Nachrichten als Designherausforderung

Studenten und Mitglieder des Nieman Lab haben ein ganzes Semester damit zugebracht, neue Lösungen für die Einbindung des Publikums zu bauen, bessere Tools für die Datenauswertung zu erfinden und Ideen für Medienstartups zu sammeln. Jedes Frühjahr gibt Ethan Zuckerman einen Kurs mit dem Titel „Future of News and Participatory Media“. (dt.: „Die Zukunft der Nachrichten und die teilnehmenden Medien“). Der Kurs wurde speziell für Nieman Lab-Leser entwickelt, denn der Anspruch den Zuckerman daran hat, ist die Nachrichten als „Herausforderung in Design und Konstruktion“ zu sehen. (Und es ist kein Zufall, wenn man in diesem Kurs öfters Mitglieder und Mitarbeiter des Nieman Lab antrifft.)

Aus dem Unterrichtsprogramm: „Wir untersuchen die Systeme, die Journalisten nutzen, um Nachrichten zu senden und zu verbreiten, aber wir konzentrieren uns darauf, unsere eigenen Tools und Methoden anzuwenden, um diese Herausforderungen anzugehen„.

Einer der interessantesten Teile des Kurses sind die Abschlussprojekte der Studenten, die der Beschaffung und Verbreitung von Informationen gelten. Der diesjährige Ertrag der Projekte bestand aus Hilfsmitteln, um mehr Inhalt in die Nachrichten hineinzubringen, neue Plattformen der Publikumseinbindung, neue Ideen für Medienstartups und Daten auszuwerten.

Manche dieser Ideen entwickeln sich auch außerhalb des MIT-Kontextes weiter. FOLD, eine Plattform die es Nutzern ermöglicht, Kontext durch multimediale Elemente zu erschaffen, wurde als erstes in den Kursen von Zuckerman entwickelt und schließlich veröffentlicht. Ein paar der Projekte aus dem letzten Jahr, die ich besonders interessant fand, habe ich aufgelistet. Die komplette Projektliste finden Sie hier.

Backstori.es

Was moderne Fernsehshows und die Nachrichten gemeinsam haben ist, dass permanente Bedürfnis die Leute darüber zu informieren, was sie vielleicht verpasst haben. Wenn Sie „Scandal“ oder „Game of Thrones“ gesehen haben, kennen Sie die „Was bisher geschah“-Zusammenfassung am Anfang, bei denen vorherige Folgen zusammengefasst werden. So ähnlich fühlt es sich an, wenn man in eine gerade stattfindende Newsstory einsteigt und noch nicht alles über die Hintergründe von Themen wie Amtraks Safety-Record oder die vorherigen Erdbeben in Nepal weiß.

Das Team hinter Backstori.es, bestehend aus dem Nieman-Mitglied Celeste LeCompte, dem früheren Mitarbeiter Liam Andrew und Sean Flynn, wollten es Journalisten einfacher machen, Zusammenfassungen für Nachrichten zu erstellen. Hier findet man Links für alle möglichen Stories und Hintergrundinfirmationen, sowie Bilder und Texte für kurze Videos.

Backstori.es ist ein webbasiertes Tool, das es Journalisten ermöglicht, semi-automatisch eine Hintergrundstory in Videoformat für alle möglichen Nachrichten zu erstellen. In weniger als fünf Minuten können sich die Nutzer eine Liste an relevanten Berichten zusammenstellen (indem man die inline-Links und anderen Strukturdaten benutzt), die wichtigsten Schlagzeilen und Bilder heraussuchen und diese entsprechend der Veränderungen arrangieren.

Ein fertiges Video würde dann etwa so aussehen:

Peanut Gallery

Leserkommentare sind so etwas wie der weiße Wal für Journalisten: manche wollen sie jagen und vernichten, andere wollen sie lieber retten. Das Team, das Peanut Gallery erfunden hat, bestehend aus Bianca Datta, Vivian Diep und Nieman-Mitglied Kitty Eisele, setzt darauf, Kommentare durch mehr Sprachnuancierungen, Design und User Experience der derzeitigen Systeme festzusetzen.

Um ein ideales Kommentarsystem aufzubauen (beispielsweise eine Diskussion, die themenrelevant und höflich bleibt und zudem neue Ideen mit einbringt), konzentriert sich das Team darauf, welche visuellen Hinweise es geben könnte, wenn man die Leserkommentare anschaut. Sie schreiben: „Wir erforschen das Design der Kommentare, um die Emotionen und den Tonfall der Nutzer durch eine Mischung aus Stimmungsanalyse, typographischem Verhalten und einer neuen Art der Zensur zu reflektieren.

Das sieht dann so aus, als würde ein Kommentartool „positive“ Worte in roter und „negative“ Worte in blauer Farbe markieren, oder bestimmte Worte, auf die viele Ausrufezeichen folgen, auslassen. Das Ziel wäre es, ein Messgerät zu entwickeln, wie die Leser auf Inhalte reagieren, um den Einfluss der Berichterstattung nachzuvollziehen.

WeCott

In den letzten Jahren versuchten manche Medienunternehmen, den Einfluss ihrer Arbeit in der echten Welt zu messen. Ab und zu betonten Reporter und Redakteure die Verabschiedung oder Verhinderung mancher Gesetze anekdotisch. Bei den meisten Artikeln ist es jedoch vergleichsweise schwer herauszubekommen, wie diese einen signifikanten Wandel eingeleitet haben könnten. Eine Lösung wäre es den Lesern Werkzeuge in die Hand zu geben, um sich mit dem kürzlich gelesenen Thema weiter zu beschäftigen. WeCott ist eine Plattform, die es den Menschen ermöglicht, sich um ein aktuelles Thema herum zu organisieren. Die Leser sollten ihre Informationen dann mit WeCott teilen, Spenden sammeln oder Aktionen planen, die nach der Berichterstattung stattfinden.

Stellen Sie es sich wie ein Kickstarter für Aktivisten vor, die alles aus den Nachrichten erfahren haben. Ein Beispiel: Die Nieman-Mitglieder Alicia Stewart und Wahyu Dhyatmika, Amy Zhang, Giovana Girardi und Anna Nowogrodzki tun gerade alles dafür, dass Nagelstudios in New York gemieden werden, nachdem die New York Times über die Arbeitsbedingungen der Salonmitarbeiter berichtete.

Periodismo de Barrio

Nieman-Mitglied Elaine Diaz Rodriguez nutzt die Zeit während Zuckermans Kurs, um die Idee zu Periodismo de Barrio zu entwickeln. Das ist ein gemeinschaftliches Journalismusprojekt, das Meldungen und Informationen in den Gegenden zusammenträgt, die sich gerade von Krisenzeiten erholen. Diaz kommt aus Kuba und plant das Projekt in ihrem Heimatland aufzubauen:

Ich versuche, die persönliche Tradition eines menschlichen und respektvollen Journalismus aufrechtzuerhalten, der dem Elend anderer Leute gegenüber sensibel geblieben ist. ‚Periodismo de Barrio‘ will eine komplexere Perspektive auf die Situation anbieten. Auch wenn es in Kuba schwierig sein kann, an bestimmte Quellen heranzukommen, wenn man jedoch nahe bei dem Menschen bleibt, und nicht zu sehr in Richtung der Institutionen geht, und sich Instrumenten wie der Gemeindeversammlung bedient, so sollte die Entwicklung des Projekts durchaus Erfolg haben.

Die Idee wäre, dass Periodismo de Barrio in Paketen oder „paquetes“ anzubieten, die auf USB-Sticks passen und Artikel von Diaz und anderen Mitarbeitern enthalten würden.

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image „MIT“ (adapted) by Andrew Hitchcock (CC BY 2.0)

 

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Justin Ellis

Justin Ellis

ist Redaktionsassistent im "Nieman Journalism Lab". Davor arbeitete er als Autor beim Portland Press Herald/Maine Sunday Telegram, wo er über die Themen Wirtschaft, Politik, Kultur und Technologie berichtete. Ellis war Fellow des "Knight Digital Media Center" und für "Investigative Reporters and Editors" tätig.

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