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Eine staatliche Agentur für Sprunginnovationen soll das deutsche Trauma bewältigen

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Durch eine staatliche Agentur für Sprunginnovationen will die Bundesregierung aus der exzellenten Grundlagenforschung in Deutschland Impulse für die Volkswirtschaft ableiten. „Zahlreiche Erfindungen, die völliges Neuland eröffnen und ganze Märkte umkrempeln können, sind in Deutschland entstanden, scheitern jedoch häufig noch in der Anwendung. Die staatliche Agentur zielt darauf ab, aus diesen hochinnovativen Ideen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft auch erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in Deutschland entstehen zu lassen“, so Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Fahndungsauftrag

Die staatliche Agentur verfolgt einen personenzentrierten Ansatz. Sie setzt auf hochkompetente und kreative Innovationsprotagonisten, die zeitlich befristet in der Agentur tätig sind und besondere Handlungsfreiräume genießen. Sie können nach Angaben der Bundesregierung Forschungs- und Entwicklungsvorhaben mit Sprunginnovationspotential von der Idee möglichst bis hin zur Anwendung auswählen, steuern und – je nach Projektverlauf – beenden oder fortsetzen. Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen setzen die Vorhaben um. Geförderte Ideen werden über Ausgründungen, durch Unternehmen oder auch durch den Staat selbst, im Rahmen der öffentlichen Beschaffung verwertet und in den Markt eingeführt.

Die Mitarbeiter der Agentur sollen nach innovativen Ansätzen in der Wissenschaft fahnden und Erfinder ermuntern, ihre Ideen auch in der Praxis umzusetzen. Bis zum Ende der Legislaturperiode stellen Bundesforschungs- und Bundeswirtschaftsministerium dafür mindestens 151 Millionen Euro bereit. Für die gesamte Laufzeit der Agentur – zehn Jahre sind geplant – wird mit einem Mittelbedarf von rund einer Milliarde Euro gerechnet.

Das deutsche Trauma

„Dass der Bund nun eigens eine staatliche Agentur zur Förderung solcher Entwicklungsschritte gründet, hat auch mit einem deutschen Trauma zu tun, das in der Regierung seit Monaten immer wieder zitiert wird: die Geschichte des MP3-Players. Die Technik für dieses Gerät wurde schon in den achtziger Jahren in Deutschland entwickelt, von einer Gruppe von Forschern um Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer-Institut in Erlangen und der dortigen Universität. Damit viel Geld verdient haben später allerdings nicht deutsche Unternehmen, sondern in erster Linie die asiatischen Elektronikkonzerne“, schreibt die FAZ. „Das dürfe nicht noch einmal passieren“, betont Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Nur waren es nicht Firmen in Asien, die MP3 zur Entfaltung brachten, sondern Apple mit ihrem kongenialen Chef Steve Jobs. Und es waren nicht in erster Linie neue Erfindungen, die Jobs erfolgreich auf dem Markt etablierte. Es waren Kombinationen von bestehenden und neuen Technologien. Der Apple-Mitgründer entsprach dem innovativen Unternehmen, wie ihn der Ökonom Joseph Schumpeter in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ beschrieben hat – vor über 100 Jahren:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Kombinatoriker müssen keine Erfinder sein

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich dabei deutlich vom Routineunternehmer, der auf überkommenen Grundlagen arbeitet und nie Neues schafft. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Steve Jobs und seine Entwickler folgten konsequent dem Less-and-More-Diktum des legendären Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahren bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Und was noch wichtiger für die Erfolgsstory von Apple ist: Jobs erzeugte neue Märkte. Der dynamische Unternehmer orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern „er nötigt seine Produkte dem Markte auf“, so Schumpeter. Das ist Steve Jobs mit Produkten und Diensten für das mobile Internet und für den Tablet-Markt gelungen. Gelingt so etwas mit einer staatlich initiierten Agentur für Sprunginnovationen?

Verrückte Persönlichkeiten vonnöten

Dazu braucht man charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten, die Neues durchsetzen, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Es sind nicht nur Unternehmer, die das schaffen, sondern auch Beamte, wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der Ende des 19. Jahrhunderts unter Reichskanzler Otto von Bismarck aus Berlin ein Silicon Valley der Telekommunikation machte. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein). Dann forcierte er erst in Deutschland, und danach in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. So einen könnte die neue staatliche Agentur, die Anfang des nächsten Jahres ihre Arbeit aufnimmt, gut gebrauchen.

Propheten der Innovation brauchen wir nicht

Als Vorbild dient der Bundesregierung die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in den USA. Als bekanntestes und erfolgreichstes Projekt kann das ARPANET angesehen werden, aus welchem das Internet hervorging. Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? brand eins-Autor Wolf Lotter hat auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte.

Etwa Propheten, die es in Glaubensgemeinschaften, in der Dogmatik und in der Ideologie gibt. „Entweder Du machst mit oder Du landest in der Hölle. Ich bin gut und Du bist böse, hier ist mein Evangelium. Das sind die nicht sehr anschlussfähigen Damen und Herren, die in ihren Bubbles leben und den anderen die Welt erklären“, so Lotter.

innovate or die-Gelaber

Es sind Bühnenkünstler, die von Disruption und kreativer Zerstörung labern, aber Clayton M. Christensen oder Schumpeter nie im Original gelesen haben. Es sind alarmistische Lautsprecher, die vom Darwinismus schwadronieren, aber die Evolutionstheorie schlicht nicht verstehen. Als weiteren Vertreter der Innovationstypologie benennt Lotter den Eroberer. Er folgt dem Propheten auf dem Fuß und erklärt Innovationen zum Maß der Dinge. Religionskriege, ideologische Eroberungen aber auch die darwinistische Variante des „innovate or die“ sind sein Credo. „Wer sich nicht digitalisiert, ist von gestern und dessen Unternehmen wird sterben. Das sind die Sprüche, die wir kennen“, erläuterte Lotter auf der Keynote Arena der Zukunft Personal-Messe. Artificial Intelligence sofort einführen und zum Segen der Industrie erklären. Wer noch ein paar Fragen zur Sinnhaftigkeit hat, ist von vorgestern und hat nichts kapiert.

Fragen zur Intelligenz nicht erwünscht

Dass mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Intelligenz noch nicht alles geklärt ist, sei dahingestellt. Auch das Rätselraten von Biologen und Neurologen bei der Erklärung von natürlicher Intelligenz darf die KI-Verkäufer nicht stören. „Alles nur Marketing-Geschwurbel“, kritisiert Lotter.

„Selbst Erfinder werden uns wohl nicht mit volkswirtschaftlich relevanten Sprunginnovationen beglücken. Sie verbohren sich in ihrem Fach“, so Lotter. Ihre Metamorphose endet im Fachidiotentum.

Ich habe Patente, also bin ich?

Das systematische und planmäßige Erfinden in Konzernen produziert nach Auffassung von Lotter zuverlässig eine Vielzahl an Patenten und Rechten. Deren Wirksamkeit ist allerdings fraglich, lieber FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger. Da helfen dann auch nicht Erbsenzählereien in irgendwelchen Studien zur KI-Forschung weiter. Lotter verweist auf die amerikanische Innovationsforscherin Rosabeth Moss Kanter. Sie bringt dieses Dilemma sehr schön auf den Punkt: Meistens folgen den großartigen Innovationsankündigungen mittelmäßige Ausführungen, die anämische Resultate nach sich ziehen. Irgendwann schlägt dann das Controlling zu. Moss Kanter nennt diese Vertreter „Innovations-Ersticker“. Welche Typologien sind besser?

Lotter nennt sie Erkenner und Ermöglicher. Also Persönlichkeiten, die Ideen aufsaugen, orchestrieren und kombinieren. Sie führen keinen Krieg gegen Talente, sie belohnen nicht Opportunismus, sondern Individualismus. Das Notiz-Amt ist gespannt, ob das die neue staatliche Agentur hinbekommt. Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft sieht übrigens mp3 als deutsche Erfolgsgeschichte. Das sollten Altmaier und Karliczek noch einmal jenseits der Lizenzgebühren, die Fraunhofer kassiert, mit Reimund Neugebauer ausdiskutieren.

 

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Selbstverwirklichung – ein Versprechen an die Frauen?

Frau(adapted)(Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Erst letzte Woche hatte meine Mitbewohnerin mit ihrem Freund Schluss gemacht. Eine Trennung ist nie leicht, das wissen wir alle. Somit hatte ich sie auch nicht ihre Freiheit zelebrierend und tanzend auf dem Tisch erwartet. Doch anstatt dass sie auch nur einen Funken Erleichterung empfand, wurde sie die nächsten Wochen von Ängsten geplagt. Der Grund: Sie war 27 – und Single.

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass Frauen heutzutage im Zuge der Emanzipation selbstständig Kinder großziehen können und somit nicht mehr abhängig vom Mann sind. Dass dieser Wandel jedoch nicht nur in den Köpfen, sondern auch im gesellschaftlichen System noch nicht angekommen ist, lässt sich nicht nur an meiner Mitbewohnerin erkennen.

Die Aussichten für alleinerziehende Mütter sind nicht rosig

Denn auch andere Ergebnisse sprechen Bände: Nach dem Statistischen Bundesamt ist in 9 von 10 Fällen der alleinerziehende Elternteil die Mutter. Dabei gilt mehr als ein Drittel aller Alleinerziehenden als arm. Alleinerziehende Mütter verdienen zudem deutlich weniger als alleinerziehende Väter – das liegt vor allem daran, dass das männliche Pendant zweimal so häufig in Vollzeit arbeitet.

Die Fürsorgearbeit ist immer noch Aufgabe der Frauen

Dieser Unterschied lässt sich auch darauf zurückführen, dass trotz des Aufrüttelns der Rollenbilder seit den 90er Jahren, die Fürsorgearbeit Aufgabe der Frauen bleibt. Familiäre Angelegenheiten sowie unbezahlte häusliche Arbeit stehen Größenteils in ihrer Verantwortung, während die vergütete Erwerbsarbeit weiterhin von den Männern übernommen wird. Für Frauen, die einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen, scheint eine Doppelbelastung unausweichlich. Viele Frauen verzichten daher auf eine Vollzeitstelle oder gehen erst gar nicht arbeiten, wodurch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich verschlechtert werden.

Zusammenfassen kann man also sagen, dass Frauen aufgrund der Fürsorgearbeit öfter in Teilzeit oder befristeten Verhältnissen arbeiten – und somit im Schnitt deutlich weniger verdienen als Männer. Um genau zu sein, verdienten Frauen nach dem unbereinigten Gender Pay Gap im Jahr 2016 22 Prozent weniger als ihre männlichen Pendants. Alleinerziehende Mütter, die sowieso unter der Vereinbarkeit von Beruf und Familie leiden, treffen diese Umstände besonders hart.

Erfolg für die Männer – Selbstverwirklichung für die Frauen?

Unser Arbeitsleben hier in Europa dauert im Durchschnitt 34,5 Jahre. Es scheint somit nicht verwunderlich, dass der Beruf für viele als identifikationsstiftend gilt und die Arbeit für die Selbstverwirklichung genutzt wird: Neben den täglichen Besorgungen und Verpflichtungen beibt kaum noch Zeit, Interessen nachzugehen, die diese Aspekte erfüllen könnten. Doch sind Frauen und Männer im gleichen Maße von dieser Entwicklung betroffen?

Wirft man einen Blick auf die Situation der Männer, so hat sich zumindest was die Fürsorgearbeit betrifft, seit den 90er Jahren nicht viel geändert: Männer sind immer noch überwiegend die Brotverdiener und üben bestenfalls ihr Leben lang einen Beruf aus, der auch ihre privaten Interessen widerspiegelt. Dabei ist ihnen vor allem der Erfolg bei der Arbeit wichtig, denn ihre persönliche Zufriedenheit hängt stärker von der beruflichen Stellung ab als bei Frauen.

Wenn für Männer somit der Erfolg bei der Arbeit an erster Stelle steht – bleibt dann die Selbstverwirklichung für die Frauen? Sie könnte jedenfalls eine attraktive Chance darstellen, die eigenen Wünsche und Interessen in den Vordergrund zu stellen, die bei der Kindererziehung lange Zeit zu kurz kamen.

Wandel muss her

Die Fürsorgearbeit der Frauen hat somit Auswirkungen auf viele Komponenten: Sie beeinflusst nicht nur den Gender Pay Gap und stellt für viele alleinerziehend Mütter eine erhebliche Herausforderungen dar, sondern könnte beispielsweise auch ein Grund sein, warum Frauen selten in Führungspositionen zu sehen sind – Selbstverwirklichung kann schließlich auch der einfache Wunsch sein, einen Beruf zu finden, der mit der Familie gut zu vereinbaren ist.

Trotzdem sollten wir uns daran erinnern, dass wir im Jahr 2017 leben – und Männer genauso wichtig für die Kindererziehung sind wie Frauen. Somit sehe ich es auch als die Aufgabe unserer männlichen Gegenüber, die Möglichkeit, länger und öfter als bisher als Elternteil zuhause zu bleiben, wahrzunehmen, um einen Wandel voranzutreiben.


Image (adapted) „Frau“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Der Weimarer Künstlerbund und die Herausforderungen einer lebenswerten Digitalisierung

galerie (adapted) (image by latalante [CC0] via pixabay)

Um bei den Digitalthemen in der ersten Liga zu spielen, reicht es für Unternehmen wohl nicht aus, entsprechende Talente oder Startups an Bord zu holen. „Auch in der Führung muss Kompetenz in Sachen Digitalisierung präsent sein“, fordern Jürgen und Heribert Meffert in ihrem Opus „Eins oder Null“. Dabei gehe es vor allem um die erste Ebene, die Geschäftsführung und das Aufsichtsgremium, sowie um die zweite Führungsebene. „Die IT muss als neue Kernkompetenz im Unternehmen verstanden werden, der CDO sollte ein einflussreiches Wort im Führungsgremium mitsprechen – dann klappt es auch mit der Digitalisierung.“ Für die Kulisse passiert gerade eine Menge. Aber ändert sich wirklich etwas in den Führungsetagen?

Digi-Labs sollen es richten

„Digi-Labs, Innovation-Hubs, Digitalfabriken oder wie immer die deutschen Unternehmen ihre Ableger nennen, sind in den vergangenen Jahren ein fester Teil der deutschen Firmenlandschaft geworden. Ob Daimler, Lufthansa, Thyssenkrupp oder Deutsche Bank – jeder, der zeigen will, dass er die Zukunft anpackt, hat inzwischen ein Labor gegründet. Rund 100 sind es mittlerweile und noch deutlich mehr, wenn man zugekaufte Startups oder IT-Ausgründungen miteinbezieht. Tendenz steigend“, schreibt Capital. Das Monatsmagazin hat mit der Hamburger Managementberatung Infront Consulting über Monate Dutzende von Laboren besucht. Bislang sind die Ergebnisse ernüchternd: Wirklich Geld habe noch niemand verdient, auch die nicht, die schon länger dabei sind.

„Es fällt auf, dass bisher betriebswirtschaftlich eigentlich fast nichts erreicht wurde“, zitiert Capital Julian Kawohl, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat. „Kein Unternehmen hat durch sein Lab signifikantes Neugeschäft aufgebaut.“ Was fehlt, sei die Bereitschaft der Konzerne, wirklich im großen Stil Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Noch stünden die Labs unter Welpenschutz, heißt es in der Studie.

Controller und die Sucht nach der kurzfristigen Rendite

Noch sei die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben. „Das aber könnte sich ändern, wenn die Controller kommen und Nachweise für wirtschaftlichen Erfolg verlangen“, schreibt Capital und hätte vielleicht die systemischen Defizite der Deutschland AG stärker unter die Lupe nehmen sollen. Viele Konzerne und mittelständische Unternehmen leben von der Substanz. Sie setzen nicht auf neue Technologien, sondern auf höhere Preise und Scheininnovationen.

Wachsende Konzentration in wichtigen Branchen und eigentumsrechtliche Verflechtungen schädigen die Innovationskraft, um Zukunftsthemen wie die Kreislaufwirtschaft, die Mobilitätswende und den Klimaschutz zu stemmen. Wir bescheiden uns lieber mit Dumping-Kapitalismus, mahnt Wolfgang Neef, ehemaliger Vizepräsident der Technischen Universität Berlin. Rendite-Geilheit rückt an die Stelle der Qualitätsproduktion.

Value-Engineering statt Qualitätsproduktion

Die Studenten von Neef berichten, dass in der Firma Siemens professionelle Ingenieurarbeit, die ihre Zeit braucht und nicht mit billigsten Mitteln arbeitet, als „Over-Engineering“ geschmäht werde. Es soll stattdessen um „Value-Engineering“ gehen, also Ingenieurarbeit, die primär den Unternehmenswert an der Börse im Blick hat und möglichst geringe Kosten aufweist.

Laut Handelsblatt ist das national und international kein Einzelfall. Statt Produkte zu erfinden, würden sich Firmen im Zahlenjonglieren üben: Statt Wissenschaftler einzustellen, Forschungslabore einzuweihen oder neue Geschäftsfelder zu gründen, baut man die Finanzabteilung aus, in der dann neue Tricks zur internationalen Steuerarbitrage ausgebrütet werden. Laut einer Studie des MIT setzen die meisten Konzerne nicht mehr auf langfristige Grundlagenforschung und angewandte Forschung, sondern konzentrieren ihre Ausgaben auf kurzfristige Ziele. Ein immer größerer Anteil der Patentanmeldungen dient nicht mehr dem Schutz von Innovationen, sondern soll die Anwendung innovativer Technologien durch Konkurrenten blockieren.

Geisteskraft sollte an die Stelle der Effizienzdogmatik rücken

Solche Effizienzdogmatik führt zur Sparsamkeit der Geisteskraft, so der Duktus der aphoristischen Schrift „Kritik der grotesken Vernunft“ aus der Feder von Lars Hochmann: „Jede Gesellschaft hat die Unternehmen, die sie verdient.“ Das muss aber nicht zur fatalistischen Gegenwartsrestauration führen. „Zukünfte zu gestalten, bedeutet: die Wirklichkeit aufheben lernen“, so Hochmann, der mit seiner Aussage gut zur Programmatik der D2030 Initiative passt. Denn: „Unternehmen sind von Menschen gemacht und damit immer auch anders machbar.“

Das bewiesen in ihrem gesellschafts- und kulturpolitischen Engagement Persönlichkeiten wie Harry Graf Kessler und Henry van de Velde mit dem Allgemeinen Deutschen Künstlerbund in Weimar. Als Leiter des Kunstgewerblichen Seminars übt van de Velde eine Art Beratertätigkeit für das Handwerk aus mit dem Ziel, eine produktive Zusammenarbeit von Künstler, Kunsthandwerker und Unternehmer zu initiieren. Seine Meinungen und Schöpfungen wurden in offiziellen Kreisen des Kaiserreichs Anfang des 20. Jahrhunderts als subversiv und revolutionär abgewertet.

Genau deshalb war van de Velde so wichtig. Seine Aktivitäten beeinflussten den Werkbund, das Bauhaus und viele Wirtschaftszweige. So durchlöchert man versteinerte und selbstgefällige Institutionen. Warum soll das nicht auch mit der Digitalisierung gelingen, die zu einer lebenswerten Wirtschaft beiträgt. Das Notiz-Amt zitiert hier noch einmal Hochmann: „Lebenswert wird Wirtschaft erst dann, wenn das, was zählt, nicht zählbar ist.“


Image (adapted) „Galerie“ by latalante (CC0 Public Domain)


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Neuer Leitfaden für Unternehmer – Fit for Growth

Image by PwCs Strategy& Wiley

Eine häufige Zwickmühle, in die Unternehmen geraten, ist die Tatsache, dass sie zwar die Kosten senken sollen, dabei aber gleichzeitig für Wachstum sorgen und Gewinne einfahren müssen. Auch 2017 stehen Führungskräfte wieder vor dieser Herausforderung. Da man bei der Lösung dieses Umstandes viel falsch machen kann, sollte man sich Hilfe holen. Das Buch „ „Fit for Growth: A Guide to Strategic Cost Cutting, Restructuring, and Renewal““ liefert einen neuen, unterstützenden Ansatz.

In dem Buch identifizieren die Autoren und Experten Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar die Probleme des bislang üblichen Kostenmanagements und erklären, wie es besser gehen kann. Eine Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg ist, dass Kosten- und Wachstumsplanung strategisch Hand in Hand gehen, so steht es in dem neuen Wirtschaftsbuch für CEOs und Manager von Strategie&, der Strategieberatung von PwC.

Die Autoren geben darüber hinaus noch einige Grundsätze vor, die dabei helfen können Stärken und Schwächen zu analysieren:

  • Konzentration auf differenzierende Fähigkeiten
  • Ausrichten der Kostenfaktoren auf differenzierende Fähigkeiten
  • dementsprechend Neuorganisation

In dem Buch wird anhand vieler beispielhafter Fälle gezeigt, wie Ressourcen und Investments in die richtige Richtung geleitet werden können. Das Ziel, das Unternehmen dabei vor Augen haben sollten, ist die Fokussierung auf die Kernkompetenzen, die es von Wettbewerbern unterscheidet.

Image by PwCs Strategy& Wiley
Kostensenkung funktioniert nur in Kombination mit Konzentration auf die Kernkompetenzen und Neuausrichtung. Image by PwCs Strategy& Wiley

Die Autoren führen Schritt für Schritt durch die wichtigsten Bereiche, um das Kostenmanagement neu zu strukturieren. Mit vielen Tools und Frameworks zu allen Facetten der Kostensenkung – vom Outsourcing bis hin zu kulturellen Aspekten – will „Fit for Growth“ Führungskräfte des mittleren und höheren Managements bei der konkreten Umsetzung im eigenen Unternehmen unterstützen.

Die Autoren Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar verfügen zusammen über mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Strategie- und Unternehmenstransformation. Sie sind führende Experten in diesem Bereich und arbeiten bei Strategy& USA.


Image by PwCs Strategy&/Wiley


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Zwei Tech-Startups wollen Rückenschmerzen per App heilen

Image by Ramin Waraghai and Thomas Kirchner

Das Ziehen in der Schulter, der Schmerz im Lendenwirbel, die Verspannung im Nacken – fast jeder Deutsche leidet in irgendeiner Form unter Rückenschmerzen. Aktuelle Studien zeigen, dass 62 Prozent der Deutschen im täglichen Leben von Rückenschmerzen beeinträchtigt werden und nur 7 Prozent der Bevölkerung von sich sagt, sie habe gar keine Schmerzen im Rücken. Rückenschmerzen sind daher eindeutig Volkskrankheit Nummer eins in Deutschland.

Kein Wunder, dass wir heute am 15. März bereits zum 16. Mal den „Tag der Rückengesundheit“ feiern. Wenig verwunderlich ist bei dieser Ausgangslage aber auch, dass viele Unternehmen das Thema „Rückengesundheit“ als Einnahmequelle entdeckt haben. Gerade junge Tech-Startups drängen mit innovativen Ideen in diesen Markt vor – und stellen traditionelle Behandlungsmethoden auf den Kopf. Sie behaupten, dass sie die Leiden im Rücken per App lindern können.

App an, Schmerzen weg?

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Wir installieren eine Applikation auf unser Smartphone oder auf den Computer und schon sind alle Rückenschmerzen weg. Ganz so einfach ist es natürlich nicht und wer glaubt, dass ein einfacher Swipe auf dem Handy alle Schmerzen wegwischt, der muss wohl noch einige Jahrzehnte warten.

Dennoch glauben junge Gründer, dass sie Rückenschmerzen mit einer App effektiver lindern können als mit einer traditionellen Physiotherapie oder OP. Zu diesen Gründern gehören Ramin Waraghai und Konstantin Mehl. Beide behaupten, dass ihre Apps Patienten mit Rückenleiden besser und kostengünstiger helfen können als eine klassische Behandlung. Weder Waraghai noch Mehl stellen dabei leere Behauptungen auf, sie haben dies nicht nur in klinischen Studien mit ihren Applikationen nachweisen können, sondern zunächst selbst am eigenen Körper erfahren.

ramin3 (Image by Stefan Sträter)
Image by Stefan Sträter

Ramin Waraghai studierte Sportwissenschaften und spielte bei Fortuna Köln in der vierten Liga regelmäßig Fußball. All das schien plötzlich zu Ende zu sein, als er mit 23 Jahren neben seinen ohnehin schon chronischen Rückenschmerzen auch noch einen zweifachen Bandscheibenvorfall und einen Knorpelschaden erlitt. Selbst zwei Operationen und eineinhalb Jahre Reha schienen ihm aber nicht helfen zu können. So begann er eine fünfjährige Recherche und landete schließlich bei Rückenexperten der multimodalen Therapie in den USA.

Auch Konstantin Mehl litt viele Jahre selbst an starken Rückenschmerzen und auch er fand eine Lösung dafür – in den USA. Als ihm eine Professorin eines Schmerzzentrums dort die multimodale Schmerztherapie empfahl, war er sehr skeptisch, wie er im Netzpiloten-Gespräch erklärt: „Wenn dir jemand sagt, dass du nach jahrelangem Kampf deine Rückenschmerzen in vier Wochen loswerden kannst, ist das natürlich schwer zu glauben. Ich habe es aber einfach mal ausprobiert. Die Schmerzen waren zwar nicht sofort weg, aber ich habe tatsächlich nach vier Wochen fast kaum noch Schmerzen gespürt.“

Mehl und Waraghai waren beide begeistert von der modularen Therapie, in der physische Übungen mit Hintergrundwissen zum Thema „Rückenschmerzen“ und Entspannungsübungen kombiniert wurden. Studien zeigen tatsächlich, dass diese Form der Schmerzbehandlung viel effektiver sein kann als reine Physiotherapie oder eine OP allein. So dauerte es nicht lange, bis Konstantin Mehl und Ramin Waraghai ihre Rückenapps entwickelten.

Mehl gründete mit einem Team von Experten die Kaia Health Software GmbH. „Kaia“ ist japanisch und bedeutet so viel wie „Ort der Entspannung“. In der Applikation hat Mehl ein ganzheitliches Rückentraining in digitaler Form zusammengestellt, das sich individuell an die Nutzer anpasst. Die App kann auf dem PC, auf dem Smartphone sowie auf dem Tablet installiert werden und ist ab April für ein monatliches Abo von rund 8 Euro zu haben. Um Kaia zu testen, können Nutzer die App zunächst sieben Tage lang gratis ausprobieren.

Zum Einstieg beantworten Nutzer einen Fragebogen zum allgemeinen Wohlbefinden und konkreten Rückenproblemen. Danach wird ein Trainingsprogramm generiert. Es kann eingestellt werden, wie oft man pro Woche trainieren möchte und ob die App eine Erinnerungsfunktion per Mail oder SMS schicken soll. Jede Übung wird dann zunächst im Video gezeigt, bevor die User sie dann selbst nachmachen können. Am Ende jeder Übungseinheit, können Nutzer dann bewerten, ob die Einheit für sie zu schwer, zu einfach oder nicht relevant war. Diese Eingaben werden dann gespeichert, um so das Trainingsprogramm Schritt für Schritt an den Nutzer anzupassen. „Die Idee ist, dabei das ideale Trainingsprogramm für jeden Nutzer individuell erstellen zu können. Je mehr User wir haben und je mehr Angaben wir bekommen, umso präziser und schneller können wir die perfekte Trainingsroutine für jeden Nutzer voraussagen.“ Jede Trainingseinheit dauert 15 bis 30 Minuten und ist in drei Teile gegliedert: Übungen, Entspannung und Wissensvermittlung. In jedem Bereich können Anwender bewerten, ob ihnen die Einheit gutgetan hat oder ob es Verbesserungsbedarf gibt.

Rückenapp-Nutzer verspüren weniger Schmerzen

6.000 aktive User hat die CE- und TÜV-zertifizierte Kaia-App derzeit. Sie entspricht den Standards der Nationalen Versorgungs Leitlinie. Ab April werden alle großen Krankenkassen in Deutschland das Rückenprogramm aufnehmen, sodass Nutzer die Kosten ganz oder teilweise erstattet bekommen können. Mehl ist fest davon überzeugt, dass ein Rückentraining per Kaia-App tatsächlich mehr motivieren kann als die klassische Behandlung: „Ich glaube, dass wir im aktuellen Gesundheitssystem zu oft operieren und zu oft Schmerzmittel verschreiben und dadurch auch einen passiven Patientein schaffen. Bei unserer App bekommen Nutzer nicht einfach eine Spritze, sie müssen selbst aktiv werden. Das motiviert einfach mehr.” Hinzu kommt, dass nach den Angaben der Kaia-Nutzer ihre Schmerzen innerhalb von 20 Tagen mit dem Trainingsprogramm um 40 Prozent reduziert werden konnten.

Ähnliche Erfolge kann auch Ramin Waraghai mit seiner „Rücken Fit Challenge“ aufweisen. Bei einem Testlauf der App waren die Rückenschmerzen der Teilnehmer im Schnitt nach sechs Wochen nur noch halb so stark. Die Rücken Fit Challenge gibt es derzeit nur für Desktop, Waraghai und sein Team arbeiten aber bereits an einer Smartphone-Version der App. Die aktuelle App konzentriert sich auf ein sechswöchiges Trainingsprogramm, das insgesamt 97 Euro kostet.

Die Rücken Fit Challenge arbeitet dabei mit dem M.Ü.H.E.-Konzept (Mentale Einstellung, Übungen, Haltung und Ernährung) und gibt Nutzern neben den Trainingseinheiten auch viele Motivationstipps zur Hand. Ähnlich wie Kaia arbeitet auch die Rücken Fit Challenge mit Videos. Nach einem sehr ausführlichen Selbsttest am Anfang, wird für die Nutzer eins von insgesamt 128 Trainingsprogrammen generiert. Hier wird den Nutzern dann die jeweilige Übung in einem Video vorgemacht. Dabei bekommt man auch gezeigt, welche Fehlstellungen vermieden werden sollten. Im Anschluss kann das Video dann bewertet werden. Es gibt auch die Möglichkeiten zwischen einfachen und schweren Übungen zu wählen.

Eine Trainingseinheit dauert insgesamt etwa eine Stunde, empfohlen werden zwei Einheiten pro Woche. Nach den ersten zwei Wochen, gehen Nutzer in die „Phase Zwei“ über, nach weiteren zwei Wochen in „Phase Drei“, bei denen die Übungen jeweils etwas schwerer werden. Neben den Übungen gibt es Informationen zu Haltungen im Alltag, Ernährung sowie ein Forum, in dem Nutzer sich austauschen und Fragen stellen können. „Wir glauben einfach, dass ein reines Übungsprogramm nicht besonders effektiv ist“ , sagt Waraghai gegenüber den Netzpiloten, „Rückenschmerzen können von so vielen verschiedenen Faktoren ausgelöst werden und oft kann man gar nicht genau sagen, woher der Schmerz kommt. Es ist daher wichtig, dass unsere Nutzer lernen, dass die Auseinandersetzung mit Rückenschmerzen ein ganzheitlicher Prozess ist.“

Kostenfaktor Rückenschmerzen

Die Rücken Fit Challenge ist von der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifiziert und ebenfalls von allen großen Krankenkassen in Deutschland als Rückenpräventionsprogramm aufgenommen worden. „Gesundheitsapps wie die Rücken Fit Challenge sind derzeit wirklich rasant im Wachstum”, erklärt Waraghai. Kein Wunder: Rückenschmerzen kosten die Krankenkassen und die Wirtschaft jährlich 48,9 Milliarden Euro.

Applikationen wie die Rücken Fit Challenge oder Kaia sind da sehr vielversprechend, nicht nur für die Krankenkassen, sondern auch für Arbeitgeber. Patienten können die Behandlungen bequem von zu Hause machen und müssen dafür nicht mehr in spezielle Reha-Zentren fahren. Das spart Zeit und Geld. Hinzu kommt, dass die Programme sich so viel individueller gestalten lassen. Patienten können selbst bestimmen wann und wie oft sie die Übungen machen wollen und dadurch, dass sie ein ganzheitliches Programm und nicht nur trockene Übungen, angeboten bekommen, sind die Abbruchraten gering.

Physiotherapeuten kritisieren dennoch, dass solche Apps die Betreuung durch einen Experten nicht ersetzen können. Es stimmt natürlich, dass Nutzer, selbst mit guten Videoanweisungen, schwer selbst prüfen können, ob sie die Übungen richtig machen. Genau deshalb arbeiten sowohl Konstantin Mehl als auch Ramin Waraghai an der Einführung von Sensorentechniken über Webcams sowie Methoden der Virtual Reality. So wollen sie Fehlerquellen beim Nachmachen der Übungen reduzieren und Nutzern in Zukunft ein noch besseres Trainingsprogramm zur Verfügung stellen.

Die Rückenapps im Selbsttest

Soweit klingen die Rückenapps von Kaia und der Rücken Fit Challenge ja sehr vielversprechend. Theoretisch. Doch wie machen sie sich in der Praxis? Ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, sie im Selbsttest auszuprobieren.

Die Ausgangslage

Die Testperson (das bin ich) ist weiblich, Mitte 30 und leidet seit Jahren unter milden Rückenbeschwerden – hauptsächlich durch ungesunde Haltung am Arbeitsplatz. Ich habe beide Programme jeweils rund zwei Wochen lang (in der PC-Version am Laptop) ausprobiert.

Der erste Eindruck

Mein Trainingsprogramm wird bei Kaia nach dem Beantworten eines Online-Fragebogens erstellt, ich kann direkt mit der ersten Einheit loslegen. Bei der Rücken Fit Challenge (RFC) muss ich erst einen ausführlichen Selbsttest mitmachen und erhalte dann mein individuelles Trainingsprogramm.

Kaia wirkt bei der ersten Anwendung intuitiver und ich verstehe das Konzept sofort, während ich bei der RFC erst das Tutorial lesen muss, um genau zu verstehen, wie das Training aufgebaut ist. Im direkten Vergleich machen beide Apps aber einen kompetenten Eindruck und liefern mir einen positiven Einstieg. Ich bin motiviert, die Programme weiter mitzumachen.

Die Übungen

Mein Training beginnt bei der RFC mit einem Aufwärmtraining, Kaia legt direkt los. Die Übungen werden dabei bei beiden Apps durch Videos vorgemacht. Bei der RFC wird dabei beim ersten Mal auch sehr ausführlich erklärt, was man falsch machen kann, was sehr hilfreich für die richtige Ausführung der Übungen ist. Bei beiden Apps ist die Ausführung leicht nachzuvollziehen.

Beide Applikationen können das Programm auf die eigenen Bedürfnisse, vor allem nach Schwierigkeitsgrad, anpassen. Bei Kaia bewerte ich direkt im Anschluss an jede Übungseinheit (zu einfach, zu schwer, zu lang, zu kurz oder nicht relevant) – was dann im weiteren Training beim nächsten Mal angepasst wird. Viele Übungen schienen mir beispielsweise sehr einfach. Beim nächsten Mal zeigt mir die App dann auch auf meinen Wunsch hin schwierigere Ausführungen. Bei der RFC kann ich das Video an sich bewerten und zwischen einfachen und schweren Formen der Übungen wählen. Das Programm stellt dabei die Übungen nicht automatisch um, man kann den Schwierigkeitsgrad aber manuell verändern.

Full Disclosure: Macht euch auf Muskelkater gefasst!

Die Module

Beide Apps legen viel Wert darauf, nicht „nur“ Übungen vorzumachen, sondern ein ganzheitliches Konzept zu vermitteln. So kommt im Anschluss an die Übungen bei beiden Apps ein Abwärmtraining beziehungsweise ein Entspannungtraining, gefolgt von Informationen rund um das Thema Rücken.

Besonders schön sind hierbei die Tipps zur Rückenhaltung im Alltag bei der RFC – ich konnte dadurch allein schon Nackenschmerzen beim Arbeiten am Laptop reduzieren. Die RFC hat darüber hinaus auch ein Informationsblatt für die verschiedenen Trainingseinheiten. Darin bekommt man zum Beispiel Motivationstipps und persönliche Challenges („Tweete, dass du die RFC mitmachst“), die ich sehr hilfreich fand, um das Programm auch in meinen Alltag zu integrieren und mich selbst motiviert zu halten.

Auch wenn ich am Anfang skeptisch war: Diese ergänzenden Module sind sehr interessant und hilfreich. Ich habe viel über die Ursachen meiner Schmerzen und Lösungsansätze gelernt und so ein besseres Verständnis für meine Rückenbeschwerden bekommen.

Die Ausführung

Neben den Übungen selbst, habe ich auch auf die technische Umsetzung und das Drumherum geschaut. Wie sieht es beispielsweise mit einer Offline-Version der Übungen aus?

Mit Kaia kann man die Videos tatsächlich auch herunterladen und die Übungen so gegebenenfalls auch offline machen (sehr hilfreich bei langsamer Internetverbindung). Das Programm funktioniert aber logischerweise nur online als Ganzes, trotzdem kann es hilfreich sein, das eine oder andere Video herunterladen zu können.

Bei der RFC kann man sich erst nach der allerersten Übungseinheit das Trainingsprogramm herunterladen – allerdings nur in Text- und Bildform, als PDF-Datei.

Kaias Übungseinheiten sind insgesamt kürzer, dafür trainiert man öfter pro Woche. Hier ist es wahrscheinlich Typfrage, ob man lieber zwei ausführliche Einheiten pro Woche oder mehrere kleine bevorzugt. Mir haben die kurzen Einheiten besser gefallen, denn ich kann mich eher zu 15 Minuten Training zwischendurch aufraffen als zu einer Stunde.

Fazit

Die Übungen in beiden Programmen schienen sehr gut zu meinen Schmerzzentren zu passen und ich habe bei beiden schon nach wenigen Anwendungen Besserung gespürt (siehe Muskelkater).

Während ich vor allem aus der RFC viele hilfreiche Tipps für meinen Alltag ziehen konnte, fand ich die Strukturierung des Trainings von Kaia intuitiver und die kürzeren Einheiten passender für meinen recht vollen Tagesplan. Insgesamt bieten aber beide Apps Nutzern effektive, ganzheitliche Programme gegen Rückenschmerzen an.

Die Apps im direkten Vergleich

  KAIA RÜCKEN FIT CHALLENGE
Behandlungsziel Schmerztherapie und Prävention Prävention
Methodik Modulare Schmerztherapie M.Ü.H.E.
Dauer Programm Monatspakete, beliebige Dauer Derzeit auf 6 Wochen begrenzt, kann offline mit PDF-Unterlagen weitergeführt werden
Kosten 7,49 Euro/ Monat (7 Tage Gratistest) 97 Euro / 6 Wochen
Rückerstattung Krankenkassen Ab April 2017 Ja
Individuelles Trainingsprogramm Alle Übungen können einzeln bewertet werden, Programm wird nach jedem Training individuell angepasst Individuelles Programm nach Selbsttest erstellt, danach Schwierigkeitsgrad anpassbar, Videos können bewertet werden
Hilfestellungen Chatfunktion Forum
Erforderliche Hilfsmittel für die Übungen Matte oder bequeme Unterlage, Handtuch Matte oder bequeme Unterlage, Handtuch, langer Stab, Wand
Plattformen Desktop, Tablet, Smartphone (Android und Apple) Aktuell nur Desktop, Smartphone-App in Entwicklung

Image by Ramin Waraghai and Konstantin Mehl


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Alles ist verbunden: Roboter führen die Tech-Trends 2017 an

Um Vorhersagen über die Zukunft machen zu können, sollten zunächst die Trends der vorangegangenen Ereignisse betrachtet werden. Um nun herauszufinden, wie die Zukunft der Technik im nächsten Jahr aussehen wird, sollten wir auf die großen Entwicklungen aus dem Jahr 2016 schauen. Die Entwicklungen aus den letzten Jahren lassen auf ein 2017 schließen, das geformt wird von virtueller und erweiterter Realität. Die Entstehung eines Internets mit künstlicher Intelligenz und die Erschaffung von personalisierten digitalen Helferlein verfolgen uns über die verschiedensten Medien.

Virtuelle Realität

Eine neue Technologie hat ganz besonders die Nachrichten des kompletten Jahres dominiert und die Wunschlisten der Kinder und der Erwachsenen gleichermaßen gefüllt: Die virtuelle Realität. Das kommerzielle Wachstum von VR begann 2016 mit HTC, Oculus (das mittlerweile Facebook gehört) und der Playstation, die alle ihre neusten Headsets herausbrachten. Aber 2017 wird sicher ein entscheidendes Jahr für VR – auch wenn sie sich gerade noch in einer unsicheren Lage des „Hype-Kreislaufs“ befindet.

Dies ist eine Forschungsmethode, die die kommerzielle Überlegenheit neuer Technologien vorhersagt, während sie noch bis zur vollständigen Reife entwickelt werden, und sie durch verschiedene Phasen von wachsenden Hype, plötzliche Desillusionierung und schließlich den Erfolg begleitet. Aktuell befindet sich VR auf dem Weg zum ‚Peak der überzogenen Erwartungen‘, in dem der Hype die Realität überschattet und die Qualität erst als zweites bemessen wird. 

In diesem Hype-Kreislauf folgt auf den Höhepunkt der Begeisterung ein unvermeidlicher Fall (das „Desillusionierungstief“), sobald die Verbraucher die Lücke zwischen Erwartungen und dem wirklichen Produkt erkennen. Hier spaltet sich die Meinung über VR. Für einige ist dies lediglich ein kleiner Dämpfer, während es für andere ein Vorzeichen für den Niedergang ist.

Die große Frage, die diese Meinungen spaltet, ist, ob die Reaktion der Verbraucher zu VR-Spielen und Anwendungen, die aktuell auf dem Markt erhältlich sind, entweder den Zorn der Desillusionierung entfacht oder ob Gnade für die Geduld erteilt wird. Die überzeugendere Behauptung besagt, dass die VR-Plattformen auf den Handys (mit ihrer leichteren Bedienung, günstigeren Kosten und größere Auswahl an Spielen und Apps) dabei helfen werden, den VR-Markt für 2017 zu stabilisieren.

Vergrößerter Erfolg

Jedoch ist Stabilität nicht mit Erfolg gleichzusetzen. Außerdem hat VR das Problem, dass es bisher von den Benutzern fast ausschließlich in der Freizeit genutzt und nur eingeschränkt für Spiele und 360-Grad-Videos verwendet wird. Bisher hatte es nur wenig Einfluss auf soziale oder funktionale Apps wie beispielsweise das Bereitstellen einer Oberfläche.

Dasselbe kann man auch für seinen bisher nur wenig bekannten Vetter, die Augmented Reality, sagen. AR beinhaltet Bilder aus der echten Welt, die mit zusätzlichen Grafiken und Informationen ergänzt werden. Derzeit schwimmt sie auf einer großen Erfolgswelle als Spieleplattform, auch dank der Veröffentlichung von Pokémon Go.

Jedoch steckt hinter AR viel mehr als nur Spiele. Es ist ein idealer Weg, um digitale Informationen unbegrenzt zu liefern. Einige Konzepte beinhalten Head-up-Displays, die an den Fahrradhelmen befestigt werden und ihnen somit ein Sichtfeld von 360 Grad ermöglichen und sie außerdem über eine mögliche Gefahr warnen, indem sie die Bewegungen überholender Fahrzeuge überwachen.  Mit Anwendungen wie der optischen Überlappung kann man virtuell sein komplettes Heim umdekorieren, ohne nur einen Spritzer Farbe verbrauchen zu müssen.

Die wahre Zukunft der Augmented Reality liegt in ihrem Potenzial, uns eine neue und verbesserte Methode zur Erschließung von Inhalten und Services zu geben, die wir nicht ohne sie erreichen können – das wurde bereits bei Microsofts HoloLens und der Google Glass klar. Im Jahr 2017 werden wir AR benutzen, um unsere Emails zu checken, auf Facebook zu posten und neue Wege zu entdecken, zu unseren Treffpunkten in der ganzen Stadt zu gelangen. Der ganze Inhalt wird direkt auf unsere Augen geliefert. Dafür müssen wir nicht einmal zur Seite schauen oder das Laufen unterbrechen.

Aktuelle Investitionen in diesem Bereich fließen vor allem in die wichtigen Technologien im Hintergrund, wie die tiefenwahrnehmenden Kameralinsen und Systeme, die Umwelt physikalisch abbilden. Dies lässt darauf schließen, dass die Industrie diese Produkte marktreif bekommen möchte und die aufregenden Ideen zum Leben erweckt. Es bedeutet zwar auch nicht, dass alle Ziele der Augmented Reality im Jahr 2017 umgesetzt werden können, aber die Möglichkeiten werden geprüft – dies wiederum hängt davon ab, ob die zugrundeliegenden Technologien diese wahr werden lassen können.

Internet-Roboter

Die anderen Bereiche, aus denen wir gerne die ersten kommerziellen Anwendungen aus den aufregenden Forschungsarbeiten sehen würden, sind die Bereiche der künstlichen Intelligenz und des Maschinenlernens. Es gibt nur eine Anwendung, die wahrscheinlich das Jahr 2017 dominieren wird – und das ist das Internet der Dinge, das eine Verbindung von Millionen von Geräten, von Kameras bis zum Wasserkocher in das Internet darstellt.

Das Konzept des Internets der Dinge liegt wahrscheinlich unseren Drang nach ständiger Verbindung mit unseren Gegenständen, die wir jeden Tag benutzen zugrunde – diese werden alle in einer großartigen (oder furchterregenden) Verbindung zusammengefügt. 2017 könnte das Jahr werden, in dem wir unserer Barista-Kaffeemaschine aus einer Entfernung von fünf Kilometern Bescheid geben, uns einen Chocolate Fudge Cafe Cubano zu machen, während wir im Auto fahren und mit einer Oberfläche reden.

Oder vielleicht auch nicht. Aber diese Idee der Vernetzung wird bereits mit dem Bereich der künstlichen Intelligenz mit Cloud-Robotern erreicht. Diese System erlauben es den Robotern, die für verschiedenen Aufgaben optimiert wurden, an bestimmte Problemen individuell zu arbeiten und die Ergebnisse untereinander auszutauschen.

Die Roboter benutzen dabei die Cloud, um Daten zu teilen, was es jedem anderen Roboter oder künstlichen System, das auch mit demselben Netzwerk verbunden ist, ermöglicht, diese Daten zu analysieren. Dabei unterrichtet ein Roboter den anderen, welcher wiederum die Information weiterentwickelt und es weitergibt. Mit dieser Zusammenarbeit kann das Lernpotenzial und die Verbindung von Maschinen massiv vergrößert werden.

Persönliche Digitale Assistenten

All diese Trends vereinen sich zu unserer Vorhersage für das Jahr 2017: Es wird mehr menschlich anmutende digitale Technologien in Form von intelligenten persönlichen Assistenten geben. Sie benutzen dabei Fortschritte aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz zum Erfassen und Interpretieren unserer Daten, sowie das Internet der Dinge, um alles um uns herum zu bedienen und die Fortschritte aus dem Bereich der Augmented Reality realistisch in der mobilen Welt abbilden zu können.

Das wird uns eine einzige lebensnahe Schnittstellen zwischen uns und unserer digital verknüpften Welt ermöglichen. Es ist der nächste notwendige Schritt für Fans von Siri, Cortana und Alexa: ein intelligenter Assistent, dem es möglich ist, mit uns überall hinzureisen und uns in beinahe jedem Aspekt unseres Lebens zu unterstützen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „wooden“ by kaboompics (CC0 Public Domain)


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Die Netzpiloten sind Partner des Gipfeltreffens 2017

Am 14. und 15. Januar 2017 findet im KOMED in Köln zum ersten Mal das Gipfeltreffen statt.

Ihr bekommt dort die Möglichkeit, euch spannende Vorträge von 17 erfahrenen Top-Speakern aus den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Motivation, Business, Marketing und Finanzen anzuhören. Ziel der Veranstaltung ist es, euch zum nächsten großen Durchbruch zu verhelfen. Das Gipfeltreffen verfolgt einen innovativen und interdisziplinären Ansatz, der euch auf euren persönlichen Erfolg vorbereitet.

Zu den Speakern gehören unter anderem Prof. Dr. Lothar Seiwert und Detlef D! Soost.

Prof. Dr. Lothar Seiwert ist Certified Speaking Professional und Bestseller-Autor. In seinem Vortrag bekommt ihr gezeigt, wie ihr lernt, euch auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, ohne euch ablenken zu lassen.

Detlef D! Soost ist nicht nur Motivations- und Life Coach, sondern auch Unternehmer und gehört mit seinem „10 Weeks Body Change“-Programm zu den bekanntesten und erfolgreichsten Fitnesstrainern in Deutschland.

Zwischen den Vorträgen habt ihr die Chance, euch untereinander auszutauschen und nützliche Kontakte zu knüpfen. Der erste Tag wird mit einer Networking-Party abgerundet, bei der die VIP-Teilnehmer sich mit den Rednern vernetzen und wertvolle Tipps erhalten können.

Da die Teilnehmeranzahl leider auf 250 beschränkt ist, könnt ihr – solltet ihr keine Karten mehr bekommen – die Ausführungen der Referenten auch über den HD-Livestream von Zuhause aus mit verfolgen. Die letzten Tickets sind noch bis zum 10. Januar erhältlich.

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Wer braucht schon ein Happy End, wenn er eine Achterbahnfahrt haben kann?

„Wir wollen den Leuten klarmachen, dass wir auch hier in Deutschland eine Fehlerkultur brauchen“, betont Claudius Holler, der mit seinem Bruder Daniel seit Februar 2015 regelmäßig die FuckUp Nights in Hamburg organisiert. „In Deutschland wird uns suggeriert, dass Scheitern etwas Schlechtes ist. Das stimmt aber so nicht“, erklärt er im Interview nach der Veranstaltung. „Wir müssen zwischendurch einfach mal verlieren, um daraus lernen zu können. Das ist ein ganz normaler und auch wichtiger Prozess.“

Wer verliert, muss also auch wieder gewinnen dürfen. So lautet das Motto der internationalen Bewegung. Das Konzept der FuckUp Night (engl.: to fuck up = etwas vermasseln, Mist bauen) ist 2012 in Mexiko entstanden und mittlerweile international erfolgreich. Die Vortragsreihe, die auf der ganzen Welt an jedem zweiten Donnerstag im Monat stattfinden soll,  gibt es inzwischen auch in mehreren deutschen Städten wie Berlin, Frankfurt und Leipzig. 

Die Angst vorm Scheitern nehmen

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Image by Claudius Holler

„Wir wollen den Menschen vermitteln, dass sie sich Dinge trauen sollen. Ein ultimatives Erfolgsrezept gibt es nur selten. Entweder eine Idee floppt oder glückt.“ Die Botschaft, die die Geschichten der Speaker der FuckUp Night übermitteln soll, ist, dass auch häufig aus einer gescheiterten Idee etwas wirklich Gutes entstehen kann. „Es ist uns wichtig, reflektiert an die Sache ranzugehen und zu schauen, an welcher Stelle die Leute gescheitert sind und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Wir wollen die Angst vorm Scheitern nehmen“, führt Claudius den Gedanken aus, der hinter dem Projekt steht.

Dieses Anliegen ist durchaus begründet, denn Deutschland liegt bei den Unternehmensgründungen mit elf Prozent nicht unwesentlich unter dem EU-Durchschnitt von 15,1 Prozent. Auch ein Vergleich mit den USA zeigt, dass deutsche Jungunternehmer weniger risikofreudig sind als ihre amerikanischen Kollegen. Laut Deutschland-Bericht des Global Entrepreneurship Monitor fürchten sich in den USA nur 32,8 Prozent der Gründer vor einer Pleite, in Deutschland sind es 46,4 Prozent.

Auch Holler findet, dass der US-amerikanische Umgang mit dem Scheitern unproblematischer ist als in Deutschland: „Die amerikanischen Unternehmensgründer sehen einfach alles viel lockerer als wir hier in Deutschland. Deren Philosophie ist es, Neues auszuprobieren und auch andere zu diesem Schritt zu ermutigen. Diese Mentalität wollen wir in die Köpfe der sicherheitsbasierten Deutschen bringen.“

Eine Gegenbewegung zur Selbstbeweihräucherung

„Als wir vor zwei Jahren zum ersten Mal von der FuckUp Night gehört haben, fanden wir das Konzept sofort spannend“, erinnert sich der Organisator. „Es gibt mittlerweile so viele Vorträge, in denen Leute von ihrer Erfolgsgeschichte erzählen. Das ist ja schön und gut, aber wirklich viel nimmt man als Zuhörer daraus nicht mit. Und genau diesen Perspektivwechsel fanden wir so interessant: eben auch mal auszuleuchten, wenn etwas schief geht. Jeder, der sich mal etwas getraut hat, hat eine solche Geschichte zu erzählen. Die meisten Leute reden nur nicht darüber und schleppen das mit sich herum, ohne dass jemand davon erfährt.“

Das ist einer der Gründe, weshalb so viele Menschen sich nicht erkühnen, ihre Kreativität zu Geld zu machen: Die meisten Geschichten, die man kennt, haben ein glückliches Ende. Die anderen, so scheint es, gehen mühelos durch das Leben und die Umsetzung ihrer Ideen gestaltet sich weitestgehend unproblematisch. Das führt dazu, dass viele willige Gründer, die etwas riskieren, beim ersten Rückschlag verunsichert sind und aufgeben, statt sich durchzubeißen. Aber schon Winston Churchill wusste, dass Erfolg haben eben heißt, einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist.

Einen Grund haben, die Komfortzone zu verlassen

Der Weg zum Erfolg verläuft meistens nicht geradlinig. Es gibt viele Unternehmen, die erst richtig erfolgreich wurden, nachdem sie einen Schiffsbruch mit ihrer Ursprungsidee erlitten haben: „Der Hauptgeschäftszweig von Pfizer ist aktuell das Potenzmittel Viagra, obwohl der Stoff eigentlich als Medikament gegen Herzerkrankungen entwickelt wurde. Die Studien dazu waren allerdings eher enttäuschend“, fällt Claudius als Beispiel ein. „Dann hat der Pharmaziekonzern irgendwann bemerkt, dass sich die Nebenwirkungen des Medikaments gut verkaufen lassen. Das ist genau das, was wir veranschaulichen wollen: Es gibt Happy Ends, aber vorher muss man eben manchmal den Karren vor die Wand fahren, um den nächsten Schritt gehen zu können. Denn was den meisten Menschen gemein ist, ist dass sie schwer loslassen können. Wenn es nicht wirklich einen richtigen FuckUp gibt, würden sie in ihren alten Bahnen, ihrer Komfortzone bleiben und nicht umdenken.“

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Image by Ulf Dubbels

Umdenken musste auch der Kommunikationsdesigner Ulf Dubbels, einer der Speaker bei der FuckUp Night. Nachdem er sein Studium in Hamburg beendet hatte, ging er nach London und arbeitete dort als Trainee in der Werbebranche. „In England wird kreativere Werbung mit Herz gemacht. Es wird gefragt, was der Verbraucher wirklich will. Obwohl es in Deutschland auch gute Werbung gibt, wird das hier viel quantitativer gehandhabt“, erklärt er. „Diese Herangehensweise wollte ich nach Deutschland bringen. Aber das hat leider nicht so gut funktioniert.“

Im Jahr 2013 musste Ulf Dubbels nach vierzehn Jahren das Magazin „Neustädter“ verkaufen, das er als einer von drei Gesellschaftern geführt hatte.  „Ich war so überzeugt von dem Projekt. Das Magazin sollte Zugezogenen Fragen wie „Welcher Stadtteil passt zu mir?“ und „Wo kann ich gut ausgehen“ auf eine originelle und persönliche Art und Weise beantworten.“ Anfangs lag die Auflage des Neustädters bei 30.000 Exemplaren, die hauptsächlich werbefinanziert jährlich erneuert und unter Anderem über die Einwohnermeldeämter vertrieben wurden. „Aber der Print geht unter und keiner will mehr für gute redaktionelle Arbeit bezahlen.“

Wer ernten möchte, muss auch säen

„Man kann sagen, dass ich gegen Ende ein richtiges Burnout hatte. Ich war unfähig, auch nur die kleinste Entscheidung zu treffen“, sagt Ulf Dubbels sachlich. „Ich stand einfach unter enormem Druck, weil ich so viel Umsatz machen musste, um die Verbindlichkeiten der Bank zurückzuzahlen.“ Er wünscht sich, dass Startups in Deutschland mehr Unterstützung und Förderung erfahren würden: „Wenn man ernten möchte, muss man schließlich auch erst säen und die richtigen Bedingungen schaffen, damit etwas wachsen kann.“

Weil niemand einem zeigt, wie man Entscheidungen trifft

„Die meisten Menschen leben nur nach dem Verstand. Unsere inneren Wünsche korrelieren häufig nicht mit dem, was unser Kopf uns vorgibt“, erzählt Dubbels. „Durch diesen Zusammenbruch habe ich gelernt, mehr auf meine Intuition zu hören. Das fiel mir anfangs sehr schwer. Was mir dabei wirklich geholfen hat, war der Armlängentest. Dabei stellt man sich den Sachverhalt vor und überprüft die Länge der Arme.“

 

„Ich hoffe, das klingt nicht zu sehr nach esoterischem Unfug. Seitdem ich das mache, handle ich weniger aus Gewohnheit und mehr nach meinem Instinkt, ich bin nicht mehr so ferngesteuert. Es ist einfach wichtig, einen Einklang zwischen Fakten und Intuition zu finden, wenn man Entscheidungen trifft.“

Warum wir im Leben Höhen und Tiefen brauchen

Am Ende des Interviews erklärt Claudius Holler: „Es geht nicht darum, ein statisches Happy End zu erreichen, sondern um einen fließenden Prozess. In diesem Prozess sollte es natürlich möglichst viele glückliche Fügungen geben, aber man sollte eben auch in Kauf nehmen, dass dazwischen auch Fehler liegen können. Man kann das Ganze mit einer Achterbahnfahrt vergleichen: Gäbe es keine Höhen und Tiefen, wäre es total langweilig. Durch das Auf und Ab bleibt es spannend, die Leute sind flexibler. Man hat eine ‚Grundhappiness‘ statt eines Happy Ends. Das ist viel besser, denn End bedeutet ja vorbei.“


Image “road” by geralt (CC0)


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Apples Steuernot wird den Erfolg nicht schmälern

Apple Store Scottsdale Road (adapted) (Image by Dru Bloomfield [CC BY 2.0] via Flickr)

Apple-Panikmacher haben einen neuen Pfeil in ihrem Köcher. Dazu, dass Apples Erfolg zu sehr vom iPhone abhängt und sein Wachstum nicht mehr die historischen Höhen erreicht, kommen jetzt noch Apples Konflikte mit der EU über die irischen Steuerangelegenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass Apple zum Scheitern verurteilt ist. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 580 Milliarden US-Dollar ist es immer noch das wertvollste Unternehmen der Welt – und das aus gutem Grund. Die Aufregung um die neueste Produktveröffentlichung ist ein Beweis für Apples anhaltende Beliebtheit bei den Verbrauchern und Investoren gleichermaßen. Die Entscheidung der Europäischen Kommission bezüglich Apples Steuerregelung mit Irland hatte „staatliche Beihilfen“ und die Forderung, dass Apple 13 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen zurück an die irische Regierung zahlen sollte, zum Gegenstand. Diese Entscheidung hat eine Debatte über den aktuellen Zustand des globalen Steuersystems, das Recht und Unrecht der Unternehmensbesteuerung und die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen entfacht. Einige haben es in Frage gestellt, dass Apple und anderen Unternehmen Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Steuerzahlungen zu minimieren. Allerdings sollte man sich einige Dinge ins Gedächtnis rufen. Zunächst betrachte man den Fall aus einer Perspektive der sozialen Verantwortung heraus: Apple hat in Irland eine Produktionsstätte seit 1980 in Betrieb, beschäftigt dort derzeit etwa 6000 Menschen und unterstützt indirekt knapp 1,5 Millionen Arbeitsplätze in ganz Europa. Zweitens haben Apple (und Irland) betont, dass ihre Steueranordnung kein besonderes Abkommen ist, sondern auf jedes Unternehmen Anwendung finden kann, das sie nutzen möchte. Drittens haben globale Unternehmen die Pflicht, ihre eigene Rentabilität als wettbewerbsfähige Unternehmen zu unterstützen. Sie haben auch eine Pflicht gegenüber ihren Aktionären, die Einhaltung ihrer Steuerpflichten innerhalb der gesetzlich festgelegten Anforderungen zu optimieren. Jeder CEO, der entscheidet, mehr zu zahlen, als gesetzlich  verpflichtend ist, begibt sich mit dem Vorstand und dem Aktienmarkt in wilde Gewässer. Viertens wird Steuerrecht schon aus historischer Sicht innerhalb der Hoheitsgewalt der Staaten festgelegt und nicht von supranationalen Organisationen wie der EU. Die Nationalstaaten haben günstige Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von globalen Konzernen zu konkurrieren. Die EU-Vorschrift hat, wenn sie den rechtlichen Herausforderungen standhält, erhebliche Auswirkungen auf das Souveränitätsprinzip.

Entscheiden, was fair ist

All dies bedeutet aber nicht, dass Unternehmen ihren fairen Steueranteilen entgehen sollten. Aber wie stellen wir fest, was ein fairer Anteil ist? Apple ist ein US-Unternehmen; es führt fast alle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben für seine Produkte und Dienstleistungen in den USA aus, wo es auch am meisten Steuern zahlt. Wie einige andere US-Unternehmen hat sich Apple dafür entschieden, die Rückführung der Gewinne in die USA zu verzögern, wo das Unternehmen einem effektiven Steuersatz von 40 Prozent unterliegen würde. Apple unterhält rechtliche Strukturen, die von den meisten globalen Unternehmen eingesetzt werden, um ihren Steuersatz zu optimieren – und zwar innerhalb der von den verschiedenen Rechtsordnungen festgelegten Grenzen, wo die Unternehmen tätig sind, wie es von den Aktionären und dem Aktienmarkt zu erwarten ist. Was oft ignoriert wird, ist, dass Apple der größte Steuerzahler in Irland, den USA und dem Rest der Welt ist. Die Steuerfrage um Apple wird seinem Erfolg aus einer Vielzahl von Gründen keinen wesentlichen Schaden zufügen. Es wird für seine Beschwerde gegen die EU-Entscheidung den Rechtsweg über mehrere Jahre beschreiten müssen und es könnte passieren, dass der Betrag doch nicht gezahlt werden kann, zumindest nach den derzeitigen Umständen. Sowohl Apple als auch die irische Regierung werden sich gegen die EU-Entscheidung zur Wehr setzen – Irland hat bekundet, die entsprechende Zahlung nicht zu verlangen, da Apple bis dato das irische Steuerrecht gewahrt habe und daher nichts schuldig sei. Selbst wenn der Betrag zukünftig gezahlt werden kann, ist Apple fähig,  ihn zu entrichten, ohne seine Position in finanzieller Hinsicht oder im Hinblick auf den globalen Wettbewerb einzubüßen. Es gibt Schätzungen,  nach denen sich Apples Barreserven auf rund 200 Milliarden US-Dollar  belaufen. Die Steuersumme ist hoch, egal nach welchem Maßstab, aber für Apple dürfte es ein Leichtes sein, sie zu zahlen.

Mehr als nur das iPhone

Was die Kritiker des Unternehmens leicht vergessen, ist, dass Apple nicht nur auf Hardware aufbaut. Das iPhone steht im Zentrum eines Ecosystems, das auch Apps, Musik, Medien, Onlinespeicher, und andere Dienste als bloß Hardware mit einbezieht. Noch wurde dieses Ecosystem durch kein anderes Unternehmen übertroffen. Es macht eine Differenzierung im Wettbewerb möglich, und durch das System können Premium-Preise eingesetzt werden. Es ist zudem ein Ecosystem, das expandiert – und zwar nicht nur im Rahmen der eingesetzten Produkte und verfügbaren Dienstleistungen, sondern auch im geografischen Sinne. Der Mittelstand in aufkommenden Märkten wächst und Apple ist, was den Wettbewerb angeht, gut platziert, um von diesem Wachstum zu profitieren. Hinzu kommt die immense Leistungsfähigkeit von Apples Abläufen – die von Hauptkonkurrenten lange nicht erreicht werden – und es wird deutlich, warum Apple das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Die Steuerdebatte ist wichtig und sie muss verfolgt werden. Es kann allerdings nicht die Lösung sein, hierzu ein Unternehmen allein aufgrund seiner Marktdominanz auszuwählen. Alle globalen Unternehmen versuchen, ihre Steuerabgaben zu verringern. Nationalstaaten wie Irland haben daher günstigere Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von weltweiten Konzernen konkurrieren zu können. Auf diese wesentliche Art kann das Wirtschaftswachstum angeregt und die Gesellschaft unterstützt werden. Die Steuerfrage ist komplex und kann nicht durch bloßes Niedermachen von Unternehmen beigelegt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Apple Store – Scottsdale Road“ by Dru Bloomfield (CC BY 2.0)


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Was macht einen Film zu einem Flop?

Cinema (adapted) (Image by Steve Snodgrass [CC BY 2.0] via Flickr)

Manche Filme sind ein Erfolg, andere sind es nicht. Erfolg kommt in vielen Formen vor. Einige Filme sind bereits vor der Premiere ein absoluter Hit, andere brauchen mehr Zeit, um beim Publikum anzukommen, während manche wiederum erst Interesse erzeugen, nachdem sie von Kritikern oder anspruchsvollen Bloggern empfohlen wurden oder sich durch Mundpropaganda verbreitet haben.

Die Produzenten, der Regisseur, die Besetzung und die ganze Team des 2015 erschienenen Films “Momentum” über einen Hi-Tech-Bankraub hätten kaum ein schlechteres Ergebnis für ihren 20 Millionen US-Dollar teuren Film erzielen können. An dem Eröffnungswochenende in Großbritannien hatte der Film in den zehn Kinos, in denen er anlief, eine miserable Einnahmequote von nur 46 britischen Pfund.

Mit einem Ranking bei Rotten Tomatoes mit 27 Prozent und den vernichtenden Bewertungen der Medien ist es unwahrscheinlich, dass sich die Einnahmen durch den Starauftritt von Morgan Freeman verbessern.

Vielleicht ist Douglas Fairbanks das erste Beispiel für einen großen amerikanischen Star, der durch eine Reihe von Flops zu Grunde gerichtet wurde. Der verwegene, auf einem fliegenden Teppich reitende Charmeur in “The Thief of Bagdad” (1924) und Action-Held einiger der einprägsamsten Momente der Stumm- und frühen Tonfilme wurde offenbar von seinem Glauben an die Unfehlbarkeit seiner Berühmtheit ruiniert. In den 1930er Jahren hat sich sein einst bewunderndes Publikum von seinen repetitiven und übertriebenen Erscheinungen als Playboy, der sich weigert, sein Alter anzuerkennen, abgewandt. Selbst die Verfilmung von “Mr Robinson Crusoe” (1932), die auf dem “exotischen” Tahiti gedreht wurde, geriet in Vergessenheit.

Eine moderne Parallele dazu,ist die “Die Hard”-Serie mit dem vielversprechenden und beliebten Bruce Willis. Wie seine Zeitgenossen Arnold Schwarzenegger und Tom Cruise in den “Terminator”- und “Mission Impossible”-Filmen hat Willis seine Rolle als John McClane seit dem originalen “Die Hard”- Film 1988, wiederholt eingenommen. Wie auch immer, das einst populäre McClane-Vermögen schwand mit “A Good Day to Die Hard” (2013), dem fünftem Film der Reihe. Der Film wurde zwar nicht schlecht besucht, aber die Kritiken waren weitgehend miserabel.

Kenne deine Grenzen

Vielleicht überrascht es, aber Bruce Willis hatte schon den einen oder anderen enttäuschenden Flop in seiner Karriere. Berauscht durch den Erfolg des ersten “Die Hard”-Films schrieb Willis als Co-Autor das Skript von “Hudson Hawk” (1991) mit (In den 1920ern hatte auch Fairbanks unter dem Namen Elton Thomas zu schreiben begonnen). Das Drehbuch von “Hudson Hawk” musste im Laufe der Dreharbeiten immer wieder umgeschrieben werden, bevor ein vernichtendes Kinokassen-Urteil das Projekt endgültig beendete. Der Versuch von Willis, in einem rosa Hasenkostüm in “North” (1994) seine lustige Seite zu zeigen, blieb ebenso erfolglos.

John Travolta, der sich einen Namen mit dem Klassiker “Saturday Night Fever” gemacht hatte, blieb mit dem 2000er Science-Fiction-Epos “Battlefield Earth” erfolglos, in welchem er den Alien Terl spielte. Der Film basiert auf einem Roman des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard und wird von einige als der schlechteste Film aller Zeiten betitelt. Noch dazu floppte er an den Kinokassen.

Wenn die Verweigerung der Stars, ihre Grenzen anzuerkennen, eine Art von Flop bedeutet, dann zeichnet sich die zweite Form gewiss durch Filmerzählungen von nationalen, regionalen oder familiären Identitäten ab. Die chauvinistische Repräsentation nationaler Identität auf der Leinwand war bislang eine Garantie für Beschwerden, doch zieht sie nach wie vor Regisseure und Produzenten an wie die Motten das Licht.

Nationale Schätze?

Zwei jüngste Beispiele sind “Australia” (2008) von Baz Luhrmann und “Lincoln” (2012) von Steven Spielberg. Beide Filme waren prahlerisch thematisiert und erhielten gemischte Bewertungen vom Publikum und Kritikern gleichermaßen. Während beide Filme es immerhin schafften, ihre Investitionen bequem wieder reinzuholen, waren andere weniger erfolgreich.

The Alamo” (2004), eine gut recherchierte und sorgfältig erstellte Erzählung über die Revolution in Texas, war ein spektakulärer Flop in der Geschichte des amerikanischen Films. Es gibt Hinweise darauf, dass die Nachwelt möglicherweise etwas freundlicher auf diesen Film zurückblicken wird, der zu prosaisch und uninteressant für sein Publikum war und dessen Erzählungen durch seine eigene Sorgfältigkeit auf historische Details untergeht.

 

Einige Filmpleiten der Vergangenheit konnten im Nachhinein wieder ausgeglichen werden, so auch der hoffnungslose Film “Heaven’s Gate” (1980). Es ist ein aufwendig montierter, aber nuancierter Western-Film, der in den 1890ern in Wyoming spielt. Die aufkeimende Karriere des Regisseurs Micheal Cimino und das Vermögen der Produzenten von United Artists wurden durch den Film vernichtet. Gleichzeitig kennzeichnet er das Ende der Western-Filme in Hollywood. Dass ein Film gleich alle drei genannten Auszeichnungen erhält, ist sehr selten in der Geschichte des Kinos. Ironischerweise zählt “Heaven’s Gate” heute zu den besten 100 amerikanischen Filmen aller Zeiten und ist fest verwurzelt in der Kategorie der Meisterwerke, die aber zu ihrer eigenen Zeit falsch verstanden wurden.

Größenwahn

Die Pracht der epischen Großproduktionen verführte viele Regisseure, es ihnen gleichzutun. Doch nur wenige schafften es die Möglichkeiten zu nutzen, die eine Großproduktion darbieten kann, und daraus einen Erfolg zu erzielen, wie es die Filme “Ben Hur” (1959), “Spartacus” (1960) oder “Gladiator” (2000) taten.

Im Gegensatz dazu haben “Cleopatra” (1963) und “The Fall of the Roman Empire” (1964), beides Sandalen-Epen, an der Abendkasse versagt, wie auch kürzlich der Film “Alexander” (2004) vom Regisseur Oliver Stone. Alle drei Filme machten den Fehler, zu lang, zu ausführlich und zu vernarrt in ihre Hauptpersonen zu sein. Weder das Publikum noch Historiker konnten dadurch befriedigt werden.

 

Vor Kurzem wurden “Cleopatra” und “Der Untergang des römischen Reiches” durch die kollektive Sehnsucht von zeitgenössischen Cineasten rehabilitiert, während andere Filme weniger Glück hatten.

Interessanterweise unterscheiden sich erfolgreiche und epische Filme in ihren erzählerischen Ambitionen, durchaus von den weniger erfolgreichen Filmen. “Ben Hur”, “Spartacus” und der “Gladiator” sind alles Geschichten des in Ungnade gefallenen Protagonisten. Sie sind Opfer von unfairen Umständen und versuchen, sich selbst zu erlösen. Es sind “zeitlose” Geschichten über die Ausdauer des menschlichen Geistes und die Fähigkeit des Außenseiters das System zu überwältigen, die auf einer historischen Leinwand abgehalten werden. Eben genau diese Inhalte kommen beim Publikum sehr gut an.

Einige Filme sind erfolgreich, während andere es nicht sind. Die Filmgeschichte bezeugt, dass Neugestaltungen und schablonenhafte Filme unbeliebter werden, da sie sich wiederholen. Das Phänomen wird gerne als “Genre-Müdigkeit” beschrieben. “Momentum” gehört wohl dazu, als einer der Jüngsten in einer langen und eher mittelmäßigen Reihe von Filmen. Andere wiederum scheitern trotz originellem und ehrgeizigem Ausmaß, indem sie zu sehr eingenommen sind vom Personenkult, sowohl realer als auch fiktiver Personen. Dadurch schaffen sie es nicht, ihr Publikum zu erreichen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Cinema” by Steve Snodgrass (CC BY2.0)


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Drei verbreitete Mythen über moderne Städte

View from the Peak (adapted) (Image by Shepard4711 [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Urbanisierung wird häufig als das Heilmittel für die zahlreichen Probleme in der Welt gepriesen. Sie wird als Lösung für Problematiken wie Armut, Völkerwanderung und Klimawandel postuliert. Städte machen unsere Gesellschaften gesünder und produktiver. Städte machen uns glücklich. Städte stellen unsere unausweichliche Zukunft dar – zumindest wird es uns so vermittelt.

Während Städte unsere Art zu leben stark verbessern können und die Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig ist, gibt es doch zahlreiche Mythen, die um diesen gegenwärtigen Hype entstanden sind. Behauptungen wie, eine “globale Verlagerung” zu einem Leben in der Stadt, eine urbane Wirtschaft von Produktivität und Vorteilen für alle und eine stetige Vergrößerung der wohlhabenden Städte, sind irreführend. Wenn wir einige dieser Mythen entschlüsseln, erhalten wir eine echte Vorstellung von den Vor- und Nachteilen in Städten und deren Rolle, die sie wahrscheinlich in der Zukunft spielen werden.

1.Wir betreten das urbane Zeitalter

Im Jahr 2008 verkündete die UN, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebe. Seitdem wird diese Statistik immer wieder als Beweis für eine globale Verlagerung in Richtung Urbanisierung zitiert – als der Beginn eines neuen “urbanen Zeitalters”. Diese Verkündung verschleiert jedoch die vielen unterschiedlichen Tendenzen in den unterschiedlichen Regionen der Welt.

Mehr als 40 Prozent der Länder dieser Welt sind weiterhin eher ländlich als städtisch angelegt und im Vergleich zum Jahr 2000, leben 18 Prozent weniger Menschen in Städten. In Entwicklungsländern sowie Industriestaaten sind die Städte flächenmäßig gewachsen, jedoch sind die Flächen weniger dicht besiedelt. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass sich Städte an Orten des urbanen Wachstums nicht nur ausdehnen – sie wandeln sich auch.

2.Städte sind produktiver

Es wird zudem als selbstverständlich erachtet, dass Ökonomien von Städten produktiver sind und uns wirtschaftlich besser dastehen lassen. Das ist wahr im Hinblick auf den Pro-Kopf-Ertrag des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Falle von London beläuft sich dieser Aufschlag auf 15 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt in Großbritannien.

Das Problem hierbei ist, dass wir nicht Gleiches Gleichem gegenüberstellen. Städtische Firmen sind nicht einfach besser oder produktiver als ihre ländlichen Gegenstücke. Tatsächlich ist es so, dass das Beispiel der Bereitstellung von spezialisierten, hochwertigen Gütern oder Dienstleistungen nur an Orten mit einer großen Populationsdichte überleben kann. Die städtische Ökonomie verfügt also über eine grundsätzlich andere Struktur als die ländliche. Außerhalb der Stadt wären einige urbane Firmen nicht einfach weniger produktiv, sondern müssten sogar schließen.

Beispielsweise benötigen Anwälte für Unternehmenssteuerrecht eine hohe Anzahl an lokalen Firmen, um ausreichend Aufträge in ihrem spezifischen Bereich zu erhalten. Nischengeschäfte, ich nenne mal ein Beispiel wie “Cereal Cafes” [dt.:“Frühstücksflocken-Cafés”], können nur auf großen Märkten mit einer hohen Anzahl potentieller Konsumenten überleben.

Und nicht alle Sektoren profitieren gleichermaßen von dem urbanen Bonus. Bildungseinrichtungen, Notdienste und der Einzelhandel können sich nicht im gleichen Maße wie wissensbasierte Bereiche spezialisieren. Daraus ergibt sich, dass die Angestellten in diesen entscheidenden Bereichen keinen großen Anteil an der zusätzlichen Bereicherung, die als Teil einer städtischen Ökonomie gilt, erhalten.

3. Großstädte bleiben erhalten

Die Geschichte hat gezeigt, dass Städte keine stabilen Systeme darstellen. Städte sehen sich, anstelle von langfristiger Stabilität, aufgrund ihres Kampfes mit Rezessionen und Konflikten , vielmehr einem Auf- und Abschwungs-Zyklus ausgesetzt. Ein eindeutiges Beispiel hierfür wäre Nordamerika: Von den zehn größten US-Städten im Jahr 1950, haben im Jahr 2010 acht Städte mindestens 20 Prozent ihrer Einwohner verloren. Aufgrund, da sie es nicht schafften, sich an die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen anzupassen.

Sogar erfolgreiche Städte sehen sich regelmäßig Problemen gegenübergestellt. Einige der weltweit “lebenswertesten” Städte wie Sydney, Vancouver und Auckland haben mit einem überhitzten Immobilienmarkt zu kämpfen, da sich das Eigentum in Städten zu einer attraktiven finanziellen Investition entwickelt hat.

Die gestärkte Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Krisen, politischem Wandel und neuen Technologien, stellt heutzutage eine der härtesten Herausforderungen für Regierungen und Großstädter dar. Sicherheit und Wohlstand können nur mit umsichtigen Investitionen und gründlicher Planung, im Zusammenspiel mit starken Gemeinden und robusten Ökonomien, gewährleistet werden.

Die Mythen rund um das Thema Urbanisierung aufzudecken ist entscheidend, wenn wir die vielschichtigen Antriebskräfte des Städtewachstums verstehen und die Zukunft unserer Städte positiv beeinflussen möchten. Lassen Sie uns den blinden Enthusiasmus eintauschen gegen eine klare Vorstellung davon, wie sich unsere Welt verändert. Im Folgenden können wir uns dann Gedanken darüber machen, was Regierungen und Bürger tun müssen, um eine funktionierende urbane Zukunft für alle zu gestalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “View from the Peak” by Shepard4711 (CC BY-SA 2.0)


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Affen statt Experten – Über konstruierte Erfolgsprinzipien

IMG_4327 (adapted) (Image by Eirik Solheim [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Vor allem Journalisten, Manager, Politiker und vermeintliche Experten sollten sich mit dem ersten Nichtökonom, der 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, Daniel Kahneman, auseinandersetzen.

Es war ein umstrittenes Jahr für die internationale Ökonomen-Debatte. “Griechenland schrammte um Haaresbreite am Bankrott vorbei und die Wirtschaftsforscher rund um die Welt diskutierten heftig über die richtige Lösung”, so die FAZ. In diesem Streit positionierte sich der sich der New Yorker Volkswirtschaftler Paul Krugman als heftiger Gegner der Sparauflagen für Griechenland und der deutschen Politik. Damit wurde er auch bei uns zu einem der bekanntesten Volkswirtschaftler: wie schon im Vorjahr fiel der Name Krugman am häufigsten, wenn Politiker und Ministerialbeamte gefragt wurden, auf wen sie hören. In den Medien holte er zusätzlich auf.

Kahneman verschwindet aus der öffentlichen Diskussion

Im vergangenen Jahr hatte noch der Verhaltensökonom Daniel Kahneman die Liste angeführt, der mit seiner gewaltigen Forschungsleistung punktet. “Doch Kahnemans großes Buch ‚Schnelles Denken, langsames Denken‘ verschwindet langsam aus der aktuellen öffentlichen Diskussion”, schreibt FAZ-Redakteur Patrick Bernau.

Bei der Ökonomen-Rangliste der FAZ geht es darum, wer in Medien, Politik und Forschung wirkt. In der Berechnung machen die Maße für den Einfluss der Wirtschaftsforscher in Politik und Medien gemeinsam die Hälfte des Gewichts aus. Der politische Einfluss eines Ökonomen wurde bei Abgeordneten und hohen Ministerialbeamten in Bund und Ländern erfragt. Die Bedeutung in der Öffentlichkeit wurde gemessen, indem die Zitate in überregionalen Medien, im Fernsehen und im Radio ausgezählt wurden. Die Forschung macht die andere Hälfte der Wertung aus.

Kahneman rangiert zwar noch auf dem zweiten Platz – allerdings nur gestützt durch seine Präsenz in der Forschung mit 500 Punkten. In der Politik kommt er auf ganze Null und in den Medien auch nur auf magere 14 Punkte. Krugman erzielt in den Medien 175, in der Politik 250 und in der Forschung 103 Punkte. Das Endergebnis lautet also: 529 Punkte.

Warum sich Entscheider mit System 1 und und 2 beschäftigen sollten

Das ist betrüblich. Besonders Journalisten, Manager und Politiker sollten Kahneman auf ihre Agenda setzen. Der erste Nichtökonom, der 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ein vorzüglicher Ratgeber in komplexen und schwierigen Fragen. Mit dem Biologen, Informatiker, Imker und Wissensarbeiter Erich Feldmeier habe ich deshalb via Live-Hangout einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer unternommen, die Kahneman dokumentiert.

Es geht um Zufall, Glück und Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben. Eine Anleitung zum kursorischen Lesen im Opus “Schnelles Denken, langsames Denken”. Das automatische und das willentliche System in unserem Gehirn reduziert Kahneman auf System 1 und 2. Das sei schneller aussprechbar und würde bei der Lektüre zu einer geringeren Arbeitsgedächtnis-Belastung beitragen sowie unser Denkvermögen von Ballast befreien. Schließlich muss System Eins rund 20.000 Entscheidungen pro Tag treffen. Den größten Teil könne unser Gehirn nur automatisiert bewältigen. Es schaltet ohne unser Zutun in den Modus des Autopiloten. System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten. Die Operationen gehen oftmals mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher.

Autopilot dominiert

Wenn wir uns selbst beschreiben, identifizieren wir uns natürlich mit System 2, dem bewussten, logisch denkenden Selbst, das Überzeugungen hat, Entscheidungen trifft und sein Denken sowie Handeln bewusst kontrolliert. Nur steht leider System 2 nicht im Zentrum unseres Denkapparates. System 1 übernimmt allzu oft das Kommando, ist die Hauptquelle unserer Überzeugungen, Eindrücke und Gefühle.

Nur selten gelingt es System 2, die ungezügelten Impulse und Assoziationen unseres Autopiloten zu bändigen oder gar zu verwerfen. Etwa die Auslotung von Ursachen für Erfolg. Das Erfolg auf Talent und Glück beruht und großer Erfolg auf ein wenig mehr Talent und sehr viel Glück zurückzuführen ist, ist für unser Ego eine echte Kampfansage.

Glück und Zufall bringen keine Schlagzeilen

Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden. Wenn ein durchschnittlicher Golfer bei einem zweitägigen Turnier einen überdurchschnittlichen Start hinlegt, gehen wir davon aus, dass er auch am zweiten Tag eine gute Leistung zeigt. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass er wohl eher wieder ein normales Ergebnis bringt, weil das außerordentliche Glück des ersten Tages nicht anhalten wird. Für Sportreporter ist das keine Neuigkeiten.

Was Kahneman als Regression zum Mittelwert bezeichnet, bringt keine Schlagzeilen. Die Headline muss daher anders lauten: “Der Golfer zeigte Nerven und konnte dem Druck nicht standhalten”. Oder: “XY ist kein Siegertyp”. Oder auch: “Der Gegner zermürbte den Champion des ersten Tages”. Mit folgender Schlagzeile geben wir uns nicht zufrieden: “Der Golfer hatte ungewöhnlich viel Glück”. Da fehlt die kausale Kraft, die unser Intellekt bevorzugt.

Kausale Geschichten erfinden

Wir suchen krampfhaft nach einer eindeutigen Beziehung von Ursache und Wirkung, tappen damit aber in die Falle ungerechtfertigter kausaler Schlüsse. Glück oder Zufall passen nicht zur anmaßenden Attitüde der Welterklärer. Das gilt auch für Rückschaufehler. Ex post ist man immer schlauer und erkennt Gründe, die vorher niemanden interessierten. So erhielt am 10. Juli 2001 die CIA Informationen, wonach El Kaida einen größeren Angriff gegen die USA plane. Der damalige CIA-Direktor George Tenet unterrichtete nicht Georgie-Boy Bush, sondern die Sicherheitsberaterin Rice.

Als das nach den Anschlägen auf das World Trade Center publik wurde, schrieb der Washington-Post-Chefredakteur Ben Bradlee: “Es erscheint mir selbstverständlich, dass man eine solche Nachricht, die Geschichte schreiben wird, direkt dem Präsidenten mitteilt.” Was für ein Schlaumeier. Am 10. Juli wusste niemand, dass diese Neuigkeit Geschichte schreiben würde. Den gleichen Mumpitz fabrizieren jeden Tag neunmalkluge Börsenanalysten, die in ihren Ex-post-Kommentaren immer schon alles wussten, aber eben erst im Nachgang des Geschehens. Niemand würde sich vor die Kamera der einschlägig bekannten Börsensendungen stellen und sagen, dass man schlichtweg keine Peilung hat, warum es zu irgendwelchen Schwankungen an den Finanzmärkten kam.

Eine weitere Methode der Wahrheitskonstrukteure ist die ständige Wiederholung von Aussagen, um Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben. Das erzeugt Vertrautheit, die sich nur schwer von der Wahrheit unterscheiden lässt. Man reduziert damit die kognitive Beanspruchung des Publikums und zahlt auf das Konto der Bequemlichkeit ein.

Konstruierte Erfolgsprinzipien

Penetrant sind auch jene Zeitgenossen, die aus der Untersuchung von erfolgreichen Firmen konkrete Handlungsanweisungen ableiten, um genauso erfolgreich wie jene untersuchten Firmen zu werden. Kahneman zitiert eines der bekanntesten Beispiele dieses Genres: “Immer erfolgreich” von Jim Collins und Jerry I. Porras. Es enthält eine gründliche Analyse von 18 konkurrierende Unternehmenspaarungen, bei denen eines erfolgreicher war als das andere. Jeder Vorstandschef, Manager oder Unternehmer sollte nach Auffassung der beiden Autoren dieses Buch lesen, um visionäre Firmen aufzubauen.

Wenn man weiß, wie wichtig der Faktor Glück ist, sollte man besonders argwöhnisch sein, wenn aus dem Vergleich von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Firmen hochkonsistente Muster hervorgehen. Wenn der Zufall seine Hand im Spiel hat, können regelmäßige Muster nur Illusionen sein, warnt Kahneman.

Nach dem Erscheinen des Buches schwand der Abstand in Ertragskraft und Aktienrendite zwischen den herausragenden und den weniger erfolgreichen Firmen praktisch auf null. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erzielten die Unternehmen mit den schlechtesten Bewertungen im weiteren Verlauf viel höhere Aktienrenditen als die meistbewunderten Kandidaten. Und wenn es um Vorhersagen von Experten geht, sind die Ergebnisse noch erschütternder.

Menschen, die ihre Zeit damit verbringen und ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sich gründlich mit einem bestimmten Sachgebiet zu beschäftigen, erstellen schlechtere Vorhersagen als Dartpfeile werfende Affen, die ihre ‚Entscheidungen’ gleichmäßig über alle Optionen verteilt hätten. Selbst auf dem Gebiet, das sie am besten kannten, waren Experten nicht deutlich besser als Nichtexperten, schreibt Kahneman.

Also öfter in den Zoo gehen, statt bedeutungsschwer herumlabernden “Profis” zu lauschen. Über die Weihnachtsfeiertage sollte man das mit der Lektüre von “Schnelles Denken, Langsames Denken” kombinieren. Das Notiz-(?)-Amt wünscht Euch ein frohes Fest.


Image (adapted) “IMG_4327” by Eirik Solheim (CC BY-SA 2.0)


 

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5 Lesetipps für den 10. August

In unseren Lesetipps geht es heute um die Auswirkungen von Edward Snowdens Enthüllungen, den Erfolg der ElbeBlogger, den Film “Pixels”, Websites für Familien-Gesundheit und Facebooks neues Livestreaming-Feature. Ergänzungen erwünscht.

  • SNOWDEN Heinrich-Böll-Stiftung: Wie Snowdens Enthüllungen den Journalismus verändert haben: Am 6. Juni 2013 veröffentlichte der Guardian den Artikel mit der eher unauffälligen Überschrift “NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily” – dieser Artikel war damals der Anfang für die wohl wichtigste Geschichte des Jahres. Nachdem Whistleblower Edward Snowden einigen Journalisten dieser Art von Informationen gegeben hatte, tummelte es sich nur so an weiteren, ähnlichen Beiträgen, die Auslöser für die wichtigste Geschichte des Jahres über Medien, die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft und die Rolle der Journalisten in den Medien waren.

  • ELBEBLOGGER cocodibu: Die ElbeBlogger: “Großer Erfolg” oder “kümmerliche Karriere”?: Für Karsten Lohmeyer, Journalist und Corporate Publizist bei der Telekom-Tochter TheDigitale, findet, dass die ElbeBlogger-Aktion ein richtiger Erfolg war. Von Anfang an wurden keine genauen Reichweiten-Ziele festgelegt, da es ein Kommunikations-Experiment war und es vor allem darum ging, neue Tools auszuprobieren. Für TheDigitale war das sehr außergewöhnlich, aber laut Lohmeyer auch genau das Richtige. Selbstverständlich wurde trotzdem sehr genau auf die Zahlen geschaut, die täglich sehr zufriedenstellend waren.

  • PIXELS CNET: Videos taken down from Vimeo for using the word “Pixels”: Columbia Pictures, die Produktionsfirma hinter dem neusten Film mit Adam Sandler “Pixels”, ist auf Kriegspfad gegangen. Sie nimmt unabhängige Filme auf Vimeo ins Visier, die das Wort “Pixels” im Titel haben. Bisher wurden 10 Videos aus diesem Grund von der Videoplattform runtergenommen, unter anderem auch ironischerweise der Kurzfilm “Pixels” von Patrick Jean, der die Inspiration für den Sandler-Film war. Das Video wurde von Jean’s eigenem Account gelöscht, befindet sich aber weiterhin auf dem Account von One More Productions, von denen dieser produziert wurde.

  • ANCESTRY heise online: Verbraucher-Genetik: Ancestry startet neue Websites zu Familien-Gesundheit: Mehrere Unternehmen in den USA liefern sich ein Wettrennen mit genetischen Gesundheitsinformationen direkt für Verbraucher. Ancestry, ursprünglich ein Verlag für Ahnenforschung, hat jetzt so eine Website gestartet. Sie trägt den Namen “AncestryHealth” und soll Daten aus der Ahnenforschung mit genetischen Informationen über Krankheiten kombinieren und somit den Kunden ein genaueres Bild zu liefern.

  • LIVESTREAMING B2C: Facebook Mentions Live Video Streaming Feature Only Available to Celebrities?: Über 900 Millionen Facebook-User haben mindestens eine Seite von “öffentlichen Personen” geliked. Der Konzern gab vor kurzem bekannt, demnächst ein neues Livestreaming-Feature zu launchen, das “Live” heißt. Stars und Sternchen, sowie Politiker und Athleten konnten das Feature bereits benutzen – “Live” ist bisher aber nur für verifizierte Profile möglich. Mit dem neuen Feature möchte Facebook, dass diese öffentlichen Personen live Videos mit ihren Fans teilen können. “Live” funktioniert ungefähr genauso, wie auch die unzähligen anderen Livestreaming-Dienste da draußen.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

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5 Lesetipps für den 21. November

In unseren Lesetipps geht es um die Digitalisierung von Büchern, das Geheimnis der Passwörter, Uber, Erfahrungen mit dem Smart Home und Amazons Snapchat-Experiment. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALISIERUNG Wired: Allen B. Riddell digitalisiert Bücher, deren Regelschutzfrist abgelaufen ist: Die Netzpiloten-Autorin Katharina Brunner berichtet auf Wired.de über die Digitalisierung von gemeinfreien Werken. Ab dem ersten Januar nächsten Jahres werden nämlich die Werke von 1280 Autoren gemeinfrei. Da der Aufwand, all diese Werke zu digitalisieren, sehr hoch ist, hat Allen B. Ridell nun ein Algorithmus entwickelt, der die Werke mit Wikipedia abgleicht und basierend darauf ein Ranking erstellt, welches angibt, welche dieser Werke für die Allgemeinheit am wichtigsten sind. Zwar ist der Algorithmus noch lange nicht perfekt, doch vereinfacht er die Arbeit der Freiwilligen, die die Werke mit viel Mühe digitalisieren.

  • PASSWÖRTER New York Times: The Secret Life of Passwords: Jeder hat sie, jeder benutzt sie täglich: Passwörter. Mit ihnen werden Dokumente, Daten und vieles mehr vor unerlaubtem Zugriff geschützt. Doch auch wenn diese somit hauptsächlich zweckmäßig verwendet werden, steckt hinter ihnen oftmals weitaus mehr. Wie Ian Urbina in einer Reportage für die New York Times untersucht hat, verstecken sich in den Passwörtern unsere persönlichen Hoffnungen und Träume, unsere liebsten Erinnerungen und die tiefsten Bedeutungen. Oft verraten die Passwörter sogar mehr, als unsere Accounts hinter ihnen.

  • UBER Gründerszene: 7 Gründe, warum Uber auf dem besten Weg zum Mobilitätsgiganten ist: In den letzten Tagen hatten wir bereits zwei Mal einen Artikel über den Taxi-Konkurrenten Uber in den Lesetipps. Auch heute wollen wir euch einen interessanten Artikel über das Startup nicht vorenthalten, denn über Uber wird momentan einfach viel spannendes geschrieben. So hat Gründerszene nun sieben Gründe genannt, warum Uber auf dem besten Weg ist, der nächste Mobilitätsgigant zu werden. Trotz der negativen Presse in dieser Woche seien die zukünftigen Aussichten weiter rosig, wie sowohl die Wachstumsaussichten als auch die Möglichkeit weiteres Kapital zu erhalten, zeigen.

  • SMARHOME Golem: Smarthome: Das intelligente Haus wird nie fertig: Das Smart Home ist im Trend. Doch ist der Aufbau und die langfristige Anwendung eines vernetzten und intelligenten Zuhauses auch praktikabel? Ein Erfahrungsbericht auf Golem erklärt die Vorzüge, aber auch Nachteile und Herausforderungen des Smart Homes. Von der Planung über die schrittweise Umsetzung zeigt der Bericht, dass einmal angefangen das Smart Home süchtig macht und man nicht mehr aufhören kann sein Zuhause nach und nach weiter zu vernetzen und intelligenter zu machen.

  • AMAZON CNet: Amazon uses Snapchat to send exclusive deals: In nur einer Woche findet der alljährliche „Black Friday“ statt. Der Online-Versandhändler Amazon versucht sich im Rahmen des Shopping-Events dieses Jahr an einer neuen Form der Promotion. Via der Instant-Messaging App Snapchat verschickt Amazon von nun an Geschenkideen, Empfehlungen und exklusive Deals. Der Versandriese verstärkt damit seine Präsenz in den sozialen Medien – vor allem im mobilen Segment. Mittlerweile kaufen bei Amazon mehr als die Hälfte aller Nutzer über mobile Endgeräte ein. Amazon möchte deswegen nun auch versuchen hierüber die Kunden zu erreichen.

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Gayromeo – ein Hidden Champion im deutschen Internet

Bei einem Hidden Champion steht die öffentliche Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zum Ausmaß der tatsächlichen Erfolgsgeschichte. Ein solcher unterschätzter Gigant ist das ursprünglich deutsche Gayromeo. Es steht auch international gut da, und ist weit über die Grenzen seiner Zielgruppe hinaus bekannt.


Quelle: „Ein Gayromeo für Heteros?“ (Ausschnitt)

In seiner Zielgruppe hat das Portal eine beispiellose Marktdurchdringung. Und Karteileichen sind eher die Ausnahme, das „schwule Einwohnermeldeamt“ wird von den meisten Mitgliedern rege genutzt. Laut einer Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2010 liegt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer bei zwölf Stunden pro Monat – und damit mehr als doppelt so hoch als bei Facebook oder StudiVZ…

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Eric Markuse über Social Media bei MDR Sputnik

Vor ein paar Tagen hatte ich Gelegenheit, Eric Markuse (@eric_markuse)einige Fragen zum Einsatz von Social Media bei MDR Sputnik zu stellen, wo er als Programmchef tätig ist. MDR Sputnik ist das Jugendradio des MDR und dort werden viele Instrumente des Social Web für den Austausch mit den Hörern eingesetzt. Insofern hat mich interessiert, welche Bedeutung das Thema „Social Media“ konkret für den Sender hat. Weiterlesen »

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Ein Weblog sorgt für Wirbel

Philipp Klöckner schreibt ein Weblog. Das machen viele, nur Klöckner widmet sich in dem seinen dem Thema „Deutschland sucht den Superstar“. Und das zieht Fans an. So viele, dass „DSDS News“ das altehrwürdige BILDBlog rein besuchertechnisch überholt hat.
Und das sorgt für Wirbel in der Blog-Welt. Nicht nur, weil man – nachvollziehbar – mit ein wenig Kalkül einen großen Blog-Erfolg erzielen kann, sondern auch, weil man sich nun nach dem „nächsten großen Blog-Ding“ umschaut …
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