„Bist du bei Facebook?“

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag.

Früher habe ich Telefonnummern auf Bierdeckel oder Handinnenflächen gekritzelt. Später Email-Adressen im mobile Device gespeichert oder noch förmlicher: schicke Visitenkarten ausgetauscht. Und jetzt das. Die kompakteste Form, den Wunsch zu formulieren, in Verbindung zu bleiben:

„Bist du bei Facebook?“

Wenn der Fragende den vollständigen Namen seines Gegenüber kennt und der nicht, wie ich, mehrere Profile pflegt oder ein Benutzerpseudonym gewählt hat, dann funktioniert das sogar. Kurz später via Smartphone die Person des persönlichen Interesses suchen. Finden. Freundschaftsanfrage senden. Bestätigt bekommen. Zackbumm. Fertig. Willkommen in der Welt eines dir bis eben eher unbekannten Menschen. Ein neuer „Freund“, noch bevor das Taxi hinter der nächsten Ecke verschwunden ist. Tja, nun. Dass Social-Network-Freunde in der Definition und Bedeutung nicht langjährigen Wegbegleitern a.k.a. „echte Freunde“ gleichzusetzen sind – wissen wir. Dass die virtuelle Clique nicht das Zwiegespräch im Leben jenseits des Rechners ersetzt – wissen wir auch. „Anstupsen“ ist eben nicht umarmen. Und doch: Das Phänomen Facebook fasziniert enorm. Derzeit über eine Milliarde Mitglieder weltweit. Was ist dieses „Gesichtsbuch“, das in wenigen Wochen 10. Geburtstag feiert? Fluch oder Segen? Suchen oder pflegen? Zeitdieb oder Zugewinn?

Das Fahnden nach Antworten beginnt mit einem einfachen „Ja“. Ja, auch ich bin bei Facebook. Einmal offiziell. Und einmal incognito. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie lange genau. Und bin auch zu faul, das irgendwo nachzulesen. Das offizielle Profil habe ich anfangs eingerichtet, weil Managements auf der ganzen Welt sagen, dass es „schon wichtig“ sei, „so etwas zu haben und da auch mitzumachen“. Mittlerweile habe ich wirklich Spaß daran. Trenne aber inhaltlich pingelig genau, was ich auf welchem Account poste. Das private Profil ist für mich eher eine Family & Friends-Pinnwand. Die meisten meiner dort sehr handverlesenen Facebook-Freunde wurden als „Pielhau“ geboren oder angeheiratet. Was Familienfeste nur einmal im Jahr schaffen, haben wir da täglich: Austausch mit der lieben Verwandtschaft, Einblick in das Leben der Herzensmenschen. Egal, wo in Deutschland sie aktuell ihre Miete zahlen.

Das scheint mir schon Sieg(el) Nummer 1 zu sein. Kontakt. Halten. Pflegen. Auf dem Laufenden bleiben. Ohne zum Telefon zu greifen oder per ausführlicher email nachzuhorchen. Jede fröhliche Statusmeldung verheißt ein: denen geht es gerade augenscheinlich gut. Schön. Im Kurzchat Details erfahren und sich versichern, dass es so ist. Doppelschön. Oder aber, durch das Vermissen von Statusmeldungen daran erinnert werden, dass jetzt vielleicht ein Anruf doch angebracht wäre. Naja, und dann die wirklich erquickliche Sache mit den Bildern. Ich sehe einige Cousins und Cousinen viel zu selten. Aber ich kriege die Typveränderung von blond zu braun mit. Ich bekomme die süßeste Erklärung für Augenringe wegen Schlafmangels als Foto mit dem Neugeborenen darauf geliefert. Ich bin auf eine Art ein bisschen dabei. Und das ist besser als das Gegenteil. Apropos Bilder.

Natüüürlich habe auch ich, Achtung Sieg(el) Nummer 2, neugierig nach Fotos von Mitschülern und verflossenen Liebschaften gesucht, als das losging mit dem Facebook-Hype. Und noch nicht die Rede davon war, dass man den Zugriff auf die Alben beschränken kann – und sollte. Ein bisschen in nostalgischer Erinnerung schwelgen. Muss nicht in Wiederbelebung münden. Aber kann. Die Verbindung neu herstellen. Wiederfinden. Das funktioniert mit Facebook. Und die Hürde der Kontaktaufnahme ist niedrig. Überhüpfbar nahezu im Vergleich zu Telefonnummern-Recherche und Schweinehund-Überwindung vor dem Anruf in die eigene Vergangenheit. Facebook macht es einfacher. Und unverbindlicher. Jeder bestimmt selbst, wer was mitbekommt.

Teilen und Mitteilen. Das muss Sieg(el) 3 sein. Freude und Spaß genauso wie Kummer. Der Status bei Facebook geht in der Regel nicht nur raus an Freunde. Sondern auch Bekannte und Kollegen. Alles potenzielle Mitfreuer, Mitfühler oder Mitdenker. Und wenn wir nun leichtfüßig die Tresenseite wechseln, landen wir recht unkomplziert bei Teilhaben – Nummer 4.

Auch, wenn ich mich nicht aktiv am Leben des anderen beteilige oder Einfluss nehme: ich weiß, was los ist. Kann einschätzen, verstehen oder… einfach nur zur Kenntnis nehmen. Ich habe die Wahl. Immerhin. Für die privaten User, die anders als ich mit meiner Familien-Pinnwand, viele hundert oder tausend Facebook-Freunde ihre Crowd nennen, wird das tägliche Teilhaben vielleicht eher übersetzt in Mitbekommen. Sich die Möglichkeit wahren, nichts Wichtiges zu verpassen. Selbst, wenn die Inhalte der anderen Posts am eigenen Interessenshorizont vorbeischrammem. Man hat es gelesen. Oder könnte es gelesen haben. Und weiß daher im Zweifel, wovon die eigene und alle Welt womöglich morgen spricht – wenn sich Traurigkeiten, Aufreger, zukünftige Hits oder Spaß-Videos innerhalb von Stunden weltweit verbreiten. Genau das ist nach und neben Youtube & Co. ein weiterer Faktor geworden für den Facebook-Erfolg: die perfekte Plattform für die virale Kraft des WWW. Sie ahnen es:

Sieg(el) 5. Unbekannte Bands bauen durch engen Konsumentenkontakt ihre Fanbase auf. Privatpersonen mit riesigem Netzwerk nutzen dieses um kleine Probleme („günstige 2-Zimmer in München gesucht – weiß jemand was?“) kund zu tun und erfolgreich zu lösen. Selbst wenn das mit „günstig“ und „München“ in einem Satz nicht lösbar scheint. Tauchen plötzlich „große“ Herausforderungen auf – Stammzellenspender oder Unterstützer in einer Charity-Sache gesucht – hat sich Facebook meinem bescheidenen Erfahrungsschatz nach auch bewährt. „Gefällt mir.“ Und das darf und soll ich äussern. So die Idee. Bei Facebook sagt jede Gurke etwas zu jedem missratenen Lauch. Insofern findet auch meine Meinung hier ihren Niederschlag.

Sieg(el) 6 ist es, dass Meinungen verbreitet werden. Triviales Tratschen, lustiger Unfug, aber auch wirklich Wichtiges. Ich denke an die Videos von Demonstrationen in Instanbul im vergangenen Sommer zum Gezi-Park, die ins Netz gelangten und über Facebook um die Welt wanderten, obwohl der Staat alles daran gesetzt hatte, dies zu verhindern. Ich denke auch an „kleine Megaphone“. Kluge Menschen, Privatpersonen, die ihre Stimme erheben. Dies originell oder so wortgewaltig tun, dass sich Statusmeldungen / Clips in Windeseile verbreiten. Dank der Teilen-Funktion.Verdauen Sie diese Feststellung noch kurz. Denn das letzte Siegel, das ich ausgemacht habe, könnte nicht gegensätzlicher sein zum jüngsten Gedanken. Weder geht es um Weltpolitik, Hilfe, Kontakt oder Gefühl – es geht nur ums Ego.

Die 7: Selbstdarstellung. Hier muss fein differenziert werden. Privatpersonen haben die Chance, sich zu präsentieren, wie sie es sonst vielleicht nicht tun würden. Ein kleines, sympathisches Portfolio des „Ich“ für die, denen noch kein Wikipedia-Eintrag gewidmet wurde. Die Person des öffentlichen Interesses kommt um ein Mindestmaß an Selbstdarstellung nicht drum herum. Selbst, wenn einem (mir!) das tendenziell unangenehm ist.

Wissen Sie? Ich habe es versucht. Habe Informationen über das öffentliche Ich auf dem offiziellen Profil verbreitet. Die, die jeder wissen darf und soll. Und – die eigentlich keine Sau interessieren, weil man sich das alles ergoogeln kann. Der Kunde konsumierte. Der Kunde attestierte fahlen Beigeschmack. Der Kunde war gelangweilt. Kaum fand sich ein Foto Marke Zusselfrisur-hochgesteckt-mit-Sonnenbrille aus irgendeinem anonymen Garten auf der Pinnwand, das der Hauch „ui, das ist ein Einblick ins Private“ umwehte, ratterte der Zähler der neuen „Gefällt mir“-Klicker. Privat weckt Interesse. Und das, wo ich nichts Privates preisgeben möchte. Balance-Akt. Ich werde sicherer im Seiltanz. Und bediene die Bedürfnisse – nach strengen Regeln. Nur so wächst die gute Gemeinschaft stetig und hört hoffentlich auch zu, wenn ich wirklich Bedeutendes kund tun möchte.

Privatleute können zurückgelehnt andere Ziele verfolgen. Sie posten Impressionen, Zitate, Videos, Gedanken, die aussagekräftig sind. Das erschließt mir den Menschen dahinter auch auf eine Art. Vor allen Dingen, wenn der Profilinhaber nicht so gern „Aussage-kräftig“ ist. Weil eher von stillem Wesen. Oder zurückhaltend. Oder einsam. Oder alles zusammen. Ich finde das in Ordnung. Eine schüchterne, junge Frau würde es vermutlich nur schwer über die Lippen bringen, ihn nach einem ersten, mehr versprechenden Abend nach seiner Telefonnummer zu fragen. Wie viel einfacher ist da:

„Ähm, bist du eigentlich auch bei Facebook?“


 


Miriam Pielhau

kannte die Netzpiloten schon von Anfang an. Sie arbeitete bis zu ihrem frühen Tode seit Mitte der 90er Jahre als Radio- und TV-Moderatorin und war auch als Schauspielerin für Film und am Theater bekannt. Ihre Kolumnen bei den Netzpiloten werden nach wie vor gerne gelesen und erinnern an ihre herzliche Leichtigkeit mit der sie uns unvergessen bleibt.


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2 comments

  1. Endweder ich gehe wie Mankells Wallander- Kommissar langsam in den Sonnenuntergang meines Gedächtnisses…
    oder ich habe diesen Text schon mal von Dir gelesen.
    Gefällt mir aber immer noch und wieder.
    Kann mich da an Aussagen einer andere bekannten Bekannten erinnern: „Mit Internet 2.0 kann ich nix anfangen- und versteh auch nicht, wieso andere das gutfinden…“
    Schönen Gruß an S.K. aus B. ^^

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