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Die wahren Konsequenzen von Fake News

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Fake News, oder fehlerhafte Inhalte, die als tatsächliche Nachrichten verbreitet werden, haben seit der US-Präsidentenwahl im vergangenen Herbst viel Aufmerksamkeit erlangt. Auch wenn es kein neues Phänomen darstellt, kann durch den weltumspannenden Charakter dieser webbasierten Informationen internationaler Einfluss genommen werden. Infolgedessen ist dieses Thema nicht nur in den vereinigten Staaten, sondern auch in Frankreich, Italien und Deutschland relevant.

Auch wenn die Zunahme von Fake News in den letzten Monaten unverkennbar war, sind die Auswirkungen differenziert zu betrachten. Viele argumentieren, dass Fake News, die oft höchst parteiisch sind, Donald Trump dabei geholfen haben, gewählt zu werden. Es existieren sicherlich Beweise, dass Fake News hoch im Umlauf waren und zuweilen sogar wirkliche Nachrichten übertroffen haben. Jedoch zeigt nun eine nähere Analyse, dass die am meisten verbreiteten fehlerhaften Nachrichtenbeiträge lediglich von einer kleinen Anzahl von Amerikanern gesehen wurde. Die Überzeugungskraft dieser Beiträge wurde nicht getestet.

Es ist wahrscheinlich, dass diese vor allem geteilt wurden, um seine Unterstützung für einen der Kandidaten auszudrücken und nicht als Beweis, dass Nachrichtenkonsumenten den Inhalt des Nachrichtenbeitrags tatsächlich glauben. Dies wirft die Frage auf, ob Fake News überhaupt irgendwelche Auswirkungen haben und ob wir als Gesellschaft uns darüber Sorgen machen müssen.

Die Trennung von Fakt und Fiktion

Die wahre Auswirkung des steigenden Interesses in Fake News ist die Realisierung, dass die Öffentlichkeit nicht gut ausgestattet ist, um qualitativ hochwertige Informationen von falschen Informationen zu trennen. Tatsächlich ist eine Mehrheit der Amerikaner zuversichtlich, dass sie Fake News erkennen können. Als Buzzfeed amerikanische High-School-Schüler dazu befragte, waren diese überzeugt, dass sie in der Lage seien, Fake News online zu erkennen und zu ignorieren. In der Realität mag dies allerdings schwieriger sein, als die Leute denken.

Ich begann, diese Annahme in einer aktuellen Studie, die ich mit 700 Bachelorstudenten an der University of British Columbia durchgeführt habe, zu testen. Das Muster war einfach: ich zeigte Studenten eine Anzahl von Screenshots verschiedener Banner auf Webseiten – von etablierten Nachrichtenquellen wie dem Globe and Mail, eher parteiischen Quellen wie Fox News und der Huffington Post, Online-Aggregatoren wie Yahoo! News und Portalen auf sozialen Medien wie Upworthy. Ich habe sie gebeten, die Nachrichtenquellen auf einer Skala von null bis 100 auf ihre Legitimität zu prüfen.

Ich habe auch Screenshots von echten Webseiten, die Fake News verbreiten, mit aufgenommen. Einige von ihnen wurden während der US-Wahl 2016 recht schnell sehr beliebt. Eine dieser Quellen war eine Webseite mit dem Namen ABCnews.com.co. Sie sah der Webseite des Nachrichtenportals ABC News sehr ähnlich. Einige Fake-Inhalte gingen hier ziemlich schnell durchs Netz – wie beispielsweise die, die von Eric Trump retweetet wurden. Die anderen waren News zum Boston Tribune und World True News.

Die Erkenntnisse sind besorgniserregend. Obwohl die Probengruppe nach deren eigenen Angaben hauptsächlich aus politisch informierten und engagierten Nachrichtenkonsumenten bestand, sprachen die Befragten den Quellen wie ABCnews.com.co oder dem Boston Tribute mehr Legitimität zu als Yahoo! News, einer tatsächlichen Nachrichtenorganisation. Auch wenn diese Ergebnisse nur vorläufig und ein Teil einer größeren Studie sind, ergibt sich auch im Einklang mit anderen Studien folgendes Bild: Viele Menschen, besonders junge Leute, tun sich schwer daran, gute Nachrichtenquellen von fragwürdigen zu unterscheiden und ebenso zu unterscheiden, ob ein Foto authentisch ist oder nicht.

Darüber hinaus scheint Ideologie die Bewertung der Legitimität einer Nachrichtenquelle in einem besorgniserregenden Ausmaß zu beeinträchtigen. Linksorientierte Studenten sehen keinen Unterschied zwischen extremistischen Quellen wie Breitbart und Fox News. Hier werden von rechtsorientierten parteiischen Kommentaren bis hin zu den klassischen Nachrichten alle möglichen Ereignisse auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert, die keineswegs mit journalistischen Normen im Einklang sind.

Als Ergebnis wird etwas, das wahr aussieht und sich vertrauenswürdig anfühlt – wie beispielsweise dem Boston Tribune – mehr Legitimität zugebilligt als einer tatsächlichen Nachrichtenquelle, mit der die Studenten vertraut sind, die sie aber aus ideologischen Gründen ablehnen. Im Gegenzug dazu wird etwas, das falsch aussieht und sich falsch anfühlt, wie die World True News, weniger Legitimität zugebilligt als eine richtige Nachrichtenquelle.

Doch auch wenn wir uns hier in Kanada größtenteils glücklich schätzen können, dieser Verbreitung von Fake News nicht ausgesetzt zu sein, die die aktuellen Wahlen in anderen Ländern beeinflusst haben, bedeutet dies nicht, dass wir diesem Phänomen gegenüber immun sind. In vielen Fällen wurde das Fundament dazu bereits gelegt.

Kanadier ebenso polarisiert

Studien zufolge, die von meinem Kollegen Eric Merkley durchgeführt wurden, sind Kanadier entlang ideologischer Linien zunehmend polarisiert. Diese affektierte Polarisierung hat die Auslösung von motivierter Argumentation zur Folge – eine unbewusste, beeinflusste Art, Informationen zu verarbeiten welche dazu führt, dass sogar intelligente Menschen an Unwahrheiten glauben, weil sie ihre ideologischen und parteiischen Veranlagungen unterstützen.

Darüber hinaus ist die Fragmentierung und Digitalisierung der Nachricht kein amerikanisches Phänomen, sondern weltweit vertreten. Der aktuellsten Studie zufolge beziehen 80 Prozent der Kanadier ihre Nachrichten online und nahezu 50 Prozent beziehen ihre Nachrichten auf sozialen Netzwerken, einer Plattform, welche für die Verbreitung von Fehlinformationen in den vereinigten Staaten größten verantwortlich gemacht wird. Zusammengenommen sind die Bedingungen gegeben, dass Fake News auch in Kanada Fuß fassen.

Leider gibt es keine einfache Lösung für das Problem. Die Optimierung von Algorithmen – hier versuchen Facebook und Google gerade, damit klarzukommen – kann helfen, die wahre Lösung muss allerdings von den Nachrichtenkonsumenten kommen. Sie müssen skeptischer und ebenso besser ausgerüstet sein, um die Qualität der Information, die sie antreffen, zu bewerten.

Ein wichtiger Teil dieser Strategie sollte eine gewisse Medienkompetenz beinhalten. Wir müssen die Nachrichtenkonsumenten mit Werkzeugen ausrüsten, mit denen sie die Legitimität der Nachrichtenquelle messen können. Sie müssen sich aber genauso ihrer kognitiven Voreingenommeneinheit bewusst werden. Das Problem wird ohne geeignete Maßnahmen nur größer werden, weil immer mehr Menschen ihre Nachrichten online beziehen und die politischen Strömungen sich immer mehr spalten und ins Extreme gehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Feedly“ by Startup Stock Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Codewort Introspektion – Wie Veränderungen im Körper unsere Entscheidungen beeinflussen

Wie werden wir uns unserer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst? Und was lässt uns wissen, wann wir eine gute oder schlechte Entscheidung getroffen haben? Jeden Tag sind wir mit vielschichtigen Situationen konfrontiert. Wenn wir aus unseren Fehlern lernen wollen, ist es wichtig, dass wir ab und zu über unsere gefällten Entscheidungen nachdenken. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich mit der Hypothek meines Hauses gegen den Markt spekulierte? War die Ampel gerade noch grün oder doch schon rot? Habe ich wirklich Schritte auf dem Dachboden gehört oder war es nur der Wind?

Wenn wir es mit ungewissen Ereignissen zu tun haben, wenn beispielsweise die Windschutzscheibe unseres Wagens während der Fahrt beschlägt, sind wir nicht mehr so sicher, ob wir in dem Moment richtig hingeschaut und uns für die beste Lösung entschieden haben. Wir gehen davon aus, dass die Fähigkeit, unsere eigenen Erfahrungen bewusst zu untersuchen, davon abhängt, als wie zuverlässig oder „verschwommen“ unser Gehirn die Informationen beurteilt, die diese Erfahrungen bewirken. Dieses Erlebnis wird auch Introspektion genannt. Einige Wissenschaftler und Philosophen glauben, dass diese Fähigkeit zur Introspektion ein notwendiges Merkmal des Bewusstseins ist und das entscheidende Bindeglied zwischen Sinneseindruck und Bewusstsein bildet.

Man nimmt an, dass das Gehirn eine Art Statistik aufstellt, die Möglichkeiten gemäß ihrer Verlässlichkeit gewichtet, um ein Gefühl des Vertrauens zu erzeugen. Dieses Gefühl befindet sich mehr oder weniger im Einklang mit dem, was wir tatsächlich gesehen, gefühlt oder getan haben. Und obwohl diese Theorie einen vernünftigen Ansatz bietet, um unser Vertrauen angesichts einer breiten Palette von Situationen zu erklären, vernachlässigt sie eine wichtige Tatsache über unser Gehirn – es befindet sich in unserem Körper. Sogar jetzt, während Sie diese Worte lesen, werden Sie wahrscheinlich zumindest ein vages Bewusstsein davon haben, wie sich Ihre Socken anfühlen, wie schnell Ihr Herz schlägt oder ob der Raum, indem Sie sich befinden, eine angenehme Temperatur hat.

Auch wenn wir uns dieser Dinge nicht immer bewusst sind, gibt der Körper immer wieder vor, wie wir uns und die Welt um uns herum erleben. Das heißt, die Erfahrung ist immer von einem bestimmten Ort aus, in einer bestimmten Perspektive verkörpert. Tatsächlich legen die jüngsten Forschungen nahe, dass unser Bewusstsein von der Welt sehr stark von exakt diesen internen Körperzuständen abhängt. Aber was ist mit Vertrauen? Ist es möglich, dass, wenn wir über das nachdenken, was wir gerade gesehen oder gefühlt haben, unser Körper im Hintergrund die Fäden zieht?

Einrichten des Experiments

Um diese Möglichkeit experimentell zu testen, entwickelten wir ein Szenario, in dem wir subtile, unbewusste Veränderungen in der physiologischen Erregung der 29 Teilnehmer – wie Herzschlag und Pupillenerweiterung – nachvollziehen konnten. Wir wollten herausfinden, wie sich dies auf ihre bewussten Entscheidungen und ihr Vertrauen auf eines einfachen visuellen Reiz hin auswirken würde. Da wir wissen, dass wir Menschen im Allgemeinen unser Vertrauen gemäß der Verlässlichkeit eines Erlebnisses gewichten, wollten wir herausfinden, ob diesem Prozess durch eine plötzliche, unbewusste Veränderung des Erregungszustandes entgegengewirkt werden oder ob er sogar umgekehrt werden könnte.

Dies erforderte einen experimentellen Reiz, bei dem die Präzision oder die sunsicherheit eines visuellen Erlebnisses manipuliert werden konnte. Um dies zu erreichen, mussten Freiwillige auf einem Bildschirm eine Wolke aus sich bewegenden Punkten betrachten und entscheiden, ob diese nach links oder rechts zogen. Sie mussten auch ihr Vertrauen in diese Entscheidung bewerten. Unsere Punktreize wurden insbesondere dahingehend entworfen, dass sie entweder eine hohe oder eine niedrige Wahrnehmungspräzision zulassen.

Auf der linken Seite des Bildschirms bewegten sich die Punkte klar und relativ eindeutig nach rechts. Die rechten Punkte bewegten sich jedoch und verteilten sich über die ganze Fläche. In statistischer Hinsicht ist die Varianz ihrer Bewegung also höher. Wie erwartet, waren die Aussagen der Teilnehmer, die den den rechten Teil mit den verschwommeneren Punkten betrachteten, weniger genau. Die Teilnehmer hatten ein geringeres Vertrauen. Das Gehirn wirkt wie eine Art Statistiker. Ohne, dass unsere Freiwilligen zuvor darüber Bescheid wussten, intergrierten wir bei etwa der Hälfte der Testpersonen eine Abbildung eines angewidertschauenden Gesichtes. Dies wurde jedoch nur so kurz eingeblendet, dass es nicht bewusst wahrgenommen werden konnte.

Diese subtile Manipulation sorgte für einen erhöhten Herzschlag und erweiterte Pupillen bei den entsprechenden Teilnehmern. Dies hat evolutionäre Gründe, denn Gefühle wie Ekel stellen einen starken Reizfaktor für Situationen dar, in denen etwas in unserem Körper schief gegangen sein könnte. Wenn jemand in unserer Nähe also angewidert schaut und sich zu erbrechen beginnt, wird oftmals eine ähnliche Reaktion in unserem eigenen Körper ausgelöst. Durch eine kurze Reizung bei allen Teilnehmern, die dieses Signal erhielten, konnten wir eine Art „introzeptiven Vorhersagefehler“ bewirken – wir konnten ihr Gehirn dazu bringen, zu denken, dass in ihrem Körper gerade etwas Unerwartetes passiert sei. Dadurch konnten wir nicht nur untersuchen, ob ein vom Hirn gesteuertes Vertrauen mit Reaktionen vom Herzen und der Pupille korrelieren, sondern auch sehen, ob die Störung der Abbildung die Art und Weise verändert, wie die Menschen von ihren Erlebnissen berichteten.

Tatsächlich haben wir festgestellt, dass diese überraschenden Veränderungen in der Erregung des Freiwilligen den Auswirkungen der veschwommenen Punkte auf ihr Vertrauen entgegenwirkten, was das Vertrauen für die einfacheren Punkte leicht verringerte und es für die schwierigeren stärkte. Darüber hinaus konnte diese Umkehrung in den Reaktionen von Pupille und Herz selbst beobachtet werden. Je mehr ein Körper eines Freiwilligen auf den unsichtbaren Ekel reagierte, desto deutlicher ging das Vertrauen bei dem jeweiligen Test verloren. Obwohl sich das Bewusstsein wie eine Art Statistiker verhielt, nutzte es auch Informationen des Körpers, um zu beeinflussen, wie sich die Teilnehmer fühlten.

Diese Ergebnisse, die in der Zeitschrift eLife veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass sich unsere visuellen Erfahrungen auf mehr als nur das beziehen, was das Auge sieht. In der Tat hängt es auch von dem inneren Zustand unseres Körpers ab – von unserem Herzen und unserer physiologischen Erregung. Wenn wir unsere Erfahrung beurteilen und das Auge des Geistes gleichsam nach innen wenden, scheint es, dass der Körper beeinflusst, was wir vorfinden.

Dies ist ein wichtiger erster Schritt zum Verständnis, wie der Körper den Geist beeinflusst, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Angesichts dieser Erkenntnisse ist unsere Forschergruppe gespannt darauf, aufwändige Computermodelle für diesen Prozess zu entwickeln. Unsere Hoffnung ist es, dass solche Modelle es uns ermöglichen, eine Vielzahl von psychiatrischen und medizinischen Zuständen, wie Angst und Psychose, besser zu verstehen, da Veränderungen der körperlichen Signale und des Selbstbewusstseins des Patienten möglicherweise in eine unrealistische, weil besonders sichere oder unsichere Welt einschließen könnten. Dies kann letztlich zu neuen Behandlungen führen, die auf die Auswirkungen der kardiovaskulären Erregung auf gestörtes Vertrauen und Selbstbewusstsein setzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

startup (adapted) (Image by StartupStockPhotos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

In der Wirtschaft geht es immer um Wertentscheidungen. Jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Das gilt auch für jene, die auf Bühnen über die Notwendigkeit der Digitalisierung schwätzen, aber sich in Wirklichkeit hinter Begriffskaskaden verstecken. Die Keynote-Dauerredner sprechen von Digitaler Transformation, Digitalem Darwinismus (sozusagen die Donald Trump-Variante des Business-Darwinismus), Disruption oder Innovation, erläutern aber nicht, welche Programmatik dahinter steckt.

„Wenn wir wirklich eine inklusive, nachhaltige und verantwortliche Gesellschaft und Ökonomie wollen, müssen wir unsere Bilanzen und Logiken ändern. Ich halte das für fundamental. Was sind die grundlegenden Paradigmen und Theorien der Ökonomie? Die sind implizit normativ. Am Ende ist Digitalisierung kein Selbstzweck. Es gibt auch keinen Determinismus* (*=Die Anschauung, dass alle Ereignisse im Voraus festgelegt sind und es keinen freien Willen gibt, Anm. des Autors). Wir haben gestalterische Freiheiten. Wohin führen unsere Denkansätze?“, fragt sich Winfried Felser in der netzökonomischen Ideenrunde.

Wie gerecht ist die Netzökonomie?

Darüber denkt in der digitalen Technologieszene kaum einer nach. Umso mehr müsste sich die Wirtschaftswissenschaft mit diesen Fragen beschäftigen, fordert Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts.

Die Ökonomik sollte etwas zu möglichen und wünschenswerten Szenarien in der Zukunft sagen. Sie muss wieder Möglichkeitswissenschaft werden: Wie könne eine Ökonomie aussehen, die die Produktivitäts­fortschritte der Informationswirtschaft für einen Wohlstand nutzt, der bei möglichst vielen Menschen ankommt? „Sind Postwachstums­gesellschaften denkbar, die dennoch eine hohe Lebensqualität für zehn Milliarden Menschen innerhalb der planetaren Grenzen schaffen? Wie sehen Perspektiven für einen zeitgemäßen Kapitalismus aus? Ein solches Zielwissen ist normativ, die zugrunde liegenden Normen bedürfen der Explizierung und der Begründung“, so Schneidewind.

Tschakka-Weisheiten im Killermodus

Im Silicon Valley ist davon wenig zu spüren. Da findet man eher eine Menge Donald Trump-Ideologie, auch wenn die kalifornischen Protagonisten der Netzökonomie das empört zurückweisen würden: Das Dasein sei ein Dschungel, in dem man bereit sein muss, zu kämpfen – das ist das Credo von Trumps „kontrollierter Paranoia“. Überleben werde nur der Stärkere. Für den neuen Präsidenten der USA gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Gewinner und Verlierer, man ist entweder das eine oder das andere. „Sei ein Killer“, so der „pädagogische“ Leitspruch seines Vaters.

Den ideologischen Überbau für den donaldistischen Siegeszug lieferte der evangelikale Tschakka-Wanderprediger Norman Vincent Peale, Autor des Bestsellers  „The Power of Positive Thinking“: „Formuliere und präge deinem Verstand ein mentales Bild von dir selbst als jemand ein, der Erfolg hat. […] Halte hartnäckig daran fest. Lass es niemals verblassen. Denk nie von dir selbst als jemand, der versagt“, so die anarcho-kapitalistischen Phrasen von Peale. Bei Trump wird das Prinzip zur Manie: „Ich gewinne, ich gewinne, ich gewinne immer. […] Am Ende gewinne ich immer, ob nun beim Golf, beim Tennis oder im Leben, ich gewinne einfach immer. Und ich sage den Leuten, dass ich immer gewinne, weil ich eben immer gewinne.“ Und wenn er nicht gewinnt, straft er die Leute eben ab, die nachweisen, dass er nicht immer gewonnen habe. Oder er empfiehlt gar die Übernahme oder gar Schließung von Institutionen, die seinem Siegeswahn im Wege stehen.

Hütchenspieler im Tal der Zukunft

Plappern die Papageien im „Tal der Zukunft“ einen anderen Sound? Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt doch sehr viel Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump.

Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen, schreibt der Journalist und Drehbuchautor Dan Lyons in seinem Opus „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“. „Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern, von der Art Jungs (und es sind fast alles junge Männer), die sich im Kino ‚The Social Network‘ angesehen haben, in dem Mark Zuckerberg als diebischer, heimtückischer Lügner dargestellt wird, und die danach genauso werden wollen wie er. Viele haben gerade erst das College abgeschlossen – oder sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuschließen.“ In ihren Unternehmen gehe es zu wie im Hauptquartier einer Studentenvereinigung. Twitter habe wirklich einmal eine Betriebsfeier mit dem Thema Fraternity (Studentenverbindung) gegeben.

Frauen begrapschen und Wasserpfeifen mit Bier befüllen

„Seit 2012 gibt es im Silicon-Valley-Wörterbuch den Begriff brogrammer – ein Programmierer vom Typ bro, ein jugendlicher Macho, der seine Wasserpfeife mit Bier füllt und Frauen begrapscht. Bald kommen die unvermeidlichen Skandale und Prozesse, die Geschichten über schleimige Gründer, die weibliche Angestellte belästigen oder, in einem extremen Fall, ihre Freundin zusammenschlagen. Solche Leute stehen an der Spitze der neuen Generation Hightech-Unternehmen, solchen Leuten vertrauen viele Menschen sehr viel Geld an. Man möchte sich ja gerne vormachen, dass die Zeche, wenn diese Blase platzt, von den Risikokapitalgebern der Sand Hill Road in Menlo Park gezahlt wird, aber ein Großteil des Geldes, das man diesen Kids jetzt nachwirft, stammt aus Pensionsfonds“, warnt der frühere Newsweek-Technologieredakteur. Die Zeche werden sehr viel mehr Leute zahlen müssen als nur ein paar Berufsinvestoren, die Risiken gewohnt seien.

Gierige Investoren und unmoralische Gründer

„Wenn ich mich in San Francisco umsehe, fürchte ich, dass das alles nicht gut gehen kann. Diese Kombination aus Wunschdenken, billigem Geld, gierigen Investoren und unmoralischen Gründern ist das Rezept für eine Katastrophe“, so Lyons. Gute Gründe, um auch den netzökonomischen Diskurs mit normativer Brille zu führen. Fernab von den Hurra-Meldungen über neue Gadgets, Apps und Plattformen.

Das Silicon Valley ist ethisch betrachtet kaum hübscher als die Wall Street, mit deren Milliarden aus dem Derivatenhandel es reich geworden ist, bemerkt Zeit-Autor Alard von Kittlitz. Wenn es nicht sogar noch unangenehmer sei, wegen seiner grell geschminkten Bubblegum-Hippie-Fassade. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit eines kritischen Rationalismus im Umgang mit den „Helden“ der Digitalisierung.


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Die Leimspur des Donald Trump – Wer selbst Phrasen sät, erntet phrasendreschende Populisten

Haben die klassischen Medien im amerikanischen Wahlkampf um das Präsidentenamt wirklich keine Rolle mehr gespielt, sondern die konstruierte Filterblasen-Realität der Kampagne von Donald Trump? Zu dieser Schlussfolgerung gelangt etwa Jan Fleischhauer, der sich auf Facebook unter dem Namen seiner Frau und einer Berglandschaft von Caspar David Friedrich in die Echokammer des nationalistischen Lagers einsortierte.  Es sei erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung verdüstert, wenn Facebook einen als AfD-Sympathisanten identifiziert hat. „Man tritt in eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt.“ Man liest Meldungen, dass in der Stadt Neuss auf Druck der Muslime an einem ersten Kiosk statt Bockwurst nur noch Hühnchenspieße verkauft werden. Man sieht Schockbilder von Tierschlachtungen, verbunden mit dem Aufruf, sich für einen Bann der Schächtung einzusetzen.

Mit Bockwurst-Verbot und Sparschwein-Alarm

„So geht es immer weiter, Tag für Tag. Auf die Meldung über das Bockwurst-Verbot folgt die Nachricht, dass jetzt die Sparschweine verschwinden, nach dem Sparschwein-Alarm kommen neue Schlägervideos. Wer das länger mitmacht, muss unweigerlich zu dem Schluss gelangen, dass Deutschland vor die Hunde geht, wenn sich nicht bald etwas ändert. Und das Irrste ist: Nichts davon findet sich in den herkömmlichen Medien“, schreibt Fleischhauer. So ähnlich hat dann wohl auch der US-Wahlkampf funktioniert. In den seriösen Medien sei über die Lügen und Wahrheitsverdrehungen von Donald Trump berichtet worden, über seine Vergangenheit als Konkurskünstler und Steuervermeider, über die Klagen und Gerichtsverfahren, weil er Leute übervorteilt hat, die ihm vertraut hatten.

„Das Problem ist: Die Leute, die Trump wählen, scheren sich nicht darum, was in der ‚New York Times’ oder der ‚Washington Post’ steht. Sie sehen auch nicht CNN oder MSNBC“, schreibt der Spiegel-Redakteur. Sie würden ihr Wissen aus dem Internet beziehen. „Und wenn sie den Fernseher einschalten, dann gehen sie zu einem Sender ihres Milieus wie Fox News“, so Fleischhauer. Ist damit alles erklärt? Erleben wir ein Meinungsklima, das sich immer mehr vom Medientenor entfernt?

 Meinungsklima versus Medientenor

Klaffen veröffentlichte und öffentliche Meinung auseinander, spricht man von einem doppelten Meinungsklima. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab. Gibt es jetzt gar ein dreifaches Meinungsklima? Diese Frage stellte ich übrigens schon vor fünf Jahren. Gute Antworten dazu gibt es nur wenige. Wohl eher Schockstarre.

Der Rhetorik-Trick von Trump & Co.

Vielleicht sind wir aber gerade dabei, Donald Trump und seinen nationalistischen Kollegen in Europa gewaltig auf dem Leim zu gehen, bemerkte Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen beim NRW-Journalistentag in Duisburg.

Journalisten unter Druck #jnrw16

Posted by Gunnar Sohn on Samstag, 19. November 2016

Der rhetorische Trick von Trump funktioniert wie der Verkauf von warmen Semmeln – übrigens war das in den 1960er Jahren bei den Rassisten des  Ku-Klux-Klan auch schon so: „Es gibt eine Geschichte, die Trump immer wieder erzählt hat und die ist unfassbar erfolgreich. Es existiere ein politisches und mediales Establishment in Washington, das eng zusammenarbeitet und dafür sorgt, dass Trump nicht Präsident werden soll. Das liegt hinter seinen Erzählungen. Damit stilisiert er sich zum Underdog und sorgt dafür, dass alle Berichte von der New York Times bis zur Washington Post ständig im Schein dieser Erzählung gesehen werden.

Jede wahre Geschichte, die publiziert wurde, zahlte immer auf seine Story ein: ‚Ich stehe außerhalb des Establishments. Seht mal, die versuchen mich fertig zu machen“, erklärt Schmiechen. Trump habe das sehr geschickt hinbekommen.

Klassische Medien machten Trump groß

Ist der prahlerische Bauunternehmer deswegen ein Held der sozialen Medien? Mitnichten. Es waren die klassischen Medien, die ihn groß gemacht haben und auf seine Erzählungen reingefallen sind. So investierte Trump bei den Vorwahlen der republikanischen Partei lächerliche zehn Millionen Dollar für klassische Fernsehwerbung. Die freiwillige Sendezeit der TV-Anbieter brachte dem reaktionären Parolenschwinger einen Gegenwert von 1,9 Milliarden Dollar. Jede Provokation, jeder Kalauer und jede Unverschämtheit, die Trump hinaus posaunte, fand den Weg in die Nachrichtenformate der Massenmedien. Trump bediente die Sucht nach krassen Sprüchen und skandalträchtigen Überschriften.

Die Sucht nach der schnellen Schlagzeile

Ähnlich agieren seine Gesinnungsfreunde und Gesinnungsfreundinnen in Europa. Man wirft den Journalisten haarsträubende Hass-Botschaften vor die Füße und erntet Schlagzeilen. Fragt man aber bei den besorgten abendländischen Schreihälsen nach, wie sie sachpolitisch vorgehen wollen, welche Gesetzgebungsvorschläge in der Pipeline sind oder welche haushaltspolitischen Überlegungen vorliegen, starrt man in leere Gesichter. Nur diese Themen eignen sich halt nicht für knackige Überschriften. Vielleicht leben ja auch die Chefinterpreten der öffentlichen Meinung in bequemen, anschauungsdichten und begriffsarmen Kapseln, in denen die Welt mehr Wille als Vorstellung ist, fragt sich Jürgen Kaube von der FAZ.

„Dass es nur Emotionen und Affekte wären, die diese Wahl erklären können, ist insofern ein wohlfeiles Besserwissen. Es führt zur Replik ‚Was heißt hier nur?’ und bestenfalls zu der Frage, weshalb es den Demokraten nicht möglich war, einer Mehrheit die angeblich irrationalen Globalisierungsängste, ihre angeblich irrigen Affekte gegen Washington und New York und ihren Zorn über eine Politik, die als verlogen wahrgenommen wird, zu nehmen.“ Den Wählern ihre Unbildung vorzuhalten, lenke davon ab, dass die Bereitschaft, von Trumps Redensarten nicht mehr als krasse Unterhaltung zu verlangen, auf Erfahrungen mit den Redensarten der anderen beruht und auf Erfahrungen mit der Wirklichkeit, die diesen Redensarten folgte.

Talkshows als Nährboden für Populisten

„Für Deutschland gilt, dass jede politische Talkshow den Populisten Wähler zuführt, weil viele die Phrasen nicht mehr anders als durch Affekte verarbeiten können. Man kann sich leicht ausrechnen, wie es in einem Land aussieht, das in puncto sozialer Ungleichheit und womöglich sogar in puncto Phrasen noch ganz anderes zu bieten hat“, kommentiert Kaube. Wer Phrasen sät, auf jede Phrase wie ein Pawlowscher Hund mit Sendezeit und Schlagzeile reagiert, darf sich nicht wundern, wenn Phrasendrescher Erfolg haben.

Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für mehr Kompetenz und Relevanz in Politik, Medien und Wirtschaft.


Image “man” by ArtsyBee (CC BY 2.0)


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Kann Facebook unsere Wahlergebnisse beeinflussen?

Domino's (adapted) (Image by David Pacey [CC BY 2.0] via Flickr)

Facebook geriet im Mai diesen Jahres aufgrund von Anschuldigungen einer liberalen Einflussnahme in seiner „aktuelle Themen“-Funktion in Schwierigkeiten. Dies war nicht das erste Mal, dass Facebook beschuldigt wurde, sich heimlich in die Politik einzumischen. Im Jahr 2012 wurde Facebook von dem Vorwurf entlastet, die Nachrichteneinspeisung von 1,9 Milionen Nutzern zu optimieren, indem man diese mit politischen Inhalten anreicherte.

Im Jahr 2014 fragte Clay Johnson, der Mitgründer von Blue State Digital, einer Firma, die die Online-Kampagnen von Barack Obama für die Präsidentschaftswahl im Jahr 2008 plante und verwaltete, nach einem Experiment in der Emotions-Manipulation, an dem 689.ooo Menschen teilnahmen, folgendes: „Könnte Mark Zuckerberg eine Wahl drehen, indem er für Upworthy (eine Website, auf der sich virale Inhalte sammeln) zwei Wochen vor der Wahl dafür wirbt? Und sollte das überhaupt erlaubt sein?“

Aber Facebooks politisch einflussreichstes Instrument ist vielleicht eines, das sich gut versteckt. Man denke nur an den „Ich habe gewählt“-Button. Der Button, der von Facebook als ‚Sprachrohr der Wähler‘ bezeichnet wird, ermöglicht den Nutzern, mitzuteilen, ob sie gewählt haben und zeigt, welche ihrer Freunde auch gewählt haben.

Ein einflussreiches Instrument

Der harmlos aussehende Button ist ein politisch sehr einflussreiches Instrument. Wie fast jede Funktion auf fast jeder kommerziellen Internetseite wird das Sprachrohr auf Facebook für kontrollierte, vermittelnde Experimente genutzt. Facebook wandte den Button in einem großen Experiment bezüglich der amerikanischen Kongresswahlen im Jahr 2010 an. 61 Millionen Menschen wurden in einer Gemeinschaftsstudie der Universitäten von Kalifornien und San Diego zusammen mit Datenwissenschaftlern von Facebook verschiedene Versionen des Buttons gezeigt, manchmal war auch gar kein Button zu sehen.

Sie nutzten Wählerverzeichnisse, um den Einfluss des Buttons auf das tatsächliche Wahlverhalten zu ermitteln. Es stellte sich heraus, dass der Aufruf zum Handeln die Gesamtzahl der Wähler um 340.000 Wähler anstiegen ließ. Der Bericht dieser Studie, der im Magazin Nature veröffentlicht wurde, weist darauf hin, dass selbst kleinste Veränderungen an der Wahlbeteiligung „den Ausgang der Wahl beeinflussen können“. Es wird das Beispiel der Wahl des amerikanischen Präsidenten im Jahr 2000 zitiert, bei der George W. Bush seinen Konkurrenten Al Gore in Florida durch lediglich 537 Stimmen schlagen konnte. Hätte Gore im Staat Florida gewonnen, hätte er die Wahl zum Präsidenten gewonnen.

Kann das Sprachrohr Wahlen beeinflussen?

Wenn Facebook gewillt war, seine parteienneutrale Selbstdarstellung aufzugeben, wäre es einfach, das Wahlergebnis mit einem Instrument, das zum Wählen animiert, zu beeinflussen. Studien haben gezeigt, dass das Feststellen einer politischen Tendenz der Facebook-Nutzer einfach ist, auch für jene, die sich von politischen Aktivitäten im Netz fernhalten.

Facebook könnte deshalb das „Ich habe gewählt“-Instrument gezielt nur für die Unterstützer von Kandidaten oder politischen Parteien seiner Wahl anbieten und so nur deren Stimmen vermehren. Das wäre sogar legal, selbst wenn es heimlich geschehen würde. Aber nehmen wir einmal an, dass Facebook nicht gewillt wäre, solche Risiken auf sich zu nehmen. Kann es einen Einfluss auf Wahlen haben auch ohne, dass man verschiedene Wähler verschieden behandelt?

„Ich habe gewählt“ und Voreingenommenheiten

Der Bericht über die Facebook-Studie aus dem Jahr 2010 erwähnt nicht, ob die Zunahme in der Wahlbeteiligung in irgendeiner Weise mit der Voreingenommenheit für eine Partei in Verbindung stand und es gibt keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Aber statistisch gesehen ist es beinahe unmöglich, ein solches massives Eingreifen in den politischen Prozess durchzuführen, ohne damit Voreingenommenheit zu erzeugen.

Es wäre sehr überraschend und würde einiges an Erklärung verlangen, wenn keine Beeinflussung entstehen würde. Der Grund hierfür ist, dass die hierbei involvierten Variablen kaum unabhängig sind. Die Zugehörigkeit zu einer Partei hängt stark von anderen Eigenschaften ab, wie zum Beispiel vom Alter und dem Bildungsgrad. Diese wiederum können davon abhängen, wie sehr man mit dem Button auf Facebook konfrontiert wird und von der Wahrscheinlichkeit, dass man durch den Gruppenzwang im Internet, falls vorhanden, beeinflusst wird.

Es gibt deshalb keinen Grund zu der Annahme, dass der gleiche Button alle Wählergruppen gleichermaßen beeinflusst. Wenn der Anstieg der Wählerstimmen aufgrund des Buttons in allen Gruppen nicht exakt gleich ist, erzeugt dies Voreingenommenheit.

Eine absichtliche Voreingenommenheit?

Die Existenz einer solchen Voreingenommenheit ist an sich nicht welterschütternd. Man kann mit einer ähnlichen Begründung sagen, dass Veränderungen des Wetters das Wahlergebnis auf eine Art beeinflussen können, sodass das Wahlergebnis beeinflusst wird. Der „Ich habe gewählt“-Button unterscheidet sich in der Hinsicht von den Methoden, die Facebook verwendet hat, um die Wahlbeteiligung zu beeinflussen, dass dieser individuelle Wahlinformationen liefert.

Indem die Information, wer gewählt hat, mit den Informationen der politischen Tendenzen kombiniert werden, verfügt Facebook über eine einzigartige Position und weiß, wie jede Veränderung des Knopfes jede Wählergruppe beeinflusst hat. Dementsprechend kann Facebook vorhersagen, welche Voreingenommenheiten durch das Anwenden einer jeden Button-Variation quer durch alle Wählergruppen bei zukünftigen Wahlen erzeugt werden.

Zum Beispiel hätte sich Facebook dazu entschließen können, das Sprachrohr der Wähler bei der US-Präsidentschaftswahl einzusetzen oder auch nicht. Weil Facebook weiß, welche Aktion welcher Partei nutzen wird, konnte die Wahl nicht unvoreingenommen sein. Schon das Sammeln der Daten selbst hat Facebook zu einem politischen Mitspieler gemacht.

Die Wahl des Anwendens oder Nichtanwendes ist ein einfaches Beispiel der absichtlichen Voreingenommenheit. Man stelle sich vor, es gäbe Unterschiede in den Wahlmustern der Parteien abhängig von der Tageszeit, zu der gewählt wird. Indem man sich dazu entschließt, dass der Button erst am späten Nachmittag erscheint (wie es Facebook für ein paar Nutzer bei der Präsidentschaftswahl des Jahres 2012 getan hat), wird ein feinerer Grad der Kontrolle über die Voreingenommenheit erzeugt.

Im März, als Facebook-Mitarbeiter Mark Zuckerberg die Frage stellten, welche Verantwortung Facebook hat, um dabei zu helfen, zu verhindern, dass Trump im Jahr 2017 Präsident wird, ging es nicht um die Befähigung. Wie wir festgestellt haben, kann Facebook die Wahlbeteiligung beeinflussen. Sheryl Sandberg aus dem Facebook-Vorstand für das operative Geschäft sagte dazu: „Facebook würde nie versuchen, Wahlen zu kontrollieren.“ Aber wenn Facebook Millionen von Stimmen mit dem sprichwörtlichen Klick auf einen Knopf kontrollieren kann, ist das dann noch Demokratie?

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Domino’s“ by david pacey (CC BY 2.0)


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Ist mein Chef ein Psychopath? – Hilfe aus der Jobfalle

Watch your head (adapted) (Image by Kenny Louie [CC BY 2.0] via flickr)

Ein Unternehmen zu leiten, erfordert eine zielstrebige oder sogar rücksichtslose Denkweise, die Fähigkeit, sicher aufzutreten und die Zügel in der Hand zu haben. Man sollte energisch und berechnend und ein akribischer Planer sein – Eigenschaften, die nur wenige besitzen. Aber es gibt eine Kategorie von Personen, die diese Eigenschaften im Überfluss hat: Psychopathen.

Der Forscher Robert Hare schätzt, dass diese Profilbeschreibung auf etwa ein Prozent der Bevölkerung zutrifft, aber der Anteil an CEOs könnte vier Mal so hoch sein. Kevin Dutton, Psychologe an der Oxford University, hat 5.400 Personen mit einer Vielzahl an Berufen untersucht. Er hat eine Liste der Top Ten-Berufe zusammengestellt, welche in der Rangfolge der Psychopathie ganz oben stehen. Den ersten Platz belegen die CEOs, gefolgt von Anwälten, Medienpersönlichkeiten, Verkäufern und Chirurgen. Während es für psychopathische Individuen wahrscheinlicher ist als für andere Menschen, dass sie Verbrechen begehen, schaffen es die meisten von ihnen, ein erfolgreiches Leben zu leben. Ihre psychopathische Persönlichkeit hilft ihnen dabei sogar. Das Problem besteht darin, dass es der psychopathische Chef ist, der die Kultur und den Umgangston für die Art und Weise festlegt, wie manche Organisationen ihren Geschäften nachgehen.

Zieht der Chef es vor, ethisch vertretbar zu arbeiten, oder bewegt man sich in der Grauzone zwischen einer ethisch fragwürdigen und einer sich noch im legalen Bereich befindlichen Tätigkeit? Oder schlimmer noch, überschreitet er gern die Grenze der Legalität, wenn die Risiken gering sind und die Vorteile die rechtliche Verbindlichkeit überwiegen? Wer für so einen Chef arbeitet, kann manchmal in die Bredouille geraten. Um den Chef nicht aufzuregen, entwickeln solche Menschen eine Art ethische Blindheit. Diese Angestellten sind sich meist nicht bewusst, dass sie unethisch handeln, das Management hat schlicht und ergreifend eine Umgebung geschaffen, in der Ethik nicht viel Beachtung geschenkt wird. Das gestattet es andernfalls anständigen Menschen, sich in diesem Verhalten zu etablieren. Wenn eine ansonsten anständige Person mit einer schädlichen Umgebung konfrontiert wird, vielleicht eine, die von einem psychopathischen Chef geschaffen wurde, fällt es dieser Person sehr schwer, nicht in ethische Blindheit und schädliches Verhalten abzurutschen.

Wonach man Ausschau halten sollte

Der Psychologe Phillip Zimbardo, bekannt für sein Stanford-Prison-Experiment, wartet mit einem Set von sozialen Prozessen auf, die „das Böse beschleunigen“. Diese zu lesen ist eine Erinnerung, wie wir alle auf dem höchsten Punkt unserer eigenen schiefen Ebene sitzen:

  • Gedankenlos den ersten kleinen Schritt tun

Es ist einfach, wenn es viel zu erreichen und wenig zu verlieren gibt. Es ist der „schmale Grat am Rand“, der die Vorwärtsbewegung auslöst. Im Geschäft könnte man von Ihnen erwarten, dass ein paar Einsparungen ein akzeptabler Teil der Arbeit ist. Wenn die Zeit vergeht, bewegt sich diese Praxis von der Überlegung, ob man das Richtige tut, hin zu den Gedanken, wie man damit durchkommen kann – ein Übergang, der in einer Kultur der ethischen Blindheit leicht fällt.

  • Entmenschlichung von anderen

Wenn das Stammesdenken von „uns und denen“ die Leute dazu bringt, Außenstehende als Untermenschen anzusehen. Die blutgetränkte Geschichte der Kriegsführung verdeutlicht das destruktive Potenzial dieser Denkweise. Wenn ein Chef jedem sagt, dass hier gerade Krieg herrscht, dass wir „die Konkurrenz zerschmettern müssen“ oder „sie begraben“, wird eine feindliche Umgebung geschaffen, in der das Überleben davon abhängt den Feind zu töten.

  • Anti-Individualisierung des Selbst (Anonymität)

Menschen, die ihre Identität maskieren, werden sich wahrscheinlich antisozialer Verhaltensweisen bedienen, da Anonymität uns die Erlaubnis gibt, uns schlecht zu benehmen. Wenn ein Arbeiter ein anonymes Zahnrad in einer maschinenartigen Organisation ist, fühlt er sich selbst weniger menschlich, und daher auch weniger regiert vom menschlichen Anstand

  • Zerstreuung der persönlichen Verantwortung

Lassen Sie sich von der Mentalität des Mobs (wie beispielsweise einem Lynch-Mob) mitreißen, und Sie sind zu fast allem fähig. Tausende von normalerweise gesetzestreuen Londonern wurden in den Unruhen von 2011 zu Plünderern und Brandstiftern, weil „alle anderen es auch gemacht haben“. Ein Arbeitsplatz, an dem eine Kultur des Zweckes herrscht, der die Mittel heiligt, macht es Menschen einfach, das zu tun, was alle anderen ebenfalls tun.

  • Blinder Gehorsam gegenüber Autorität

Wenn eine Autoritätsperson wie der Chef von Ihnen verlangt, etwas zu erledigen, ist es schwer abzulehnen – insbesondere, wenn das Nichtbefolgen der Anweisung ernste Konsequenzen mit sich bringt. In der Vergangenheit konnte solcher Ungehorsam tödlich sein.

  • Unkritische Angepasstheit an Gruppennormen.

Normen üben einen machtvollen Einfluss auf unser Verhalten aus, besonders wenn Ungehorsam oder Nonkonformität dazu führt, dass Sie aus der Organisation geworfen werden. In der evolutionären Vergangenheit war sozialer Ausschluss gleichbedeutend mit Tod, daher tendieren unsere Instinkte zur Anpassung.

  • Passive Toleranz des Bösen durch Nichtstun oder Gleichgültigkeit.

Wie Edmund Burke vermerkte, „ist das einzige, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, dass die anständigen Leute nichts tun.“ Sie müssen kein Täter sein. Es reicht, einfach passiv daneben zu stehen.

Führung von unten nach oben

Sie können sich trotzdem als ethische Person in Ihrem eigenen Einflussbereich etablieren, vorausgesetzt, Ihr Chef ist nicht diabolisch. Das ist eine Form der Führung von unten nach oben, welche anderen ein gutes Beispiel bietet, es Ihnen gleich zu tun. Wenn sich genügend Einflussbereiche überschneiden, verändert sich die Unternehmenskultur. Letzten Endes kann es für Sie die beste Option sein, sich nach einem anderen Job umzusehen und in Würde zu gehen. Aber unterschätzen Sie nicht die Macht des kollektiven Handelns, um eine ethische Arbeitsumgebung zu schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Watch your head“ by Kenny Louie (CC BY 2.0)


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5 Lesetipps für den 16. Oktober

In unseren Lesetipps geht es heute um HBOs eigenen Streamingdienst, eine Umfrage, die die Sichtweise des Silicon Valley zeigt, das mögliche Ende der Netzneutralität für Werbung, einen Dienst, der Gründerwissen sammelt, und Sascha Lobos neue Kolumne. Ergänzungen erwünscht.

  • STREAMINGDIENST: Golem: Netflix unter Druck: HBO plant eigenen Streamingdienst: Der amerikanische Kabelsender HBO macht Netflix Konkurrenz und kündigte an, ab 2015 einen eigenen Streamingdienst für Serien anzubieten. Der Grund hierfür ist, dass Time Warner, der Mutterkonzern von HBO, sich stärker um Kunden kümmern möchte, die zwar einen Internetanschluss von Timer Warner, aber kein Kabelfernsehen haben. Im Gegensatz zu Netflix hat HBO nicht nur eine Handvoll eigens produzierte Serien, sondern deutlich mehr eigenen Content als der ebenfalls amerikanische Konkurrent. Dadurch dürfte es HBO leicht haben, Kunden für das Zusatzangebot zu begeistern.

  • SILICON VALLEY: The Atlantic: The View From the Valley: The Atlantic hat seine erste Silicon Valley Insider-Umfrage veröffentlicht. In dieser wurden 50 Führungskräfte, Innovatoren und Denker insgesamt 19 Fragen wie “Welches Tech-Unternehmen ist am überbewerteten?” oder “Was ist das meist begehrteste Statussymbol im Silicon Valley?” gestellt. Die Ergebnisse dieser Umfrage wurden von The Atlantic übersichtlich und anschaulich aufbereitet und liefern ein gutes Bild, was die Führungskräfte, Innovatoren und Denker aus dem Silicon Valley denken.

  • NETZNEUTRALITÄT: The Wall Street Journal: Naht das Ende der Netzneutralität für Werbung?: Wenn es nach dem israelischen Startup Shine geht, könnten sich in Zukunft die Telekommunikationsunternehmen mit einem dreisten Plan ihre Anteilen an den Werbeerlösen erkämpfen und somit die Netzneutralität bei Werbung im Internet kippen. Shine Technologies hat nämlich eine Technologie entwickelt, mit der sich Werbung anders behandeln lässt als andere Daten. Laut Roi Carthy, Marketingchef bei Shine, wollen einige große Telekommunikationsunternehmen in den nächsten Monaten Anzeigen blockieren. So sollen die Werbenden zu Verhandlungen gezwungen werden und anschließend einen Teil der Werbeeinahmen an die Telekommunikationsunternehmen abstottern.

  • STARTUPS: t3n: Lernen von Entrepreneuren: The How sammelt Gründerwissen: Mit The How gibt es nach Primer nun den nächsten Dienst, der Startups hilfreichen Content bieten möchte. Anders als Primer erscheint das Projekt der Lean Startup Production aber nicht als App, sondern als übersichtliches Sammelsurium an nutzerwertigem Content. Dieser soll zeigen, wie Startups aufgebaut sind und wie sich diese skalieren lassen. Zusätzlich zu dem kostenlosen Angebot soll The How auch mit Videobeiträgen in Form von Webcasts ergänzt werden.

  • EINFLUSS: Spiegel Online: Sascha Lobo über die Macht der Mädchen im Internet: In seiner neuen Kolumne schreibt Sascha Lobo bei Spiegel Online, warum Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren mit ihrem Smartphone “die Welt beherrschen”. Laut Lobo habe das Verhalten der weiblichen Teenager großen Einfluss auf die Netz- und Medienkonzerne, da diese durch die intensive Nutzung der sozialen Medien Trends entstehen lassen, die immer stärker sowohl die digitale als auch nicht-digitale Welt beeinflussen. An verschiedenen aktuellen Beispielen erläutert Lobo seine Position, wobei seine These, dass als Nächstes die Mädchen die Finanzwirtschaft umkrempeln werden, meiner Meinung nach dann doch ein bisschen überspitzt formuliert ist. Lobos Gedanken sind aber auch so erfrischend und lesenswert.

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