Warum Flow bei der Arbeit glücklicher und produktiver macht

Dein Ziel ist greifbar, nichts kann dich davon ablenken, deine Umgebung verschwimmt im Hintergrund, du spürst weder Hunger noch Durst und mit jeder Faser deines Körpers arbeitest du auf dieses Ziel hin – du bist mitten im Flow.

Wir alle haben solche Momente erlebt, in denen wir voll und ganz in einer Aufgabe aufgehen, Raum und Zeit vergessen und uns alles leicht von der Hand geht. Dieses Gefühl, wenn alles im Fluss ist, nennen Psychologen „Flow“. Während dieses Phänomen lange vor allem für Wissenschaftler interessant war, widmen sich nun auch vermehrt Unternehmen diesem Konzept. Sie wollen wissen, ob und wie Flow im Arbeitsalltag integriert werden kann, wie er Angestellte motiviert und so letztendlich nicht nur glücklicher, sondern auch produktiver macht.

Was ist Flow?

Doch was ist Flow eigentlich? Der erste, der sich mit der Flow-Theorie beschäftigte war der Psychologe Mihály Csíkszentmihály. Der ungarischstämmige Csíkszentmihály war fasziniert davon, wie versunken seine Malerfreunde in ihre Arbeit waren und wollte herausfinden, was dieser Zustand der völligen Konzentration, dieser Flow, wie er ihn nannte, eigentlich war.

Csíkszentmihály definiert Flow als Zustand des vollständigen Eintauchens in eine Aktivität. Wer im Flow ist, spürt, wie sich seine Selbstwahrnehmung verändert: Wir nehmen uns selbst nicht mehr mit unserem Bewusstsein wahr, sondern sind ganz eins mit uns selbst. Nach Freud könnte man sagen: Das Ego fällt weg. Wir verlieren darüber hinaus jegliches Gefühl für Raum und Zeit und jede Handlung scheint sich ganz natürlich aus der vorherigen zu ergeben.

Nach Csíkszentmihály gibt es zehn Faktoren, die mit dem Flow einhergehen:

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Challenge vs. skill, showing „flow“ region, Image via Wikipedia
  • Klare Ziele, die gleichzeitig herausfordernd, aber auch erreichbar sein müssen
  • Aufmerksamkeit und Fokus
  • Das Zeitgefühl geht uns verloren
  • Verlust des Bewusstseins für unser Selbst
  • Sofortiges Feedback zu unseren Handlungen
  • Ein stetiges Gefühl der Belohnung
  • Das Wissen, dass die gestellte Aufgabe umsetzbar ist
  • Eine Balance zwischen unserem Können und der zu lösenden Aufgabe
  • Vergessen von physischen Bedürfnissen wie Hunger oder Durst
  • Kompletter Fokus auf ein Ziel

 

Wir können diesen Flow nicht nur bei Malern sehen, sondern auch bei Musikern, Sportlern und bei religiöser Meditation. Doch auch beim Lernen oder beim Eintauchen in Videospiele können wir diesen Fluss erleben – und eben auch im Beruf.

Flow macht Arbeitnehmer froh – und Arbeitgeber ebenso

Genau das wollen sich Arbeitgeber nun zunutze machen. Was Unternehmen dabei besonders interessiert: Wer beim Job im Flow ist, hat mehr Spaß beim Arbeiten, bildet sich dabei gleichzeitig weiter und performt insgesamt besser.

In der ersten empirischen Studie zu Auswirkungen von Flow am Arbeitsplatz haben Wissenschaftler der International School of Management Dortmund und des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund untersucht, welche positiven Auswirkungen der tägliche Jobflow auf Arbeitnehmer hat. „Unsere Studie zeigt, dass Commitment das Erleben von Flow begünstigt und wir haben auch festgestellt, dass Flow psychische Erschöpfung im Job reduzieren kann“ sagt Wladislaw Rivkin, einer der Autoren der Studie gegenüber den Netzpiloten. Konkret bedeutet das: Je stärker sich jemand mit seinem Job identifiziert, je stärker er in seiner Aufgabe aufgeht, desto öfter wird er Flow erleben.

Doch nicht nur das! Flow kann demnach auch dafür sorgen, dass gewisse Stressfaktoren gemildert werden. Dazu gehören nach dieser Studie alle Faktoren, die mit Selbstkontrolle zu tun haben. Die Autoren sprechen hier von SCDs, Self-Control Demands. Das bedeutet, dass wir im Job gewisse Impulse ausblenden oder ignorieren müssen. So können wir zum Beispiel nicht immer unser Smartphone checken, wenn es laut piepst, auch wenn wir das eigentlich im ersten Reflex gerne wollen. Wer solche natürlichen Impulse unterdrückt, empfindet dies als Stress. Wenn wir uns dagegen im Flow befinden, nehmen wir solche äußeren Störfaktoren gar nicht mehr wahr, sie stören uns dementsprechend auch seltener und wir fühlen uns entspannter. Mehr Flow bei der Arbeit bedeutet demnach weniger Erschöpfung, mehr Energie und damit auch mehr Einsatz im Job.

Jeder kann Flow erleben

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass gewisse Menschen eher Flow erleben als andere: Wer etwa von Natur aus neugierig und hartnäckig ist, verspürt Flow öfter und leichter. Dennoch ist Flow unabhängig von Geschlecht und Branche. „Theoretisch kann Flow in jedem Beruf erreicht werden, sofern die Anforderungen der Arbeit und die Kompetenzen des Mitarbeiters sehr gut passen“ erklärt Rivkin. Dementsprechend schlägt er vor, dass Arbeitgeber dafür sorgen sollten, solche Flow-Erlebnisse bei ihren Mitarbeitern zu begünstigen. Das sieht natürlich bei jeder Person etwas anders aus, doch generell empfiehlt Rivkin, Mitarbeitern mehr Freiheiten einzuräumen: „Sie sollten fühlen, dass sie mehr Autonomie haben, sie sollten sich wie Experten in ihren Arbeitsaufgaben fühlen und sich auch in ihrem Arbeitsumfeld wohlfühlen.

Das ist keine leichte Aufgabe: Sind etwa die Herausforderungen im Job zu gering, werden wir apathisch oder wir langweilen uns. Sind sie zu hoch, führt dies zu Unruhe und Stress. Für Chefs bedeutet das, dass sie sehr genau darauf schauen müssen, was den einzelnen Mitarbeiter motiviert.

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Diagramm zu de:Flow (Psychologie), Image by C.Löser via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Doch auch wir selbst können einiges dazu beitragen, Flow-Erlebnisse bei der Arbeit zu begünstigen. So können wir zum Beispiel alles abstellen was uns ablenkt: Alerts am PC, Töne am Handy, Alarmfunktionen an unserer Uhr. Das macht es uns leichter, uns auf unsere Aufgaben zu konzentrieren und darin aufzugehen.

Es ist nicht alles Gold, was fließt

Wir können von Flow aber nicht nur im Beruf profitieren. Es gibt Studien, die zeigen, dass Flow Menschen glücklicher macht und zu weniger Kriminalität führt.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir alle ständig im Flow sein sollten. Denn Flow fühlt sich nicht nur an wie ein Rausch, Flow kann tatsächlich süchtig machen. Menschen, die von ihren Videospielen nicht mehr wegkommen, sind eins der bekanntesten Beispiele dafür. Deswegen rät Flow-Entdecker Csíkszentmihály auch zur Vorsicht: Wir müssen uns nicht nur darum bemühen, in den Fluss zu kommen, wir müssen gleichzeitig auch lernen, damit umzugehen. Wir können Flow also nutzen, um unser Leben zu verbessern – wir müssen das Gefühl aber auch loslassen können.


Image „Writing“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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