Nie mehr die Klappe halten: Spoiler können die Vorfreude steigern

Im vergangenen Dezember hatte ich Tickets für „Star Wars: The Force Awakens“ besorgt, um diesen in der Nacht nach der Premiere zu sehen. Als ich an dem Tag bei der Arbeit war, wurde mir etwas mulmig: Was, wenn ich jemandem zuhören muss, der über den Film spricht? Was, wenn ich aus Versehen online etwas sehe, dass einen wichtigen Handlungstwist verrät? Viele kennen diese Erfahrung, sich von Spoilern fern zu halten: man nutzt kein Social Media mehr, muss vor Kollegen flüchten, die gerade aktuelle Handlungsentwicklungen diskutieren, Artikel mit vielversprechenden Überschriften werden schnell weggeklickt. Die Angst dabei besteht darin, dass man sich dieses Erlebnis der Ersichtung komplett ruiniert – oder zumindest fürchtet man, das Erlebnis nicht so sehr genießen zu können, wie man es gewollt hätte. Deshalb gibt es heutzutage überall Spoiler-Warnungen (wie auch gerade in den Artikeln über den neuen „Ghostbusters“ Film) – auch, weil das Teilen von ungewollten Spoilern als enorm unfaires Verhalten gilt. Aber manchmal ist unser Verhalten nicht besonders logisch – wenn es beispielsweise so wichtig für das Sehvergnügen ist, dass man vorher nicht weiß, was passieren wird – wieso schauen wir dann Filme, die wir mögen, überhaupt öfter als ein Mal? In den letzten paar Jahren wurden einige Studien durchgeführt, die den Effekt, den Spoiler im Alltag haben, getestet. Achtung: Die Studienergebnisse könnten dafür verantwortlich sein, dass sich der Blick auf bestimmte Handlungsstränge verändert.

Eine Studie mit einer überraschenden Wende

In einer Studie der Psychologen Jonathan Leavitt und Nicholas Christenfeld mussten 819 Studenten Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Roald Dahl und Anton Chekhov lesen. Bevor sie anfingen, die Geschichten zu lesen, mussten einige Studenten vorher einen Absatz lesen, bei dem versehentlich das Ende der Geschichte verraten wurde. Andere lasen die Texte ohne Spoiler. Nachdem die Studenten die Geschichten gelesen hatten, mussten sie bewerten, wie sehr diese ihnen gefallen hat. Die Wissenschaftler fangen heraus, dass im Durchschnitt den Studenten die Geschichten etwas mehr gefallen haben, die vorher gespoilert wurden. Selbst nachdem die Ergebnisse auf die verschiedenen Genres heruntergebrochen wurden, blieb das Ergebnis das selbe, sogar für Thriller und für Handlungen mit überraschenden Wendungen – also bei Geschichten, bei denen man davon ausgeht, dass der Spaß dabei entsteht, dass man nicht weiß, wie die Geschichte endet.

Befriedigt durch Vorwissen

Es ist doch recht überraschend, dass jemand den Film noch mehr genießen kann, der bereits gespoilert wurde. Eine mögliche Erklärung ist das psychologische Konzept der „Geläufigkeit“. Umso mehr geläufig etwas ist – egal ob es eine Geschichte, ein Lied oder Gesicht ist – desto einfacher ist dies zu verarbeiten und zu verstehen. Viele psychologische Studien haben gezeigt, dass etwas umso mehr gemocht wurde, je einfacher es zu verarbeiten war. Eine Möglichkeit, wie Vorwissen dafür sorgt, dass eine Geschichte einem Spaß bereitet, ist, dass man dazu neigt, das Bedürfnis danach, bestimmte (möglicherweise auch falsche) Schlussfolgerungen zu ziehen, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln wird oder was ein Charakter denkt oder fühlt, zu verringern. Jeder hat diesen Effekt möglicherweise schon einmal beim Musikhören erlebt: Das erste Mal, wenn man ein Lied hört, denkt man möglicherweise, dass es nichts Besonderes ist. Aber sobald das Lied einem vertrauter wird und man weiß, wie es weitergeht, bemerkt man, dass es einem tatsächlich gefällt – eben weil das Lied einem jetzt mehr geläufig ist und man sich selbst dabei erwischt, dass man es umso mehr genossen hat. In einer weiterführenden Studie haben Leavitt und Christenfeld die Geläufigkeits-Theorie getestet, indem sie ihr Experiment an einer anderen Gruppe von 240 Studenten wiederholt haben. Diesmal haben die Wissenschaftler Artikel genutzt, die für Schüler geschrieben wurden und bereits bekannte Handlungsbausteine nutzen. Sie argumentierten, dass bei diesen einfachen und ziemlich vorhersehbaren Geschichten die Geläufigkeit bereits sehr hoch sein müsste und deshalb die Spoiler keine große Auswirkung auf das Vergnügen haben sollten – wenn sich dieses wirklich an der Vertrautheit misst. Wie bereits zu ahnen war, fanden sie heraus, dass die Studenten die Geschichten mit und ohne Spoiler gleich bewertet haben.

Manch einem zerstören Spoiler das Sehvergnügen

Die Ergebnisse suggerieren, dass das obsessive Vermeiden von allem, das möglicherweise eine Handlungsentwicklung verraten könnte, möglicherweise unberechtigt ist, denn man wird den Film, das Buch oder die Serie so oder so genießen. Aber was, wenn man davon überzeugt ist, dass man einem Spoiler ausgesetzt war und es tatsächlich das Lese- und Seherlebnis ruiniert? Man darf nicht vergessen, dass die Ergebnisse von Leavitt und Christenfeld reiner Durchschnitt waren. Es bedeutet nicht, dass jeder eine Geschichte mehr genießt, nachdem er gespoilert wurde. In der Tat unterstützt eine aktuelle Studie von Judith Rosenbaum und Benjamin Johnson die Idee, dass es eine Frage des Charakters ist, wie man auf Spoiler reagiert. Die Wissenschaftler haben sich auf zwei Persönlichkeitseigenschaften konzentriert: das „Bedürfnis nach Erkenntnis“ und das „Bedürfnis nach der Beeinflussung.“. Hier stellte sich Folgendes heraus: Menschen, die ein hohes Bedürfnis nach Erkenntnis haben, denken und suchen lieber mehr nach Aktivitäten, die kognitives denken voraussetzen – wie bei einem Kreuzworträtsel. Gleichermaßen ist es bei Menschen mit hohem Bedürfnis nach der Beeinflussung. Diese fühlen und suchen lieber nach emotionalen Aktivitäten, wie beispielsweise ein herzerwärmendes Video auf YouTube zu schauen. Obwohl diese beiden Persönlichkeitseigenschaften wie Gegensätze aussehen, sind diese unabhängig voneinander – es ist also für eine einzelne Person durchaus möglich, bei beiden Eigenschaften deutiche Anzeichen zu zeigen – oder bei keiner von beiden. Die Wissenschaftler haben bei einer weiteren Studie mit 368 Studenten herausgefunden, dass Menschen, die einen hohen Bedarf nach Beeinflussung haben, im Durchschnitt eher zu den nicht gespoilerten Geschichten tendieren. Das kann möglich sein, da Menschen, die eher emotionale Erlebnisse genießen, eher von einer gewissen Ungewissheit darüber profitieren, wie die Handlung weitergehen könnte. Als ein Teil der Studie haben die Wissenschaftler den Studenten kurze Beschreibungen mit verschieden Geschichten präsentiert. Dann haben sie die Studenten gefragt, wieviel davon sie den anderen vorlesen möchten. Einige dieser Geschichten enthielten Spoiler, andere nicht. Interessanterweise fanden sie heraus, dass die Studenten mit einem gringen Erkenntnisbedarf im Durchschnitt eher die Spoiler zu den Geschichten lesen wollten. Das kann daher erwachsen, dass Studenten erwarten, dass Geschichten mit Spoilern einfacher zu verarbeiten sind. Allerdings haben diese Studenten später gleichermaßen das Lesen von Geschichten mit und ohne Spoiler genossen. In anderen Worten war hier die Intuition der Studenten über Spoiler absolut falsch – in diesem Fall hätten sie gespoilerte Geschichten mehr genossen. Diese Ergebnisse decken sich mit meiner Erfahrung. Als ich „The Force Awakens“ zum zweiten Mal gesehen habe, war der Film für mich bereits gespoilert – und zwar von mir selbst. Eine Recherche über Spoiler gibt vor, dass meine Erfahrung nicht sonderlich ungewöhnlich war. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass wir nicht immer unserer Intuition über unser eigenes Verhalten trauen sollten. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Talk Shows on Mute“ by Katie Tegtmeyer (CC BY 2.0)


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Alan Jern

Alan Jern

forscht im Bereich der Kognition und ist Dozent am Rose-Hulman-Institut für Technologie im US-Bundesstaat Indiana. Sein Spezialgebiet ist die soziale Kognition, insbesondere zur Frage, wie sich Verhaltensweisen ändern, wenn man mit neuen Fakten und Beweisen konfrontiert wird.

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