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Ihr seid Experte auf eurem Gebiet? Schreibt ein Buch drüber!

Wenn wir uns in manchen Fachgebieten so richtig gut auskennen, dann wollen wir unser Wissen mit unseren Mitmenschen teilen. Doch manchmal reicht „reden“ nicht unbedingt aus. Um die Gedanken, die uns durch den Kopf gehen, nicht nur unseren Freunden, der Familie oder den Kollegen weiterzugeben, lohnt es sich die Dinge aufzuschreiben und weiterzuverbreiten. Das Internet stellt eine super Möglichkeit dar, um zu teilen. Was aber neben dem Internet ebenfalls eine Aussicht auf das erfolgreiche Teilen unseres Wissens gibt, sind Publikationen. In Zeitschriften oder Zeitungen beispielsweise. Aber es geht noch besser: Veröffentlicht doch einfach euer eigenes Sachbuch!

Einfacher gesagt als getan?

Vermutlich hört sich das jetzt im ersten Moment ziemlich weithergeholt an, aber das ist es nicht. Ihr habt die Idee oder das Wissen? Also schreibt es auf! Dennoch bringt das Projekt Buch schreiben viele Fragen mit sich:

  • Über welches Thema möchte ich schreiben?
  • Wie fange ich am besten an?
  • Wo und wie kann ich mein Buch veröffentlichen?
  • Gibt es jemand, der mich dabei unterstützen kann?

Um diese Fragen zu klären, kann euch die Autorentagung „SACHBUCH schreiben“ am 2. März 2019 in Bernried weiterhelfen.

Was erwartet euch?

Egal in welchem Themenbereich, es sind alle, die sich für das Schreiben eines Sachbuches interessieren, herzlich willkommen. Schritt für Schritt bekommen die Teilnehmer den Workflow eines Autoren nahegelegt. Um auch, wenn das Buch dann fertig geschrieben ist, nicht vor einem großen Fragenpool zu stehen, wird zusätzlich auf die Veröffentlichungsvarianten eingegangen. Die Frage nach dem Selbstverlag oder dem Verlag ist ohnehin ein breitgefächertes Thema und kann bei der Entscheidung das Buch zu veröffentlichen, ausschlaggebend sein.

Erhaltet auf der Autorentagung besten Input von Referenten, die nicht nur Experten auf ihrem Gebiet, sondern auch zum Thema Veröffentlichung sind. Gerade das Networking unter Autoren und denen, die es gerne werden möchten, ist besonders wichtig, somit ist auch hier die Möglichkeit sich zu vernetzen allemal gegeben.

Das Programm ist vielseitig und bietet an einem Tag alles Wissenswerte, wie unter anderem:

  • Als Sachbuchautor Zusatzeinnahmen erzielen
  • Story Telling im Sachbuch
  • Zusammenarbeit mit Lektoren
  • Wie erreiche ich die Richtigen? PR und Blogger Relations für Ihr Sach- und Fachbuch

Was sonst noch?

Ein Mix aus spannenden Vorträgen und Podiumsdiskussionen geben tolle Einblicke in die noch fremde Autorenwelt. Doch am Ende des Tages werden die nächsten Schritte schon sicherer sein. Wer den Tag nicht verpassen möchte und schon länger mit sich ringt, die ersten Worte zu Papier zu bringen, der ist bei der Autorentagung SACHBUCH schreiben auf jeden Fall richtig aufgehoben.


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Neuer Leitfaden für Unternehmer – Fit for Growth

Image by PwCs Strategy& Wiley

Eine häufige Zwickmühle, in die Unternehmen geraten, ist die Tatsache, dass sie zwar die Kosten senken sollen, dabei aber gleichzeitig für Wachstum sorgen und Gewinne einfahren müssen. Auch 2017 stehen Führungskräfte wieder vor dieser Herausforderung. Da man bei der Lösung dieses Umstandes viel falsch machen kann, sollte man sich Hilfe holen. Das Buch „ „Fit for Growth: A Guide to Strategic Cost Cutting, Restructuring, and Renewal““ liefert einen neuen, unterstützenden Ansatz.

In dem Buch identifizieren die Autoren und Experten Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar die Probleme des bislang üblichen Kostenmanagements und erklären, wie es besser gehen kann. Eine Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg ist, dass Kosten- und Wachstumsplanung strategisch Hand in Hand gehen, so steht es in dem neuen Wirtschaftsbuch für CEOs und Manager von Strategie&, der Strategieberatung von PwC.

Die Autoren geben darüber hinaus noch einige Grundsätze vor, die dabei helfen können Stärken und Schwächen zu analysieren:

  • Konzentration auf differenzierende Fähigkeiten
  • Ausrichten der Kostenfaktoren auf differenzierende Fähigkeiten
  • dementsprechend Neuorganisation

In dem Buch wird anhand vieler beispielhafter Fälle gezeigt, wie Ressourcen und Investments in die richtige Richtung geleitet werden können. Das Ziel, das Unternehmen dabei vor Augen haben sollten, ist die Fokussierung auf die Kernkompetenzen, die es von Wettbewerbern unterscheidet.

Image by PwCs Strategy& Wiley
Kostensenkung funktioniert nur in Kombination mit Konzentration auf die Kernkompetenzen und Neuausrichtung. Image by PwCs Strategy& Wiley

Die Autoren führen Schritt für Schritt durch die wichtigsten Bereiche, um das Kostenmanagement neu zu strukturieren. Mit vielen Tools und Frameworks zu allen Facetten der Kostensenkung – vom Outsourcing bis hin zu kulturellen Aspekten – will „Fit for Growth“ Führungskräfte des mittleren und höheren Managements bei der konkreten Umsetzung im eigenen Unternehmen unterstützen.

Die Autoren Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar verfügen zusammen über mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Strategie- und Unternehmenstransformation. Sie sind führende Experten in diesem Bereich und arbeiten bei Strategy& USA.


Image by PwCs Strategy&/Wiley


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Fabian Westerheide über Künstliche Intelligenz

Neural (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Künstliche Intelligenz (KI) und die Frage, was den Menschen und die Maschine zusammenbringt, treibt den Unternehmer, Venture Capitalist, Autor und Redner Fabian Westerheide um. Nachdem er in verschiedene Unternehmen investierte, ist er seit 2014 Geschäftsführer von Asgard – human VC for AI und leitet die KI-Konferenz Rise of AI. Außerdem ist er Koordinator für Künstliche Intelligenz beim Bundesverband Deutscher Startups. Ich habe mich mit ihm im Vorfeld zur Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland, bei der er als Speaker auftreten wird, zum Interview getroffen.

Was fasziniert Sie an Künstlicher Intelligenz?

Das war ein Prozess. Ich komme vom Land und habe schon immer an Computern herumgebastelt und mich für die Auswirkungen zwischen Mensch und Maschine interessiert. Dann bin ich Unternehmer geworden und habe in insgesamt 35 Firmen investiert, von denen die meisten aus dem Softwarebereich stammen. Irgendwann wusste ich, dass das Thema Künstliche Intelligenz, was mich durch Science-Fiction-Literatur schon seit den Achtzigern beschäftigt hat, endlich greifbar wurde. Mich fasziniert vor allem, dass es so ein komplexes Thema ist und wirtschaftliche, gesellschaftliche, militärische und politische Konsequenzen hat. Es betrifft sowohl Unternehmen als auch den einzelnen Menschen, es betrifft letztlich die ganze Menschheit. Das ist ein Thema, bei dem ich meine ganze Begeisterung für Politik und Gesellschaft einfließen lassen kann. Und ich fühle mich sehr wohl damit, weil es um mehr als Geldverdienen geht. Künstliche Intelligenz kann wirklich die Menschheit verändern – in die eine oder in die andere Richtung.

Was ist der nächste Entwicklungsschritt für die Künstliche Intelligenz?

Die Maschine muss noch besser lernen zu lernen. Das bedeutet, dass sie mit wenige Daten zurecht kommt und mit weniger Transferwissen arbeiten kann. Zum Beispiel kann man derzeit eine KI, die ein bestimmtes Auto fährt, nicht einfach in ein anderes selbstfahrendes Auto verpflanzen. Man kann sie auch nicht benutzen, um mit ihr mit Aktien zu handeln oder ein Flugzeug zu fliegen. Sie ist eigentlich ziemlich idiotisch angelegt und genau auf ihre Hardware programmiert. Innerhalb dieser Grenzen kann sie aber jederzeit weiterlernen. Wir müssen also den Schritt schaffen, dass die Software Hardware-unabhängig wird und Vorwissen aufbauen kann. Vor ein paar Wochen hat Google Deep Mind ein sehr interessantes Paper veröffentlicht, wo sie mit einer KI ein Spiel gespielt haben. Dieselbe KI wurde verwendet, um ein neues Spiel zu lernen. Die KI wurde also deutlich besser, weil sie über das Wissen verfügt, wie man so ein Spiel spielt. Sie konnte es auf ein anderes Spiel übertragen und dadurch besser werden als eine KI, die nur auf dieses eine Spiel hin programmiert wurde.

Ist das der Schritt zwischen einem gut funktionierenden Algorithmus und einem denkenden Wesen? Ich gebe zu, ich scheue mich etwas, diesen Prozess schon als Denken zu bezeichnen. Ich würde eher sagen, es ist eher ein Weiterverarbeiten. Oder fängt das Denken hier schon an?

Das ist schwierig zu sagen, hier fängt eigentlich eher die nächste Diskussion an: Denkt der Mensch wirklich, oder sind wir nicht viel eher hormon- und instinktgetrieben? Wie viel davon ist durch unser Unterbewusstsein bestimmt? Die meisten Menschen treffen Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde. Wir nennen das Bauchgefühl oder Instinkt. Eigentlich ist es aber eine Erfahrungskurve. Wir brechen unsere Erfahrungen herunter und denken nicht darüber nach, sondern handeln. So ist es bei der Maschine auch. Sie können noch nicht auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückgreifen oder auf eine jahrelange Erziehung. Wir als Menschen hingegen haben ungeheuer viel Input verarbeitet und sind biologisch dafür ausgelegt, alles abzuspeichern. Seit es im Jahr 2012 den großen Durchbruch mit den neuronalen Netzen gegeben hat, haben die Maschinen auch ein Kurzzeitgedächtnis. Was noch fehlt ist ein Langzeitgedächtnis und das Abstraktionslevel. Und genau das passiert gerade: Wir bauen Schritt für Schritt ein kollektives Gedächtnis auf, eine Art Schwarmintelligenz. Wir müssen also noch nicht einmal eine menschenähnliche KI haben, um zu erreichen, dass sie denkt, sondern wir brauchen eine KI, die untereinander kommuniziert und kollektiv Wissen verarbeitet. Wenn ein Auto beispielsweise einen fatalen Fehler macht, wie es bei dem Tesla-Unfall mit dem LKW geschehen ist, dann passiert ihm das ein einziges Mal. Seit diesem Vorfall können alle hunderttausende Teslas da draußen LKWs erkennnen. Das ist eine Intelligenzleistung, die mehr schafft als ein einzelner Mensch.

Image by Fabian Westerheide
Image by Fabian Westerheide

Wir müssen die KI also nicht nur schulen, sondern auch erziehen?

Genau das. Der Hirnforscher Danko Nikolic sagt, wir brauchen einen KI-Kindergarten, eine Art DNA für künstliche Intelligenz. Ich finde diese These sehr interessant. Wir müssen es schaffen, diese Lernalgorithmen einer KI beizubringen. Sie muss lernen zu lernen, damit sie weiß, wie man selbst Wissen generiert. Das können wir Menschen besonders gut. Die KI kann das noch nicht, also wird der Durchbruch im Lernalgorithmus die nächste Stufe sein. Dann muss man sie trainieren, ausbilden und erziehen, wie man Kinder erzieht. Wenn das passiert, wird das, was wir jetzt haben, schneller und auch deutlich interessanter. Eine KI hat noch keine Eigenmotivation, ich weiß aber, dass Teams bereits daran arbeiten.

Welche Jobs sind bisher immer noch nicht vollständig durch Maschinen ersetzbar? Wo geht hier die Entwicklung hin?

Momentan sind es zwei: Menschen und Komplexität. Wir sind Menschen und wollen deshalb natürlich weiterhin menschliche Interaktion. Ich behaupte, dass ‚Made by Humans‘ irgendwann bei Produkten ein Qualitätsmerkmal sein wird, für das die Leute mehr bezahlen werden. Bei der Interaktion kann es zu einer Mischung kommen: In der Pflege werden wir Pflegeroboter haben, die uns beispielsweise dabei helfen, den schweren alten Mann zu wenden, aber die menschliche Komponente muss erhalten bleiben. Eine KI nimmt dich nicht in den Arm, sie kann aber konkrete Ergebnisse liefern. Das dauert wohl aber noch gut 10 bis 15 Jahre. Eine KI kann erkennen, wie Prozesse am besten durchzuführen sind, aber bei emotionaler Intelligenz muss sie eben passen. Wir brauchen keinen menschlichen Maler, aber einen menschlichen Innenarchitekten. Je einfacher der Job ist, desto eher können wir ihn durch die Maschinen erledigen lassen. Sie hat aber noch immer ein Problem mit der Motorik, das haben wir noch nicht gelöst. Softwaretechnisch hingegen ist sie uns natürlich haushoch überlegen, jeder Taschenrechner kann besser rechnen als du und ich.

Wir müssen der KI auch Kontext beibringen, damit sie uns wirklich helfen kann.

Bei Service-KIs funktioniert das sogar schon. Die KI kann erkennen, ob der Kunde gut oder schlecht gelaunt ist, ob er etwas umtauschen will und ob sie ihm noch mehr Angebote machen soll oder nicht. Das würde ich schon als Kontext bezeichnen. Jeder, der schon einmal Kundensupport gemacht hat, wird das kennen – man muss Zweideutigkeit erkennen und das kriegen schon wir Menschen manchmal nicht ordentlich hin. Wie wollen wir da erwarten, dass die KI es besser macht? Der erste Schritt ist also: Sie muss lernen, es zumindest schon einmal besser zu machen als der Schlechteste von uns.

Wenn man manche Artikel liest, werden die Maschinen oft sehr dystopisch als unser Untergang beschrieben, sowohl gesellschaftlich als auch arbeitstechnisch. Wie gehen Sie mit dieser Angst der Menschen um?

Ich erlebe es ab und zu, dass die Menschen bei einem gewissen Level fast schon technologiefeindlich sind und regelrecht Angst vor der KI haben. Aber ich finde, dass Probleme wie die globale Erwärmung, der Terrorismus oder auch nur zu viel Zucker im Blut viel gefährlicher für die Menschheit sind. Wir sollten wirklich versuchen, etwas unaufgeregter an das Thema KI heranzugehen. Ja, die Digitalisierung frisst eine Menge Jobs. Aber das ist doch super! Niemand muss mehr langweilige Jobs machen, wir haben viel mehr freie Zeit. Wir können die KI benutzen, um in unserer Tätigkeit noch produktiver zu sein. Wir können so sogar mehr Jobs nach Europa holen, weil es günstiger und effektiver ist, die Handgriffe an eine KI outzusourcen als an irgendwelche ausgebeuteten Clickworker in Indien. Das Ganze bringt einen enormen strukturellen Wandel mit sich, weil wir uns von der Industriegesellschaft zur Servicegesellschaft und auch zu einer Wissensgesellschaft wandeln.

Die Großkonzerne von heute haben bereits begriffen, dass sie sich entwickeln müssen, sie tun sich damit aber noch etwas schwer. Das sind reine Industrieunternehmen, die aus einer ganz anderen Hierarchie und einer anderen kulturellen Epoche kommen. Künstliche Intelligenz ist hier nur die Spitze des Eisberges, denn unsere Industrie ist nicht für digitale Umbrüche gerüstet. Wir sind an dieser Stelle in kultureller Hinsicht noch komplett falsch aufgestellt.

Wie steht es um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland?

Das deutsche Problem daran ist, dass wir mal wieder den Trend verschlafen. Es gibt kaum KI-Unternehmen hierzulande – wir sind eher auf den abgeschlagenen Plätzen zu finden. Im Moment sind die US-amerikanischen KI-Unternehmen besser finanziert und es gibt viel mehr Firmen als hier, obwohl der Markt nicht so groß ist wie unserer. Es geht auch nicht darum, noch etwas zu entwickeln, dass uns unser Essen schneller liefert, sondern darum, dass uns eine strategische Entwicklung entgeht. Wir brauchen endlich mehr Forschung, mehr Kapital und mehr Unternehmen in Deutschland und Europa, um eine strategisches, wirtschaftliches und politisches Gegengewicht herstellen zu können. Nur dann können wir auf Augenhöhe miteinaner verhandeln.


Image (adpated) „Neural“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Regelbrecher beim alternativen Wirtschaftsbuchpreis – Martin Gaedt gewinnt den #AWB16

Buch (Image by Shawn Reza [CC0 Lizenz] via Pexels)

Auf Facebook äußerte sich Anfang der Woche massive Kritik am diesjährigen Handelsblatt-Wirtschaftsbuchpreis, der traditionell zur Frankfurter Buchmesse stattfindet.

Hauptkritik von Nils Pfläging: „Der Buchpreis ist meiner bescheidenen Ansicht nach komplett falsch – nicht nur schlecht kuratiert. Beispiel Shiller/Akerlof – sollten die wirklich für den deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert sein?“ Zumindest könnte man das differenzierter angehen und eine internationale Kategorie einführen. Die Liste glänzt neben wenigen Ausnahmen auch in diesem Jahr mit den üblichen Prominenten – Keese, Schäuble, Sinn, Wagenknecht und Co. Dabei gibt es nach Ansicht von Professor Lutz Becker extrem gute deutschsprachige Wirtschaftsbücher, die nie in einem Ranking erscheinen. Grund genug, spontan einen alternativen Wirtschaftsbuchpreis ins Leben zu rufen und die Nominierung kollaborativ im Netz vornehmen zu lassen.

ichsagmal.com explodierte

Herausgekommen ist eine bunte Mischung von Werken, die man auf dem ersten Blick gar nicht als ökonomische Abhandlung verortet. Etwa: Ulrike Guérot: „Warum Europa eine Republik werden muss – Eine politische Utopie“, Dietz-Verlag, 2016. Oder: Felix Stalder: „Kultur der Digitalität“, Suhrkamp Verlag, 2016. Sieben Bücher wurden nominiert.

Der Wettbewerb entfaltete bei seinem Kaltstart eine große Resonanz. Der ichsagmal.com-Blogbeitrag wurde 431 Mal auf Facebook geteilt, intensiv auf Twitter kommentiert und mit einigen Proklamationen begleitet.  8.345 Stimmen wurden abgegeben bei knapp 4.000 Seitenaufrufen am finalen Abstimmungstag. Mehrfach-Votings waren möglich, was von zwei Buchfan-Fraktionen weidlich genutzt wurde. Man kennt das ja von TV-Abstimmungen beim Eurovision Songcontest. Die Zahl der Einzelaufrufe zeigt aber, dass sich sehr viele Buchbegeisterte für ihre Favoriten ins Zeug legten.

Autor mit Netzwerkstärke

Sieger des ersten alternativen Wirtschaftsbuchpreises #awb16 ist Martin Gaedt mit seinem Opus „Rock your idea – Mit Ideen die Welt verändern“, erschienen im Murmann-Verlag. Das kristallisierte sich erst in den letzten vier Stunden des Votings heraus. Am Donnerstagabend sah Claus Dierksmeier mit seinem Buch „Qualitative Freiheit: Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“ wie der sichere Sieger aus.

Das Netzwerk von Gaedt bewies wohl die größere Ausdauer oder hatte die schnelleren Finger. Gaedt setzte sich mit 58 Prozent durch. Dierksmeier verzeichnete 38 Prozent. Alle nominierten Autorinnen und Autoren vereint die Originalität ihrer Gedanken. So reibt sich Gaedt in seinem Buch an der Konformität des Wirtschaftslebens, wie der frühere Personalvorstand Thomas Sattelberger. Blind und unaufmerksam werde alles Unpassende bei der Rekrutierung aussortiert. Genau dieses Unpassende sei aber für Innovationen so wichtig.

Fluch der Gleichheit

„Mitarbeiter verstärken den Fluch der Gleichheit, wenn jeder liest, was alle lesen, und jeder sieht, was alle sehen. Dann fehlt Fremdes, Paradoxes und Unpassendes. Branchenvertreter gehen auf dieselben Fachmessen, lesen dieselben Magazine und werden von ihren Kollegen im Gleichen bestärkt, die dasselbe denken, machen, lesen und berichten“, schreibt Gaedt. Es dominieren in Organisationen dressierte Äffchen, Ja-Sager und Schmeichler, in der unangenehmen Form sogar Schleimer, die es jedem recht machen wollen.

Gaedt plädiert dagegen für die Suche nach Regelbrechern, um Routineunternehmen ins Wanken zu bringen, die in erster Linie die Erfolge der Vergangenheit verwalten. Professor Claus Dierksmeier zählt als zweitplatzierter Buchautor mit seinem Plädoyer für qualitative Freiheit eher zu den unangepassten Denkern. Er ist ein Regelbrecher der besonderen Art, denn er wagt das Unterfangen, den politischen Liberalismus neu zu definieren. Und das ist überfällig.

Ökonomistische Liberale im Niedergang

Man erkennt es am Niedergang der FDP, die in den vergangenen 20 Jahren eher einer ökonomistischen Variante des Freiheitsbegriffes gefolgt ist.

Gegen die Marktvergötzung quantitativer Liberaler ist als qualitatives Grundprinzip festzuhalten: Die Freiheit zur Selbstbestimmung soll durch Märkte realisiert, nicht unterminiert werden. Der Markt hat den Menschen und ihrer Freiheit zu dienen, nicht umgekehrt.

Liberale auf dem politischen Parkett sollten aufhören, von der Notwendigkeit einer marktkonformen Demokratie zu faseln, die sich in den einzelnen Unternehmen als Gehorsamskäfig abspielt. Wer ausschließlich in das Horn der ökonomischen Maximierung bläst, hintergeht die Freiheit zur bürgerlichen Selbstbestimmung und blendet das Machtgehabe von Konzernen und großen mittelständischen Unternehmen aus. Auch hier ist ein Regelbruch vonnöten. Qualitativer Liberalismus steht in Konfrontation mit oligarchischen und plutokratischen Strukturen, die sich unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Freiheit ausbreiten und Bürgerrechte mit Füßen treten. Insgesamt ein erfreuliches Aufmerksamkeitsspektakel, das mit dem alternativen Wirtschaftsbuchpreis losgetreten wurde. Alle Nominierten sind Gewinner. 

Mit dem Sieger und dem Co-Sieger werde ich in den nächsten Wochen Autorengespräche via Hangout on Air führen und ausführlich auf die beiden Bücher eingehen. Das Notiz-Amt freut sich schon auf den #AWB17 – der wird dann früher gestartet und mit Talkformaten auf der Frankfurter Buchmesse begleitet.


Image „Buch“ by Shawn Reza (CC0 Public Domain)


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Zurückgeklickt: Deutschlands erster Blogger

Netzine_Logo_Walter_Laufenberg_via_Netzine.de

Walter Laufenberg ist Schriftsteller und betreibt nebenbei seit 20 Jahren netzine.de, das erste Blog Deutschlands. Ein Interview. // von Hendrik Geisler

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschlands erster Blogger geboren. Walter Laufenberg kommt 1935 in Opladen zur Welt und ist Zeit seines Lebens ein Freigeist, der unter anderem als Fernsehreporter, Werbedirektor und freier Autor arbeitet. Am 3. Januar 1996 stellte er die erste Ausgabe seines Laufenberg Netzines auf netzine.de online. Das erste deutsche Blog war geboren. Ein Gespräch mit dem deutschen Urblogger über die Rolle des Internets, die Arbeit als digitaler Nomade und E-Mail-Newsletter. Weiterlesen »

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Brauchen wir eine Frist auf das Copyright von Micky Maus?

FIGHT CLUB (adapted) (Image by CHRISTOPHER DOMBRES [CC0 Public Domain] via flickr)

Im Jahr 1998 verabschiedete der US-Kongress den Copyright Term Extension Act (CTEA). Der CTEA verlängerte alle bestehenden Urheberrechte des Copyright Act von 1976 rückwirkend um 20 Jahre. Statt also Werke mit abgelaufenem Copyright in öffentlichen Besitz umzuwandeln, legte man fest, dass der CTEA zwischen Januar 1999 und Januar 2019 keine zusätzlichen urheberrechtlich geschützten Werke in die öffentliche Domain eintragen durfte.

So bescherte der CTEA den Besitzern wertvollen geistigen Eigentums, für welches das Copyright sonst verfallen wäre, einen erheblichen Geldsegen. Das von der CTEA auferlegte 20-jährige Moratorium nähert sich nun dem Ende. Der Kongress, welcher im November 2016 neu gewählt wird, wird entscheiden, ob er den CTEA auslaufen lässt oder die Dauer des Copyrights weiter verlängert. Welche Folgen wird es haben, wenn das Copyright erneut verlängert wird? Als wissenschaftlicher Bibliothekar und Kenner der Urheberrechtsgeschichte glaube ich, dass eine weitere Verlängerung des Urheberrechts dem Gemeinwohl schaden wird.

US-Gesetz und Copyright

Nehmen wir das Beispiel eines einzelnen, etwas unbedeutenden Buches. Am 21. Juli 1924 registrierte ein US-Armeeoffizier namens Walter C. Sweeney (sen.) das Copyright für das Sachbuch “Military Intelligence: A New Weapon of War”, welches auf seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg basierte. Unter den damals gültigen US-Gesetzen lag das Copyright für dieses Buch bei 28 Jahren, mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere 28 Jahre. Am 7. Juli 1952 verlängerte Major General Sweeney, der zu diesem Zeitpunkt im Ruhestand war, sein Copyright. Dadurch verlängerten sich seine exklusiven Rechte auf seine Arbeit bis zum 1. Januar 1981.

Auch wenn es nicht mit Sicherheit feststellbar ist, besteht doch die Möglichkeit, dass Sweeney bis 1952 Lizenzgebühren für “Military Intelligence” erhielt. Jedoch ist es genauso möglich, dass er jahrelang keine Lizenzgebühren bekam. Abgesehen von einer weitestgehend unbekannten Übersetzung ins Chinesische im Jahr 1946, wurde “Military Intelligence” nach der ersten Veröffentlichung im Jahr 1924 nie wieder nachgedruckt.

Bis zum Jahr 1952 hätten alle neuen (das heißt, Lizenzgebühren erzeugenden) Kopien bereits über die üblichen Kanäle verkauft oder einfach entsorgt werden können, als der ursprüngliche Herausgeber, die Frederick A. Stokes‘ Company, von J.B. Lippincott im Jahr 1943 aufgekauft wurde.

Unabhängig davon ist es durchaus wahrscheinlich, dass das Ende des Copyright von Sweeney zum Neujahrstag 1981 keinen finanziellen Schaden auf sein Erbe verursacht hätte. (Sweeney starb als Witwer im Jahr 1963, im Jahr 1981 war nur noch eins seiner drei Kinder am Leben.)

Wie die überwiegende Mehrheit von Werken, lief auch der wirtschaftliche Wert von „Military Intelligence“ Jahrzehnte vor dem Ablauf des Copyright ab. Für jeden “Great Gatsby”, der noch Jahrzehnte nach seinem Debüt Einnahmen generiert, gibt es Zehntausende Werke wie “Military Intelligence”, deren wirtschaftliche Haltbarkeit bestenfalls ein paar Jahre andauert.

Worin liegt also der Sinn?

Hier wendet sich das Blatt: Das Buch wurde im Jahr 1981 nicht in die öffentliche Domain eingetragen. Stattdessen verblieb es bis zum heutigen Tag ein urheberrechtlich geschütztes Werk. Nach dem gültigen Gesetz wird es erst am 1. Januar 2020 gemeinfrei werden und somit mehr als 95 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung. Doch warum blieb “Military Intelligence” für fast vier Jahrzehnte länger urheberrechtlich geschützt, als sein Autor erwartet hatte?

Der Grund dafür ist, dass der US-Kongress die Schutzdauer des Copyright weiter verlängert. Im Jahr 1976 erhöhte sich Sweeneys Copyright von 1952 durch ein neues Urheberrechtsgesetz von 28 auf 47 Jahre. Im Jahr 1998 verlängerte der CTEA einseitig alle Copyrights der nach 1. Januar 1923 erstellten und noch immer urheberrechtlich-geschützten Werke. Die Hauptrechtfertigung des CTEA war, dass es zu einem Einklang des U.S. Copyright und des europäischen Urheberrechtes gekommen sei, welche in der Berner Konvention spezifiziert wurden und festlegen, dass das Urheberrecht mindestens 50 Jahre nach dem Tod des Urhebers andauern soll.

Die Hauptkritik an dem Gesetz von Leuten wie dem Akademiker und Anwalt Lawrence Lessig ist, dass eine Handvoll von Unternehmen wie Disney und die Erben von kommerziell erfolgreichen Künstlern wie Irving Berlin von der rückwirkenden Verlängerung der Copyright-Bedingungen durch den Kongress profitieren. Dies geschieht unter Missachtung des Verfassungsmandats, welches besagt, dass das Urheberrecht die Rechte der Schöpfer für eine begrenze Zeit schützt, statt dies auf Dauer zu tun.

In diesem Verfahen werden Millionen von Werken, die nicht mehr oder nie wirtschaftliche Vorteile für ihre Urheber oder deren Erben brachten, heute an die gleichen Gesetze gebunden, die kommerziell erfolgreiche Werke, wie den ersten Micky-Maus-Film “Steamboat Willie” und Irving Berlins “Puttin’ on the Ritz” schützen. (Beide wären heute lizenfrei, wenn nicht der CTEA gelten würde.)

Warum das wichtig ist?

Also, wen interessiert es, wenn sich ein unbekanntes und hoffnungslos veraltetes Buch über den Militärgeheimdienst in den gierigen Tentakeln des Copyright-Oktopus verheddert? Abgesehen von ein paar Militärhistorikern wohl niemanden. Würde sich aber herausstellen, dass der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass “Military Intelligence” einige Fakten, Weisheiten oder Einsichten beinhaltet, die die Welt zu einem sicheren, glücklicheren oder gerechteren Platz machen können, dann sollte es die gesamte Welt kümmern.

Wie es aussieht, kann die Welt nicht wissen, was “Military Intelligence” zu bieten hat. Außer jene, welche bereits eine Kopie besitzen, Zugang zu einem der rund 100 in verschiedenen Bibliotheken verstreuten Kopien haben oder gewillt und fähig sind, einen Preis zwischen 25 bis 70 US-Dollar für ein gebrauchtes Exemplar zu bezahlen (kein Cent davon fließt in das Vermögen des Autors). Gemeinnützige Einrichtungen wie HathiTrust und Internet Archive können den digitalisierten Volltext von “Military Intelligence” (eine Arbeit ohne jeglichen wirtschaftlichen Wert) nicht frei zugänglich machen.

Und was wäre, wenn entgegen aller Vernunft jemand von “Military Intelligence” zu einem Spiel, Film, Comic-Roman oder einer anderen Arbeit inspiriert worden wäre? Im schlimmsten Fall ist es unmöglich, den aktuellen Rechteinhaber zu finden, um die Erlaubnis für die Erstellung eines abgeleiteten Werkes zu erhalten; im besten Fall wäre der Prozess zeitaufwändig und kostspielig. Selbst wenn der aktuelle Rechteinhaber gefunden wird, könnte jeder Versuch unterdrückt werden, “Military Intelligence” umzufunktionieren, indem eine exorbitante Gebühr für die Erlaubnis verlangt oder einfach die Zusammenarbeit verweigert wird. Wenn sie auf eine Premiere von “Military Intelligence: An American Musical” warten, tun sie das vergebens.

Natürlich ist nicht die Tatsache, dass ein bestimmtes Buch unter Verschluss liegt, das Problem des aktuellen Urheberrechtsgesetz. Das Problem ist die ständig verlängerte Sperrung einer Masse von Arbeiten, die frei verfügbar sein sollten, um die Schaffung neuer Werke zu inspirieren.

Ein unbefristetes Copyright?

Werden die Unternehmen und Individuen, die zwar alte, aber immer noch wertvolle Urheberrechte besitzen, ihr Privateigentum Jahr für Jahr in den Besitz der Allgemeinheit übergeben wollen? Oder werden sie den Kongress beeinflussen, damit es zu einer 20 oder 40 oder 100 Jahre langen Erweiterung des Urheberrechts kommt?

Es ist anzunehmen, dass die Eigentümer wertvoller Copyrights den 115. Kongress beeinflussen werden, damit er die Bedingungen des Urheberrechts verlängert. Sicherlich waren auch Lobbyisten daran beteiligt, den CTEA in den späten 90ern voranzutreiben – ein Sieg, den sie der insgesamt schwachen und desorganisierten Opposition verdankten.

Ich glaube, dieses Mal werden es die Lobbyisten, die auf ein längeres Copyright drängen, nicht ganz so leicht haben. Das Aufkommen digitaler Information im Alltag hat einen umfangreichen Bestand an Akademikern, Rechtsgelehrten, Bibliothekaren und Verbrauchern geschaffen, die viel über die Auswirkungen der Copyright-Gesetzgebung auf ihr Leben nachdenken.

In der Vergangenheit haben Organisationen, zum Beispiel die Electronic Frontier Foundation, die American Library Association und Creative Commons aus Sorge über die öffentliche Beteiligung an der Urheberrechtspflege damit begonnen, sich anderen unfairen Copyright-Gesetzen wie den Stop Online Piracy Act (SOPA) und den PROTECT IP Act (PIPA) zu widersetzen. Sollte der 115. Kongress zu einer erneuten Verlängerung des Copyright gedrängt werden, brauchen diese Organisationen und deren Verbündete eine aktive öffentliche Unterstützung. Es ist nicht genug, sich zurückzulehnen und darauf zu hoffen, dass Internet-Petitionen und Facebook-Schimpftiraden siegen werden.

Obwohl der Kongress die zeitliche Begrenzung des Copyright nicht abschaffen kann, könnten die Bedingungen so geändert werden, dass das Copyright selbst nahezu unendlich verlängert wird. Wenn das geschehen sollte, würden Millionen von Werken, die für aktuelle und zukünftige Generationen von Wissenschaftlern, Künstlern und Neugierigen frei verfügbar sein sollten, im Schatten des Urheberrechts verborgen bleiben – unzugänglich und nahezu unsichtbar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „FIGHT CLUB“ by CHRISTOPHER DOMBRES (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Von YouTube in die Buchhandlung: YouTuber werden Autoren

Sami Slimani mit seinem Buch, das Slimani Prinzip (Bild: Sami Slimani/Screenshot)

Viele YouTuber versuchen auch über Googles Plattform Video-Plattform YouTube hinaus tätig zu werden und sich kreativ auszutoben. So haben nicht wenige Videocreator eigene Bücher geschrieben. // von Lukas Menzel

Sami Slimani mit seinem Buch, das Slimani Prinzip (Bild: Sami Slimani/Screenshot)

Von YouTube in die Buchhandlung. Von einem typischen Online- zu einem klassischen Offlinemedium. Vom Videomacher zum Buchautor. Diese Schritte haben bereits einige YouTuber gewagt – mit Erfolg. Neben ihren Videos haben bekannte YouTube-Persönlichkeiten wie Y-Titty, Sami Slimani oder die britische YouTuberin Zoe Sugg eigene Bücher geschrieben, die sogar die Bestsellerlisten erklimmen. Oft verkaufen sich die Bücher der YouTuber tausendfach und führen bei Lesungen zu vollen Buchhandlungen.

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Crowdfunding für Bücher: Wenn der Leser zum Verleger wird

Die Self-Publishing- und Crowdfunding-Plattform Pentian bezahlt nicht nur Autoren, sondern belohnt Unterstützer erfolgreicher Buchprojekte mit einem Teil der Tantiemen. Dieses System soll das Verlagswesen revolutionieren. // von Christina zur Nedden

pentian, crowdfunding

Pentian kombiniert zwei große Trends: Self-Publishing und Crowdfunding. Autoren können ihre Bücher selbst veröffentlichen und in direkten Austausch mit ihren Lesern treten, bevor Buchproduktionskosten entstehen. Unterstützer von erfolgreichen Projekten bekommen einen Teil der Tantiemen. Pentians CEO Enrique Parrilla sprach auf der CONTEC 2014 über Crowdfunding im Verlagswesen, weshalb Leser die besseren Verleger sind und den Einfluss der Digitalisierung auf die Branche.

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Von Netflix den Spiegel vorgehalten

052:365 - 06/21/2012 Netflix (adapted) (Image by Shardayyy [CC BY 20] via Flickr)

In einem Gastbeitrag auf Netzpiloten.de kommentiert der Drehbuchautor Mark Wachholz den Deutschland-Start von Netflix. ssstart den Produzenten deutscher Fiction-Konzepte eine klare Absage. Es fehle an Serienstoffen, die auch international Interesse wecken. Eine harte Ohrfeige. Aber auch die Chance zur Selbstreflektion?

Der Traum vom deutschen House of Cards

Insbesondere deutsche TV-Autoren und -Produzenten hatten dem Deutschland-Start des amerikanischen VoD-Giganten Netflix wie einer Erlösung entgegengefiebert. Endlich würde ein finanzstarker Player auf den hiesigen Fernsehmarkt treten, der statt Provinzialität, Mittelmäßigkeit und kleinbürgerlicher Piefigkeit endlich nach spannenden, kontroversen und komplex erzählten Serien-Stoffen sucht. „Wir werden sicher auch in Deutschland produzieren“, so Netflix-Gründer Reed Hastings noch zwei Wochen zuvor gegenüber dem Spiegel. Doch der Traum von einem deutschen House of Cards ist vorerst geplatzt.

Schon am Starttag hatten Netflix-Kommunikationsboss für Europa Joris Evers im Interview mit Quotenmeter und Chief Content Officer Ted Sarandos im Interview mit DWDL übereinstimmend gesagt, dass es derzeit keine Pläne des Streamingdiensts gäbe, in deutsche Serien und damit in deutsche Serienmacher zu investieren. Zunächst wolle man, wie bei Netflix üblich, die Vorlieben der deutschen Nutzer auswerten, um daraufhin genauer zugeschnitten nationalen Content zu produzieren. So war die eigenproduzierte Politdrama-Serie House of Cards anhand des Nutzerverhaltens von Netflix US geradezu maßgeschneidert worden, nachdem die internen Auswertungen ergeben hatten, dass die Nutzer Schauspieler Kevin Spacey und Regisseur David Fincher besonders mögen würden.

Doch am Folgetag wurde Netflix-Firmengründer und CEO Reed Hastings im Interview mit Blickpunkt:Film deutlicher: „Wir haben in Deutschland Ausschau gehalten nach geeigneten Stoffen – aber nichts gefunden.“ Einer der Hauptgründe gegen eine lokal produzierte Serie sei laut Hastings das Fehlen von Themen „von weltweitem Interesse“ in den bei ihnen eingereichten Serienkonzepten. Unvermittelt wurde so der deutschen TV-Fiction der Spiegel vorgehalten. Plötzlich darf sich hiesige Stoffauswahl und Erzählkunst nicht mehr nur mit sich selbst vergleichen. Netflix spricht augenscheinlich direkt aus, was sowohl Zuschauer als auch Branchenkenner seit Jahren empfinden: Fiktionales deutsches Fernsehen erscheint im internationalen Vergleich rückständig und bedeutungslos.

Der Kampf gegen den deutschen Fernseh-Behemoth

Dabei ist davon auszugehen, dass viele, vor allem große deutsche Produktionsfirmen mit ihren Autoren endlich jene Ideen und Stoffe aus den Schubladen holten, die für das öffentlich-rechtliche und private Fernsehen in Deutschland zu aufwändig, zu komplex oder zu progressiv wären. Obwohl sie für die Präsentation ihrer Konzepte – in Ermangelung eines Netflix-Ansprechpartners in Deutschland – wohl direkt in der Firmenzentrale Los Gatos in Kalifornien vorsprechen mussten, sollten das die besten und zugkräftigsten Ideen gewesen sein, die hierzulande aufgeboten werden können. Ein Beteiligter erzählt beispielhaft von einem gut strukturierten, grafisch reichhaltig illustrierten und mit belastbaren Businesszahlen aufbereiteten Pitch, der Story und Potential der Serie griffig darstellte.

„Man begibt sich nicht auf diese Via Dolorosa, weil man Soaps und Scripted Reality schreiben will“, sagt beispielsweise Drehbuchautor Stephan Greitemeier (Switch Reloaded, Chefautor beim Game Evil & Genius). In der Tat: Niemand wird sich mit einer weiteren Abwandlung von Ärzte-Soaps, unaufgeregtem Dorfidyll oder neuen „Schmunzelkrimi“-Derivaten bei Netflix vorgestellt haben. Wen man auch fragt: Die deutsche TV-Branche kennt und liebt die revolutionären amerikanischen Serien von Breaking Bad über Game of Thrones bis zu The Walking Dead (und ungefähr hundert andere, über die jeder angeregt redet). Auf Netflix als Big Player wurde nicht zuletzt auch deshalb so gehofft, „weil eine Revolution des deutschen, in sich selbst verwachsenen und erstarrten Fernseh-Behemoths von innen unmöglich erscheint“, so Greitemeier.

Für eine Qualität, die man von amerikanischen und anderen internationalen Serien gewohnt ist, hat es aber allem Anschein nach erst einmal nicht gereicht. Und zwar teamübergreifend nicht, wenn Netflix zu diesem allgemeinen Urteil über deutsche Erzählqualität gelangt. Nun wissen wir nicht, welche Ideen und Storys die deutschen Bittsteller im Einzelnen für so gut und einzigartig befanden, dass sie internationalen Ansprüchen genügen und damit konkurrenzfähig auf dem internationalen Markt sind. Wir wissen nur, dass Netflix bislang bei seinen hoch gelobten und vielfach prämierten Eigenproduktionen wie der Crime-Comedy Lilyhammer, dem spannenden Politdrama House of Cards oder dem Gefängnis-Comedydrama Orange Is the New Black hohes Qualitätsbewusstsein zeigte und alles richtig gemacht hat.

Welche Strategie fährt Netflix in Deutschland?

Es ist gar nicht so klar, ob Netflix überhaupt dafür brennt, lokale Eigenproduktionen in Deutschland anzukurbeln. Huan Vu, Regisseur der kommenden Lovecraft-Verfilmung Die Traumlande und eines der Gründungsmitglieder des Neuen Deutschen Genrefilms, hat das Gefühl, dass das Unternehmen hier nicht viel mehr als einen „halbgaren Testballon“ gestartet hatte, „um Goodwill zu demonstrieren“.

Dafür spricht zum Beispiel der stete Verweis der Netflix-Sprecher, dass man mit der Sci-Fi-Mysteryserie Sense8 ja bereits eine internationale Produktion in der Entwicklung habe, die explizit auf die Expansionsbestrebungen des Unternehmens zurechtgeschnitten ist: Verantwortlich sind die Wachowski-Geschwister (The Matrix, Cloud Atlas), die eine Story in acht verschiedenen Ländern – darunter auch Deutschland – erzählen. Die deutsche Hauptfigur wird von Max Riemelt (Wir sind die Nacht, Urban Explorer) gespielt, es soll auch in Berlin gedreht werden. Tom Tykwer wird Regie in einer der Episoden übernehmen (wenn auch nicht die in Deutschland, sondern die in Nairobi).

Huan Vu sieht die Entwicklung in Deutschland nüchterner: „Netflix wird in seinen Marktanalysen feststellen, dass die Deutschen sehr gerne amerikanisches Zeug schauen und sowohl englischen Originalton als auch deutsche Synchronisation akzeptieren. Und aus Deutschland kam im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich oder Skandinavien über lange Zeit nichts Dickes mehr. Das Einzige, was deutsche Sender erfolgreich machen – deutsch verwurzelte Krimis und deutsch verwurzelte Komödien – ist für Netflix nicht so interessant, da sie das nicht in anderen Territorien auswerten können. Das wäre also so, als wenn Mercedes oder Volkswagen vor dem Markteintritt in Nordkorea ein Joint Venture mit dem dortigen Staatsbetrieb für Zugmaschinen eingehen würden. Während es in Frankreich massiv Stunk durch Politik, Establishment etc. gibt und deshalb mit dem Politdrama Marseille sofort eine französische Serie produziert wird, begrüßt man Netflix hierzulande eher wie den rettenden GI anno 1945, der hoffentlich die deutsche Fernsehdiktatur umkrempelt.“

Dabei spielt es dann auch weniger eine Rolle, dass gerade der deutsche Fernseh- und VoD-Markt als sehr fragmentiert und von mehreren starken Playern besetzt gilt: Maxdome, Watchever, Amazon Prime im Streaming-Segment, dazu das starke Angebot der privaten Sender und der Öffentlich-Rechtlichen mit jährlichen Rundfunkgebühren von über 8 Milliarden Euro. Netflix könnte gerade in Deutschland auf mehr Bindung durch lokale Eigenproduktionen setzen, um sich einen wichtigen Marktvorteil zu sichern. Doch der Streamingdienst will vorerst nicht.

Dass es Netflix-Chef Reed Hastings jedoch nicht einfach bei den – eigentlich völlig ausreichenden – Begründung belässt, die Vorlieben deutscher Nutzer erstmal zu analysieren, mit Sense8 eine internationale Produktion mit deutschen Anteilen zu produzieren und sowieso erstmal ein bis zwei Jahre abwarten zu wollen, wirft vor dem Hintergrund der obigen Überlegungen durchaus Fragen auf. Sollen etwa durch die öffentliche Ablehnung deutscher Erzählkunst hierzulande Ambitionen geweckt werden? Oder ist es gar, wie mancher heimlich hofft, vor allem ein Nein zur Denkweise der alten Garde von TV-Filmemachern, die das bisherige System auf Laufen gehalten haben? Autor Stephan Greitemeier sieht in der deutlichen Ansage Netflix’ vor allem ein Signal an „die zweite Generation, die messerwetzend in den Startlöchern steht“ – also all jene Autoren, Produzenten und Schauspieler, die mit dem bisherigen System nichts (mehr) anfangen können. Der Glaube an Netflix als Game Changer bleibt also.

Auf Mittelmaß konditionierte Autoren

Deutsche Autoren und Filmemacher diskutieren nicht erst nach der aktuellen Netflix-Klatsche, ob in Deutschland überhaupt genug Handwerk und Übung vorhanden ist, auf internationalem Serienniveau mitzuspielen. „Ich fürchte, dass viele deutsche Produzenten und Autoren, die durch die Mühlen der deutschen TV-Produktion gegangen sind, gar nicht mehr in der Lage sind zu verstehen, was für Netflix internationales Appeal aus macht“, meint Axel Ricke, Regisseur des Sci-Fi-Kurzfilms D-I-M, Deus In Machina (2007) und Produzent bei Lumatik Film. Auch Autor Stephan Greitemeier glaubt: „Die degetoisierten Produzenten sind das Nadelöhr. Sie arbeiten mit degetoisierten Lohnschreibern zusammen, denen zwanzig Jahre Fernsehmarkt jede Innovationskraft ausgepresst haben. Es ist schon bestürzend: Da haben wir nette, clevere Leute, oft mit gutem Geschmack – aber das System hat viele festgefahren und mutlos gemacht.“

Es geht in diesen Überlegungen um den grundsätzlichen Verdacht, dass das deutsche TV-System über Jahrzehnte Autoren und Produzenten maßgeblich konditioniert hat und hier auch bei besten Absichten schlichtweg nicht die erzählerische Qualität erreicht werden kann, die es international heutzutage braucht. „Da wir national schon seit Jahrzehnten keine Nachfrage in dieser Richtung haben, gibt es hier auch kaum Erfahrung im Umgang mit Geschichten dieser Art“, lässt sich ein deutscher Drehbuchautor in der aktuellen Debatte zitieren. „Ideen gibt es bestimmt viele, nur mangelt es entweder an der Umsetzung, oder man hat kein Vertrauen in die deutschen Autoren und glaubt nicht, dass sie so etwas stemmen können.“

Vielleicht, so die Befürchtung, erscheint es Netflix schlichtweg zu aufwändig, bei uns erst noch in den Qualitätsaufbau investieren zu müssen. Denn der heimische Markt für Konzepte und Drehbücher verlangt vor allem nach unterkomplexer Unterhaltung. Selbst abseits von den täglichen Soap-Welten schreiben Serien-Autoren in Deutschland vor allem schematische Krimi-Episoden in Kreuzworträtsel-Dramaturgie, seichte Nonnen- und Krankenhaus-Banalitäten oder verschämt-lustige Alltagskomödien, die niemandem wehtun. Immer wieder fällt der Begriff der „Schere im Kopf“, die durch die Konditionierung ob solcher Anforderungen inzwischen so stark sei, dass man sie immer wieder aktiv in seinem Kopf entfernen muss, um auf internationalem Niveau zu denken. Wenn es überhaupt gelingt: „Ich erwische mich selbst immer wieder dabei, wie im Kopf die Schere zuschnappt. Es kostet tatsächlich Kraft, sich von dieser Denke zu lösen. Sehr erschreckend.“, so Regisseur und Produzent Axel Ricke.

Wie beispielsweise Game of Thrones aussehen würde, wenn es durch die Mangel deutscher Fernsehqualität genommen würde, zeigt dieser Tage anschaulich – und trotz aller Parodie erschrecken authentisch – der folgende Clip von Walulis sieht fern. Ähnliche Assoziationen rief bereits die Ankündigung des ZDFs hervor, ein deutsches Breaking Bad zu produzieren – mit Bastian Pastewka als Geldfälscher im Taunus.

Auf der Suche nach internationaler Qualität

Aber stimmt die Einschätzung, deutsche TV-Fiction hätte kein internationales Appeal? Der letzte Bulle (2010-2014), laut Bekundung der Branche eine der besten deutschen TV-Serien derzeit, wurde vom französischen Sender TF1 erfolgreich in bislang zwei Staffeln adaptiert. In den USA wurden vom Letzten Bullen und von Danni Lowinski (beide SAT.1) jeweils Piloten bei TNT respektive The CW getestet. Von Danni Lowinski (2010-2014) gibt es Remakes in Belgien, der Ukraine und den Niederlanden. Der Tatortreiniger (seit 2011) vom NDR wurde bislang in die USA und nach Frankreich verkauft. Und dann sind da doch immer noch der in über 100 Länder verkaufte Derrick (1974-1997) und die Action-Serie Alarm für Cobra 11 (seit 1996), die wohl international erfolgreichste Serie aus deutscher Produktion mit Verkäufen in 150 Ländern.

Hier sind Relationen wichtig. Der internationale TV-Markt ist wegen des kontinuierlich steigenden Bedarfs an erfolgreicher Fiktion in größter Aufruhr. Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten Hit. Und so werden sich möglichst viele Rechte an Stoffen aus aller Herren Länder gesichert, ohne dass diese Stoffe – erzählerisch – in der gleichen qualitativen Liga spielen wie 24, Lost oder Orphan Black. Hier müssen wir ehrlich sein: In Deutschland tun sie es nicht. Wenn hierzulande eine Serie – unabhängig von ihren Quoten – als sehr gut und außergewöhnlich gehandelt wird, dann passiert das im Vergleich zum restlichen Angebot im deutschen Fernsehen. Wenn Netflix aber wie in Großbritannien über 125 Millionen Euro für die Serie The Crown über die 60-jährige Regentschaft der Queen auf den Tisch legt, dann mit der klaren Absicht, einen unter Kritikern und beim Publikum weltweiten Tophit in ihr Portfolio aufzunehmen.

Die Sorge übrigens, dass deutsche Produktionen mit einer Orientierung am internationalen Massengeschmack auf diesen hin normiert werden würden und gerade dadurch lokalen Flair, Atmosphäre und Authentizität verlieren würden, scheint dagegen eher unberechtigt. Ganz im Gegenteil: Lilyhammer-Schöpfer Steve Van Zandt erzählte im Rolling Stone über die Entstehungsgeschichte seiner Serie: „I said to people, „The way to make this more international is to make it more Norwegian – as Norwegian as we can make it. I want to know every nuance, detail and eccentricity that people might find interesting or different.“ I also said, „I want to make Norway a character in this show, because it’s a complete mystery to most people.“ No one knows a thing about it, so I wanted to reveal it in the best way I could.“

Auch Reed Hastings sagt in seinem Statement in Blickpunkt:Film nicht, dass sich internationale Serien nicht „deutsch“ anfühlen dürfen. Serien wie Lilyhammer, The Crown oder Marseille versprühen gleichermaßen lokale Identität und internationales Appeal. Sie wurden von Netflix in Auftrag gegeben, um die jeweiligen Märkte in Europa – hier also Skandinavien, Großbritannien und Frankreich – zu bedienen und weltweit interessant zu sein. Die Frage, die sich Autoren und Produzenten hierzulande also stellen müssen: Was fühlt sich „deutsch“ an und hat „internationales Appeal“? Was bietet lokale Qualitäten, ohne dass es sich anfühlt wie das Meiste, was hier provinziell, erstarrt und in jeder Hinsicht unenthusiastisch für das deutsche TV produziert wird?

Kann Deutschland nur mit seiner Vergangenheit punkten?

„Die Befürchtung ist, dass weltweit interessante Ideen aus Deutschland alle nur wieder in der Vergangenheit liegen – also wieder Nazi-Stoffe, wieder DDR-Stoffe. All das, wovon wir eigentlich selbst die Schnauze voll haben“, stöhnt ein weiterer Autor. Die Sorge hat eine starke Grundlage: Seit Langem scheinen beispielsweise deutsche Filme nur noch dann Oscar-Chancen zu haben, wenn sie mit einer der beiden deutschen Diktaturen zu tun haben: siehe Caroline Links Nirgendwo in Afrika (2001, Oscar), Oliver Hirschbiegels Der Untergang (2004, Oscar-Nominierung) oder Florian Henckel von Donnersmarck Das Leben der anderen (2007, Oscar).

Deutschland schickt auch selbst gern Filme mit ähnlicher Thematik immer wieder ins Rennen, wie 2013 gleich im Doppelpack mit Georg Maas’ Nazi-Stasi-Drama Zwei Leben (2012) und Cate Shortlands Endkriegsdrama Lore (2012), auch wenn das für Australien startete. Auch andere hierzulande und teilweise auch international gelobte TV-Produktionen wie Weißensee (seit 2010) und Unsere Mütter, unsere Väter (2013) spielen in genau diesen Welten. Der Verdacht liegt also nahe, dass wir um unsere Vergangenheit kaum herumkommen, wenn wir »weltweit interessante Themen« bedienen wollen.

Doch der Glaube, im Ausland kommen aufgrund dieser Erfolge ausschließlich Drittes Reich und DDR-Überwachung an, ist vielleicht die größte Schere im Kopf hiesiger Filmschaffender. Keine Frage: Deutschen Produktionen wird eine größere Glaubwürdigkeit in der Auseinandersetzung dieser Topics entgegengebracht. Deutsche Filme insbesondere über den Nationalsozialismus sind sicherlich international auch ein gewichtiges, erfolgsversprechendes Brand. Die starke weltweite Rezeption solcher Storys aus Deutschland hat aber noch einen anderen, vielleicht viel entscheidenderen Grund:

Aus dramaturgischer Sicht liefern beide Topics von sich aus bereits sehr starke, inhärent eingebaute erzählerische Konflikte. Sie bieten damit also ganz automatisch schon dramatisches Potential. Einmal ungnädig formuliert: Man kann hier als Autor erstmal kaum etwas falsch machen. Vergleicht man die Spannung dieser Filme und Serien mit der Spannung beim Rest des deutschen Fernsehens, dann liegt schnell der Schluss nahe: Mit Naziterror und Stasiüberwachung wird es packend. Ohne eher nicht. Das würde bedeuten: Die Kunst dramatischen Erzählens wird hierzulande tatsächlich nicht wirklich beherrscht und über thematische Krücken wie DDR- und Nazi-Diktatur eher nur kaschiert. Deren Erfolg macht blind für den eigentlichen Zustand hiesiger Erzählqualität.

Die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Stoffe wird sich vor allem dann offenbaren, wenn auch mit anderen Ideen und Konzepten packende Geschichten erzählt werden können. Der Auftrag wäre, etwas zu schaffen, das hier und heute spielt (oder in anderen Welten abseits der Etablierten) und den Nerv der Welt und Zeit trifft. Auch Autor und Regisseur Peter Koller, der aktuell mit Spier Films an der Sci-Fi-Politserie Rio Ten arbeitet, versteht die Angst vor der Beschränkung auf rückwärtsgewandte Themen nicht: „Wir leben in einer Topzeit, was Stoffe angeht. Man muss ja nur die Zeitung aufmachen, da gibt es genug international relevante Stoffe: Hamburger 9/11-Zelle, Überwachungsskandale, oder sogar die Verknüpfung mit der Vergangenheit einer Nation, die keinen Krieg mehr will, aber in internationale Konflikte und Waffendeals reingezogen wird, Truppen in Afghanistan, jede Menge Spionage. Da ist von Homeland bis House of Cards so ein breiter Bereich möglich – ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so etwas nicht an Netflix herangetragen wurde.“

Diese breitgefächerten und hochspannenden aktuellen Themen wecken auch bei anderen Autoren Hoffnung: „Gerade in politischen Stoffen liegt eine große Chance, denn aktuelle Politik wird im deutschen Film nicht thematisiert, weil die Branche am Tropf der Politik hängt“, heißt es in Zustimmung auf Kollers Kopfschütteln. Die Hoffnung liegt hier weniger in der Internationalität, sondern mehr darin, dass Netflix dort reingrätscht, wo großer Mangel im deutschen Fernsehen herrscht. Der Fokus auf packende und beim Zuschauer hochgradig beliebte Geschichte solle dem deutschen medialen Status Quo „den Krieg erklären“ – und damit den Zuschauer hierzulande emanzipieren von Krimi-Dauerschleife und heiler Jägerzaunhüter-Welt.

Im Kern geht es also letztendlich einfach immer um sehr gut erzählte Geschichten mit einer einzigartigen Prämisse. Nichts anderes bedeutet nämlich „internationales Appeal“. Die Beispiele dafür, dass internationale Marktfähigkeit und zeitgemäße Themen kein Zauberding sind, sind vielfach: das norwegisch-amerikanische Lilyhammer, die schwedische Roboterdrama-Serie Äkta människor (Real Humans – Echte Menschen), die dänischen Krimiserien Forbrydelsen (The Killing, hier bekannt als Kommissarin Lund – Das Verbrechen) und The Bridge (hier bekannt als Die Brücke – Transit in den Tod), die beide in den USA neu gedreht wurden, die französische Wiederkehrer-Drama-Serie Les Revenants (US-Remake in Arbeit), die israelische Thrillerdrama-Serie Hatufim (Prisoners of War – Vorlage für das US-Remake Homeland) oder die israelische Dramaserie BeTipul (die Vorlage für In Treatment). Sie alle zeigen, dass deutsche Serien-Produktionen längst von kleinen Fernsehnationen überholt wurden. Ach, und House of Cards ist natürlich ein Remake der gleichnamigen britischen Polithriller-Miniserie von 1990.

Der wichtigste Moment deutscher TV-Geschichte?

Für die hiesigen Sender ist Netflix’ Zurückhaltung ein Grund zum vorläufigen Aufatmen. Noch müssen sie sich nicht dem modernen Vergleich im eigenem Territorium stellen. Und noch fehlt dem Publikum der Beweis, dass auch mit deutschen Autoren, deutschen Produzenten und deutschen Schauspielern packendes, serielles TV-Erzählkino auf dauerhaft hohem Niveau und losgelöst von sicheren Übungsschauplätzen wie Krimi (Tatort), DDR (Weißensee) oder Drittem Reich (Unsere Mütter, unsere Väter) möglich ist.

Dass Netflix jetzt zögert, kann aber gleichzeitig die Chance sein, die Zeit zu nutzen und sich auf ein internationales Niveau zu hieven, bevor uns erst die Amerikaner zeigen müssen, wie es geht. Die vernichtende Reaktion des Streamingdiensts auf deutsche Serien-Qualität ist der vielleicht notwendige Spiegel, der deutschen TV-Machern vor Augen führt, wo sie im internationalen Vergleich aktuell stehen. Und soweit zu hören ist: Netflix empfängt auch weiter deutsche Produzenten. Manche der eingereichten Stoffe sind – entgegen der öffentlichen Interpretation – auch noch nicht abgesagt worden. Und es geht Netflix langfristig gesehen womöglich nicht nur ums deutsche Fernsehen, sondern vielleicht auch um Koproduktionen mit dem hiesigen Kino.

So schnell wird der Streaming-Gigant sein Image als Heilsbringer also nicht los. Doch es besteht die Gefahr, dass sich deutschen Produzenten und Autoren von einem Tropf nur an den nächsten hängen lassen. Dabei könnte jetzt, wo Netflix noch zögert, der vielleicht wichtigste Moment in der neueren deutschen TV-Geschichte sein. Die Zeichen der Zeit lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Nationale Produktionen müssten sich in Qualität, Anspruch, Modernität und Zuschauerbegeisterung gegenseitig überbieten wollen. Noch ist Zeit, neue Eigenständigkeit und neues Selbstvertrauen in das eigene Können aufzubauen. Dann muss man künftig auch nicht mehr als Bittsteller an Investoren und Sender herantreten, sondern könnte derjenige sein, von dem Investoren und Sender unbedingt etwas haben wollen und sich gegenseitig in ihren Angeboten überbieten.

In einer Zeit permanenten Zuschauerschwunds, in der Sender und Content-Anbieter nach starken Marken und Inhalten mit großer Zuschauerbindung suchen, würde das Pushen der erzählerischen Qualität deutscher Fiktion auf neue Level nicht nur ein neu belebtes deutsches Fernsehen generieren. Es wäre auch die Chance, in der dann qualitativ hoffentlich großen Masse genau in größerer Kontinuität jene nochmals herausstechenden Einzelfälle zu finden, die internationales Niveau erreichen und um die uns die Welt beneiden kann.

Denn die größte Frage ist am Ende: Was hat Deutschland der Welt Spannendes zu erzählen?

Dieser Beitrag wurde zuerst auf Genrefilm.net veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Image (adapted) „052:365 – 06/21/2012 – Netflix“ by Shardayyy (CC BY 2.0)

 


 

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E-Books im Denknebel des Literaturbetriebs

Das E-Book wird bislang als schlechteres Buch angesehen – und trotzdem teurer verkauft. Und die neuen Schreibweisen der Netzzeit warten nicht auf den alten Literaturbetrieb. // von Gunnar Sohn.

Ebook (Bild: Vedat Demirdöven  [CC BY-SA 2.0], via fotocommunity.de)

E-Books sind in Deutschland noch nicht der absolute Renner. Und wenn ich mir die Preispolitik für digitale Bücher hierzulande anschaue, wundert mich das überhaupt nicht. In der Regel liegt der Preis im Vergleich zur gedruckten Variante viel zu hoch. Das ist eine echte Barriere. Kleines Beispiel: „Meßmers Momente” von Martin Walser. Die Gebundene Ausgabe kostet 14,95 Euro und für die Kindle Edition muss ich 12,99 Euro berappen. Weiterlesen »

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„Verlag as a service?“ Viele Autoren sind unzufrieden mit ihrem Verlag

Der Buchreport weist auf eine Umfrage hin, bei der der französische Literaturverband Société des Gens de Lettres de France 1.000 Autoren nach ihrem Verhältnis zum Verlag befragt hat:

Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich stehen Verlage unter großem Druck, angesichts der Konkurrenz durch Selfpublishing-Angebote ihre Autoren bei der Stange zu halten. Eine Umfrage zeigt, dass jeder dritte Autor unzufrieden mit seinem Verlag ist, Tendenz steigend. Neben Mängeln bei Vertrieb und Marketing beklagen sich die Autoren über Intransparenz und schlechte Kommunikation.

Interessant ist, dass die Autoren gerade mit der „kommerziellen Verwertung“ unzufrieden zu sein scheinen, die ja in der Regel als Hauptargument pro klassischen Verlag angeführt wird:

Besonders bei der „kommerziellen Verwertung“ ist die Unzufriedenheit groß: Aktuell liegt der Anteil bei 63% (2011 allerdings noch bei 67%). Auch bei der Bewerbung von Büchern ist der Anteil mit 66% (2011: 69%) vergleichsweise hoch.

Hintergrund dürfte sein, dass jenseits der Bestseller-Autoren die Unterstützung meist wesentlich bescheidener ist. – Bemängelt wird auch das, was einen Dienstleister eigentlich auszeichnen sollte:

Intransparenz, schlechte Kommunikation: Beklagt wird auch die Tatsache, dass die Statistik zu den Verkaufszahlen – falls sie überhaupt dem Autor übermittelt wird – fehlt oder für den Autor unklar ist.

Soweit zur Situation in Frankreich. Doch auch in Deutschland wächst der Rechtfertigungsdruck. Ein vielleicht nicht ganz untypisches Beispiel: Vor ein paar Wochen tauschte ich mich auf Facebook mit Tanja Pleva aus. Diese hat zwei Bücher bei Piper veröffentlicht und inzwischen die Nase voll:

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Fanfiction: Harry Potter – Teil 8…?

harry potterBild: Screenshot Trailer Harry Potter and the deathly hallows

Damals noch Feinde, kommen sich nun Harry Potter und Draco Malfoy auf der Siegesparty über Lord Voldemort gefährlich nahe. Eine leidenschaftliche Liebe entzündet sich zwischen dem Slytherin und dem Gryffindor – beide Mitglieder verfeindeter Häuser. Ist das die Fortsetzung der Harry-Potter-Saga?
Dort, wo das Original endet, beginnt die Fantasie der Fans. In der Welt der Fanfiction schreiben Autorinnen und Autoren die Geschichten populärer Film- und Romanvorlagen weiter oder ergänzen sie. Auch TV-Serien, Computerspiele, sogar real existierende Promis dienen den Fans als Vorlage für eigene Geschichten… Weiterlesen »

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Paul Bowles Hommage zum 100. Geburtstag

Mit bohrendem Blick

Bett, Schreibmaschine, Rauch.

 

Jahreswechsel. Die letzte Woche des Aufbau – Literaturkalenders 2010 ist dem amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles gewidmet: Das Kalenderblatt zeigt ihn in seiner Wohnung in Tanger. Das Foto wurde im Herbst 2003 aufgenommen, als ich ihn das erste Mal traf, ihn zum Auftakt einer Saharareise in Tanger kennenlernte. Paul Bowles war damals 82 Jahre alt, bereits hinter dem Herbst seines Lebens.

So wie auf diesem Bild habe ich ihn, haben viele Paul Bowles in seinen letzten Jahren in Erinnerung behalten: Meist im Morgenrock und auf seinem Bette sitzend. Prasselndes Kaminfeuer. Tee. Zigarettenspitze. Lauter Notizen, Tonbänder und allerlei Musikgegenstände aus dem Maghreb umher gruppiert. Nur noch selten ging er aus dem Haus, um seine geliebten Spaziergänge in Tanger zu unternehmen, die er früher täglich im Gassen-Gewirr des Souk, des Zocco ausführte. Doch bei aller sichtbarer Gebrechlichkeit behielt Paul Bowles bis zum Schluß seinen messerscharfen Verstand und den beobachtenden, ja medizinisch-sezierenden Blick, der seinem Wesen und auch seinen Romanen in Stil und Sprache inne wohnte.

Mit dieser Hommage möchte ich an den Mann erinnern, der mir vor über 17 Jahren in Tanger den Blick ins Innere öffnete… Weiterlesen »

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Vortrag: Streamtelling and transmedia characters

Marcus Brown on Streamtelling and transmedia characters. Interesting speech during the „Narrative and Innovation“ Conference at Karlshochschule International University. Das einstündige Video gibt es nach dem Klick… Weiterlesen »

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Sieben deutschsprachige Literaturplattformen

Sind literarische Online-Foren nicht eine moderne Art der Kaffeehäuser, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts und bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von vielen Schriftstellern – und ein paar wenigen Schriftstellerinnen – besucht wurden? Dort trug man sich die neuesten Texte vor und tauschte sich darüber aus. Oder man debattierte über Politik und Gesellschaft – und tratschte bestimmt auch. Doch der Vergleich hinkt auf mindestens einem Fusse: In den heutigen literarischen Foren des Internets fehlt die persönliche, physische Begegnung, es fehlt der Austausch in Echtzeit, auch Gespräch genannt, und es fehlt die unverwechselbare Atmosphäre der damaligen Kaffeehäuser – und der allgegenwärtige Kaffeeduft…

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Interview: Digitales Publizieren für Autoren

Ulrike Langer hat Leander Wattig zum Thema Digitales Publizieren für neue und alte Autoren befragt.

Leander Wattig über die Chancen des digitalen Publizierens from Ulrike Langer on Vimeo.

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