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Digitaler Minimalismus: “Mein ganzes Hab und Gut passt in einen Rucksack”

Ein neuer Lebensstil geht in der Internet-Branche um: Menschen verzichten auf (fast) ihr komplettes Eigentum. „Asset-light lifestyle“ nennt Thomas Schranz den Lebensstil, dem er seit Anfang des Jahres folgt.

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Der Gründer des Wiener Internet-Start-ups Blossom.io hat bis auf MacBook Air, iPhone 5 und einigen Kleidungsstücken allem weltlichem Besitztum entsagt – seine etwa 35 Habseligkeiten passen in einen Rucksack, mit denen er zwischen Wien und dem Silicon Valley reist. Der einzige, der diesen „digitalen Minimalismus“ pflegt, ist er nicht – der US-Start-up-Gründer Andrew Hyde, der New Yorker Internet-Investor Taylor Davidson, die Schweizer Bloggerin Karin Friedli, der deutsche Internet-Entrepreneur Sebastian Küpers oder der Wiener Social-Media-Spezialist Andreas Klinger von Die Socialisten pflegen ebenfalls diesen neuen Lifestyle. Im Interview erklärt Schranz, warum gerade digital Affine so offen für minimalistische Lebensweisen sind.

Was hat dich auf die Idee gebracht, auf so Vieles zu verzichten?

Ich war ein paar Monate lang viel unterwegs in Europa und in den USA. Ständiges Einpacken, Auspacken und Umziehen hat dazu geführt, dass ich immer mehr Dinge weggelassen habe, die doch nicht so wichtig sind, wie ich gedacht habe. Gepäck sparen und nur das Notwendigste mitnehmen war da einfach pragmatisch und weniger anstrengend.

Gibt es einen Vorreiter dieser Minimalismus-Bewegung?

Nicht dass ich wüsste. Ich denke, die Ideen gehen zurück bis an den Ursprung der Menschheit, bevor wir sesshaft wurden. Konzepte wie Verzicht und Ortsungebundenheit finden sich auch im Nomaden- und Pilgertum.

Was sind deine Lehren bis dato? Sparst du viel Geld?

Der Hauptunterschied ist, dass ich viel bewusster konsumiere. Aber ein praktischer Nebeneffekt davon ist sicher auch, dass ich allgemein weniger Geld ausgebe. Wenn man unzählige Dinge hat, fällt ein weiteres Ding nach einem Impulskauf nicht wirklich auf. Viele Sachen die ich mir gekauft habe, waren Optionen, etwas zu machen, als ob ich die Option nicht schon vorher gehabt hätte. Oft macht es mehr Sinn, sich Dinge just-in-time auszuborgen, anstatt sie für den Fall der Fälle zu besitzen und die “total cost of ownership” dafür zu tragen. Ein gutes Beispiel sind Autos. In der Stadt kommt man gut ohne aus. Wenn man dann doch mal eines braucht, kann man sich eines von Bekannten oder von Services ausborgen, die das anbieten. Im Prinzip folgen die meisten Leute diesem Konzept in der Regel eh auch, wenns um Flugzeuge, Schiffe und öffentliche Verkehrsmittel geht.

Andrew Hyde, Leo Babauta, Taylor Davidson – warum sind gerade digital Affine dem Trend so zugänglich?

Ich denke, dass Leute, die sich stark mit dem Internet beschäftigen, es gewohnt sind, Services “just-in-time” zu verwenden. Sie haben eine gewisse Erwartungshaltung. Wenn ich Google oder Siri fragen kann, was die Distanz von der Erde zum Mond ist und sofort eine Antwort bekomme, dann erwartet man auch, dass sich die physische Welt ähnlich reibungslos wie ein Service nutzen lässt. Da steht ein Auto, das niemand braucht – warum kann ich nicht einfach einsteigen? Da steht eine Wohnung leer – kann ich für zwei Tage einziehen und einen anderen Teil der Stadt erleben? Ein Freund eines Freundes eines Freundes hat heute nichts zu tun – kann er mir beim Möbel zusammenbauen helfen, obwohl wir uns nicht kennen? Ja.

Du schreibst, dass „Mobile“ und die Cloud ein solches Leben ermöglicht. Warum?

Viele Dinge, die man normalerweise im Regal oder in Kisten hat, haben digitale Äquivalente. Etwa Bücher, Filme, Spiele. Wenn ich zum Beispiel ein bestimmtes Buch aufschlagen möchte, hab ich das entweder direkt auf meinem iPhone in der Kindle App, oder lad’s mir in ein paar Sekunden runter. Aber es ist noch spannender. Dinge, die noch keine digitalen Äquivalente haben, kann man auch anfordern. Das Smartphone wird quasi zur Fernbedienung für die Welt – oder zum Zauberstab, wenn man so will. Wirklich unglaublich faszinierend. Wie viel man just-in-time herzaubern kann, ist natürlich abhängig davon, wo man sich aufhält. In San Francisco geht mehr als in Wien, aber der Trend ist global. Nur eine Frage der Zeit.

Wie ändert der “digitale Minimalismus” unser Wirtschaftsgefüge?

Der leichte Zugang zu Services aller Art ist, denke ich, auch eine grosse Hoffnung, um der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Es entsteht ein globaler just-in-time Marktplatz, der so ortsunabhängig ist wie noch nie zuvor. Niedrigere Barrieren führen zu Transaktionen, die sonst nie stattgefunden hätten. Egal, ob es um Maschinen geht, die verwendet werden, anstatt herumzustehen, oder ob jemand via Skype oder Hangout sein Wissen mit jemandem teilt der am anderen Ende der Welt sitzt. Spannende Zeiten.

Ist dein Vertrauen in diese Cloud durch die NSA-Leak erschüttert?

Nein, mein Vertrauen ist nicht erschüttert. Ich finde es positiv, dass Themen, die sich um Privatsphäre und Vorratsdatenspeicherung drehen, in den Medien sind. Das passiert viel zu selten und ist in der Regel nicht so gut aufbereitet. Es gibt viele Privacy- und Regulierungsfragen, die wir uns in Zukunft stellen müssen. Es ist wichtig, dass die breite Bevölkerung sich dafür interessiert und ein Verständnis für die Thematik hat.

Was vermisst du am meisten von jenen Dingen, die du zurück gelassen hast?

Nichts Bestimmtes. Vor ein paar Wochen hab ich mich an ein Buch erinnert dass ich unbedingt fertig lesen wollte. War aber kein Problem. Hab ich einfach heruntergeladen.

Wirst du jemals wieder zu einem materiellen Lebensstil zurückkehren?

Gute Frage. Im Moment sehe ich keine Vorteile darin, physische Dinge zu Besitzen.

Passt dein ganzes Hab und Gut wirklich in einen Rucksack?

Ja!


Teaserimage & Image by Thomas Schranz

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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