise. Die Finanzkrise ist ja auch keine Finanzkrise,
sondern eine Systemkrise. Im Prinzip hat die Platten oder Musikindustrie das 10 oder 15 Jahre
vorweggenommen, was jetzt eigentlich in allen Bereichen passiert. Jetzt bricht Das zusammen,
was eigentlich auch gar nicht funktionieren kann. Es bricht zusammen, was auf Wachstum hinaus
unternommen wird und nicht daraufhin, was die Menschen brauchen oder gesund wäre. Die
Musikindustrie schrumpft, weil sie 30, 40 Jahre lang unverhältnismäßig betrogen hat, kann man
fast sagen. Tonträger haben soviel gekostet wie sie eigentlich gar nicht hätten kosten müssen.
Da wurde geguckt, wie viel man aus dem Endverbraucher herausholen kann. Und die Krise ist
jetzt die Retourkutsche, das ist ganz normal.

Und ich mache ja jetzt nicht unbedingt Musik für Blockbuster. Gemessen an der Arbeit, die
dahintersteckt, bekommt man da nicht viel Geld. Reizvoll ist es sowieso, mir macht es Spaß. Und
ich würde jetzt nichts nur wegen dem Geld machen, ich muss da irgendwie andocken können. Ich
muss das Gefühl haben, ich kann da etwas Gutes machen, sonst bringt es das nicht. Sonst ist
der Regisseur unglücklich und ich auch. Ich versuche Filmmusik auch immer trotz Vorgaben nach
meinen Regeln zu machen und nur dann wird es gut, das weiß ich einfach. Wenn ich anfange
wochenlang an etwas herumzufriemeln oder rumzudrehen, das reine Bedienung von
irgendwelchen imaginären Bedürfnissen einer Produktionsfirma wäre, dann mache ich das nicht.
Das würde ich auch abbrechen.

Tauschst du dich mit anderen Filmmusikern aus?

Nein. Außer mal mit Largoland, die auch einen anderen Background haben und mit denen ich an
„1.Mai“ zusammengearbeitet habe. Ich kenne schon Musiker, die gelegentlich Filmmusik
machen, aber ich kenne mich da nicht aus. Ich habe Lust Filmmusik zu machen, aber nicht
unbedingt Interesse mich damit konventionell zu beschäftigen. Ich finde die meiste Filmmusik
auch eher langweilig. Ich möchte das als Außenstehender machen, wie eigentlich alles Andere
auch.

Aber ohne die Filmmusik hätte ich auch kein eigenes Studio bauen können, das ist ganz klar.
Auch wenn es verhältnismäßig wenig Geld ist, was man damit verdient, ist es trotzdem so, das es
da ein Budget gibt und da muss ich auch mal für Urheberrechte sprechen. Auch wenn ich die
GEMA in vielen Punkten kritisch sehe, lebe ich zu großen Teilen von GEMA-Einkünften. Wenn
man Filmmusik macht und das Ergebnis läuft im Kino oder Fernsehen, dann bekommt man ein
paar Jahre später Urheberrechte dafür. Das läppert sich, auch wenn es nicht so riesige Beträge
sind. Ich kann nur so sagen: Ohne das könnte ich wahrscheinlich gar nicht von der Musik leben.
Sowas wie die GEMA ist im Prinzip toll, nur hat sie etwas veraltete Regeln und vor allem das mit
den Strafen geht gar nicht. Ich finde, man kann auch selber entscheiden, ob man Musik
verschenken möchte, was ich auch teilweise tue, oder ob man dafür Geld verlangt.
Wenn jetzt irgendwas im Fernsehen gesendet wird, was ich komponiert oder woran ich gearbeitet
habe, oder irgendwer anderes, dann finde ich es gerecht wenn man dafür bezahlt wird. Das ist
halt die Arbeit die man macht. Wenn es jetzt das Bedingungslose Grundeinkommen gäbe, was
es ja hoffentlich irgendwann gibt, dann kann man das auch umsonst machen. Aber irgendwoher
muss man Geld bekommen um zu leben. Da muss man halt mehr differenzieren. Diese harten
Fronten, die es da gerade bezüglich des Urheberrechts gibt, finde ich etwas unrealistisch. In
beide Richtungen.

Du arbeitest momentan neben deiner Filmarbeit auch an neuen Alben?

Ja. Mit ‚Angel‘ haben wir im September bei Editions Mego ein neues Album herausgebracht. Als
Schneider TM habe ich ein neues Album fertig, das heißt ‚Construction Sounds‘, das aus Field
Recordings von Baustellen und elektronischen Improvisationen generiert ist. Das ist aber schon
älteres Material Da arbeite ich seit 10 Jahren dran, weil ich in und an Baustellen gelebt habe. Das
wird im Herbst bei Bureau – B., einem sehr schönen Hamburger Label veröffentlicht.
Dann mache ich gerade mit Jochen Arbeit von den ‚Einstürzenden Neubauten‘ und meiner
Freundin Tomoko Nakasato, die Tänzerin ist, Auftritte zusammen. Also sehr viel Improvisationen
mit wechselnden Leuten, wobei sicher auch das ein oder andere Album in den nächsten Monaten
fertig werden wird, mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Ich arbeite auch an einem neuen
regulärem Schneider TM Album, wobei das sicher noch länger dauern wird, bis es fertig ist. Also,
das ‚Construction Sounds‘-Album zählt für mich auch als richtiges Album, aber es ist ein sehr
explizites Projekt, was sich mit diesem einen Thema beschäftigt und eigentlich eine Noise-Platte
ist. Das hat mit Popmusik nichts zu tun. Also für mich schon, aber für den Rest der Welt wohl
eher nicht.


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