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Schreiben & Lesen – früher & heute

Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke! Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt.

Es war ein Krickel und Krackel. Mit Eselsohren und eingerissenen Seiten. Und es hatte am Ende nicht viel Schönes. Ehrlich gesagt. Egal, wie man es drehte und wand: Als ich die ausgedruckte Buchfahne zu „Radiergummitage“ – also, mein, ähm, „Werk“ auf 351(!) DIN A4 Seiten – zum dritten Mal durchgearbeitet hatte, sah sie aus, wie eine lange, penibel korrigierte Deutsch-Leistungskurs-Klausurarbeit. Eine sehr, sehr, SEHR lange Klausurarbeit. Und SEHR akribisch korrigiert. Durchgestrichene Passagen mit Kuli. Angemarkerte Sätze, die nicht wegfallen durften. Ideen zur späteren Ausarbeitung mit Bleistift am Rand. Farblich gekennzeichnet waren überdies durch die Gegend geschobene Absätze. Und nicht zu vergessen die 1 Millionen Post-Its mit Anmerkungen.

Ich fragte mich schon bei Abgabe dieser Korrektur sorgenvoll, ob das ein Lektor jemals a) verstehen, b) meiner Idee folgend in eine ansprechende Form und c) überhaupt in den Druck bringen konnte. Um das Finale vorweg zu nehmen: es hat alles geklappt. Holldrijo. Nun, gut. Ich hätte auch eine andere Möglichkeit gehabt. Es gab eine Alternative zur Chaosvariante. Die Erstversion des Romans nach dem gründlichen Lektorat kam digital. Mit nachvollziehbaren Änderungen und Bemerkungen. Mit Randnotizen oder auf dem Bildschirm bunt gemachten Verbesserungsvorschlägen. Ich verstand alles. Nahm alles (was an Änderungen angemerkt war) an. Digital und im Herzen. Und kapitulierte… Jede weitere Arbeit an diesem Dokument, müsste von nun an händisch von statten gehen, stellte ich für mich fest. Dieses Rumfrickeln in diesem übergroßen Word-/Pages-Dokument an dem Computer-Monitor strapazierte meine Geduld und überforderte mich maßlos. Weil sich irgendetwas in mir immer noch gegen „book auf dem macbook“ sträubte. Ich meine, ich bin nicht umsonst bislang noch nicht zur vollends begeisterten eBook-Leserin geworden. (Kann ja noch werden. Ich versuche es immer wieder.) Aber noch liebe ich zu sehr mein Taschenbuch in der Hand. Die Knicke und Falten in den Seiten. Beziehungsweise vielmehr: das Gefühl, dass das Papier angefasst, geblättert und gelesen wurde. Und nicht nur im Regal stand. Ich finde es großartig, dieses haptische Erlebnis der Abendlektüre, das mit einem auf den Bauch gedrehten Buch auf dem Nachtisch endet. Und dieser geherzten Routine folgend, brauchte ich also den Ausdruck für den ultimativen Eindruck vor Andruck. Wie gesagt: es ist nichts schief gegangen. Aber: es hat mich zum Nachdenken gebracht. So romantisch die Vorstellung vom Schriftsteller an seiner Schreibmaschine mit Blick auf provençalische Landschaften sein mag – so wenig hat das mit uns zu tun. Mit der Lebenswirklichkeit der Generation „@“. Und das ist gut so. Ich bin dankbar, nicht jede Seite neu abtippen zu müssen, nur weil ich drei Tage nach ihrer Beschriftung feststelle, dass ich über die Hälfte anders schreiben will. Ich bin glücklich, dass ich keine mehreren tausend Seiten im Copyshop kopieren muss (wie haben die das früher gemacht?), um sie an diverse Verlage zu schicken, die alle Interesse an meinem Roman haben. Ich mache drei Kreuze, dass das Netz uns derlei heute wirklich erspart. Holl-dri-jo. Sagte ich das bereits? Dass das Web die Welt verändert (hat), ja, uns verändert (hat) ist nicht neu. Dass es Bedenkenträger gab und immer wieder gibt – mal zu Recht und mal zu Unrecht – auch nicht. Ich will mich auf das konzentrieren, was meine kleine Welt beschäftigt. Und das war im Schaffensprozess des Buches das eben geschilderte. Und noch etwas mehr. Als es um die Planung und Abwicklung der Lesereise ging, trudelte eine Anfrage ein, die mir kurz Stirnrunzeln machte. Alle Beteiligten, vor allem die Profis vom Verlag, sagten „Doch, doch, das ist seriös. Und auch cool. Mach das.“ Ich stutzte dennoch. Lesung. Für mich hieß das bislang: zu einer Buchhandlung oder in ein kleines Theater fahren – auf interessierte Buch-Afficionados treffen – Kapitel oder mannigfaltige Auszüge präsentieren – danach Fragen beantworten – Bücher signieren – Gespräche haben – nach Hause gehen. Oder eher: ins Hotel. Schlafen, am nächsten Morgen Heimfahren oder zum nächsten Leseort. So. Jetzt kullerte ein neues Wort aufs Spielfeld. Es hieß „Online-Lesung“. Ein zunächst irritierendes Schlagwort, das mich innehalten ließ. Ich sollte, so der Gedanke, eine Lesung abhalten bei meinem Verlag. Nur ohne Publikum. Dafür aber mit Kamera und Ton und Assistenten und Technik und pipapo. Aha. „Und das funktioniert?“ Meine Skepsis war nicht zu überspüren. „Ja. Die Leute lieben das. Hat was exklusives.“ Was Exklusives. Soso. Dabei ist es doch kosten- und aufwandlos. Für alle (die Internet haben). Mehr oder weniger leblos aus dem Netz. Zweidimensional. Und damit nur eine schale Kopie von „echt“. Oder? Hat das wirklich Wert? Das war meine Frage. Am Tag der Lesung herrschte emsiges Treiben. Der Raum und mein spezieller Performance-Ort mit Tisch und Stuhl und Deko wurden hübsch hergerichtet, als würden Staatsmänner empfangen. Das Catering entsprach dem auch. Fast. Noch 10 Minuten bis zum Lesungsbeginn. Als ich den mir zugedachten Platz einnahm, mich allein wähnte mit dem Zimmer, der Wortlosigkeit und den zauberhaften, aber eher stillen Organisatoren dieser Lesung, zögerte ich innerlich. Ich begann ein Paar Absätze aus meinem Buch laut vorzutragen. Die Worte standen regungslos im Raum. Niemand, der sie in sich aufnahm oder reagierte. Konnte ich das so? Wollte ich das so? Noch 5 Minuten. Ich fand erstaunlich schnell eine Antwort. Und die lautete eindeutig: nein. Also stand ich auf und suchte meine Verbündeten. Die Verlagschefin, die Leiterin der Lesungen, die Chef-Assistentin, mein Lektor und so weiter und so fort. Kurzum: alle, die noch zu dieser unbürokratischen Stunde im Büro waren. Noch 1 Minute. Dann legte und las ich los. Zartes Hüsteln und Kichern an der ersten Stelle, an der geschmunzelt werden durfte. Ich fühlte mich ermutigt und erzählte meine Geschichte noch theatralischer weiter. Lautes Giggeln. Plötzlich einige große Lacher. Ich musste auch lächeln, blickte auf in die Kamera, die mich die ganze Zeit bei meiner Vorleserei beobachtete und stellte mir vor, wie die, die uns von Zuhause aus folgten, jetzt auch vor sich hin grinsten. Das fühlte sich gut an. Von diesem Augenblick an. Bis zum Schluss. Als ich am Ende des Vortrags zu Fragen aufrief, ließ sich die Netzgemeinde nicht lange bitten. Im Gegenteil. Schon während der Lesung waren bei Facebook und Twitter jede Menge Interessenten aktiv gewesen und hatten das gepostet, was sie wissen wollten. Also, diametral anders als beim analogen Event. Wo man nicht selten das Publikum gerade am Anfang mit einigen liebevollen Schubsern ermuntern muss, sich einzubringen. Nein. Hier sprudelten die Fragen und ich war dankbar, so viele unterschiedliche Dinge beantworten zu dürfen. Nach über einer Stunde wurde die Sitzung beendet. Meine Wangen glühten. Und die Stimme krächzte ein wenig. Hatte sie doch auch 70 Minuten lang mehr oder weniger ohne Punkt und Komma, in jedem Fall aber ohne Pause erklingen müssen. Dann lehnte ich mich zurück. „Zufrieden, Jungens?“ fragte ich in die Richtung der Organisatoren, die keck hinter ihren Monitoren hervor lugten. „Jawohl. Da war ja einiges los. Schön.“ „Da war einiges los. Stimmt…“ Das Signieren fehlte mir ein wenig. Und das ins-Gespräch-kommen mit Leuten, die das Werk, in dem 3 Jahre Arbeit, viel Liebe und Herzblut drinstecken, bereits konsumiert haben. Dafür, so dachte ich mir, haben das heute vielleicht Leute gesehen, die sonst gar nicht zu einer Lesung gekommen wären. Oder es rein körperlich vielleicht nicht hinbekommen hätten. Es konnte jeder, der wollte. Das kleine kulturelle Event – nur einen Klick entfernt. Für die nächste Online-Lesung beim nächsten, ähm, Bestseller, wünsche ich mir übrigens einen Ohrensessel in einem kleinen Landhaus. Vorzugsweise mit einer dekorativen Schreibmaschine neben mir. Und dem Blick frei auf eine schöne Landschaft. Die Provençe zum Beispiel.

 

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„Vom Suchen und Tindern der Liebe“ Miriam Pielhaus neuste Kolumne

Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke! Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Nine hat das Unmögliche geschafft. Würde es „Wetten, dass…“ noch etwas länger als für drei Ausgaben geben, ich hätte gewettet, dass das niemand jemals hinbekommt. Und: ich hätte mit schlingernden Pauken und jammernden Trompeten verloren. Denn Nine hat es tatsächlich geschafft. Nine ist eine wundervolle Frau aus meinem nahen Umfeld und „Medienmensch“-Kollegin sozusagen. Sie alle kennen Nine vermutlich aus Ihrem Fernseher oder aus Zeitschriften. Nine heißt natürlich in Wirklichkeit nicht Nine. Aber das ist nebensächlich. Das Unmögliche, das ihr gelungen ist: Nine hat mich zu einem Online-Dating-Portal gebracht. Und da bin ich nun. Schon seit 6 Wochen. Und so fing alles an. Nine hat eine Cousine, die kurz davor ist, ein endlos langes Studium zu seinem hoffentlich glanzvollen Ende zu bringen. Diese Cousine schreibt für ihren Bachelor in Soziologie über ein sicherlich hochtrabendes Thema, für das sie Kennenlern-Netzwerke, Dating-Portale und entsprechende Apps testet. Testen muss. Zufälligerweise ist die Cousine auch gerade alleinstehend – aber auch das ist bitte nur eine Randnotiz der Geschichte, die Sie hoffentlich schmunzeln lässt. Nun. So landete die Cousine bei einem dieser Dienste Tinder. Und so war auch meine (im Berufsleben „berühmte“) Freundin Nine, kurze Zeit später mit eigenem Profil dort vertreten. Zunächst kichernd, halb beschämt, halb belustigt. Ein Stück weit „aus purer Neugier, haha“. Weil die App fix geladen ist, so simpel funktioniert und „alles kann – nichts muss“ vermittelt. Aber – der Vollständig- und Ehrlichkeit halber sei angemerkt: Nine trug auch ein kleines Brötchen Hoffnung im Rucksack. Denn Nine ist seit einigen Jahren Single. Nicht ungern, nein nein. Dennoch nicht mit dem Ziel, es für immer zu bleiben. So. Und jetzt halten Sie sich fest: Seit Nine die App am Start hat (2 Monate), hat sie fast schon ein Dutzend Dates gehabt. Echte Dates. Kaffee trinken, Spazieren gehen, Dinner for two, Kino. Und immerhin einmal hat sie sogar geknutscht. Und das sogar „äusserst vielversprechend“. Ich war baff, als sie mir das erzählte. Wie sie es online angestellt habe, dass nicht jeder sofort kapierte, dass sie die Madame aus der Glotze sei, und sie allein aufgrund dieser Tatsache mal „in echt“ treffen wolle, mag ich wissen. Anderer Vorname und nur schemenhafte oder etwas weich gezeichnetere Profilbilder, sagt sie. Sich selbst ein wenig verschlüsseln. Das ginge schon. Außerdem seien ihr sogar einige männliche TV-Kollegen über das Display geschliddert. Also, dieses Dating-Ding, das sei offenkundig Massen- und äääh Medienmenschen-kompatibel. Ich weiß, was sie meint. Und nicke beeindruckt. Sie berichtet. Wer sich anmeldet, erstellt ein Profil. Mit Fotos, Alter und bei Bedarf irgendeinem schlauen Satz oder Absatz zu sich selbst. „Allein das.“ sagt sie, während sie mir die Funktionsweise zeigt, „Wer Carpe Diem oder PartyPartyParty als Lebensmotto angibt oder irgendein Schrott-Zitat aus einem Blümchen-Roman rauskopiert, wird direkt weggeklickt.“ Das Auswahlprinzip ist einfach und erinnert an MTVs „Hot or not“. Wen man nicht sympathisch, spannend oder wenigstens irre attraktiv findet, der wird per „X“ zur Seite gewischt. Jemand, der einen auf irgendeine Art interessiert, den kann man mit einem Klick aufs „Herz“ versehen. Das kriegt dieser Jemand aber nicht mit. Genauso wenig bekommt er die manchmal garstige Ablehnung zu spüren, die mit einem „Nope“-Stempel versehen auf dem eigenen Display erscheint, sobald ein Anti-Kandidat eben für „Anti“ befunden wurde. Erst, wenn ein „Herz“-Mann beim eigenen Profil auf „Herz“ drückt, erscheint das magische „It‘s a match“. Und ab da darf es losgehen. Die App hat eine eigene Kommunikationsplattform, wo gechattet wird. „Und das ist enorm aufschlussreich. Enooorm! Wenn du nur ein bisschen genauer hinliest“, erklärt Nine. Wie einer mit Worten umgehe. Welche Fragen er stelle. Mit welchem Tempo er sich der wildfremden Person nähere. Welche Interessen er habe. Was er von sich preisgebe. Und auf welche Art. Wie fix er ein echtes Treffen und vor allem wo und auf welche Art einfordere und so weiter und so fort. Etliche „matches“ habe sie relativ schnell auslaufen lassen, harte/hartnäckige Fälle könnten blockiert werden, oder aber sie sei freundlich aus der Konversation ausgestiegen. So zum Beispiel bei einem, dem es nur um das Eine ging. Der das Social Network eher als Social Bedwork verstand. Das habe jener aber relativ bald mit immerhin größtmöglichem Stil und in aller Höflichkeit tatsächlich offensiv abgefragt. Nachdem sie die Absicht nicht teilte, wünschten sich beide viel Erfolg bei der weiteren Suche und „einen schönen Sommer in Berlin.“ „Das kann ich gar nicht glauben,“ entfährt es mir. Ich muss ein reichlich dämliches Gesicht gemacht haben seinerzeit. „Dann probiere es halt aus. Du merkst recht schnell, ob das zumindest theoretisch passen könnte. Bis zum Date musst du keine Telefonnummern austauschen. Und selbst dann – eigentlich auch nicht. Verabreden geht auch so diskret über diese App, wie alles davor.“ Soweit war ich damals noch nicht. Ich ließ Nine daten. Und mir von den Erlebnissen erzählen. Nun, was sie kund tat, machte, dass die Augenbrauen in die Höhe stiegen. Bis auf eine Ausnahme waren es ausschließlich kluge, geistreiche, höchst angenehme Typen, die Nine kennengelernt hatte. Schöne Nachmittage verbrachte sie oder Abende. Kein Funkensprühen zwar. Aber auch keine vergeudete Zeit. Ein paar „Huch“-Momente gab es wohl, als die Herren der Schöpfung realisiert hatten, wen genau sie da zum grünen Tee einladen. Aber ansonsten: keine nennenswerten Aussetzer. Keine! Wow. Im Gegenteil. Schönes-neue-Leute-Kennenlernen. Jenseits von „Noch‘n Sektchen?“-Promiparties. Nur mit „ich hatte höhere Erwartungen, vermutlich.“ Was das Scheitern erklärte.Höhere Erwartungen? Tja. Die Erwartungen. Das ist – laut der Cousine, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt – das „kleine, aber entscheidende“ Problem an der Sache. Eine Psychologin, die sie befragt hat, beschreibt das so: wer online kennenlernt, sich über die schriftliche Kommunikation annähert, sehr exklusiv – im Chat-Tète-à-Tète – der baut sich ein Bild auf. Ob er will oder nicht. Und das wird immer bunter und blumenreicher, manchmal auch idealisierter, je länger oder intensiver der Austasuch, das Kennelernen andauert. Das Erkunden des Anderen hat nur das Wort. Kein bewegtes Bild, keinen Klang der Stimme, kein Geruch, keine Stimmung, keinen menschlichen Eindruck. All das wird erst hinzugefügt, wenn sich die beiden Hauptdarsteller der Romantic Comedy im wahren Leben treffen. Und anders als bei der gelernten Analog-Variante (zum Beispiel: Partynight – Boy/Girl meets Girl/Boy in der Bar – beide sehen sich – entscheiden sich dafür, dass genau sie sich die Nacht gemeinsam um die Ohren schlagen wollen – Drama oder Happy End) hat der Erstkontakt im Leben – eine „Vorgeschichte“. Er ist eben nicht jungfräulich. Und daher ist die Fallhöhe groß. Und gewissermaßen das häufige Scheitern vorprogrammiert. Aber – selbst wenn? Ist das verwerflich? Macht es das Daten wertloser? Und erst recht, wenn es das ehrliche Stück Brot im Gepäck dabei gibt – die Hoffnung auf die große Liebe… Ich meine: Wer lernt schon 11 ansatzweise aufregende Menschen in 6 Wochen kennen. Und trifft diese auch noch zum meist höchst entspannten, individuellen Stelldichein. Sie erinnern sich? „Alles kann – nichts muss“ – das war das Angebot. Und dieses Versprechen wurde gehalten, augenscheinlich. Meine Ausbeute zu früheren Single-Zeiten war deutlich ärmer. Insofern: warum eigentlich nicht?! Zack. Nine hatte es geschafft. Ich habe mich angemeldet. 4 Wochen bin ich nun dabei. Sortiere X-se von Herzen. Plaudere mit „It‘s a maaatch“-Kerlen manchmal tagelang nur über gähnend langweiliges Zeug (und sehne das Einschlafen des Chats herbei) oder tausche mich über wirklich faszinierendes aus. Getroffen habe ich noch keinen. Schüchternheit? Rest-Respekt vor der ungewohnten Flirtform? Oder noch keiner, der zu hohe Erwartungen erfüllen oder enttäuschen könnte? Man wird sehen. Denn: ich wurde bereits äusserst kreativ (viele, viele Bonuspunkte vorab) um ein Treffen gebeten. Ich gebe zu: das macht mir ein wenig Flirren ums Herz. Und dabei ist es (fast) egal, wie das Date, das ich ziemlich sicher annehmen werde, wird. Allein dafür, finde ich, hat es sich schon gelohnt. Nine hat sich übrigens vorgestern aus dem Portal abgemeldet. Das jüngste Meet&Greet, dem sehr schnell 3 weitere folgten, scheint vorerst der letzte neue Mann in ihrem Leben zu sein. Vorerst? Oder aber für immer. Ich halte das mittlerweile für mehr als möglich. Unmöglich? Ich würde nicht darauf wetten. (Schlussbemerkung: Bitte, dass Sie das nicht falsch verstehen – ich bekomme kein Geld von diesem kostenlosen Dienst, dessen Namen ich im Text bewusst nur ein einziges Mal erwähnt habe. Das musste nur sein, um die Funktionsweise zu verstehen. Und es gibt bestimmt tausend ähnliche – und mindestens genauso gute. Insofern: daten Sie. Daten Sie, wo und wen Sie wollen. Es war nur ein Beispiel, das mich staunen ließ. Und daran mochte ich Sie gerne teilhaben lassen. Dankesehr.)

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Miriam Pielhau über die neue Generation „Nach unten“

Interrail 07 - D10B - WiFi (adapted) (Image by Mr. Theklan [CC BY-SA 2.0] via Flickr)
„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Mit der verbalen „Stempelisierung“ von Umständen, Personengruppen oder Ereignissen,  vorzugsweise durch kreative Wortschöpfungen, macht man mir generell eine große Freude. Unbedeutend in dem Fall, ob dann nach [...]
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„4 in 1“ – Miriam Pielhaus neuste Kolumne

Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA (adapted) (Image by Wonderlane [CC BY 2.0], via flickr)
„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag. Unter „Cloudcuckoohome“ berichtet sie heute von [...]
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„Bist du bei Facebook?“

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag.

Früher habe ich Telefonnummern auf Bierdeckel oder Handinnenflächen gekritzelt. Später Email-Adressen im mobile Device gespeichert oder noch förmlicher: schicke Visitenkarten ausgetauscht. Und jetzt das. Die kompakteste Form, den Wunsch zu formulieren, in Verbindung zu bleiben:

„Bist du bei Facebook?“

Wenn der Fragende den vollständigen Namen seines Gegenüber kennt und der nicht, wie ich, mehrere Profile pflegt oder ein Benutzerpseudonym gewählt hat, dann funktioniert das sogar. Kurz später via Smartphone die Person des persönlichen Interesses suchen. Finden. Freundschaftsanfrage senden. Bestätigt bekommen. Zackbumm. Fertig. Willkommen in der Welt eines dir bis eben eher unbekannten Menschen. Ein neuer „Freund“, noch bevor das Taxi hinter der nächsten Ecke verschwunden ist. Tja, nun. Dass Social-Network-Freunde in der Definition und Bedeutung nicht langjährigen Wegbegleitern a.k.a. „echte Freunde“ gleichzusetzen sind – wissen wir. Dass die virtuelle Clique nicht das Zwiegespräch im Leben jenseits des Rechners ersetzt – wissen wir auch. „Anstupsen“ ist eben nicht umarmen. Und doch: Das Phänomen Facebook fasziniert enorm. Derzeit über eine Milliarde Mitglieder weltweit. Was ist dieses „Gesichtsbuch“, das in wenigen Wochen 10. Geburtstag feiert? Fluch oder Segen? Suchen oder pflegen? Zeitdieb oder Zugewinn?

Das Fahnden nach Antworten beginnt mit einem einfachen „Ja“. Ja, auch ich bin bei Facebook. Einmal offiziell. Und einmal incognito. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie lange genau. Und bin auch zu faul, das irgendwo nachzulesen. Das offizielle Profil habe ich anfangs eingerichtet, weil Managements auf der ganzen Welt sagen, dass es „schon wichtig“ sei, „so etwas zu haben und da auch mitzumachen“. Mittlerweile habe ich wirklich Spaß daran. Trenne aber inhaltlich pingelig genau, was ich auf welchem Account poste. Das private Profil ist für mich eher eine Family & Friends-Pinnwand. Die meisten meiner dort sehr handverlesenen Facebook-Freunde wurden als „Pielhau“ geboren oder angeheiratet. Was Familienfeste nur einmal im Jahr schaffen, haben wir da täglich: Austausch mit der lieben Verwandtschaft, Einblick in das Leben der Herzensmenschen. Egal, wo in Deutschland sie aktuell ihre Miete zahlen.

Das scheint mir schon Sieg(el) Nummer 1 zu sein. Kontakt. Halten. Pflegen. Auf dem Laufenden bleiben. Ohne zum Telefon zu greifen oder per ausführlicher email nachzuhorchen. Jede fröhliche Statusmeldung verheißt ein: denen geht es gerade augenscheinlich gut. Schön. Im Kurzchat Details erfahren und sich versichern, dass es so ist. Doppelschön. Oder aber, durch das Vermissen von Statusmeldungen daran erinnert werden, dass jetzt vielleicht ein Anruf doch angebracht wäre. Naja, und dann die wirklich erquickliche Sache mit den Bildern. Ich sehe einige Cousins und Cousinen viel zu selten. Aber ich kriege die Typveränderung von blond zu braun mit. Ich bekomme die süßeste Erklärung für Augenringe wegen Schlafmangels als Foto mit dem Neugeborenen darauf geliefert. Ich bin auf eine Art ein bisschen dabei. Und das ist besser als das Gegenteil. Apropos Bilder.

Natüüürlich habe auch ich, Achtung Sieg(el) Nummer 2, neugierig nach Fotos von Mitschülern und verflossenen Liebschaften gesucht, als das losging mit dem Facebook-Hype. Und noch nicht die Rede davon war, dass man den Zugriff auf die Alben beschränken kann – und sollte. Ein bisschen in nostalgischer Erinnerung schwelgen. Muss nicht in Wiederbelebung münden. Aber kann. Die Verbindung neu herstellen. Wiederfinden. Das funktioniert mit Facebook. Und die Hürde der Kontaktaufnahme ist niedrig. Überhüpfbar nahezu im Vergleich zu Telefonnummern-Recherche und Schweinehund-Überwindung vor dem Anruf in die eigene Vergangenheit. Facebook macht es einfacher. Und unverbindlicher. Jeder bestimmt selbst, wer was mitbekommt.

Teilen und Mitteilen. Das muss Sieg(el) 3 sein. Freude und Spaß genauso wie Kummer. Der Status bei Facebook geht in der Regel nicht nur raus an Freunde. Sondern auch Bekannte und Kollegen. Alles potenzielle Mitfreuer, Mitfühler oder Mitdenker. Und wenn wir nun leichtfüßig die Tresenseite wechseln, landen wir recht unkomplziert bei Teilhaben – Nummer 4.

Auch, wenn ich mich nicht aktiv am Leben des anderen beteilige oder Einfluss nehme: ich weiß, was los ist. Kann einschätzen, verstehen oder… einfach nur zur Kenntnis nehmen. Ich habe die Wahl. Immerhin. Für die privaten User, die anders als ich mit meiner Familien-Pinnwand, viele hundert oder tausend Facebook-Freunde ihre Crowd nennen, wird das tägliche Teilhaben vielleicht eher übersetzt in Mitbekommen. Sich die Möglichkeit wahren, nichts Wichtiges zu verpassen. Selbst, wenn die Inhalte der anderen Posts am eigenen Interessenshorizont vorbeischrammem. Man hat es gelesen. Oder könnte es gelesen haben. Und weiß daher im Zweifel, wovon die eigene und alle Welt womöglich morgen spricht – wenn sich Traurigkeiten, Aufreger, zukünftige Hits oder Spaß-Videos innerhalb von Stunden weltweit verbreiten. Genau das ist nach und neben Youtube & Co. ein weiterer Faktor geworden für den Facebook-Erfolg: die perfekte Plattform für die virale Kraft des WWW. Sie ahnen es:

Sieg(el) 5. Unbekannte Bands bauen durch engen Konsumentenkontakt ihre Fanbase auf. Privatpersonen mit riesigem Netzwerk nutzen dieses um kleine Probleme („günstige 2-Zimmer in München gesucht – weiß jemand was?“) kund zu tun und erfolgreich zu lösen. Selbst wenn das mit „günstig“ und „München“ in einem Satz nicht lösbar scheint. Tauchen plötzlich „große“ Herausforderungen auf – Stammzellenspender oder Unterstützer in einer Charity-Sache gesucht – hat sich Facebook meinem bescheidenen Erfahrungsschatz nach auch bewährt. „Gefällt mir.“ Und das darf und soll ich äussern. So die Idee. Bei Facebook sagt jede Gurke etwas zu jedem missratenen Lauch. Insofern findet auch meine Meinung hier ihren Niederschlag.

Sieg(el) 6 ist es, dass Meinungen verbreitet werden. Triviales Tratschen, lustiger Unfug, aber auch wirklich Wichtiges. Ich denke an die Videos von Demonstrationen in Instanbul im vergangenen Sommer zum Gezi-Park, die ins Netz gelangten und über Facebook um die Welt wanderten, obwohl der Staat alles daran gesetzt hatte, dies zu verhindern. Ich denke auch an „kleine Megaphone“. Kluge Menschen, Privatpersonen, die ihre Stimme erheben. Dies originell oder so wortgewaltig tun, dass sich Statusmeldungen / Clips in Windeseile verbreiten. Dank der Teilen-Funktion.Verdauen Sie diese Feststellung noch kurz. Denn das letzte Siegel, das ich ausgemacht habe, könnte nicht gegensätzlicher sein zum jüngsten Gedanken. Weder geht es um Weltpolitik, Hilfe, Kontakt oder Gefühl – es geht nur ums Ego.

Die 7: Selbstdarstellung. Hier muss fein differenziert werden. Privatpersonen haben die Chance, sich zu präsentieren, wie sie es sonst vielleicht nicht tun würden. Ein kleines, sympathisches Portfolio des „Ich“ für die, denen noch kein Wikipedia-Eintrag gewidmet wurde. Die Person des öffentlichen Interesses kommt um ein Mindestmaß an Selbstdarstellung nicht drum herum. Selbst, wenn einem (mir!) das tendenziell unangenehm ist.

Wissen Sie? Ich habe es versucht. Habe Informationen über das öffentliche Ich auf dem offiziellen Profil verbreitet. Die, die jeder wissen darf und soll. Und – die eigentlich keine Sau interessieren, weil man sich das alles ergoogeln kann. Der Kunde konsumierte. Der Kunde attestierte fahlen Beigeschmack. Der Kunde war gelangweilt. Kaum fand sich ein Foto Marke Zusselfrisur-hochgesteckt-mit-Sonnenbrille aus irgendeinem anonymen Garten auf der Pinnwand, das der Hauch „ui, das ist ein Einblick ins Private“ umwehte, ratterte der Zähler der neuen „Gefällt mir“-Klicker. Privat weckt Interesse. Und das, wo ich nichts Privates preisgeben möchte. Balance-Akt. Ich werde sicherer im Seiltanz. Und bediene die Bedürfnisse – nach strengen Regeln. Nur so wächst die gute Gemeinschaft stetig und hört hoffentlich auch zu, wenn ich wirklich Bedeutendes kund tun möchte.

Privatleute können zurückgelehnt andere Ziele verfolgen. Sie posten Impressionen, Zitate, Videos, Gedanken, die aussagekräftig sind. Das erschließt mir den Menschen dahinter auch auf eine Art. Vor allen Dingen, wenn der Profilinhaber nicht so gern „Aussage-kräftig“ ist. Weil eher von stillem Wesen. Oder zurückhaltend. Oder einsam. Oder alles zusammen. Ich finde das in Ordnung. Eine schüchterne, junge Frau würde es vermutlich nur schwer über die Lippen bringen, ihn nach einem ersten, mehr versprechenden Abend nach seiner Telefonnummer zu fragen. Wie viel einfacher ist da:

„Ähm, bist du eigentlich auch bei Facebook?“


 


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Mobile Liebe

Mobile Generation (adapted) (Image by Stefano [CC BY SA], via flickr)
„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag oder darüber, was ist, wenn Liebe [...]
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Kommunikationskoma

smartphone teen (adapted) (Image by Pabak Sarkar [CC BY 2.0] via Flickr)
„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Ab sofort resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag oder darüber, was ist, wenn [...]
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Welches digitale Pioniertum hat dich geprägt, Miriam Pielhau?

Die Netzpiloten feiern 15 Jahre Expeditionen in den Cyberspace und fragen prominente Wegbegleiter nach ihrem denkwürdigsten Erlebnis der digitalen Revolution. – Heute die Moderatorin, Autorin und Schauspielerin Miriam Pielhau.

Miriam_Pielhau_postDer Sendestart von NBC GIGA am 30. November 1998 markiert für mich persönlich einen Meilenstein der Digitalen Revolution. Und zwar nicht in erster Linie, weil ich Gründungsmitglied dieser interaktiven Sendung über das Thema Internet sein durfte. Vielmehr haben wir das in der Massennutzung damals noch junge Medium „WorldWideWeb“ über das „klassische“ Medium TV verbreitet. Und dargestellt. Und erklärt. Und genutzt. Und gelebt. Wir durften die User sein, die bei den Zuschauern aus dem Fernseher ins Wohnzimmer kamen. Gleichsam haben wir die Internetsurfer mit ihren Interaktionen in unsere Show gehievt. Deren Beiträge abgebildet. Mit ihnen kommuniziert. Live auf die Zuschauer/User reagiert. Also eine TV-Show durch das Tempo und die Stimmung des Netzes gestalten lassen. Genau deswegen haben wir beispielsweise netzpiloten.de oft vorgestellt. Diese Seite war das Pendant zu dem, was wir im Fernsehen unter anderem sein wollten: Wegweiser & Pioniere. Die Verknüpfung der beiden Medien – das eher in eine Richtung kommunizierende Fernsehen und das interaktive Netz – war meinem Gefühl nach mit ein Wegbereiter für die Erfolgsgeschichte des Internets in Deutschland. Und zwar nicht nur bei den sogenannten Freaks. Lieschen Müller ist mittlerweile auch online.

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