Facebook: Die vielen Baustellen des Social Networks

Gegen Google, Twitter und WeChat: Beim Versuch, sein Geschäftsmodell auf neue Beine zu stellen, kommt Mark Zuckerberg immer mehr anderen Internet-Firmen in die Quere. Ok, dass Facebook wieder einmal die ganze Welt unterjochen will und eine App-Family und nicht mehr nur mehr “Big Blue” ist, haben wir nun zur Genüge gelesen. Was aber steckt nun genau hinter den 25 neuen Produkten und Funktionen, die Mark Zuckerberg und seine Führungsriege in San Francisco auf der f8-Konferenz präsentiert haben?


Warum ist das wichtig? Wenn Facebook mit seiner Strategie Erfolg hat, wird die blaue Webseite bald nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen.

  • Bei Messaging-Apps muss Facebook auf die asiatischen Riesen Line und WeChat aufholen, die in Sachen Zusatz-Services schon einige Schritte weiter sind.

  • Facebook versucht sich wie auch Google an der Diversifizierung seines Geschäftsmodells und will neben der Online-Werbung neue Einnahmequellen aufmachen

  • Der große Rivale heißt wieder einmal Google, das Facebook im Bereich mobiler Werbung, App-Analytics und Online-Video das Wasser abgraben will


Messenger: Konter gegen WeChat und Line

Die Messaging-App Messenger (gratis für iPhone und Android) mit 600 Millionen monatlich aktiven Nutzern soll zur Plattform ausgebaut werden. Mehr als 40 Launch-Partner (u.a. Giphy, Dubsmash, JibJab) sollen dafür sorgen, dass man künftig mit animierten GIFs, Emojis, Kurzvideos, Stickern, bearbeiteten Fotos und anderen Spezialeffekten kommuniziert. Diese Anwendungen baut Facebook nicht selbst, sondern externe Entwickler. Die ersten Apps, bei denen es in erster Linie um bunte Bildchen und andere Späße geht, zielen dabei nicht nur auf junge Nutzer ab, sondern vor allem auf den Riesenmarkt Asien. Dort spielt der Messenger eine untergeordnete Rolle, weil Messaging-Apps wie WeChat oder Line solche Funktionen längst bieten.

Dass der Messenger eine Plattform werden soll, klingt auf den ersten Blick spektakulär, fühlt sich in der Praxis dann aber schon nicht mehr so aufregend an. Denn die Messenger-Apps lädt man etwas umständlich aus Apples App Store oder bei Google Play, und dort könnten sie für Probleme sorgen. Wie lange Apple gewähren lässt, bleibt abzuwarten, denn immerhin heißt es in den App Store Review Guidelines: „Apps that display Apps other than your own for purchase or promotion in a manner similar to or confusing with the App Store will be rejected.“

Ebenfalls groß vorgestellt wurde „Businesses on Messenger: Unternehmen sollen künftig mit ihren Kunden chatten können, um ihnen auf diesem Weg Bestellbestätigungen, Tickets oder Liefer-Updates schicken zu können. Einmal abgesehen davon, ob Nutzer das überhaupt wollen, stellt sich die Frage, wie das auf Unternehmensseite überhaupt administriert werden soll. “Was das jetzt operativ für die Ressourcenplanung eines Unternehmens wie zB Zalando mit Millionen von Kunden und Bestellungen bedeutet, konnte man dem stets lächelnden Chef von Facebook nicht entnehmen”, analysiert etwa der österreichische Unternehmensberater Tom Thaler.

Realtime Comments gegen Twitter

Sehr spannend für Online-Medien und Blogger ist, was Facebook aus seinem Kommentar-System Facebook Comments machen will. Vorgesehen ist, dass die zukünftige Version die Kommentare zwischen der eigenen Webseite und der zugehörigen Facebook-Seite in Echtzeit synchronisieren soll. Echtzeit ist die Achillesferse von Facebook, wer Ereignisse in Realtime mitverfolgen will, der tut das heute in der Regel auf Twitter und nicht im trägen Newsfeed von Facebook, wo Algorithmen ständig alte Updates nach oben spülen. Das neue Kommentarsystem könnte dem entgegenwirken, echte Live-Diskussionen rund um Online-Inhalte entstehen lassen – und User weg von Twitter locken.

LiveRail: Kampf um mobile Werbe-Dollar gegen Google und Twitter

LiveRail, von der Berichterstattung ein wenig vernachlässigt, kommt eine Schlüsselrolle in der Monetarisierungsstrategie von Facebook zu. Das Social Network ist hinter Google und vor Twitter jene Firma, die weltweit am meisten Geld vom mobilen Werbekuchen abbekommt. LiveRail soll nun zum Ad Exchange für mobile Ads (Video, Native, Interstitial, Banner) werden, über den Publisher (App-Entwickler) und Werber Ads handeln sollen. Facebook sitzt in der Mitte und verdient als Vermittler tüchtig mit.

Die Strategie, Werbegelder auch in den Apps von Drittanbietern lukrieren zu wollen, ist schlüssig. Zum einen wächst Facebooks primäre Einnahmequelle für Online-Werbung, sein News Feed, nicht mehr so stark wie noch vor ein paar Jahren. Nutzer wechseln immer öfter zu anderen Apps. Die erfolgreichen Apps kaufte Facebook auf (Instagram, WhatsApp) oder versucht sie zu kaufen (Snapchat), in den anderen will man wenigstens die Werbung kontrollieren. Für Nutzer bedeutet es, dass sie von Facebook immer stärker in Fremdanwendungen getrackt werden, weil auf Basis ihrer soziodemografischen Facebook-Daten personalisierte Werbung angezeigt werden soll. Das passende Tracking-Tool liefert man dazu gleich mit: Analytics for Apps ist eine Software für Entwickler, die sie in ihre Apps einbauen können, um live zu sehen, wie die User mit der Anwendung interagieren. Auch das ist ein Angriff auf Google, dessen Analytics-Tool in Millionen Desktop-Webseiten verbaut ist, in der App-Welt aber noch nicht so stark Fuß gefasst hat.

Parse: “Internet of Things”-Rennen gegen IBM, und Co.

Den Trend zum „Internet der Dinge“ (IoT), wo sämtliche Gegenstände in unserem Leben mit Sensoren ausgestattet werden, will sich Facebook auch nicht entgehen lassen. Deswegen soll die Tochter-Firma Parse, die Facebook 2013 aufkaufte und derweil eher als Baustein für Apps diente, zur IoT-Plattform aufgemotzt werden. Das verspricht eine neue Einnahmequelle neben der Online-Werbung: Denn je mehr Daten Entwickler via Parse speichern und transferieren, desto mehr zahlen sie für den Dienst pro Monat. Alleine ist man in dem Geschäftsfeld nicht, auch IBM, Citrix oder Arrayent bieten Entwicklern IoT-Plattformen.

Embedded Videos gegen YouTube

Künftig soll man Facebook-Videos so wie ihre Pendants von YouTube in externe Webseiten viel einfacher als bisher einbetten können. Wenn private und professionelle User darauf aufspringen, ist das ein gutes Geschäft für Facebook, weil es die Views bekommt und zusätzlich die Chance hat, Pre-roll-Werbung auch auf externen Webseiten anzuzeigen.
Facebook rühmt sich, pro Tag drei Milliarden Video-Views auf seinen Seiten und Apps zu generieren. Diese Zahl ist mit Vorsicht zu genießen: Denn anders als bei YouTube starten die Clips automatisch, wenn sie auf den Bildschirm des Users gelangen, was dann schon als View gezählt wird. Google kommuniziert lediglich, dass täglich “Milliarden Aufrufe” generiert werden.


Teaser & Image by mkhmarketing (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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