Mobile Liebe

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt.

Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag oder darüber, was ist, wenn Liebe oft nur noch in wenigen Zeichen übermittelt wird oder Kontaktaufnahmen überwiegend über Facebook ablaufen.

Tinte. Schwarze Tinte, die Feder und ein leeres Blatt Papier. Das waren bedeutsame Utensilien einst. Das Feuer der Liebe in Zeiten der Cholera brauchte handgeschriebene Liebesbriefe und nächtlichen Fenstergesang um knisternd und heiß zu lodern und nicht mit dem Morgengrauen zu verglühen. Da wurde geworben und mit Worten oder Weisen gerungen, dass der Angebeteten der Atem stockte. Und wenn es für den liebenden Jüngling besonders glücklich verlief, begann vielleicht sogar das Herz der Holden zu hüpfen und zu pochen wie nix Gutes. Good old times? Die Cholera ist noch nicht flächendeckend ausgerottet. Aber sie verliert an zerstörerischer Kraft. Und mit ihr schwinden, so scheint es, vermeintlich altmodische Formen amouröser Pflichtdisziplinen. Verliebte Töne und verliebte Tinte. Nicht ganz und gar. Nein, nein. Sicher wird auch heute noch geschrieben. Per Hand auf edlem Büttenpapier mit Füllfederhalter – und Tintenklecksen. Das weiß ich. Denn ich tu es. Einige meiner Freunde tun es auch. Zum Geburtstag und anderen jährlichen Denkmalstagen oder auch anlasslos und immer zu meiner allergrößten Entzückung. Doch erinnere ich nicht, wann der Gruß im Briefkasten zuletzt von verliebter Natur gewesen wäre. Der Grund liegt auf der Hand. Oder besser gesagt: in selbiger.

Das Mobiltelefon. Gesellschaftsfähig seit Mitte der Neunziger. Und seitdem auf nicht enden wollendem Siegeszug zum Gebrauchsgegenstand Nummer 1. Und so hat spätestens mit dem Ausklang des 20. Jahrhunderts die Liebe eine weitere Mitteilungsmöglichkeit erhalten. Die bahnbrechend neue Ausdrucksform der Gefühle trug drei wenig emotionsgeladene Buchstaben: SMS. Short Message Service, Kurznachricht, Textmitteilung. So nannten wir es. Damals. Und so nennt es heute kaum einer mehr. Weil nur noch wenige der hochfrequent tippenden Handynachrichten-Schreiber wirklich eine „klassische“ SMS absetzen. Die, die es dennoch tun, haben entweder eine Flatrate. Oder die Landung nach dem SMS-Höhenflug verpasst. Denn: wer heute in kurzer Nachricht Info oder Emo loswerden will, tut dies doch per imessage, whatsapp oder wie sie alle heißen. Die so gut wie kostenlosen Nachrichten-Verschick-Dienste. Oder?

Wo war ich? Nun, die Geburtsstunde der SMS. Die kurze kostenpflichtige Botschaft, einst auf (Gott, erinnert sich noch jemand?) 160 Zeichen begrenzt – eröffnete mobilfunkenden Liebenden, eine schillernde neue Welt der Verbindung: Eine des Sehnens und Verzehrens mit wenngleich teurer Standleitung quasi. Dass frisch Verliebte im Rausch des herrlichsten Hormon-Cocktails nicht ganz dicht sind, wurde erweitert um die Komponente, dass es bei denen wohl auch noch piepte. Und zwar dauernd. Pieppiep:

„Du fehlst mir wie Kartoffelbrei.“

Pieppiep:

„Du bist nicht hier. Deswegen ist hier doof.“

Pieppiep:

„Ohne dich bin ich nur halb.“

Ja. Halb. Vor allen Dingen nur halbaufmerksam im Straßenverkehr bei gleichzeitiger, unerlaubter Benutzung des Handies. (Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die Sie bereits kennen.)

Was für ein Gebimmel in Herz und Gehörgang. Dabei war das Erscheinungsbild seinerzeit – dunkelgraue Roboterschrift auf oliv-hellgrauem Hintergrund – das exakte Gegenteil säuselnd-rosiger Liebesbotschaft mit persönlicher Note. Dennoch sehe ich mich in meiner Erinnerung oft meinen hässlichen Handyknochen an die Brust heben, weil er eine Nachricht geschrieben hatte. Eine mit – Dirty Dancing lässt grüßen – „Gogong“. Hach hach.

Tatsächlich aber trug ein sehr mühevoll, ähm, „gemaltes“ SMS-Bild aus Satzzeichen, Sternchen und Buchstaben, das ich zu Beginn einer mehrjährigen Umwerbungsphase erhielt, nicht unerheblich zu einem weiteren Romantiksteinchen im Liebesbrett bei. Vom Brett zum Bett dauerte es zwar Jahre. Aber: es hat geklappt. Der Erfolg gab ihm recht. Und mir erst einiges später die Erkenntnis, dass der ganze SMS-Bilder-Krams unter Baggernden gehandelt und weitergegeben wurde, wie der neue heiße Scheiss in Berliner Szene-Clubs. Also: nix selbst gemacht. Copy & Paste – das war der Trick. Damals schon. Machte nix. Der gute Zweck heiligt seit je her fast alle Mittel. Und in der Causa Liebe ist jedes Mittel recht. Gut so, nicht?

Apropos: Mittel. An der Seite der immer populärer werdenden SMS wuchs ein weiteres Kommunikations-Werkzeug heran, was in Liebesdingen eingesetzt werden mochte und konnte: die Email. Bis heute herrscht – und Sie mögen verzeihen, wenn ich mich darüber nicht nur freue, sondern es regelrecht feiere – weitestgehend eine intuitive Sperre, flammende Liebesschwüre via Mail kund zu tun. Vielleicht ist es eine naturgegebene Hürde des Herzens, Süßholz digital zu raspeln. Analog oder von Angesicht zu Angesicht scheint immer noch modern. Olé, olé. Und doch… Ich erhielt Liebesbekundungen auch schon auf die „andere“ Art.

Mit Zapfino-Schrift (ja, das waren harte Zeiten).

Aber auch blinkenden Herzen oder Blümchentapete im Mailhintergrund. Hoffentlich, so betete ich stets, nicht an des Absenders Wohnzimmerwand. Elektronische Postkarten zum Selbergestalten folgten. Immerhin ein kleines Spielfeld für die Kreativität netzaffiner Romantik-Ritter. Und die Möglichkeit, dem tollsten Gefühl der Welt, das einzige, das Kitsch zur Kunstform erheben darf, etwas mehr Coolness und persönlichen Stil zu geben. Egal, ob rüschig oder rockig – das Zelebrieren der Liebe wurde digital. Klingt leider nicht nach dem funkelnden Glitzersturm, der sich beim Verliebtsein in Kopf und Herz ausbreitet.

Und doch: was am Anfang belächelt oder mit schmunzelndem Kopfschütteln hingenommen wurde, hat uns liebenden Menschen einen neuen Karabinerhaken zum Festigen und Verankern an die Hand gegeben. Ist es nicht so? Kaum einer, der – wenn er neben dem Business-Business und auch noch im Love-Business unterwegs ist – auf die Freuden des Handychats oder der Videotelefonie verzichten will. Sich sehen und sich Küsse schicken. Sei es nur über dieses kleine, pixelige Display. Dem anderen zeigen, wo man gerade ist. Und wie entsetzlich öde es da ist, ohne ihn. Oder aber gar nicht mit dem Handy im Zimmer auf Sightseeing-Tour gehen, sondern einfach nur ein bisschen „texten“. Sich den Tag erzählen. Unwichtiges Blabla, Lästereien und Seeehnsucht. Schreibend – genau. Weil der Kopf einfach keine Buchstaben mehr hat für gesprochene Worte. Weil sowieso pausenlos gequasselt werden muss berufsbedingt. Weil es Spaß macht, dem Liebsten Bilder zu schicken vom rumpeligen Hotel, der buckeligen Verwandschaft, dem Gesicht mit Gurken darauf oder einfach vom schönen Sonnenuntergang. Der zu zweit geteilt natürlich noch goldener ist.

Kurzum: Teilhaben lassen. Wenn einen tage- oder wochenlang viele Hundert Kilometer trennen. Nähe schaffen. Wo sonst (seelische) Entfernung drohen könnte. Auf eine Art den anderen „erleben“. Fast so, als wäre er da – nur eben nicht in Fleisch & Blut, sondern durch Pics & Sounds. Sonst bliebe doch nur vages Erfühlen oder Erahnen im stimmungslosen Raum.

Sehnen und die Sehnsucht ein kleines bisschen stillen – das funktioniert, finde ich. Mit dem Klang der geliebten Stimme oder mit bewegten Bildern. Und damit schaffen wir etwas, was früher unmöglich war: Ein wenig in die Lebenswirklichkeit und den Alltag des anderen schlüpfen. Trotz der endlos langen A2 zwischen ihm und ihr.

Schon klar. Kein noch so ausdauernder Chat, selbst bis 4Uhr in der Früh, ersetzt das Gespräch am Lagerfeuer. Arm in Arm. Decke um alle vier Schultern. Aber: er hilft. Als eine Art Emo-Brücke. Wenn die Liebenden noch nicht Tisch und Bett, und erst recht nicht denselben Wohnort teilen.

Wie es um das Suchen und Finden bestellt ist, im Zeitalter der „mobilen“ Liebe, das kann ich nicht beurteilen. Auch wenn das dem Hörensagen nach recht gut klappen soll. Was ich aber felsenfest bestätigen kann: Das Nicht-Verlieren und Halten – das geht! Und wie. Deswegen jetzt noch schnell eine schöne Nachricht schreiben an Mr. oder Mrs. Right. Mit Bildchen und Herzchen und allem, wonach Ihnen gerade ist. Danach ist sie dann auch wirklich getrocknet und verwischt nicht mehr – die Tinte auf dem Brief.


Image (adapted) „mobile generation“ by Stefano (CC BY-SA 2.0)


Miriam Pielhau

kannte die Netzpiloten schon von Anfang an. Sie arbeitete bis zu ihrem frühen Tode seit Mitte der 90er Jahre als Radio- und TV-Moderatorin und war auch als Schauspielerin für Film und am Theater bekannt. Ihre Kolumnen bei den Netzpiloten werden nach wie vor gerne gelesen und erinnern an ihre herzliche Leichtigkeit mit der sie uns unvergessen bleibt.


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1 comment

  1. Grautuliere, Frau Pielhau!

    Das war herzerwärmend und hinrnerfrischend!
    So ganz anders als diese Kritiker und Kulturpessimisten, die entweder die digitale Gesellschaft lächerlich machen oder darin den Untergang des Abendlandes sehen.
    Ihr Text bringt mich zum Schmunzeln, zum Nachdenken- und auch zum Schwärmen.
    Ja, von Ihnen, genau.
    Diese Beobachtungsgabe, gepaart mit unerschütterlichem Glauben an das Gute im Menschen und der Gesellschaft, das grenzt schon ans Einzigartige.
    Ich sende Ihnen hiermit einen virtuellen Handkuss und wünsche Ihnen für die nahenden Festtage alles Gute und Liebe mit all denen, für die Ihr Herz puckert-
    ob nun von Angesicht zu Angesicht oder im Netz!

    Ihr Michael Schnickers

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