Wer braucht schon ein Happy End, wenn er eine Achterbahnfahrt haben kann?

„Wir wollen den Leuten klarmachen, dass wir auch hier in Deutschland eine Fehlerkultur brauchen“, betont Claudius Holler, der mit seinem Bruder Daniel seit Februar 2015 regelmäßig die FuckUp Nights in Hamburg organisiert. „In Deutschland wird uns suggeriert, dass Scheitern etwas Schlechtes ist. Das stimmt aber so nicht“, erklärt er im Interview nach der Veranstaltung. „Wir müssen zwischendurch einfach mal verlieren, um daraus lernen zu können. Das ist ein ganz normaler und auch wichtiger Prozess.“

Wer verliert, muss also auch wieder gewinnen dürfen. So lautet das Motto der internationalen Bewegung. Das Konzept der FuckUp Night (engl.: to fuck up = etwas vermasseln, Mist bauen) ist 2012 in Mexiko entstanden und mittlerweile international erfolgreich. Die Vortragsreihe, die auf der ganzen Welt an jedem zweiten Donnerstag im Monat stattfinden soll,  gibt es inzwischen auch in mehreren deutschen Städten wie Berlin, Frankfurt und Leipzig. 

Die Angst vorm Scheitern nehmen

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Image by Claudius Holler

„Wir wollen den Menschen vermitteln, dass sie sich Dinge trauen sollen. Ein ultimatives Erfolgsrezept gibt es nur selten. Entweder eine Idee floppt oder glückt.“ Die Botschaft, die die Geschichten der Speaker der FuckUp Night übermitteln soll, ist, dass auch häufig aus einer gescheiterten Idee etwas wirklich Gutes entstehen kann. „Es ist uns wichtig, reflektiert an die Sache ranzugehen und zu schauen, an welcher Stelle die Leute gescheitert sind und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Wir wollen die Angst vorm Scheitern nehmen“, führt Claudius den Gedanken aus, der hinter dem Projekt steht.

Dieses Anliegen ist durchaus begründet, denn Deutschland liegt bei den Unternehmensgründungen mit elf Prozent nicht unwesentlich unter dem EU-Durchschnitt von 15,1 Prozent. Auch ein Vergleich mit den USA zeigt, dass deutsche Jungunternehmer weniger risikofreudig sind als ihre amerikanischen Kollegen. Laut Deutschland-Bericht des Global Entrepreneurship Monitor fürchten sich in den USA nur 32,8 Prozent der Gründer vor einer Pleite, in Deutschland sind es 46,4 Prozent.

Auch Holler findet, dass der US-amerikanische Umgang mit dem Scheitern unproblematischer ist als in Deutschland: „Die amerikanischen Unternehmensgründer sehen einfach alles viel lockerer als wir hier in Deutschland. Deren Philosophie ist es, Neues auszuprobieren und auch andere zu diesem Schritt zu ermutigen. Diese Mentalität wollen wir in die Köpfe der sicherheitsbasierten Deutschen bringen.“

Eine Gegenbewegung zur Selbstbeweihräucherung

„Als wir vor zwei Jahren zum ersten Mal von der FuckUp Night gehört haben, fanden wir das Konzept sofort spannend“, erinnert sich der Organisator. „Es gibt mittlerweile so viele Vorträge, in denen Leute von ihrer Erfolgsgeschichte erzählen. Das ist ja schön und gut, aber wirklich viel nimmt man als Zuhörer daraus nicht mit. Und genau diesen Perspektivwechsel fanden wir so interessant: eben auch mal auszuleuchten, wenn etwas schief geht. Jeder, der sich mal etwas getraut hat, hat eine solche Geschichte zu erzählen. Die meisten Leute reden nur nicht darüber und schleppen das mit sich herum, ohne dass jemand davon erfährt.“

Das ist einer der Gründe, weshalb so viele Menschen sich nicht erkühnen, ihre Kreativität zu Geld zu machen: Die meisten Geschichten, die man kennt, haben ein glückliches Ende. Die anderen, so scheint es, gehen mühelos durch das Leben und die Umsetzung ihrer Ideen gestaltet sich weitestgehend unproblematisch. Das führt dazu, dass viele willige Gründer, die etwas riskieren, beim ersten Rückschlag verunsichert sind und aufgeben, statt sich durchzubeißen. Aber schon Winston Churchill wusste, dass Erfolg haben eben heißt, einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist.

Einen Grund haben, die Komfortzone zu verlassen

Der Weg zum Erfolg verläuft meistens nicht geradlinig. Es gibt viele Unternehmen, die erst richtig erfolgreich wurden, nachdem sie einen Schiffsbruch mit ihrer Ursprungsidee erlitten haben: „Der Hauptgeschäftszweig von Pfizer ist aktuell das Potenzmittel Viagra, obwohl der Stoff eigentlich als Medikament gegen Herzerkrankungen entwickelt wurde. Die Studien dazu waren allerdings eher enttäuschend“, fällt Claudius als Beispiel ein. „Dann hat der Pharmaziekonzern irgendwann bemerkt, dass sich die Nebenwirkungen des Medikaments gut verkaufen lassen. Das ist genau das, was wir veranschaulichen wollen: Es gibt Happy Ends, aber vorher muss man eben manchmal den Karren vor die Wand fahren, um den nächsten Schritt gehen zu können. Denn was den meisten Menschen gemein ist, ist dass sie schwer loslassen können. Wenn es nicht wirklich einen richtigen FuckUp gibt, würden sie in ihren alten Bahnen, ihrer Komfortzone bleiben und nicht umdenken.“

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Image by Ulf Dubbels

Umdenken musste auch der Kommunikationsdesigner Ulf Dubbels, einer der Speaker bei der FuckUp Night. Nachdem er sein Studium in Hamburg beendet hatte, ging er nach London und arbeitete dort als Trainee in der Werbebranche. „In England wird kreativere Werbung mit Herz gemacht. Es wird gefragt, was der Verbraucher wirklich will. Obwohl es in Deutschland auch gute Werbung gibt, wird das hier viel quantitativer gehandhabt“, erklärt er. „Diese Herangehensweise wollte ich nach Deutschland bringen. Aber das hat leider nicht so gut funktioniert.“

Im Jahr 2013 musste Ulf Dubbels nach vierzehn Jahren das Magazin „Neustädter“ verkaufen, das er als einer von drei Gesellschaftern geführt hatte.  „Ich war so überzeugt von dem Projekt. Das Magazin sollte Zugezogenen Fragen wie „Welcher Stadtteil passt zu mir?“ und „Wo kann ich gut ausgehen“ auf eine originelle und persönliche Art und Weise beantworten.“ Anfangs lag die Auflage des Neustädters bei 30.000 Exemplaren, die hauptsächlich werbefinanziert jährlich erneuert und unter Anderem über die Einwohnermeldeämter vertrieben wurden. „Aber der Print geht unter und keiner will mehr für gute redaktionelle Arbeit bezahlen.“

Wer ernten möchte, muss auch säen

„Man kann sagen, dass ich gegen Ende ein richtiges Burnout hatte. Ich war unfähig, auch nur die kleinste Entscheidung zu treffen“, sagt Ulf Dubbels sachlich. „Ich stand einfach unter enormem Druck, weil ich so viel Umsatz machen musste, um die Verbindlichkeiten der Bank zurückzuzahlen.“ Er wünscht sich, dass Startups in Deutschland mehr Unterstützung und Förderung erfahren würden: „Wenn man ernten möchte, muss man schließlich auch erst säen und die richtigen Bedingungen schaffen, damit etwas wachsen kann.“

Weil niemand einem zeigt, wie man Entscheidungen trifft

„Die meisten Menschen leben nur nach dem Verstand. Unsere inneren Wünsche korrelieren häufig nicht mit dem, was unser Kopf uns vorgibt“, erzählt Dubbels. „Durch diesen Zusammenbruch habe ich gelernt, mehr auf meine Intuition zu hören. Das fiel mir anfangs sehr schwer. Was mir dabei wirklich geholfen hat, war der Armlängentest. Dabei stellt man sich den Sachverhalt vor und überprüft die Länge der Arme.“

 

„Ich hoffe, das klingt nicht zu sehr nach esoterischem Unfug. Seitdem ich das mache, handle ich weniger aus Gewohnheit und mehr nach meinem Instinkt, ich bin nicht mehr so ferngesteuert. Es ist einfach wichtig, einen Einklang zwischen Fakten und Intuition zu finden, wenn man Entscheidungen trifft.“

Warum wir im Leben Höhen und Tiefen brauchen

Am Ende des Interviews erklärt Claudius Holler: „Es geht nicht darum, ein statisches Happy End zu erreichen, sondern um einen fließenden Prozess. In diesem Prozess sollte es natürlich möglichst viele glückliche Fügungen geben, aber man sollte eben auch in Kauf nehmen, dass dazwischen auch Fehler liegen können. Man kann das Ganze mit einer Achterbahnfahrt vergleichen: Gäbe es keine Höhen und Tiefen, wäre es total langweilig. Durch das Auf und Ab bleibt es spannend, die Leute sind flexibler. Man hat eine ‚Grundhappiness‘ statt eines Happy Ends. Das ist viel besser, denn End bedeutet ja vorbei.“


Image “road” by geralt (CC BY 2.0)


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Charlotte Diekmann

Charlotte Diekmann

kommt aus Münster und studiert Angewandte Medien- und Kommunikationswissenschaft an der TU Ilmenau. Sie hat ein Praktikum in der Netzpiloten-Redaktion absolviert.

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