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Die Leimspur des Donald Trump – Wer selbst Phrasen sät, erntet phrasendreschende Populisten

Haben die klassischen Medien im amerikanischen Wahlkampf um das Präsidentenamt wirklich keine Rolle mehr gespielt, sondern die konstruierte Filterblasen-Realität der Kampagne von Donald Trump? Zu dieser Schlussfolgerung gelangt etwa Jan Fleischhauer, der sich auf Facebook unter dem Namen seiner Frau und einer Berglandschaft von Caspar David Friedrich in die Echokammer des nationalistischen Lagers einsortierte.  Es sei erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung verdüstert, wenn Facebook einen als AfD-Sympathisanten identifiziert hat. „Man tritt in eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt.“ Man liest Meldungen, dass in der Stadt Neuss auf Druck der Muslime an einem ersten Kiosk statt Bockwurst nur noch Hühnchenspieße verkauft werden. Man sieht Schockbilder von Tierschlachtungen, verbunden mit dem Aufruf, sich für einen Bann der Schächtung einzusetzen.

Mit Bockwurst-Verbot und Sparschwein-Alarm

„So geht es immer weiter, Tag für Tag. Auf die Meldung über das Bockwurst-Verbot folgt die Nachricht, dass jetzt die Sparschweine verschwinden, nach dem Sparschwein-Alarm kommen neue Schlägervideos. Wer das länger mitmacht, muss unweigerlich zu dem Schluss gelangen, dass Deutschland vor die Hunde geht, wenn sich nicht bald etwas ändert. Und das Irrste ist: Nichts davon findet sich in den herkömmlichen Medien“, schreibt Fleischhauer. So ähnlich hat dann wohl auch der US-Wahlkampf funktioniert. In den seriösen Medien sei über die Lügen und Wahrheitsverdrehungen von Donald Trump berichtet worden, über seine Vergangenheit als Konkurskünstler und Steuervermeider, über die Klagen und Gerichtsverfahren, weil er Leute übervorteilt hat, die ihm vertraut hatten.

„Das Problem ist: Die Leute, die Trump wählen, scheren sich nicht darum, was in der ‚New York Times’ oder der ‚Washington Post’ steht. Sie sehen auch nicht CNN oder MSNBC“, schreibt der Spiegel-Redakteur. Sie würden ihr Wissen aus dem Internet beziehen. „Und wenn sie den Fernseher einschalten, dann gehen sie zu einem Sender ihres Milieus wie Fox News“, so Fleischhauer. Ist damit alles erklärt? Erleben wir ein Meinungsklima, das sich immer mehr vom Medientenor entfernt?

 Meinungsklima versus Medientenor

Klaffen veröffentlichte und öffentliche Meinung auseinander, spricht man von einem doppelten Meinungsklima. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab. Gibt es jetzt gar ein dreifaches Meinungsklima? Diese Frage stellte ich übrigens schon vor fünf Jahren. Gute Antworten dazu gibt es nur wenige. Wohl eher Schockstarre.

Der Rhetorik-Trick von Trump & Co.

Vielleicht sind wir aber gerade dabei, Donald Trump und seinen nationalistischen Kollegen in Europa gewaltig auf dem Leim zu gehen, bemerkte Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen beim NRW-Journalistentag in Duisburg.

Journalisten unter Druck #jnrw16

Posted by Gunnar Sohn on Samstag, 19. November 2016

Der rhetorische Trick von Trump funktioniert wie der Verkauf von warmen Semmeln – übrigens war das in den 1960er Jahren bei den Rassisten des  Ku-Klux-Klan auch schon so: „Es gibt eine Geschichte, die Trump immer wieder erzählt hat und die ist unfassbar erfolgreich. Es existiere ein politisches und mediales Establishment in Washington, das eng zusammenarbeitet und dafür sorgt, dass Trump nicht Präsident werden soll. Das liegt hinter seinen Erzählungen. Damit stilisiert er sich zum Underdog und sorgt dafür, dass alle Berichte von der New York Times bis zur Washington Post ständig im Schein dieser Erzählung gesehen werden.

Jede wahre Geschichte, die publiziert wurde, zahlte immer auf seine Story ein: ‚Ich stehe außerhalb des Establishments. Seht mal, die versuchen mich fertig zu machen“, erklärt Schmiechen. Trump habe das sehr geschickt hinbekommen.

Klassische Medien machten Trump groß

Ist der prahlerische Bauunternehmer deswegen ein Held der sozialen Medien? Mitnichten. Es waren die klassischen Medien, die ihn groß gemacht haben und auf seine Erzählungen reingefallen sind. So investierte Trump bei den Vorwahlen der republikanischen Partei lächerliche zehn Millionen Dollar für klassische Fernsehwerbung. Die freiwillige Sendezeit der TV-Anbieter brachte dem reaktionären Parolenschwinger einen Gegenwert von 1,9 Milliarden Dollar. Jede Provokation, jeder Kalauer und jede Unverschämtheit, die Trump hinaus posaunte, fand den Weg in die Nachrichtenformate der Massenmedien. Trump bediente die Sucht nach krassen Sprüchen und skandalträchtigen Überschriften.

Die Sucht nach der schnellen Schlagzeile

Ähnlich agieren seine Gesinnungsfreunde und Gesinnungsfreundinnen in Europa. Man wirft den Journalisten haarsträubende Hass-Botschaften vor die Füße und erntet Schlagzeilen. Fragt man aber bei den besorgten abendländischen Schreihälsen nach, wie sie sachpolitisch vorgehen wollen, welche Gesetzgebungsvorschläge in der Pipeline sind oder welche haushaltspolitischen Überlegungen vorliegen, starrt man in leere Gesichter. Nur diese Themen eignen sich halt nicht für knackige Überschriften. Vielleicht leben ja auch die Chefinterpreten der öffentlichen Meinung in bequemen, anschauungsdichten und begriffsarmen Kapseln, in denen die Welt mehr Wille als Vorstellung ist, fragt sich Jürgen Kaube von der FAZ.

„Dass es nur Emotionen und Affekte wären, die diese Wahl erklären können, ist insofern ein wohlfeiles Besserwissen. Es führt zur Replik ‚Was heißt hier nur?’ und bestenfalls zu der Frage, weshalb es den Demokraten nicht möglich war, einer Mehrheit die angeblich irrationalen Globalisierungsängste, ihre angeblich irrigen Affekte gegen Washington und New York und ihren Zorn über eine Politik, die als verlogen wahrgenommen wird, zu nehmen.“ Den Wählern ihre Unbildung vorzuhalten, lenke davon ab, dass die Bereitschaft, von Trumps Redensarten nicht mehr als krasse Unterhaltung zu verlangen, auf Erfahrungen mit den Redensarten der anderen beruht und auf Erfahrungen mit der Wirklichkeit, die diesen Redensarten folgte.

Talkshows als Nährboden für Populisten

„Für Deutschland gilt, dass jede politische Talkshow den Populisten Wähler zuführt, weil viele die Phrasen nicht mehr anders als durch Affekte verarbeiten können. Man kann sich leicht ausrechnen, wie es in einem Land aussieht, das in puncto sozialer Ungleichheit und womöglich sogar in puncto Phrasen noch ganz anderes zu bieten hat“, kommentiert Kaube. Wer Phrasen sät, auf jede Phrase wie ein Pawlowscher Hund mit Sendezeit und Schlagzeile reagiert, darf sich nicht wundern, wenn Phrasendrescher Erfolg haben.

Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für mehr Kompetenz und Relevanz in Politik, Medien und Wirtschaft.


Image “man” by ArtsyBee (CC BY 2.0)


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Sieben Anregungen, mit denen ihr euren Wortschatz erweitern könnt

Letzte Woche war ich mit meiner Freundin Luca in einer Bar. Wir tranken etwas und unterhielten uns angeregt über die jüngsten Belanglosigkeiten. Wir teilten uns die Sofaecke mit zwei Herren in unserem Alter, die sich irgendwann eigenmächtig in unser Gespräch integrierten. Trotzdem verbrachten wir einen unheimlich schönen Abend mit ihnen, nennen wir sie mal Lothar und Leander, und zwar weil sie eine besonders wichtige Eigenschaft besaßen: sie waren eloquent. Auf humorvolle und geistreiche Art und Weise erzählten sie uns von Begebenheiten aus ihrer Jugend und versorgten uns mit überraschenden Pointen.

Redegewandte und rhetorisch sichere Menschen haben automatisch eine besondere Ausstrahlung und Überzeugungskraft. Nicht nur bei einem Geplänkel in einer Bar spielt Eloquenz eine beträchtliche Rolle, sondern auch im Job: Ein häufig erwähntes Attribut, das sich Arbeitgeber in Stellenausschreiben von ihren Bewerbern wünschen, ist Kommunikationsfähigkeit. Kommunikativ zu sein ist eine der wichtigsten sozialen Kompetenzen, ob im Team oder mit Kunden.

Aber wie wird man eloquent?

Eloquenz kann man, wie so viele Dinge, erlernen, indem man sie übt. Ein umfassender Wortschatz ist dabei essenziell für zungenfertige Menschen. Und genau den gilt es ausbauen. Dazu solltet ihr wissen: Es gibt den aktiven und den passiven Wortschatz. Der Aktive besteht aus all den Wörtern, die wir jeden Tag beim Sprechen und Schreiben verwenden. Der passive Wortschatz, den wir fortlaufend unbewusst erweitern, umfasst alle Wörter, die wir beim Lesen oder Zuhören verstehen.

Bei deutschen Muttersprachlern wird der Umfang auf 10.000 bis 100.000 Wörter geschätzt. Aktiv nutzt man davon allerdings nur 8.000 bis 15.000 Wörter. Das macht sich besonders bemerkbar, wenn man eine Fremdsprache erlernt: Man versteht wesentlich mehr als man selbst sprechen kann. Aber es gibt natürlich Möglichkeiten, die Wörter aus dem passiven Wortschatz in den aktiven umzusiedeln und den aktiven Wortschatz aufzustocken. Und zwar indem man…

… Sätze ausgestaltet!

Ihr nehmt euch als Anregung eine Zeitung oder Ähnliches zur Hand und erfindet zu jedem Substantiv ein Adjektiv und zu jedem Verb ein Adverb. Ein Beispiel könnte dabei so aussehen: Aus „Der Politiker hält nicht das, was er angekündigt hat.“ wird „Der ruchlose Politiker hält bedauerlicherweise nicht das, was er großspurig angekündigt hat“. Diese Übung erweitert nicht nur euren aktiven Wortschatz, sondern bringt auch noch jede Menge Spaß! 

… Thesaurus verwendet!

Ob online oder beim Microsoft Schreibprogramm Word – Thesaurus hilft euch dabei, Synonyme zu finden, sodass ihr in einem Text nicht mehrmals dasselbe Wort verwenden müsst. Dazu tippt ihr einfach das Wort ein, zu dem euch gerade keine passende Alternative einfällt. Euch werden dann mehrere Vorschläge angezeigt, mit denen ihr euren Text vielfältiger gestalten könnt.

… anspruchsvolle Literatur liest!

Das ist wohl selbsterklärend, aber für die, die einer Erläuterung bedürfen, sei gesagt: Mit dem Lesen einer überregionalen Tageszeitung ist wohl jedermann gut beraten. Zudem erhält man noch Allgemeinwissen obendrauf! Das ist neben einem umfangreichen Wortschatz auch sehr wichtig für ein eloquentes Auftreten. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ein illuster ausgeschmückter Satz niemanden beeindruckt, wenn er keinen Sinn ergibt (außer vielleicht die, die ihn nicht verstehen).

… Sätze laut liest!

Ihr solltet in Zukunft alles halblaut lesen (idealerweise nicht in der Öffentlichkeit, schließlich seid ihr dort höchstwahrscheinlich die einzigen, die wissen, dass ihr weder auf dem Stand eines Erstklässlers noch der Schizophrenie zum Opfer gefallen seid). Durch das laute Lesen emigriert ihr die Wörter aus eurem passiven in euren aktiven Wortschatz, sodass die Wörter für euch präsenter werden. Das gleiche Prinzip gilt übrigens auch, wenn ihr einem beliebigen Redner aus dem Radio oder dem Fernsehen nachsprecht.

… diese Newsletter abonniert!

Meldet euch für die Newsletter von neues-wort.de oder wortkalender.de an. Ihr erhaltet jeden Tag eine E-Mail mit einem Fremdwort, das euch auch direkt erklärt wird. Wenn ihr die Übersicht über euer Postfach behalten wollt, könnt ihr natürlich auch einfach direkt auf den besagten Seiten schauen. Den Netzpiloten-Newsletter zu abonnieren, vergößert übrigens auch den Wortschatz. ;-)

… eine Kartei mit Wort- und Satzkarten anlegt!

… und zwar mit Wörtern und/oder Sätzen, die euch besonders konvenieren (das Wort habe ich bei Thesaurus gefunden. Hübsch, oder?). Es ist besser, ganze Sätze auf eine Karte zu schreiben, da diese einem eher im Gedächtnis bleiben als einzelne Wörter. Damit eure Kartei für euch auch aus dem Kopf abrufbar ist, lest euch eure Karten in regelmäßigen Abständen durch oder sprecht die Sätze auf eine Kassette und hört sie euch beim Autofahren an.

… die App „Wortschatz Trainer“ herunterladet!

In der kostenlosen App findet ihr 300 Wörter mit Beschreibung, Synonymen und Beispielen. Diese Wörter sind alphabetisch geordnet, sodass ihr die Kartei leicht durchsuchen und eure Favoriten auf eine Merkliste setzen könnt. Außerdem könnt ihr zwischen verschiedenen Modi wählen; ob Lernmodus für Interessierte, Quizmodus für Liebhaber der deutschen Sprache oder „Scramble“ für Hochbegabte, diese App bietet jedem einen Lerneffekt. Eure Versuche werden hinterher ausgewertet, sodass ihr euren Fortschritt anhand einer Statistik ablesen könnt.

 


Image „barack“ by Clker-Free-Vector-Images (CC0 Public Domain)


 

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Die rhetorische Brillanz des Demagogen Trump

Donald Trump (Image by Gage Skidmore [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Mit welchen Mitteln stellt sich Donald Trump immer wieder als rhetorisches Genie mit jeder Menge Zündstoff dar? Eine Analyse.

Die Forderung Donald Trumps vom 7. Dezember, die Einwanderung von Muslimen zu verhindern, wurde weltweit verurteilt. Fast 500.000 Briten unterschrieben eine Petition, die ihre Regierung anwies, Trump keinen Zutritt zu ihrem Land zu gewähren. In den USA wurden Trumps Kommentare sowohl von den Demokraten, den Republikanern, den Medien als auch von religiösen Gruppen angeprangert.

Jedoch stimmten laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage 37 Prozent der designierten Wähler aus dem gesamten politischen Spektrum einem zeitlich begrenzten” Einreiseverbot für Muslime in die Vereinigten Staaten zu. Trump besitzt eine Arroganz und eine Sprunghaftigkeit, die die meisten Wähler aufschrecken lässt. Wie konnte er nun seinen Zugriff auf einen Teil der Basis der Republikanischen Partei erhalten, welcher – zumindest im Moment – unerschüttert scheint.

Wie konnte auch seine Unterstützung bestehen bleiben, obwohl er von einigen als Demagoge und Faschist bezeichnet wurde oder obwohl politische Beobachter Parallelen zwischen ihm und polarisierenden Figuren wie George Wallace, Joseph McCarthy, Father Coughlin – und selbst Hitler – zogen?

Als Wissenschaftler im Bereich der US-amerikanischen politischen Rhetorik halte ich Kurse ab und schreibe über Nutzen und Missbrauch rhetorischer Strategien in der öffentlichen Debatte. Die eingehende Prüfung von Trumps rhetorischen Fähigkeiten kann teilweise seinen profunden und beständigen Reiz erklären.

Die Rhetorik der Demagogie

Das griechische Worte Demagoge” (demos = Volk + ag?gos = Führer) meint wortwörtlich einen Führer des Volkes. Jedoch wird es heutzutage dafür benutzt, einen Anführer zu beschreiben, der populäre Vorurteile bedient, falsche Behauptungen und Versprechen macht und seine Argumentation nach dem Gefühl und nicht nach der Vernunft wählt.

Donald Trump bezieht sich hierbei auf die Ängste der Wähler, indem er eine Nation in der Krise zeichnet und sich gleichzeitig als Held der Nation feiert – der einzige Held, der sich unseren Gegner entgegenstellt, unsere Grenzen sichert und Amerika wieder zu etwas Großartigem macht”.

Sein Mangel an Details, wie er diese Ziele erreichen möchte, ist dabei weniger erheblich als seine selbstbewusste, überzeugende Rhetorik. Er mahnt sein Publikum an, ihm zu vertrauen, verspricht sehr schlau zu sein und lässt, bildlich gesprochen, seine prophetischen Muskeln spielen (wie in dem Fall als er behauptete, die 9/11 Anschläge vorausgesagt zu haben).

Trumps selbst beweihräuchernde Rhetorik lässt ihn als Inbegriff von Überheblichkeit scheinen, die laut Forschungsergebnissen oft die am wenigsten zugkräftigste Qualität eines möglichen Anführers ist. Jedoch ist Trump so beständig in seiner Überheblichkeit, so dass dies authentisch scheint: Seine Großartigkeit ist Amerikas Großartigkeit.

Deshalb können wir Trump mit Sicherheit einen Demagogen nennen. Aber die Furcht, wenn Demagogen wirkliche Macht bekommen, bleibt bestehen. Nämlich, dass sie das Gesetz oder die Verfassung außer Kraft setzen. Hitler ist dabei natürlich das Beispiel für einen Worst Case.

Erstaunlicherweise ist eines von Trumps eigenen Argumenten jenes, dass er sich nicht kontrollieren lassen wird. Im Wahlkampf machte er sich seine Rolle als Machogeschäftsmann zu Nutzen – welche er sich durch seinen Auftritt in den sozialen Medien und in den Jahren als Fernsehpersönlichkeit (bei der er meist die mächtigste Person im Studio war) schuf – um sich für die Präsidentschaft zu bewerben. Dies ist eine Rolle, die Einschränkungen zurückweist: Er lässt sich nicht durch die Partei, die Medien, andere Kandidaten, Politische Korrektheit, Fakten – eigentlich alles – einschränken. Auf eine Weise zeigt er sich als unkontrollierbarer Anführer.

Mit rhetorischen Mitteln Kritiker zerstören

Jedoch möchten die meisten Wähler keinen unkontrollierbaren Präsidenten. Warum bleiben trotzdem so viele felsenfest bei ihrer Unterstützung?

Zuerst bezieht Trump sich auf den Mythos des Amerikanischen Exzeptionalismus. Er beschreibt die Vereinigten Staaten als die beste Hoffnung für die Welt: Es gibt nur eine auserwählte Nation und als Präsident arbeiten alle seine Entscheidungen auf das Ziel hinaus, Amerika großartig zu machen. Dadurch, dass er sich selbst mit dem Amerikanischen Exzeptionalismus verknüpft, während er Gegner als schwach” oder Dummköpfe” beschreibt, kann Trump seine Kritiker als Leute, die nicht an die Großartigkeit” der Nation glauben oder nicht an dieser mitarbeiten, darstellen.

Trump benutzt zudem trügerische und spaltende rhetorische Techniken, die ihn vor Ausfragungen schützen und ihn nicht in die Enge treiben. Er benutzt Ad populum”-Argumente. Dies sind Argumente, die an die Klugheit des Publikums appellieren (Umfragen zeigen, Wir gewinnen überall).

Wenn Gegner seine Ideen oder Haltung hinterfragen, benutzt er Ad hominem” -Attacken oder Kritiken, die stets die Person und nicht ihre Argumentation treffen (er weist seine Kritiker als Dummköpfe”, schwach” oder langweilig” zurück).

Die wahrscheinlich berühmteste Instanz davon war, dass er sich über Carly Fiorinas Aussehen lustig machte, als die Zustimmung für sie in den Umfragen nach der ersten republikanischen Debatte stieg (Schaut auf dieses Gesicht!”, rief er, Wer würde dieses Gesicht wählen? Kannst du dir dieses Gesicht als Gesicht des nächsten Präsidenten vorstellen?”).

Schließlich sind seine Reden auch oft mit Ad baculum”-Argumenten gespickt, die Androhungen von Machtdemonstrationen sind (Wenn Leute mir hinterher spionieren, gehen sie den Bach runter.”). Da Demagogen oft ihre Argumentation auf falschen Behauptungen und der Berufung auf das Gefühl anstelle der Vernunft basieren, greifen sie oft auf diese (rhetorischen) Hilfsmittel zurück.

Beispielsweise erklärte George Wallace während des Präsidentschaftswahlkampfes im Jahre 1968, dass wenn sich irgendein Demonstrant jemals vor sein Auto liegen würde, wäre dies das letzte Auto vor dem er oder sie sich jemals hingelegt hätte (Ad baculum). Joseph McCarthy griff zudem auf eine Ad hominem Attacke zurück, als er den ehemaligen Außenminister Dean Acheson als pompösen Diplomat in gestreiften Hosen mit einen gefälschten britischen Akzent” bezeichnete.

Trump benutzt auch ein rhetorisches Mittel, das sich Paralipse nennt. Damit stellt er Behauptungen auf, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Bei der Paralipse stellt der Redner ein Thema oder Argument vor, indem er sagt, dass er nicht darüber sprechen möchte. In Wahrheit möchte er oder sie jedoch genau diese Sache betonen.

Zum Beispiel sagte er in New Hampshiream 1. Dezember:

Aber alle (anderen Kandidaten) sind schwach und nur schwach – Ich glaube, dass sie allgemein schwach sind, wenn sie die Wahrheit hören möchten. Aber ich möchte dies nicht sagen, weil ich es nicht möchte… Ich möchte nicht irgendwelche Kontroversen, gar keine Kontroversen haben, ist dies in Ordnung? Deshalb weigere ich mich zu sagen, dass sie generell schwach sind, okay?

Trumps letztendlicher Trugschluss

Gehen wir zu Trumps Rede über Muslime vom 7. Dezember 2015 zurück, um die dort benutzten rhetorischen Mittel zu analysieren:

Ohne auf die unterschiedlichen Umfrageergebnisse zu schauen, ist es für jeden klar, dass der Hass unbegreiflich ist. Woher dieser Hass kommt und warum gehasst wird, müssen wir herausfinden. Bis wir das Problem und die Bedrohung, die es besitzt, ermitteln und verstehen können, kann unser Land kein Opfer der abscheulichen Angriffe von Menschen werden, die nur an den Dschihad glauben und keinen Sinn für die Vernunft oder den Respekt vor menschlichen Leben haben. Wenn ich die Präsidentenwahl gewinne, werden wir Amerika wieder großartig machen.

In dieser Erklärung macht Trump bereits zwei Dinge unumstößlich (oder unbestreitbar): Amerikanischer Exzeptionalismus und der Hass der Muslime auf Amerika. Laut Trump werden diese Grundsätze von der Klugheit des Publikums (Ad populum) unterstützt; sie sind für jeden klar”.

Er beschreibt Muslime in wesentlichen Worten als ein Volk, dass nur an den Dschihad glaubt, voller Hass ist und keinen Respekt vor menschlichem Leben hat. Trump benutzt die Verdinglichung, – die Betrachtung von Objekten als Menschen und Menschen als Objekt – um seine Grundsätze miteinander zu verbinden und seine Aussage zu unterfüttern: Unser Land kann nicht das Opfer von abscheulichen Angriffen von Leuten, die nur an den Dschihad glauben, werden”.

Hierbei personifiziert er “unser Land”, indem er die Nation als Person darstellt. Währenddessen benutzt er im englischsprachigen Originalzitat that anstatt who, um zu zeigen, dass Muslime keine Menschen, sondern Objekte sind. Seine tiefere Logik hierbei ist, dass unsere Nation ein Opfer dieser Objekte” ist. Objekte müssen nicht mit der gleichen Sorgfalt wie Menschen behandelt werden. Deshalb sind wir berechtigt, Muslime den Eintritt in das Land zu verwehren.

Schließlich muss noch gesagt werden, dass Trumps Beweisführung unvollständig ist und sich an seinem eigenen Blickwinkel orientiert. Seine Erklärung zitierte eine Umfrage unter US-amerikanischen Muslimen, die zeigt, dass 25 Prozent der Befragten dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen Amerikaner hier in den Vereinigten Staaten gerechtfertigt ist” .

Die Daten der Umfrage kamen vom Zentrum für Sicherheitspolitik (CSP – Center for Security Policy), welches das Southern Poverty Law Center als anti-muslimische” Denkfabrik bezeichnet. Darüber hinaus sagt Trump nicht, dass in der gleichen Umfrage 61 Prozent der US-amerikanischen Muslime dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen jene, die den Prophet Mohammed, den Koran oder den islamischen Glauben beleidigen” , nicht annehmbar ist. Noch erwähnt er, dass 64 Prozent nicht glauben, dass Gewalt gegen US-Amerikaner hier in den USA als Teil des globalen Dschihad gerechtfertigt ist” .

Unglücklicherweise lässt sich Trump, wie ein wahrer Demagoge nicht zu sehr von den Fakten aufhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Donald Trump” by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


 

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Warum die Industrie 4.0-Rhetorik nervt

Server (adapted) (Image by NeuPaddy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das Industrie 4.0-Geblubbere suggeriert die heile Welt der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten. Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Nicht nur Unternehmer sind zunehmend genervt von den liebwertesten “digital-transformatischen” Gichtlingen, die inflationär ihre Netzweisheiten hinausposaunen: “Wir werden mittlerweile fast täglich mit Begriffen wie Industrie 4.0, Big Data, Digitalisierung und Internet der Dinge konfrontiert – ich möchte fast schon sagen: belästigt”, moniert Frank Richter, Vorstandschef der Swiss Global Investment Group bei der Fachtagung “Digitale Ethik” im Kölner Startplatz. Selbsternannte Experten würden sogar schon die exakten Potentiale und die daraus resultierenden Einsparungen kennen, die durch Digitalisierung und Vernetzung entlang der so genannten Wertschöpfungskette erzielt werden.

“So scheinen eben diese Experten vergleichbar mit den Orakeln in der Antike und deren Weissagungen”, so Richter. Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Wie das für Firmen konkret laufen soll, wird nur sehr oberflächlich oder gar nicht erklärt: “Es ist viel einfacher, möglichst generisch in der Ausdrucksweise und damit gewissermaßen unverbindlich in der Aussage an sich zu bleiben”, kritisiert Richter.

Tote Metaphern

Vieles sei übrigens alter Wein in neuen Schläuchen. “So ist Wissensmanagement vom Wesen her nichts anderes als die Sammlung, das Digitalisieren und schlussendlich die Nutzbarmachung von Daten, um unternehmerische Entscheidungen treffen zu können.” Was unter dem Stichwort Big Data nun anders werden soll, bleibt auf Beispielen wie der Stauwarnung hängen. Es erreicht die Wirtschaft nicht.

Das digitale 4.0-Wortgeklingel erinnert den Marketingspezialisten Michael Zachrau an den römischen Staatsmann Cato mit seinem Ausspruch: “Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss”. Wer ständig die gleichen Begriff herunterleiert, bewirkt bei Entscheidern gar nichts. Alles Geschriebene und Gesagte ist sinnbedürftig. Stattdessen dominieren tote Maschinen-Metaphern, bemerkt Christine Künzel in der aktuellen brandeins-Ausgabe mit dem Schwerpunkt Maschinen. Wir schalten unser Denken aus, wenn wir die Hitparade der Powerpoint-Dauerrednern lesen. “Wow, wie originell ist das denn, die Wirtschaft als Maschine zu beschreiben”, betont Künzel. Es sind Ingenieurs-Storys, die auf dem technischen Niveau von 1900 stehen geblieben sind.

Maschinen-Rhetorik mit Rundlauf-Akten

Das Industrie 4.0-Geblubbere zählt dazu. Es suggeriert die heile Welt der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten. Es soll Sicherheit, Kontinuität und Leistungsstärke demonstrieren wie in den Wirtschaftswunder-Zeiten: “Ja gut, es wird ein bisschen digitalisiert, aber sonst bleibt alles beim Alten – eine Fabrik mit Fließband und Internetanschluss, festen Arbeitszeiten und einer dazugehörigen festen Lebensplanung bis zur Rente”, schreibt Wolf Lotter zur Maschinen-Thematik von brandeins. Der Name sei Programm. Er rüttelt nicht auf, sondern begleitet uns in das Gestern: “Industrie 4.0, ein Schritt nach vorn, zwei zurück.” Die vermeintlich vierte industrielle Revolution sei die erste, die auf Geheiß von Politikern und Verbänden stattfinden soll. Über den Status von Rundlauf-Akten, die zwischen den drei beteiligten Bundesministerien zirkulieren, wird das großspurig verkündete Projekt nicht hinauskommen.

Statt hausbackene Definitionen aus dem Industriezeitalter zu verwenden, wären Überraschungen vonnöten, um neues Denken zu befördern. Wenn man mit Versionsnummern hausieren geht, wäre Wissen 1.0 ein Ausrufezeichen, um zu dokumentieren, dass wir seit 1980 statistisch gesehen gar keine Industrienation mehr sind. Knapp 25 Prozent der Beschäftigten arbeiten noch in der Industrie, Mitte der Sechzigerjahre waren es 49,2 Prozent. Seitdem geht es bergab. “Gleichzeitig hat sich die Produktivität mehr als versechsfacht. Das versteht man klarer, wenn man weiß, dass die in der Statistik der Industrie zugeschlagenen Beschäftigten Wissensarbeiter sind, Ingenieure, Entwickler, Automatisierungs- und Prozessexperten”, erläutert Lotter. Was wir also brauchen, sind kreative Köpfe und keine Maschinen-Prediger. Unser ökonomisches Verständnis oder Missverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge hängt zum großen Teil von unserer Art des Sprechens ab.

Leblose Begriffskaskaden befördern Entscheider in Politik und Wirtschaft ins tatenlose Koma. Als Avantgarde der digitalen Leerformeln bewährt sich gerade Verkehrsminister Alexander Dobrindt in einem The European-Gastbeitrag:

Die Digitalisierung revolutioniert Wirtschaft und Gesellschaft in einem disruptiven Prozess, diese historische Transformationsphase schreibt die Wirtschaftsgeschichte industrialisierter- Volkswirtschaften neu. Ob Deutschland Innovationsland bleibt oder Stagnationsland wird, hängt davon ab, ob wir unsere Innovationsführerschaft im digitalen Zeitalter behaupten. Das gelingt, wenn wir die Stärken der sozialen Marktwirtschaft einsetzen und drei Aufgaben angehen: schnelle Netze, Wettbewerb und Vernetzung.

Silicon Valley-Storymaker versus IT-Gipfel

Wer so etwas liest, braucht kein Valium gegen Schlafstörungen. Storymaker, die uns die Bits und Bytes nicht mit dem Charme von Rechenschiebern vermitteln, findet man kaum in Deutschland. Es sind die seltenen Gastauftritte von den Tech-Bombenlegern aus dem Silicon Valley, die uns den Erzählstoff für die Next Economy bieten. Dazu zählt der Periscope-Mitgründer Kayvon Beykpour, dem in Hamburg die mediale Schickeria zu Füßen lag. TV-Journalist und Blogger Richard Gutjahr überlegte gar einen Moment im Livestreaming-Interview mit Beykpour, ob er nicht auf die Seite des Startup-Unternehmens wechseln sollte, da selbst im Journalismus die Impulse nicht mehr von Häusern wie Springer oder Burda kommen, sondern von den Programmierern in Kalifornien.

Wie man das ändern kann, wollen wir – also die netzökonomischen Käsekuchen-Fans – in aller Offenheit auf der Next Economy Open #NEO15 Anfang November in Bonn diskutieren – gut eine Woche vor dem IT-Gipfel in Berlin, wo sich Männer in dunklen Anzügen mit Kanzlerin Merkel treffen und im Industrie 4.0-Technokraten-Modus über die Zukunft fabulieren. Wir benötigen einen anderen Erzählstoff für die vernetzte Wirtschaft. Wir brauchen mehr Growth Hacker.

Dieser Artikel erschien zuerst auf TheEuropean.

 


Image (adapted) „Server“ by NeuPaddy (CC0 Public Domain)

 

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Online-Präsentationen: Das gute Webinar oder doch nur loslabern?

Das gute Webinar

Blecherne Stimmen, verkrampfte Moderation, kaum Interaktion und Referenten, die mit einer Flut von propagandistischen Powerpoint-Folien im sonoren Ton loblabern und wehrlose Zuschauer in den Netzschlaf wiegen: Man nennt das Ganze auch Heizdecken verkaufen über so genannte Webinare.

Um uns aus der Flut von belanglosen Online-Präsentationen zu erretten, kommt der Band „Das gute Webinar“ (erschienen im Addision-Wesley-Verlag) von Rhetorik-Expertin Anita Hermann-Ruess und dem Visualisierungs-Spezialisten Max Ott gerade richtig.

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