Zurückgeklickt: Deutschlands erster Blogger

Walter Laufenberg ist Schriftsteller und betreibt nebenbei seit 20 Jahren netzine.de, das erste Blog Deutschlands. Ein Interview. // von Hendrik Geisler

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschlands erster Blogger geboren. Walter Laufenberg kommt 1935 in Opladen zur Welt und ist Zeit seines Lebens ein Freigeist, der unter anderem als Fernsehreporter, Werbedirektor und freier Autor arbeitet. Am 3. Januar 1996 stellte er die erste Ausgabe seines Laufenberg Netzines auf netzine.de online. Das erste deutsche Blog war geboren. Ein Gespräch mit dem deutschen Urblogger über die Rolle des Internets, die Arbeit als digitaler Nomade und E-Mail-Newsletter.

Im Logo des Netzines ist eine Zeitung zu sehen, Begriffe wie Titelblatt oder Periodikum finden sich in Laufenbergs Ausführungen. Der Blogger scheint aus der heutigen Zeit gefallen zu sein. Zwischen all den hippen Jugendportalen, Bewegtbildoffensiven und GIF-Stürmen im Netz ist netzine.de ein Ort der Stille. Die Texte, die Laufenberg zweiwöchentlich online stellt, sind kleine Texthappen, die, ganz wie es die Idee des 80-jährigen Bloggers ist, zum Denken und Nachdenken anregen.

Der Autor ergreift nicht Partei, nimmt sich ohne Zurückhaltung jegliche Position vor und zieht sie durch den Kakao, bringt clevere Gedanken zu Alltäglichem und Außergewöhnlichem. Ich hatte Walter Laufenberg an der Strippe und habe mit dem Schriftsteller über seine zwei Jahrzehnte als Blogger geredet.

Hendrik Geisler (HG): Laut Wikipedia ist netzine.de das erste deutsche Blog, vielleicht sind Sie sogar der älteste Blogger Deutschlands.

Walter Laufenberg (WL): Ich habe im Alter von 60 Jahren damit angefangen, das ist ja etwas ungewöhnlich.

HG: Haben Sie sich jemals als Blogger betrachtet?

WL: Nein, zumal ja anfangs dieser Begriff gar nicht bekannt war. Als ich anfing, habe ich das Internetmagazin genannt und es hat ja auch die Strukturen, die Aufmachung einer Zeitung. Der Begriff Blog kam erst nach Jahren auf.

HG: Sind Sie mit Ihrem Denken also dem Zeitungsmachen verhaftet?

WL: Ja, es gab damals ja kein anderes Beispiel. Obwohl ich kein Zeitungsmann war, ich war als Journalist Fernsehmann.

HG: Warum sind Sie 1996 den Schritt ins Netz gegangen?

WL: Da war ich ja schon seit Jahren nur noch als Buchautor tätig, habe nur noch Belletristik geschrieben. Das hat den Nachteil, dass man stets ins Dunkle hinein arbeitet. Ich weiß, dass irgendwo Leute sitzen und gerade ein Buch von mir in der Hand haben und sich daran erfreuen, aber ich sehe und höre sie nicht. Da möchte man doch etwas direktere Resonanz haben. Deshalb habe ich als anderes Bein neben der Belletristik die Arbeit mit dem Internetmagazin, da kriege ich sofort Resonanz.

HG: War das jemals auch ein finanzielles Standbein, das Sie sich damit errichten konnten?

WL: Durchaus nicht. Das Magazin hat mir bisher noch kein Geld eingebracht. Es ist auch nicht dazu gedacht. Es kostet mich nur, aber ich muss schließlich auch Kosten haben fürs Finanzamt.

HG: Welche Rolle spielt das Internet denn allgemein in Ihrem Leben?

WL: Ich bin an sich kein Technikfreak. Aber ich war immer interessiert, neueste Entwicklungen mitzukriegen. Ich habe immer aus der Zeitung erfahren, was es gibt. Ich war einer der ersten, die 1970 einen Autorenverlag aufgebaut haben. Ich war einer der ersten, die beim dritten Fernsehen mitgemacht haben. Ich war dann auch einer der ersten, die im Internet tätig wurden. Wenn ich erfahre, dass sich eine neue mediale Möglichkeit auftut, möchte ich da mitmachen. Ich war ja ohne Kenntnisse, habe das nirgendwo gelernt und mir alles von Freunden beibringen lassen und lerne von Tag zu Tag immer weiter.

HG: Haben Sie sich denn auch in der Blogosphäre vernetzt oder halten Sie sich raus?

WL: Ich habe keinen Kontakt mit anderen Bloggern. Außer mit Schriftstellern, die nebenbei einen Blog betreiben. Aber ich bin in dem Sinne kein vernetzter Blogger. Als Autor ist man Einzelkämpfer, denn jeder Autor ist jedes anderen Autors Konkurrent. Aber man schätzt den Anderen und kriegt gelegentlich Anregungen.

HG: Beschreiben Sie mir bitte das Konzept Ihres Netzines.

WL: Das Laufenberg Netzine will eine Art Gegenöffentlichkeit bilden, ein Kontrast zu dem, was in den Zeitungen steht. Ich bringe ja nicht das, was in der Zeitung steht, was im Fernsehen und im Radio behandelt wird. Ich bin zwar oft mit der selben Thematik beschäftigt, aber ich stelle sie anders dar. Ich bin kein Informationsmedium, sondern ein Nachdenklichkeitsmedium. Ich denke nach, ich denke mit, ich denke vor – und will auf diese Weise die Öffentlichkeit bereichern.

HG: Wie viele Leser erreichen Sie damit?

WL: Mittlerweile sind das Hunderttausende. Ich kriege jeden Monat von einer Spezialfirma eine Statistik, in der steht, wo welche Dinge wann aufgerufen wurden. Und seit Jahren werden das immer mehr. Ich drucke mir die Statistik jeden Monat aus und bringe dann einen Hinweis auf der ersten Seite des Netzines. Über zehntausend Zugriffe habe ich jeden Monat.

HG: Sie schreiben auch, es sei noch die Möglichkeit zur Steigerung vorhanden.

WL: Ja, es gibt ja viele Millionen Menschen, die Deutsch lesen können. Ich habe zum Glück einen Sprachraum, der nicht so klein ist. Zudem sagt man ja, dass Deutsch die drittstärkste Sprache im Internet weltweit sei.

HG: Wie lange machen Sie noch weiter? Sie sind ja nicht mehr der Jüngste.

WL: Das sehen Sie ganz richtig. Aber ich fühle mich nicht alt. Ich werde selbstverständlich weitermachen, so lange ich kann. Als Freiberufler arbeitet man ja, bis man mit dem Laptop in der Hand ins Grab fällt. Und die Netzine-Ausgabe, die ich vorher gemacht habe, das wird dann die letzte sein.

HG: Stimmt es, dass Sie in den 20 Jahren und drei Monaten netzine.de nie eine Ausgabe verpasst haben?

WL: Es ist keine verpasst worden. Ich habe es immer geschafft, auch mit der Hilfe meiner Frau. Wenn ich auf Reisen war und es war wieder Dienstagabend und die neue Ausgabe stand an, dann hat es öfter meine Frau gemacht. Wir haben das Netzine aus dem Südchinesischen Meer gemacht, aus der Karibik, aus Amerika – es ist ja das Schöne, dass man diese Sache jederzeit ins Netz bringen kann, egal wo man ist.

HG: Dann sind Sie also ein digitaler Nomade.

WL: Ja, ich bin viel unterwegs. In diesem Jahrhundert bin ich jedes Jahr zwei bis drei Monate unterwegs gewesen. Auf Tagungen, bei Aufenthalten in Schriftstellerhäusern. Ich ziehe mich auch hin und wieder zurück, um absolut ruhig schreiben zu können. Dann schalte ich ab und meine Frau stellt die Texte ein. Ich schreibe sie aber immer selbst.

HG: Sie waren von Anfang an dabei, haben ein Blog geschrieben, bevor es den Begriff überhaupt gab. Wo geht es noch hin mit Medien im Netz?

WL: Wo es hingeht? Ich bin kein Prophet, der dazu etwas sagen kann. Ich lese nur in den Zeitungen von der weiter propagierten Vernetzung. Es soll alles vernetzt werden, sogar der Haushalt. Da bin ich natürlich nicht einer der Fortschrittlichsten. Es reicht mir, wenn ich meine zwei Computer, mein Telefon und mein Handy habe. Weitere Vernetzung ist nicht.

HG: Sind Sie aktiv in sozialen Medien?

WL: Ich konnte es nicht vermeiden, da mitzumachen, bei Facebook. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, Bücher schreibt und sie an den Leser bringen will, kann man sich nicht verstecken, sondern muss in der Öffentlichkeit stehen. Deshalb bin ich auch bei Facebook dabei. Ich weiß, dass da viele ernsthafte Leute meine Sachen sehen und lesen. Was da als Freunde bezeichnet wird, ist natürlich ein Jux. Ich habe im Moment 369 Facebook-Freunde.

HG: Sie wollen ja explizit zum Nachdenken anregen. Wie hilft Ihnen Facebook dabei?

WL: Ich propagiere keine Ideologie, davon bin ich weit entfernt. Ich will nur nachdenklich machen, aber das ist eben, was man als Schriftsteller macht. Es gibt auch bei all den vielen Leuten, die Facebook sehen, sicherlich genügend Leute, die da mitmachen und sich das ansehen. Ich kriege ja auch immer Reaktionen in Facebook. Die gehen nicht in die Tausende, aber es gibt immer Leute, die das gut finden, was ich bringe. Das reicht mir. Mein Hauptgebiet ist die Schriftstellerei, sind meine Bücher. Ich habe mittlerweile über 40 veröffentlicht. Das ist mein Hauptarbeitsgebiet, da bin ich bekannt. Die Bloggerei läuft daneben.

HG: Also ist das erste deutsche Blog die Spielerei eines Schriftstellers?

WL: Spielerei wäre der falsche Ausdruck. Meine Texte sind kein spielerischer Jux, sondern sehr durchdacht und kritisch, aber beim Kritischen immer wieder auch etwas ironisch. Es ist eine Arbeit, die ich mit viel Einsatz betreibe. Jeden Tag arbeite ich an diesen Texten und freue mich über jeden, der sich dafür interessiert. Ich versende alle zwei Wochen ein Rundschreiben, weil ich immer wieder gehört habe, “ach ich habe jetzt schon lange nicht mehr in Ihr Netzine reingeschaut”. Ich war es leid, dass manche das immer wieder vergessen. Rund 1200 Adressen kriegen also alle 14 Tage ein Rundschreiben, das die ersten zweieinhalb Texte aus“Passiertes”, dem Aktuellen aus meinem Netzine, enthält. Das Rundschreiben kommt sehr gut an.

HG: Also ein Email-Newsletter.

WL: Ein Email-Newsletter, genau. Ich nenne es Rundschreiben, weil ich immer möglichst andere Ausdrücke vermeide und bei der deutschen Sprache bleibe. Aber das liegt daran, dass ich deutscher Autor bin.

HG: Vielen Dank, Herr Laufenberg, es war mir eine Freude.

WL: Sie sind jetzt auch auf der Liste beim Rundschreiben.


Teaser & Image by Walter Laufenberg via Netzine.de


Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.


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Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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