Streaming mit Simfy: Musik ohne Grenzen

Musikstreaming ist im Trend – Simfy wurde t3n-Startup des Jahres, eine Vielzahl von Anbietern drängen auf den deutschen Streaming-Markt, Spotify lässt noch auf sich warten. Für die Netzpiloten habe ich mir das sympathische Simfy angeschaut – und bei aller Sympathie – auch handfeste Kritikpunkte gefunden.

Give me five – or five more

Das Geschäftsmodell „Musik mieten“ gestaltet sich bei den meisten Diensten ähnlich – Simfy macht hier keine Ausnahme: 5 € im Monat kostet der unbegrenzte Musikgenuss, weitere 5 € werden für Features wie mobiles Musikhören ohne Onlineverbindung fällig. Da ich über kein unterstütztes Mobilgerät verfüge, konnte ich nur die Variante ohne mobile Musik testen – teilt gerne eure Erfahrungen mit dem Mobilangebot in den Kommentaren. Simfy bietet zusätzlich einen kostenlosen Zugang, der zeitlich begrenzten Musikkonsum ermöglicht. Die Features dieses kostenlosen Accounts wurden jedoch in der jüngeren Vergangenheit immer weiter begrenzt.

Musik im Netz

Auf die Musik kann man zunächst einmal über das Web zugreifen. Dabei stehen eine Reihe bekannter Features bereit: Playlists und Favoriten anlegen, Künstlerradio starten, Facebook- und Last.FM-Integration, Vernetzung mit Freunden. Nicht gut gelöst scheinen mir die Möglichkeiten, neue Künstler zu entdecken: Simfy bietet im Webplayer nur eine kleine Zahl von Teasern auf Künstler und Alben, die zudem nicht nach Genre gegliedert werden. Besser wird es, wenn man einen Künstler ausgewählt hat – hier wartet eine Auflistung ähnlicher Künstler. Hingegen fehlen derzeit noch Musikempfehlungen basierend auf dem eigenen Geschmack, wie man sie etwa von Last.FM gewohnt ist – entsprechende Features sind jedoch für dieses Jahr angekündigt. Sehr schön gelöst ist hingegen die Feedback-Möglichkeit für Nutzerinnen und Nutzer: Über ein eigenes Feedback-Forum nimmt Simfy Vorschläge entgegen, dazu kann man für einzelne Ideen stimmen.

Das Web ist bei Simfy nicht der einzige Weg, an den digitalen Musikgenuss zu kommen. Für mobile Geräte gibt es diverse Player, die ich für dieses Review nicht testen konnte.Außerdem steht ein eigener Desktop-Player für alle Plattformen zur Verfügung. Dabei setzen die Entwickler auf Adobe Air, einer plattformübergreifenden Laufzeitumgebung, die den Entwicklungsaufwand minimieren soll. Doch Simfy handelt sich damit eine ganze Reihe von Problemen ein.

Simfy-Desktopplayer: ein Airfolgsmodell?

Kruder & Dorfmeister können nicht abgespielt werden
Simfy Desktop: Fremdkörper im System mit großen Usability-Problemen – Kruder & Dorfmeister dürfen nicht gespielt werden

Auch nach mehreren Wochen Nutzung fühlt sich die Anwendung noch immer wie der Fremdkörper an, der sie ist: Features des Betriebssystems wie etwa der Full Screen Modus von Mac OS X Lion sucht man vergebens, und obwohl die Oberfläche durchaus schick ist, passt sie nicht zum Rest des Systems. Der Ressourcenhunger der Anwendung erschien mir ziemlich mächtig. Hinzu gesellen sich eine Reihe handfester Usability-Probleme:

  • fehlende Tool-Tips: Von Software ist man es gewohnt, einen erklärenden Text zu bekommen, wenn man den Mauszeiger länger über einem unverständlichen Symbol lässt. Simfy Desktop hat derartige Nutzungshilfen nicht vorgesehen.
  • Springen zwischen Anwendungen: Klickt man in der Anwendung in den Beschreibungen der Künstler auf „mehr“, landet man im Browser auf der betreffenden Wikipedia-Seite – dass man jedoch die Anwendung wechselt, ist im Vorfeld nicht klar.
  • tote Links: Einige Links scheinen nicht zu funktionieren – klickt man beispielsweise bei den „DJ Kicks“ von Kruder & Dorfmeister auf die Namen der Künstler, geschieht trotz eingeblendeter Unterstreichung nichts.
  • unzureichende Accessibility: Während ich in anderer Software mittels Apples Voice Over in der Lage war, Funktionen über Sprachausgabe zu steuern, kam ich bei Simfy nicht über den Hinweis hinaus, dass ich mich in einem Simfy-Fenster befände – egal, welche Funktion ich auswählte oder welchen Künstler ich suchte. Das scheint mir nicht gerade nutzerfreundlich. Wenn jemand von euch Erfahrungen mit Accessibility-Features bei Simfy Desktop gemacht hat, freue ich mich über Kommentare.

Nun mögen sicherlich nicht alle dieser Schwierigkeiten Adobe Air geschuldet sein – klar ist jedoch, dass Simfy hier dringend nachbessern sollte. Sieht man von den Problemen ab, erfüllt die Anwendung ihren Zweck durchaus. Neben allen Features der Weboberfläche gefällt hier besonders die wesentlich verbesserten Möglichkeiten, im Repertoire zu stöbern – hier punktet Simfy mit mehr herausgestellten Künstlern und deren Gliederung nach Genres. Wer mag, kann seine lokale Musik importieren und Simfy Desktop so als Medienplayer seiner Wahl verwenden.

Musikauswahl: viel ja, alles nein

Das Repertoire kann sich überhaupt sehen lassen – 16 Millionen Songs hat Simfy nach eigenen Angaben im Angebot, darunter Künstler aller Sparten inklusive vieler deutscher Musiker. Als Nutzer ist man dabei jedoch auf das Wohlwollen der Plattenfirmen angewiesen – so mancher Backkatalog ist unvollständig, noch lange nicht jeder Künstler ist verfügbar. Ich würde mich zudem nicht darauf verlassen, dass die Musik, die ich heute höre, morgen noch verfügbar ist – möchte man beispielsweise die „DJ Kicks“ von Kruder & Dorfmeister hören, so erhält man einen netten gelben Hinweis, dass sich die Abspielrechte geändert hätten – und kommt ausschließlich in den Hörgenuss des letzten Stücks. Musik mieten als Alternative zu anderen Formen des Musikerwerbs? Unter diesen Voraussetzungen nicht.

Nicht gut kommt Simfy übrigens damit zurecht, wenn mehrere Künstler den gleichen Namen verwenden. Ein Beispiel ist die französische Künstlerin SoKo, die zwar fein angekündigt wird, dann aber als Schöpferin der Instrumentalalben der Jazz-Fusion-Gruppe Soko gilt.

Falsch zugeordnete Alben

SoKo != Soko – „In November Sunlight“ und „Two“ sind von der Jazzband, nicht von der französischen Nachwuchskünstlerin

Fazit: Schöne Ergänzung zur eigenen Musiksammlung mit gefüllter ToDo-Liste

Als Ersatz für die eigene Musiksammlung taugt das Streaming-Modell derzeit noch nicht – insbesondere nicht für ausgefuchste Musikfans, die einen ausgefallenen Geschmack haben oder denen es wichtig ist, auf ihre Musik nach Belieben Zugriff zu haben. Dennoch sind Dienste wie Simfy dank des geringen Preises eine sinnvolle Ergänzung für die eigene Musiksammlung und ermöglichen es, einfach neue Musik zu entdecken oder immer etwas zum Hören zu haben.

Der Streaming-Markt ist heiß umkämpft, Branchenprimus Spotify dürfte nicht mehr lange mit seinem deutschen Marktstart warten. An der Preisschraube dürfte sich wenig drehen lassen – die ist mit 5 bzw. 10 Euro schon fest angezogen. Für Musikfans dürften daher Auswahl und Nutzer-Experience entscheidende Faktoren für oder gegen einen Streaming-Anbieter sein.

Simfy punktet mit einer guten Musikauswahl inklusive deutscher Künstlerinnen und Künstler sowie mit einer breiten Softwarepalette. Während im Webplayer jedoch allenfalls ein paar weitere Features fehlen, ist beim Desktop-Player dringend Nachbessern angeraten.

Was denkt ihr über Simfy? Habt ihr den Dienst schon ausprobiert, oder zieht ihr eine Alternative vor?

Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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