Facebook kauft die Kernkompetenzen von WhatsApp im Mobilen

Facebook kauft WhatsApp, um schnell Kompetenzen im Mobilen und der privaten Kommunikation zu lernen, aber wie damit Geld verdient werden kann, ist noch offen. Sogar ein bisschen mehr: Insgesamt bezahlt Facebook vier Milliarden Dollar an WhatsApp aus, 12 Milliarden Dollar gibt es in Aktien dazu. Das entspricht etwa 11,65 Milliarden Euro. Zusätzliche drei Milliarden Dollar folgen dann später, ebenfalls in Aktien. Ob das noch in irgendeiner Verhältnismäßigkeit steht, ist fraglich. Aber in einer Welt, in der selbst Fussballspieler über 90 Millionen Euro kosten, spielt das dann auch keine große Rolle mehr.

WhatsApps Kompetenzen sind gefragt

Es hatte sich abgezeichnet: Schon öfter gab es Gerüchte um eine Übernahme seitens Facebook. Eigentlich nichts ungewöhnliches. Schließlich gibt es bei so ziemlich jedem Start-up, das gerade gehypt wird, Gerüchte um Übernahmen durch die großen Tech-Riesen. Bei WhatsApp aber soll es schon mehrfach konkret geworden sein. Jan Koum, 37 Jahre alt und jetziger Neu-Milliardär, hat es aber bislang immer erfolgreich geschafft, sich den Offerten zu widersetzen. Irgendwie kam die Nachricht der Übernahme in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dann doch überraschend. Verübeln kann man es Koum kaum, wer hätte bei dem Angebot die Stärke, abzulehnen.

Insbesondere deswegen, weil vertraglich geregelt wurde, dass Facebook die Marke WhatsApp nicht zerschlagen wird, um seinen lange Zeit sehr verkorksten Messenger zu pushen. Es ist keines dieser Angebote, bei denen ein Unternehmen die Konkurrenz dafür bezahlt, sich vom Markt abzumelden. Vielmehr kauft sich Facebook mit dem 450-Millionen-Nutzer-Messenger geballte Kompetenz auf einem Gebiet, das man in Menlo Park lange Zeit nicht umrissen hat: Mobile und private Kommunikation.

Im Vordergrund stand viel zu lange der gelebte Voyeurismus, das Zurschaustellen von privaten Lebensbereichen und das Zuschauen dabei. Zudem eine Mischung aus nervigen Memes und nervigeren Apps und Spielen. Facebook ist hier der unangefochtene Platzhirsch, keine Frage. Aber die Jugend hat sich in den letzten Monaten nicht umsonst so stark auf Apps wie Snapchat oder WhatsApp abgesetzt. Dort kann man eben privat und unter sich sein – zumindest immer soviel, wie es die NSA gerade zulässt. Aber die Freunde, Kollegen oder die große Öffentlichkeit haben hier eben keinen Zugriff, können dort nicht hinter die Fassade schauen. Snapchat, WhatsApp, Line und wie sie alle heißen, treffen Facebook genau da, wo es die größten Defizite hat. Der Messenger kam lange Zeit überhaupt nicht in Gang, inzwischen geht es einigermaßen, aber flächendeckende mobile Kommunikation sieht sicher anders aus.

Bei WhatsApp ist die Chance hingegen schon größer, dass der gewünschte Gesprächspartner zur Verfügung steht. Genau da wollte Zuckerberg hin. Und weil es mit der 3-Milliarden-Dollar-Offerte bei Snapchat nicht geklappt hat und dessen Gründer Evan Spiegel dem großen Geld widerstehen konnte – oder zumindest noch abwartet, bis er mehr bekommt – musste es nun eben WhatsApp sein. Die nur 31 Mitarbeiter, mit denen WhatsApp sein Milliarden-Projekt gestemmt hat, nimmt Zuckerberg unter seine eigene Kontrolle, Jan Koum wird Mitglied im Vorstand von Facebook.

Wie will Facebook im Mobilen Geld verdienen?

Mit dem Deal, insofern er denn genehmigt wird, kooperieren die zwei Riesen ihrer Art zu einer Super-Allianz. Das ist zwar gut für beide, aber auch beängstigend. Schließlich laufen dann große Teile der weltweiten Kommunikation über Facebooks Server, Adressbücher werden wohl noch stärker synchronisiert, Funktionen kombiniert. Die Strategie dahinter ist ähnlich der nach dem Instagram-Kauf: Kompetenzen kaufen, Nutzer kaufen, Marke weiterleben lassen und Synergien nutzen. Inwieweit es Jan Koum dabei möglich sein wird, sein Credo an „No Ads!“ bei Mark Zuckerberg durchsetzen zu können, ist aber fraglich. Das Investment muss schließlich wieder reingespielt werden. Möglich wäre auch, dass Facebook bei dem aktuellen Abo-Modell von WhatsApp bleibt. Eigentlich ungewöhnlich, schließlich möchte man ja die Zugänglichkeit von Apps möglichst groß halten.

Bei Werbung im Mobilen hat Facebook aber nach wie vor noch Defizite. Dafür reicht ein Blick rüber zum Eine-Milliarde-Dollar-Investment Instagram, das sich Zuckerberg vor zwei Jahren geleistet hatte. Dort ist seit jeher einiges geplant, aber nichts wirklich umgesetzt. Immerhin hat Zuckerberg den Dienst weitestgehend so gelassen wie er war. Optionen gibt es viele, Spekulationen ebenfalls, was genau Mark Zuckerberg aus seinem neuen Spielzeug macht. Nun müssen erst mal die Modalitäten geregelt werden, alles weitere wird sich zeigen.


Image (adapted) „iOS7 Homescreen blurred (DSC_0719)“ by Jan Persiel (CC BY-SA 2.0)


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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