Sechs Software-Lösungen für bessere Debattenkultur im Netz

Viele Verlagsangebote schließen ihre Kommentiermöglichkeiten und klassische Foren gleichen seit Jahren Geisterstädten. Die Debattenkultur im Netz scheint auf einem Tiefpunkt angelangt zu sein. Dabei gibt es durchaus technische Lösungen, die diesen Trends entgegen wirken möchten. Manche der angesprochenen Projekte sind durchaus bekannt, andere sind sicher für viele neu. Seit Jahren gibt es quer durch das Netz Ansätze, die Art und Weise, wie Diskussion und Diskurs in der digitalen Sphäre funktionieren können, zu überdenken. Klassisch verschachtelte Kommentare erscheinen dabei genauso wenig zeitgemäß wie hierarchische Foren (bzw. Message Boards oder auch Bulletin Boards genannt).

Die Entwicklung dieser Ansätze und Neuerungen geht aber in ihrer Komplexität über reine UI/UX (User Interface bzw. User Experience) Aspekte hinaus. Zwei Probleme haben dazu geführt, dass längere Konversationen im Netz für “kaputt” erklärt werden. Zum einen gibt es das kulturell-politische Problem der Polarisierung und der verhärteten Fronten im öffentlichen Diskurs. Hasskommentare, Trolle und Mobbing lassen viele Kommentarspalten zum unkontrollierten Spiegelbild unserer Gesellschaft verkommen.

Hinzu kommt das Sichtbarwerden von gesellschaftlichen Spaltungen, politischen Ideologien und das Fehlen von Netiquette. Die Konsequenz: Manche Onlineportale haben darauf keine Lust mehr, können und wollen sich eine Moderation nicht mehr leisten, und verzichten einfach ganz darauf.

Zum anderen hat der Erfolg sozialer Medien und Netzwerke dazu geführt, dass über die Jahre viele der klassischen Diskussionskanäle ausgestorben scheinen. Eine Vielzahl der Nutzer sind von Mailinglisten, Foren und Blogs abgewandert und diskutieren nun mehr auf Facebook und Co. Nur wenige der alten Kanäle haben das überlebt, entweder durch bessere Benutzerführung und technische Innovation oder mit einem inhaltlichen Alleinstellungsmerkmal.

Man “quatscht” eben doch lieber dort, wo sich ohnehin schon alle aufhalten und die Bequemlichkeit in der Bedienung von Facebook ist den etablierten Forensoftware-Baukästen weiterhin Lichtjahre voraus.

Diese Herausforderungen belasten Webmaster, Community Manager, Moderatoren sowie Experten im Bereich des sogenannten Public Engagement, also unter anderem der Bürgerbeteiligung an politischen Verfahren. Alle stehen vor dem gleichen Problem: Wie können online konstruktive Debatten funktionieren?

Im Folgenden werde ich sechs unterschiedliche Projekte vorstellen, die zeigen, dass sich trotz der genannten Ernüchterung zumindest auf Software-Ebene einiges getan hat und neue Lösungen entwickelt wurden, die allesamt versuchen, die Debattenkultur im Netz zu verbessern.

Discourse

discourse (Screenshot by Sebastian Haselbeck)

Von verstaubten alten Message-Boards hatte der StackExchange-Mitgründer Jeff Atwood irgendwann die Schnauze voll. Aus den Erfahrungen seiner Arbeit begann er mit Kollegen vor einigen Jahren die Entwicklung von Discourse – einer auf die Konversationen, nicht auf die Forenstrukturen fokussierten Software – die mit moderner Technologie genau das bieten soll, was Nutzer schon von überall im Netz kennen (zum Beispiel “Likes”, ordentliche Mobiltauglichkeit oder das einfache Einbetten von YouTube-Videos).

Discourse ist eine Open Source-Software und benötigt in der Regel eine halbwegs kräftige Serverumgebung, die gut mit Ruby/Rails und Javascript-Frameworks umgehen kann. Die empfohlene Standardvariante läuft in einem Docker-Container. Wer nicht selbst hosten kann oder will, greift zu managed Lösungen von Discourse.org (eher teuer) oder von einer sehr langsam anwachsenden Zahl an Drittanbietern, wie zum Beispiel das niederländische Discoursehosting.com, die auch europäische Serverstandorte anbieten.

Ich habe einige Erfahrungen mit Discourse gesammelt und bin begeistert, außerdem befindet es sich sehr aktiv in der Entwicklung (ein Release etwa alle sechs Monate) und wird von immer mehr namhaften Projekten genutzt (BoingBoing, Freifunk, Ubuntu). Es ist einfach zu benutzen, bietet umfangreiche Features und sieht nett aus – auch auf dem Handy. Ein Userlevel-System, schrittweise Onboarding und gute Spam- sowie Adminfunktionen erleichtern den Aufbau einer funktionierenden Community.

Alternativen zu Discourse gibt es allerdings auch, allen voran das auf NodeJS aufbauende NodeBB. Weitere innovative Ansätze findet man unter anderem bei Flarum, Plush, Codoforum oder dem Spirit-Project.

Zilino

zilino (Screenshot by Sebastian Haselbeck)

Ein ganz anderes Problem versucht die Firma Intellitics mit Zilino zu lösen: Wie kann man die aus Workshops bekannten Diskursformate wie World Cafe und Co auf die Online-Welt übertragen? Große Gruppen müssen in kleinere Gruppen aufgeteilt werden, sie sollen konstruktiv zusammenarbeiten, wieder in die große Gruppe zurückkehren und berichten, und so weiter.

Ein Facilitator oder Convener ist normalerweise ein Experte oder eine Expertin, die solche Prozesse begleiten. Zilino will diese Prozesse online abbilden, ob in kleinen Gruppen (beispielsweise innerhalb von Seminaren) oder in der Masse (beispielsweise bei Anwohner-Konsultationsverfahren).

Erste Projekte, unter anderem mit universitärer Forschungsbegleitung, sind vielversprechend. Wie stark das Konzept skalieren kann (auch ohne Convener), muss sich zeigen. Zilino richtet sich vor allem an größere (und auch staatliche) Organisationen und wird als SaaS Lösung bezogen.

Coral

coral(Screenshot by Sebsatian Haselbeck)

Aus der Misere der Tageszeitungen geboren, ist Coral ein Joint-Venture aus New York Times und Washington Post, sowie der Mozilla Foundation und unterstützt von der Knight Foundation. Der primäre Fokus der ersten Förderphase von Coral ist ein Tool, mit dem Newsplattformen Leserkommentare besser verstehen und analysieren können, also erst einmal zuhören lernen. Das will man unter offener Lizenz dann verbreiten. Coral nutzt im Projekt selbst übrigens auch Discourse.

Zu einem späteren Zeitpunkt will man hier Technologien entwickeln, um mit nutzergenerierten News-Inhalten besser umgehen zu können und diese Inhalte mit Kommentatoren verbinden. Es geht dem Projekt also nicht darum, die Kommentarspalte zu reparieren, sondern gänzlich neu darüber nachzudenken, wie eine inhaltsbezogene Interaktion zwischen einem News-Medium und seiner Zielgruppe aussehen kann. Höchst spannend.

Civil

civil (Screenshot by Sebastian Haselbeck)

Civil versucht das Problem schlechter Debattenkultur mit einer Art “Peer Review” und Selbsteinschätzungsmechanismen zu kontern. Das Ziel des Startups: “Civility and quality”, ein Ansatz der besser zu skalieren verspricht als menschliche Moderation alleine. De facto findet ein Crowdsourcing an Qualitätskontrolle der Kommentare statt, womit jeder der kommentiert, gleichzeitig auch über die Qualität anderer Kommentare zu urteilen hat.

Der Clou ist aber, dass man vor dem Abschicken seiner eigenen Beiträge eine Art Selbstevaluation zu treffen hat. Trage ich etwas Sinnvolles bei? In welchem Ton schreibe ich? Zusammen mit algorithmischen Einblicken in das Kommentierverhalten der Besucher will das Team von Civil Comments die Qualität der Kommentarspalten auf Onlineplattformen verbessern und testet dies aktuell mit für US-amerikanische Verhältnisse kleineren Tageszeitungen.

Wer von Disqus immer etwas genervt oder traurig darüber war, dass IntenseDebate nie weiterentwickelt wurde, der findet hier vielleicht künftig einen Ansatz.

Economist Debates

economist (screenshot by Sebastian Haselbeck)

Nicht zwingend eine existierende Software, aber ein ganz anderes Präsentationsformat einer Pro-Contra-Debatte  präsentiert die britische Wochenzeitschrift The Economist (Beispiel). Besonders interessant sind die visuellen Darstellungsoptionen der Debatte, die Statistiken (Geschlechterverteilung, Abstimmungstrends) sowie die Phasen.

Die Seite steht in der Tradition der angelsächsischen Debattenformate, in denen beide Seiten jeweils in Runden auch Argumente der Gegenseite erwidern können (Rebuttal). Das Ganze hat einen stark inhaltlichen Fokus, ist personenbezogen (Namen und Bilder von teils namhaften Autoren) und wird proaktiv moderiert. Die Hürde ist somit etwas höher.

Das Magazin verspricht sich von diesen intensiven Debatten unter anderem Stoff für eigene Berichterstattung. Dass bisher noch kein deutsches Portal einen ähnlichen Aufwand gestartet hat, finde ich schade. Das könnte ich mir zum Beispiel beim Cicero gut vorstellen, oder auch bei The European.

Adhocracy & DemocracyOS

democracyos (Screenshot by Sebastian Haselbeck)

Ganz in der Welt der Beteiligungssoftware angelangt sind wir mit zwei weiteren Open-Source-Projekten, die anstreben, eine Art digitales Betriebssystem unserer Demokratie zu werden. Adhocracy wird vom Berliner Verein Liquid Democracy vorangetrieben, DemocracyOS von der argentinischen NGO Democracia en Red. Beide Plattformen erlauben zielorientierte (politische) Debattenprozesse, inklusive kollaborativer Textarbeit, Diskussionen und Abstimmungsmodalitäten.

Vor allem durch letzteres hatte sich Adhocracy in den letzten Jahren einen Platz in den Herzen netzdemokratischer Pioniere erobert. Neben der Piratenpartei kam das Tool unter anderem während der “Enquete Kommission Internet und Digitale Gesellschaft” des Bundestags zum Einsatz. Stimmendelegation war nur eines der Features, die im Großen dazu beitragen könnten, eine sehr offene, transparente und inklusive Basisdemokratie auch innerhalb von Parteiorganisationen zu erlauben. Wie alle anderen Debattenplattformen auch besteht die primäre Hürde für aktive Mitarbeit in zeitlichen Ressourcen.

Delegation sollte das Problem zwar abmildern, aber letztendlich konnte außerhalb der Piratenpartei das Tool noch nicht in der Breite Fuß fassen, in der man es sich theoretisch vorstellen könnte. Gerade das ist nämlich auch Ziel des Vereins, denn Liquid Democracy steht eben nicht nur für die Postadresse des Tools, sondern ein beforschtes Demokratiekonzept, dessen Ziel es ist, konventionelle Formen von Demokratie mit webbasierten Beteiligungsmodellen zu ergänzen, zu stärken und zu vervollständigen.

Der fortschreitende Reifeprozess beider Projekte könnte in der nahen Zukunft noch einiges an Potential bergen, vor allem, wenn diese langfristig in einer Art “Internet of the People” eingebettet sind und weit jenseits des Webbrowsers funktionieren. Es wird spannend bleiben.

Fazit

Die Art und Weise, wie wir online miteinander reden, begründet sich auch im Design. Ob chaotische Kommentarkultur oder strukturierte Diskurse – in welche Richtung es sich bewegt geben auch die Technologien vor, die uns zur Verfügung stehen. Ich persönlich glaube nicht, dass die Lösung für zivilisierten Diskurs oder soziale Probleme alleine in der Software zu suchen ist. Dennoch hoffe ich, dass die Debattenkultur im Netz erwachsener wird und bin guter Dinge, dass der Einsatz neuer Tools dabei behilflich sein kann. Das Abschalten oder die Zensur von Kommentar- und Debattenbereichen ist jedenfalls die schlechteste aller Lösungen. Über weitere Tipps – passenderweise hier unten in den Kommentaren – freue ich mich.


Image “Kommentar” (adapted) by pixelcreatures (CC0 Public Domain)

Images by Sebastian Haselbeck


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Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck

ist ehemaliger Geschäftsführer des Internet & Gesellschaft Collaboratory. Aktuell ist er Gastdozent an der Willy Brandt School of Public Policy, und berät verschiedene Organisationen in digitalpolitischen Fragen. Privat betreibt er eine Vielzahl von Onlineportalen über interessante Filmgenres.

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