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Der nächste Schritt in nachhaltigem Design: Das Wetter kommt nach Hause

Bäume(adapted) (Image by 3938030) [CC0 Puplic Domain] via Pixabay)

Der primäre Zweck eines Gebäudes mag darin bestehen, das Wetter draußen zu halten. Allerdings erledigen die meisten Häuser ihre Aufgabe so überdurchschnittlich gut, dass sie uns versehentlich von zwei Schlüsselanforderungen für unser Wohlbefinden und unserer Effektivität berauben: Natur und Veränderung.

In den 1950ern begründete Donald O. Hebb mit seiner Erregungstheorie, dass Leute einen bestimmten Grad an Sinnesstimulation benötigen, um vollkommen aufmerksam zu bleiben. 30 Jahre später zeigt die wegweisende Forschung von Roger Ulrich, einem Designer im Gesundheitswesen, dass Krankenhauspatienten in Räumen mit Blick ins Grüne deutlich niedrigere Stresslevel hatten und schneller gesund wurden als Patienten, die lediglich auf eine Ziegelwand schauen konnten.

Unglücklicherweise sind viele Gebäude nicht mit einer grünen Umgebung gesegnet – vor allem in der Stadt ist dies der Fall. Ich bin in einer Gruppe von Architekten und Psychologen an der University of Oregon aktiv. In dieser Gruppe untersuchen wir Möglichkeiten, um dieses Problem mit Hilfe der Natur zu überwinden. Hierfür bedienen wir uns eines Aspektes, der überall verfügbar ist: Das Wetter. Man denke an wogendes Sonnenlicht, reflektiert vom Wasser an die Unterseite eines Bootes. Oder an gesprenkelte Schatten von sich in einer leichten Brise wiegenden Laubes. Andere Beispiele finden sich unter vitalarchitecture.org.

Als wir diese Arten von natürlichen Bewegungen nach drinnen brachten, stellten wir fest, dass diese die Herzfrequenz reduzieren und weniger störend wirkten als ähnliche, künstlich erzeugte Bewegungen. Frühe Ergebnisse suggerieren, dass das Wahrnehmen von natürlichen Bewegungen dieser Art in Innenräumen wohltuender war als durch ein Fenster die Natur zu betrachten. Darüber hinaus kann diese Aussicht nicht nur dazu beitragen, uns zu beruhigen, sondern kann auch unsere Aufmerksamkeit steigern.

Diese Befunde decken sich mit der Aufmerksamkeitswiederherstellungstheorie, die von Rachel und Stephen Kaplan – die als Psychologen an der University of Michigan arbeiten – aufgestellt wurde. Neben anderen Gesichtspunkten suggeriert deren Arbeit, dass derartige vertraute natürliche Bewegungsmuster uns wachsam zu halten können, ohne uns zu stören.

Jenseits des grünen Gebäudes

Während der letzten zwei Jahrzehnte haben Architekten und Ingenieure Ansätze für Gebäudedesigns entwickelt, die den Einfluss von Bauwerken auf die natürliche Umgebung („grüne“ Gebäude) und deren menschlichen Bewohner („gesunde“ Gebäude) bedeutend reduzieren. Diese Bewegungen konzentrieren sich jedoch in erster Linie auf neue Gebäude, was lediglich einer relativ kleinen Anzahl von Leuten zugutekommt. Im Vergleich zu den vielen Menschen, denen damit geholfen werden könnte, bereits bestehende Bauten bewohnbarer zu machen.

Außerdem sind sich viele Leute dieses Fortschritts nicht bewusst. Inklusive derer, die für das Beauftragen von Konstruktionen oder Umgestaltungen von Gebäuden verantwortlich sind. Viele Hauptmerkmale der grünen Gebäude, wie beispielsweise Energie und Wasserschutz, sind nicht umgehend wahrnehmbar. Daher liegen diese einfachen, aber wichtigen Faktoren oft brach.

Diverse führende Berichterstatter zu nachhaltigem Design – unter ihnen auch Judith Heerwagen oder der kürzlich verstorbene Stephen Kellert – haben angeregt, dass grüne Gebäude nicht länger einfach nur „keinen Schaden anrichten“ dürfen, um einen bedeutungsvollen Einfluss auf die gewaltigen Umweltprobleme zu haben. Vielmehr zählen die Fachleute Argumente auf, dass mittels der Bauwerke Möglichkeiten aufgezeigt werden müssen, um mit der Natur in Harmonie zu leben. Unser Bericht schlägt vor, dass man passive energiesparende Ausstattung in Gebäuden offensichtlicher für jene machen könne, die über diese verfügen und sie bewohnen. Indem man Sonnenlicht, Wind und Regen nach drinnen bringt, kann deren Verwendung gesteigert werden.

Das Wetter nach drinnen bringen

So kann beispielsweise ein lichtreflektierender Einlegeboden ein Hilfsmittel sein, der gewöhnlich an Fenstern von bestehenden Häusern nachgerüstet werden kann, um das Tageslicht tiefer in den Innenraum zu reflektieren. Aaron Weiss, ein Absolvent der University of Oregon, hat zusammen mit mir aufgezeigt, dass besagtes Brett sich bewegende Sonnenstrahlenmuster auf die Decke im Inneren reflektiert. Dies geschieht, wenn sich ein dünner Wasserfilm auf einem reflektierenden Brett befindet und der Wind darauf bläst.

In kontrollierten Experimenten unter der Verwendung eines fensterlosen Raums, eines Ventilators und einer energiereichen Lichtquelle konnten wir feststellen, dass das besagte windbewegte Sonnenlicht nicht nur die Herzfrequenzen der Bewohner senkte, sondern sich auch als beruhigender erwies als künstlich generierte Bewegungsmuster. Hier muss man betonen, dass die Windbewegungen nicht die Menge an übertragenem Licht reduzierte. Indes wurden die Ablagen umso sichtbarer für die Leute, die den Raum nutzten.

Wir fanden heraus, dass dasselbe für eine Reihe anderer grundlegender passiver Energiespartechniken zutrifft, samt Solarheizung, Sonnenschutz und natürlicher Belüftung. Das Hinzufügen von Sonne, Wind oder regengenerierten Bewegungen reduzierte nicht die Umweltleistung. Es offenbarte aber deren Funktionsweise für die, die das Gebäude benutzen.

Die beruhigenden Effekte der natürlichen Innenraumanimation könnten insbesondere hilfreich sein an stresserfüllten Orten, wie Krankenhäusern oder Arztpraxen. Also besonders an Plätzen wo Leute zusätzlichen Stress durch Warten erfahren. Aquarien werden zum Beispiel häufig in Wartezimmern verwendet, da man feststellte, dass sie beruhigende Effekte auf Patienten haben. Die Stressreduzierung kann sogar größer sein, wenn Bewegungen im Innenraum durch die freie Natur erzeugt werden. Wie zum Beispiel durch das Wetter.

Wie jedoch können wir die Bewegung ins Innere bringen? Ohne den Hauptzweck eines Bauwerks – der Schutz vor dem Wetter – zu untergraben? Es gibt drei einfache Wege. Wir können wettergenerierte Bewegungen in verglasten Innenhöfen einbauen; wir könnten Sonnenlicht nutzen, um Bewegungen von außerhalb auf innenliegende Oberflächen zu projizieren. Wir könnten es allerdings auch auf die Außenseite von lichtdurchlässigen Materialien wie beispielsweise Milchglas projizieren.

Kein echter Ersatz für Natur

Heutzutage sind auf diese Weise viele Arten von Naturphänomenen technisch zugänglich. Wir können Videos von sanft rollenden Meereswellen anschauen oder zu Regengeräuschen einschlafen. Es gibt sogar hochentwickelte Softwareprogramme, die diese Effekte digital erzeugen können. Also warum den Kampf mit der Neugestaltung von Gebäuden durchmachen, um diese Effekte nach drinnen zu bringen?

Um diese Frage zu beantworten, haben Jeffrey Stattler, ehemaliger Doktorand an der University of Oregon, und ich einen digitalen Schatten eines Baumes auf die Wand eines fensterlosen Raumes projiziert und getestet, ob es irgendeinen Unterschied in den Reaktionen der Leute gab. Die Reaktion hing davon ab, ob die Bewegung des elektronischen Baums von Veränderungen des Windes draußen oder vom Computerprogramm erzeugt wurde.

Die meisten Leute konnten nicht feststellen, ob die Bewegungen vom Wind oder vom Computer generiert wurden. Wenn diese jedoch glaubten, dass die Bewegungen durch den Wind erzeugt wurden, waren deren Beurteilungen der positiven Effekte in allen Kategorien bedeutsam höher. Anders gesagt: Wahrnehmungsveränderungen innerhalb eines Gebäudes haben wahrscheinlich eine größere positive Auswirkung auf uns, wenn wir denken, dass sie natürlich und lebendig sind. Wenn wir also nicht darauf vorbereitet sind, Leute zu täuschen, gibt es keinen wirklichen Ersatz für das Original.

Gemäß der Umweltschutzbehörde verbringen Leute in den Vereinigten Staaten heute mehr als 90 Prozent ihrer Leben drinnen. Eigenschaften, die uns in Innenräumen entspannter und produktiver machen, könnten so auf viele Menschen deutlich positive Effekte haben.

Beleuchtung, Beheizung und Kühlung dieser Bauwerke macht fast 40 Prozent des US-Energieverbrauchs aus. Dieselben natürlichen Innenraum-Animationseffekte könnten außerdem helfen, diese Prozentzahl zu reduzieren. Das geschieht, indem das öffentliche Bewusstsein des passiven Energiesparens in Gebäuden erhöht wird. Neben den praktischen Vorteilen für Mensch und Umwelt zeigt uns diese wetterbedingte Innenraum-Animation auch, dass uns unsere Häuser wieder mit der Natur in Verbindung bringen können. Obwohl wir uns zugleich von deren Extremen in der Natur distanzieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Bäume“ by 3938030 (CC0 Public Domain)


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3 Gründe, wieso wir süchtig nach unseren Smartphones sind

Smartphone1 (adapted)(Image by Pexels [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Apple hat kürzlich die Markteinführung seines neuen iPhone 8 und iPhone X bekanntgegeben, die mit eleganten neuen Funktionen ausgestattet sind. Apple erhofft sich ebenso, mit ihren iPhones eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Vor der Markteinführung gab Angela Ahrendts, Leiterin des Retail-Managements bei Apple, bekannt, dass ihre Geschäfte als so genannte „Marktplätze“ gleichzeitig einen offenen Raum verkörpern werden, die Außenbereiche, Diskussionsforen und die Vorstandsetagen miteinander kombinieren. Die mit Spannung erwartete Produkteinführung wurde von Millionen per Livestream, über Internetforen, Blogs und Nachrichtenmedien verfolgt. Ich war ebenfalls dabei.

Wieso also haben diese Telefone eine solche Anziehungskraft? Okay, es ist sicherlich nicht nur das bahnbrechende Design oder die Verbindung zur Gemeinschaft. Als Minister, Psychotherapeut und Stipendiat, der die Beziehung zu tragbaren Geräten studiert hat, glaube ich, dass es um weitaus mehr geht. Tatsächlich würde ich behaupten – wie ich in meinem Buch „Growing Down: Theology and Human Nature in the Virtual Age” auch dargelegt habe – dass Telefone unsere grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Hier also drei Gründe, wieso wir unsere Telefone lieben.

1. Teil eines erweiterten Ichs

Das Verständnis unseres Selbst wird gebildet, während wir uns noch im Mutterleib befinden. Die Entwicklung des Ichs beschleunigt sich allerdings nach unserer Geburt. Ein Neugeborenes klammert sich in erster Linie an seine primäre Bezugsperson und später an Dinge – und nimmt damit das sogenannte „erweiterte Ich“ auf.

William James, einer der führenden amerikanischen Psychologen des 20. Jahrhunderts, war unter den ersten, die sich für das erweiterte Ich aussprachen. In seinem Werk „Principles of Psychology“ definierte James das Ich als die „totale Summe von allem, was jemand sein Eigen nennen kann, nicht nur sein Körper und die psychischen Kräfte, sondern seine Kleidung, seine Frau und Kinder“. Wenn der Mensch irgendeinen Teil seines erweiterten Ichs verliert, darunter auch Geld oder andere wertgeschätzte Objekte, kann dies, wie er es erklärte, zu einem Gefühl von großem Verlust führen. In der frühen Kindheit weinen Kinder beispielsweise, wenn Babys und Kleinkinder plötzlich ihren Schnuller oder andere Spielzeuge verlieren, Spielzeuge, die Teil ihres erweiterten Selbst wurden.

Meiner Meinung nach spielen Telefone mittlerweile eine ähnliche Rolle. Es kommt nicht selten vor, dass ich eine plötzliche Welle von Angst aufkommen spüre, wenn mir mein Telefon herunterfällt oder ich es nicht finden kann. Meiner Erfahrung nach geht es vielen anderen Menschen ganz genau so. Es spiegelt sich ebenso darin wieder, wie oft wir unsere Geräte auf Neuigkeiten überprüfen.

Der Psychologe Larry Rosen und seine Kollegen der California State University fanden heraus, dass 51 Prozent der Mitmenschen, die in den Achtzigern und Neunzigern geboren wurden, Angst verspürten, wenn man sie davon abhielt, ihre Geräte für mehr als 15 Minuten auf Neuigkeiten zu überprüfen. Interessanterweise ist die Messgröße bei Menschen, die zwischen 1965 und 1979 geboren wurden, mit 42 Prozent merklich kleiner.

Der überwiegende Grund dafür liegt darin, dass sie in einer Zeit aufwuchsen, in welcher die Technologien tragbarer Geräte noch im Anfangsstadium waren und sich erst langsam verbreitet haben. Für diese Gruppe wurde das Telefon erst dann ein Teil ihres erweiterten Ichs, als sie in ihre Jugendjahre oder in ihre jungen Erwachsenenjahre kamen.

2. Die Erinnerung an liebevolle Beziehungen

Die Smartphones wurden auch mit ihren Spielen, Apps und Benachrichtigungen ein essentieller Aspekt unseres Selbstverständnisses. Das Ganze funktioniert so: Angelehnt an die psychodynamische Theorie, die besagt, dass Kindheitserinnerungen den Charakter formen, lege ich dar, dass unsere Theorie mit der Technik das Umfeld widerspiegelt, welches von unseren Eltern mit ihrer Fürsorge für uns geschaffen wurde. Dieses Umfeld, wie der britische Psychiater Donald W. Winnicott schrieb, dreht sich um Berührungen, einem aufmerksamen Bewusstsein gegenüber dem, was das Kind benötigt. Auch soll der Augenkontakt aufrechterhalten werden.

Auf die selbe Art und Weise durchleben wir die Berührungen und das Zugehörigkeitsgefühl erneut durch unsere Telefone. Die Technologie bietet uns eine Ebene, auf welcher das Ich sich befriedigen, spielen und sich lebendig fühlen kann – eine Ebene, die uns zuvor von Bezugspersonen bereit gestellt wurde.

Wenn wir unsere Telefone benutzen, werden wir an intime Momente erinnert – entweder aus unserer Kindheit oder dem Erwachsenenleben. Die im Gehirn chemisch gebildete Substanz Dopamin und das Liebeshormon Oxytozin, das eine große Rolle beim Eintritt des Höhengefühls nach der Einnahme von Drogen spielt, lösen ebenso ein Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit aus. Die Nutzung des Smartphones hat den gleichen Effekt, wie wenn Eltern ihr Kind auf eine liebevolle Weise anschauen oder wenn sich zwei verliebte Menschen in die Augen schauen. Laut Apple-Vorstand Philip Schiller lernt das iPhone X, „wer Du bist.“

Eine theologische Betrachtungsweise stützt genau diese These der süchtigmachenden Stoffe. Die jüdisch-christliche Tradition identifiziert Gott beispielsweise als einen intimen Gott, der sich nach persönlichen Momenten sehnt und eine liebevolle Umgebung erschafft. In der Bibel in 4. Buch Mose Vers 6:24-26 steht geschrieben: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

3. Das Verlangen nach Produktion und Reproduktion wird erfüllt

Der Anthropologe Michael Taussig erinnert uns daran, dass es „in unserer zweiten Natur liegt, zu kopieren, zu imitieren, Vorbilder zu erschaffen [und] Unterschiede zu erkunden“, während wir versuchen, ein besseres und differenzierteres Ich aus uns zu machen.

Unsere Telefone helfen uns, diesem Ziel näher zu kommen. Wir machen Fotos, manipulieren Bilder, tragen zu Diskussionen bei, verschönern ein Selfie und nehmen Kontakt mit anderen auf. Indem wir uns gegenseitig Nachrichten schicken, erschaffen wir eine Unterhaltung. Durch die Suche werden wir schlauer – auch dann, wenn es uns vielleicht an Klugheit mangelt. Somit gleichen wir uns unseren Vorfahren an, die auf Höhlenwände schrieben und sich gegenseitig Geschichten am Feuer erzählten.

Es sollte deswegen keine Überraschung sein, dass Smartphones gerade 46 Prozent des gesamten Internetgebrauchs ausmachen. Dieser Wert soll bis 2021 auf 75 Prozent ansteigen. Wir sind anscheinend dazu verdammt, mit dem Telefon in unserer Hand zu leben.

Mit Technologie leben

Vor diesem Hintergrund würde ich allerdings argumentieren, dass wir uns persönlich dafür einsetzen sollten einen Wechsel durchzusetzen. Wenn wir die Räume, in denen wir uns aufhalten, auf kleine Bildschirme oder „Marktplätze“ beschränken, kann uns dies enttäuschen. Wir benötigen intime Beziehungen, in denen wir Kontakte pflegen, in denen wir uns gegenseitig in die Augen schauen. Wir brauchen ebenso Räume, auch im Netz, in denen tiefe Verbindungen geschaffen werden können, in denen wir uns ausruhen, spielen und Neues entdecken können.

Während also einige von uns auf den Marktplatz gehen werden, um das nächste iPhone kaufen zu können oder online zu gehen, wäre es am Besten, sich an das Sprichwort des Technologiehistorikers Melvin Kranzberg zu erinnern: „Technologie ist weder gut noch schlecht; aber ebenso wenig ist sie neutral.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone1“ by Pexels [CC0 Public Domain]


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Es gibt eine mathematische Formel für die Auswahl der schnellsten Warteschlange

Image (adapted) (Image by Paul Dufour) (CC0 Public Domain) via Unsplash

Es scheint offensichtlich zu sein. Man kommt zur Kasse und sieht, dass eine Warteschlange viel länger ist als die andere, also stellt man sich an der kürzeren an. Es dauert jedoch nicht lange, bis die Menschen in der längeren Schlange an einem vorbeisausen, während man sich noch kaum in Richtung Ausgang bewegt hat.

Wenn es um das Thema Schlangestehen geht, ist die instinktive Wahl oft nicht die schnellste. Weshalb fühlt es sich so an, als wenn sich die Schlangen verlangsamen würden, sobald man sich ihnen anschließt? Und gibt es einen Weg, vorab entscheiden zu können, welche Schlange beim Anstellen die richtige ist? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Mathematiker seit Jahren. Können sie uns also helfen, weniger Zeit beim Schlangestehen zu verbringen?

Die intuitive Strategie scheint die Wahl der kürzesten Warteschlange zu sein. Immerhin könnte eine kurze Schlange auf einen effizienten Kassierer und eine lange Schlange auf einen unerfahrenen Kassierer oder auf Kunden, die viel Zeit benötigen, hindeuten.

Ohne die richtigen Informationen könnte es sogar nachteilig sein, sich bei der kürzesten Schlange anzustellen. Wenn beispielsweise in der kurzen Schlange im Supermarkt zwei sehr volle Einkaufswagen stehen, während sich in der längeren vier relativ leere Einkaufskörbe befinden, würden sich sogar viele Personen der längeren Schlange anschließen. Falls die Kassierer gleich effektiv sind, ist die wichtige Größe hier nämlich die Anzahl der Artikel und nicht die Anzahl der Kunden. Wenn hingegen die Wagen nicht voll wären, die Körbe hingegen doch, würde es nicht mehr so einfach abzuschätzen sein und die Wahl wäre keine eindeutige.

Dieses einfache Beispiel führt das Konzept der Servicezeitverteilung ein. Dies ist eine Zufallsvariable, die misst, wie lange es dauert, einen Kunden zu betreuen. Sie enthält Informationen über die durchschnittliche Servicezeit und über die Standardabweichung vom Mittelwert, welche wiederum zeigt, wie die Servicezeit, abhängig davon, wie lange verschiedene Kunden brauchen, schwankt.

Die andere wichtige Variable ist, wie oft sich Kunden in der Warteschlange anstellen (Ankunftsrate). Diese hängt von der durchschnittlichen Zeit ab, die zwischen dem Betreten des Ladens zweier aufeinanderfolgender Kunden vergeht. Je mehr Menschen eintreffen, um eine Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt in Anspruch zu nehmen, desto länger werden die Warteschlangen sein.

Je nachdem, wie groß diese Variablen sind, könnte es am besten sein, sich in der kürzeren Schlange anzustellen – oder eben auch nicht. In einem Laden für Fish and Chips könnte es beispielsweise zwei Mitarbeiter geben, die beide Bestellungen aufnehmen und kassieren. Dann ist es meistens besser, sich in der kürzesten Schlange anzustellen, da die Zeit, die die Aufgaben der Servicekräfte in Anspruch nimmt, nicht wirklich variiert.

Leider ist es in der Praxis schwierig, die relevanten Größen genau zu kennen, sobald man ein Geschäft betritt. Man kann also nach wie vor nur raten, welche die schnellste Schlange sein wird, oder man setzt auf psychologische Tricks, wie zum Beispiel dem, sich in der Schlange anzustellen, die sich am weitesten links befindet, da die meisten Rechtshänder dazu tendieren, automatisch nach rechts zu gehen.

War das die richtige Wahl?

Sobald man in der Schlange steht, möchten man wissen, ob man die richtige Entscheidung getroffen hat, wie zum Beispiel die, ob der gewählte Kassierer der schnellste ist. Es ist einfach, die tatsächliche Länge der Warteschlange zu beobachten und anschließend zu versuchen, diese mit dem Durchschnitt zu vergleichen. Dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Mittelwert und der Standardabweichung der Servicezeit mittels der sogenannten Pollaczek-Chintschin-Formel, die erstmals 1930 aufgestellt wurde. Sie verwendet ebenfalls die durchschnittliche Zeit für das Nähertreten der Kunden.

Wer aber versucht, die Zeit zu messen, die die vorderste Person der Schlange beim Kassieren benötigt, wird am Ende womöglich leider glauben, dass er die falsche Warteschlange gewählt hat. Es wird hier von Fellers Paradoxon oder dem Beobachtungsparadoxon gesprochen. Technisch gesehen ist dies eigentlich kein logisches Paradoxon, sondern ist entgegen unserer Intuition. Wenn man beginnt, die Zeit zwischen zwei Kunden zu messen, sobald sie sich in der Schlange anstellen, ist es wahrscheinlicher, dass der erste Kunde, den man sieht, durchschnittlich länger bei der Kasse brauchen wird. Dies wird dem Beobachter das Gefühl geben, dass er Pech hatte und die falsche Schlange gewählt haben.

Das Beobachtungsparadoxon funktioniert so: Angenommen, eine Bank bietet zwei Dienste an. Eine Dienstleistung dauert entweder null oder fünf Minuten, jeweils mit gleicher Wahrscheinlichkeit. Die andere Dienstleistung dauert entweder zehn oder 20 Minuten, wieder jeweils mit gleicher Wahrscheinlichkeit. Es ist gleichermaßen wahrscheinlich für einen Kunden, einen der beiden Diensten zu wählen. Somit beträgt die durchschnittliche Servicezeit der Bank 8,75 Minuten.

Falls man sich also in der Schlange anstellen sollte, während ein Kunde gerade bedient wird, kann deren Servicezeit nicht null Minuten betragen. Diese Schlange muss also entweder den fünf-, zehn-, oder 20-minütigen Dienst nutzen. Dies verschiebt die Zeit, die ein Kunde benötigt, auf über 11 Minuten im Durchschnitt, also mehr als der echte Durchschnittswert von 8,75 Minuten. Tatsächlich begegnet man derselben Situation in zwei von drei Fällen, nämlich, dass der Kunde entweder den 10- oder 20-minütigen Service haben möchte. Dies wird den Anschein machen, als ob sich die Schlange langsamer vorwärtsbewegt, als sie es eigentlich sollte, nur, weil ein Kunde schon dort ist und weil man selbst Zusatzinformationen hatte.

Während wir also die Mathematik nutzen können, um zu versuchen, die schnellste Warteschlange zu ermitteln, sind wir mangels exakter Daten – und zu unserer eigenen Beruhigung – oft besser dran, ein Risiko einzugehen und nicht nach anderen Möglichkeiten auszuprobieren, sobald wir unsere Entscheidung getroffen haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) by Paul Dufour (CC0 Public Domain)


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Coworking Insights: Coworking in Cafés braucht eine neue Antwort!

St-Oberholz_by_Andreas-Louca

Coworking Spaces sind Orte der Arbeit, die sich nicht aus Bürostrukturen, sondern aus der Kaffeehauskultur entwickelt haben. Vor allem die traditionellen Kaffeehäuser in Wien haben das Prinzip bis heute geprägt und vorgelebt – auch ohne WiFi. Das von mir zusammen mit Koulla Louca 2005 in Berlin gegründete St. Oberholz ist so ein Café, dass das Konzept des Arbeitens im Café erst in Deutschland bekannt machte – mit WiFi.

Inzwischen besteht das St. Oberholz aus drei Cafés, zwei davon mit angeschlossenen Coworking Spaces. Was sie mit den Wiener Kaffeehäusern des 19. Jahrhunderts verbindet, sind die gleichen Werte: gelebte Offenheit, größtmögliche Freiwilligkeit sowie leichte Zugänglichkeit.

Der Deal war immer unausgesprochen, aber stets klar: die Gäste honorierten genau diese Werte, vor allem die Idee der Freiwilligkeit, mit fairem Verhalten durch angemessenen Konsum. Dieser Deal scheint nicht mehr aufzugehen.

Gäste zeigen verändertes Verhalten

Nach Befragungen uns bekannter ähnlicher Coworking-Cafés lässt sich feststellen, dass die Selbstverständlichkeit, dass man in einem Café auch dessen Produkte konsumiert, wenn man dort verweilt und über einen langen Zeitraum WiFi und Strom nutzt, nicht mehr ausreichend gegeben ist. Dieses Phänomen hat in den letzten Jahren ein problematisches Ausmaß angenommen und die ursprüngliche Idee der Offenheit wird damit torpediert. Es ist kein neues Phänomen, jeder Betreiber eines Cafés kennt es. Selbst in Cafés ohne WiFi tritt es auf.

Die Reaktionen auf diese Entwicklung fallen verschieden aus. Viele Cafés beschränken den Zugang zeitlich zum WiFi oder bieten es gar nicht mehr an. Die Nutzung von Laptops wird teilweise verboten. Manche Coworking Spaces haben ihre Cafés bereits für die Öffentlichkeit geschlossen. Dabei ist doch gerade das offene Café, das jeder nutzen kann – und nicht nur die Member-, eine wichtige Schnittstelle der Coworking Spaces mit der Außenwelt.

Woher rührt diese veränderte Verhaltensweise von Gästen, sobald mobiles Arbeiten und ein Laptop involviert sind? Warum würde ein Gast in einem Sushi-Restaurant niemals nach heißem Wasser für seine Fünf-Minuten-Terrine fragen (so geschehen im St. Oberholz), aber sich ins Coworking Cafés fremdes Essen und Getränke mitbringen?

Offenheit ist verdächtig

Remote-Work_im_St-Oberholz

Ein Gast isst ein Döner Kebab im Café.

Kellner: „Du darfst hier keine mitgebrachten Speisen essen.“
Gast: „Aber ihr verkauft ja kein Kebab.“
Kellner: „Bitte pack das sofort weg und bestelle etwas von unserer Karte.“
Gast: „Das Kebab wird später aber kalt sein und nicht mehr schmecken.“
Kellner: „Entweder du packst es jetzt weg und bestellst etwas oder du musst bitte gehen.“
Gast packt missmutig das Kebab ein: „Aber ich habe gestern auch schon einen Kaffee bei Euch gekauft.“

Die Verhaltensweise der Gäste deutet auf ein vermindertes Schuldempfinden und unterdrückte Schamfähigkeit hin. Denn sonst würde man sich eher für sein Verhalten entschuldigen und sich erwischt fühlen, als mit dem Gastronomen auch noch über selbstmitgebrachte Speisen diskutieren. Es scheint aber überhaupt kein Unrechtsempfinden in der Bewertung des eigenen Verhaltens vorhanden zu sein. Die Psychologie kennt verschiedene Faktoren, die Schuld und Schamempfinden mindern können. Einer der Faktoren lautet: unbewusstes Wiedergutmachungsrecht.

Die Nutzung des Internets und digitaler Dienste ist heute mit einer hohen Unsicherheit der Nutzer und Intransparenz der Nutzung ihrer Daten verbunden. Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit den Mechanismen des Plattformkapitalismus auskennt, weiß, dass nicht die kostenlose Plattform, sondern er selber das Produkt ist. Er weiß, dass seine Daten als Ware verkauft werden, kennt aber nicht das exakte Ausmaß. Er akzeptiert gezwungenermaßen diesen Deal, da er im Gegenzug die unverzichtbare Plattform und deren Dienste nutzen kann. An dieser Stelle wird ein grundlegendes Gefühl des Misstrauens und des Opfererfahrens erzeugt.

Hier kommt nun eine Verwechselung ins Spiel: Coworking Cafés, die von idealistischer Freiheit geprägt sind, erscheinen ebenso verdächtig wie digitale Plattformen. Wenn der Cafégast nicht konsumieren muss, sondern nur konsumieren darf, wenn er möchte, ist das Konzept verdächtig. Es wird unbewusst vermutet, dass diese Offenheit nur damit zu tun haben kann, dass der Ort auf eine andere, intransparente Art und Weise die Nutzer kommerziell ausbeutet. Vielleicht werden auch hier die Nutzerdaten an die Industrie verkauft, Ideen von Gründern gestohlen und kopiert. Meldungen über für Außenstehende schwer nachzuvollziehende milliardenschwere Bewertungen einer internationalen großen „Coworking“-Marke tun ein Übriges, den Verdacht zu erhärten.

Es scheint dem Gast also in Ordnung zu sein, sich ein Getränk am Morgen zu kaufen, davon drei Schlucke zu trinken, es auf dem Tisch stehen zu lassen, als Symbol des Hacks des freiwilligen Konsums und damit in Überzeugung moralischer Überlegenheit stundenlang den Ort zu nutzen, ohne weitere Bestellungen aufzugeben. Im unbewussten Misstrauen verhaftet, dass man heutzutage eben nichts mehr geschenkt bekommt, sondern man selber die Ware ist.

Ein zweites psychologisches Phänomen prägt das veränderte Konsumverhalten. Kurt Lewin definierte den Begriff des „Aufforderungscharakters“ von Situationen. Er beschreibt das Zusammenspiel zwischen Objekt und Person, die immer in Wechselwirkung zueinanderstehen. Ein heranrollender Ball löst in manchen Menschen das Bedürfnis aus, mit ihm zu spielen, in anderen tut er das nicht.

Einer der Meister im Ausnutzen des Phänomens ist Apple. Das Unternehmen beschäftigt nicht wenige Psychologen die dafür sorgen, dass die Apple Produkte ununterbrochen sagen: Nutz mich! Sitzt der Gast nun in einem Café vor einem Laptop, so kann man davon ausgehen, dass das Café deutlich weniger Psychologen beschäftigt als der Laptophersteller. Der natürlich gegebene Aufforderungscharakter des Cafés tritt daher deutlich in den Hintergrund gegenüber dem Aufforderungschampion auf dem Tisch und erklärt eine zweite wichtige Komponente der verminderten Konsumbereitschaft der Gäste. Der Kampf um Aufmerksamkeit geht klar an die digitalen Endgeräte, das analoge Café hat keine Chance. Die ununterbrochen vernetzten Geräte lassen uns leicht und schnell beschäftigt sein. Zu beschäftigt für Essen und Trinken.

Die Antwort ist verblüffend einfach

Doch wie können Betreiber von Cafés dieses Misstrauen auflösen und wieder als Produkte anbietende Geschäfte wahrgenommen werden, ohne dabei durch Einschränkungen und Verbote das eigentliche Coworking-Prinzip zu zerstören?

Die Antwort ist verblüffend einfach: Service. Service am Tisch, der perfekt unaufdringlich ist und die Coworker mit Ihren Bedürfnissen abholt.

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Service muss groß geschrieben werden (Image: La Citta Vita, CC BY-SA 2.0)

Kellner übernehmen so eine Funktion, die sie bereits seit Jahrhunderten erfüllen. Die Beziehung zwischen Stammgast und Service ist ähnlich wie die zwischen Coworker und Community Manager. Ähnlich wie durch das Community Management in einem Coworking Space entsteht somit eine Bindung zu dem Café als Ort an sich und zugleich auch wieder eine Form der Aufforderung, zu verzehren. Kellner sollten im perfekten Fall auch grundlegende Prinzipien des Community Managements beherrschen, die Nöte und Bedürfnisse erkennen und Menschen miteinander vernetzen. Sie sollten durch Ihren Service den Arbeitsalltag der Gäste erleichtern und nicht erschweren. Coworking-Cafés könnten Ladekabel, Kopfhörer, sogar Papier und Stift, anbieten, um das Nutzungserlebnis positiv zu beeinflussen. (Im St. Oberholz verkaufen wir täglich im Schnitt drei Lightning-auf-USB-Kabel.)

Coworking funktioniert in seiner vollen Blüte nur mit Elementen der Gastronomie. Im besten Fall erschreckt sich der Gast am Ende seines Arbeitstages über die Rechnung, erfreut sich aber zugleich über den produktiven Tag im Café. Wenn die Qualität des Service und der angebotenen Produkte stimmt, wird sich der Gast daran erinnern und nicht an die Höhe der Rechnung.


Image (adapted) „Service“ by La Citta Vita (CC BY-SA 2.0)

Image (adapted) „St. Oberholz“ by Andreas Louca


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Was Sie schon immer über Hypnose wissen wollten

Pendulum (adapted) (Image by innerwhispers [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Manch einer behauptet, dass Hypnose nur ein Trick sei. Andere verorten sie am Rande des Übersinnlichen – eine mysteriöse Verwandlung von Menschen in hirnlose Roboter. Nun deckt eine Neubetrachtung einiger Studien zum Thema auf, dass es tatsächlich nichts von beidem ist. Hypnose ist möglicherweise lediglich ein Aspekt normalen menschlichen Verhaltens.

Hypnose weist auf eine Reihe an Vorgängen hin, die eine Einweisung beinhalten – man kann sich auf ein Objekt fixieren, sich besonders entspannen oder sich etwas Bestimmtes ganz aktiv vorstellen – gefolgt von einem oder mehreren Vorschlägen, wie beispielsweise „Du wirst nicht in der Lage sein, deinen Arm zu bewegen“. Das Ziel der Induktion ist es, im Inneren der Teilnehmer einen Geisteszustand herbeizuführen, in dem sich diese auf die Instruktionen eines Experimentleiters oder Therapeuten konzentrieren und nicht von alltäglichen Sachen abgelenkt sind. Teilnehmer berichten oft davon, dass ihre Antworten automatisch folgen und sie keine Kontrolle über sich zu haben scheinen. Das ist ein Grund, wieso Hypnose für Wissenschaftler so interessant ist.

Die meisten Induktionen produzieren gleichwertige Effekte. Aber Induktionen sind tatsächlich nicht wirklich wichtig. Überraschenderweise hängt der Erfolg der Hypnose nicht von speziellen Fähigkeiten des Hypnotiseurs ab – auch wenn die Bildung eines harmonischen Verhältnisses in einem therapeutischen Zusammenhang sicherlich wertvoll ist. Vielmehr liegt der Hauptfaktor für eine erfolgreiche Hypnose in dem Grad der „hypnotischen Beeinflussbarkeit“. Dies ist der Begriff, der beschreibt, wie beeinflussbar wir in Bezug auf Vorschläge sind. Wir wissen, dass die hypnotische Beeinflussbarkeit sich über die Zeit hinweg nicht verändert und vererbbar ist. Wissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass Menschen mit bestimmten Gen-Varianten eher beeinflussbar sind als andere.

Die meisten Menschen sind nur mittelmäßig für Hypnose empfänglich. Das bedeutet, dass sie als Reaktion auf hypnotische Beeinflussungen deutliche Verhaltensänderungen durchleben. Dagegen ist ein kleiner Prozentsatz (etwa 10 bis 15 Prozent) der Menschen überwiegend nicht beeinflussbar. Der Großteil der Forschung im Bereich der Hypnose konzentriert sich jedoch auf die kleine Gruppe (10 bis15 Prozent), die am ehesten beeinflussbar sind.

Innerhalb dieser Gruppe kann Hypnose dafür genutzt werden, um Gefühle des Schmerzes zu unterbinden oder um Halluzinationen und Amnesie herbeizuführen. Untersuchungen von Gehirnscans haben aufgedeckt, dass diese Menschen die Reaktion nicht nur vorspielen. Das Gehirn reagiert anders auf Beeinflussung durch Hypnose als wenn sie dieselben Reaktionen nur vorspielen oder sich vorstellen.

Eines der spärlichen Forschungsergebnisse hat gezeigt, dass der präfrontale Cortex der höchst beeinflussbaren Menschen sehr ungewöhnlich funktioniert und reagiert. Hierbei handelt es sich um eine Hirnregion, die bezüglich psychologischen Funktionen, wie der Handlungsfähigkeit und der Überwachung des Geisteszustands, eine wesentliche Rolle spielt.

Es gibt ebenso Hinweise darauf, dass höchst beeinflussbare Menschen bei kognitiven Aufgaben, die vom präfrontalen Cortex abhängen, wie beispielsweise das Erinnerungsvermögen schlechter abschneiden. Diese Ergebnisse werden jedoch aufgrund der Möglichkeit, dass es möglicherweise verschiedene Subtypen innerhalb der hoch beeinflussbaren Menschen gibt, verkompliziert. Diese neurokognitiven Differenzen mögen uns einen Einblick darin bieten, wie die besonders beeinflussbaren Menschen auf Vorschläge reagieren: Sie sind vielleicht reaktiver, weil sie sich weniger über die zugrunde liegenden Absichten ihrer Reaktionen bewusst sind.

Wenn beispielsweise der Vorschlag gemacht wird, keinen Schmerz zu spüren, können sie den Schmerz unterdrücken – sie sind sich jedoch über ihre Absicht, dass sie hierzu in der Lage sind, nicht bewusst. Dies mag ebenso erklären warum die Erfahrungen außerhalb ihrer Kontrolle stattfinden. Studien zu Neuroimaging haben diese Hypothese noch nicht verifiziert, jedoch scheint die Veränderung der Hirnregionen, die in der Überwachung des Geisteszustandes, der Selbstwahrnehmung und verwandten Funktionen verwickelt sind, innerhalb des Hypnosezustands zu geschehen.

Auch wenn die Effekte der Hypnose zunächst unmöglich klingen, wird der dramatische Einfluss von Überzeugungen und Erwartungen auf die menschliche Wahrnehmung nun weitestgehend akzeptiert. Tatsächlich ähnelt dies sehr dem Placebo-Effekt, bei dem ein Medikament ohne Wirkstoff oder eine therapeutische Behandlung nur deswegen angewandt wird, weil der Patient an die Wirkung glaubt. Vor diesem Hintergrund scheint Hypnose vielleicht doch nicht so bizarr zu sein. Scheinbar sensationelle Reaktionen auf Hypnose mögen nur markante Vorfälle der Kräfte von Beeinflussbarkeit und Überzeugungen sein und das Ziel haben, unsere Wahrnehmung und unser Verhalten zu steuern. Unsere Erwartungen, was passieren wird, werden letztlich genau dem entsprechen, was wir erleben.

Für eine Hypnose benötigt man die Zustimmung des Teilnehmers oder Patienten. Im Gegensatz zu Vermutung der Popkultur kann niemand gegen seinen Willen hypnotisiert werden – und es gibt keine Hinweise darauf, dass man dazu gebracht werden kann, unmoralische Handlungen gegen den eigenen Willen auszuführen.

Hypnose als medizinische Behandlung

Meta-Analysen sowie Studien, die Daten vieler Untersuchungen zu einem bestimmten Thema zusammengetragen haben, haben gezeigt, dass Hypnose sehr gut funktioniert, wenn es um die Behandlung verschiedener Krankheiten geht. Hierzu zählen beispielsweise das Reizdarmsyndrom oder chronische Schmerzen. Geht es um andere Probleme, denen man sich entledigen will, wie Rauchen, Angstzustände oder auch einer posttraumatische Belastungsstörung, gibt es weniger eindeutige Ergebnisse – vor allem, weil hier zuverlässige Daten fehlen.

Auch wenn Hypnose bezüglich verschiedener Krankheiten und Symptome einen wertvollen Beitrag leisten kann, ist sie kein Allheilmittel. Wer dennoch über Hypnotherapie nachdenkt, sollte dies nur in Verbindung mit einer geschulten Fachkraft tun. Leider kann in manchen Ländern, wie beispielsweise in Großbritannien, jeder als Hypnotherapeut arbeiten. Allerdings sollte jeder, der Hypnose in einem klinischen oder therapeutischen Zusammenhang verwendet, eine Ausbildung in der jeweiligen Disziplin, wie beispielsweise klinische Psychologie, Medizin oder Zahnmedizin erhalten, um sicherzustellen, dass man über ausreichende Kenntnisse auf dem Gebiet verfügt.

Wir glauben, dass Hypnose wahrscheinlich durch eine komplexe Interaktion zwischen neuropsychologischen und psychologischen Faktoren zustande kommt – manche wirken, wie hier beschrieben, andere sind eher unbekannt. Es scheint, dass diese von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.

Während die Wissenschaft in ihren Erkenntnissen voranschreitet, wird zugleich immer deutlicher, dass dieses faszinierende Phänomen das Potential besitzt, uns einzigartige Einsichten zu geben, wie das menschliche Hirn funktioniert. Dies beinhaltet grundlegende Aspekte der menschlichen Natur, beispielsweise wie unsere Glaubensvorstellungen unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen, und wie wir die Kontrolle über unsere Handlungen erleben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Pendulum“ by innerwhispers (CC0 Public Domain)


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Macht dich dein Smartphone schüchtern?

iphone (adapted) (Image by relexahotels [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der drei Jahre, die ich damit verbracht habe, über Schüchternheit zu recherchieren und zu schreiben, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen die über die Beziehung zwischen Schüchternheit und Technologie. Lassen das Internet und das Handy unsere Sozialkompetenzen verkümmern? Dies höre ich oft von Eltern schüchterner Jugendlicher, die sich darum sorgen, dass ihre Kinder mehr Zeit mit ihren Geräten als mit Gleichaltrigen verbringen.

Diese Sorge ist nicht neu. Auf der ersten internationalen Konferenz über Schüchternheit, die in Wales im Jahr 1997 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft organisiert wurde, übernahm Philip Zimbardo, der als Psychologieprofessor in Stanford tätig war, die Rolle als Hauptredner. Er beobachtete, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst für schüchtern halten, von 40 Prozent auf 60 Prozent gestiegen ist, seit er in den 1970ern eine Studie über Schüchternheit begonnen hatte. Dafür machte er neue Technologien wie E-Mail, Handys und sogar Geldautomaten, die den „sozialen Klebbstoff“ des gelegentlichen Kontakts gelöst haben, verantwortlich. Er befürchtete das Eintreffen einer „neuen Eiszeit“ der Nicht-Kommunikation, bei der es leicht möglich wäre, einen ganzen Tag zu durchleben, ohne mit jemandem zu sprechen. 

Manche von Zimbardos Ängsten haben sich bewahrheitet. Schaut man sich heutzutage an einen öffentlichen Ort um, fällt auf, dass jeder in sein Tablet oder Smartphone versunken zu sein scheint. Die Zunahme von Einsamkeit und sozialer Phobie ist ein Widerhall auf die Arbeiten von Soziologen wie Robert Putnam, John Cacioppo und Sherry Turkle

Sie argumentieren, dass individualisiertes Konsumverhalten uns voneinander isoliert und uns günstige technische Lösungen verkauft, um den Schmerz zu lindern. Wir verlassen uns zunehmend auf Dinge, die Turkle „gesellige Roboter“ nennt –  so dient beispielsweise Siri, der digitale iPhone-Assistent, als Ersatz für Vertraute aus Fleisch und Blut. Sogar wenn wir Zeit mit anderen verbringen, sind wir halb woanders und abgelenkt durch Technologie – wir sind „zusammen allein“, wie Turkle es formuliert.

Und trotzdem kann dieses Gefühl des Alleinseins in Gesellschaft nützlich für schüchterne Menschen sein, die sich durch die Technologie in neuen Wegen ausdrücken können.

Auf eine andere Art sozial 

Schüchterne Menschen sind nicht notwendigerweise unsozial; sie sind nur anders sozial. Sie lernen, ihre Geselligkeit zu regulieren und kommunizieren auf indirekte oder eher sprunghafte Art und Weise. Mobiltelefone ermöglichen es ihnen, Kontakte zu knüpfen, ohne in persönlichen Situationen in Verlegenheit zu geraten.

Als Nokia Mitte der 1990er die SMS einführte, schien dies eine eher primitive Technologie zu sein – ein zeitaufwendiger, energieineffizienter Ersatz für Gespräche. Aber die SMS-Nachrichten kamen vor allem bei den finnischen Jungen gut an, weil es eine Möglichkeit war, mit Mädchen zu reden, ohne dass die Botschaft durch schamhaftes Erröten oder Sprachlosigkeit beeinträchtigt wurde.

Die beiden Soziologen Eija-Liisa Kasesniemi und Pirjo Rautiainen fanden heraus, dass finnische Jungen, obwohl sie Mädchen kaum erzählen würden, dass sie Gefühle für sie hegten, bis zu einer halben Stunde täglich damit verbrachten, eine romantische Textnachricht zu verfassen. Außerdem entdeckten sie, dass eher Jungen ein „Ich liebe dich“ auf Englisch als auf Finnisch schrieben, weil sie es leichter fanden, ihre starken Gefühle in einer anderen Sprache auszudrücken.

Bella Ellwood-Clayton, die sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Handy-Kultur auseinandersetzt, hat bewiesen, dass auch auf den Philippinen die Textnachricht einem ähnlichen Zweck diente. Die philippinischen Liebesrituale sind traditionsgemäß zurückhaltend und ein wenig verworren, mit aufwändigen Bräuchen wie Neckereien (tuksuhan) unter gemeinsamen Freunden oder die Nutzung eines Vermittlers (tulay, das wörtlich übersetzt „menschliche Brücke“ bedeutet) zwischen potenziellen Partnern. Das Handy erlaubte jungen Filipinos, diese aufwendigen Routinen zu umgehen und somit kein Risiko eingehen zu müssen, sondern sich selbst mithilfe von Textnachrichten erproben zu können.

Dies ist immer der Fall, wenn Handys ins Spiel kommen: Eine Textnachricht kann diejenigen Mut zusprechen, die mit ihren Daumen geschickter sind als mit dem Mund. Das Geräusch, das eine Textnachricht ankündigt, ist zudem weniger aufdringlich als ein Telefonklingeln. Wir werden nicht völlig überrollt oder müssen sofort antworten, sondern können uns Zeit nehmen, die Nachricht zu verarbeiten und uns eine Antwort überlegen.

Das Schüchternheitsparadoxon

Was die sich abzeichnende „soziale Eiszeit“, die durch die Technologie erschaffen wurde, betrifft, stellte Zimbardo diese Behauptung bereits vor dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und dem Smartphone auf. Diese machten es den Menschen einfach, intime Details ihres Privatlebens im Netz auf eine Art zu offenbaren, die wie das Gegenteil von Schüchternheit wirkt. Befürworter dieser Art von Online-Selbstauskunft nennen diesen Vorgang „radikale Transparenz“.  

Natürlich ist nicht jeder, der soziale Netzwerke nutzt, offen für diese Art der radikalen Transparenz. Manche bevorzugen es, sich hinter Online-Charakteren, Pseudonymen und Avataren zu verstecken. Und diese Anonymität kann außerdem zum Gegenteil von Schüchternheit animieren – schnell wird man übermütig und neigt zu Feindseligkeit und Missbrauch.

Daher ziehen die neuen mobilen und netzorientierten Technologien komplexe Auswirkungen nach sich. Sie verschlimmern unsere Schüchternheit, während sie gleichzeitig helfen, diese zu überwinden. Vielleicht erzählt uns dieses Paradoxon etwas über Schüchternheit. In seinem Buch „The Shock of the Old“ argumentiert der Historiker David Edgerton, dass unser Verständnis von historischem Fortschritt „innovationszentriert“ ist. Wir denken, dass neue Technologien alles zum Guten verändern. Laut Edgerton unterschätzen wir allerdings, wie sehr diese Innovationen gegen die Mächte von Gewohnheit und Trägheit ankämpfen müssen. Mit anderen Worten: Neue Technologien ändern nicht unser Wesen, sie passen sich ihm an.

Genauso verhält es sich mit Schüchternheit. Nach mehr als 150.000 Jahren der Menschheitsgeschichte muss Schüchternheit eine unverwüstliche Eigenschaft sein – ein „sonderbarer Gemütszustand“, wie Charles Darwin es nannte, hervorgerufen durch unsere Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Und trotzdem sind wir soziale Wesen, die sich nach Unterstützung und Anerkennung des Stammes sehnen.

Unser Bedürfnis nach einem Gegenüber ist so stark, dass die Schüchternheit uns einfach dazu bringt, unsere sozialen Instinkte in andere Räume zu übertragen: Die Kunst, die Schrift, E-Mails und Textnachrichten. Und das wäre dann auch meine Antwort für besorgte Eltern schüchterner Jugendlicher. Macht das Handy sie schüchterner? Nein. Denn sie sind zwar schüchtern, aber auch kontaktfreudig, und ihr Handy hilft ihnen, neue Wege zu finden, diesem Widerspruch Ausdruck zu verleihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „iphone“ by relexahotels (CC0 Public Domain)


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Warum Tinder uns zu boshaften Menschen macht

online dating (adapted) (Image by Thomas8047 [CC BY 2.0] via Flickr)

60 Prozent des digitalen Medienkonsums in Amerika geschieht nur noch über Handys oder Tablets und nicht mehr über Desktop-PCs. So wie Menschen und Technik zunehmend mobiler werden, sind es auch die Bemühungen der Menschen, Liebe und Sex zu finden. Laut der Analyse-Seite AppAnnie ist die Dating-App Tinder eine der beliebtesten Methoden, um eine Romanze im modernen Gewand einzugehen. Die App war zwei Jahre in Folge die am meisten heruntergeladene App in den USA.

Als Sozialpsychologe habe ich mich darauf spezialisiert, herauszufinden, warum Tinder – so wie es einer meiner Interviewpartner so schön sagte – uns „so boshaft, aber zufrieden“ macht. Während ich meine Dissertation zum Thema ‚Sexuelle Konflikte auf Tinder‘ beendete, analysierte ich hunderte von Umfragen, Interviews und Posts von Tinder-Nutzern, die deren Erfahrungen mit der App thematisierten. Mein vorläufiges Ergebnis lautete, dass Tinder-Nutzer in der Tat andere Charaktere treffen als die Nutzer anderer Online-Dating-Webseiten oder diejenigen, die gar keine Hilfe per Dating-App in Anspruch nehmen.

Genauer gesagt verursacht Tinder eine so genannte „Rückkopplungsschleife“, in der Männer weniger strenge Kriterien zum Finden eines Partners benutzen, weil sie die Teilnehmer oft nur schnell wegwischen. Frauen dagegen nutzen als Antwort auf die vielen Matches und Anfragen anspruchsvollere Kriterien. Aber wir sollten nicht schon jetzt Alarm schlagen, da das Wischen eventuell mehr über unsere geistigen Verknüpfungen aussagt als unsere unterschiedlichen romantischen Bedürfnisse.

Wie ein Spiel

Während die meisten Online-Dating-Webseiten wie Match oder eHarmony versuchen, die Nutzer auf Grundlage eines sorgfältig entworfenen Algorithmus miteinander zu verknüpfen, bedient sich Tinder keiner dieser Vorgaben. Stattdessen nutzt die App die Standortinformationen, um möglichst viele Fotos von möglichen Partnern aus der Umgebung aufzurufen. Die Nutzer wischen nach rechts, um die Profile der Personen, die sie interessieren, sehen zu können. Sie wischen nach links, um diejenigen, die sie nicht ansprechend finden, loszuwerden. Wenn zwei Personen nach rechts gewischt haben, nachdem sie das Profil des anderen gesehen haben, werden sie informiert, dass sie ein „Match“ haben und sich nun gegenseitig Nachrichten schicken können. Laut Tinder wird täglich 1,4 Milliarden Mal gewischt. Die App ist in fast 200 Ländern verfügbar, von Frankreich bis Burundi.

Die Art und Weise, wie Tinder mit Romantik umgeht, mag eher schlicht sein, ist aber sehr effektiv. Matches werden aufgrund von dürftigen Kriterien gemacht: Aussehen, Verfügbarkeit und Standort. Weil Menschen die Attraktivität mit nur einem kurzen Blick bemessen können, hetzen Tinder-Nutzer meist mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit durch die Profile.

In Bezug auf psychologische Konditionierung ist die Oberfläche von Tinder perfekt geeignet, um die Geschwindigkeit der Suche zu unterstützen. Da die Nutzer nicht wissen, welcher Wisch ein Match ergibt, nutzt Tinder eine variable Anzahl an zufälligen Erfolgserlebnissen. Das bedeutete, dass potentielle Matches zufällig gestreut werden. Es ist dasselbe Belohnungssystem, das in Spielautomaten, Videospielen und sogar bei Experimenten mit Tieren, wie beispielsweise eines, bei dem Tauben trainiert wurden, kontinuierlich auf ein Licht an einer Wand zu picken, genutzt wird.

Bei einer Studie über die Gehirnaktivitäten von Drogensüchtigen fanden Forscher heraus, dass die Erwartung auf die Droge mehr von dem Wohlfühl-Botenstoff Dopamin freisetzt als die eigentliche Droge. Ganz ähnlich funktioniert die Erwartung auf Tinder, dass das nächste Wischen zu einem Match führen kann. Permanentes Wischen kann also schnell wie eine Sucht aussehen und sich auch so anfühlen. Es dürfte niemanden überraschen, dass Tinder seit 2015 für die Nutzer, die nicht die Premiumversion TinderPlus nutzen, die Wischbewegungen nach rechts auf 100 Mal pro Tag begrenzt hat. Manche sprechen bereits von Tinder-Entzugserscheinungen, wenn jemand seinen Tinder-Account deaktiviert hat.

Wenn es nun darum geht, einen Partner zu finden, wendet Tinder sich an unsere am einfachsten gestrickte intellektuelle Funktion: Ist jemand in der Nähe? Ist er frei? Ist er attraktiv? Wenn ja, dann wische nach rechts. Für kurze Affären ist das vielleicht genug.

Eine Geschlechterunterscheidung

Aber ist das wirklich alles, für das Tinder gut ist? Forscher haben gezeigt, dass Männer und Frauen eventuell verschiedene Motivation haben, die App zu benutzen. Während Frauen sich eher auf eine rasche Auswahlstrategie einlassen, zeigen Männern zunehmend mehr Interesse an Kurzzeitbeziehungen. Außerdem haben Studien ergeben, dass Männer eher hoffen, Partner für eine Beziehung zu finden, indem sie direkte und schnelle Anmachen benutzen. Sie wenden außerdem mehr Zeit und Energie als Frauen dafür auf, diverse Kurzzeitbeziehungen zu führen. Weil Tinder-Nutzer die App meistens benutzen, wenn sie allein sind, können sie bei potentiellen Partnern ablehnen oder Interesse zeigen, ohne sich ihrer Auswahl rechtfertigen zu müssen. Vielleicht lockt auch das schnelle Wegwischen gerade Männer besonders an.

Daraus resultiert, dass Frauen und schwule Männer mehr Matches erhalten als heterosexuelle Männer. In einer der ersten repräsentativen Untersuchungen erstellten die Forscher ein gleichermaßen attraktives männliches sowie weibliches Fake-Profil. Mit diesem wischten sie bei jedem erscheinenden Profil nach rechts. Daraufhin notierten sie die Anzahl von Matches und Nachrichten, die jedes Profil erhalten hat. Während das weibliche Profil eine Match-Quote von 10,5 Prozent hatte, hatte das männliche Profil nur 0,6 Prozent. Die meisten Matches waren hier von schwulen oder bisexuellen Männern.

Aber obwohl Frauen mehr Matches erhalten, genießen sie nicht unbedingt eine riesige Auswahl an vielversprechenden möglichen Partnern. Forscher fanden heraus, dass Frauen dreimal eher eine Nachricht nach einem Match verschicken als Männer und dass ihre Nachrichten fast zehnmal so lang waren (122 Zeichen bei Frauen verglichen mit dürftigen 12 Zeichen bei den Männern – was gerade genug ist, um „Hi, wie gehts?“ zu schreiben).

Männer schicken zwar mehr Nachrichten an potentielle Partnerinnen, geben sich aber weniger Mühe oder fühlen sich einfach weniger verbunden mit ihren Matches. Frauen fühlen sich zunächst geschmeichelt bei der Flut an Matches, sind später dann aber oft enttäuscht, wenn sie versuchen, die Kontaktanfragen weiterzuverfolgen und tiefergehende Gespräche zu führen.

Liebe an einem hoffnungslosen Ort?

Das bedeutete nicht, dass man auf Tinder nicht auch Liebe finden kann. Eine 2017 veröffentlichte repräsentative Studie untersuchte die Motivation der Tinder-Nutzer und fand heraus, dass Liebe ein größerer Motivator ist als Gelegenheitssex. Meine eigenen vorläufigen Daten (dies bedarf noch immer einer Überprüfung) spiegeln diese Ergebnisse wieder. Ich habe diese Umfrage an hunderte Tinder-Nutzer, Online-Dating-Nutzern und an andere Teilnehmer, die keines dieser Portale nutzen, geschickt und habe deren Erwartungen hinsichtlich Täuschung, Sex und romantischer Befriedigung verglichen.

Während ich keine statistischen Unterschiede zwischen Tinder-Nutzern und den anderen beiden Gruppen hinsichtlich der erwünschten Beziehungslänge und der Wahrscheinlichkeit für Sex beim ersten Date gefunden habe, haben Tinder-Nutzer jedoch berichtet, dass sie nach einem Treffen mit ihren Matches oft enttäuscht waren. Mehr noch, sie berichteten auch öfter, dass sie von ihren potentiellen Partnern, die sie mit Hilfe der App getroffen haben, getäuscht wurden, und dass sie mit ihren letzten Dates weniger zufrieden waren als die anderen beiden Gruppen. Anders gesagt unterscheidet sich die Motivation zur Nutzung von Tinder nach unseren Befragungen nicht nicht so sehr von dem, was wir vermutet haben. Der Spaß, den die Nutzer beim Wischen haben, kann nur vielleicht nicht immer auf ein Treffen in der echten Welt übertragen werden.

Obwohl Liebe und Sex meist mit dem Schlafzimmer in Verbindung gebracht wurden, bringen Untersuchungen von Matching-Systemen wie Tinder erfolgreiche Einblicke in das menschliche Paarungsverhalten. Während einige behaupten, dass Tinder den „Untergang des Datings“ hervorgerufen hat, scheint es, als würde es keine neuen menschlichen sexuellen Verhaltensmuster erzeugen, die wir nicht bereits vollziehen würden. Tatsächlich führt es nur dazu, dass sich Männer und Frauen eher geschlechtsstereotypisch verhalten – was durchaus auch als Rückschritt angesehen werden kann.

Doch wenn die Menschen immer weniger an konventionellen Beziehungen interessiert sind und sich mit bestimmten Arten von Technik in ihrem Alltag wohler fühlen, ist der Reiz des Wischens vielleicht zu befriedigend, als dass man es einfach lassen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „online dating“ by Thomas8047 (CC BY 2.0)


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Wie authentisch ist unser fotografisches Gedächtnis?

Auge (adapted) (Image by 2488716 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit der Erfindung der Fotografie nutzen die Menschen Fotografie-Metaphern, wenn sie über Erinnerungen nachdenken oder sprechen. Wenn wir beispielsweise Erinnerungen aus dem Alltag behalten wollen, dann machen wir ‚Schnappschüsse‘ im Kopf. An bedeutungsvolle Ereignisse erinnern wir uns als ‚Blitzlicht-Momente‘ zurück. Aber sind Erinnerungen wirklich wie Fotos?

Zumindest glaubt dies die Mehrheit der Menschen. In der Tat stimmten in einer aktuellen öffentlichen Studie 87 Prozent der Befragten – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu, dass einige Menschen wirklich ein fotografisches Gedächtnis haben. Als dieselbe Aussage jedoch einer wissenschaftlichen Gesellschaft für Hirnforschung gezeigt wurde, stimmte dieser Aussage lediglich ein Drittel zu. Die zahlreichen Wissenschaftler, die an der Existenz eines fotografischen Gedächtnisses zweifeln, wissen, dass uns viele Erinnerungen wie Fotos erscheinen. Bisher kann keiner der bisherigen Beweise diese Skeptiker vom Gegenteil überzeugen.

Bedeutungsvolle Ereignisse

Viele von uns haben bereits ein persönlich oder weltweit wichtiges Ereignis erlebt, das auch nach Jahren noch in unseren Köpfen so lebendig und detailliert vorhanden ist, als wäre an diesem Tag ein Foto geschossen worden. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass diese sogenannten ‚Blitzlicht-Erinnerungen‘ von einem echten Foto weit entfernt sind.

In einer Studie, die von US-Studenten durchgeführt wurde, wurden Menschen einen Tag nach dem Anschlag des 11. September 2001 in New York aufgefordert, zu dokumentieren, wie sie als erstes vom Anschlag erfahren hatten. Außerdem sollten sie auch ein alltägliches Ereignis beschreiben, dass sie erst kürzlich erlebt hatten. Diese Testpersonen wurden noch einmal nach einem Zeitraum von entweder jeweils einer Woche, sechs Wochen oder sogar 32 Wochen nach den beiden Ereignissen befragt.

911 Memorial (adapted) (Image by Rebecca Wilson [CC BY 2.0] via Flickr)
Viele Leute behaupten, dass sie sich an die Anschläge vom 11. September wie an Fotos erinnern. Image (adapted) „9/11 Memorial“ by Rebecca Wilson (CC BY 2.0)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer ihr Alltagsereignis nach einiger Zeit immer weniger lebendig in Erinnerung hatten. Ihre Berichte über diese Erinnerungen wurden über die Zeit ebenso weniger detailliert und passten auch nicht mehr so gut zu ihrer ursprünglichen Aussage. Im Gegensatz dazu berichteten die Teilnehmer, dass ihre Erinnerungen an 9/11 auch nach 32 Wochen noch genauso lebendig seien wie direkt nach dem Tag des Anschlages. Ihre Berichte zeigten jedoch, dass diese ‚Blitzlicht-Momente‘ ebenso viele Lücken und Ungenauigkeiten aufwiesen wie die der Alltagsereignisse.

Außergewöhnliche Ereignisse

Wenn unsere Blitzlicht-Erinnerungen nicht fotografischer Natur sind, was ist dann mit anderen überwältigenden Erinnerungen? Es gibt zahlreiche historisch dokumentierte und gegenwärtige Fälle von Menschen mit einem erstaunlichen Erinnerungsvermögen, die visuell eine scheinbar unmöglich riesige Menge an Informationen aufsaugen – und das mit sehr geringem Aufwand. Es ist, als würden sie mentale Fotos schießen und diese später vor ihrem geistigen Auge durchgehen. Meist jedoch schärfen diese sogenannten “Erinnerungskünstler” ihre Fähigkeiten durch intensives Trainings und uralte Erinnerungstechniken, nicht jedoch mit mentaler Fotografie. Es gibt nur sehr wenige, die die Ausnahme darstellen und den Skeptikern neue Rätsel aufgeben.

Wenn wir diese Erinnerungskünstler einmal beiseitelassen, gibt es eine weitere bemerkenswerte Gruppe von Menschen: jene mit sogenannten ‚besonders starken autobiografischen Erinnerungen‘ (englisch: highly specified autobiographical memories, kurz: HSAM), die sich an jeden Tag ihres Lebens seit der Kindheit mit oft erstaunlich vielen Details zu erinnern scheinen.

Nachdem immer mehr Menschen mit dieser Art Fähigkeit entdeckt wurden, wurden diese meist Gegenstand von wissenschaftlichen Studien, die einhellig behaupten, dass diese Fähigkeiten kein Ergebnis jahrelangen Trainings ist, sondern weitgehend unbeabsichtigt auftritt. Die Fähigkeit ist sicherlich verblüffend, aber auch hier argumentieren einige Wissenschaftler, dass das Erinnerungsvermögen dieser Menschen nicht als fotografisch bezeichnet werden kann. Tatsächlich zeige eine Studie mit 20 HSAM-Fällen, dass diese genauso anfällig für falsche Erinnerungen sind wie eine Kontrollgruppe im selben Alter.

Fotografien verblassen

Unter bestimmten Umständen wären wir also bereit, einigen Skeptiker zuzugestehen, dass, obwohl einige Erinnerungen sehr detailliert und konsistent erscheinen, nur ganz wenige tatsächlich mit Momentaufnahmen zu vergleichen sind. Sind aber nicht alle diese Entdeckungen ein Hinweis darauf, dass unser Gedächtnis wie eine Fotografie funktioniert? Schließlich waren Fotografien schon lange vor Begriffen wie „postfaktisch“ und „Fake News“ nie ganz zuverlässige Quellen.

Ebenso wie unsere Erinnerungen können sich auch anschauliche und detaillierte Fotografien sich als gefälscht und bearbeitete herausstellen und die Ereignisse, die auf den Bildern zu sehen sind, in ein falsches Licht rücken. Ebenso wie unsere Erinnerungen sehen wir Fotografien auch nicht objektiv, sondern durch den Filter unserer eigenen persönlichen Prägungen und Vorurteile. Und wie auch in unseren Erinnerungen verblasst eine Fotografie über die Zeit, selbst wenn wir sie noch genauso wertschätzen wie zu Beginn. Letztlich hat wohl jeder von uns ein fotografisches Gedächtnis – auch wenn es nicht ganz der Art entspricht, wie wir es zunächst vermutet haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Auge“ by 2488716 (CC0 Public Domain)


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Codewort Introspektion – Wie Veränderungen im Körper unsere Entscheidungen beeinflussen

Wie werden wir uns unserer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst? Und was lässt uns wissen, wann wir eine gute oder schlechte Entscheidung getroffen haben? Jeden Tag sind wir mit vielschichtigen Situationen konfrontiert. Wenn wir aus unseren Fehlern lernen wollen, ist es wichtig, dass wir ab und zu über unsere gefällten Entscheidungen nachdenken. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich mit der Hypothek meines Hauses gegen den Markt spekulierte? War die Ampel gerade noch grün oder doch schon rot? Habe ich wirklich Schritte auf dem Dachboden gehört oder war es nur der Wind?

Wenn wir es mit ungewissen Ereignissen zu tun haben, wenn beispielsweise die Windschutzscheibe unseres Wagens während der Fahrt beschlägt, sind wir nicht mehr so sicher, ob wir in dem Moment richtig hingeschaut und uns für die beste Lösung entschieden haben. Wir gehen davon aus, dass die Fähigkeit, unsere eigenen Erfahrungen bewusst zu untersuchen, davon abhängt, als wie zuverlässig oder „verschwommen“ unser Gehirn die Informationen beurteilt, die diese Erfahrungen bewirken. Dieses Erlebnis wird auch Introspektion genannt. Einige Wissenschaftler und Philosophen glauben, dass diese Fähigkeit zur Introspektion ein notwendiges Merkmal des Bewusstseins ist und das entscheidende Bindeglied zwischen Sinneseindruck und Bewusstsein bildet.

Man nimmt an, dass das Gehirn eine Art Statistik aufstellt, die Möglichkeiten gemäß ihrer Verlässlichkeit gewichtet, um ein Gefühl des Vertrauens zu erzeugen. Dieses Gefühl befindet sich mehr oder weniger im Einklang mit dem, was wir tatsächlich gesehen, gefühlt oder getan haben. Und obwohl diese Theorie einen vernünftigen Ansatz bietet, um unser Vertrauen angesichts einer breiten Palette von Situationen zu erklären, vernachlässigt sie eine wichtige Tatsache über unser Gehirn – es befindet sich in unserem Körper. Sogar jetzt, während Sie diese Worte lesen, werden Sie wahrscheinlich zumindest ein vages Bewusstsein davon haben, wie sich Ihre Socken anfühlen, wie schnell Ihr Herz schlägt oder ob der Raum, indem Sie sich befinden, eine angenehme Temperatur hat.

Auch wenn wir uns dieser Dinge nicht immer bewusst sind, gibt der Körper immer wieder vor, wie wir uns und die Welt um uns herum erleben. Das heißt, die Erfahrung ist immer von einem bestimmten Ort aus, in einer bestimmten Perspektive verkörpert. Tatsächlich legen die jüngsten Forschungen nahe, dass unser Bewusstsein von der Welt sehr stark von exakt diesen internen Körperzuständen abhängt. Aber was ist mit Vertrauen? Ist es möglich, dass, wenn wir über das nachdenken, was wir gerade gesehen oder gefühlt haben, unser Körper im Hintergrund die Fäden zieht?

Einrichten des Experiments

Um diese Möglichkeit experimentell zu testen, entwickelten wir ein Szenario, in dem wir subtile, unbewusste Veränderungen in der physiologischen Erregung der 29 Teilnehmer – wie Herzschlag und Pupillenerweiterung – nachvollziehen konnten. Wir wollten herausfinden, wie sich dies auf ihre bewussten Entscheidungen und ihr Vertrauen auf eines einfachen visuellen Reiz hin auswirken würde. Da wir wissen, dass wir Menschen im Allgemeinen unser Vertrauen gemäß der Verlässlichkeit eines Erlebnisses gewichten, wollten wir herausfinden, ob diesem Prozess durch eine plötzliche, unbewusste Veränderung des Erregungszustandes entgegengewirkt werden oder ob er sogar umgekehrt werden könnte.

Dies erforderte einen experimentellen Reiz, bei dem die Präzision oder die sunsicherheit eines visuellen Erlebnisses manipuliert werden konnte. Um dies zu erreichen, mussten Freiwillige auf einem Bildschirm eine Wolke aus sich bewegenden Punkten betrachten und entscheiden, ob diese nach links oder rechts zogen. Sie mussten auch ihr Vertrauen in diese Entscheidung bewerten. Unsere Punktreize wurden insbesondere dahingehend entworfen, dass sie entweder eine hohe oder eine niedrige Wahrnehmungspräzision zulassen.

Auf der linken Seite des Bildschirms bewegten sich die Punkte klar und relativ eindeutig nach rechts. Die rechten Punkte bewegten sich jedoch und verteilten sich über die ganze Fläche. In statistischer Hinsicht ist die Varianz ihrer Bewegung also höher. Wie erwartet, waren die Aussagen der Teilnehmer, die den den rechten Teil mit den verschwommeneren Punkten betrachteten, weniger genau. Die Teilnehmer hatten ein geringeres Vertrauen. Das Gehirn wirkt wie eine Art Statistiker. Ohne, dass unsere Freiwilligen zuvor darüber Bescheid wussten, intergrierten wir bei etwa der Hälfte der Testpersonen eine Abbildung eines angewidertschauenden Gesichtes. Dies wurde jedoch nur so kurz eingeblendet, dass es nicht bewusst wahrgenommen werden konnte.

Diese subtile Manipulation sorgte für einen erhöhten Herzschlag und erweiterte Pupillen bei den entsprechenden Teilnehmern. Dies hat evolutionäre Gründe, denn Gefühle wie Ekel stellen einen starken Reizfaktor für Situationen dar, in denen etwas in unserem Körper schief gegangen sein könnte. Wenn jemand in unserer Nähe also angewidert schaut und sich zu erbrechen beginnt, wird oftmals eine ähnliche Reaktion in unserem eigenen Körper ausgelöst. Durch eine kurze Reizung bei allen Teilnehmern, die dieses Signal erhielten, konnten wir eine Art „introzeptiven Vorhersagefehler“ bewirken – wir konnten ihr Gehirn dazu bringen, zu denken, dass in ihrem Körper gerade etwas Unerwartetes passiert sei. Dadurch konnten wir nicht nur untersuchen, ob ein vom Hirn gesteuertes Vertrauen mit Reaktionen vom Herzen und der Pupille korrelieren, sondern auch sehen, ob die Störung der Abbildung die Art und Weise verändert, wie die Menschen von ihren Erlebnissen berichteten.

Tatsächlich haben wir festgestellt, dass diese überraschenden Veränderungen in der Erregung des Freiwilligen den Auswirkungen der veschwommenen Punkte auf ihr Vertrauen entgegenwirkten, was das Vertrauen für die einfacheren Punkte leicht verringerte und es für die schwierigeren stärkte. Darüber hinaus konnte diese Umkehrung in den Reaktionen von Pupille und Herz selbst beobachtet werden. Je mehr ein Körper eines Freiwilligen auf den unsichtbaren Ekel reagierte, desto deutlicher ging das Vertrauen bei dem jeweiligen Test verloren. Obwohl sich das Bewusstsein wie eine Art Statistiker verhielt, nutzte es auch Informationen des Körpers, um zu beeinflussen, wie sich die Teilnehmer fühlten.

Diese Ergebnisse, die in der Zeitschrift eLife veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass sich unsere visuellen Erfahrungen auf mehr als nur das beziehen, was das Auge sieht. In der Tat hängt es auch von dem inneren Zustand unseres Körpers ab – von unserem Herzen und unserer physiologischen Erregung. Wenn wir unsere Erfahrung beurteilen und das Auge des Geistes gleichsam nach innen wenden, scheint es, dass der Körper beeinflusst, was wir vorfinden.

Dies ist ein wichtiger erster Schritt zum Verständnis, wie der Körper den Geist beeinflusst, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Angesichts dieser Erkenntnisse ist unsere Forschergruppe gespannt darauf, aufwändige Computermodelle für diesen Prozess zu entwickeln. Unsere Hoffnung ist es, dass solche Modelle es uns ermöglichen, eine Vielzahl von psychiatrischen und medizinischen Zuständen, wie Angst und Psychose, besser zu verstehen, da Veränderungen der körperlichen Signale und des Selbstbewusstseins des Patienten möglicherweise in eine unrealistische, weil besonders sichere oder unsichere Welt einschließen könnten. Dies kann letztlich zu neuen Behandlungen führen, die auf die Auswirkungen der kardiovaskulären Erregung auf gestörtes Vertrauen und Selbstbewusstsein setzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “eye” (adapted) by BreaW (CC0 Public Domain)


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Sherlock Holmes und der seltsame Fall des Antiintellektualismus

Sherlock Holmes Statue (adapted) (Image by Justin Ennis [CC BY 2.0] via flickr)

Weder Sherlock Holmes noch Donald Trump sind gegenwärtig vom Fernsehbildschirm wegzudenken. Die Ereignisse um Trumps Präsidentschaft mussten sich die Sendezeit mit der neuesten Sherlock-Staffel teilen, die am 15. Januar zu Ende ging. Die beiden sind jedoch überraschenderweise nicht nur durch die Präsenz im Fernsehen, sondern auch durch die Idee des Antiintellektualismus verbunden.

Trumps Einzug in das Weiße Haus gründete sich auf der von den Populisten hervorgerufenen Verachtung von Fachleuten aus der gebildeten, liberalen Elite, sowie einer Überbewertung des gesunden Menschenverstandes. Doch der Antiintellektualismus durchdringt unseren Kulturkreis auch an anderer Stelle: Werbeanzeigen für Erfrischungsgetränke zeigen, wie sich langweilige Universitätsvorlesungen in freudiges Leben verwandeln, sobald jemand eine Getränkedose öffnet. Die kürzlich initiierte Kampagne mit dem Titel „Welche Universität?“ suggeriert, dass höhere Bildung eine ähnliche Entscheidung ist wie die, sich eine neue Waschmaschine zuzulegen.

Wie ist das bei Sherlock Holmes? Sicherlich repräsentiert der Detektiv den Höhepunkt des Intellektualismus, den rational denkenden Experten. Als Leser und Zuschauer vertrauen wir auf Holmes‘ Expertise, das Rätsel zu lösen und die Ordnung wieder herzustellen. Allerdings suggerieren Doyles Geschichten und deren Adaptionen ebenso, dass Holmes‘ Intellekt beinahe schon ungeheuerlich ist. Zugleich ist die Darstellung des Sherlock in der BBC-Serie immer mit dem Stichwort des „hoch-funktionalen Soziopathen“ verknüpft. Die Serie stellt damit klar, dass intellektuelle Werte vermeintlich nicht denen der sozialen Menschlichkeit entsprechen.

Der viktorianische Holmes

Holmes als rationaler Superheld ist ein vertrautes Narrativ in der Popkultur. Der sich stets beschleunigende Takt des Lebens im viktorianischen Zeitalter, so die These, verlangte nach einer neuen Art eines fiktionalen Helden, der die überwältigenden Zeichen der urbanen Moderne zu entschlüsseln vermag. Jedoch übersieht dieser Ansatz einen essentiellen Punkt: Die intellektuellen Qualitäten, die Holmes zum Helden gemacht haben, machten ihn auch zu einer Figur des Misstrauens.

Die Erzählungen rund um den Detektiv waren kein unmittelbarer Erfolg. Die ersten beiden Romane aus der Feder von Arthur Conan Doyle, „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) und „Das Zeichen der Vier“ (1890) erhielt zunächst eine begrenzte Aufmerksamkeit und unbegeisterte Kritiken, teilweise verschuldet durch den abgehobenen und überspezialisierten Helden. In diesen Romanen schläfert Holmes einen betagten Terrier ein, um eine Theorie zu testen. An anderer Stelle beschreibt ihn Watson als „eine Rechenmaschine“, die etwas „angenehm Unmenschliches“ an sich hat. Und als Watson Holmes‘ Wissen auf den verschiedneen Gebieten untersucht, beschreibt er dieses als umfassend in einigen und merkwürdig mangelhaft in anderen Bereichen. Holmes hat durchaus Ahnung von Chemie und Anatomie, weiß aber nichts über Literatur, Astronomie oder Politik.

Die mangelhaft ausgebildeten Wissensgebiete des frühen Holmes gelten hier gewissermaßne als dekadent. Der spätviktorianische Psychologe und Kriminologe Havelock Ellis beschreibt die Dekadenz als den Teil, der das Ganze verschleiert. Moralische Gesundheit findet sich in einem Allrounder, wie bei Doyle selbst (er war zugleich praktizierender Allgemeinmediziner, schrieb für verschiedene Genres und hatte eine Begabung für so ziemlich jede Sportart, die im frühen 20. Jahrhundert gespielt wurde). Holmes ist ein Experte in oft obskuren Themengebieten. Seine Ablehnung der Tatsache, dass die Erde sich um die Sonne dreht, reflektiert auf satirische Weise seine intellektuelle Absonderlichkeit.

Der erste Erfolg kam im Jahre 1891, als Doyle sich dem Kurzgeschichtenformat des Strand Magazine widmete. Und so veränderte sich auch Holmes. Sein Wissen wurde abgerundeter, sein Charakter weniger harsch und sein Kokainkonsum verschwand weitestgehend. Dennoch bliebt das Gefühl bestehen, dass sein unbestechlicher Intellekt nur teilweise menschlich war.

Es ist kein Zufall, dass Holmes seine Fangemeinde in den Momenten für sich gewinnt, in denen er mit seinem Intellekt scheitert. In der ersten Geschichte „Ein Skandal in Böhmen“ wird Holmes von der Opernsängerin Irene Adler überlistet – einem Charakter, der in der BBC-Umsetzung „Sherlock“ vielsagend als Domina neuentwickelt wird. In „Das gelbe Gesicht“ interpretiert Holmes die Geschehnisse in Norbury vollkommen falsch. Er sagt zu Watson: „Sollte es Ihnen jemals so vorkommen, dass ich meiner Fähigkeiten ein wenig zu selbstbewusst werde, flüstern Sie leise ‚Norbury‘ in mein Ohr.“ Diese Szene wird in der aktuellen „Sherlock“-Episode „Die sechs Thatchers“ erneut aufgegriffen. Genau wie in den aktuellen politischen Kampagnen muss dem Publikum nahegebracht werden, dass man sich nicht immer auf Experten verlassen kann.

Unser Monster

Die aktuellsten Holmes-Adaptionen sprechen aus, was bei Doyle unausgesprochen blieb. Während Doyle Holmes gelegentlich mit einer Maschine vergleicht, macht Sherlock ihn zu einem Monster. „Aber es ist unser Monster“, sagt Mary Watson, wobei sie den Film „Ed Murrow – Reporter aus Leidenschaft“ aus dem Jahr 1986 zitiert. Seitdem erscheint die Phrase regelmäßig im Internet im Zusammenhang mit Trump.

Der „Sherlock“ der BBC ist die jüngste Erscheinung eines Trends, der seit den Siebzigern ersichtlich ist, als Autoren auf das Heldentum des kriegsgebeutelten Holmes von Basil Rathbone reagierten. Rathbones Holmes repräsentierte den Respekt einflößenden, englischen Helden, mit dem sich das Publikum auf Kosten des vergleichsweise schwachköpfigen Watson, dargestellt von Nigel Bruce, identifizieren sollte (einer Charakterisierung, die einen Großteil der Subtilität des Doyle’schen Watson übersieht). Im Gegensatz dazu versuchen postmoderne Adaptionen, Holmes einzuschränken und einfache Heldenbilder in Frage zu stellen: Filme wie „Kein Koks für Sherlock Holmes“ (1976) und „Das Geheimnis des verborgenen Tempels (Der junge Sherlock Holmes)“ (1985) zeigen einen traumatisierten oder noch sehr jungen Holmes.

Das soll nicht heißen, dass Holmes‘ Fähigkeiten geschmälert werden, sondern dass sich die aktuelleren Darstellungen auf einen antiintellektuellen Subtext verlassen, der verdeutlicht, dass herausragende geistige Fähigkeiten stets mit einem hohen Preis einhergehen. Die Eröffnungsszenen der BBC-Serie zeigen einen Holmes, der unfähig ist, sozial zu funktionieren, weil er damit beschäftigt ist, zahlreiche Rätsel zu lösen – eine Szene, die in Doyles urbanerem Original  undenkbar wäre.

Tatsächlich stellen Serien wie „Sherlock“ oder die Filme von Guy Ritchie den Intellekt Holmes‘ paradoxerweise weit weniger bedrohlich dar, indem sie diesen  auf absurde Weise überhöhen. Beispielsweise ist Sherlock in „Der lügende Detektiv“ in der Lage, komplexe Geschehnisse über Wochen im Voraus vorherzusagen. Wenn Doyles Fähigkeit darin bestand, Holmes‘ Vermögen gerade noch im Rahmen des Plausiblen darzustellen, definiert „Sherlock“ den Detektiv als allwissenden Gott neu – als eine Phantasiefigur, die uns in unserer Realität nicht irritieren soll.

Holmes‘ Intelligenz hilft, die Welt zu ordnen. In den modernen Adaptionen ist sie jedoch zu einem Fluch oder einem Krankheitsbild geworden. Nicht jeder kann wie Holmes sein. In dieser monströsen, allumfassenden Ausprägung möchte wohl allerdings auch niemand wie Holmes sein. Fragt man sich, wieso eine Person wie Holmes für uns heute noch interessant ist, ist es vielleicht ein Fehler, sich auf Sherlock selbst zu konzentrieren. Es ist nicht der Intellekt von Holmes, der sich ändern sollte, sondern die Art, wie andere darauf reagieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Sherlock Holmes Statue“ (adapted) by Justin Ennis (CC BY 2.0)


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Schimpansen und ihre Freunde chillen besser: Neue Studie gegen Stress

Ob es um den Trost nach dem Tod eines geliebten Menschen geht oder um Mitgefühl, wenn unser Team wieder einmal verloren hat – unsere sozialen Beziehungen sind für den Versuch, ein glückliches, weniger stressfreies Leben zu führen, unbezahlbar. Die Rolle von sozialen Interaktionen und Bindungen zur besseren Stressreduzierung wurden bei vielen Spezien untersucht, von Ratten bis zum Elefanten.

Aber die Jury ist sich noch nicht sicher, wie Freunde uns dabei helfen, mit Stress auf einem psychologischen Level umzugehen. Neue Forschungen zu Beziehungen zwischen Schimpansen suggerieren, dass Freunde nicht nur einfach einen „sozialen Puffer“ erschaffen, indem sie uns in stressigen Zeiten helfen. Sie reduzieren möglicherweise auch das Stresslevel im Allgemeinen, indem sie in unserem Leben einfach nur anwesend sind, wodurch die Art und Weise reguliert wird, wie unser Körper mit Hormonen, die ein Anzeichen für Stress sind, umgeht.

Stress wurde ausführlich bei zahlreichen nicht-menschlichen Primaten erforscht, einschließlich bei Schimpansen, Makaken und Pavianen und wir wissen, dass er verheerend sein kann. Zum Beispiel können hohe Stresslevel bei Pavianen Magen- und Darmgeschwüre verursachen und sogar zu einem früheren Tod führen. Starke soziale Bindungen agieren anscheinend als ein Puffer gegen die schlimmsten Folgen von Stress. Es gibt einen umfassenden gesundheitlichen Nutzen hierdurch, zum Beispiel einen überraschenden Anstieg in der Überlebensrate von Säuglingen unter den weniger gestressten Pavian-Müttern.

Wenn es darum geht, was im Körper passiert, wissen wir, dass ein gutes soziales Umfeld mit einer Abnahme der Hormone, die ein Anzeichen für Stress sind, wie etwa Glucocorticoide, korreliert. Aber wir wissen nicht genau, wie das vonstatten geht.

Sozialer Puffer

Ein neulich veröffentlichter Artikel im Nature Communications Journal erforscht zwei mögliche Mechanismen hinter der Art und Weise, wie soziale Bindungen als ein Puffer in Sachen Stress bei Schimpansen agieren. Die Forscher betrachteten zwei gegensätzliche Theorien: ob „Bindungspartner“ (dies entspricht bei den Schimpansen einem Freund) die besonders stressigen Zeiten einfach weniger stressig machen oder ob die Effekte dieser Partnerschaft im Verlauf des Tages bemerkt werden.

Die Forscher beobachteten wild lebende Schimpansen auf einem schon seit langem bestehenden Gelände in Uganda über einen Zeitraum von zwei Jahren, wobei eine Reihe aggressiver und kooperierender sozialer Interaktionen beobachtet wurden.

Dazu gehörten die Zeiten, zu denen die Tiere geruht, gegenseitig Fellpflege betrieben oder zu denen sie Herdenmitglieder anderer Schimpansengruppen gesehen oder gehört haben. Die Forscher haben die Stresslevel der Schimpansen gemessen, indem sie umfangreiche Urin-Proben gesammelt haben, um diese auf das Vorkommen von Glucocorticoide zu testen.

Um eine potenzielle Stress-Situation zu erschaffen, wartete ein erfahrener Assistent der Fachrichtung, bis kleine Gruppen der Schimpansen in der Nähe der Grenzen des Territoriums waren und trommelte dann auf die großen Baumwurzeln. Dies ahmte das Trommelgeräusch nach, das die Schimpansen erzeugen, um innerhalb und zwischen den sozialen Gruppen zu kommunizieren. Man wollte sehen, wie diese Konfrontation mit dem Trommeln von den einzelnen Schimpansen wahrgenommen wird, abhängig von ihrer sozialen Unterstützung.

Der Hormonpegel im Urin der Schimpansen zeigte, dass sie – vielleicht wenig überraschend – dazu neigen, gestresster zu sein, wenn sie einem Tier einer anderen Gruppe begegnen (oder glauben, einem solchen zu begegnen). Aber die Forschung zeigte auch, dass die sozialen Beziehungen den Stress augenscheinlich immer reduzierten, aber eben nicht in den stressigsten Situationen. Dies suggeriert, dass es für Schimpansen wichtig ist, einen „Bindungspartner“ zu haben, mit dem sie regelmäßig in freundlicher und kooperativer Weise interagieren können und dem gegenüber sie sich nur selten aggressiv verhalten.

Es scheint, als ob die tägliche Präsenz von Bindungspartnern während, sowohl innerhalb als auch außerhalb stressiger Situationen, tatsächlich das System reguliert, das den Hormonhaushalt des Körpers steuert, wodurch das gesamte Stresslevel reduziert wird. Während die aktive Unterstützung eines Bindungspartners das Glucocorticoide-Niveau am meisten senkt, führt ihre bloße Anwesenheit auch zu weniger Stress.

Obwohl es in dieser Studie nicht bewiesen wurde, glauben die Autoren, dass Oxytocin (das oft auch als „Liebeshormon“ bezeichnet wird) möglicherweise auch für diese Regulierung verantwortlich ist. Allgemeiner gesagt hilft dieses Hormon-Gleichgewicht möglicherweise auch dabei, das Immunsystem, die Herzfunktion, die Fruchtbarkeit, die Stimmung und sogar die Wahrnehmung zu verbessern.

Es ist einfach, die Schimpansen in Gedanken durch Menschen zu ersetzen und statt der Bezeichnung „Bindungspartner“ die Bezeichnung „Freund“ zu verwenden. Wir alle stellen fest, dass schwere Zeiten mit einer freundschaftlichen Schulter zum Ausweinen einfacher zu bewältigen sind. Selbst in einem alltäglichen Kontext ist unser Leben dieses kleine bisschen schöner, wenn wir wissen, dass unsere Freunde da sind.

Aber diese Abhandlung zeigt auf, dass die Bildung und die Instandhaltung solcher enger sozialer Bindungen mit anderen einen bedeutenden, messbaren Nutzen für das körperliche und seelische Wohlergehen der Schimpansen hat und es wird auf einem physiologischen Level reguliert. Dies könnte uns nicht nur bei unserem weiteren Verständnis der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens helfen, sondern auch die Art beeinflussen, wie wir mit körperlichen Krankheiten und seelischen Schmerzen innerhalb der menschlichen Gemeinschaften umgehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „chimps“ by Pixel-mixer (CC0 Public Domain)


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Warum Gefahr aufregend ist – allerdings nur für manche Leute

Fallschirmspringen (image by skeeze [CC0] via Pixabay)

Der letzte Sommer war der bislang tödlichste für Wingsuit-Flieger. Aber was bringt manche Leute dazu, von einer Klippe basejumpen zu wollen, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken oder bei Fremden per Anhalter mitzufahren, während andere nicht mal an einer Achterbahnfahrt Freude haben? Gibt es so etwas wie ein Angsthasen-Gen oder eine Draufgänger-Hirnstruktur? Oder ist der Grad, in dem wir uns von Gefahr angezogen fühlen, davon abhängig wie beschützerisch unsere Eltern waren?

Ob unsere Schwächen nun Extremsport, zu schnelles Fahren, Drogen oder andere gefährliche Verhaltensweisen sind, es ist typischerweise eine Mischung aus Risiko und neuen Erfahrungen, die uns zu etwas antreibt. Was Psychologen „novelty seeking“ nennen, ist die Vorliebe für das Unerwartete oder Neue. Leute mit dieser Eigenschaft sind oft impulsiv und schnell gelangweilt – aber neue Erfahrungen setzen eine Welle von Chemikalien im Gehirn frei, die bei ihnen ein Lustempfinden auslösen.

Für eine Ratte oder ein Menschen mit einer Vorliebe für das Neue besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, Drogen zu nehmen und bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken. Die Konzepte von Risiko und Neuem sind in gewissem Maß miteinander verknüpft: Ein neuer Reiz ist grundsätzlich riskanter im Hinblick darauf, dass irgendeine damit verbundene Konsequenz unbekannt ist. Allerdings können wir diese beiden Aspekte im Labor voneinander trennen.

Es geht immer um Dopamin

Dopamin, von Neuronen dazu verwendet, Nachrichten an andere Neuronen zu übermitteln, wird oft als das „Glückshormon“ des Gehirns beschrieben. Dopaminzellen befinden sich im Mittelhirn, tief im Stammhirn, und senden „Projektionen“ an Hirnregionen wo das Dopaminmolekül freigesetzt wird – wie zum Beispiel jene, die bei der Kontrolle des Handelns, der Wahrnehmung und Belohnung beteiligt sind.

Studien haben gezeigt, dass das Dopaminsystem von lohnenden Erfahrungen wie der Nahrungsaufnahme, Sex oder der Einnahme von Drogen aktiviert werden kann. In einer Studie mit Parkinson-Patienten, die Medikamente einnahmen, die die Dopaminrezeptoren stimulieren, um deren motorische Symptome zu behandeln, entwickelten 17 Prozent höchst unerwartet ein Suchtverhalten im Bezug auf Glücksspiel oder zwanghaftes sexuelles Verhalten sowie das Kauf- und Essverhalten. Diese Patienten suchten außerdem eher das Risikound zeigten in den Labortests eine Vorliebe für Neues. Es hat also den Anschein, dass ein aktives Dopaminsystem uns dazu bringt, mehr Risiken einzugehen. Eine Studie zur Risikoeinschätzung hat gezeigt, dass ein erwarteter Sieg mit einem Anstieg an Hirnaktivität in Dopaminregionen verbunden ist, wohingegen eine erwartete Niederlage mit einer Abnahme solcher Aktivität verbunden ist. Beide treiben uns dazu, Risiken einzugehen.

Wingsuit-Fliegen oder Achterbahnfahren sind aus einer Belohnung heraus motiviert – ein Nervenkitzel – aber Wingsuit-Fliegen könnte auch von einem Drang getrieben sein, einen Verlust zu vermeiden (in diesem Fall den Tod). Die Wahrscheinlichkeit eines Nervenkitzels durch Base Jumping oder eine Achterbahn liegt nahezu bei 100 Prozent.

Aber während die Wahrscheinlichkeit, bei einer Achterbahnfahrt umzukommen, bei nahezu Null Prozent liegt, ist die Chance, beim Base Jumping zu sterben, erheblich höher. Je näher die Extreme zusammenliegen, bei null Prozent oder bei den vollen Hundert, desto sicherer, aber je näher sie bei den 50 Prozent lagen, desto unsicherer. Viele, aber nicht alle Studien haben gezeigt, dass Leute mit einem bestimmten Dopaminrezeptor wahrscheinlicher den Nervenkitzel suchen. Diese Genvariante steht auch in Verbindung mit einem größeren Ansprechen auf unerwartete Belohnung im Gehirn, was den unerwarteten Nervenkitzel noch prickelnder macht. Die genetische Verdrahtung könnte deshalb auch die Tendenz zum Base Jumping erklären in Verbindung mit der Vorliebe für Neues und möglicherweise auch für Risiko und Belohnung.

Wie wir aufgezogen werden, hat allerdings auch einen Einfluss. Jugendliche sind im Allgemeinen risikofreudiger, teilweise auch deshalb, weil sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet und sie anfälliger für Gruppenzwang sind. Und es gibt natürlich auch weitere Gründe, warum wir uns an Bungee Jumping oder Alkoholexzessen erfreuen, als die Affinität zum Risiko und dem Reiz des Neuen. Zum Beispiel kann das in gesellschaftlichen Situationen eintreten, in denen wir einem Gruppenzwang gerecht werden müssen oder wenn wir uns niedergeschlagen oder gestresst fühlen.

Warum sind wir inkonsistent?

Wenn unsere Gene beeinflussen können, ob wir mutig oder ängstlich sind, wie kommt es dann dazu, dass wir so ein wechselhaftes Verhalten zeigen? Zum Beispiel gehen wir im Urlaub skydiven, schließen aber eine Reiseversicherung ab. Wir verhalten uns unterschiedlich, abhängig davon, ob das Risiko als das Erlangen einer Belohnung oder das Vermeiden eines Verlusts wahrgenommen wird – ein Effekt, der als Framing bekannt ist.

Die meisten von uns tendieren dazu, riskante Belohnungen zu vermeiden. Wir gehen dann wohl eher nicht skydiven, aber im Fall eines unwahrscheinlichen Ereignisses mit hohem Gewinn – wie einem Lotterieticket – sind wir gerne bereit, das Risiko einzugehen. Außerdem suchen wir normalerweise das Risiko, um große Verluste zu vermeiden. Dies ist davon abhängig, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Folge eintritt. Im Fall eines unwahrscheinlichen, aber möglicherweise besonders schlechten Ausgangs wie dem Risiko, in massive Schulden zu geraten, während man im Ausland in einer medizinischen Einrichtung versorgt wird, wollen wir kein Risiko eingehen und schließen eine Reiseversicherung ab. Menschen, die sich an Gefahr erfreuen, oder die an Suchtstörungen leiden, haben andere Risikotendenzen. Pathologische Konsumenten illegaler Drogen, Alkohol oder Lebensmittel suchen alle das Risiko im Angesicht einer Belohnung – indem sie nach dem Rausch streben. Aber die Konsumenten illegaler Drogen werden von riskanteren, höheren Belohnungen getrieben, wohingegen pathologisch von Alkohol oder Lebensmitteln Abhängige von weniger riskanten, geringeren Belohnungen getrieben sind.

Wie wahrscheinlich es ist, dass wir ein Risiko eingehen, kann auch beeinflusst werden. Eine Studie mit Ratten hat gezeigt, dass Risikobereitschaft reduziert werden kann, indem das Dopaminsignal nachgeahmt wird, welches die Informationen über vorherige negative Auswirkungen früherer riskanter Entscheidungen liefert – wie einen Schlag auf den Fuß oder wie es ist, keine Nahrung zu erhalten. Die Risikobereitschaft bei exzessiven Trinkern kann auch reduziert werden, wenn sie explizit einem Verlustergebnis ausgesetzt sind – wie die Erfahrung, Geld zu verlieren, anstatt dies nur zu erwarten. Eine Nacht in einer Notaufnahme könnte deshalb schon ausreichen um deren Verhalten zu ändern. Außerdem kann ein neuer und unerwarteter Kontext risikobereites Verhalten steigern, was erklären könnte, warum wir im Urlaub mit höherer Wahrscheinlichkeit Risiken eingehen. In einer kürzlich erfolgten Studie haben meine Kollegen und ich Teilnehmern eine Reihe bekannter und unbekannter Gesichter gezeigt und sie gebeten, zwischen einem riskanten Wagnis und einer sicheren Entscheidung zu wählen. Wenn den Versuchspersonen ein neues Gesicht gezeigt wurde, waren sie eher bereit, das riskante Wagnis einzugehen.

Die Studie zeigte, dass Teilnehmer mit höherer Hirnaktivität im Striatum, einer Region, die an der Freisetzung von Dopamin beteiligt ist, im Kontext des unbekannten Gesichts Entscheidungen mit höherem Risiko trafen. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Neues die Ausschüttung von Dopamin in dieser Hirnregion erhöht, was dann möglicherweise die Erwartung einer Belohnung steigert.

Von Gefahr angezogen zu werden, ist allerdings nicht unbedingt etwas Schlechtes. Unsere Gesellschaft benötigt sowohl Risikoträger als auch Risikovermeider, um zu funktionieren. Wir brauchen Leute, die Grenzen sprengen, um eine Station auf dem Mars zu errichten oder Leute aus einem Feuer zu retten und wir brauchen die, die Regeln festschreiben und Vorschriften durchsetzen, um unsere Gesellschaft funktionsfähig zu halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Fallschirmspringen“ by skeeze (CCO Public Domain)


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Mein Smartphone und Ich: Digitale Trennungsangst in der postmodernen Welt

Kennen Sie das? Sie lassen ihr Handy aus Versehen zu Hause und bald fühlt es sich so an, als wäre ein Teil von Ihnen ebenfalls zu Hause geblieben. Die Nerven sind angespannt. Kurzatmigkeit setzt ein. Kurz gefasst: Panik. Das Ausmaß dieser spezifischen Reaktion auf ein vergessenes Gerät kommt auf das Individuum an. Doch hierbei handelt es sich schlussendlich um Trennungsangst: Man ist von etwas entfernt, was einem wirklich wichtig ist.

In der heutigen, von Technologie getriebenen Realität erleben wir dieses neue Symptom immer mehr – ich nenne es „Abkopplungsangst“. Das klingt vielleicht banal, aber das Phänomen ist real genug, dass es studiert wurde.

Das Gabinete de Comunicación Estratégica in Mexiko bestätigte in einer Studie von 2016, dass 25 Prozent der Bevölkerung traurig oder ängstlich wurde, wenn sie kein „Gefällt Mir“ auf Facebook bekamen oder wenn die Internetverbindung nicht mehr funktionierte.

In den USA haben psychologische Studien über die Beziehung zwischen Internetverbundenheit und Ängstlichkeit gezeigt, dass noch andere Symptome dazu kommen können, so wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen und überstrapazierte Sehkraft.

Lehrer erleben das die ganze Zeit. Erst vor Kurzem rief am Instituto Michoacano de Ciencias de la Educación, der pädagogischen Hochschule und meinem Arbeitsplatz, ein Schüler laut: „Sche**e! Sche**e!“ und hat nicht nur seine Mitschüler mit seinem Ausruf verwundert. „Ich habe etwas vergessen. Mein…“, sagte er, als er durch seinen Rucksack wühlte, Bücher, Papiere und schlussendlich alles ausleerte. Ohne Erfolg: Das Smartphone war nicht da. Ich konnte die Angst in seinem Gesicht sehen. Er sah aus, als ob er einen Teil von sich selbst verloren hätte.

Ich tweete, also bin ich

Warum kommt es zu dieser Angst? Hängt es wirklich mit dem vergessenen Objekt zusammen? Eine postmoderne Studie sagt etwas anderes. Hier eine kurze Auffrischung zur Postmoderne als ein Konzept. Nach dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard ist es so, dass die postmoderne Welt als ein modernes Leben, das vom Verlust der ‚großen Referenzen‘ gekennzeichnet ist, angesehen wird. Mythos, Religion und Philosophie. Dies repräsentiert eine leere Erfahrung, die wir mit Konsum füllen wollen.

Dabei passiert die Abkopplung, denn das Kaufen befriedigt uns nicht. Allerdings ist die Abkopplung schon längst geschehen: Wir werden so geboren, verloren in der virtuellen Realität, die unser Leben darstellt. Oder so ähnlich zumindest fühlen sich die Menschen, auch Kinder eingenommen, die nun wegen ihrer digitalen Verbundenheit weniger sozial agieren.

Für den Postmodernisten ist deshalb das Vergessen des Handys nicht die Abkopplung von der digitalen Welt an sich, weil dies niemals die Leere gefüllt hat, die durch das Verlieren der Referenzen entstanden ist. Es ist eher so, dass das Subjekt nun der Realität gegenüber ungeschützt ist, in der es sich mit anderen konfrontieren muss. Ohne einen Bildschirm, hinter dem ich mich verstecken kann, muss ich mich nun mit anderen konfrontieren. Von Angesicht zu Angesicht – mit notwendigen Unterhaltungen, Diskussionen, manchmal sogar Streit.

Freunde hinzufügen und löschen

Der polnische Soziologe Zygmun Bauman sagte: „Soziale Netzwerke erschaffen einen Ersatz… man kann Freunde hinzufügen oder löschen, die Leute kontrollieren, mit denen man agiert.“ Das ist korrekt – denn wie soll man jemandem im echten Leben löschen? Wie kann man diese blockieren oder entfreunden?

Eben das kann man nicht. Und genau deshalb bevorzugen immer mehr Leute das soziale Netzwerk und das Leben, das diese ermöglichen. Und wenn es keinen virtuellen Kontakt oder eine Verbindung gibt, dann ist die normale psychologische Reaktion darauf, eine Angst zu fühlen. Nicht wegen der Entfernung zur virtuellen Welt, aber weil wir aufhören, Subjekte unserer eigenen Realität zu sein, wenn wir davon getrennt sind. In diesem Moment müssen wir uns mit der eigentlichen Realität auseinandersetzen.

Aber selbst wenn wir in unseren digitalen und sozialen Netzwerken sind, wissen wir anhand von Fragebögen von psychoanalytischen Patienten, dass es unsere Welt drastisch einschränken kann, wenn wir uns zu sehr auf technologische Beziehungen verlassen. Alleinsein wird zu Einsamkeit, Verbundenheit mit dem Netz wird zum Mechanismus: Das verlassene Subjekt kann sogar einen Zustand annehmen, der das Risiko des Selbstmords erhöht.

Selbst wenn wir den Reichtum der außergewöhnlichen digitalen Verbundenheit genießen, geschieht dies nur zum Preis schlechterer sozialer Verbindungen.

Basierend auf der psychoanalytischen Literatur und der philosophischen Wahrheit wissen wir nun, dass die Angst vor der Abkopplung nicht entsteht, weil man sich von der Menschheit getrennt fühlt. Nein, die Angst kommt aus der entgegengesetzten Richtung. Indem man zu nah an der Menschheit ist, zu nah an anderen.

Digitaler Narziss

Wenn das Subjekt abgekoppelt ist, hat es keine andere Wahl, als sich mit seinem Ehepartner, den Kindern, dem Vater, oder wem auch immer zu beschäftigen. Es ist schwierig, jemanden zu konfrontieren, einen Dialog herzustellen, Vereinbarungen zu treffen und sich harmonisch zu verhalten.

Es haben viele Studien gezeigt, dass man einen Konflikt auf Facebook anders schlichtet als im realen Leben. Die Angst, die man erfährt, wenn einem auffällt, dass man sein Handy zu Hause vergessen hat – was bedeutet sie also? Es geht nicht um das Objekt an sich, sondern um das, was es repräsentiert: Eine soziale Funktion, die man nun im echten Leben ausführen muss!

Nun gibt es keinen Bildschirm mehr, in den man sich vertiefen kann wie Narziss, der in seinem eigenen Bild versunken war. Nein, das smartphonelose Subjekt muss sich beschäftigen, umstellen auf ein vis-a-vis mit jemand anderem – einem echten, lebenden, atmenden Menschen, der träumt, versteht und eventuell etwas plant. Jemand, den man nicht einfach löschen kann und den man sich nicht einmal aussuchen kann. Und genau das kann beängstigend sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „smartphone“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Warum Smartphones oft schlechte Laune machen

Apple (Image by Ed Gregory [CC0 Public Domain] via Pexels)

Mehr als die Hälfte der Deutschen nutzen Smartphones. Die Meisten verbringen auch sehr viel Zeit in sozialen Netzwerken. Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat tragen dazu bei, dass wir unsere Bilder und Erlebnisse mit anderen teilen. Doch welche Auswirkungen hat der häufige Konsum eigentlich auf unseren Alltag und wie beeinflussen Smartphones unsere Emotionen?

Sarah Diefenbach hat sich mit diesem Thema genauer beschäftigt. Sie ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, studiert hat sie Psychologie mit Nebenfach Informatik. Schwerpunkte ihrer Forschung sind das Konsumentenerleben im Bereich interaktiver Produkte und die Betrachtung von Mensch-Technik-Interaktion aus einer psychologischen Perspektive. Gemeinsam mit Daniel Ullrich hat sie das Buch „Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern“ [Affiliate Link] geschrieben. Ullrich ist Post-Doc am Lehrstuhl für Medieninformatik der LMU München. Er promovierte zum Thema Intuitive Interaktion mit technischen Produkten. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nutzererleben und positive Erlebnisse mit Technik, insbesondere mit intelligenten Systemen und Robotern.

Sarah Diefenbach
Sarah Diefenbach erforscht Emotionen und die alltägliche Nutzung von Smartphones

Ihr gemeinsames Buch handelt davon, dass viele Menschen ihre Glücksmomente zerstören, indem sie alles mit ihrem Smartphone festhalten wollen. Dadurch, dass wir unser Glück ständig tracken, posten und teilen wollen, verlernen wir, es direkt zu erleben. Wir posten Fotos in sozialen Netzwerken, um uns gut zu fühlen, wir wollen das Glück intensivieren, indem wir es mit anderen teilen.

Allerdings treten wir damit auch in einen Wettbewerb. Alle posten Fotos und suchen Bestätigung durch möglichst viele Likes. Neben den vielen tollen Urlaubsfotos der Kontakte scheint das eigene Leben plötzlich belanglos. Doch das ist nur eine der vielen Alltagssituationen, die unser Glück gefährdet. Egal ob wir mit jemandem essen gehen oder im Zug sitzen, Technik und digitale Medien sind meistens in unserem Alltag vertreten. Diese ständige Präsenz kann auch zu Konflikten führen und unsere Gefühle beeinflussen.

Im Interview erzählt Sarah Diefenbach unter anderem, worauf es bei der Nutzung von Smartphones ankommt und wie unsere Emotionen davon beeinflusst werden.

Marina Blecher: Finden Sie, dass wir unsere Umwelt anders wahrnehmen als diejenigen, die kein Smartphone benutzen? Und wenn ja, wie?

Sarah Diefenbach: Das kann man auf jeden Fall sagen. In unserem Buch beschreiben wir die Smartphones als eine Linse, durch die wir unsere Umwelt permanent wahrnehmen. Man könnte fast sagen, das Smartphone nimmt für uns wahr, erklärt uns, wie wir die Welt zu sehen haben. Besorgniserregend ist, dass wir uns dieser Filterfunktion oft nicht bewusst sind. Auch was uns Amazon empfiehlt oder was Google uns als Treffer vorschlägt, ist ja schon eine Vorselektion. Es wird immer schwerer, zwischen direkter Wahrnehmung und gefilterter Realität zu unterscheiden.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch darüber, dass es in manchen Situationen unglücklich macht, wenn man sich zu viel mit dem Smartphone beschäftigt. Gibt es auch Studien dazu, dass die sozialen Medien emotionale Auswirkungen haben?

Ja, da gibt es einige Studien. Eine, die ich sehr anschaulich und interessant finde, handelt von Facebook. Je mehr Zeit man auf Facebook verbringt, umso überzeugter ist man, dass andere ein besseres Leben haben und glücklicher sind als man selbst. Eine andere Studie zeigt, dass die Nutzung von Facebook oft schlechte Laune macht – dennoch nutzt man es immer wieder. Da stellt sich natürlich die Frage: Liegt es daran, dass die Leute diesen Effekt nicht vorhersagen können? Oder ist es eine Art Sucht – man weiß, dass es nicht gut tut, aber man kann nicht anders? Oder einfach nur dieser Wunsch nach schneller Ablenkung?

Und finden Sie auch, dass die neuen Medien Auswirkungen auf den Umgang miteinander haben? Beispielsweise, dass die Menschen sich mittlerweile schlechter unterhalten können?

Man muss mit kausalen Aussagen dieser Art vorsichtig sein, das Verhalten zeigen wir ja immer noch selbst. Ein Beispiel aus unserem Buch ist, dass die Diskussionen nicht mehr so tiefgehend sind. Wenn man zusammen mit Freunden an einem Tisch sitzt und es gibt irgendwo Uneinigkeiten sagt einer „Ach, das schau ich schnell nach.“ Wikipedia sagt so und so – „End of Discussion“. Es wird vieles schnell abgebügelt.

Soziale Netzwerke begünstigen Vergleiche und Bewertungen: man urteilt über andere Menschen wie über Produkte aus einem Online-Shop. Ich will nicht generell den sozialen Medien die Schuld zuspielen, aber ich denke, sie unterstützen uns leider in Verhaltensweisen, die nicht gerade gut für uns sind.

Und wieso wollen wir ständig erreichbar sein und können selbst bei einem gemeinsamen Essen unsere Smartphones nicht einfach weglegen?

Ich habe den Eindruck, dass es mittlerweile so eine Art antrainierte Angst ist, etwas zu verpassen. Durch diese Norm, ständig erreichbar zu sein, wird auch erwartet, dass andere ständig antworten. Und wenn man es nicht tut, gilt es fast schon als Beleidigung oder mangelnder Respekt dem anderen gegenüber. Jedoch haben wir diese Normen selbst geschaffen und wir können auch wieder neue Normen schaffen.

Wie gehen Sie mit der Technik um? Ärgern Sie sich manchmal auch über Ihren Konsum oder achten Sie darauf, die Technik nicht so häufig zu nutzen?

Ja, ich achte darauf und deshalb ärgere ich mich selten. Aber ich finde es auch bei mir selbst interessant zu beobachten, wie sich Routinen oder Automatismen entwickeln. Wenn ich mein Notebook anmache – eigentlich nur, um eine bestimmte Information nachzuschauen – mache ich oft automatisch auch das E-Mail-Programm auf. Ich bekomme neue Nachrichten und setzte mich damit auseinander. Am Ende habe ich vielleicht vergessen, was ich ursprünglich wollte. Das sind erstmal Kleinigkeiten, aber trotzdem machen sie bewusst, wie stark diese Einflüsse sind und wie leicht man in Verhaltensweisen reinrutscht, die man nicht beabsichtigt hat.

Bei vielen Jugendlichen hat man das Gefühl, dass sie sozusagen süchtig nach ihren Smartphones sind. Ab wann sollte man sich Ihrer Meinung nach Sorgen um den Umgang mit digitalen Medien machen?

Ich finde, man kann schlecht sagen, dass es ab einer bestimmten Dosis problematisch wird. In unserem Buch schlagen wir vor, einfach mal den letzten Tag Revue passieren zu lassen. Wie oft habe ich mit Technik interagiert und wie viel davon waren positive Momente? Und wenn man dabei entdeckt, dass es eigentlich mehr Stress ist oder man sogar Menschen im direkten Umfeld vernachlässigt, wenn man das Gefühl hat, keine Erholung zu finden und niemandem gerecht zu werden – viele Menschen berichten, dass sie ständig erreichbar sind, aber trotzdem das Gefühl haben, sie sind nicht genug für andere da. Solche Beobachtungen könnten ein Anlass sein, den Konsum zu reduzieren – und gleichzeitig mehr Zeit für andere schöne Dinge zu gewinnen.


Image „Apple“ by Ed Gregory (CC0 Public Domain)

Image by Sarah Diefenbach


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Interview Stephanie Greenstreet

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Stephanie Greenstreet ist professionelle Bespaßerin: Sie arbeitet als Feelgood Managerin beim Wissenschaftsportal ResearchGate. Wir haben mit ihr über gute Laune, Feelgood Akademien und das Kuchenbacken im Job gesprochen.

Marinela Potor: Als du 2012 zur Feelgood Managerin ernannt wurdest, gab es diese Stellenbeschreibung in Deutschland noch gar nicht. Wie ist es bei dir zu diesem Job gekommen?

Stephanie Greenstreet: Ich bin 2010 zu ResearchGate als Praktikantin gekommen. Damals war das Unternehmen noch sehr klein, wir waren nur eine Handvoll Mitarbeiter. Nach einigen Monaten wurde ich dann fest übernommen. Ich habe mich eigentlich direkt von Anfang an darum bemüht, ein positives Umfeld zu schaffen und neuen Mitarbeitern zu helfen.

Meine Eltern sind oft umgezogen und so weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man die Neue ist. Deshalb wollte ich, dass neue Mitarbeiter den besten ersten Tag ihres Lebens bei ResearchGate haben. Es ging mir auch darum, dass alle wussten, wie sehr sie willkommen waren und geschätzt wurden. Ich habe in den ersten Monaten zu jedem Geburtstag Kuchen gebacken, wir sind fast jeden Tag alle zusammen zum Mittagessen zu einem italienischen Restaurant um die Ecke gegangen und wir haben immer nach der Arbeit noch etwas gemeinsam unternommen. Nach ungefähr zwei Jahren hat mich unser Geschäftsführer Ijad Madisch dann gefragt, ob ich all meine Wohlfühl-Taktiken nicht zu einer vollen Stelle umwandeln wollte. Ich war begeistert und ganz aufgeregt über meine neue Aufgabe – und habe diesen Wechsel nie bereut.

Was genau sind deine Aufgaben als Feelgood Managerin?

Ich helfe neuen Kollegen dabei, sich einzugewöhnen und organisiere verschiedene kleinere und größere Teamevents, wie beispielsweise unsere Yogaklasse, unsere Weihnachtspartys, Stammtische oder Unternehmensmarathons, in denen wir alle laufen gehen. Kurz gesagt, ich arbeite mit unserem Geschäftsführer Ijad Madisch daran, eine positive Unternehmenskultur zu schaffen.

Beschreibe einen typischen Arbeitstag!

Morgens bin ich oft bei unserer Yogastunde dabei, weil es einfach ein großartiger Weg ist, um in den Tag zu starten. Danach gratuliere ich vielleicht einem Kollegen zur Geburt seines Babys und gebe ihm einen ResearchGate Strampelanzug mit einer Glückwunschkarte von allen Mitarbeitern. Danach arbeite ich einige Stunden an einem Projekt und stehe den ganzen Tag für Fragen von Mitarbeitern zur Verfügung. Die Mittagspause verbringe ich gemeinsam mit Kollegen in unserem Hof und danach mache ich oft einen kleinen Spaziergang und gönne mir ein Eis. Nachmittags spreche ich dann mit unserem Geschäftsführer über neue Ideen und später sitze ich dann vielleicht in einer Product-Insight-Sitzung, in der ein neues Produkt vorgestellt wird. Nach der Arbeit trinke ich mit Kollegen ein Bierchen oder wir gehen zusammen zu einem Kochkurs oder einem improvisierten Workshop eines Kollegen.

Was sind denn die Dinge, die die Mitarbeiter bei ResearchGate glücklich machen?

Jeder hier weiß, dass unsere Arbeit die Wissenschaft jeden Tag ein Stückchen besser macht. Das ist unglaublich motivierend. Dann haben wir auch noch viele kleine Annehmlichkeiten, die uns glücklich machen wie ein Gratis-Mittagessen, frisches Bioobst und -gemüse sowie viele Snacks. Dann haben wir auch noch zahlreiche Spiele bei uns im Büro wie Tischtennis, Billard, eine Wii Konsole, ein Dartspiel und viele Mitarbeiter haben einfach Spaß damit. Sie spielen in der Mittagspause oder einfach mal nachmittags als kurze Unterbrechung. Dann haben wir auch noch Entspannungsräume, in denen Mitarbeiter sich einfach mal hinlegen können, um sich zu erholen.

Bei euch geht es also vor allem darum, den Mitarbeitern das Arbeitsumfeld so angenehm wie möglich zu gestalten. Inwiefern glaubst du denn, dass es dem Unternehmen hilft, wenn jemand wie du als Feelgood Managerin tatsächlich hauptberuflich für das Wohlfühlen verantwortlich ist?

Ich glaube ganz fest, dass all die Dinge, die ich organisiere dazu beitragen, dass sich alle im Team besser kennen lernen – auch außerhalb der Arbeit. Viele sind Freunde geworden. Diese guten Beziehungen machen auch das Arbeiten bei uns angenehmer.

Was hast du schon alles unternommen, damit sich deine Kollegen glücklicher bei der Arbeit fühlen?

Da gab es schon so einiges. Ich habe zum Beispiel Kollegen vom Flughafen abgeholt oder ihnen dabei geholfen, eine Wohnung in Berlin zu finden, ich habe SEHR viele Geburtstagskuchen gebacken, einen Firmenurlaub für uns alle organisiert, Mitarbeitern in stressigen Situationen geholfen und auch bei bürokratischen Angelegenheiten ausgeholfen … um nur einiges zu nennen. Die Liste geht endlos weiter.

Was ist für dich der Teil deiner Arbeit, der dir am meisten Spaß macht?

Als ich klein war, wollte ich immer so viele Dinge ausprobieren, von Klettern über Schnorcheln bis hin zum Bratsche spielen. Meine Mutter hat immer gesagt, dass die Zeit für mich einfach nicht ausreichen würde, um all das zu tun. Das Tolle an meiner Arbeit ist: Ich kann jetzt all diese Sachen ausprobieren – noch dazu mit meinen tollen Kollegen.

Was ist das Schwierigste an deiner Arbeit?

Das Feelgood Management ist ein relativ neues Feld, vor allem in Deutschland. Ohne Vorbilder war es also eine große Herausforderung (aber auch ein großer Spaß), herauszufinden welche Projekte die besten Ergebnisse brachten und dann meine Zeit darauf zu fokussieren.

Feelgood Management wird aber auch in Deutschland immer beliebter. Es gibt mittlerweile auch Akademien, die Wohlfühl-Manager ausbilden. Ist das wirklich notwendig?

Ich bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, Feelgood Management zu erlernen. Bei mir war es so, dass ich alles durch die Praxis gelernt habe und dann einfach das gemacht habe, was für unser Unternehmen richtig war. Es könnte aber interessant sein, zu lernen was und wie andere das Ganze angehen.

Gibt es bei euch im Unternehmen eigentlich jemanden, der sich um dein Wohlbefinden kümmert?

Ich weiß, es klingt kitschig, aber das ganze Team macht mich jeden Tag wirklich glücklich. Wir haben einfach so eine tolle, freundliche Atmosphäre – das reicht für mein Wohlbefinden.


Image by Stephanie Greenstreet


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Freaks, Geeks, Normen und Sitten: Warum wir den Status Quo als moralischen Kompass ansehen

Ballon (adapted) (Image by Mysticsartdesign [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die Binewskis sind keine gewöhnliche Familie. Arty hat Flossen statt Gliedmaßen, Iphy und Elly sind siamesische Zwillinge und Chick hat telekinetische Kräfte. Diese reisenden Zirkus-Künstler sehen ihre Andersartigkeit als Talent, andere jedoch betrachten sie als Freaks ohne Werte und Moral. Das Erscheinungsbild kann jedoch täuschen: Der wahre Schurke der Binewski-Geschichte ist wohl Miss Lick, eine physisch „normale“ Frau mit niederträchtigen Absichten. Ähnlich wie die fiktiven Charaktere aus Katherine Dunn’sGeek Love“ missverstehen „gewöhnliche“ Menschen Normalität oft als Maßstab für Moral. „Freaks“ und „Normalos“ befinden sich jedoch gleichermaßen irgendwo auf dem schmalen Grat zwischen Gut  und Schlecht. Trotzdem werden immer noch die Dinge, die typisch sind, als Maßstab für das Gute gesehen. Verhalten, das gegen die Norm geht, wird weiterhin kritisch beäugt. Warum ist das so? In einer Reihe von Studien haben der Psychologe Andrei Cimpian und ich untersucht, warum Menschen den Status Quo als einen moralischen Kodex sehen. Wir haben versucht, einen Weg zu finden, um richtig von falsch und gut von schlecht zu unterscheiden. Unsere Inspiration für dieses Projekt war der Philosoph David Hume, der darauf aufmerksam machte, dass Menschen dazu neigen, sich vom Status Quo („Was ist?“) bezüglich ihres moralischen Ermessens („Was soll sein?“) leiten zu lassen. Nur weil ein Verhalten oder eine Praxis existiert, bedeutet das nicht, dass diese gut ist – aber genauso begründen Leute ihre Taten häufig. Zum Beispiel waren und sind Sklaverei und Kinderarbeit in manchen Teilen der Welt noch immer verbreitet. Deren reine Existenz macht sie aber noch lange nicht richtig oder in Ordnung. Wir wollten die Psychologie hinter der Argumentation verstehen, dass die Verbreitung Grundlage für moralisch gutes Handeln ist. Um die Wurzeln solcher „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen zu untersuchen, haben wir zu Grundelementen der menschlichen Wahrnehmung gegriffen: Wie erklären wir, was wir in unserer Umgebung wahrnehmen? Von klein auf versuchen wir zu verstehen, was um uns herum abläuft. Oft geschieht dies durch Erklären. Erklärungen liegen oft tief verwurzelte Glaubensansätze zu Grunde. Beeinflussen Erklärungen also auch den Glauben der Menschen in Bezug auf die Frage nach einem Richtig oder Falsch?

Mit Vereinfachungen die Welt erklären

Wenn man sich Erklärungen ausdenkt, um die Welt um uns herum zu verstehen, sticht der Bedarf nach mehr Effizienz oft den Bedarf nach Präzision aus. (Die Leute haben weder Zeit noch kognitive Kapazitäten, um nach Perfektion bei jeder Erklärung, Entscheidung oder Beurteilung zu streben.) In den meisten Fällen muss getan werden, was zu tun ist – wenn man es mal kognitiv ausdrücken möchte. Wenn ein effizienter Kriminalbeamter mit dem Unbekannten konfrontiert wird, nutzt er Abkürzungen und vertraut auf einfachste Informationen, die ihm spontan einfallen. Was einem als erstes einfällt, geht tendenziell mit eigenen oder intrinsischen Eigenschaften des Gegenstands einher, der erklärt wird. Wenn man zum Beispiel erklären möchte, warum Männer und Frauen getrennte öffentliche Toiletten haben, könnte man zunächst sagen, dass es an den anatomischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern liegt. Die Tendenz, etwas zu erklären, indem man solche anhaftenden Merkmale benutzt, bringt uns oft dazu, andere relevante Informationen über die Umstände oder die Geschichte des besagten Phänomens zu ignorieren. In der Realität wurden die öffentlichen Toiletten, nach Geschlechtern getrennt, erst im späten 19. Jahrhundert in den USA eingeführt – nicht als Anerkennung der anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern als Teil verschiedener politischer Veränderungen, die die Idee stärkten, dass sich der gesellschaftliche Stellenwert von Frauen, zu dem von Männern unterschied.

Die Verbindung ausprobieren

Wir wollten wissen, ob die Tendenz dazu, Dinge basierend auf deren inneren Qualitäten zu erklären, auch dazu führt, dass man das Alltägliche wertschätzt. Um zu testen, ob die eigene Präferenz für anhaftende Erklärungen in Bezug zu „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen steht, haben wir zuerst unsere Teilnehmer befragt. Sie sollten bewerten, wie sehr sie mit einer Anzahl an inhärenten Erklärungen übereinstimmen: Zum Beispiel dass Mädchen gern Pink tragen, weil es eine zierliche, blumige Farbe ist. Dies dient als Maßstab für eine Präferenz des Teilnehmers für anhaftende Erklärungen. In einem anderen Teil der Studie sollten die Leute spöttische Pressemitteilungen über Statistiken, die normales Verhalten beschrieben, lesen. Eine der Mitteilungen gab zum Beispiel an, dass 90 Prozent der Amerikaner Kaffee trinken. Die Teilnehmer wurden dann befragt, ob sie diese Verhaltensweisen als „gut“ oder „wie es sein sollte“ einstufen würden. Das gab uns ein Maß über die „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen der Teilnehmer. Diese beiden Messungen waren eng miteinander verbunden: Die Leute, die inhärente Erklärungen bevorzugten, dachten meist auch, dass das typische Verhalten das ist, was man tun sollte. Wir tendieren dazu, das Alltägliche als gut und „so, wie die Dinge sein sollten“ zu empfinden. Wenn man also zum Beispiel denkt, dass öffentliche Toiletten wegen der inhärenten Unterschiede zwischen Mann und Frau getrennt sind, denkt man meist auch, dass diese Praxis angemessen und gut (also ein Werturteil) ist. Diese Beziehung war sogar präsent, wenn die Zahlen durch eine Anzahl anderer  kognitiver oder ideologischer Tendenzen statistisch bereinigt wurden. Zum Beispiel kam die Frage bei uns auf, ob die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung durch die politische Einstellung der Teilnehmer erklärt werden kann. Vielleicht sehen politisch eher Konservative den Status Quo als gut an und neigen beim Erklären zu anhaftenden Erklärungen? Diese Variante wurde nicht durch die gesammelten Daten unterstützt, wie auch keine der anderen Varianten, denen wir Beachtung schenkten. Unsere Ergebnisse offenbarten eher eine eindeutige Verbindung zwischen Erklärungslenkungen und moralischer Beurteilung.

Toilettes (image by Antonio Ortega [CC by 2.0] via Flickr)
Image (adapted) „Toilettes en el lago salado de Chott el Jerid, Túnez. 1994“ by Antonio Ortega (CC BY 2.0)

Eine innere Neigung, die unsere moralische Beurteilung beeinflusst

Wir wollten außerdem herausfinden, in welchem Alter man die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung entwickelt. Je früher diese Verbindung im Leben präsent ist, desto größer kann ihr Einfluss auf die Entwicklung der Vorstellung eines Kindes in Bezug auf Richtig und Falsch sein. Aus früheren Projekten wussten wir, dass die Neigung, mithilfe von inhärenten Erklärungen zu erklären, bereits bei vierjährigen Kindern vorhanden ist. Vorschüler denken also zum Beispiel eher, dass Bräute bei der Hochzeit weiß tragen, weil es etwas mit der Farbe an sich zu tun hat – und nicht etwa egen eines Modetrends, dem die Leute folgen. Es stellt sich die Frage, ob diese Neigung die moralische Beurteilung der Kinder beeinflusst. Und tatsächlich: Wir haben herausgefunden, dass vier- bis siebenjährige Kinder, die inhärente Erklärungen bevorzugten, auch eher typische Verhaltensweisen (wie zum Beispiel, dass Jungen Hosen und Mädchen Kleider tragen) als gut und richtig ansehen. Wenn unsere Behauptungen korrekt sind, sollten Veränderungen in der Weise, wie Leute erklären, was typisch ist, auch Änderungen in der Art, wie sie über Richtig und Falsch denken, hervorrufen. Wenn die Leute mehr Zugang zu Informationen haben, wie die Welt funktioniert, mag es für sie einfacher sein, sich die Welt anders vorzustellen. Wenn man Ihnen Erklärungen bietet, die sie vorher noch nicht bedacht haben, werden sie weniger davon ausgehen, dass das „Was ist?“ und das „Was soll sein?“ das Gleiche bedeutet. Damit stimmen unsere Ergebnisse überein, dass, wenn wir die Erklärungen der Leute subtil manipulieren, wir auch ihre Tendenz verändern, die Schlussfolgerungen nach dem Modell „Was ist? – Was soll sein?“ zu ziehen. Wenn wir Erwachsenen ein eher extrinsisches statt intrinsische Denkweise vermitteln, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie denken, dass das normale Verhalten definitiv jenes ist, das man anstrebt. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder den Status Quo (Bräute tragen weiß) als gut und richtig ansehen, war geringer, wenn diese eine externen Erklärung erhielten (Wie zum Beispiel: Eine berühmte Königin trug weiß an ihrer Hochzeit und dann fing jeder an, sie zu kopieren).

Eine Folgerung für die soziale Veränderung

Unsere Studien offenbaren einen Teil der Psychologie hinter der menschlichen Tendenz, eine direkte Verbindung von einem „Ist“-Zustand zu einem „So soll es sein“-Zustand zu machen. Obwohl es natürlich viele Faktoren gibt, die diese Tendenz einleiten, scheint eine davon eine einfache Eigenart unseres kognitiven Systems zu sein: Die frühe Neigung zu inhärenten Verbindungen, die in unseren alltäglichen Erklärungen vorhanden ist. Diese Eigenart mag einer der Gründe sein, warum Menschen – sogar die Jüngsten unter uns – solche starken Reaktionen gegen Verhaltensweisen aufweisen, die gegen die Norm gehen. Bezüglicher sozialer und politischer Belange könnte es hilfreich sein, zu betrachten, wie solche kognitiven Faktoren die Menschen beeinflussen, sich gegen soziale Veränderungen zu wehren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Ist mein Chef ein Psychopath? – Hilfe aus der Jobfalle

Watch your head (adapted) (Image by Kenny Louie [CC BY 2.0] via flickr)

Ein Unternehmen zu leiten, erfordert eine zielstrebige oder sogar rücksichtslose Denkweise, die Fähigkeit, sicher aufzutreten und die Zügel in der Hand zu haben. Man sollte energisch und berechnend und ein akribischer Planer sein – Eigenschaften, die nur wenige besitzen. Aber es gibt eine Kategorie von Personen, die diese Eigenschaften im Überfluss hat: Psychopathen.

Der Forscher Robert Hare schätzt, dass diese Profilbeschreibung auf etwa ein Prozent der Bevölkerung zutrifft, aber der Anteil an CEOs könnte vier Mal so hoch sein. Kevin Dutton, Psychologe an der Oxford University, hat 5.400 Personen mit einer Vielzahl an Berufen untersucht. Er hat eine Liste der Top Ten-Berufe zusammengestellt, welche in der Rangfolge der Psychopathie ganz oben stehen. Den ersten Platz belegen die CEOs, gefolgt von Anwälten, Medienpersönlichkeiten, Verkäufern und Chirurgen. Während es für psychopathische Individuen wahrscheinlicher ist als für andere Menschen, dass sie Verbrechen begehen, schaffen es die meisten von ihnen, ein erfolgreiches Leben zu leben. Ihre psychopathische Persönlichkeit hilft ihnen dabei sogar. Das Problem besteht darin, dass es der psychopathische Chef ist, der die Kultur und den Umgangston für die Art und Weise festlegt, wie manche Organisationen ihren Geschäften nachgehen.

Zieht der Chef es vor, ethisch vertretbar zu arbeiten, oder bewegt man sich in der Grauzone zwischen einer ethisch fragwürdigen und einer sich noch im legalen Bereich befindlichen Tätigkeit? Oder schlimmer noch, überschreitet er gern die Grenze der Legalität, wenn die Risiken gering sind und die Vorteile die rechtliche Verbindlichkeit überwiegen? Wer für so einen Chef arbeitet, kann manchmal in die Bredouille geraten. Um den Chef nicht aufzuregen, entwickeln solche Menschen eine Art ethische Blindheit. Diese Angestellten sind sich meist nicht bewusst, dass sie unethisch handeln, das Management hat schlicht und ergreifend eine Umgebung geschaffen, in der Ethik nicht viel Beachtung geschenkt wird. Das gestattet es andernfalls anständigen Menschen, sich in diesem Verhalten zu etablieren. Wenn eine ansonsten anständige Person mit einer schädlichen Umgebung konfrontiert wird, vielleicht eine, die von einem psychopathischen Chef geschaffen wurde, fällt es dieser Person sehr schwer, nicht in ethische Blindheit und schädliches Verhalten abzurutschen.

Wonach man Ausschau halten sollte

Der Psychologe Phillip Zimbardo, bekannt für sein Stanford-Prison-Experiment, wartet mit einem Set von sozialen Prozessen auf, die „das Böse beschleunigen“. Diese zu lesen ist eine Erinnerung, wie wir alle auf dem höchsten Punkt unserer eigenen schiefen Ebene sitzen:

  • Gedankenlos den ersten kleinen Schritt tun

Es ist einfach, wenn es viel zu erreichen und wenig zu verlieren gibt. Es ist der „schmale Grat am Rand“, der die Vorwärtsbewegung auslöst. Im Geschäft könnte man von Ihnen erwarten, dass ein paar Einsparungen ein akzeptabler Teil der Arbeit ist. Wenn die Zeit vergeht, bewegt sich diese Praxis von der Überlegung, ob man das Richtige tut, hin zu den Gedanken, wie man damit durchkommen kann – ein Übergang, der in einer Kultur der ethischen Blindheit leicht fällt.

  • Entmenschlichung von anderen

Wenn das Stammesdenken von „uns und denen“ die Leute dazu bringt, Außenstehende als Untermenschen anzusehen. Die blutgetränkte Geschichte der Kriegsführung verdeutlicht das destruktive Potenzial dieser Denkweise. Wenn ein Chef jedem sagt, dass hier gerade Krieg herrscht, dass wir „die Konkurrenz zerschmettern müssen“ oder „sie begraben“, wird eine feindliche Umgebung geschaffen, in der das Überleben davon abhängt den Feind zu töten.

  • Anti-Individualisierung des Selbst (Anonymität)

Menschen, die ihre Identität maskieren, werden sich wahrscheinlich antisozialer Verhaltensweisen bedienen, da Anonymität uns die Erlaubnis gibt, uns schlecht zu benehmen. Wenn ein Arbeiter ein anonymes Zahnrad in einer maschinenartigen Organisation ist, fühlt er sich selbst weniger menschlich, und daher auch weniger regiert vom menschlichen Anstand

  • Zerstreuung der persönlichen Verantwortung

Lassen Sie sich von der Mentalität des Mobs (wie beispielsweise einem Lynch-Mob) mitreißen, und Sie sind zu fast allem fähig. Tausende von normalerweise gesetzestreuen Londonern wurden in den Unruhen von 2011 zu Plünderern und Brandstiftern, weil „alle anderen es auch gemacht haben“. Ein Arbeitsplatz, an dem eine Kultur des Zweckes herrscht, der die Mittel heiligt, macht es Menschen einfach, das zu tun, was alle anderen ebenfalls tun.

  • Blinder Gehorsam gegenüber Autorität

Wenn eine Autoritätsperson wie der Chef von Ihnen verlangt, etwas zu erledigen, ist es schwer abzulehnen – insbesondere, wenn das Nichtbefolgen der Anweisung ernste Konsequenzen mit sich bringt. In der Vergangenheit konnte solcher Ungehorsam tödlich sein.

  • Unkritische Angepasstheit an Gruppennormen.

Normen üben einen machtvollen Einfluss auf unser Verhalten aus, besonders wenn Ungehorsam oder Nonkonformität dazu führt, dass Sie aus der Organisation geworfen werden. In der evolutionären Vergangenheit war sozialer Ausschluss gleichbedeutend mit Tod, daher tendieren unsere Instinkte zur Anpassung.

  • Passive Toleranz des Bösen durch Nichtstun oder Gleichgültigkeit.

Wie Edmund Burke vermerkte, „ist das einzige, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, dass die anständigen Leute nichts tun.“ Sie müssen kein Täter sein. Es reicht, einfach passiv daneben zu stehen.

Führung von unten nach oben

Sie können sich trotzdem als ethische Person in Ihrem eigenen Einflussbereich etablieren, vorausgesetzt, Ihr Chef ist nicht diabolisch. Das ist eine Form der Führung von unten nach oben, welche anderen ein gutes Beispiel bietet, es Ihnen gleich zu tun. Wenn sich genügend Einflussbereiche überschneiden, verändert sich die Unternehmenskultur. Letzten Endes kann es für Sie die beste Option sein, sich nach einem anderen Job umzusehen und in Würde zu gehen. Aber unterschätzen Sie nicht die Macht des kollektiven Handelns, um eine ethische Arbeitsumgebung zu schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Watch your head“ by Kenny Louie (CC BY 2.0)


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Warum Flow bei der Arbeit glücklicher und produktiver macht

writing (image by Unsplash [CC BY 1.0] via Pixabay)

Dein Ziel ist greifbar, nichts kann dich davon ablenken, deine Umgebung verschwimmt im Hintergrund, du spürst weder Hunger noch Durst und mit jeder Faser deines Körpers arbeitest du auf dieses Ziel hin – du bist mitten im Flow.

Wir alle haben solche Momente erlebt, in denen wir voll und ganz in einer Aufgabe aufgehen, Raum und Zeit vergessen und uns alles leicht von der Hand geht. Dieses Gefühl, wenn alles im Fluss ist, nennen Psychologen „Flow“. Während dieses Phänomen lange vor allem für Wissenschaftler interessant war, widmen sich nun auch vermehrt Unternehmen diesem Konzept. Sie wollen wissen, ob und wie Flow im Arbeitsalltag integriert werden kann, wie er Angestellte motiviert und so letztendlich nicht nur glücklicher, sondern auch produktiver macht.

Was ist Flow?

Doch was ist Flow eigentlich? Der erste, der sich mit der Flow-Theorie beschäftigte war der Psychologe Mihály Csíkszentmihály. Der ungarischstämmige Csíkszentmihály war fasziniert davon, wie versunken seine Malerfreunde in ihre Arbeit waren und wollte herausfinden, was dieser Zustand der völligen Konzentration, dieser Flow, wie er ihn nannte, eigentlich war.

Csíkszentmihály definiert Flow als Zustand des vollständigen Eintauchens in eine Aktivität. Wer im Flow ist, spürt, wie sich seine Selbstwahrnehmung verändert: Wir nehmen uns selbst nicht mehr mit unserem Bewusstsein wahr, sondern sind ganz eins mit uns selbst. Nach Freud könnte man sagen: Das Ego fällt weg. Wir verlieren darüber hinaus jegliches Gefühl für Raum und Zeit und jede Handlung scheint sich ganz natürlich aus der vorherigen zu ergeben.

Nach Csíkszentmihály gibt es zehn Faktoren, die mit dem Flow einhergehen:

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Challenge vs. skill, showing „flow“ region, Image via Wikipedia
  • Klare Ziele, die gleichzeitig herausfordernd, aber auch erreichbar sein müssen
  • Aufmerksamkeit und Fokus
  • Das Zeitgefühl geht uns verloren
  • Verlust des Bewusstseins für unser Selbst
  • Sofortiges Feedback zu unseren Handlungen
  • Ein stetiges Gefühl der Belohnung
  • Das Wissen, dass die gestellte Aufgabe umsetzbar ist
  • Eine Balance zwischen unserem Können und der zu lösenden Aufgabe
  • Vergessen von physischen Bedürfnissen wie Hunger oder Durst
  • Kompletter Fokus auf ein Ziel

 

Wir können diesen Flow nicht nur bei Malern sehen, sondern auch bei Musikern, Sportlern und bei religiöser Meditation. Doch auch beim Lernen oder beim Eintauchen in Videospiele können wir diesen Fluss erleben – und eben auch im Beruf.

Flow macht Arbeitnehmer froh – und Arbeitgeber ebenso

Genau das wollen sich Arbeitgeber nun zunutze machen. Was Unternehmen dabei besonders interessiert: Wer beim Job im Flow ist, hat mehr Spaß beim Arbeiten, bildet sich dabei gleichzeitig weiter und performt insgesamt besser.

In der ersten empirischen Studie zu Auswirkungen von Flow am Arbeitsplatz haben Wissenschaftler der International School of Management Dortmund und des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund untersucht, welche positiven Auswirkungen der tägliche Jobflow auf Arbeitnehmer hat. „Unsere Studie zeigt, dass Commitment das Erleben von Flow begünstigt und wir haben auch festgestellt, dass Flow psychische Erschöpfung im Job reduzieren kann“ sagt Wladislaw Rivkin, einer der Autoren der Studie gegenüber den Netzpiloten. Konkret bedeutet das: Je stärker sich jemand mit seinem Job identifiziert, je stärker er in seiner Aufgabe aufgeht, desto öfter wird er Flow erleben.

Doch nicht nur das! Flow kann demnach auch dafür sorgen, dass gewisse Stressfaktoren gemildert werden. Dazu gehören nach dieser Studie alle Faktoren, die mit Selbstkontrolle zu tun haben. Die Autoren sprechen hier von SCDs, Self-Control Demands. Das bedeutet, dass wir im Job gewisse Impulse ausblenden oder ignorieren müssen. So können wir zum Beispiel nicht immer unser Smartphone checken, wenn es laut piepst, auch wenn wir das eigentlich im ersten Reflex gerne wollen. Wer solche natürlichen Impulse unterdrückt, empfindet dies als Stress. Wenn wir uns dagegen im Flow befinden, nehmen wir solche äußeren Störfaktoren gar nicht mehr wahr, sie stören uns dementsprechend auch seltener und wir fühlen uns entspannter. Mehr Flow bei der Arbeit bedeutet demnach weniger Erschöpfung, mehr Energie und damit auch mehr Einsatz im Job.

Jeder kann Flow erleben

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass gewisse Menschen eher Flow erleben als andere: Wer etwa von Natur aus neugierig und hartnäckig ist, verspürt Flow öfter und leichter. Dennoch ist Flow unabhängig von Geschlecht und Branche. „Theoretisch kann Flow in jedem Beruf erreicht werden, sofern die Anforderungen der Arbeit und die Kompetenzen des Mitarbeiters sehr gut passen“ erklärt Rivkin. Dementsprechend schlägt er vor, dass Arbeitgeber dafür sorgen sollten, solche Flow-Erlebnisse bei ihren Mitarbeitern zu begünstigen. Das sieht natürlich bei jeder Person etwas anders aus, doch generell empfiehlt Rivkin, Mitarbeitern mehr Freiheiten einzuräumen: „Sie sollten fühlen, dass sie mehr Autonomie haben, sie sollten sich wie Experten in ihren Arbeitsaufgaben fühlen und sich auch in ihrem Arbeitsumfeld wohlfühlen.

Das ist keine leichte Aufgabe: Sind etwa die Herausforderungen im Job zu gering, werden wir apathisch oder wir langweilen uns. Sind sie zu hoch, führt dies zu Unruhe und Stress. Für Chefs bedeutet das, dass sie sehr genau darauf schauen müssen, was den einzelnen Mitarbeiter motiviert.

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Diagramm zu de:Flow (Psychologie), Image by C.Löser via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Doch auch wir selbst können einiges dazu beitragen, Flow-Erlebnisse bei der Arbeit zu begünstigen. So können wir zum Beispiel alles abstellen was uns ablenkt: Alerts am PC, Töne am Handy, Alarmfunktionen an unserer Uhr. Das macht es uns leichter, uns auf unsere Aufgaben zu konzentrieren und darin aufzugehen.

Es ist nicht alles Gold, was fließt

Wir können von Flow aber nicht nur im Beruf profitieren. Es gibt Studien, die zeigen, dass Flow Menschen glücklicher macht und zu weniger Kriminalität führt.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir alle ständig im Flow sein sollten. Denn Flow fühlt sich nicht nur an wie ein Rausch, Flow kann tatsächlich süchtig machen. Menschen, die von ihren Videospielen nicht mehr wegkommen, sind eins der bekanntesten Beispiele dafür. Deswegen rät Flow-Entdecker Csíkszentmihály auch zur Vorsicht: Wir müssen uns nicht nur darum bemühen, in den Fluss zu kommen, wir müssen gleichzeitig auch lernen, damit umzugehen. Wir können Flow also nutzen, um unser Leben zu verbessern – wir müssen das Gefühl aber auch loslassen können.


Image „Writing“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Online-Dating: Die Transformation zur Generation Unverbindlich

Hände [image by Takmeomeo [CC0] via Pixabay)

Auf zahlreichen Spaßartikeln liest man den Spruch „Wann kommt denn endlich der blöde Prinz auf seinem dämlichen Gaul!“ Dabei stellt sich die Frage, ob die unabhängige Frau und der moderne Mann von heute im Zeitalter von Tinder sich wie früher überhaupt noch auf einen einzigen Partner festlegen können. Schließlich vermitteln uns Online-Dating-Plattformen wie Tinder und OkCupid auf gewisse Art und Weise, dass ein noch besserer Partner sich bereits hinter der nächsten Ecke verstecken könnte. Passend auch Tinders Slogan: „Any swipe can change your life!“

Weitere ‚Modeerscheinungen‘ der gerne als ‚Generation Unverbindlich‘ oder ‚Generation Beziehungsunfähig‘ genannten Teil unserer Gesellschaft sind Ghosting und Benching. Beides stellt Verhalten dar, welches wir beim persönlichen Kontakt mit unseren Mitmenschen wohl eher nicht an den Tag legen würden. Während beim Ghosting der potenzielle Partner, mit dem man sich kurz zuvor noch blendend verstanden hat, ohne Vorwarnung von der Bildfläche verschwindet, schiebt man beim Benching seinen Flirt wortwörtlich auf die lange Bank. Es tritt wiederum das Phänomen des „sich-nicht-festlegen-wollens“ auf. In Wirklichkeit will aber wohl niemand von uns nur eine Option statt erste Wahl sein.

Zwischenmenschliche Beziehungen auf dem Prüfstand

Online-Dating Plattformen tragen einerseits dazu bei, dass wir mehr zwischenmenschliche Beziehungen eingehen. Andererseits scheint es jedoch, als würde uns die Fähigkeit, tiefgründige und sinnreiche Gespräche zu führen, durch die zunehmende Online-Vernetzung verloren gehen. Im Mittelpunkt steht oft nicht der intellektuelle Geist, sondern lediglich das oft geschönte optische Profil des Gegenübers. In der oberflächlichen Aufreißerkultur von Tinder schuf der Hype um die Dating-App sogar neue Geschäftsideen. So gibt es inzwischen Fotografen, die sich auf das Schaffen der perfekten Fassade bzw. Tinder-Profilbilder spezialisiert haben. Dabei ist es gar nicht zwingend gutes Aussehen, das jemanden für uns interessant macht. „Der Nutzer fragt sich, was er mit dem Menschen auf dem Bild gemein haben könnte“, erklärt die Tinder-Beziehungsexpertin Jessica Carbino in einem Interview mit der New York Times. Bereits der deutsche Philologe Friedrich Wilhelm Nietzsche merkte an, dass eine intellektuelle Anziehung eine tiefere und länger andauernde Basis für Beziehungen darstellen würde als die reine sexuelle Anziehungskraft.

Dating-Plattformen wollen uns nach immer abstruseren Gemeinsamkeiten mit potenziellen Partnern zusammenführen. Verkuppelt wird bereits nach Berufsgruppen, Essensgewohnheiten, Musikgeschmack oder nach dem Kriterium, ob jemand auf Bärte steht oder nicht. Das Prestige jemand habe guten Geschmack bekommt in Angesicht von ideenreichen Dating-Apps wie Sizzle ebenfalls eine ganz neue Bedeutung. Sizzle, was übersetzt brutzeln bedeutet, verspricht, Speckliebhaber zusammenzubringen, um ihre Liebe zu Speck miteinander zu teilen. Während Liebe bekanntlich durch den Magen geht, hat auch der Musikgeschmack des zukünftigen Partners eine hohe Relevanz, denn Musik verbindet Menschen. Auf Wunsch analysiert das Portal Tastebuds die eigene Musikmediathek und sucht anhand der gemeinsamen Hörgewohnheiten den passenden Partner aus. Im Endeffekt steckt jedoch wiederum ein Mensch mit einer individuellen Prägung hinter der Programmierung der kreativen Algorithmen auf Dating-Plattformen, die mutmaßliche Gemeinsamkeiten abgleichen.

Der ständig mitschwingende Gedanke, dass einem bereits der nächste ‚Swipe‘ oder das Hinzufügen eines neuen Interpreten in die Musikbibliothek den zukünftigen Traumpartner bringen kann, führt dabei zu einem gewissen Grad an Beziehungsunfähigkeit. Interessant ist auch das Ergebnis einer Studie, die ergab, dass unsere positive oder negative Bewertung eines Profil-Fotos von dem Vorgängerbild beeinflusst wird. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Studien, die auswerteten, was wir an dem anderen Geschlecht anziehend finden. Waren es früher bei Männern ihr Status und damit verbunden materielle Ressourcen und bei Frauen ihre Schönheit, so sind es in der immer stärker emanzipierten Welt von heute Eigenschaften wie Humor und Intelligenz, auf die Frauen Wert legen.

Gleich und Gleich gesellt sich gern! Oder?

Eine Flut an verschiedensten Faktoren beeinflusst also unsere Wahl des nächsten schnellen Flirts, Sexualpartners oder Lebensgefährten. Bei dem immer größer werdenden Zustrom, den Online-Dating-Plattformen erfahren, stellt sich die Frage, ob wir tatsächlich nach einem uns möglichst ähnlichen Partner suchen. Ist es nicht viel mehr so, dass sich Gegensätze anziehen oder bewährt sich doch das altbekannte Sprichwort ‚Gleich und Gleich gesellt sich gern‘? Bezieht man sich auf Letzteres, könnte man sagen, dass Menschen mit ähnlichen Gewohnheiten und Freizeitaktivitäten sich tendenziell öfter über den Weg laufen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen unsere Ansichten teilen größer, wodurch wir uns in unserem Selbstbild bestätigt fühlen. Studien belegen, dass wir uns zu Gleichgesinnten mit ähnlichen Einstellungen, Werten und Gewohnheiten stärker hingezogen fühlen.

Unser Interesse wecken auch Menschen, die unserem idealen Selbst entsprechen. Sie verkörpern das, was wir anstreben zu sein. Betrachtet man das Ganze jedoch aus evolutionärer Sicht, ist es so, dass wir unsere eigenen Gene mit möglichst unterschiedlichen anderen Genen vermischen wollen, um die Vielfalt zu bewahren. Bereits durch das alleinige Gefallen oder Missfallen des Körpergeruchs einer Person sagt uns unser Instinkt, ob unser Gegenüber uns genetisch anzieht und damit konträr zu uns ist oder nicht. Dieses evolutionäre Überbleibsel sorgt somit für einen gesunden Fortbestand unserer Spezies.

Die Psychologie kennt das Geheimnis

Es zeigt sich, dass beide im Volksmund bestehenden Sprichwörter seine Existenzberechtigung haben. In der Psychologie nahm man sich der, auf den ersten Blick ambivalent wirkenden Thematik an und erkannte, dass es nicht die reale Ähnlichkeit ist, weshalb wir jemanden mögen. Vielmehr liegt es an Gemeinsamkeiten, von denen wir glauben, sie mit einer Person zu teilen. Treffend bringt es Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität München auf den Punkt: „Wir verlieben uns nicht, weil wir uns ähnlich sind, sondern glauben, dass wir uns ähnlich sind, weil wir uns verliebt haben.“

Verblüffend ist, mit welch großen Einfluss wir auf unsere eigenen Entscheidungen einwirken und uns quasi selbst manipulieren. Eine weitere Illusion, die durch Studien widerlegt wurde, ist die Annahme darüber, Menschen in einer Beziehung verbiegen oder – zumindest aus eigener Sicht – zum Besseren bekehren zu können. „Die Menschen ändern sich in Beziehungen nur in erstaunlich geringem Maße“, sagt Angela Bahns vom Wellesley College in Massachusetts. Außerdem sinkt unsere Toleranzschwelle für kleine Macken unseres Partners, die wir am Anfang der Beziehung eventuell sogar anziehend fanden.

Grundlegend ist es also gar nicht so verkehrt, dass Online-Dating-Plattformen mit ihren Algorithmen versuchen, uns anhand von Gemeinsamkeiten zu verkuppeln. Der Hype um Dating-Apps wie Tinder vermittelt den Anschein, dass wir nicht nur im Beruf nach immer größerer Flexibilität streben, sondern wohl auch in Sachen Liebe. Ob der Partner nun ein Seelenverwandter ist, uns ähnelt oder vielmehr das Salz in der Suppe darstellt, spielt schlussendlich wohl eher eine untergeordnete Rolle. Denn feststeht, dass niemand gerne alleine ist. Oder wie es der Autor und Blogger Michael Nast ausdrückt: „Wer sich ausschließlich auf sich selbst beschränkt, verpasst eben auch alles andere.“


Image „Hände“ by Takmeomeo (CC0 Public Domain)


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Träumen für die Psyche: Wie wir uns (irgendwann) im Traum heilen können

Traumfänger (image by Orangefox [CC0] via Pixabay)

Ungefähr die Hälfte von uns werden während ihres Lebens das Gefühl haben, „aufzuwachen“ und während des Traumes bei Bewusstsein zu sein – möglicherweise können wir in diesen sogar bewusste Entscheidungen treffen. Derartige „Klarträume“ sind nicht nur eine lebhafte und erinnerungswürdige Erfahrung für den Träumer, sie sind auch für Neurowissenschaftler und Psychologen von großem Interesse. Das kommt daher, da sie eine seltsame Mischform zwischen  wachem Bewusstsein und Schlaf darstellen, welche uns völlig neue Dinge über unsere inneren Leben und das Unterbewusste verraten könnte.

Viele der Traumata, die wir während unseres wachen Lebens durchleben, werden in unseren Träumen verarbeitet. Dies hat einige Forscher dazu geführt, eine gewagte Frage zu stellen: könnten Klarträume eines Tages einen Weg zur Behandlung von psychologischen Störungen bieten – wodurch wir Ängste bekämpfen und Verhalten in der relativ sicheren Umgebung unserer eigenen Träume ändern könnten? Bisher bleibt eine solche psychotherapeutische Anwendung noch  ungetestet – jedoch wurde sie genutzt, um wiederkehrende Albträume zu behandeln, die oft mit Traumata assoziiert werden.

Schlaf und (nicht-luzides) Träumen dienen einer Reihe von Funktionen, welche wichtig für unsere emotionale Gesundheit sind. Beispielsweise setzt während eines fortlaufenden Zyklus des „Rapid Eye Movement“ (REM)-Schlaf (jener Phase, während derer am meisten geträumt wird) eine nächtliche Stimmungsregulierung ein, welche die emotionalen Gehirnareale „neu startet“. Beispielsweise konnte die Forschung zeigen, dass wir dazu tendieren, während des Tagesablaufs zunehmend sensibler für Gesichter zu werden, welche wütende oder ängstliche Ausdrücke zeigen, jedoch REM-Schlaf diese Tendenz umkehren kann. Diese Art des Schlafes ist auch dafür bekannt, uns während der Findung neuer, kreativer Lösungen auf Probleme des wachenden Lebens finden zu lassen.

Dieser Prozess kann jedoch unterbrochen oder beeinträchtigt werden, beispielsweise in der Folge eines traumatischen Ereignisses. Mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung wird während ihres Lebens Ereignisse erleben, welche sie als traumatisch empfinden, in einigen Fällen führt dies zu einer Post-Traumatischen Störung. Albträume sind die häufigsten entkräftenden Symptome dieses Zustands.

Veröffentlichte Fallstudien legen jedoch nahe, dass Klarträumen eine effektive Linderung bei chronischen Albträumen bieten kann. Weitere kontrollierte Nachforschungen legen ebenfalls nahe, dass Klarträumen, entweder als einzelne Technik oder als eine Erweiterung anderer psychotherapeutischer Ansätze, erfolgreich angewendet werden kann, um die Häufigkeit und Stärke von Albträumen zu vermindern.

Es gibt auch einige Hinweise darauf, dass Klarträumen induziert werden kann. Während solcher Studien werden den Teilnehmer für gewöhnlich eine Reihe von Techniken beigebracht, beispielsweise das In-Frage-stellen der eigenen Umgebung (Ist das echt oder träume ich gerade?), was die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen Klartraum zu haben. Teilnehmern werden ebenso dazu angehalten, sich vor dem Schlafengehen klar zu machen, dass ihre Albträume nicht real sind. Jedoch ist es nicht wirklich klar, welche Induktions-Techniken am wirkungsvollsten sind.

In der Albtraum-Studie planten Teilnehmer ebenso, was sie tun würden, wenn sie erst klar träumen (dies hilft den Träumer dabei, vorbereitet zu sein und Geistesgegenwart zu bewahren, wenn sie mit furchteinflößendem Material konfrontiert werden). Dieses Training reduziert das Aufkommen von Albträumen, selbst wenn der Teilnehmer es nicht schafft, klar zu träumen. Berichte legen nahe, dass einfache Änderungen – wie das Auswechseln eines Gegenstandes in einem wiederkehrenden Traum – den emotionalen Ton und das Erlebnis des Traumes erheblich verändern kann, was uns dabei hilft , zu realisieren, dass dieser nicht real ist und dass wir die Kontrolle über ihn haben.

Es wäre voreilig, Klarträumen als die im Moment favorisierte Methode zur Behandlung von Albträumen darzustellen. Aber wenn wir erst einmal genug Daten über die Kurz- und Langzeitwirkungen auf Albträumen und das allgemeine Wohlbefinden gesammelt haben, könnte dies eines Tages der Fall sein.

Klarträumen als eine Verhaltenstherapie?

Traumata und die resultierenden Albträume sind ein Merkmal vieler anderer psychischer Störungen, Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen und sogar ADHD mit eingeschlossen. Während wir meistens bei traumatischen Ereignissen an den Tod von Nahestehenden, einen Unfall oder eine Katastrophe denken, erkennen viele Psychologen an, dass jedwede Erfahrung, die unsere Fähigkeit übersteigt, mit Dingen zurecht zu kommen, posttraumatisch störungsähnliche Symptome hervorrufen kann. Wir neigen dazu, diese Erfahrungen von uns weg zu schieben. Jedoch zeigten neueste Forschungen, dass Vermeidung und Unterdrückung nicht ungewollte Gefühle oder Gedanken auflöst. Stattdessen neigen sie dazu, in unserem Bewusstsein wieder aufzutauchen – unseren Träumen eingeschlossen. Es kann daher sein, dass unsere Träume uns etwas über unsere Traumata erzählen, die wir unterdrücken.

Wir wissen ebenfalls, dass eine Korrelation zwischen den Gedanken und Verhalten unseres wachenden Lebens und jener in unseren Träumen besteht – bekannt als die Fortführungs-Hypothese. Demnach handelt eine Person, die Angst erlebt und im wachenden Leben dazu neigt, hilflos zu agieren, in ihren Träumen wahrscheinlich ebenso.

Auf diese Art können Träume zu Erkenntnissen führen, wie Einstellungen Reaktionen hervorrufen, oder der Forschung wertvolle Informationen liefern. Darüber hinaus können, wenn eine Person lernen kann, klar zu träumen, sich diese Erkenntnisse einstellen, während der Traum sich ereignet. Der wichtigste Aspekt hierbei ist, dass die Person tatsächlich in dem Traum reagieren kann – möglicherweise, indem ihre Ängste durch neues Verhalten bekämpft wird. Dies könnte sich als sehr viel schwieriger im echten Leben erweisen, daher könnten Klarträume ein wichtiger Startpunkt sein.  Die im Traum geprobten Verhaltensmuster könnten ebenfalls von selbst auf das wache Leben abfärben.

Erkenntnisse über die eigene momentane Realität – und die Fähigkeit, sich von dieser zu distanzieren, ist als metakognitives Bewusstsein bekannt. Dieses Bewusstsein hilft vielen Menschen, die von einer wiederkehrenden Depression leiden, dabei, zu genesen, mit der Hilfe von kognitiven Verhaltenstherapien und achtsamer Meditation. Gehirnregionen, welche ein Rolle in der Metakognition spielen, gehören zu den aktivsten während eines Klartraums. Eine Studie zeigte, dass Menschen, die Klarträume haben, tagsüber regelmäßig bessere Erkenntnisse haben. Dies legt nahe, dass derartige Träume uns dabei helfen könnten, die eigene Achtsamkeit zu kultivieren.

Prinzipiell mag Klarträumen eine leistungsfähige Hilfe bei der Förderung von Erkenntnissen und emotionalen Wandel sein, da man Schritt für Schritt bewusst einen Zugang zu den Funktionsweisen der Psyche gewinnt – unterdrückten Gefühlen mit eingeschlossen. Dies könnte sogar eine Möglichkeit liefern,  Problematiken wie Sucht zu bearbeiten, so wie auch ein Hypnose-Therapeut bei einer Nikotinsucht durch das Suggerieren einer bewussten Absicht vorgehen würde. Dies könnte Menschen auch dabei helfen, sich psychologischer Blockaden und Dissonanzen zu entledigen, wodurch sie neue Level der Offenheit und psychologischer Reife erreichen würden. Beispielsweise berichten Klarträumer oftmals, dass Phobien des realen Lebens wie Flugangst, Angst vor Insekten, Höhen, vor Sprechen vor Publikum und andere überwunden werden können, indem sie diese in der relativen Sicherheit des Traums konfrontierten.

Während wissenschaftliche Studien bezüglich der Möglichkeit der Behandlung solche Phobien noch ausstehen, ist es dennoch eine verlockende Möglichkeit, die erforscht werden sollte. Derartige Forschung könnte es uns ermöglichen zu verstehen, ob und zu welchen Ausmaßen Klarträumen ein Teil des psychotherapeutischen Werkzeugkastens der Zukunft werden kann und welche Erkenntnisse es uns über die Funktionsweise des Unbewussten liefern kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Traumfänger“ by Orangefox [CC0 Public Domain]


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Nie mehr die Klappe halten: Spoiler können die Vorfreude steigern

Talk Shows On Mute (adapted) (Image by Katie Tegtmeyer [CC BY 2.0] via Flickr)

Im vergangenen Dezember hatte ich Tickets für „Star Wars: The Force Awakens“ besorgt, um diesen in der Nacht nach der Premiere zu sehen. Als ich an dem Tag bei der Arbeit war, wurde mir etwas mulmig: Was, wenn ich jemandem zuhören muss, der über den Film spricht? Was, wenn ich aus Versehen online etwas sehe, dass einen wichtigen Handlungstwist verrät? Viele kennen diese Erfahrung, sich von Spoilern fern zu halten: man nutzt kein Social Media mehr, muss vor Kollegen flüchten, die gerade aktuelle Handlungsentwicklungen diskutieren, Artikel mit vielversprechenden Überschriften werden schnell weggeklickt. Die Angst dabei besteht darin, dass man sich dieses Erlebnis der Ersichtung komplett ruiniert – oder zumindest fürchtet man, das Erlebnis nicht so sehr genießen zu können, wie man es gewollt hätte. Deshalb gibt es heutzutage überall Spoiler-Warnungen (wie auch gerade in den Artikeln über den neuen „Ghostbusters“ Film) – auch, weil das Teilen von ungewollten Spoilern als enorm unfaires Verhalten gilt. Aber manchmal ist unser Verhalten nicht besonders logisch – wenn es beispielsweise so wichtig für das Sehvergnügen ist, dass man vorher nicht weiß, was passieren wird – wieso schauen wir dann Filme, die wir mögen, überhaupt öfter als ein Mal? In den letzten paar Jahren wurden einige Studien durchgeführt, die den Effekt, den Spoiler im Alltag haben, getestet. Achtung: Die Studienergebnisse könnten dafür verantwortlich sein, dass sich der Blick auf bestimmte Handlungsstränge verändert.

Eine Studie mit einer überraschenden Wende

In einer Studie der Psychologen Jonathan Leavitt und Nicholas Christenfeld mussten 819 Studenten Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Roald Dahl und Anton Chekhov lesen. Bevor sie anfingen, die Geschichten zu lesen, mussten einige Studenten vorher einen Absatz lesen, bei dem versehentlich das Ende der Geschichte verraten wurde. Andere lasen die Texte ohne Spoiler. Nachdem die Studenten die Geschichten gelesen hatten, mussten sie bewerten, wie sehr diese ihnen gefallen hat. Die Wissenschaftler fangen heraus, dass im Durchschnitt den Studenten die Geschichten etwas mehr gefallen haben, die vorher gespoilert wurden. Selbst nachdem die Ergebnisse auf die verschiedenen Genres heruntergebrochen wurden, blieb das Ergebnis das selbe, sogar für Thriller und für Handlungen mit überraschenden Wendungen – also bei Geschichten, bei denen man davon ausgeht, dass der Spaß dabei entsteht, dass man nicht weiß, wie die Geschichte endet.

Befriedigt durch Vorwissen

Es ist doch recht überraschend, dass jemand den Film noch mehr genießen kann, der bereits gespoilert wurde. Eine mögliche Erklärung ist das psychologische Konzept der „Geläufigkeit“. Umso mehr geläufig etwas ist – egal ob es eine Geschichte, ein Lied oder Gesicht ist – desto einfacher ist dies zu verarbeiten und zu verstehen. Viele psychologische Studien haben gezeigt, dass etwas umso mehr gemocht wurde, je einfacher es zu verarbeiten war. Eine Möglichkeit, wie Vorwissen dafür sorgt, dass eine Geschichte einem Spaß bereitet, ist, dass man dazu neigt, das Bedürfnis danach, bestimmte (möglicherweise auch falsche) Schlussfolgerungen zu ziehen, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln wird oder was ein Charakter denkt oder fühlt, zu verringern. Jeder hat diesen Effekt möglicherweise schon einmal beim Musikhören erlebt: Das erste Mal, wenn man ein Lied hört, denkt man möglicherweise, dass es nichts Besonderes ist. Aber sobald das Lied einem vertrauter wird und man weiß, wie es weitergeht, bemerkt man, dass es einem tatsächlich gefällt – eben weil das Lied einem jetzt mehr geläufig ist und man sich selbst dabei erwischt, dass man es umso mehr genossen hat. In einer weiterführenden Studie haben Leavitt und Christenfeld die Geläufigkeits-Theorie getestet, indem sie ihr Experiment an einer anderen Gruppe von 240 Studenten wiederholt haben. Diesmal haben die Wissenschaftler Artikel genutzt, die für Schüler geschrieben wurden und bereits bekannte Handlungsbausteine nutzen. Sie argumentierten, dass bei diesen einfachen und ziemlich vorhersehbaren Geschichten die Geläufigkeit bereits sehr hoch sein müsste und deshalb die Spoiler keine große Auswirkung auf das Vergnügen haben sollten – wenn sich dieses wirklich an der Vertrautheit misst. Wie bereits zu ahnen war, fanden sie heraus, dass die Studenten die Geschichten mit und ohne Spoiler gleich bewertet haben.

Manch einem zerstören Spoiler das Sehvergnügen

Die Ergebnisse suggerieren, dass das obsessive Vermeiden von allem, das möglicherweise eine Handlungsentwicklung verraten könnte, möglicherweise unberechtigt ist, denn man wird den Film, das Buch oder die Serie so oder so genießen. Aber was, wenn man davon überzeugt ist, dass man einem Spoiler ausgesetzt war und es tatsächlich das Lese- und Seherlebnis ruiniert? Man darf nicht vergessen, dass die Ergebnisse von Leavitt und Christenfeld reiner Durchschnitt waren. Es bedeutet nicht, dass jeder eine Geschichte mehr genießt, nachdem er gespoilert wurde. In der Tat unterstützt eine aktuelle Studie von Judith Rosenbaum und Benjamin Johnson die Idee, dass es eine Frage des Charakters ist, wie man auf Spoiler reagiert. Die Wissenschaftler haben sich auf zwei Persönlichkeitseigenschaften konzentriert: das „Bedürfnis nach Erkenntnis“ und das „Bedürfnis nach der Beeinflussung.“. Hier stellte sich Folgendes heraus: Menschen, die ein hohes Bedürfnis nach Erkenntnis haben, denken und suchen lieber mehr nach Aktivitäten, die kognitives denken voraussetzen – wie bei einem Kreuzworträtsel. Gleichermaßen ist es bei Menschen mit hohem Bedürfnis nach der Beeinflussung. Diese fühlen und suchen lieber nach emotionalen Aktivitäten, wie beispielsweise ein herzerwärmendes Video auf YouTube zu schauen. Obwohl diese beiden Persönlichkeitseigenschaften wie Gegensätze aussehen, sind diese unabhängig voneinander – es ist also für eine einzelne Person durchaus möglich, bei beiden Eigenschaften deutiche Anzeichen zu zeigen – oder bei keiner von beiden. Die Wissenschaftler haben bei einer weiteren Studie mit 368 Studenten herausgefunden, dass Menschen, die einen hohen Bedarf nach Beeinflussung haben, im Durchschnitt eher zu den nicht gespoilerten Geschichten tendieren. Das kann möglich sein, da Menschen, die eher emotionale Erlebnisse genießen, eher von einer gewissen Ungewissheit darüber profitieren, wie die Handlung weitergehen könnte. Als ein Teil der Studie haben die Wissenschaftler den Studenten kurze Beschreibungen mit verschieden Geschichten präsentiert. Dann haben sie die Studenten gefragt, wieviel davon sie den anderen vorlesen möchten. Einige dieser Geschichten enthielten Spoiler, andere nicht. Interessanterweise fanden sie heraus, dass die Studenten mit einem gringen Erkenntnisbedarf im Durchschnitt eher die Spoiler zu den Geschichten lesen wollten. Das kann daher erwachsen, dass Studenten erwarten, dass Geschichten mit Spoilern einfacher zu verarbeiten sind. Allerdings haben diese Studenten später gleichermaßen das Lesen von Geschichten mit und ohne Spoiler genossen. In anderen Worten war hier die Intuition der Studenten über Spoiler absolut falsch – in diesem Fall hätten sie gespoilerte Geschichten mehr genossen. Diese Ergebnisse decken sich mit meiner Erfahrung. Als ich „The Force Awakens“ zum zweiten Mal gesehen habe, war der Film für mich bereits gespoilert – und zwar von mir selbst. Eine Recherche über Spoiler gibt vor, dass meine Erfahrung nicht sonderlich ungewöhnlich war. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass wir nicht immer unserer Intuition über unser eigenes Verhalten trauen sollten. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Talk Shows on Mute“ by Katie Tegtmeyer (CC BY 2.0)


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Gefangen im Zeitparadoxon: Wieso Warten so lange dauert

Backward Clock (Image by Keith Evans [CC BY SA 2.0], via geograph.org)

Das kennen wir alle: Wir warten auf das Ende eines langweiligen Meetings oder darauf, dass der Bus endlich kommt, und die Zeit scheint sich viel schleppender hinzuziehen als gewöhnlich. Unsere schönsten Momente scheinen jedoch mit Blitzgeschwindigkeit vorbeizuzischen. Es erscheint offensichtlich, dass eher langweilige Ereignisse länger zu dauern scheinen als solche, die uns stimulieren. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum wir Zeit manchmal unterschiedlich erleben.

Wenn wir verstehen, was ein Ereignis auslöst oder wenn wir es selber auslösen, scheint die Zeit zwischen der Ursache und dem Effekt kürzer zu sein als bei einem Ereignis, das wir nicht kontrollieren können. Dieses Phänomen, das bekannt ist als „Temporal Binding“ (deutsch: „zeitliches Verbinden“), kann uns helfen, einige wichtige Wahrheiten über die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung aufzudecken und zu klären, inwiefern wir für unterschiedliche Handlungen tatsächlich verantwortlich sind.

Temporal Binding funktioniert auf eine merkwürdige Art. Die Ursache eines Ereignisses scheint auf einen späteren Zeitpunkt geschoben zu werden, was sich auf die Wirkung bezieht, die wiederum auf einen früheren Zeitpunkt hin zur Ursache geschoben wird. Aus unserer Sicht werden die beiden Ereignisse aufeinander bezogen und zeitlich miteinander verbunden.

Patrick Haggard und seine Kollegen an der UCL waren die Ersten, die auf dieses Phänomen aufmerksam wurden. Sie baten Freiwillige, einen Knopf zu drücken, bei dem nach einer kurzen Pause ein Ton hervorgebracht wurde. Die Freiwilligen schätzten die Ursache, das Drücken des Knopfes, und die Wirkung, das Ertönen des Signals, als zeitlich enger zusammen ein als in den Fällen, wo sie für das Drücken des Knopfes nicht verantwortlich waren.

Absichtliches Verbinden

Derselbe Effekt trat nicht auf, wenn der Ton nach einem unfreiwilligen Muskelzucken (hervorgerufen durch eine Stimulation des Gehirns) erfolgte oder wenn nach derselben Verzögerung ein weiterer Ton ertönte. Die Wissenschaftler nannten dieses Phänomen „Intentional Binding“ (deutsch: „absichtliches Verbinden“), denn sie sind der Überzeugung, dass es die freiwillige Beteiligung (und die Absicht zu handeln) der Personen war, die Handlung und Wirkung zeitlich miteinander verband. Schnell wurde das Phänomen als eine neue Möglichkeit angesehen, um herauszufinden, wie sehr sich Personen in gewissen Situationen als der Lage Herr einschätzen, ohne sie tatsächlich darüber befragen zu müssen.

Kürzlich haben Forscher das Phänomen des „Temporal Binding“ auf das bekannte Elektroschock-Experiment von Milgram angewandt, um zu überprüfen, ob Menschen sich verantwortlich für Handlungen fühlen, zu denen sie genötigt werden. Milgrams ursprüngliches Experiment bestand darin, Teilnehmer zu instruieren, sich einander Elektro-Schocks zuzuführen, um zu überprüfen, ob Menschen einer Anweisung folgen, die anderen körperlichen Schaden zufügt.

Haggard benutzte einen ähnlichen Versuchsaufbau, bat aber die Teilnehmer anschließend einzuschätzen, wie lang die Zeit zwischen dem Drücken des Knopfes, der den elektrischen Schock auslöst, und dem Moment, in dem der Schock zugefügt wird, war. Die Forscher fanden heraus, dass die Teilnehmer die Zeit zwischen Handlung und Auswirkung länger einschätzten, wenn sie zum Verabreichen des elektrischen Schocks gezwungen wurden, als wenn sie aus freiem Willen handelten.

Auf dieser Grundlage schlussfolgerten die Forscher, dass, wenn man Personen nötigt eine Handlung auszuführen, sich diese weniger als Herr der Lage und weniger verantwortlich für ihre eigenen Taten fühlen, als wenn sie aus freiem Willen handeln. Dies hat faszinierende Auswirkungen für Situationen wie Kriegsverbrecherprozesse, in denen die Angeklagten oft aussagen, sie hätten lediglich Anweisungen Folge geleistet und seien daher nicht verantwortlich für ihre Taten.

Das Phänomen des „Temporal Binding“ wurde außerdem eingesetzt, um Krankheiten zu untersuchen und hat auch hier für einige interessante Resultate gesorgt. Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen mit Schizophrenie das zeitliche Verbinden stärker erleben als solche, die von dieser Erkrankung nicht betroffen sind. Dies deutet darauf hin, dass die Betroffenen ein übermäßiges Gefühl der Kontrolle über die Auswirkungen ihrer Handlungen haben, was wiederum erklären könnte, warum sie wahnhafterweise glauben, dass sie Kontrolle über Dinge besitzen, für die sie tatsächlich gar nicht verantwortlich sein können.

Grund statt Kontrolle

Obwohl das Phänomen des „Temporal Binding“ sich schnell als eine Möglichkeit etablierte, Kontroll- und Verantwortungsgefühl zu messen, hat Marc Buehner von der Universität Cardiff gezeigt, dass es bei diesem Effekt hauptsächlich um Kausalverbindungen geht. Buehner fand heraus, dass wir zeitliches Verbinden selbst dann erleben, wenn wir bloß zuschauen, wie eine Sache eine andere verursacht, also selbst dann, wenn wir gar nicht direkt verantwortlich sind – zum Beispiel, wenn ein mechanischer Hebel einen Knopf betätigt, der dann ein Signal auslöst.

Im Grunde wurde gezeigt, dass unsere Wahrnehmung von Zeit durch unsere Annahmen über Ursache und Wirkung beeinflusst und geformt werden kann. Das Binding ist stärker, wenn menschliches Handeln involviert ist, was daran liegen könnte, dass menschliches Handeln und dessen Konsequenz einfach eine spezielle Verbindung von Ursache und Wirkung ist.

Ein interessanter Ansatz ist, dass Binding für uns ein Weg zu sein scheint, die Welt zu verstehen. Vielleicht verpacken wir Ereignisse, die miteinander verbunden sind, um es uns leichter zu machen zu verstehen, wie die Welt funktioniert, wie Dinge miteinander verbunden sind und wie unsere Handlungen die Welt um uns herum beeinflussen. Um diese Theorie zu testen, untersuchen Wissenschaftler der Universitäten Belfast und Cardiff, wie Kinder Binding erleben. Vielleicht erfahren Kinder stärkeres Binding als eine Methode, effizient eine Welt verstehen zu lernen, von der sie weniger wissen als die Erwachsenen.

Auf der anderen Seite kann es ebenso sein, dass Kinder Binding zu einem weitaus geringeren Ausmaß erleben, da sie möglicherweise einfach nicht so sehr in der Lage sind, Informationen aus der Umwelt herauszufiltern und zu nutzen. Binding könnte jedoch auch im Laufe unseres Lebens gleichbleibend sein und eine integrierte, unveränderliche Art des Erlebens und Lernens über die Welt reflektieren. Was auch immer das Ergebnis sein wird, könnte uns diese Forschung Informationen unschätzbaren Werts darüber liefern, wie wir die Welt verstehen lernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Backward Clock“ by Kith Evans (CC BY 2.0)


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Ein Tag im digitalen Leben der Teenager

Girl (Image by marcino [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Mit jeder Generation beschwört das öffentliche Bewusstsein eine neue Gefahr für unsere Jugend herauf: War es einst der Rock’n’Roll, so ist es heute die Sorge, dass das Leben der Teenager von digitalen Medien dominiert wird. Es ist die Angst, dass die digitale Überflutung Auswirkungen auf die Fähigkeit zu lernen, sich zu unterhalten, korrekt zu buchstabieren und vieles mehr haben könnte.
Haben sie keine Zeit für die gemächliche, althergebrachte Face-to-Face-Kommunikation, für gemeinsame Zeit mit der Familie oder für einen ungestörten Nachtschlaf, der nicht durch den aufleuchtenden Bildschirm des Smartphones unterbrochen wird? Ich habe ein ganzes Jahr mit einer Schulklasse voller 13-Jähriger verbracht, um genau das herauszufinden.

Die Forschung erforderte es, dass ich Zeit mit den Teenagern in der Schule, zu Hause, bei Freunden und online verbringe. Mich trieb weniger die Sorge um ihr Wohlergehen an, sondern vielmehr war ich fasziniert davon, wie sie es schaffen, den großen Einfluss digitaler Geräte und digitaler Inhalte, die ihr Leben füllen, zu organisieren.

Die Ergebnisse und Überlegungen, die ich aus meiner Feldforschung erhielt und die ich in meinem Buch The Class: Living and Learning in the Digital Age niederschrieb, zeigen eines ganz besonders: Nämlich, dass es der größte Wunsch der Teenager ist, Kontrolle darüber zu haben, wie und mit wem sie ihre Zeit verbringen – und nicht nur, um digitale Medien um ihrer selbst Willen zu benutzen. Zur Veranschaulichung folgen hier drei Momente eines Tages im Leben der digital ausgestatteten Teenager von heute.

In der Schule

Das morgendliche Ankommen in der Schule war stressig, denn die Teenager mussten zunächst umschalten zwischen der Schläfrigkeit und Gemütlichkeit von zu Hause und einem wachen, aufmerksamen Geisteszustand innerhalb der beschränkenden Regeln in der Schule. Ein Teenager, Fesse, kam üblicherweise zu spät – zum Teil, weil er bis spät in die Nacht X-Box gespielt hatte, aber auch, weil er sich darauf verließ, dass seine ältere Schwester ihn jeden Morgen aus dem Haus bugsierte. Eine andere Schülerin, Salma, erschien jeden Morgen ordentlich und ruhig, den sie hatte bereits im Vorfeld mit ihren Freundinnen gechattet, um den gemeinsamen Schulweg zeitlich aufeinander abzustimmen, sodass sie auf dem Weg zur Schule bereits quatschen konnten.

Für einen großen Teil des Tages schaute die Klasse auf das Smartboard, das vorn im Klassenraum stand, und mit dessen Hilfe die Lehrer YouTube-Clips und andere elektronische Ressourcen in ihren Unterricht integrieren. Natürlich sind die Lehrer noch dabei, die Anwendung zu optimieren und den Nutzen zu evaluieren. Wir erlebten eine Reihe von Schwierigkeiten, die Technologie zum Laufen zu bringen, und erlebten manchmal auch, dass es schwierig sein kann, die Schüler für die digitalen Inhalte im Zusammenhang mit dem Fach zu begeistern. So baute zum Beispiel die Musiktechnologie in der Schule nicht so sehr auf Fesses oder Giselles enthusiastischen Musikexperimenten aus ihrer Freizeit auf.

Erfolgreicher schneidet die Anwendung des SIMS, d.h. des Schul-Informations-Managements-Systems, ab, in dem die An- oder Abwesenheit der Schüler, gutes oder schlechtes Benehmen, Noten sowie Fortschritte jeden Tag durch die Lehrer notiert werden.

In der Zwischenzeit

Der Nachhauseweg ist ein bedeutender Moment für die Teenager – eine entspannte Zeit zwischen einer Sache und der nächsten, außer Reichweite der prüfenden Blicke der Erwachsenen. Oft ist dies die letzte Möglichkeit, mit seinen Freunden von Angesicht zu Angesicht zu reden, bevor man nach Hause zurückkehrt – wo die Teenager dann online wieder zusammenkommen werden. Sie mögen es, auf dem Weg nach Hause zu trödeln, um vom fordernden Rhythmus des täglichen Schulbesuchs abschalten zu können. Während sie ihre Telefone die ganze Zeit in der Hand hielten, um regelmäßig Nachrichten zu überprüfen und sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, war der springende Punkt jedoch, dass sie Zeit zusammen verbringen wollten, und zwar von Angesicht zu Angesicht.

Zu Hause

Die Hausaufgaben wurden oft von Facebook begleitet, sei es, um sich abzulenken oder um Freunde um Hilfe zu bitten. Manche ließen sich bald in die Welt der PC-Spiele hineinziehen. So spielte Nick mit seinen Schulkameraden, die er bereits den Tag über gesehen hatte, und Adam mit Leuten aus einem Multi-Player-Spiel, in dem er eine Identität annehmen konnte, von der er meinte, sie entspräche ihm am meisten. Giselle hingegen spielte mit Familie und Freunden das unfassbar populäre Spiel Minecraft.

Abby wurde von ihrer spritzigen, kommunikativen Familie empfangen und in Gespräche verwickelt – und das alles mit permanenter Hintergrundbeschallung durch Musik. Megan arbeitete an ihrem Online-Auftritt auf Tumblr – so vergingen unbemerkt einige Stunden. Max, Jenna und Alice trafen sich bei Alice, um zu chatten, rumzualbern und über Harry Potter zu reden. Shane dagegen unternahm Fahrradtouren, so oft er konnte.

Alle waren aber – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – empfänglich für das Bestreben ihrer Eltern, die Familie zum Abendessen an einen Tisch zu bekommen, um über gemeinsame Hobbys, Haustiere oder das Fernsehprogramm zu sprechen – obwohl jeder sein Smartphone oder Tablet griffbereit hatte, um anschließend wieder auseinander zu gehen.

An- und abschalten – nach eigenem Bedarf

Dieser Einblick in das Leben von 28 Teenagern offenbart, wie unterschiedlich ihre Leben und Routinen sind. Zwar besitzen fast alle ein Smartphone und benutzen Facebook, wenden diese aber unterschiedlich an, um verschiedenen Interessen nachzugehen: Sei es, um sich mit anderen zu verbinden oder um sie ab und zu auszublenden.

Dafür gibt es viele Gründe, doch je mehr wir über das Leben der Teenager lernen, desto offensichtlicher wird es, dass die jungen Leute nicht mehr daran interessiert sind, pausenlos am Netz zu sein, wie die Erwachsenen um sie herum es sind. Die teenager wollen vielmehr die Wahl haben, wann und wo sie sich von der oft regelgebundenen und konfliktgeschwängerten Welt der Erwachsenen, in der sie sich befinden, abtrennen können.

Die digitalen Geräte und die Anwendungsmöglichkeiten, die sie bieten, ermöglichen den Teenagern ihre Agenda geltend zu machen – sie sind ein Schutzschild gegenüber bestimmerischen Eltern, nervigen jüngeren Geschwistern oder scheinbar kritisch auftretenden Lehrern. Sie sind auch ein Mittel, um sich mit mitfühlenden Freunden zu verbinden oder sich mit den neuesten Gerüchten auf dem Laufenden zu halten. Tatsächlich zeigt sich die große Wichtigkeit der Möglichkeit zur Abgrenzung darin, wie die Schüler dem zunehmenden Einsatz von digitalen Mitteln in der Schule skeptisch gegenüberstehen: Auf den Einsatz von digitalen Medien durch die Lehrer im Unterricht, via E-Mail oder über das Internet, um sie zu Hause zu kontaktieren, reagieren die Schüler mit Geflüster und noch umständlicheren Nachhausewegen – als ob sie die Zeit, die sie unbeobachtet von Erwachsenen mit ihren Freunden verbringen können, ausschöpfen wollten.

Als Erwachsene und als Eltern sollten wir weniger Zeit damit verbringen, uns zu sorgen, wie die Teenager ihre Zeit gestalten. Stattdessen sollten wir darauf Wert legen, mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen und darüber zu reden, welche Herausforderungen als Erwachsene vor ihnen in einer zunehmend verknüpften Welt liegen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Girl“ by marcino (CC0 Public Domain)


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Kontakte sind wichtig – ein gutes Gespräch ist wichtiger!

Businessman (Teaser by Unsplash (CC0 Public Domain), via Pixabay)

Die sozialen Netzwerke und ihre Kontakte haben viele Vorteile – aber auch einige Nachteile. Denn Technik, die alles möglich machen kann, kann auch einiges zerstören: wir verlernen, ein richtig gutes Gespräch zu führen. Ein US-Häftling, der wegen versuchten Mordes an einem Polizisten in Haft saß, wurde nach 44 Jahren Haft entlassen. Als der nun 69jährige Otis Johnsen die Straßen von New York City betrat, traute er seinen Augen kaum. Die Menschen schienen auf den Straßen Selbstgespräche zu führen, während ihnen futuristische Kopfhörer an den Ohren hingen. All das erinnerte ihn an Agenten der CIA. Es war, als würden die Menschen in ihrer eigenen kleinen Blase leben, denn sie beachteten ihre Umgebung kaum, stattdessen starrten sie ihre Smartphones an, während sie die Straße überquerten.

Die moderne Technik hatte Johnsen einen massiven Kulturschock beschert, den Schock, in einer Welt zu leben, in der Technik rasend schnell die Art, wie wir leben und wie wir miteinander umgehen, verändert hat.

Die Psychologin und angesehene Professorin Sherry Turkle verfasste im Jahr 2013 am renommierten Massachusetts Institute of Technology ihr Werk „Alone Together“. In diesem Buch hinterfragt sie, in welchem Ausmaß soziale Medien Menschen tatsächlich zusammenbringen. Nachdem sie jahrzehntelang der Frage nachging, inwiefern moderne Technologien zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen, schlussfolgerte sie, dass wir uns durch die allgegenwärtige Technik von Konversationen zu Konnektivität, also von Gesprächen zu Beziehungen, bewegen.

Zwischenmenschliche Beziehungen scheinen, im Vergleich zu einfachen Gesprächen, eine grundverschiedene Qualität sozialer Interaktion zu vermitteln. Turkle benutzt dabei die Metapher eines kontinuierlichen Flusses kleiner Informationen, ganz wie die hübsch verpackten 140 Zeichen auf Twitter.

Das Gespräch beruht auf den Bedingungen des Zuhörens und der Empathie, zudem muss aktiv Beachtung geschenkt werden, statt nur online ein Statusupdate zu kommentieren und gleichzeitig am Telefon zu sein, Wäsche zu waschen oder Essen für die Kinder zuzubereiten.

So ähnlich geht es auch in der Welt des Online-Dating zu. Man entfernt sich von traditionellen, detaillierten Dating-Profilen, die es früher möglich gemacht hatten, einen passenden Partner auf der Grundlage von umfangreichen psychologischen Bewertungsbögen zu finden. Stattdessen werden oberflächliche Apps wie Tinder genutzt, die sich um keine der Möglichkeiten scheren, wie man zusammenpassen könnte, sondern auf die Reaktion des Nutzers auf ein Profilbild angewiesen sind. Du kannst den Haarschnitt dieser Tinderella nicht ausstehen? Wisch sie weg. Du magst den Schnurrbart dieses Typen nicht? Ein Wisch – und er ist weg.

Dies könnte nicht weiter entfernt sein von wertvollen Unterhaltungen und echten vertrauten Menschen. Die Entstehung dieser neuen Aufreißerkultur wirft neue Fragen auf: wie stehen wir zueinander und welche Kriterien nutzen wir für die Partnersuche? Die Forschung auf diesem Gebiet ist praktisch nicht existent, es wird sich erst noch zeigen, welche Auswirkungen das auf entstehende und anhaltende Beziehungen hat.

Zusammen allein?

Das Internet erhöht die Anzahl an zwischenmenschlichen Beziehungen, aber zugleich schmälert es möglicherweise unsere Fähigkeit, echte, tiefgründige und bedeutungsvolle Unterhaltungen miteinander führen zu können. Dieses Phänomen wurde 1998 in einer Untersuchung von Robert Kraut und Kollegen als das ‚Internet-Paradoxon‘ bezeichnet. Es beschreibt, wie die zunehmende Vernetzung durch neue Technologien unser soziales Engagement entgegen der Intuition vermindert und dadurch Einsamkeit fördert. Sind wir tatsächlich zusammen allein, wenn wir soziale Medien nutzen?

Meine eigene Recherche untersucht die möglichen negativen Konsequenzen der Internetnutzung. Ich habe mir angeschaut, wie Psychotherapeuten Menschen weltweit behandeln, die sich aufgrund einer Internetsucht in ihre Praxis einfinden. Einer der 20 von mir interviewten Therapeuten erzählte mir:

„[Meine Patienten] glauben tatsächlich, dass Menschen mehr von ihnen wollen, als sie tatsächlich wollen. Zweifellos befürchten sie die Unnachgiebigkeit eines dauernden Nachrichtenstroms… Aber gleichzeitig herrscht die Angst ausgeschlossen zu werden.“

Dieser Befragte weist auf einen Zustand hin, der als FOMO („fear of missing out“) bezeichnet wird, also die Angst, etwas zu verpassen. Es beschreibt die „allgegenwärtige Befürchtung, dass andere möglicherweise eine befriedigende Erfahrung erleben, bei der man abwesend ist“. FOMO ist der Druck. ständig mit sozialen Medien verbunden und präsent zu sein, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

FOMO kann zu zwanghafter Nutzung von sozialen Medien führen, was sich wiederum zu einer Sucht entwickeln kann. Die Erforschung dieser Sucht ist relativ selten im Vergleich zur Spielsucht, aber in einer Arbeit aus dem Jahr 2011 behandelte ich die Nutzungsmuster, Beweggründe, Persönlichkeiten der Nutzer und negative Konsequenzen der Nutzung sowie potentielle Abhängigkeit.

Ich konnte in meinen Nachforschungen zeigen, dass soziale Netzwerke hauptsächlich für gesellschaftliche Verpflichtungen genutzt werden, besonders um wirklich existierende Beziehungen aufrecht zu erhalten. Unterschiedliche Menschen nutzen soziale Netzwerke auf unterschiedliche Art und Weise. Zum Beispiel nutzen es extrovertierte Menschen für eine Verbesserung des sozialen Zusammenhalts, introvertierte Menschen nutzen es hingegen zur sozialen Kompensation. Dies lässt darauf schließen, dass soziale Netzwerke verschieden ausgeprägte Vorteile für ihre Nutzer bieten.

Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass die Nutzung sozialer Netzwerke zu weniger Beteiligung am realen Leben führen kann sowie zu geringeren akademischen Leistungen und Beziehungsproblemen, sodass sie als Indikatoren für einen krankhaften Gebrauch gelten könnten. Dies lässt darauf schließen, dass soziale Medien bei mäßigem Gebrauch gewisse Vorteile bieten, aber andererseits bei exzessiver Nutzung zu mit Sucht gleichgesetzten Problemen führen.

Wohin führt uns das nun also? Vielleicht sollen wir uns einmal selbst beobachten, um das herauszufinden.

Wir sollten alle unsere Smartphones, Tablets, Laptops und Smart Watches in der Schublade lassen, um ein paar ruhige Stunden mit unseren Lieben zu verbringen. Vielleicht sollten wir uns bemühen, diesmal nicht die witzigen Bemerkungen des merkwürdigen Onkels zu twittern, unsere Follower über unsere Mahlzeiten zu informieren oder witzige Hundebilder zu präsentieren. Wer weiß, vielleicht erleben wir dann auch das eine oder andere gute Gespräch, ohne dass uns die Technik dabei stört.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Die rhetorische Brillanz des Demagogen Trump

Donald Trump (Image by Gage Skidmore [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Mit welchen Mitteln stellt sich Donald Trump immer wieder als rhetorisches Genie mit jeder Menge Zündstoff dar? Eine Analyse.

Die Forderung Donald Trumps vom 7. Dezember, die Einwanderung von Muslimen zu verhindern, wurde weltweit verurteilt. Fast 500.000 Briten unterschrieben eine Petition, die ihre Regierung anwies, Trump keinen Zutritt zu ihrem Land zu gewähren. In den USA wurden Trumps Kommentare sowohl von den Demokraten, den Republikanern, den Medien als auch von religiösen Gruppen angeprangert.

Jedoch stimmten laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage 37 Prozent der designierten Wähler aus dem gesamten politischen Spektrum einem zeitlich begrenzten” Einreiseverbot für Muslime in die Vereinigten Staaten zu. Trump besitzt eine Arroganz und eine Sprunghaftigkeit, die die meisten Wähler aufschrecken lässt. Wie konnte er nun seinen Zugriff auf einen Teil der Basis der Republikanischen Partei erhalten, welcher – zumindest im Moment – unerschüttert scheint.

Wie konnte auch seine Unterstützung bestehen bleiben, obwohl er von einigen als Demagoge und Faschist bezeichnet wurde oder obwohl politische Beobachter Parallelen zwischen ihm und polarisierenden Figuren wie George Wallace, Joseph McCarthy, Father Coughlin – und selbst Hitler – zogen?

Als Wissenschaftler im Bereich der US-amerikanischen politischen Rhetorik halte ich Kurse ab und schreibe über Nutzen und Missbrauch rhetorischer Strategien in der öffentlichen Debatte. Die eingehende Prüfung von Trumps rhetorischen Fähigkeiten kann teilweise seinen profunden und beständigen Reiz erklären.

Die Rhetorik der Demagogie

Das griechische Worte Demagoge” (demos = Volk + ag?gos = Führer) meint wortwörtlich einen Führer des Volkes. Jedoch wird es heutzutage dafür benutzt, einen Anführer zu beschreiben, der populäre Vorurteile bedient, falsche Behauptungen und Versprechen macht und seine Argumentation nach dem Gefühl und nicht nach der Vernunft wählt.

Donald Trump bezieht sich hierbei auf die Ängste der Wähler, indem er eine Nation in der Krise zeichnet und sich gleichzeitig als Held der Nation feiert – der einzige Held, der sich unseren Gegner entgegenstellt, unsere Grenzen sichert und Amerika wieder zu etwas Großartigem macht”.

Sein Mangel an Details, wie er diese Ziele erreichen möchte, ist dabei weniger erheblich als seine selbstbewusste, überzeugende Rhetorik. Er mahnt sein Publikum an, ihm zu vertrauen, verspricht sehr schlau zu sein und lässt, bildlich gesprochen, seine prophetischen Muskeln spielen (wie in dem Fall als er behauptete, die 9/11 Anschläge vorausgesagt zu haben).

Trumps selbst beweihräuchernde Rhetorik lässt ihn als Inbegriff von Überheblichkeit scheinen, die laut Forschungsergebnissen oft die am wenigsten zugkräftigste Qualität eines möglichen Anführers ist. Jedoch ist Trump so beständig in seiner Überheblichkeit, so dass dies authentisch scheint: Seine Großartigkeit ist Amerikas Großartigkeit.

Deshalb können wir Trump mit Sicherheit einen Demagogen nennen. Aber die Furcht, wenn Demagogen wirkliche Macht bekommen, bleibt bestehen. Nämlich, dass sie das Gesetz oder die Verfassung außer Kraft setzen. Hitler ist dabei natürlich das Beispiel für einen Worst Case.

Erstaunlicherweise ist eines von Trumps eigenen Argumenten jenes, dass er sich nicht kontrollieren lassen wird. Im Wahlkampf machte er sich seine Rolle als Machogeschäftsmann zu Nutzen – welche er sich durch seinen Auftritt in den sozialen Medien und in den Jahren als Fernsehpersönlichkeit (bei der er meist die mächtigste Person im Studio war) schuf – um sich für die Präsidentschaft zu bewerben. Dies ist eine Rolle, die Einschränkungen zurückweist: Er lässt sich nicht durch die Partei, die Medien, andere Kandidaten, Politische Korrektheit, Fakten – eigentlich alles – einschränken. Auf eine Weise zeigt er sich als unkontrollierbarer Anführer.

Mit rhetorischen Mitteln Kritiker zerstören

Jedoch möchten die meisten Wähler keinen unkontrollierbaren Präsidenten. Warum bleiben trotzdem so viele felsenfest bei ihrer Unterstützung?

Zuerst bezieht Trump sich auf den Mythos des Amerikanischen Exzeptionalismus. Er beschreibt die Vereinigten Staaten als die beste Hoffnung für die Welt: Es gibt nur eine auserwählte Nation und als Präsident arbeiten alle seine Entscheidungen auf das Ziel hinaus, Amerika großartig zu machen. Dadurch, dass er sich selbst mit dem Amerikanischen Exzeptionalismus verknüpft, während er Gegner als schwach” oder Dummköpfe” beschreibt, kann Trump seine Kritiker als Leute, die nicht an die Großartigkeit” der Nation glauben oder nicht an dieser mitarbeiten, darstellen.

Trump benutzt zudem trügerische und spaltende rhetorische Techniken, die ihn vor Ausfragungen schützen und ihn nicht in die Enge treiben. Er benutzt Ad populum”-Argumente. Dies sind Argumente, die an die Klugheit des Publikums appellieren (Umfragen zeigen, Wir gewinnen überall).

Wenn Gegner seine Ideen oder Haltung hinterfragen, benutzt er Ad hominem” -Attacken oder Kritiken, die stets die Person und nicht ihre Argumentation treffen (er weist seine Kritiker als Dummköpfe”, schwach” oder langweilig” zurück).

Die wahrscheinlich berühmteste Instanz davon war, dass er sich über Carly Fiorinas Aussehen lustig machte, als die Zustimmung für sie in den Umfragen nach der ersten republikanischen Debatte stieg (Schaut auf dieses Gesicht!”, rief er, Wer würde dieses Gesicht wählen? Kannst du dir dieses Gesicht als Gesicht des nächsten Präsidenten vorstellen?”).

Schließlich sind seine Reden auch oft mit Ad baculum”-Argumenten gespickt, die Androhungen von Machtdemonstrationen sind (Wenn Leute mir hinterher spionieren, gehen sie den Bach runter.”). Da Demagogen oft ihre Argumentation auf falschen Behauptungen und der Berufung auf das Gefühl anstelle der Vernunft basieren, greifen sie oft auf diese (rhetorischen) Hilfsmittel zurück.

Beispielsweise erklärte George Wallace während des Präsidentschaftswahlkampfes im Jahre 1968, dass wenn sich irgendein Demonstrant jemals vor sein Auto liegen würde, wäre dies das letzte Auto vor dem er oder sie sich jemals hingelegt hätte (Ad baculum). Joseph McCarthy griff zudem auf eine Ad hominem Attacke zurück, als er den ehemaligen Außenminister Dean Acheson als pompösen Diplomat in gestreiften Hosen mit einen gefälschten britischen Akzent” bezeichnete.

Trump benutzt auch ein rhetorisches Mittel, das sich Paralipse nennt. Damit stellt er Behauptungen auf, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Bei der Paralipse stellt der Redner ein Thema oder Argument vor, indem er sagt, dass er nicht darüber sprechen möchte. In Wahrheit möchte er oder sie jedoch genau diese Sache betonen.

Zum Beispiel sagte er in New Hampshiream 1. Dezember:

Aber alle (anderen Kandidaten) sind schwach und nur schwach – Ich glaube, dass sie allgemein schwach sind, wenn sie die Wahrheit hören möchten. Aber ich möchte dies nicht sagen, weil ich es nicht möchte… Ich möchte nicht irgendwelche Kontroversen, gar keine Kontroversen haben, ist dies in Ordnung? Deshalb weigere ich mich zu sagen, dass sie generell schwach sind, okay?

Trumps letztendlicher Trugschluss

Gehen wir zu Trumps Rede über Muslime vom 7. Dezember 2015 zurück, um die dort benutzten rhetorischen Mittel zu analysieren:

Ohne auf die unterschiedlichen Umfrageergebnisse zu schauen, ist es für jeden klar, dass der Hass unbegreiflich ist. Woher dieser Hass kommt und warum gehasst wird, müssen wir herausfinden. Bis wir das Problem und die Bedrohung, die es besitzt, ermitteln und verstehen können, kann unser Land kein Opfer der abscheulichen Angriffe von Menschen werden, die nur an den Dschihad glauben und keinen Sinn für die Vernunft oder den Respekt vor menschlichen Leben haben. Wenn ich die Präsidentenwahl gewinne, werden wir Amerika wieder großartig machen.

In dieser Erklärung macht Trump bereits zwei Dinge unumstößlich (oder unbestreitbar): Amerikanischer Exzeptionalismus und der Hass der Muslime auf Amerika. Laut Trump werden diese Grundsätze von der Klugheit des Publikums (Ad populum) unterstützt; sie sind für jeden klar”.

Er beschreibt Muslime in wesentlichen Worten als ein Volk, dass nur an den Dschihad glaubt, voller Hass ist und keinen Respekt vor menschlichem Leben hat. Trump benutzt die Verdinglichung, – die Betrachtung von Objekten als Menschen und Menschen als Objekt – um seine Grundsätze miteinander zu verbinden und seine Aussage zu unterfüttern: Unser Land kann nicht das Opfer von abscheulichen Angriffen von Leuten, die nur an den Dschihad glauben, werden”.

Hierbei personifiziert er “unser Land”, indem er die Nation als Person darstellt. Währenddessen benutzt er im englischsprachigen Originalzitat that anstatt who, um zu zeigen, dass Muslime keine Menschen, sondern Objekte sind. Seine tiefere Logik hierbei ist, dass unsere Nation ein Opfer dieser Objekte” ist. Objekte müssen nicht mit der gleichen Sorgfalt wie Menschen behandelt werden. Deshalb sind wir berechtigt, Muslime den Eintritt in das Land zu verwehren.

Schließlich muss noch gesagt werden, dass Trumps Beweisführung unvollständig ist und sich an seinem eigenen Blickwinkel orientiert. Seine Erklärung zitierte eine Umfrage unter US-amerikanischen Muslimen, die zeigt, dass 25 Prozent der Befragten dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen Amerikaner hier in den Vereinigten Staaten gerechtfertigt ist” .

Die Daten der Umfrage kamen vom Zentrum für Sicherheitspolitik (CSP – Center for Security Policy), welches das Southern Poverty Law Center als anti-muslimische” Denkfabrik bezeichnet. Darüber hinaus sagt Trump nicht, dass in der gleichen Umfrage 61 Prozent der US-amerikanischen Muslime dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen jene, die den Prophet Mohammed, den Koran oder den islamischen Glauben beleidigen” , nicht annehmbar ist. Noch erwähnt er, dass 64 Prozent nicht glauben, dass Gewalt gegen US-Amerikaner hier in den USA als Teil des globalen Dschihad gerechtfertigt ist” .

Unglücklicherweise lässt sich Trump, wie ein wahrer Demagoge nicht zu sehr von den Fakten aufhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Donald Trump” by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


 

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PROF. SILBERZUNGE: Peter Kruse – die deutsche Stimme des Web?

Church of Kruse

„Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten und donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit, und da bin ich sehr relaxt, ist da eigentlich nicht notwendig: Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.“ Standing Ovations im riesigen Friedrichsstadtpalast. Die zum deutschen Blogger-Kongress re:publica versammelten Praktikanten, Studenten, NGO-Jobber, Software-Entwickler und Digitalen Bohemiens bejubeln den Vortrag eines Bremer Unternehmensberaters: „What’s Next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren“. Danach überall begeisterte Kommentare im Social Web: grandios, rockt das Haus. Netzwerk-Gospel in der Church of Kruse. Mein Lieblings-Tweet ist von Anna Log: „Wenn ich das richtig verstehe, erklärt Peter Kruse hier Buddhismus anhand des Web 2.0.“ Weiterlesen »

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