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Homo Digitalis: Digitale Unternehmer sind schöpferisch und kreativ

Tastatur (adapted) (Image by JeongGuHyeok [CC0 Public Domain] via pixabay)

Die Digitalisierung fordert alle Unternehmen und auch die akademischen Disziplinen heraus. Eine Antwort will jetzt die BWL im Strategischen Management liefern. Das dokumentieren jedenfalls die Autoren Thomas Hutzschenreuter, Torsten Wulf und Dodo zu Knyphausen-Aufseß in einem Gastbeitrag für die FAZ. Keiner wisse genau, wie neue Branchenstrukturen aussehen, welche Plattformen und Technologien sich durchsetzen und wie digitale Technologien zukünftig ausgeprägt sein werden. Zudem hänge die Beschaffenheit der Welt jenseits der digitalen Transformation von den Akteuren selbst ab. „Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Endogenität, womit gemeint ist, dass die Veränderung eines Systems aus dem System selbst heraus und nicht ausschließlich von außen beeinflusst wird.

Betonung der Unterschiedlichkeit

Auch wenn die Forschung zum Strategischen Management eine Reihe von inhaltlichen Beiträgen zum Umgang mit Chancen und Risiken der Digitalisierung geleistet habe, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Digitalisierungsansätze in Unternehmen so unterschiedlich sind wie die Unternehmen selbst. Deshalb könne das Strategische Management nur in begrenztem Maße generell gültige, allgemeine Empfehlungen für den Umgang mit der digitalen Transformation liefern. Strategie sei immer individuell.

Wie Lehrstühle sowie Lehrbücher mit diesen Empfehlungen umgehen und wie man sich auf das Echtzeit-Management in der Datenökonomie ausrichtet, bleibt abzuwarten. Zumindest eine Erkenntnis hat sich bei den drei Autoren durchgesetzt: Die Zeit der „Wöhe-BWL“ sei vorbei. Was nun kommt, dass müsste erst erkundet werden. Löblich ist zumindest das Bekenntnis der drei Wissenschaftler, dem Ansatz des Nationalökonomen und Soziologen Joseph Schumpeter zu folgen. In seinem Erstlingswerk „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“ aus dem Jahr 1908 (!) hat er auf die Bedeutung individueller Erscheinungen besonders für die Ökonomik hingewiesen.

Wie Einzelne die Ökonomie verändern

Das erläutert Jesko Dahlmann in seiner vorzüglichen Arbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte“ (erschienen im Metropolis-Verlag). Schumpeter spricht vom methodologischen Individualismus, der vom Handeln Einzelner ausgeht, um kollektive und gesellschaftliche Phänomene nachvollziehen zu können. Nur die Detailuntersuchung könne beachtenswerte Ergebnisse ergeben. Ökonomen besäßen die unglückliche Neigung, viel zu häufig zu aggregieren und auf diese Weise wichtige Unterschiede zu verschleiern. „Hütet Euch vor Durchschnitten“, sagte Schumpeter gern.

Der Entrepreneur ist kein Homo Oeconomicus

Schumpeters Entrepreneur unterscheidet sich deutlich vom so genannten Homo Oeconomicus der traditionellen Wirtschaftswissenschaft. Der Schumpetersche Unternehmer unterläuft das rein ökonomische Kalkül. Es geht ihm nicht um Zweckrationalität, sondern um das Schaffen des Neuen selbst.

Dahlmann verweist auf die wirtschaftssoziologischen Arbeiten von Euteneuer und Niederbacher, die darlegen, dass es an empirischen Belegen für Schumpeters Unternehmerbild mangelt. Diese Figur werde selbst explizit definiert und nur wenige der in der Forschungspraxis auf den Unternehmer bezogenen Hypothesen stehen auf einer soliden theoretischen Grundlage oder sind durch Fallstudien empirisch abgesichert. Was macht also einen Unternehmer konkret aus, der es vermag, die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken? Heute müsste man fragen, wer ist wirklich ein Homo Digitalis, der im 21. Jahrhundert Akzente setzen kann? Es geht dabei um das schöpferische Gestalten und nicht um das passive Konsequenzen ziehen.

Vulgärkapitalisten ohne dauerhaften Erfolg

Dahlmann ist den Schumpeter-Kriterien für den schöpferischen Unternehmer gefolgt und hat neun Persönlichkeiten der zweiten industriellen Revolution ausführlich untersucht. Seine Ergebnisse führen zu Überraschungen, die den vulgärkapitalistischen Lemuren im Silicon Valley wohl überhaupt nicht gefallen werden: Alle ausführlich analysierten Geschäftsmänner haben sich durch ein außergewöhnliches soziales Engagement ausgezeichnet. „Siemens gründete bereits 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für seine Angestellten, weitere Maßnahmen folgten. Rathenau war nicht nur jahrzehntelang Mitglied im karitativen Verein ‚Gesellschaft der Freunde’, auch die AEG-Arbeiter profitierten auf verschiedene Weise von seinem sozialen Verantwortungsgefühl. Oetker zahlte zusätzliche Jahresabschlussvergütungen und Weihnachtsgeld an seine Mitarbeiter, organisierte Betriebsausflüge, richtete eine Kaffeeküche ein, zudem waren die kostenlosen Koch- und Backkurse bei der weiblichen Belegschaft außerordentlich beliebt. Troplowitz reduzierte die wöchentliche Arbeitszeit der Beiersdorf-Angestellten bereits im Jahr 1912 auf lediglich 48 Stunden (üblich waren damals 60 Stunden) bei vollem Lohnausgleich.“ So gehen die Aufzählungen weiter.

Mehr Schöpfer als Zerstörer

Diese Unternehmer waren weitaus mehr Schöpfer als Zerstörer. Sie hatten höhere Ambitionen und starrten nicht einseitig auf Profite. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen“, so Dahlmann. Es waren eben rebellische Unternehmer, die sich nicht mit Effizienzinnovationen zufrieden gaben oder Gewinn-Exzesse über die Entlassung von Mitarbeitern betrieben. Sie starrten nicht auf utopische Renditen, sondern konzentrierten sich auf langfristige Wettbewerbsvorteile über neuartige und bessere Produkte und neue Produktionstechniken. Es waren Unternehmen, die sich durch Erfindungen einen Vorsprung verschafften und nicht durch Kartellabsprachen im Hinterzimmer.

Kann das mit dem Methodenkasten der Mainstream-Ökonomen überhaupt abgebildet werden? Die das Allgemeine betrachten und Einzelphänomene unterschätzen, die auf exogene Faktoren schielen und Maßnahmen nach dem Gießkannen-Prinzip empfehlen? Die Manager ausbilden, aber keine rebellischen Unternehmer, die das Vorhandene in Frage stellen und das Bessere anstreben? Das kann weder die BWL noch die VWL. Schaffen wir also wie Leibniz Akademien als anti-institutionelle Einrichtungen für neues Unternehmertum. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit einer neuen Theorie jenseits des universitären Betriebes.


Image (adapted) „Tastatur“ by JeongGuHyeok (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Das irische Startup-ABC (Teil 2) von M bis S

Bücher (adapted) (Image by jenikmichal [CC0 Public Domain] via pixabay

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die „Tech-Insel“ ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Nachdem ich schon im April ein paar Startups in verschiedenen Regionen Irlands vorgestellt habe, folgt heute der zweite Teil.


In Cork im Südwesten Irlands sind viele große Pharma-, Biotechnologie- und Medizintechnik-Unternehmen beheimatet. Kein Wunder also, dass sich auch Startups solchen Clustern angliedern. Ein Beispiel aus dem Bereich Medizintechnik ist die Firma „Mirai Medical„, ein junges Unternehmen, das sich der effektiven Behandlung von Krebs verschrieben hat. Firmengründer Dr. Declan Soden kann auf 15 Jahre Erfahrung in der Krebsforschung zurückblicken und ist zur Zeit auch General Manager des „Cork Cancer Research Centre„. Bei „Mirai Medical“ hat er eine Energietechnologie namens Electroporation entwickelt, die es möglich macht, minimal-invasiv gegen Krebs im Darmbereich vorzugehen. Klinische Studien der Technologie werden zur Zeit in der Uni-Klinik in Kopenhagen vorgenommen.

Cyber Security ist in aller Munde. Dass Hacker auch vor dem Bereich Gesundheitswesen nicht Halt machen, war beim globalen „WannaCry“-Angriff nur zu offensichtlich als die britische NHS besonders stark betroffen war und es auch einige Probleme beim irischen Gegenstück HSE gab. Das in Dundalk an der Ostküste ansässige Unternehmen „Nova Leah“ hat sich schon seit einer Weile dem Bereich Cyber Security in der Medizintechnik verschrieben. Das Nova Leah-Produkt „SelectEvidence“ ist ein System für Cyber Security-Risikoanalyse bei Geräten, die in Krankenhäusern eingesetzt werden. In einem Bereich mit stets größer werdender Vernetzung bei sich gleichzeitig rapide wandelnder Cyber Security sorgen die „SelectEvidence“-Lösungen dafür, dass Schutzmechanismen stets auf dem neuestem Stand sind, sodass Ärzte und Pfleger sich auf die Gesundheit ihrer Patienten konzentrieren können.

Von M wie „Mirai Medical“ bis S wie „Skytango“

Ein „Plynk“-Geräusch auf dem Smartphone bedeutet nicht immer eine gute Nachricht – bei „Plynk“ aber schon, denn hier hat die Nachricht mit Geld zu tun. Der Money Messenger des Startups ist eine App, die es Usern möglich macht, innerhalb eines Chats (1-2-1 oder in einer Gruppe) Geld zu verschicken oder zu erhalten. Wartezeiten und Gebühren sollen hierbei eliminiert werden, sodass die User Kontrolle über ihre Zahlungen haben. Bei diesem „Instagram meets Money“-Konzept verbindet sich „Plynk“ mit den Facebook-Kontakten des jeweiligen Nutzers, der dann die Möglichkeit hat, mit einer Zahlung Bilder zu senden oder zu empfangen. So kann eine Geschichte zum Geld erzählt werden und einer finanziellen Transaktion der notwendige Kontext gegeben werden.

Ein weitaus schrilleres Geräusch verbunden mit einem Smartphone-Alarm an Familie und Freunde kommt von „Run Angel“ in Cork. Jogger, die sich auf einmal in Gefahr befinden, lösen per Knopfdruck einen 120-Dezibel-Alarm aus und senden gleichzeitig über ihr Smartphone eine Nachricht mit ihrem Aufenthaltsort an Familie und Freunde. Die Idee zum Wearable-Tech „Run Angel“ kam Firmengründer David Caren beim Joggen. Caren wurde von jemandem über den Haufen gerannt, der eine Joggerin verfolgte.

Die Gründer von „Skytango“ haben gemeinsam 30 Jahre Filmerfahrung vorzuweisen. Von Susan Talbot und Steve Flynn, nach ihrer Rückkehr aus den USA im Jahr 2012 gegründet, bietet „Skytango“ Drohnen-Piloten eine Plattform, um ihre Arbeit zu kuratieren und zu verkaufen. Zuzüglich wird es durch die Partnerschaft mit „Audio Network“ noch möglich, die Filme mit lizensierter Musik zu verknüpfen. Das Thema Lizenzen wird bei „Skytango“ generell sehr ernst genommen – Flugdaten und Informationen zu bestehenden Lizenzen von Landbesitzern, die Piloten den Überflug erlauben, geben den Käufern die Garantie, einen legalen Film zu erwerben. Selbstredend muss jeder Pilot auch eine Lizenz besitzen. Am Himmel über Irland wird nicht aus der Reihe getanzt.


Image (adapted) „Bücher“ by jenikmichal (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Niamh Bushnell – die Zarin dankt ab

GRAND CANAL DOCK AREA OF DUBLIN [JUNE 2016]-117259 (adapted) (Image by William Murphy [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Als ich die Dubliner Startup-Beauftragte Niamh Bushnell Ende 2015 zum ersten Mal besuchte, war „The Commish“ von einer irischen Zeitung gerade als Zarin bezeichnet worden. Da die Zarin gerade abgedankt hat, ist nun ein guter Zeitpunkt für ein „Netzpiloten revisited“.

Wenn es um Tech-Themen geht, ist Dublin nicht nur Hauptstadt, sondern gleichzeitig auch ein Dorf. Man hat oft das Gefühl, dass jeder jeden kennt und das ist meistens und eigentlich auch gut so. Kein Wunder also, dass seit Monaten viel geredet, spekuliert und in der Gerüchteküche gearbeitet wurde, was die Zukunft der Dubliner Startup Commission anbetrifft.

Was im Oktober 2014 als Pilotprojekt (oder laut Niamh Bushnell als „Experiment“) begann, wurde von Anfang an sowohl von der Ryan Academy der Dublin City University als auch von der Dubliner Stadtverwaltung tatkräftig und finanziell unterstützt. Hinzu kamen unzählige Unterstützer aus der Tech Community selbst.

Ein Jahr nach meinem Interview mit Niamh Bushnell in ihrem Büro an den „Silicon Docks“ fand an gleicher Stelle ein Boardmeeting statt, nach dessen Abschluss Veränderungen angekündigt wurden. Nicht etwa, weil die Kommission schlechte Arbeit geleistet hatte, sondern gerade weil Niamh Bushnell und ihre Mitarbeiter so viel bewegt hatten, machte es Sinn, Dinge zu verändern. Alle Beteiligten waren sich einig, dass „The Commish & Co.“ etwas erreicht hatten, was für Irland neu und wichtig war – den Charakter und die internationale Reputation Dublins einer Tech- und Innovationsmetropole zu verbessern. Zweifelsohne ein Erfolg vieler Mütter und Väter.

Mit dem Rückblick auf die Erfolge ging sofort der Ausblick auf die Zukunft einher. Zugleich mit ihrem Rücktritt Ende März begann Niamh Bushnell mit der Analyse der verschiedenen Tätigkeitsbereiche der Kommission, verbunden mit einem Plan zur weiteren Entwicklung der einzelnen Felder. Soviel war schon zu Beginn des Jahres klar – auch ohne Niamh Bushnell würden die Startups in Dublin nicht vernachlässigt und wertvolle Arbeit würde unter neuen Dächern fortgeführt werden. Die Publikationen Dublin Globe, The Brekkie und der Tech Concierge-Service gehören nun zum „Digital Hub“, während das Mentoring for Scale-Programm  Teil der DCU Ryan Academy wurde.

Niamh Bushnell (Image by Niamh Bushnell)
Niamh Bushnell (Image by Niamh Bushnell)

Fiach Mac Conghail, der als Geschäftsführer des „Digital Hub“ nunmehr auch die Arbeit von Niamh Bushnell fortführen wird, sprach vom „wichtigen Erbe“, das man angetreten habe. Man sei aber zuversichtlich, dass man der Verpflichtung gerecht werden würde. Niamh Bushnell selbst hat keinen Zweifel daran, dass die Erben um Fiach Mac Conghail weiterhin Erfolg haben werden: „Fiach hat die Visionen und die Energie dazu.“ Visionen und Energie – genau das, was zu spüren war, als ich Niamh Ende 2015 zum ersten Mal für „Netzpiloten“ interviewt habe. Damals sprach sie auch davon, wie sie im April 2014 eine Gruppen-E-Mail über einen „faszinierenden Job“ erhalten und sich sofort beworben hatte. Wie sagt man so schön? „And the rest is history.“

Im Rückblick nennt Niamh Bushnell die Frage, warum es Dublin sein sollte und nicht Startup-Beauftragte für Irland, als eine der am häufigsten gestellten. Heute wie auch damals ist sie davon überzeugt, dass ganz Irland davon profitiert, wenn Dublin in internationalen Rankings weit oben zu finden ist. Sie selbst wird in ihrer neuen Rolle bei TechIreland von ihrer Arbeit im alten Job profitieren können. TechIreland hat eine nationale Agenda – Innovation soll eine irische Marke werden – wie z.B. Kerrygold oder Guinness.

Bei einer der letzten Veranstaltungen, an der Niamh Bushnell als „Commish“ teilnahm, sprach Paschal Donohoe, der Minister für Öffentliche Ausgaben, unter anderem auch über den innovativen Geist Irlands. Sein Zitat aus einem Roman von Donal Ryan ist für sie so etwas wie ein Bogen zwischen alter und neuer Aufgabe: „Gerede ist doch irgendwie nichts anderes als Lügen. Nur, wenn man es wirklich macht, wird es zur Wahrheit.“ Sie habe als Startup-Beauftragte viel darüber geredet, wie toll Dublin doch sei. „Was jedoch als nächstes passiert – da geht es darum, Dinge zu tun. Es geht darum, etwas zu bewegen – für Dublin und zum Wohle des ganzen Landes.“ Große Worte, denen aber, da sie von Niamh Bushnell gesprochen wurden, mit Sicherheit auch Taten folgen werden.


Image (adapted) „GRAND CANAL DOCK AREA OF DUBLIN [JUNE 2016]“ by William Murphy (CC BY-SA 2.0)


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Check-up Ireland: FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essensarmut

Irland, Ireland, Natur, Sonne, Schnee, Frost, Winter, Sonnenstrahlen, Weihnachten

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essens-Armut

Wohltätigkeit wird nicht nur in Irland gerade in der Vorweihnachtszeit großgeschrieben. Es wird rege gespendet für Bedürftige in Haiti oder Syrien, aber auch für Obdachlose in der eigenen Stadt. Der Crash mag vorbei sein und die Wirtschaft mag wachsen, doch nicht überall ist die Wende zu spüren. Das hat die Regierung bei der Wahl erfahren, als trotz sinkender Arbeitslosigkeit aus einer satten Mehrheit eine wankende Minderheitsregierung wurde. Zu viele Erwachsene, aber vor allem zu viele Kinder werden in Dublin nicht satt. Das Gerede vom neuen Boom ist die alte Leier derer, die eh schon genug Geld haben. Statt des wiedererwachten keltischen Tigers sehen die Armen in Vororten wie Tallaght nur streunende Katzen – die aber wenigstens die Ratten vertreiben.

Nicht von ungefähr wurde Tallaght gewählt, um eine neue Initiative vorzustellen, die der Essensarmut den Kampf angesagt hat. „FoodCloud“, eine Online-Plattform, die Geschäfte, die überschüssige Lebensmittel haben, mit Wohltätigkeitsorganisationen zusammenbringt, hat sich mit der „Bia Food Initiative“ vereint, einem Betreiber von Depots in ganz Irland, über die Essen umverteilt wird. Deren neuer Name lautet „FoodCloud Hubs“ und im Sinne von „gemeinsam sind wir stark“ hilft man jetzt den Schwachen in Irland, Essensarmut zu überwinden. FoodCloud bietet Lösungen für überschüssige Lebensmittel bei jedem Schritt der Lieferkette an.

Neben Bedürftigen aus Tallaght und den unvermeidlichen Politikern fanden sich beim FoodCloud-Launch auch viele Mitglieder der Startup-Community, die sich auch bei „normalen“ Startup-Events über Technologien informieren oder Lösungen diskutieren. Das Wie, Wer und Wo zu Finanzierung und Talent-Aquise wurde bei diesem Anlass aber vom Was-kann-ich-tun und Wo-kann-ich-mich-einbringen in Bezug auf Social Enterprise ersetzt. Über der FoodCloud schwebten hier die Gedanken des Dubliner Tech-Kosmos zu Bereichen wie Umwelt, Verschwendung und Ernährung. Nichts fühlte sich hier abgehoben an. Für die Bodenhaftung sorgten allein schon die Menschen aus Tallaght und deren Schicksale, sowie die Lieder des High Hopes Choir, der aus Obdachlosen besteht.

So manch einer der anwesenden Gründer hat sich aber in Tallaght nicht zum ersten Mal mit Unternehmensvorsätzen beschäftigt. Mehr und mehr geht „Social“ mit „Enterprise“ einher – Startups und ihre Netzwerke diskutieren innovative Lösungen zu alten Problemen und sorgen somit dafür, dass Tech vollkommen neue Schichten der Bevölkerung durchdringt. Populistisches Gerede à la Trump von der „Tech-Elite, die nichts für die Zurückgelassenen tut“, würde zumindest in Tallaght nicht gut ankommen. Der Mann hat eh mit seinem Luxus-Golf-Ressort an der Westküste Irlands, wo die Elite Greenfees um die 200 Euro zu zahlen hat, genug zu tun.

Auch im Bereich Social Enterprise beweisen irische Initiativen und Unternehmen wie FoodCloud, dass die Lösungen, die lokal funktionieren, oft auch global eingesetzt werden können. CoderDojo oder ChangeX sind weitere Beispiele, die eine Würdigung verdienen – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.


Image Irland by flesheatingbug (CC0 Public Domain)


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Frühling im November – Umzug in die Wüstenmetropole Dubai

Dubai Skyline (adapted) (Image by Fariz Safarulla [CC BY-SA 20] via flickr)

Kann man bei den Temperaturen eigentlich überleben? Und musst du jetzt ein Kopftuch tragen? Dubai wirft viele Fragen auf, die ich in meiner Kolumne über meine neue Wahlheimat beantworten möchte. Welcome to the #SmartCity!

Dubai Skyline (Quelle: instagram.com/marenberlin/)

Der Hitze trotzen

Winter, strahlend blauer Himmel und 30 Grad. Dubai ist nicht nur gefühlt eine völlig neue Welt – auch lässt es sich in dieser Wüstenmetropole ganz anders leben. Angekommen bin ich hier in den heißen Sommermonaten, vor denen mich die Europäer dringend und die hier lebenden Expats müde lächelnd gewarnt haben.
Die bis zu 50 Grad tagsüber lassen sich aber gut aushalten – Wohngebäude und Geschäftshäuser werden auf angenehme 25 Grad heruntergekühlt und zur Fortbewegung nutzt man Auto, Bus oder Bahn. Den Fehler, die paar Meter laut Google Maps zum nächsten Supermarkt zu Fuss zu laufen, machen Neuankömmlinge in Dubai nur ein Mal. Wer es tatsächlich bis zum Supermarkt durchhält, bestellt sich für den Rückweg ein Taxi oder nimmt öffentliche Verkehrsmittel, die der Hitze geschickt trotzen. Denn sogar die Bushaltestellen werden hier in Dubai klimatisiert!

klimatisierte Bushaltestelle (Quelle: twitter.com/marenberlin/)

Ein Blick in Bus und Bahn lohnt sich, um einen ersten Eindruck von der fremden Stadt zu gewinnen. Hier spielt sich nämlich das Leben ab, während draußen die Sonne die Luft zum Flimmern bringt.

Zwischen Tradition und Moderne

Wie kleine Ufos sehen die Wartehäuschen der Busse aus, die ähnlich wie die Raucherkabinen an Flughäfen mit Schiebetüren die Luft im Innenraum mit der von Draußen trennt. Optisch kommen die Haltestellen den neumodernen Metro-Stationen nahe, die die Fahrgäste der erst 2009 gebauten vollautomatischen, fahrerlose Bahn empfangen.
Zwei Linien halten an Stationen wie „Dubai Internet City“ , „Business Bay“ aber auch „Khalid Bin Al Waleed“. Der bunte Mix aus arabischer Tradition und internationaler Moderne der Stadt ist am Metro-Plan abzulesen – und an den vielen Menschen, die tagtäglich aus den Wagons strömen. Hier sieht man alle Nationen der Welt in ihren unterschiedlichen Gewändern. Hotpants laufen neben indischen Saris, Anzügen neben Latzhosen.

Woman and children only

Der rosa markierte Bereich im Wagon und auch auf den Gleisen ist für Frauen vorgesehen, der gerne von den mehr oder weniger verhüllten Damen genutzt wird. Wer sich als Mann dazugesellt, kassiert 1000 AED Strafe.

#onlyforwomen (Quelle: twitter.com/marenberlin/)

Auch als Europäerin passe ich mich gerne dieser Trennung an, da die Frauen-Wagons meist weniger voll sind und einen vor Blicken derjenigen schützen, die den engen Kontakt mit Frauen nicht gewohnt sind. Und nein, man muss in Dubai keine Kopfbedeckung als Frau tragen. Das war die Frage, die mir mit meinem Umzug in die Wüste am häufigsten gestellt wurde. Interessant, wie sehr unsere heutige Welt vernetzt ist und wie wenig man eigentlich aus dem Alltag anderer Ländern weiß. Es ist wohl an der Zeit, ein wenig Aufklärungsarbeit zu leisten.

Dubai- das moderne Emirat

Dubai ist unter den Vereinigten Arabischen Emiraten das Modernste und konkurriert mit der reicheren „großen Schwester Abu Dhabi“, so wie es Felicia Engelmann in ihrer „Gebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate“ passend umschreibt, um globale Aufmerksamkeit. Das zeigt sich an architektonischen Superlativen, der Expo, die 2020 auf dem Plan steht aber auch anhand der Offenheit gegenüber fremden Kulturen, die die Tür zur Welt ein Stückchen weiter öffnet. Diese ist auch unvermeidlich, sind doch von den 9.2 Millionen Einwohnern in Dubai nur 1.4 Millionen arabischer Nationalität. Darum ist es auch kein Muss, Arabisch zu sprechen, um in die Metropole zu ziehen- obwohl es natürlich erstrebenswert ist. Gebrochenes Englisch mit den Akzenten der Welt ist hier die inoffizielle Landessprache.

Hotel Fairmont The Palm (Quelle: instagram.com/marenberlin/)

Doch wird die arabische Kultur nicht untergraben und Respekt vor ihrer Tradition erwartet – was sich wieder in der Kleiderfrage am besten zeigen lässt: an touristischen Orten sind zwar kurze Hosen und Tops weitgehend geduldet, doch schon in kleineren Einkaufszentren wird offiziell darauf hingewiesen, dass Schultern und Knie bei den Damen bedeckt gehalten werden sollen. Selbsterklärend verhält es sich auch so im professionellen Umkreis und auch in den Vororten bzw. lokalen Gegenden, in die sich nur wenige Besucher wagen.

Egal wie man bekleidet ist – ins Schwitzen kommt man sowieso bei den unmenschlichen Temperaturen- sei es in Shorts, dem traditionellen arabischen Gewand Abaya oder der Burka, die sogar das Gesicht verschleiert.

Frühling im November

Wer den Sommer über in der Wüste durchhält, freut sich dann gemeinsam mit allen Einwohnern Dubais über den Einbruch des Winters.
Dann kommt endlich Leben auf die Straßen, da die Temperaturen sinken und damit die von der Natur gewollten Ausgangssperre aufgehoben wird.
Auf einmal zeigt das Thermometer nur noch 28 Grad zur Mittagszeit an. Geradezu kühl erscheinen die Abende, wenn zu den 25 Grad dann auch noch ein kleiner Wind weht. Lachend holen die Expats ihre Strickjacken aus der hintersten Ecke des Kleiderschranks, schicken Selfies mit „oh hier ist es aber kalt“ in die frierende Heimat und gehen in den Malls Winterjacken für den Weihnachtsurlaub shoppen.

Und während sich die Schaufenster so langsam auf die besinnliche Zeit einstellen, Kunstschnee liebevoll neben Plastikweihnachtsmänner drapiert wird, strömen die Massen wieder ins Freie, die Terrassen der Cafés füllen sich und der Kalender kann sich vor Freiluft-Events kaum noch halten.

Endlich ist Frühling im November!


Image (adapted) „Dubai Skyline“ by Fariz Safarulla (CC BY-SA 2.0)


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Wie man Dummschwätzer im Management enlarvt

Coffee Calls a Meeting (adapted) (Image by Keoni Cabral [CC BY 2.0] via Flickr)

Viele Konzernmanager denken nur an die gut geölte Effizienz der Belegschaft und die Bonus-Zahlungen ihrer Fünfjahres-Verträge. Ist es nicht an der Zeit, ihr leeres Geschwätz zu entlarven? Wenn junge Menschen ihre Karriere planen, dominieren klassische Erwartungen. Rund 40 Prozent wollen in den öffentlichen Dienst, 15 Prozent streben einen Job in einer staatsnahen Einrichtung an und 20 Prozent träumen von einer Konzernlaufbahn. Dahinter steckt das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Eine trügerische Hoffnung. Selbst in öffentlich-rechtlichen Institutionen müssen sich Mitarbeiter mit Zeitverträgen und einer wenig planbaren Zukunft herumschlagen zu höchst bescheidenen Konditionen. Man erwartet Überstunden und volle Leistung. Geizig sind öffentliche Auftraggeber beim Versprechen einer Festanstellung.

Konzernträume und bürokratischer Alltag

Wenig Erbauliches erleben die Nachwuchskräfte im bürokratischen Organisationsmoloch von großen Unternehmen: „Die Abstimmungs- und Koordinationsprozesse in Konzernen fressen unglaublich viel Zeit und kosten Nerven, die langwierigen Konsensrituale führen meist zu durchschnittlichen Ergebnissen. Ich blieb jeweils nur so lange in einer Organisation Konzern, wie ich dort unternehmerisch handeln konnte“, bemerkt „Mister Personalmanagement“ Thomas Sattelberger im Interview mit „Der Bund“.

Abgesehen von den immer gleichen Büro-Büro-Mahlzeit-Ritualen sind auch die Zukunftsperspektiven unwägbar geworden. „Wer glaubt, als abhängiger Angestellter die nächsten 30 Jahre in einem Konzern überleben zu können, wird ein böses Erwachen erleben“, warnt Sattelberger. Von den größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland würden mindestens zehn in schwerwiegenden Problemen stecken.

„Disruptive Brüche und Innovationen gefährden die Geschäftsmodelle vieler Traditionsunternehmen; die Firmengrenzen werden durchlässig„, erklärt der frühere Telekom-Personalvorstand. Und nicht nur das. Deutsche Konzerne werden im internationalen Wettbewerb immer schwächer: Apple, Amazon, Ebay, Facebook und Google sind ungefähr so viel wert wie alle DAX-Konzerne im vergangenen Jahr. Einige dieser Firmen sind überhaupt nicht mehr existent wie die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, Bayerische Vereinsbank, Degussa, Dresdner Bank, Deutsche Babcock, Feldmühle Nobel, Hoechst, Karstadt, Mannesmann, Nixdorf, Schering, Thyssen oder Viag. Ähnliches kann man selbst im Mittelstand beobachten, wenn man sich den Niedergang von Loewe und Schlecker betrachtet.

Wer bringt neue Dienste und Produkte?

Wer von den teutonischen Vorzeigeunternehmen ist denn in der Lage, immer wieder Neues hervorzubringen? Statt auf Erfolge der Vergangenheit zu starren oder sich mit Bullshit-Controlling-Messgrößen über Wasser zu halten, um die Shareholder bei Laune zu halten, sollten Unternehmen lieber überprüfen, wie hoch der Umsatzanteil von Produkten und Diensten ist, die älter als drei Jahre sind. „Dieser Anteil sollte mindestens bei 20 Prozent liegen – ohne Schönfärberei, damit das Messen nicht vermessen wird“, rät der Düsseldorfer Innovationsberater Jürgen Stäudtner vom Netzökonomie-Campus.

Noch wichtiger wäre es, das Land von den Talkshow-Dauergästen und Lobby-Schwätzern zu befreien, die uns mit Exporterfolgen, gut aufgestellten und fokussierten Sätzen benebeln oder mit New-Age-Weisheiten ins Koma reden – etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das mit ganzheitlichen Esoterikritualen in Luxushotels aufwartet, damit alte Seilschaften die Öffentlichkeit mit neuen Phrasen bedienen können. Schon am zweiten Tag erstickt man beim Elitetreffen in den Schweizer Alpen an einer Wolke von Abhandlungen und Parolen, die alle direkt aus irgendwelchen Handbüchern für Persönlichkeitsentwicklung und positive thinking entnommen sind, schreibt Emmanuel Carrère in dem Band „Davos. Im Disneyland der Großen“. Die inflationäre Beschwörung von positiven Floskeln und die völlige Entkopplung von jeder Alltagserfahrung sind beim Davoser Klassentreffen so penetrant, dass auch der gelassenste Beobachter am Ende zwischen revolutionärer Empörung und schwärzestem Sarkasmus hin und her schwankt.

Wenn alternative Jurten und Iglus nicht mehr weiterhelfen

Man sollte das Ganze nur noch mit Gelächter begleiten angesichts dieser Kilometer von selbstgefälligen, überzogenen Kommuniqués, die dazu einladen, „to improve the state of the world“, den Zustand der Welt zu verbessern, „to expect the unexpected, das Unerwartete zu erwarten – nur nicht den eigenen Niedergang. Dafür sollte man aber „to face the talent challenge“, also die Talentsuche als Herausforderung annehmen und irgendwie „to enter the human age“ – also Eintreten ins Zeitalter der Menschen oder so. Wie kann man bei dieser Wackelpudding-Rhetorik Gegenwind produzieren?

Sicherlich nicht via Iglus und Jurten der Bewegung Occupy Davos mit einem kleinen Häuflein von zwanzig Schweizer Jung-Sozis, die sich den Hintern abfrieren und brav Flugblätter verteilen, die überhaupt nichts Revolutionäres enthalten: „Nieder mit den Finanzgeschäften“ oder „Unser Leben ist mehr als Eure Profite“ haut nun wirklich keinen Banker vom Sockel. Am Schluss winkt dann vielleicht eine Diskussionsrunde mit dem täglich meditierenden Davos-Häuptling Klaus Schwab zum Thema „Warum wir Euch brauchen?“.

Lasst euch vom Ungefährismus-Management nicht mehr verscheißern

Wir sollten uns einfach von den liebwertesten Gichtlingen des Establishments nicht mehr verscheißern lassen, sondern sie als das darstellen, was sie sind: schamlose Hohlköpfe mit einem unerträglichen Sendungsbewusstsein. Es sind Verkäufer von Nichtigkeiten, die sich in einem „organisatorischen Ungefährismus“ergehen, wie die Figur Johann Holtrop aus dem gleichnamigen Roman von Rainald Goetz. Bei jeder Nachfrage wird deutlich, dieser Middelhoff äh Holtrop weiß ja gar nichts. Im Konkreten wusste er nichts und bluffte dabei schamlos. In der Regel sind es keine Schurken großen Stils, sondern perfekte Organisatoren ihrer Top-Positionen. Sie denken an die blitzsaubere und gut geölte Effizienz der Belegschaft und an die Bonus-Zahlungen ihrer Fünfjahres-Verträge inklusive Abfindungsmodalitäten. Wäre es da nicht an der Zeit, ihr leeres Geschwätz und ihre Schaufenstergestaltung mit einer neuen APO zu entlarven?

Sattelberger ist gewillt, daran mitzuwirken. Nur durch eine starke zivilgesellschaftliche Bewegung würden wir das hinbekommen. Allerdings anders organisiert als vor 50 Jahren.

Diese neue, moderne, außerparlamentarische Opposition muss sowohl die digitalen wie die realen Räume nutzen, sie muss sich sowohl Denklabore durch streitbare öffentliche Debatten als auch Reallabore in Unternehmen, Hochschulen und anderen gesellschaftlichen Organisationen schaffen. Im Disput, in der Auseinandersetzung hoffentlich genauso rebellisch und innovativ, was die Verabschiedung alter Dogmen und Scheinsicherheiten anbetrifft. Ich halte jedenfalls nicht die Klappe.

, proklamiert Sattelberger.

Wir halten unsere Klappe schon lange nicht mehr und wollen das Thema in einem Netzökonomie-Campus Spezial beim Barcamp Arbeiten 4.0 der Bertelsmann(!)-Stiftung aufgreifen. Live und ungeschminkt am Mittwoch in einer Session, die wir ab 14 Uhr über Hangout on Air ins Netz übertragen. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe #nöcbn

Man hört, sieht und streamt sich bei der rebellischen Diskussionsrunde.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Coffee Calls a Meeting“ by Keoni Cabral (CC BY 2.0)


 

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Digitale Agenda gesucht

Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA (adapted) (Image by Wonderlane [CC BY 2.0] via Flickr)

Von Abfall bis Zahnbürste, alles wird digital. Wie aber bringen wir Gabriel und Co. dazu, das auch zu verstehen? Netzökonomie-Campus-Initiative ist ein höchst pragmatischer Vorschlag in die Diskussion geworfen worden, wie man internet-aversive Unternehmer, Verbandsfunktionäre und sonstige relevante Entscheider in Teutonien ins Netzzeitalter katapultieren könnte. Man ummantelt schlichtweg die analogen Organisationen, Maschinen, Produkte, Services und Verwaltungsaufgaben mit einer digitalen „Schicht“. So eine Art „Verwaltungsschale“.

Mit Vernetzungskonzepten überzeugen

Dann wird vielleicht auch dem Mittelständler im schönen Westerwald, dem Kommunalpolitiker in Buxtehude und dem Wissenschaftler am Overhead-Projektor an der Uni Koblenz klar, was passiert, wenn man sich nach außen vernetzt. Alles, was analog ist, bekommt an irgendeiner Schnittstelle den Zugang zur binären Logik. In unserem eigenen Haus habe ich das schon längst umgesetzt, da es immer noch keine umfassenden Vernetzungskonzepte für die eigenen vier Wände aus einer Hand gibt. Unsere alte Yamaha-Musikanlage – der unkapputbare Verstärker stammt noch aus meiner Uni-Zeit in den 1980er-Jahren – ist beispielsweise mit dem Airport von Apple verdrahtet und spult alles herunter, was in der digitalen Bibliothek abgerufen werden kann. Warum sollte ich also die High-End-Teile für satten Sound als Elektronikschrott entsorgen?

Legobau-Kenntnisse: Kleine Schritte in die digitale Transformation

Wer mit kleinen Digital-Experimenten operiert, bekommt schnell Appetit auf mehr. Was mit robusten Verstärkern möglich ist, kann man auch mit TV, Waschmaschine, Geschirrspüler, Beleuchtung und mit dem kompletten Haus bewerkstelligen – unabhängig vom Hersteller und vom Betriebssystem. Schnell landet man bei Open Source, offenen Schnittstellen und Protokollen – auch wenn man diese Begriffe überhaupt nicht im Vokabular führt. Legobau-Kenntnisse aus der Jugendzeit reichen aus.

So kann man mit Legostein-ähnlichen Klemmen des Anbieters Digitalstrom analoge Geräte wie Lampen, Rauchmelder, Rollos und Haushaltsgeräte mit wenigen Handgriffen digital aufrüsten. In dem Lichtschalter von Digitalstrom befindet sich nicht nur eine Kommunikationseinheit, die man über das Internet steuern kann, sondern auch ein Sensor für Licht und Geräusche, wie Hannes Schleeh in einem Blogbeitrag ausführlich erläutert: Allein dadurch könne die bisher nur ein- und ausschaltbare Leuchte gedimmt, per Licht und Geräusch gesteuert werden. Das offene und modulare Konzept bietet Herstellern und Kunden nach Ansicht von Schleeh die Möglichkeit, individuelle Konzepte mit unendlichen Variationen auf den Weg zu bringen und eine Schneise für das Internet der Dinge zu schlagen.

Lernen vom ersten Hacker des 13. Jahrhunderts

Wenn Produkte und Services mit kleinen Stellschrauben für die digitale Welt anschlussfähig gemacht werden, vollzieht sich das Wunder der Kombinatorik auf den Spuren des Geistlichen Raimundus Lullus. Er hat die Digitalisierung bereits in seinem Hauptwerk „Ars Magna“ im Jahr 1300 auf Mallorca vorgedacht. Seine logischen Entwürfe wurden von den Wissenschaftlern Werner Künzel und Peter Bexte in die Computersprachen Cobol sowie Assember auf einen Großrechner übertragen und erwiesen sich als ablauffähige Software – nachzulesen in dem viel zu wenig beachteten Opus „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“, erschienen im Insel-Verlag und über Amazon als antiquarische Kostbarkeit zu humanen Preisen noch verfügbar. „Lullus war der erste Hacker in den himmlischen Datenbanken“, schreiben die beiden Autoren.

Wo ist die digitale Agenda, die diesen Namen verdient?

Seine Kombinatorik leistet bereits die Verknüpfung von allem mit allem. So entstehen Netzwerke, als deren ältester Programmierer der merkwürdige Mönch in dem von mir mehrfach besuchten Kloster auf dem mallorquinischen Berg Randa gilt. Wie wäre es, wenn die liebwertesten Neuland-Gichtlinge der Großen Koalition und sonstige Null-Eins-Skeptiker im Lullus-Refugium in Klausur gehen würden? Sie könnten mit der ab 1275 konzipierten Denkmaschine ein Werkzeug ausprobieren zum Finden und Erfinden von komplizierten Fragen, zum Entwerfen und Erobern neuer Räume des Denkens – eine scharfe Waffe des erkennenden Verstandes für eine digitale Agenda, die diesen Namen verdient. Ein Fernrohr für den digitalen Geist!

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Image (adapted) „Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA“ by Wonderlane (CC BY 2.0)


 

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Digital und Mittelstand – Symbiose gewünscht

Network (adapted) by Claus Rebler (CC BY-SA 2.0) via Flickr

Warum wir digital scheitern – Mittelstand und Netzszene im Zustand des gegenseitigen Nichtverstehens! Ein Umdenken ist längst überfällig. Mehr denn je braucht Deutschland für den neuartigen, disruptiven Wandel von Ökonomie und Gesellschaft den Dialog zwischen Mittelstand und Netzszene. Ein „Weiter so“ ist ebenso wenig eine Option wie eine Dialogunfähigkeit zwischen den relevanten Gruppen. Die Wirklichkeit sieht allerdings so aus.

Von den wenigen netzökonomischen Impulsen, die jenseits der Lieblingsthemen der re:publica in Berlin in diesem Jahr vermittelt wurden, hat Ole Wintermann in einem Blogbeitrag die wichtigsten Erkenntnisse für die Wirtschaft zusammengetragen:

Wir müssen gegen die Vorstellung der Traditionalisten argumentieren, die meinen, dass es sich bei den Folgen der Digitalisierung allein um eine Skalierung oder lineare Fortschreibung vorhandener Prozesse handeln würde. Es herrscht im Einklang damit ein relativ großes Unverständnis über die Bedeutung der digital ermöglichten Disruption und ihre Bedeutung für angestammte Tätigkeitsfelder eines Unternehmens oder auch einer Institution. Die Gesellschaft der zwei Geschwindigkeiten findet sich zunehmend auch innerhalb von Unternehmen. Die von Zuckerman beschriebene Systemkrise infolge von steigendem Misstrauen dürfte als Nächstes die Unternehmen treffen.

Vernetztes Arbeiten verändert Unternehmen

Das vernetzte Arbeiten würde systematisch dem in der deutschen Industrie tief verankerten Ingenieursdenken widersprechen, da es dezentral kreativ, netzwerkbasiert und multikausal ausgerichtet ist. Dieser Widerspruch dürfte für Deutschland bald zum Problem werden. So wie der Wechsel auf digitale Plattformen die Macht der Kunden über Rezensionen, Transparenz und netzöffentlichen Druck gegenüber Konzernen gestärkt habe, wird Arbeiten 4.0 die Position der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber verändern.

Sind deutsche Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet, fragt sich Wintermann. Ist die Netzszene darauf vorbereitet?

Wer ist eigentlich das Monster in diesem Zustand des gegenseitigen Nichtverstehens? Diesen Aspekt behandelte Marco Petracca in einem bemerkenswerten re:publica-Vortrag mit einem Lagebericht aus den Chefbüros mittelständischer Industrieunternehmen.

Monströse Netzszene und provinzielle Mittelständler

Die Hidden Champions des produzierenden Gewerbes blicken auf ihre Erfolgsgeschichten und können mit den Themen der Blogosphäre wenig anfangen. Dieses Ausblenden der neuen digitalen Wirklichkeiten wird zu Recht von der Netz-Community kritisiert. Aber ist das wirklich das einzige Problem, was uns an unserem Transformationserfolg hindert?

Sind wir in der Netzszene nicht viel monströser? Wir treiben mit hoher Geschwindigkeit die digitalen Themen voran und vergessen schlichtweg, diese Leute in der Provinz abzuholen„, so Petracca.

Die Lebenswelten von Mittelstand und Netzaktivisten klaffen weit auseinander. Firmeninhaber, Techniker und Ingenieure haben eine eher verschlossene Mentalität und sehnen sich nach Stabilität, die man in der Provinz vorfindet. Die Kommunikation endet häufig am Ortsausgangsschild. Das steht nach Auffassung von Petracca im krassen Widerspruch zu dem, was wir im Netz machen.

Wir reden über Dialog und den Austausch von Wissen. Viele Unternehmen tun sich hingegen schwer, das zu kommunizieren, was sie ausmacht. Das ist kulturell tief verankert. Mittelständler sind sehr stark von ihrer Leistung geprägt, von Innovationen und Patenten. Das soll aber keiner wissen. Wir sind angetrieben von Denkansätzen wie Sharing, Share Knowledge, Big Data und einer Kultur der Beteiligung. Da ist der Kollisionskurs vorprogrammiert.

Betriebsgeheimnis soll Betriebsgeheimnis bleiben. „Bei uns ist jede Information auch eine Transaktion„, erklärt Petracca. Was auf Konferenzen wie der re:publica abläuft, sei hochgradig spannend, hat aber nur wenig mit dem Erfahrungshorizont der Hidden Champions zu tun. Was wir offerieren, passe nicht zu den Anforderungen der Unternehmen.

Der Austausch wäre jedoch wichtig. Spätestens wenn die Betriebe auf Wettbewerbsprobleme stoßen, die die digitale Sphäre auslöst. Wenn etwa Kunden der Hidden Champions Anlagen direkt über chinesische Absatzmärkte oder indirekt über eine Plattform wie Alibaba ordern und das deutsche Unternehmen mit dem dreifachen Preis auf der Strecke bleibt, wenn sie sich nicht zuvor auf diese neuen Herausforderungen vorbereitet haben.

Der blinde Fleck der Digitalisierung

Maschinenbauer, Schraubenhersteller und auch eine Vorzeigefirma wie Würth glauben nach wie vor, dass ihre Geschäftsmodelle den persönlichen Austausch bedingen. Ihre Leistungen würden online nicht funktionieren, lautet ein typischer und reflexartiger Satz von Industrievertretern. „Das kollidiert doch mit der Welt, in der ich die Netflix-Aufladekarte mittlerweile an der Penny-Kasse bekomme oder meine Schrauben günstiger bei Amazon bestellen kann„, sagt Petracca.

Diese Welt ist dem Mittelstand fremd. Genauso fremd sind der Netzszene praxisrelevante Lösungsvorschläge, um Änderungen zu bewirken.

Der blinde Fleck in der Digitalisierung liegt also nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch an der Mangelhaftigkeit der netzökonomischen Kompetenz von digitalen Diskursen. Wir sollten also weniger über die digitalen Vorzeigeprojekte von Red Bull, Coca Cola & Co. sprechen oder stupides Online-Marketing-Blabla durch die Gegend pusten, sondern über handfeste digitale Strategien für Firmen wie EDAG Engineering in Fulda nachdenken.

Die neue Plattform-Logik

Besonders die neue Logik des Netzes muss eindringlicher vermittelt werden, denn sie betrifft auch das B-to-B-Segment. Wie aber reagiert man auf die neuen Herausforderungen? Im Zusammenhang mit der digitalen Transformation fällt immer öfter der Begriff „Plattform“. Häufig wird dabei an Google, Apple oder Uber gedacht. Plattform-Theoretiker wie der US-Ökonom Van Alstyne gehen weit darüber hinaus. „Ich definiere eine Plattform als einen veröffentlichten Standard, mit dem sich andere verbinden können, zusammen mit einem Governance-Modell, also den Regeln, wer wie viel bekommt.“ Praktiker wie Zhang Ruimin erkennen ein völlig neues Management-Konzept:

„In Zukunft gibt es nur noch Plattform-Inhaber, Unternehmer und Mikrounternehmer. Unsere fünf Forschungszentren weltweit funktionieren heute schon wie Plattformen, auf denen Unternehmer zusammenarbeiten. Die Firma der Zukunft hat keine Angestellten mehr„, erklärt der Haier-Chef gegenüber der „Wirtschaftswoche„.

Eine solche Plattform-Sichtweise hinterfragt nach Ansicht des Netzwerk-Spezialisten Winfried Felser alle Unternehmen. „Es geht nicht mehr nur um die eigenen Ressourcen und Kompetenzen, sondern immer mehr auch um den Zugang zu Netzwerken. Hier gilt es die Qualität der eigenen ,Plattform-‘ bzw. ,Netzwerk-Kompetenzen‘ ebenso zu gestalten wie man bisher die Kernkompetenzen gemanagt hat.“

Innen und außen seien Begriffe der alten Ökonomie. Der Nutzer werde zum Produzenten und die Schnittstelle geht von der reinen Transaktion in Richtung Co-Produktivität.

NetzökonomieCamp als Plattform für die Plattform-Ökonomie

Der Wandel betrifft dabei alle bisherigen Wertschöpfungsstrukturen. Auch Veranstaltungen werden neu definiert. So wird bei Barcamps bereits unter Beweis gestellt, wie aus passiven „Konferenzkunden“ kreative „Mitproduzenten“ werden können, die Themen selbst bestimmen und sich interaktiv organisieren. „Kunden sind aber auch nicht nur Mit-Gestalter, sondern auch Mit-Akquisiteure, wenn sie beispielsweise Empfehlungen zum Unternehmen aussprechen oder sogar die Empfehlungs-Akquise immer mehr aus dem Netzwerk der eigenen Promotoren erfolgt„, resümiert Felser, Mitorganisator des NetzökonomieCamps, das am 21. und 22. November in Köln stattfindet.

Das erste netzökonomische Barcamp ist deshalb sowohl der richtige Ort, um der klassischen Wirtschaft gemeinsam einen neuen Geist einzuhauchen, und eine Veranstaltung zu etablieren, die nach den Prinzipien der neuen Denke zu realisieren ist.

Wie das konkret gelingen soll, ist Thema des nächsten Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 7. Juni.

 

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Teaser & Image „Network“ (adapted) by Claus Rebler (CC BY-SA 2.0)


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Wenn nur noch Zynismus hilft

Close up person using smartphone (adapted) (Image by Japanexperterna.se [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Kommunikation in Unternehmen besteht oft nur noch aus positiven Phrasen. Wenn Mitarbeiter dann zynisch werden, ist es meistens schon zu spät. Bernhard Steimel prangert in einem lesenswerten Beitrag die Hybris der Social-Media-Priester an: Sie würden Wasser predigen und Wein saufen. Sie selbst seien im Ego-Shooter-Modus unterwegs und pflegten die Kunst der Selbstinszenierung.

Die selbsternannten Gurus predigen eine Kultur des Teilens und sind selbst mehr als geizig beim Verschenken von Aufmerksamkeit und Link-Autorität. Sie fordern Dialogbereitschaft, turnen aber nur im Sender-Modus durchs Netz. Nur die Maschine der Selbstvermarktung läuft auf Hochtouren. Mit Facebook, Twitter & Co. sei nur ein neues Marketing-Silo entstanden, betont Steimel.

Ist das nun ein reines Marketing-Problem? Wohl nicht. Es liegt am kompletten Management in Unternehmen und sonstigen Institutionen, die sich in der Öffentlichkeit als abgeschottete Einheiten ausschließlich im Schönwetter-Modus darstellen.

Social-Media-Äffchen mit Robotik-Prosa

Dazu zählt übrigens auch Google. Jeden Dienstag kann man das in dem Hangout-on-Air-Format „Google Partner Aktuell“ bewundern.

Da wird nicht nur die Begrüßung vom Teleprompter abgelesen, sondern auch die Fragen und Antworten ohne Beteiligung des Publikums. Der Frage-Button, den ich bei meinen Live-Hangouts immer einsetze, war bei allen Sendungen, die ich mir angeschaut habe, deaktiviert. Übrig bleibt ein skriptgesteuertes und schlecht präsentiertes Werbe-Blabla mit dem Charme von Robotik-Prosa.

Nina Kalmeyer hat das als Reaktion auf den Steimel-Beitrag auf den Punkt gebracht: „Wenn das Management wirklich Interesse am Dialog hätte, gäbe es weitaus weniger Social-Media-Äffchen. Aber so ist es doch für beide Seiten sehr bequem. Oberflächlich wird was getan und ändern braucht man (noch) nichts. Allen geht es (noch) gut – die Kultur, die in den meisten Unternehmen herrscht, verträgt ehrlich gesagt auch nicht mehr – ernst wird es erst, wenn die Kunden solchen Unternehmen den Rücken kehren und dann ist es eh meistens zu spät.“

Hosenscheißer im Top-Management

Letztlich machen sich die meisten Führungskräfte in die Hosen, wenn sie ohne Sprachregelungen, ohne Powerpoint-Rhetorik und ohne Kontrollmöglichkeiten mit Kunden, Bloggern oder Journalisten sprechen müssten. Also glänzen sie vor allem im Netz durch Abwesenheit. Was die Vernetzung deutscher Firmen- und Konzernlenker in digitalen Medien angeht, sieht die Lage desolat aus, schreibt die PR-Beraterin Kerstin Hoffmann: „Oft ist buchstäblich kaum jemand bereit, den Kopf hinzuhalten.“

Da bedient man die Öffentlichkeit lieber mit einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern: „Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, so der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll.

„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Betriebssysteme in Organisationen ändern

Um das zu verhindern, sollten Unternehmen ihre Betriebssysteme grundlegend ändern, fordert der Personalberater Heiko Fischer: „Man muss an die grundlegende Mechanik rangehen, um die Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern. Mit einem reinen Anweisungsregime gelingt das nicht.“

Die liebwertesten Gichtlinge des Managements sollten sich eine permanente Korrektur ihrer Perspektiven angewöhnen, eine laufende Überprüfung der Codes, eine ständig erneuerte Interpretation von Botschaften, wie es der Schriftsteller Umberto Eco in seinem Plädoyer für eine semiologische Guerilla formulierte.


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Image (adapted) „Close up person using smartphone“ by Japanexperterna.se (CC BY-SA 2.0)

 

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Abgesang auf die Macho-Chefs

Im Management von heute dreht sich alles um Effizienz. Wenn Unternehmensziele so utopisch sind wie sowjetische Fünfjahres-Pläne, müssen das oft die Angestellten ausbaden. // von Gunnar Sohn

Drill Instructor (Bild: John Kennicutt [CC], via wikipedia.org)

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im Spiegel-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische. Weiterlesen »

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Vertrauen versus Kontrolle

17 (adapted) (Image by K D [CC BY 2.0] via Flickr)

Wie Excel-Manager die digitale Gegenwart verschlafen. Vertrauenskultur scheint in der Wirtschaft nicht hoch im Kurs zu stehen, besonders dann, wenn die eigene Zukunft nicht mehr aus den Erfolgen der Vergangenheit abgeleitet werden kann. Wolf Lotter leitet das in seiner „Brandeins“-Kolumne aus der „Führungskräftebefragung 2014“ des Reinhard-Mohn-Instituts der Universität Witten?/Herdecke ab.

Der Verein fragt seit 2006 nach, welche Werte im Management gerade wichtig sind – und welche aus der Mode gekommen. Dabei gehe es um sogenannte „Kernwerte“ wie Verantwortung, Integrität, Respekt, Mut und Nachhaltigkeit – und natürlich Vertrauen, so Lotter.

Vertrauen bedeutet nach Definition der Hochschulstudie eine „subjektive Überzeugung der Richtigkeit beziehungsweise Wahrheit von Handlungen und Einsichten“ und drückt überdies das „Vermögen, anderen Spielraum zu ermöglichen“ aus. Rund werde das Ganze durch „ein Verhalten, das dem Gegenüber Sicherheit gibt„.

Wo Vertrauen herrscht, handelt der Einzelne so selbstständig wie möglich, nach bestem Wissen und Gewissen, und die anderen – vom Chef über die Kollegen bis zu den Kunden – haben Zutrauen in dieses Tun und machen das auch deutlich„, führt Lotter weiter aus.

Kontroll-Demagogen

Der „Brandeins“-Autor bringt das gute alte Laissez-faire-Prinzip ins Spiel, die Kunst des Gewährenlassens: „Das ist nichts für Besserwisser und Demagogen, die unzähligen Kontrollettis ‚da draußen‘. Laissez-faire bedeutet allerdings auch nicht, dass einem das, was andere tun, egal ist, sondern, im Gegenteil, die Überzeugung, dass die das schon hinkriegen und man sich darauf verlässt.

Diese Form von Vertrauen war in den jüngsten Wirtschaftskrisen bei Führungskräften hoch im Kurs. Nun hat die „Integrität“ das Vertrauen abgelöst. Nach der Definition der Wertekommissionäre bedeute das „Leben nach Werten“ und, zweifellos wichtig, „Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst und anderen„. Aber die eigentliche Funktionsbeschreibung von Integrität, wenn es um Management und Organisation geht, sei nach Ansicht von Lotter weitaus aussagekräftiger: Der Kernwert Integrität, heißt es da, versteht sich vor allen Dingen als „konsistente Orientierung an geltenden Gesetzen, Normen und Regeln„.

Das hat also nichts mit jemandem zu tun, der durch sein Handeln und seine Entscheidungen zu einer fassbaren Person wird, einer Integrationsfigur. Integrität bedeutet hier: Wir halten uns genau an die Vorschriften. Wir sichern uns ab. Das ist die andere Seite der Medaille: Opportunismus„, meint Lotter.

Mit 40,7 Prozent führt die Integrität vor dem Vertrauen (25,7 Prozent) die Kernwerte in der Umfrage 2014 an. Kaum überraschend ist da, dass der Wert „Mut“ von gerade noch 2,2 Prozent der Führungskräfte als wichtig angesehen werde: Er steht für die „Bereitschaft, Neues zuzulassen„, „Fehlerfreundlichkeit“ zu üben und für die „Kraft zur Entscheidung und Veränderung„:

Die Verantwortlichen der Studie sehen einen Zusammenhang zwischen diesen erschreckenden Veränderungen und der Zunahme an sogenannter Compliance, also Regeltreue, in der Unternehmenspraxis, die sich im Gefolge von Skandalen und Missmanagement breitgemacht hat. Sie halten es allerdings auch für ‚fraglich, ob mehr Regeln und engere Vorschriften dem Wunsch nach integrem Verhalten entsprechen oder ob dieses durch andere Maßnahmen im Unternehmen unterstützt werden sollte‘. Bemerkbar wäre jedenfalls schon jetzt, dass sich ‚deutlich weniger Manager und Führungskräfte zu unternehmerischen Handeln bekennen‘. Wo das Vertrauen geht, kommt der Verwaltungsangestellte„,

so das Resümee von Lotter. Ein schlechtes Omen für die Digitalisierung und Vernetzung der Ökonomie, die sich in allen Branchen abspielt.

Digitaler Wandel scheitert am Misstrauen

In ihrem Misstrauen gegenüber dem digitalen Wandel bilden Politiker, Manager und Gewerkschafter derzeitig eine Große Koalition im XXL-Format. Wer überall nur Gefahren verortet, erstickt in einem Angstregime von Kontrolle und Bewegungslosigkeit.

Zu bewundern bei der Ankündigung von Microsoft, sich in Deutschland vom Anwesenheitswahn in Bürosilos zu verabschieden. Sofort warnten Bedenkenträger vor der Gefahr einer Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, statt auch nur ansatzweise über die Chancen flexibler Arbeitsorganisation nachzudenken. Das liegt wohl nicht nur an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr, Flurfunk-Tratsch, Mobbing und dem Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist.

Die Bürosilo-Apologeten laufen einer inhumanen Planungsillusion hinterher, betont Thomas Dehler vom Berliner Dienstleister Value5 in einem Expertenpanel beim Streamcamp in München: „Planung ersetzt Zufall durch Irrtum.“ In einer vernetzten Ökonomie gehe das Planungsgedöns der Manager ins Leere.

Es gehe nicht darum, dezentrales Arbeiten zu verordnen, sondern den Wunsch des Mitarbeiters stärker in den Mittelpunkt des Personalmanagements zu stellen. Die Souveränität über die Arbeitszeit werde beim Abschied von Anwesenheitspflichten nicht geschwächt, sondern fundamental gestärkt. Entscheidend sei nicht mehr das tägliche Absitzen von Bürostunden, sondern das erzielte Arbeitsergebnis.

Die Langsamkeit der Planungsbürokraten

Wir sind mit unserem Modell ohne Einsatzplanung und Präsenzpflichten in der Lage, 90 Prozent aller Kundenanfragen zu bearbeiten„, sagt Dehler. Planungsbürokraten sind zu dieser schnellen Reaktionsfähigkeit nicht in der Lage. Und wenn sich Gewerkschafter zum Thema Ausbeutung äußern, sollten sie den Arbeitsweg nicht ausklammern, denn der wird vom Arbeitnehmer bezahlt und wirkt wie eine Subvention zugunsten des Arbeitgebers.

Soziales und kollaboratives Arbeiten sei mit digitalen Technologien wie Videostreaming-Diensten im Social Hub sehr gut und sogar besser zu realisieren als in irgendwelchen aseptischen Glaspalästen in den einschlägig bekannten Gewerbegebieten.

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die liebwertesten Gichtlinge des Top-Managements hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management. „Sie beschäftigen sich mehr mit der Administration und dem Befüllen von Excel-Tabellen und vernachlässigen dabei die neuen Themen ihres Marktes„, bemerkt Dehler in der Streamcamp-Paneldiskussion. Echtzeit-Management sieht anders aus. Die Excel-Tabelle von heute bildet das Geschehen von gestern ab. Auf der Strecke bleibt die Gegenwart.

In einer Excel-Ökonomie aus Ängsten, Planungsillusionen und sinnlosen Kontrollschleifen gedeiht weder Vertrauen noch wirtschaftliche Prosperität.

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Image (adapted) „17“ by  K D (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn: Kolumne als eBook

High Altitude Kindle 4 (adapted) (Image by Dan Vogel [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Es ist höchste Zeit: Liebwerteste Gichtlinge kommt als eBook. „Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker François Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin The European. Im Dezember 2014 durchbreche ich die Schallmauer von 200 Beiträgen und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Höchste Zeit für eine Auflistung im Sinne des Schriftstellers Umberto Eco: Ein Vademecum wider die Vergesslichkeit – vor allem meiner eigenen. Worüber habe ich in den vergangenen Jahren so alles geschrieben. Eine Auswahl des Guten, Schönen, Kritischen, Überraschenden, Erfolgreichen und der publizistischen Flops. Denn auch jeder Niederlage und Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne, wie es Hans Magnus Enzensberger ausdrückt. Während der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch vergisst, hält sich die Erinnerung an einen Flop Jahre oder gar Jahrzehnte mit geradezu blendender Intensität. „Außerdem entfalten Flops eine therapeutische Wirkung: Sie können berufsbedingte Autorenkrankheiten wie Kontrollverlust und Größenwahn wenn nicht heilen, so doch mildern„, erläutert Enzensberger in seinem Suhrkamp-Opus „Meine Lieblings-Flops“.

Subtile Jagd nach Sätzen

Aber ich möchte nicht nur eine Revue von gescheiterten Kolumnen präsentieren, sondern mich auch auf die subtile Jagd nach dem einen Satz oder Wort begeben, in dem das Wesentliche eines Beitrags kondensiert. Es könnte gar eine versteckte Schlüsselbotschaft sein, die mir selbst beim Schreiben vielleicht gar nicht so bewusst war. Denn letztlich lebt das Geschriebene nur durch den Leser. „Mir fehlt die objektive Distanz. Meine Fantasie ergänzt, was dasteht, zu dem, was dastehen sollte„, so das Credo des Schweizer Autors Hermann Burger. Der Autor erfährt seinen Text im Gespräch. Deshalb ist dieses Gespräch sein wertvollstes Instrument. Nicht nur Publizisten sollten sich dazu bequemen, Fragen zu stellen, statt immer nur Fragen zu beantworten. Es geht nicht nur darum, alles infrage zu stellen. Man sollte bereit sein zum offenen Gespräch, ohne die Demontage des eigenen Weltbildes zu fürchten.

Leserdialog ohne inhaltsleeres Schaumbad

Schaumbäder des inhaltsleeren Diskurses gibt es genügend. Echte Gespräche sind eher selten. Auf dem Streamcamp in München am kommenden Wochenende möchte ich den Dialog mit den Lesern beginnen, denen ich die Autorität von strengen Kuratoren zuweisen möchte, um pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2015 die Liebwertesten-Gichtlinge-Kolumnen in einem eBook zu verewigen. Bei einem Livestreaming-Barcamp versteht es sich von selbst, die Gespräche live via Hangout on Air zu übertragen. Und auch in den kommenden Wochen und Monaten werde ich den Diskurs mit den Kuratoren netzöffentlich führen. Das kann dann ab und zu in meiner Bibliothek bei Kaffee und Kuchen ablaufen, also so eine Art Gichtlings-Lesezirkel oder eben virtuell.

Was am Ende herauskommt, ist mehr als eine Bestenliste meiner The-European-Artikel. Es stecken auch die Gedanken der Kuratoren im eBook. Schließlich sollte sich der digitale Content vom gedruckten Buch unterscheiden, wie es die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann auf der Frankfurter Buchmesse ausführte.

eBook-Formate ausreizen

Vielleicht entsteht die nächste Literatur nicht nur über Twitter, weil hier lesend und schreibend mit Geräten experimentiert werde, wie es @stporombka formuliert, sondern auch über virtuelle Live-Dialoge.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie weit eBook-Formate ausgereizt werden können. Funktioniert das Social-Reading-Konzept der Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Christoph Kappes? Sollte man eBooks aus dem Gefängnis von Lesegeräten und Apps befreien? Welche Rolle könnten Video und Audio dabei spielen und, und, und?

eBook-Produktionen standen bislang nicht auf meiner Agenda. Das wird sich jetzt ändern. Und die liebwertesten Gichtlinge, die sich als Kuratoren für meine Publikation zur Verfügung stellen, werden bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen. Man hört und sieht sich am Wochenende auf dem Streamcamp in München. Dann werden wir den Kuratoren-Fahrplan für das eBook konkretisieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „High Altitude Kindle 4“ by  Dan Vogel (CC BY-SA 2.0)


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Das Problem der Netzpolitik ist die Netzpolitik

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie. Diesmal geht es um Netzpolitik. // von Nico Lumma

Netzpolitik (Bild: redcctshirt [CC BY 2.0], via Flickr)

Netzpolitik ist ein Thema, das einfach nicht bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen will. Allein schon der sperrige Begriff steht im Weg, wenn es darum geht, das Thema anderen Leuten näher zu bringen. Die netzpolitische Avantgarde schafft es nicht ansatzweise, die Relevanz des Themas zu transportieren und Leute dafür zu begeistern.

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„Vom Suchen und Tindern der Liebe“ Miriam Pielhaus neuste Kolumne

Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke! Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Nine hat das Unmögliche geschafft. Würde es „Wetten, dass…“ noch etwas länger als für drei Ausgaben geben, ich hätte gewettet, dass das niemand jemals hinbekommt. Und: ich hätte mit schlingernden Pauken und jammernden Trompeten verloren. Denn Nine hat es tatsächlich geschafft. Nine ist eine wundervolle Frau aus meinem nahen Umfeld und „Medienmensch“-Kollegin sozusagen. Sie alle kennen Nine vermutlich aus Ihrem Fernseher oder aus Zeitschriften. Nine heißt natürlich in Wirklichkeit nicht Nine. Aber das ist nebensächlich. Das Unmögliche, das ihr gelungen ist: Nine hat mich zu einem Online-Dating-Portal gebracht. Und da bin ich nun. Schon seit 6 Wochen. Und so fing alles an. Nine hat eine Cousine, die kurz davor ist, ein endlos langes Studium zu seinem hoffentlich glanzvollen Ende zu bringen. Diese Cousine schreibt für ihren Bachelor in Soziologie über ein sicherlich hochtrabendes Thema, für das sie Kennenlern-Netzwerke, Dating-Portale und entsprechende Apps testet. Testen muss. Zufälligerweise ist die Cousine auch gerade alleinstehend – aber auch das ist bitte nur eine Randnotiz der Geschichte, die Sie hoffentlich schmunzeln lässt. Nun. So landete die Cousine bei einem dieser Dienste Tinder. Und so war auch meine (im Berufsleben „berühmte“) Freundin Nine, kurze Zeit später mit eigenem Profil dort vertreten. Zunächst kichernd, halb beschämt, halb belustigt. Ein Stück weit „aus purer Neugier, haha“. Weil die App fix geladen ist, so simpel funktioniert und „alles kann – nichts muss“ vermittelt. Aber – der Vollständig- und Ehrlichkeit halber sei angemerkt: Nine trug auch ein kleines Brötchen Hoffnung im Rucksack. Denn Nine ist seit einigen Jahren Single. Nicht ungern, nein nein. Dennoch nicht mit dem Ziel, es für immer zu bleiben. So. Und jetzt halten Sie sich fest: Seit Nine die App am Start hat (2 Monate), hat sie fast schon ein Dutzend Dates gehabt. Echte Dates. Kaffee trinken, Spazieren gehen, Dinner for two, Kino. Und immerhin einmal hat sie sogar geknutscht. Und das sogar „äusserst vielversprechend“. Ich war baff, als sie mir das erzählte. Wie sie es online angestellt habe, dass nicht jeder sofort kapierte, dass sie die Madame aus der Glotze sei, und sie allein aufgrund dieser Tatsache mal „in echt“ treffen wolle, mag ich wissen. Anderer Vorname und nur schemenhafte oder etwas weich gezeichnetere Profilbilder, sagt sie. Sich selbst ein wenig verschlüsseln. Das ginge schon. Außerdem seien ihr sogar einige männliche TV-Kollegen über das Display geschliddert. Also, dieses Dating-Ding, das sei offenkundig Massen- und äääh Medienmenschen-kompatibel. Ich weiß, was sie meint. Und nicke beeindruckt. Sie berichtet. Wer sich anmeldet, erstellt ein Profil. Mit Fotos, Alter und bei Bedarf irgendeinem schlauen Satz oder Absatz zu sich selbst. „Allein das.“ sagt sie, während sie mir die Funktionsweise zeigt, „Wer Carpe Diem oder PartyPartyParty als Lebensmotto angibt oder irgendein Schrott-Zitat aus einem Blümchen-Roman rauskopiert, wird direkt weggeklickt.“ Das Auswahlprinzip ist einfach und erinnert an MTVs „Hot or not“. Wen man nicht sympathisch, spannend oder wenigstens irre attraktiv findet, der wird per „X“ zur Seite gewischt. Jemand, der einen auf irgendeine Art interessiert, den kann man mit einem Klick aufs „Herz“ versehen. Das kriegt dieser Jemand aber nicht mit. Genauso wenig bekommt er die manchmal garstige Ablehnung zu spüren, die mit einem „Nope“-Stempel versehen auf dem eigenen Display erscheint, sobald ein Anti-Kandidat eben für „Anti“ befunden wurde. Erst, wenn ein „Herz“-Mann beim eigenen Profil auf „Herz“ drückt, erscheint das magische „It‘s a match“. Und ab da darf es losgehen. Die App hat eine eigene Kommunikationsplattform, wo gechattet wird. „Und das ist enorm aufschlussreich. Enooorm! Wenn du nur ein bisschen genauer hinliest“, erklärt Nine. Wie einer mit Worten umgehe. Welche Fragen er stelle. Mit welchem Tempo er sich der wildfremden Person nähere. Welche Interessen er habe. Was er von sich preisgebe. Und auf welche Art. Wie fix er ein echtes Treffen und vor allem wo und auf welche Art einfordere und so weiter und so fort. Etliche „matches“ habe sie relativ schnell auslaufen lassen, harte/hartnäckige Fälle könnten blockiert werden, oder aber sie sei freundlich aus der Konversation ausgestiegen. So zum Beispiel bei einem, dem es nur um das Eine ging. Der das Social Network eher als Social Bedwork verstand. Das habe jener aber relativ bald mit immerhin größtmöglichem Stil und in aller Höflichkeit tatsächlich offensiv abgefragt. Nachdem sie die Absicht nicht teilte, wünschten sich beide viel Erfolg bei der weiteren Suche und „einen schönen Sommer in Berlin.“ „Das kann ich gar nicht glauben,“ entfährt es mir. Ich muss ein reichlich dämliches Gesicht gemacht haben seinerzeit. „Dann probiere es halt aus. Du merkst recht schnell, ob das zumindest theoretisch passen könnte. Bis zum Date musst du keine Telefonnummern austauschen. Und selbst dann – eigentlich auch nicht. Verabreden geht auch so diskret über diese App, wie alles davor.“ Soweit war ich damals noch nicht. Ich ließ Nine daten. Und mir von den Erlebnissen erzählen. Nun, was sie kund tat, machte, dass die Augenbrauen in die Höhe stiegen. Bis auf eine Ausnahme waren es ausschließlich kluge, geistreiche, höchst angenehme Typen, die Nine kennengelernt hatte. Schöne Nachmittage verbrachte sie oder Abende. Kein Funkensprühen zwar. Aber auch keine vergeudete Zeit. Ein paar „Huch“-Momente gab es wohl, als die Herren der Schöpfung realisiert hatten, wen genau sie da zum grünen Tee einladen. Aber ansonsten: keine nennenswerten Aussetzer. Keine! Wow. Im Gegenteil. Schönes-neue-Leute-Kennenlernen. Jenseits von „Noch‘n Sektchen?“-Promiparties. Nur mit „ich hatte höhere Erwartungen, vermutlich.“ Was das Scheitern erklärte.Höhere Erwartungen? Tja. Die Erwartungen. Das ist – laut der Cousine, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt – das „kleine, aber entscheidende“ Problem an der Sache. Eine Psychologin, die sie befragt hat, beschreibt das so: wer online kennenlernt, sich über die schriftliche Kommunikation annähert, sehr exklusiv – im Chat-Tète-à-Tète – der baut sich ein Bild auf. Ob er will oder nicht. Und das wird immer bunter und blumenreicher, manchmal auch idealisierter, je länger oder intensiver der Austasuch, das Kennelernen andauert. Das Erkunden des Anderen hat nur das Wort. Kein bewegtes Bild, keinen Klang der Stimme, kein Geruch, keine Stimmung, keinen menschlichen Eindruck. All das wird erst hinzugefügt, wenn sich die beiden Hauptdarsteller der Romantic Comedy im wahren Leben treffen. Und anders als bei der gelernten Analog-Variante (zum Beispiel: Partynight – Boy/Girl meets Girl/Boy in der Bar – beide sehen sich – entscheiden sich dafür, dass genau sie sich die Nacht gemeinsam um die Ohren schlagen wollen – Drama oder Happy End) hat der Erstkontakt im Leben – eine „Vorgeschichte“. Er ist eben nicht jungfräulich. Und daher ist die Fallhöhe groß. Und gewissermaßen das häufige Scheitern vorprogrammiert. Aber – selbst wenn? Ist das verwerflich? Macht es das Daten wertloser? Und erst recht, wenn es das ehrliche Stück Brot im Gepäck dabei gibt – die Hoffnung auf die große Liebe… Ich meine: Wer lernt schon 11 ansatzweise aufregende Menschen in 6 Wochen kennen. Und trifft diese auch noch zum meist höchst entspannten, individuellen Stelldichein. Sie erinnern sich? „Alles kann – nichts muss“ – das war das Angebot. Und dieses Versprechen wurde gehalten, augenscheinlich. Meine Ausbeute zu früheren Single-Zeiten war deutlich ärmer. Insofern: warum eigentlich nicht?! Zack. Nine hatte es geschafft. Ich habe mich angemeldet. 4 Wochen bin ich nun dabei. Sortiere X-se von Herzen. Plaudere mit „It‘s a maaatch“-Kerlen manchmal tagelang nur über gähnend langweiliges Zeug (und sehne das Einschlafen des Chats herbei) oder tausche mich über wirklich faszinierendes aus. Getroffen habe ich noch keinen. Schüchternheit? Rest-Respekt vor der ungewohnten Flirtform? Oder noch keiner, der zu hohe Erwartungen erfüllen oder enttäuschen könnte? Man wird sehen. Denn: ich wurde bereits äusserst kreativ (viele, viele Bonuspunkte vorab) um ein Treffen gebeten. Ich gebe zu: das macht mir ein wenig Flirren ums Herz. Und dabei ist es (fast) egal, wie das Date, das ich ziemlich sicher annehmen werde, wird. Allein dafür, finde ich, hat es sich schon gelohnt. Nine hat sich übrigens vorgestern aus dem Portal abgemeldet. Das jüngste Meet&Greet, dem sehr schnell 3 weitere folgten, scheint vorerst der letzte neue Mann in ihrem Leben zu sein. Vorerst? Oder aber für immer. Ich halte das mittlerweile für mehr als möglich. Unmöglich? Ich würde nicht darauf wetten. (Schlussbemerkung: Bitte, dass Sie das nicht falsch verstehen – ich bekomme kein Geld von diesem kostenlosen Dienst, dessen Namen ich im Text bewusst nur ein einziges Mal erwähnt habe. Das musste nur sein, um die Funktionsweise zu verstehen. Und es gibt bestimmt tausend ähnliche – und mindestens genauso gute. Insofern: daten Sie. Daten Sie, wo und wen Sie wollen. Es war nur ein Beispiel, das mich staunen ließ. Und daran mochte ich Sie gerne teilhaben lassen. Dankesehr.)

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Miriam Pielhau über die neue Generation „Nach unten“

Interrail 07 - D10B - WiFi (adapted) (Image by Mr. Theklan [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt.

Mit der verbalen „Stempelisierung“ von Umständen, Personengruppen oder Ereignissen,  vorzugsweise durch kreative Wortschöpfungen, macht man mir generell eine große Freude. Unbedeutend in dem Fall, ob dann nach anständiger Be- oder Abnutzung des  Begriffs durch Mensch und Medien die Schmähung als Unwort-des-Jahres folgt. Gerne bin ich die erste, die sich an der Neukombination von Buchstaben zur Frisch-Etikettierung von Trends ergötzt. Und diese mal mehr, mal minder originellen Begrifflichkeiten auch inflationär benutzt. Es gab schon längst keinen „Tweef“ mehr (Sie erinnern sich: Twitter + Beef = Tweef) zwischen Boris Becker und Oliver Pocher, da habe ich immer noch enthusiastisch kleinste Zwitscher-Diskurse so betitelt und in Plauderrunden bei Freunden wortgewaltig abgefeiert. Das, was mir jüngst unter das lesende Auge kam, hinterlässt zum ersten Mal keine Begeisterung. Sondern nur einige zusätzliche Falten auf der Stirn. Ich weiß nicht einmal mehr, ob es ein von mir geschätzter Autor oder ein bevorzugtes Print-Organ war, dem ich diese Entdeckung zu verdanken habe, oder ob sich die „Neu- Benennung“ aus dem Kosmos der Unbedeutsamkeit in mein Gedächtnis gebrannt hat. Jedenfalls las ich etwas über junge, aufstrebende, selbstredend hippe Menschen in Berliner S-Bahnen und deren Wirkung auf die Umwelt. Und was am Ende des Tages und des Artikels übrig blieb war das niederschmetternde Urteil „Nach unten“. Genauer: Generation „Nach unten“. Das klang nicht sexy, nicht cool, noch nicht mal irgendwie lustig. Eher wie das jammernde Gegenteil von jung und hip und undsoweiter. Wie war es dazu gekommen? Nun. Der Wortschöpfer hatte sich seine Mitmenschen sehr genau angesehen. Beziehungsweise: er hatte es versucht. Aber, was ihm ins Auge stach, waren keine Blicke die schnell abgewandt wurden, sondern gesenkte Häupter. Freie Sicht auf Basecaps, zweifarbige Haaransätze oder Kapuzenspitzen. Denn: die Meute sah kollektiv nach unten. Nicht in den Schoß, nicht auf die Füße, nicht auf den schmierigen S-Bahn-Boden. Nein. Auf die Smartphones natürlich. Wohin auch sonst in der Welt 2.0. Im Text wurde sich darüber chronistenpflichtgemäß aufgeregt. So weit nichts ungewöhnliches. Denn wir alle kennen das Bild. Mich hat diese Stempelisierung allerdings nicht losgelassen. Die Gedanken hingen noch einige Stunden in meinem Kopf als ich durch Zufall auf eine Fotografie aus der Zeit der Weimarer Republik stieß. Eine Aufnahme aus einer Tram. Vollbesetzt. Adrett gekleidete Menschen. Männer zumeist. Alle starren vor sich. Was der Betrachter der Fotografie nur erahnen kann, denn jeder hielt vor sich eine Zeitung. Jeder. Bis auf einen Passagier. Der sah aus dem Fenster. Mit diesen Eindrücken und den vielen Fragen, die schwirrten, wand ich mich an die Zielgruppe. Weit musste ich dafu?r nicht gehen. Denn mein um einiges jüngerer Bruder erfüllt alle Parameter. Was hat es auf sich mit der Generation „Nach unten“, fragte ich ihn. „Ich lese auch in der S-Bahn.“ „Auf dem Handy? E-Books?“ „Nein. Richtige Bücher. Dieses hier aktuell.“ Er wedelt mit einem abgegriffenen Enzensberger, den er vermutlich günstig in seinem Lieblings-Antiquariat erstanden hat. Ich lache. „Ach, der feine intellektuelle Herr Emerit in der digital verseuchten Masse?“ Wenigstens muss er auch schmunzeln. „Nun ja. Noch hab ich kein Smartphone. Weißte doch.“ Mein Bruder ist der, der aus dem Fenster starrt. Aber immerhin hat er eine Meinung zu meinem Thema. Wo Menschen auf engem Raum zu Zweckgemeinschaften gemacht werden, ist Lesen oder sich anderweitig mit sich beschäftigen eine Flucht aus dem Kollektivismus des Bahnfahrens und der damit einhergehenden „Gefahr“ der Interaktion mit anderen. Schutz schaffen und gleichermaßen eigene Weite auf kleinstem Raum. Auf diese Erklärung können wir uns gemeinsam verständigen. Handyspiele, Quatsch-Gechatte, Playlisten basteln – alles erlaubt. Es sei egal, meinte er, welches Modul Fluchthelfer oder Ablenker wäre. Hauptsache nicht ausgeliefert sein und im Zweifel zwanghaften Kommunikationen ausgesetzt werden. So betrachtet verliert das Gestarre nach unten an Brisanz. Und Meckerpotenzial. Gleicht es doch mehr einem frei gewähltem Rückzug, der jedem jederzeit gestattet sei. Zumindest in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Würde es nicht auf dem Gehweg, im Park, selbst beim Treffen mit den Freunden weitergehen. Ich gebe zu, es verleitet mich zu leicht genervtem Seufzen, wenn ich das beobachte. Genauso wie es mir unangenehm aufstoßen wu?rde, wenn ich Gäste hätte, die ihre Handys auf den Tisch legen, während ich ein liebevoll zubereitetes Dinner serviere und die bei jedem Pieps hektisch nach dem Gerät fingern. Derlei bleibt mir in meinem Freundeskreis herzerfrischender Weise erspart. Aber ich habe solche Szenen in Momenten, wo ich selbst Gast war, bereits erlebt. Unhöflich ist das. Und doof. Wir, die ältere Variante der Generation „nach unten“ (und manchmal immer noch dazu gehörend) machen uns zu Sklaven der pausenlosen Erreichbarkeit, verkommenen Email-Junkies oder Whatsapp- und Twitter-Ju?ngern in ausdauernder Huldigungshaltung. Fu?r immer? Fu?r immer immer? Wie immer ist es das Maß. Das soll einfach jeder fu?r sich finden. Und tut es – jenseits der Zwanziger – auch. Da hilft der Menschenverstand, das Bedürfnis zum „Abschalten“ oder selbst auferlegte Digital-Kommunikations-Diät. Das haben wir bereits diskutiert. Soweit jedenfalls meine Beobachtung unter den Mitmenschen meiner Zeitzone. Ich grübele nur über die Entwicklung derer, die in mir das Bedürfnis wecken, ihnen etwas Positives mitgeben zu können. Ach, herrjeh. Ich merke selbst, wie furchtbar schulmeisterlich und altklug das daher kommt. Und doch ist das wohl der Wind, den der Wunsch umweht, Erfahrung weiterzugeben. Mit der allgemeingültigen Erkenntnis, wie schön es ist, sich mit Menschen im real life zu unterhalten, ist es nicht getan. Die perlt an der „Nach unten“- Generation ab, wie das Wasser vom Lack nach dem DeLuxe-Programm in der Waschstrasse. Denn sie „reden“ ja. Sie „kommunizieren“. Nur eben mit Daumen und Touchscreen. Aber was sei schon dabei? Vielleicht dringt dennoch zu einem von Hundert die Botschaft durch, dass eine der tausend Strategien fu?r Glu?ck im Leben die ist, die sich aus der Summe erfüllender Sozialkontakte herstellt. Und zwar mit Gespräch und „touch“ von Angesicht zu Angesicht. Und so will die Mama in mir die Generation „nach unten“ liebevoll an den Schultern ru?tteln und sagen: Auszeit. Die Vernunft in mir unterdru?ckt diesen Impuls immerhin rechtzeitig. Denn, und zu diesem Schluss bin ich nach dem Gedanken-Konfetti gekommen, es ist nicht aussichtslos. Die Hoffnung in mir sagt: dieses Phänomen löst sich von selbst. Da muss keine Miriam P. ihren erhobenen Zeigefinger durch Berlin-Mitte spazieren tragen. Irgendwann wird es den meisten so ergehen, wie es uns doch allen fru?her oder später widerfahren ist. Wir befreien uns von der Freiheit von u?berall arbeiten zu können und jederzeit erreichbar zu sein. In dem wir das Kommando-Instrument der Daten-, Informations- und Kontakt-Mobilität unsererseits in seine Schranken weisen. Nicht mehr Befehlsausfu?hrer eines Piep-Piep. Sondern Handy in die Tasche. Und Ruhe. Oder noch verwegener: ausmachen. Die Generation „nach unten“ wird irgendwann etwas „nach oben“ rollen. Da bin ich mir sicher. Die Augen nämlich, die eigenen. Weil sie auch genervt sind. Von sich selbst. Und dann das Ding in die Ecke pfeffern. Fu?r eine Weile jedenfalls. Der Moment kommt. Vermutlich sehr individuell. Bei dem einen mit 20. Bei dem anderen mit 60. Diese Personengruppe wird eine breite Altersstreuung haben und vielleicht den schönen Stempel „Generation Pause“.


Image (adapted) „Interrail 07 – D10B – WiFi“ by Mr. Theklan (CC BY-SA 2.0)


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„4 in 1“ – Miriam Pielhaus neuste Kolumne

Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA (adapted) (Image by Wonderlane [CC BY 2.0], via flickr)

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag. Unter „Cloudcuckoohome“ berichtet sie heute von ihrem Versuch, mehr Ordnung in ihren Arbeitsalltag zu bringen und gleich vier verschiedene Arbeitsaufgaben zu schaffen – mit einer unkonventionellen Lösung: mehr Arbeitsplätze!

4 in 1

Das Herz hüpft hügelhoch, wenn sich Träume erfüllen? Pustekuchen. Aus-der-Puste-Kuchen. Ich schnappe gerade von A nach B hetzend nach Luft. Warum, erzähle ich heute.

Ein Albtraum ist das derzeit. Ein absoluter Aaaalbtraum. Und das, wo ich gerade ausschließlich mit Dingen beschäftigt bin, die ich immer unbedingt machen wollte. Aufträge, die Spaß machen. Ich kümmere mich um Themen, die ich mag. Habe Jobs, die mich in den schönsten Wahnsinn treiben und abends übermüde, aber genauso überglücklich ins Bett plumpsen lassen. Was ist also das Pielhau-esque Problem? Gute Frage. Antwortsuche. Nun: mein Plan für 2014 war und ist der Wiedereintritt in die berufliche Hemisphäre. Und zwar auf den unterschiedlichen Plateaus, auf denen ich mich seit vielen Jahren bewege. Dass diese Idee, sanft und geschmeidig „back to business“ zu gleiten jetzt schon vielmehr in einem eruptiven Auftritt auf gleich vier Bühnen parallel werden sollte, hätte ich am ersten Tag dieses noch jungen Jahres kaum vermutet. Und doch bewahrheitet sich eine alte, durch und durch inoffizielle Medienregel:

„Mit den Aufträgen verhält es sich, wie mit der Ketchup-Flasche. Erst wird lange und fest geklopft, ohne, dass etwas passiert. Plötzlich ergießt sich alles auf einmal auf den Teller.“

Mein Berufsleben: Ein Haufen Industrie-Tomatensoße also? Gestatten Sie mir, wenn ich Sie an dieser Stelle mit Details behellige.

Job Nummer 1 ist die lang ersehnte Erfüllung eines Traumes, das Wiederaufgreifen einer alten Leidenschaft. Ich kehre zurück zu den Wurzeln, die mich in der Medienbranche haben groß werden lassen: man lässt mich wieder im Radio senden. Seit Anfang des Jahres darf ich Berlin und Brandenburg bei 94,3rs2 immer Sonntags mit meiner eigenen Sendung nebst prominenten Gästen und einer Show beschallen, die nicht nur meinen Namen trägt, sondern auch durch und durch meine Handschrift. Das heißt, ich bereite alles eigenständig vor. Mache mir Gedanken über die Inhalte und die Aktionen, kümmere mich um meine berühmten Talkgäste, moderiere und produziere dementsprechend die 3-Live-Stunden auch eigenständig. Damit bin ich gut und gerne 3-5 Tage pro Woche beschäftigt. Am Computer, am Telefon und im Studio.
 
Mein 2. Großprojekt für dieses Jahr: der Debüt-Roman. Damit wird das lesende Volk zwar erst im Frühling behelligt, aber die finalen Arbeiten wollen noch im Winter vollendet werden. Der zauberhafte Chef-Lektor hat bereits das wichtigste getan: nämlich dem Gesamtwerk 20% Überlänge genommen. Jetzt ist es an mir, das abzusegnen. Himmel, was für eine schwere Aufgabe. Wie alle mehr oder minder talentierten Jungautoren hänge ich natürlich an den liebevoll entwickelten Satzkonstruktionen. An Textpassagen. An Seitenhandlungssträngen. Und doch: es hilft ja nichts. Ich will niemanden langweilen. Also muss Kürze die Würze bringen. In die Tonne mit der Schreiber-Eitelkeit. Her mit diszilpiniertem Pragmatismus. 330 Seiten erfordern meine Aufmerksamkeit. 330 Textseiten und ca. 30 Anmerkungen meines Lektors pro Seite. Puh. Buchstabensalat. Dass parallel eine Lesereise für April bis Juni in der Planung steht, wird nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
 
Aufgabe Nummer 3. Es deutete sich schon Ende des vergangenen Jahres an, dass ich in diesem wohl zur „kleinen“ Unternehmerin werden würde. Dass sich aber ausgerechnet im ersten Quartal schon die fantastische Gelegenheit dazu ergeben würde, war so nicht vorgesehen. Aber es war und ist eine Chance, die ich beim Schopfe packen musste – und nun meine eigenen Haare raufe. Weil ich trotz guten Zeitmanagements nun langsam ins routieren gerate. Der Aufbau einer kleinen Agentur läuft bestens. Aber die Übersicht zu behalten zwischen all den Nachrichten aus dem Buchverlag und den Korrespondenzen mit meinen Radiogästen und Senderverantwortlichen, die Telefonate, Konzepte, Meetings…ach ach ach…gestaltet sich zunehmend schwieriger. Ich will nicht lamentieren. Ich habe es ja so gewollt.
Das vierte Projekt: auch wenn der Roman noch nicht einmal in den Buchläden liegt, so recherchiere ich bereits seit einem Jahr an einer neuen Sachbuch-Geschichte. Das bedeutet: Lesen. Viel Lesen von Sekundärliteratur. Aber auch einiges niederschreiben. Anekdoten. Erlebnisse. Erfahrung.
Und zuguterletzt etwas, was „nebenbei“ mitläuft: meine Kernprofession. Die der Moderatorin. Gastauftritte, Sendungskonzepte mit Senderchefs besprechen, zu Castings gehen, Events moderieren, Events besuchen, kurz: das Fernsehjahr 2014 im ersten Quartal in Sack und Tüten bringen.
 
Die Miriam Pielhau Media Company stampft im schnellen Takt. Mit all den Details zu den Aufgaben könnte ich ein gutes Dutzend Mitarbeiter in einem Großraum-Büro Vollzeit beschäftigen. Mache ich nicht und möchte ich nicht. Denn: ich liebe ja, was ich tu. Nur nicht so sehr, wie ich es tu. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Es funktioniert nicht, an einem Computer zu sitzen und an einem von vier Projekten konzentriert, fokussiert und zielgerichtet zu arbeiten. Es gab den Versuch zur Struktur: von 10-12Uhr Agentur, von 12-14Uhr Roman, von 14-16Uhr Radio-Gedöns und dann wieder 20-23Uhr alles, was liegen geblieben ist.
 
Ich nehme es vorweg: der Versuch ist gescheitert. Und mündete in Kuddelmuddel. Am Ende des Tages hatten zwar alle „to do‘s“ auf der Liste ein Häkchen, aber mein Kopf qualmte und an geruhsame Nachtruhe war auch nicht zu denken, wenn im Hirn immer noch die Fragen rattern, ob auch wirklich alles erledigt ist. An einem Arbeitsplatz zu sitzen und vier Arbeitsfelder zu beackern – nicht gut umsetzbar. Ständig trudeln Mails ein, die eines der anderen Themen betreffen. Natürlich klicke ich diese an. Natürlich versuche ich, so schnell wie möglich zu antworten. Zum Durchschnaufen die kleine Surf-Pause, wahlweise Ablenkung via Facebook, Twitter, Spiegel Online, BUNTE und Konsorten. Das ist nur bedingt effektiv. 4 Wochen lang habe ich mich gequält mit 4 Topthemen, die meine Jobthemen sind, auf meinen 4 Buchstaben zu sitzen und an einem Arbeitsplatz dennoch sortiert zu arbeiten. Um dann festzustellen:
Unmöglich. Albtraum. Und dann…Die Lösung kam mir im Schlaf. Ernsthaft.
 
Ich träumte, dass ich zum Einschlafen meine Sekundärliteratur gelesen hätte. Also Fachliteratur statt Lieblingsnovellen. Eigentlich ein No-Go. Also, den Job mit ins Bett zu nehmen. Aber es war ja auch nur eine geträumte Variante – aus der dann die Lösung erwuchs. Am nächsten Morgen wurde mir schlagartig klar: wenn ich schon nicht mit vier Jobs an einem Arbeitsplatz sitzen kann, muss ich für jeden Job einen eigenen Arbeitsplatz kreieren. Vier Büros unter einem Dach. Vier in eins. Das wollte ich versuchen. So habe ich mich eingerichtet. Und siehe da? Es geht.
 
In den vergangenen Tagen ließ sich recht unkompliziert ein Umfeld erschaffen, das Inspiration bietet, je nach Bedarf. Soll heißen: Radiogäste werden gemütlich beim Kaffee am Morgen akquiriert. Nach dem Frühstück. Aber am Tisch. Mit Telefon und Laptop – und einem Blick auf die Tagespresse.
 
Agenturarbeit mache ich in meinem kleinen Büro. Wie in einer Agentur eben. Home-Office, olé. Für das Lektorat meines eigenen Romans gehe ich dahin, wo ich auch sonst gerne anderleuts Bücher lese. Auf die Couch. Zwischen Kissen und Kuscheldecke fällt es nicht ganz so schwer, ganze Kapitel der „Löschtaste“ hinzugeben. Nun, und um mich durch meine Recherche-Literatur zu wühlen, habe ich mein Gästezimmer gewählt. Heimelige Möbel, aber nicht zu komfortabel um in unproduktive Freizeithaltung zu verfallen. Nein. Immer noch in Business-Bereitschaft. Mit der Möglichkeit zu analogen Notizen, die irgendwann am Rechner digitalisiert werden.
 
Abends noch eine 1-2stündige Runde täglicher Email-Wust, wo die Routine-Restposten abgearbeitet werden – so geht‘s.
 
Das macht zwar mehr Wegstrecke von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Aber ich muss dafür noch nicht einmal (oft) das Haus verlassen. Und ausserdem – so lässt sich das ja auch schön reden – ist das fast so etwas wie Sport. Und macht müde. Und traumschwer. Und zwar ohne „alb-“ davor.

Image (adapted) „Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA“ by Wonderlane (CC BY 2.0)

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Facebook: 10 Jahre schnelles Laufen und Sachen kaputt machen

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie. Diesmal geht es um die Entwicklung von Facebook.

Nico Lumma

Facebook feiert diese Tage den 10-jährigen Geburtstag, auch wenn viele Nutzer erst seit der Öffnung Ende 2006 Mitglied werden konnten. Dem Erfolg hat dies keinen Abruch getan, ganz im Gegenteil. Als Netzwerk für Studierende gestartet, fokussierten Mark Zuckerberg und seine Mitstreiter sich zuerst auf die amerikanischen Universitäten mit ihrem Campus-System. Studierende fanden schnell Gefallen an der Online-Variante ihres Zusammenlebens auf dem Campus und kaum 10 Jahre später nutzen weit über 1 Milliarde Nutzer Facebook, selbst in Deutschland sind es weit über 20 Millionen Nutzer.

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„Bist du bei Facebook?“

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag.

Früher habe ich Telefonnummern auf Bierdeckel oder Handinnenflächen gekritzelt. Später Email-Adressen im mobile Device gespeichert oder noch förmlicher: schicke Visitenkarten ausgetauscht. Und jetzt das. Die kompakteste Form, den Wunsch zu formulieren, in Verbindung zu bleiben:

„Bist du bei Facebook?“

Wenn der Fragende den vollständigen Namen seines Gegenüber kennt und der nicht, wie ich, mehrere Profile pflegt oder ein Benutzerpseudonym gewählt hat, dann funktioniert das sogar. Kurz später via Smartphone die Person des persönlichen Interesses suchen. Finden. Freundschaftsanfrage senden. Bestätigt bekommen. Zackbumm. Fertig. Willkommen in der Welt eines dir bis eben eher unbekannten Menschen. Ein neuer „Freund“, noch bevor das Taxi hinter der nächsten Ecke verschwunden ist. Tja, nun. Dass Social-Network-Freunde in der Definition und Bedeutung nicht langjährigen Wegbegleitern a.k.a. „echte Freunde“ gleichzusetzen sind – wissen wir. Dass die virtuelle Clique nicht das Zwiegespräch im Leben jenseits des Rechners ersetzt – wissen wir auch. „Anstupsen“ ist eben nicht umarmen. Und doch: Das Phänomen Facebook fasziniert enorm. Derzeit über eine Milliarde Mitglieder weltweit. Was ist dieses „Gesichtsbuch“, das in wenigen Wochen 10. Geburtstag feiert? Fluch oder Segen? Suchen oder pflegen? Zeitdieb oder Zugewinn?

Das Fahnden nach Antworten beginnt mit einem einfachen „Ja“. Ja, auch ich bin bei Facebook. Einmal offiziell. Und einmal incognito. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie lange genau. Und bin auch zu faul, das irgendwo nachzulesen. Das offizielle Profil habe ich anfangs eingerichtet, weil Managements auf der ganzen Welt sagen, dass es „schon wichtig“ sei, „so etwas zu haben und da auch mitzumachen“. Mittlerweile habe ich wirklich Spaß daran. Trenne aber inhaltlich pingelig genau, was ich auf welchem Account poste. Das private Profil ist für mich eher eine Family & Friends-Pinnwand. Die meisten meiner dort sehr handverlesenen Facebook-Freunde wurden als „Pielhau“ geboren oder angeheiratet. Was Familienfeste nur einmal im Jahr schaffen, haben wir da täglich: Austausch mit der lieben Verwandtschaft, Einblick in das Leben der Herzensmenschen. Egal, wo in Deutschland sie aktuell ihre Miete zahlen.

Das scheint mir schon Sieg(el) Nummer 1 zu sein. Kontakt. Halten. Pflegen. Auf dem Laufenden bleiben. Ohne zum Telefon zu greifen oder per ausführlicher email nachzuhorchen. Jede fröhliche Statusmeldung verheißt ein: denen geht es gerade augenscheinlich gut. Schön. Im Kurzchat Details erfahren und sich versichern, dass es so ist. Doppelschön. Oder aber, durch das Vermissen von Statusmeldungen daran erinnert werden, dass jetzt vielleicht ein Anruf doch angebracht wäre. Naja, und dann die wirklich erquickliche Sache mit den Bildern. Ich sehe einige Cousins und Cousinen viel zu selten. Aber ich kriege die Typveränderung von blond zu braun mit. Ich bekomme die süßeste Erklärung für Augenringe wegen Schlafmangels als Foto mit dem Neugeborenen darauf geliefert. Ich bin auf eine Art ein bisschen dabei. Und das ist besser als das Gegenteil. Apropos Bilder.

Natüüürlich habe auch ich, Achtung Sieg(el) Nummer 2, neugierig nach Fotos von Mitschülern und verflossenen Liebschaften gesucht, als das losging mit dem Facebook-Hype. Und noch nicht die Rede davon war, dass man den Zugriff auf die Alben beschränken kann – und sollte. Ein bisschen in nostalgischer Erinnerung schwelgen. Muss nicht in Wiederbelebung münden. Aber kann. Die Verbindung neu herstellen. Wiederfinden. Das funktioniert mit Facebook. Und die Hürde der Kontaktaufnahme ist niedrig. Überhüpfbar nahezu im Vergleich zu Telefonnummern-Recherche und Schweinehund-Überwindung vor dem Anruf in die eigene Vergangenheit. Facebook macht es einfacher. Und unverbindlicher. Jeder bestimmt selbst, wer was mitbekommt.

Teilen und Mitteilen. Das muss Sieg(el) 3 sein. Freude und Spaß genauso wie Kummer. Der Status bei Facebook geht in der Regel nicht nur raus an Freunde. Sondern auch Bekannte und Kollegen. Alles potenzielle Mitfreuer, Mitfühler oder Mitdenker. Und wenn wir nun leichtfüßig die Tresenseite wechseln, landen wir recht unkomplziert bei Teilhaben – Nummer 4.

Auch, wenn ich mich nicht aktiv am Leben des anderen beteilige oder Einfluss nehme: ich weiß, was los ist. Kann einschätzen, verstehen oder… einfach nur zur Kenntnis nehmen. Ich habe die Wahl. Immerhin. Für die privaten User, die anders als ich mit meiner Familien-Pinnwand, viele hundert oder tausend Facebook-Freunde ihre Crowd nennen, wird das tägliche Teilhaben vielleicht eher übersetzt in Mitbekommen. Sich die Möglichkeit wahren, nichts Wichtiges zu verpassen. Selbst, wenn die Inhalte der anderen Posts am eigenen Interessenshorizont vorbeischrammem. Man hat es gelesen. Oder könnte es gelesen haben. Und weiß daher im Zweifel, wovon die eigene und alle Welt womöglich morgen spricht – wenn sich Traurigkeiten, Aufreger, zukünftige Hits oder Spaß-Videos innerhalb von Stunden weltweit verbreiten. Genau das ist nach und neben Youtube & Co. ein weiterer Faktor geworden für den Facebook-Erfolg: die perfekte Plattform für die virale Kraft des WWW. Sie ahnen es:

Sieg(el) 5. Unbekannte Bands bauen durch engen Konsumentenkontakt ihre Fanbase auf. Privatpersonen mit riesigem Netzwerk nutzen dieses um kleine Probleme („günstige 2-Zimmer in München gesucht – weiß jemand was?“) kund zu tun und erfolgreich zu lösen. Selbst wenn das mit „günstig“ und „München“ in einem Satz nicht lösbar scheint. Tauchen plötzlich „große“ Herausforderungen auf – Stammzellenspender oder Unterstützer in einer Charity-Sache gesucht – hat sich Facebook meinem bescheidenen Erfahrungsschatz nach auch bewährt. „Gefällt mir.“ Und das darf und soll ich äussern. So die Idee. Bei Facebook sagt jede Gurke etwas zu jedem missratenen Lauch. Insofern findet auch meine Meinung hier ihren Niederschlag.

Sieg(el) 6 ist es, dass Meinungen verbreitet werden. Triviales Tratschen, lustiger Unfug, aber auch wirklich Wichtiges. Ich denke an die Videos von Demonstrationen in Instanbul im vergangenen Sommer zum Gezi-Park, die ins Netz gelangten und über Facebook um die Welt wanderten, obwohl der Staat alles daran gesetzt hatte, dies zu verhindern. Ich denke auch an „kleine Megaphone“. Kluge Menschen, Privatpersonen, die ihre Stimme erheben. Dies originell oder so wortgewaltig tun, dass sich Statusmeldungen / Clips in Windeseile verbreiten. Dank der Teilen-Funktion.Verdauen Sie diese Feststellung noch kurz. Denn das letzte Siegel, das ich ausgemacht habe, könnte nicht gegensätzlicher sein zum jüngsten Gedanken. Weder geht es um Weltpolitik, Hilfe, Kontakt oder Gefühl – es geht nur ums Ego.

Die 7: Selbstdarstellung. Hier muss fein differenziert werden. Privatpersonen haben die Chance, sich zu präsentieren, wie sie es sonst vielleicht nicht tun würden. Ein kleines, sympathisches Portfolio des „Ich“ für die, denen noch kein Wikipedia-Eintrag gewidmet wurde. Die Person des öffentlichen Interesses kommt um ein Mindestmaß an Selbstdarstellung nicht drum herum. Selbst, wenn einem (mir!) das tendenziell unangenehm ist.

Wissen Sie? Ich habe es versucht. Habe Informationen über das öffentliche Ich auf dem offiziellen Profil verbreitet. Die, die jeder wissen darf und soll. Und – die eigentlich keine Sau interessieren, weil man sich das alles ergoogeln kann. Der Kunde konsumierte. Der Kunde attestierte fahlen Beigeschmack. Der Kunde war gelangweilt. Kaum fand sich ein Foto Marke Zusselfrisur-hochgesteckt-mit-Sonnenbrille aus irgendeinem anonymen Garten auf der Pinnwand, das der Hauch „ui, das ist ein Einblick ins Private“ umwehte, ratterte der Zähler der neuen „Gefällt mir“-Klicker. Privat weckt Interesse. Und das, wo ich nichts Privates preisgeben möchte. Balance-Akt. Ich werde sicherer im Seiltanz. Und bediene die Bedürfnisse – nach strengen Regeln. Nur so wächst die gute Gemeinschaft stetig und hört hoffentlich auch zu, wenn ich wirklich Bedeutendes kund tun möchte.

Privatleute können zurückgelehnt andere Ziele verfolgen. Sie posten Impressionen, Zitate, Videos, Gedanken, die aussagekräftig sind. Das erschließt mir den Menschen dahinter auch auf eine Art. Vor allen Dingen, wenn der Profilinhaber nicht so gern „Aussage-kräftig“ ist. Weil eher von stillem Wesen. Oder zurückhaltend. Oder einsam. Oder alles zusammen. Ich finde das in Ordnung. Eine schüchterne, junge Frau würde es vermutlich nur schwer über die Lippen bringen, ihn nach einem ersten, mehr versprechenden Abend nach seiner Telefonnummer zu fragen. Wie viel einfacher ist da:

„Ähm, bist du eigentlich auch bei Facebook?“


 


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Mobile Liebe

Mobile Generation (adapted) (Image by Stefano [CC BY SA], via flickr)

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt.

Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag oder darüber, was ist, wenn Liebe oft nur noch in wenigen Zeichen übermittelt wird oder Kontaktaufnahmen überwiegend über Facebook ablaufen.

Tinte. Schwarze Tinte, die Feder und ein leeres Blatt Papier. Das waren bedeutsame Utensilien einst. Das Feuer der Liebe in Zeiten der Cholera brauchte handgeschriebene Liebesbriefe und nächtlichen Fenstergesang um knisternd und heiß zu lodern und nicht mit dem Morgengrauen zu verglühen. Da wurde geworben und mit Worten oder Weisen gerungen, dass der Angebeteten der Atem stockte. Und wenn es für den liebenden Jüngling besonders glücklich verlief, begann vielleicht sogar das Herz der Holden zu hüpfen und zu pochen wie nix Gutes. Good old times? Die Cholera ist noch nicht flächendeckend ausgerottet. Aber sie verliert an zerstörerischer Kraft. Und mit ihr schwinden, so scheint es, vermeintlich altmodische Formen amouröser Pflichtdisziplinen. Verliebte Töne und verliebte Tinte. Nicht ganz und gar. Nein, nein. Sicher wird auch heute noch geschrieben. Per Hand auf edlem Büttenpapier mit Füllfederhalter – und Tintenklecksen. Das weiß ich. Denn ich tu es. Einige meiner Freunde tun es auch. Zum Geburtstag und anderen jährlichen Denkmalstagen oder auch anlasslos und immer zu meiner allergrößten Entzückung. Doch erinnere ich nicht, wann der Gruß im Briefkasten zuletzt von verliebter Natur gewesen wäre. Der Grund liegt auf der Hand. Oder besser gesagt: in selbiger.

Das Mobiltelefon. Gesellschaftsfähig seit Mitte der Neunziger. Und seitdem auf nicht enden wollendem Siegeszug zum Gebrauchsgegenstand Nummer 1. Und so hat spätestens mit dem Ausklang des 20. Jahrhunderts die Liebe eine weitere Mitteilungsmöglichkeit erhalten. Die bahnbrechend neue Ausdrucksform der Gefühle trug drei wenig emotionsgeladene Buchstaben: SMS. Short Message Service, Kurznachricht, Textmitteilung. So nannten wir es. Damals. Und so nennt es heute kaum einer mehr. Weil nur noch wenige der hochfrequent tippenden Handynachrichten-Schreiber wirklich eine „klassische“ SMS absetzen. Die, die es dennoch tun, haben entweder eine Flatrate. Oder die Landung nach dem SMS-Höhenflug verpasst. Denn: wer heute in kurzer Nachricht Info oder Emo loswerden will, tut dies doch per imessage, whatsapp oder wie sie alle heißen. Die so gut wie kostenlosen Nachrichten-Verschick-Dienste. Oder?

Wo war ich? Nun, die Geburtsstunde der SMS. Die kurze kostenpflichtige Botschaft, einst auf (Gott, erinnert sich noch jemand?) 160 Zeichen begrenzt – eröffnete mobilfunkenden Liebenden, eine schillernde neue Welt der Verbindung: Eine des Sehnens und Verzehrens mit wenngleich teurer Standleitung quasi. Dass frisch Verliebte im Rausch des herrlichsten Hormon-Cocktails nicht ganz dicht sind, wurde erweitert um die Komponente, dass es bei denen wohl auch noch piepte. Und zwar dauernd. Pieppiep:

„Du fehlst mir wie Kartoffelbrei.“

Pieppiep:

„Du bist nicht hier. Deswegen ist hier doof.“

Pieppiep:

„Ohne dich bin ich nur halb.“

Ja. Halb. Vor allen Dingen nur halbaufmerksam im Straßenverkehr bei gleichzeitiger, unerlaubter Benutzung des Handies. (Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die Sie bereits kennen.)

Was für ein Gebimmel in Herz und Gehörgang. Dabei war das Erscheinungsbild seinerzeit – dunkelgraue Roboterschrift auf oliv-hellgrauem Hintergrund – das exakte Gegenteil säuselnd-rosiger Liebesbotschaft mit persönlicher Note. Dennoch sehe ich mich in meiner Erinnerung oft meinen hässlichen Handyknochen an die Brust heben, weil er eine Nachricht geschrieben hatte. Eine mit – Dirty Dancing lässt grüßen – „Gogong“. Hach hach.

Tatsächlich aber trug ein sehr mühevoll, ähm, „gemaltes“ SMS-Bild aus Satzzeichen, Sternchen und Buchstaben, das ich zu Beginn einer mehrjährigen Umwerbungsphase erhielt, nicht unerheblich zu einem weiteren Romantiksteinchen im Liebesbrett bei. Vom Brett zum Bett dauerte es zwar Jahre. Aber: es hat geklappt. Der Erfolg gab ihm recht. Und mir erst einiges später die Erkenntnis, dass der ganze SMS-Bilder-Krams unter Baggernden gehandelt und weitergegeben wurde, wie der neue heiße Scheiss in Berliner Szene-Clubs. Also: nix selbst gemacht. Copy & Paste – das war der Trick. Damals schon. Machte nix. Der gute Zweck heiligt seit je her fast alle Mittel. Und in der Causa Liebe ist jedes Mittel recht. Gut so, nicht?

Apropos: Mittel. An der Seite der immer populärer werdenden SMS wuchs ein weiteres Kommunikations-Werkzeug heran, was in Liebesdingen eingesetzt werden mochte und konnte: die Email. Bis heute herrscht – und Sie mögen verzeihen, wenn ich mich darüber nicht nur freue, sondern es regelrecht feiere – weitestgehend eine intuitive Sperre, flammende Liebesschwüre via Mail kund zu tun. Vielleicht ist es eine naturgegebene Hürde des Herzens, Süßholz digital zu raspeln. Analog oder von Angesicht zu Angesicht scheint immer noch modern. Olé, olé. Und doch… Ich erhielt Liebesbekundungen auch schon auf die „andere“ Art.

Mit Zapfino-Schrift (ja, das waren harte Zeiten).

Aber auch blinkenden Herzen oder Blümchentapete im Mailhintergrund. Hoffentlich, so betete ich stets, nicht an des Absenders Wohnzimmerwand. Elektronische Postkarten zum Selbergestalten folgten. Immerhin ein kleines Spielfeld für die Kreativität netzaffiner Romantik-Ritter. Und die Möglichkeit, dem tollsten Gefühl der Welt, das einzige, das Kitsch zur Kunstform erheben darf, etwas mehr Coolness und persönlichen Stil zu geben. Egal, ob rüschig oder rockig – das Zelebrieren der Liebe wurde digital. Klingt leider nicht nach dem funkelnden Glitzersturm, der sich beim Verliebtsein in Kopf und Herz ausbreitet.

Und doch: was am Anfang belächelt oder mit schmunzelndem Kopfschütteln hingenommen wurde, hat uns liebenden Menschen einen neuen Karabinerhaken zum Festigen und Verankern an die Hand gegeben. Ist es nicht so? Kaum einer, der – wenn er neben dem Business-Business und auch noch im Love-Business unterwegs ist – auf die Freuden des Handychats oder der Videotelefonie verzichten will. Sich sehen und sich Küsse schicken. Sei es nur über dieses kleine, pixelige Display. Dem anderen zeigen, wo man gerade ist. Und wie entsetzlich öde es da ist, ohne ihn. Oder aber gar nicht mit dem Handy im Zimmer auf Sightseeing-Tour gehen, sondern einfach nur ein bisschen „texten“. Sich den Tag erzählen. Unwichtiges Blabla, Lästereien und Seeehnsucht. Schreibend – genau. Weil der Kopf einfach keine Buchstaben mehr hat für gesprochene Worte. Weil sowieso pausenlos gequasselt werden muss berufsbedingt. Weil es Spaß macht, dem Liebsten Bilder zu schicken vom rumpeligen Hotel, der buckeligen Verwandschaft, dem Gesicht mit Gurken darauf oder einfach vom schönen Sonnenuntergang. Der zu zweit geteilt natürlich noch goldener ist.

Kurzum: Teilhaben lassen. Wenn einen tage- oder wochenlang viele Hundert Kilometer trennen. Nähe schaffen. Wo sonst (seelische) Entfernung drohen könnte. Auf eine Art den anderen „erleben“. Fast so, als wäre er da – nur eben nicht in Fleisch & Blut, sondern durch Pics & Sounds. Sonst bliebe doch nur vages Erfühlen oder Erahnen im stimmungslosen Raum.

Sehnen und die Sehnsucht ein kleines bisschen stillen – das funktioniert, finde ich. Mit dem Klang der geliebten Stimme oder mit bewegten Bildern. Und damit schaffen wir etwas, was früher unmöglich war: Ein wenig in die Lebenswirklichkeit und den Alltag des anderen schlüpfen. Trotz der endlos langen A2 zwischen ihm und ihr.

Schon klar. Kein noch so ausdauernder Chat, selbst bis 4Uhr in der Früh, ersetzt das Gespräch am Lagerfeuer. Arm in Arm. Decke um alle vier Schultern. Aber: er hilft. Als eine Art Emo-Brücke. Wenn die Liebenden noch nicht Tisch und Bett, und erst recht nicht denselben Wohnort teilen.

Wie es um das Suchen und Finden bestellt ist, im Zeitalter der „mobilen“ Liebe, das kann ich nicht beurteilen. Auch wenn das dem Hörensagen nach recht gut klappen soll. Was ich aber felsenfest bestätigen kann: Das Nicht-Verlieren und Halten – das geht! Und wie. Deswegen jetzt noch schnell eine schöne Nachricht schreiben an Mr. oder Mrs. Right. Mit Bildchen und Herzchen und allem, wonach Ihnen gerade ist. Danach ist sie dann auch wirklich getrocknet und verwischt nicht mehr – die Tinte auf dem Brief.


Image (adapted) „mobile generation“ by Stefano (CC BY-SA 2.0)


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