Steckt doch mal das Smartphone weg

Wovon du in den Social Networks kein Bild teilst, ist nie wirklich geschehen. Das ist das Mantra einer Zeit, in der wir alles von unserem Frühstück bis hin zu unseren Haustieren und Kindern auf Instagram und Co dokumentieren. Aber müssen wir wirklich alles im Internet teilen? Können wir nicht auch einfach schöne Momente genießen und später davon erzählen? Der Zwang alles dokumentieren zu müssen, nimmt uns die Fähigkeit, sich einfach fallen zu lassen.

„Ich stehe wirklich leibhaftig hier“

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Social Media. Ich habe einen aktiven YouTube-Kanal und auf Twitter ist die Marke von 5.000 Tweets auch schon längst gefallen. Ein großer Teil meines Lebens findet also längst in Social Networks statt.

Schon mit 16 Jahren besuchte ich fleißig Konzerte. Auch mehr als zehn Jahre später ist für mich das Liveerlebnis etwas Besonderes, auch wenn ich nicht mehr um jeden Preis in den vorderen Reihen stehen muss. Ein paar Reihen weiter hinten zu stehen kann aber nicht allein dafür verantwortlich sein, dass ich oft nicht mehr die gleiche Energie im Publikum spüre. Natürlich wird das Publikum einer Band über die Zeit älter und weniger agil. Trotzdem scheint vor allem die größte Erfindung des 21. Jahrhunderts Schuld zu sein: Das Smartphone.

„Kannst du bitte aufhören mich zu filmen? Ich stehe wirklich leibhaftig hier“, sprach Weltstar Adele einen Fan 2016 während ihres Konzerts an. „Das ist nämlich keine DVD, sondern ein richtiges Konzert. Ich wünsche mir, dass du meine Show genießt, denn draußen stehen eine Menge Leute, die das auch gerne würden, aber keine Karte mehr bekommen haben“.

Adele ist damit nicht allein. Auch der ehemalige White Stripes-Sänger Jack White und Comedian Chris Rock verbannen die Smartphones aus ihren Shows. Dafür nutzen sie Beutel des amerikanischen Startups Yondr. Diese Smartphone-Hüllen verriegeln sich innerhalb einer No-Smartphone-Zone von selbst und lassen sich erst nach der Veranstaltung oder außerhalb des Bereichs wieder öffnen. Nach Angaben des Herstellers, können Arenen bis zu einer Größe von 20.000 Plätzen abgedeckt werden.

Früher war alles besser – zumindest einiges.

Ich will mich da selbst nicht ausnehmen. Auch ich habe auf Konzerten schon den ein oder anderen Song aufgenommen. Zwar verschwand mein Smartphone danach wieder, doch klatschen, springen und mitgröhlen ließ sich währendessen nicht – immerhin wollte ich eine halbwegs qualitative Aufnahme.

Ein Großteil der filmenden Besucher achtet aber nicht einmal auf die Qualität. Es wäre ja nur halb so schlimm, wenn jemand wirklich hochwertig aufnimmt, und es auf YouTube hochlädt. Doch nur ein Bruchteil wird wirklich hochgeladen und nochmal weniger Videos haben dann auch noch eine Audioqualität, in der man das ganze Lied durchhält.

Einige nehmen ihr Smartphone während des Konzerts gefühlt gar nicht aus der Hand. Sie erleben das Konzert größtenteils durch ihr Display, sind teils sogar nebenher am chatten. Das ist nicht nur respektlos gegenüber der Band, die sich die Seele aus dem Leib spielt. Es beraubt auch sie selbst der Möglichkeit, einfach nur einen geilen Abend zu haben.

Es fiel mir besonders auf, als ich mir kürzlich den legendären Queen-Auftritt vom Live Aid-Benefizkonzert angeschaut habe. Ein Stadion voller Fans und alle schienen einfach nur die Zeit ihres Lebens zu haben. Aber auch bei einer alten In Extremo-DVD von 2005 dachte ich mir kürzlich „Wow! Das komplette Publikum macht mit und kein Leuchten in der Menge“.

Wenn der Papst Erleuchtung bringt

Dabei sind es nicht nur Konzerte, die seit Smartphone und Social Networks anders ausschauen. Bei der letzten Papstwahl dokumentierte NBC’s Today Show den Unterschied zwischen den Ernennungen 2005 und 2013. Bei der Ernennung Papst Benedikts hatte nur vereinzelt jemand sein Mobilgerät zur Hand. Acht Jahre später erblickte man ein Meer von Smartphones und Tablets, als Papst Franziskus ernannt wurde.

An sich ist das Smartphone ja fantastisch. Es vernetzt uns wie noch nie zuvor und ist in vielen Situationen ein praktischer Helfer. Wenn ich nicht gerade ein Buch dabei habe, fühle ich mich ohne Smartphone in der Bahn aufgeschmissen. Es ist meine eigene Blase, in der ich mich vor Blickkontakt mit anderen Fahrgästen flüchte und die Zeit „sinnvoll“ nutzen kann. Genau diese Blase vernichtet aber auch soziale Interaktion, wo sie angebracht wird.

Social Networks sind Social Killer

Wenn ich mich mit Freunden treffe, um einen Film zu schauen, gibt es nichts Störenderes, als wenn jemand dauernd mit dem Smartphone beschäftigt ist. Warum sich gemeinsam treffen, wenn andere dann offenbar trotzdem wichtiger sind?

Es sagt ja niemand was, wenn man zwischendurch schaut, ob man nicht eine wirklich wichtige Mitteilung bekommen hat. Auch einen lustigen Tweet kann man mal rumzeigen oder das gemeinsame Beisammensein mit ein bis zwei Bildern festhalten. Es stört aber wenn man sich extra trifft und der andere mehr damit beschäftigt scheint auf WhatsApp zu schreiben.

Man stelle sich auch vor, welche Signale man kleinen Kindern sendet, wenn das Smartphone offenbar immer Vorrang hat. Das nehmen auch die Kleinsten wahr. Es entwickelt sich eine paradoxe Erkenntnis: Ausgerechnet Social Networks scheinen unser direktes soziales Umfeld zu beeinträchtigen.

Dank dieser Netzwerke können wir allerdings auch Freundschaften über große Entfernungen pflegen. Auch die Organisation von Helfergruppen beim Hochwasser 2013 über Google Maps und Facebook oder die Aktion #HamburgRäumtAuf nach dem G20-Gipfel wären ohne Social Networks nicht möglich gewesen.

Trotzdem dürfen wir uns alle hinterfragen, ob wir wirklich alles teilen müssen oder ob wir uns nicht selbst auch eines Erlebnisses berauben, wenn wir manche Momente nicht einfach in unserer eigenen Erinnerung festhalten.


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