Ist die Email am Ende? Zur Fragmentierung der Online-Kommunikation

Nicht nur das Internet an sich leidet unter zunehmender Fragmentierung. Nach dem Boom zueinander nicht mehr kompatibler Messenger geht nun auch die Ära der guten alten Email zu Ende. Anbieter, Empfänger und Formate sind teilweise schon nicht mehr zueinander kompatibel. Bedanken können wir uns bei der Politik.

Das Ende der Utopie

Der Traum eines globalen Cyberspace, ein utopischer libertärer Raum universellen Wissensaustausches, hält sich seit John Perry Barlow relativ hartnäckig unter den Verfechtern des offenen und freien Internets. Das Internet in seiner dezentralen, nach Zittraingenerativen”, Eigenschaft als neutrales Netzwerk für die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts versprach unglaubliche Innovationen und eine neue Ära unserer Gesellschaft. Doch diese neue Ära geht dem Ende zu, während sie bei vielen noch nicht einmal angekommen ist.

Während manche noch daran arbeiten, noch mehr Menschen in das Internet zu bringen, singen andere schon die Totenmesse. Ganze Länder haben begonnen, sich vom globalen Internet abzukapseln, schaffen mit Regulierung über Datenlokalisierung, Zensur, Überwachung und Handelsabkommen voneinander isolierte Inseln von Netzwerken.

Ein lesenswertes Papier von Bill Drake, Vint Cerf und Wolfgang Kleinwächter illustriert diese vielfältigen Trends zur Fragmentierung im Internet auf eindringliche Art und Weise. Ganze 28 verschiedene Typen von Fragmentierung im Bereich Technik, Politik und Wirtschaft machen die Autoren aus. Diese Entwicklungen lähmen zum einen das Innovationspotential des offenen Netzes (oder machen es teilweise gar rückgängig), zum anderen führen sie zu Abschottung und Kontrolle – genau das Gegenteil dessen, was die Gründerväter des Internet (zu denen Cerf gehört) im Sinn hatten.

Doch neben dieser Metaperspektive auf die zunehmende “Zersplitterung” des Internets sind Symptome der Fragmentierung vor allem auch auf verschiedenen kleineren Ebenen zu beobachten, die für die Nutzer und die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, kurzfristig viel fataler sind.

Täglich grüßt der Flickenteppich

Wer sich noch daran erinnert, wie wir vor etwa 10 Jahren damit begannen, die diversen konkurrierenden Instant Messenger wie AIM, YIM, ICQ und Co. in eigenen Programmen wie Miranda, Pidgin und Co. zusammenzufassen, weiß, wie hartnäckig sich der Traum gehalten hat, Onlinekommunikation mittelfristig so universell kompatibel zu machen wie nur möglich. Anfangs funktionierten sogar die Facebook-Nachrichten und das Google Talk (nun Hangouts) -System noch auf Basis des offenen Jabber/XMMP-Protokolls und konnte somit im Ansatz noch miteinander sprechen oder integriert werden.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Ob Apple iMessage, Google Hangout oder Facebook Messenger (bzw. WhatsApp), es sind zueinander nicht kompatible Silos. Auch die Reaktion auf diese großen Monopole durch neue Messenger – zumeist auf Grund der wahr gewordenen Überwachungsdystopien verschlüsselte – hat nicht zu deren Aufweichung geführt.

Im Gegenteil, die Fragmentierung nimmt sogar weiter zu: Auf meinem Device gibt es beispielsweise neben dem doch eigentlich gut funktionierenden Google Hangouts noch Signal (der von Edward Snowden bevorzugten App), das schon länger bekannte Threema, das momentan stark wachsende Telegram des ehemaligen VKontakte-Gründers, und für Papa noch die gute alte SMS (wobei das auch die Signal-App abwickelt). Ständig tauchen neue Messenger auf und buhlen um Nutzer, ob Wire, Snapchat oder sonstwas. Kompatibel untereinander sind sie nicht.

Mit einer gewissen Abneigung haben die Web-Oldies daher lange Zeit auf dieses neue App-Universum geschielt. Das wahre Internet sei doch immerhin das aus dem Browser, mit HTML, Emails und Hyperlinks. Email ist noch heute ein Symbol für die universelle, dezentrale Technologie des Netzes und dessen Genialität: Wie auch beim Telefonieren war es völlig egal, welchen Anbieter oder welches Gerät die Person am anderen Ende hat. Der Erfinder der Email, Ray Tomlinson, war am 5. März diesen Jahres verstorben. Ihm ist es zu verdanken, dass heute noch Studien zu Folge etwa 205 Milliarden Emails am Tag verschickt werden. Tendenz steigend.

Diffie und Hellmann to the rescue

Email und Telefonieren, sind das also die letzten Bastionen der Kompatibilität? Leider nicht mehr. Dank der grundrechtsinvasiven Politik unserer und anderer Regierungen haben wir nicht nur bei Messengern begonnen, zu verschlüsseln was das Zeug hält, sondern langsam zieht unsere digitale Selbstverteidigung gegen die hässliche Fratze des Überwachungsstaates auch in unsere Email-Postfächer ein. Die Zersplitterung setzt auch hier ein.

Die prima Usability aus der Welt der Apps, die uns seit Jahren einfache Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen bei Threema und Co. beschert, hat hier lange Zeit auf sich warten lassen. Die Email gilt als Flickenteppich alter Technologien, zudem als zu unreguliert und durch unzählige Client-Konfigurationen als viel zu schwer verschlüsselbarer Kommunikationskanal. Klar, mit PGP und S/Mime verschlüsseln echte Geeks ihre Emails schon seit Jahrzehnten, doch mal ehrlich: In Web-Oberflächen ist das eine Qual, nicht völlig sicher, und auch für fortgeschrittene Nutzer (mich eingeschlossen) noch keine bequeme Alltagslösung.

Langsam bieten nun auch die Großen wie GMX und Co. Verschlüsselung an. Teilweise geschieht dies “over the top”, mit Mailvelope und anderen Behelfslösungen. Bei Mailbox.org kann man sein Postfach auch komplettverschlüsseln, inklusive angekommener unverschlüsselter Mails. Möglich macht all dies leider nur ein Flickenteppich an stark verschiedenen Ansätzen zur Verschlüsselung, von einem gemeinsamen Standard ist die Branche weit entfernt.

Mein erster Versuch, eine verschlüsselte Email von meinem mit Mailvelope verschlüsselten GMX-Postfach an mein verschlüsseltes Mailbox Postfach zu schicken, schlug fehl. Beide Lösungen setzen eine Form von PGP ein, und die Schlüssel sind korrekt in den Keyservern hinterlegt. Muss ich mich als Endnutzer wirklich damit herum schlagen, dass dieses Gefrickel an Konzepten größtenteils Blödsinn ist? Eigentlich nicht. Es ist auch wirklich keine nachhaltige Lösung, Emails an Personen zu schicken, die diese Emails dann erst lesen können wenn man sie im Browser öffnet und hinterher mit Passwörtern frei schaltet (wie bei Protonmail).

Ich will auch bei meinem eigenen Postfach nicht alle 10 Minuten irgendwelche Passwörter eingeben (wie bei Mailbox.org). Genau in diese Kerben schlägt seit letzter Woche das heiß erwartete schweizer Protonmail. Pop und Imap gibt es dort schon gar nicht mehr, und was nicht von Protonmail zu Protonmail geschickt wird, ist ebenfalls verschlüsselt, nur logischerweise nicht ohne entsprechendes Passwort zu öffnen. Dieses muss man dem Empfänger dann gesondert mitteilen (vielleicht via Signal), um die dann im Browser dargestellte Email lesen zu können.

In Island versucht Mailpile ebenfalls, eine einfache Lösung zum Verschlüsseln zu entwickeln. Das Projekt ist unter anderem eine Reaktion auf den Zusammenbruch des US-Anbieters Lavabit, der sich, wie man heute weiß, weigerte, Snowdens Emails heraus zu rücken und dann lieber die Pforten schloss, als sich zum Komplizen des paranoiden Deep State zu machen.

Doch nun haben wir eine Situation, in der genauso wie bei den Messengern eine ganze Reihe zueinander weitgehend inkompatibler sicherer Emaildienste um die Gunst der grundrechtsliebenden Internetnutzer buhlen. Wir befinden uns am Anfang einer neuen Ära: Einer, in der wir wieder 20 Emailkonten haben und vorher überlegen müssen, ob der Empfänger denn Dienst A, B oder C nutzt – und wir dann entsprechende Mails schreiben. Kontaktiere ich Tim nun via Telegram, Signal oder Whatsapp? Wer weiß, welches davon er schon wieder deinstalliert hat. Kann ich Sandra nun eine Protonmail, eine PGP verschlüsselte Posteo-Email oder eine schnöde Gmail schreiben? Ich gehe auf Nummer “sicher” und mache alles drei, denn wirklich geheim muss es eh nicht sein, was ich ihr schicke.

Das Internet ist kaputt

Ein Ergebnis dieser Entwicklungen ist nicht vorherzusehen, aber ich habe schon jetzt große Bauchschmerzen bei diesen Entwicklungen und bin (wie eigentlich selten) schwer verwirrt. Mir ist nicht klar, wohin wir uns bewegen. Sicher ist nur, dass ich nun schon mindestens je vier Apps für Emails und für Messaging auf dem Smartphone habe. Am liebsten würde ich aber wieder in einer Welt leben, in der ich für beide Anwendungsfälle nur eine App brauchte und ich will mich um Himmels willen nicht damit beschäftigen müssen, welche Technologie der Empfänger hat, bevor ich eine Nachricht sende.

Ja, auch mspro hatte vor kurzem eine Art pessimistischen Abgesang auf das naive, freie Netz gesungen, aber was bleibt einem auch übrig, als sich das offene Netz von 1999 zurück zu wünschen. Gleichzeitig soll natürlich auch alles schön verschlüsselt bleiben. Anderorts überlegt man gar, das Internet (zum Beispiel mittels Blockchain) nochmal komplett neu zu bauen.

Hat die Fragmentierung die wir unter anderem aus der Messenger-Welt kennen also auch die Email erreicht? Mit “beliebig und ohne nachzudenken Post von A nach B schicken” könnte es dann bald vorbei sein. Alles halb so wild, könnte man sagen. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, an dessen Ende sich Technologien etablieren werden, die wieder zu mehr Kompatibiliät untereinander führen werden. Oder aber wir finden uns mit der Zersplitterung ab, weil wiederum neue Apps gebaut werden (wie damals Miranda und Co.), die diverse Dienste zusammen fassen. Der Wettbewerb um die besten Kommunikationskanäle ist in vollem Gang, auch das hat Vorteile.

Meine Sorge gilt aber dem allgemeinen Trend, der bei immer mehr Internet-Technologien dazu führt, Insellösungen hervorzubringen. Große Konzerne bauen sich gerne eigene Ökosysteme, aber der wahre Marktdruck geht von der völligen Verunsicherung der Nutzer aus. Privatsphäre und Briefgeheimnis sind de facto ausgehebelt und die gute alte Email ist die nächste Technologie des alten Internets, deren beste Eigenschaft dem Überwachungsstaat zum Opfer fällt. Vielleicht sehe ich das alles viel zu negativ, und das Revival des guten alten Newsletters ist gar ein Zeichen dafür, dass die Email nicht kleinzukriegen ist. Ich freue mich auf Kommentare – und Lösungen.


Image “Rusted Mailboxes” (adapted) by Aaron Nunez (CC BY 2.0)


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Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck

ist ehemaliger Geschäftsführer des Internet & Gesellschaft Collaboratory. Aktuell ist er Gastdozent an der Willy Brandt School of Public Policy, und berät verschiedene Organisationen in digitalpolitischen Fragen. Privat betreibt er eine Vielzahl von Onlineportalen über interessante Filmgenres.

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