Die Leimspur des Donald Trump – Wer selbst Phrasen sät, erntet phrasendreschende Populisten

Haben die klassischen Medien im amerikanischen Wahlkampf um das Präsidentenamt wirklich keine Rolle mehr gespielt, sondern die konstruierte Filterblasen-Realität der Kampagne von Donald Trump? Zu dieser Schlussfolgerung gelangt etwa Jan Fleischhauer, der sich auf Facebook unter dem Namen seiner Frau und einer Berglandschaft von Caspar David Friedrich in die Echokammer des nationalistischen Lagers einsortierte.  Es sei erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung verdüstert, wenn Facebook einen als AfD-Sympathisanten identifiziert hat. „Man tritt in eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt.“ Man liest Meldungen, dass in der Stadt Neuss auf Druck der Muslime an einem ersten Kiosk statt Bockwurst nur noch Hühnchenspieße verkauft werden. Man sieht Schockbilder von Tierschlachtungen, verbunden mit dem Aufruf, sich für einen Bann der Schächtung einzusetzen.

Mit Bockwurst-Verbot und Sparschwein-Alarm

„So geht es immer weiter, Tag für Tag. Auf die Meldung über das Bockwurst-Verbot folgt die Nachricht, dass jetzt die Sparschweine verschwinden, nach dem Sparschwein-Alarm kommen neue Schlägervideos. Wer das länger mitmacht, muss unweigerlich zu dem Schluss gelangen, dass Deutschland vor die Hunde geht, wenn sich nicht bald etwas ändert. Und das Irrste ist: Nichts davon findet sich in den herkömmlichen Medien“, schreibt Fleischhauer. So ähnlich hat dann wohl auch der US-Wahlkampf funktioniert. In den seriösen Medien sei über die Lügen und Wahrheitsverdrehungen von Donald Trump berichtet worden, über seine Vergangenheit als Konkurskünstler und Steuervermeider, über die Klagen und Gerichtsverfahren, weil er Leute übervorteilt hat, die ihm vertraut hatten.

„Das Problem ist: Die Leute, die Trump wählen, scheren sich nicht darum, was in der ‚New York Times’ oder der ‚Washington Post’ steht. Sie sehen auch nicht CNN oder MSNBC“, schreibt der Spiegel-Redakteur. Sie würden ihr Wissen aus dem Internet beziehen. „Und wenn sie den Fernseher einschalten, dann gehen sie zu einem Sender ihres Milieus wie Fox News“, so Fleischhauer. Ist damit alles erklärt? Erleben wir ein Meinungsklima, das sich immer mehr vom Medientenor entfernt?

 Meinungsklima versus Medientenor

Klaffen veröffentlichte und öffentliche Meinung auseinander, spricht man von einem doppelten Meinungsklima. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab. Gibt es jetzt gar ein dreifaches Meinungsklima? Diese Frage stellte ich übrigens schon vor fünf Jahren. Gute Antworten dazu gibt es nur wenige. Wohl eher Schockstarre.

Der Rhetorik-Trick von Trump & Co.

Vielleicht sind wir aber gerade dabei, Donald Trump und seinen nationalistischen Kollegen in Europa gewaltig auf dem Leim zu gehen, bemerkte Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen beim NRW-Journalistentag in Duisburg.

Journalisten unter Druck #jnrw16

Posted by Gunnar Sohn on Samstag, 19. November 2016

Der rhetorische Trick von Trump funktioniert wie der Verkauf von warmen Semmeln – übrigens war das in den 1960er Jahren bei den Rassisten des  Ku-Klux-Klan auch schon so: „Es gibt eine Geschichte, die Trump immer wieder erzählt hat und die ist unfassbar erfolgreich. Es existiere ein politisches und mediales Establishment in Washington, das eng zusammenarbeitet und dafür sorgt, dass Trump nicht Präsident werden soll. Das liegt hinter seinen Erzählungen. Damit stilisiert er sich zum Underdog und sorgt dafür, dass alle Berichte von der New York Times bis zur Washington Post ständig im Schein dieser Erzählung gesehen werden.

Jede wahre Geschichte, die publiziert wurde, zahlte immer auf seine Story ein: ‚Ich stehe außerhalb des Establishments. Seht mal, die versuchen mich fertig zu machen“, erklärt Schmiechen. Trump habe das sehr geschickt hinbekommen.

Klassische Medien machten Trump groß

Ist der prahlerische Bauunternehmer deswegen ein Held der sozialen Medien? Mitnichten. Es waren die klassischen Medien, die ihn groß gemacht haben und auf seine Erzählungen reingefallen sind. So investierte Trump bei den Vorwahlen der republikanischen Partei lächerliche zehn Millionen Dollar für klassische Fernsehwerbung. Die freiwillige Sendezeit der TV-Anbieter brachte dem reaktionären Parolenschwinger einen Gegenwert von 1,9 Milliarden Dollar. Jede Provokation, jeder Kalauer und jede Unverschämtheit, die Trump hinaus posaunte, fand den Weg in die Nachrichtenformate der Massenmedien. Trump bediente die Sucht nach krassen Sprüchen und skandalträchtigen Überschriften.

Die Sucht nach der schnellen Schlagzeile

Ähnlich agieren seine Gesinnungsfreunde und Gesinnungsfreundinnen in Europa. Man wirft den Journalisten haarsträubende Hass-Botschaften vor die Füße und erntet Schlagzeilen. Fragt man aber bei den besorgten abendländischen Schreihälsen nach, wie sie sachpolitisch vorgehen wollen, welche Gesetzgebungsvorschläge in der Pipeline sind oder welche haushaltspolitischen Überlegungen vorliegen, starrt man in leere Gesichter. Nur diese Themen eignen sich halt nicht für knackige Überschriften. Vielleicht leben ja auch die Chefinterpreten der öffentlichen Meinung in bequemen, anschauungsdichten und begriffsarmen Kapseln, in denen die Welt mehr Wille als Vorstellung ist, fragt sich Jürgen Kaube von der FAZ.

„Dass es nur Emotionen und Affekte wären, die diese Wahl erklären können, ist insofern ein wohlfeiles Besserwissen. Es führt zur Replik ‚Was heißt hier nur?’ und bestenfalls zu der Frage, weshalb es den Demokraten nicht möglich war, einer Mehrheit die angeblich irrationalen Globalisierungsängste, ihre angeblich irrigen Affekte gegen Washington und New York und ihren Zorn über eine Politik, die als verlogen wahrgenommen wird, zu nehmen.“ Den Wählern ihre Unbildung vorzuhalten, lenke davon ab, dass die Bereitschaft, von Trumps Redensarten nicht mehr als krasse Unterhaltung zu verlangen, auf Erfahrungen mit den Redensarten der anderen beruht und auf Erfahrungen mit der Wirklichkeit, die diesen Redensarten folgte.

Talkshows als Nährboden für Populisten

„Für Deutschland gilt, dass jede politische Talkshow den Populisten Wähler zuführt, weil viele die Phrasen nicht mehr anders als durch Affekte verarbeiten können. Man kann sich leicht ausrechnen, wie es in einem Land aussieht, das in puncto sozialer Ungleichheit und womöglich sogar in puncto Phrasen noch ganz anderes zu bieten hat“, kommentiert Kaube. Wer Phrasen sät, auf jede Phrase wie ein Pawlowscher Hund mit Sendezeit und Schlagzeile reagiert, darf sich nicht wundern, wenn Phrasendrescher Erfolg haben.

Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für mehr Kompetenz und Relevanz in Politik, Medien und Wirtschaft.


Image “man” by ArtsyBee (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger.

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