Interview mit Tanja Haeusler: Netzkultur mit ganz viel “Wow!”

Mit der TINCON haben Tanja Haeusler und ihr Mann Johnny die erste Netz-Konferenz für Jugendliche ins Leben gerufen. Was das mit Langeweile, Pilzen und Whatsapp zu tun hat, erklärt sie im Interview. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und ihrer Arbeit als Theater- und Filmrequisiteurin entdeckte Tanja Haeusler Ende der 1990er-Jahre ihre Begeisterung für das Internet. Ihren Fokus legt sie dabei auf bildungspolitische Themen. Tanja und Johnny Haeusler betreiben gemeinsam das Weblog Spreeblick, gehören seit 2007 zum Gründungs- und Veranstaltungsteam der Re:publica und haben gemeinsam die TINCON ins Leben gerufen.

Christoph Zeiher (CZ): Frau Haeusler, wie kamen Sie auf die Idee, eine Konferenz über Netzkultur für Jugendliche ins Leben zu rufen?

Tanja Haeusler (TH): Die Idee zur TINCON – das ist die Abkürzung für Teenage Internetwork Conference – entstand schon vor drei Jahren. Wenn man sieht, wie großartig sich die Re:publica-Konferenz entwickelt hat, indem sie verschiedene Themen und Interessen der digitalen Gesellschaft zusammenbringt und verknüpft, liegt es doch auf der Hand, etwas Ähnliches für die junge digitale Gesellschaft zu entwickeln: für eine Gesellschaft, die eigenen Regeln und Kommunikationswegen folgt, andere Helden und Heldinnen feiert, im Kern aber ganz ähnliche Interessen hat.

Mit der TINCON möchten wir der jungen Generation eine Bühne geben, ihre Interessen sichtbar machen und so für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen.

CZ: In Politik und Unternehmen ist immerzu von Medienkompetenz die Rede, aber die meisten drücken sich um eine klare Definition. Was bedeutet denn Medienkompetenz für Jugendliche?

TH: Ich kann den Begriff auch nicht mehr hören. Vereinfacht gesagt, geht es dabei um den bewussten Umgang mit digitalen Medien. Jugendliche gehen aber meiner Meinung nach nie so analytisch an das Thema heran. Sie nutzen digitale Medien zunächst so, wie es ihnen Spaß macht oder hilft. Und das ist auch richtig. Sie erfassen und nutzen technische Entwicklungen irrsinnig schnell, und an dem Punkt hecheln Eltern, Bildungsinstitutionen und Politik oft hilflos hinterher. Es wird dann verzweifelt versucht, diese digital aufwachsende Generation in eine Petrischale zu quetschen, um herauszufinden, ob sich da eine neue Spezies entwickelt. Ich denke: nein.

Die Basics, die ein friedliches Miteinander regeln – Respekt, Empathie, Verantwortungsbewusstsein – haben ihre Geltung in der digitalen Gesellschaft nicht verloren. Schaffen wir es, sie der jungen Generation zu vermitteln, wird sie dieses Bewusstsein auch im Digitalen leben. Damit das gelingt, muss man dieser Generation aber zunächst mit Respekt begegnen. Dazu gehört, dass man aufhört, über sie zu reden, und beginnt, mit ihr zu reden.

CZ: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für Digital Natives?

TH: Digitale Unabhängigkeit; die Qualität von Langeweile, Einsamkeit und Nicht-Erreichbarkeit schätzen zu lernen und selbstbewusst sagen zu können: Ich finde auch ohne Netz und Smartphone zur Lüneburger Heide. Und dass ich diesen blau-grünen Pilz am Wegrand nicht essen sollte, weiß ich auch ohne das Urteil meiner Whatsapp-Gruppe.

CZ: Haben Sie das Gefühl, dass diese Fähigkeiten verloren gegangen sind?

TH: Ja, aber das finde ich mindestens ebenso stark bei Erwachsenen. Wir kleben schon alle sehr an unseren Smartphones.

CZ: Wie kann man sich die Konferenz denn konkret vorstellen, wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

TH: Wir erwarten 1.000 Gäste für die erste Ausgabe. Für die Frage, wie man sich die TINCON vorstellen muss, hatten wir uns den erklärenden Untertitel “Festival für digitale Jugendkultur” ausgedacht, weil er ganz gut den Themenmix aus Game, Youtube, Politik, Musik, Design, Code, Fashion, Fun und Action beschreibt. Aber unser Jugendbeirat findet den blöd, da müssen wir etwas Besseres finden. Die genannten Bereiche werden zwar im Programm bleiben, aber die Jugendlichen haben sie den Oberthemen Gesellschaft, Mensch, Zukunft, Internet und Lifestyle untergeordnet. Das war für sie klarer.

Die Formate werden variieren. Manches darf in ernsthaften Talks und Diskussionen bearbeitet werden, manches in eher Action-basierten Formaten, bei denen weniger gequatscht und mehr gemacht wird. Und dann gibt es natürlich den Bedarf nach ganz viel “Wow!”, also nach spektakulären Aktionen und Installationen. Und der eine oder andere Promi darf auch dabei sein.

CZ: Sie haben zuvor einen Jugendbeirat erwähnt. Wie stark sind die Jugendlichen denn in die Organisation der Konferenz eingebunden?

TH: Der Jugendbeirat besteht derzeit aus acht Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Wie schon beschrieben, stimmt dieser Beirat ganz konkret über Themen und Formate ab und hilft uns bei der Frage nach brauchbaren Kommunikationswegen oder dem Design der TINCON. Das klappt aber neben dem Online-Austausch eigentlich nur in den Ferien und greift also zusätzlich Freizeit ab, weshalb wir die Teilnehmer des Herbst-Workshops für ihre Beratertätigkeit bezahlt haben.

Außerhalb der Ferien laden wir einmal monatlich zu Programm-Meetings ein und versuchen, beispielsweise Design-Präsentationen so zu legen, dass die Jugendlichen dabei sein können.

CZ: Wie finanzieren Sie Ihr Projekt? Sind auch Unternehmen mit an Bord?

TH: Bis jetzt finanzieren wir uns aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und unserem privaten Geld; ab ganz bald hoffentlich aus der Ernte unserer Förderanträge. Die GLS-Bank hat sehr unkompliziert als erstes Unternehmen zugesagt. Einige Gespräche mit staatlichen Institutionen und Stiftungen sind schon sehr weit fortgeschritten, und wir sind begründet optimistisch.

CZ: Und was ist der Plan für die Zukunft? Wollen Sie die Konferenz auch in anderen Städten veranstalten?

TH: Wir möchten regelmäßige Workshops zu verschiedenen Themen anbieten, und natürlich ist es sinnvoll, die TINCON nicht nur in Berlin zu veranstalten. Aber jetzt reifen wir erst mal an extrem hilfreichen Fehlern bei der ersten TINCON im Mai.

Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik

Dieser Beitrag ist Teil der Publikation “Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik” und erscheint auf Netzpiloten.de mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Sämtliche Artikel der diesjährigen Ausgabe sind hier auch online zu finden.


Image „Tanja Haeusler“ by Tony Sojka (CC BY-SA 2.0)


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Christoph Zeiher

Christoph Zeiher

ist stellvertretender Chefredakteur des utopischen Politikmagazins Kater Demos und arbeitet als freier Journalist in Berlin.

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