Rezo, das vielfache Meinungsklima und die Götterdämmerung von AKK & Co.

Der Wahlforscher eines renommierten demoskopischen Instituts schickte mir Ende März zu den Protesten gegen Uploadfilter noch folgendes Statement: „Ich würde mich wundern, wenn das einen wirklich nennenswerten Teil der Bevölkerung beschäftigen würde.“ Ich hatte ihn nach möglichen Auswirkungen auf die Europawahl gefragt. Früher war dieses Institut noch eng verbunden mit Altkanzler Helmut Kohl und verfasste jede Woche Berichte zur politischen Stimmungslage in Deutschland. Ob die heutige Parteichefin der CDU ihre politischen Analysen mit den Befunden dieser Meinungsforscher abgleicht, ist mir nicht bekannt. Die Ignoranz, mit der AKK und Co. auf die kritische Netzöffentlichkeit reagieren, deutet jedenfalls auf eine ähnlich wundersame Denkhaltung jenes Demoskopen hin, der in seiner politischen Sozialisierung scheinbar in den 1990er Jahren stecken geblieben ist.

Aber dann sind Wahlen

Sascha Lobo war da vor ein paar Monaten hellsichtiger: „Erst ignorieren sie dich, dann bezeichnen sie dich als „Bot“, dann nennen sie dich ‚gekauft‘, und dann verlierst du trotzdem….Aber dann sind Wahlen.“ Und die haben die Gemengelage kräftig durcheinander gewirbelt. Am Abend der Europawahlen kam die beste Analyse vom Parteienforscher Karl-Rudolf Korte im ZDF: „Wir haben unterschiedliche Generationen von Öffentlichkeit, die sich auch unterschiedlicher Formate des Politischen bedienen wollen. Sie formen eine Volksparteien-Demokratie in eine Bewegungsdemokratie. Man kann erkennen, dass sich aus einer digitalen Wut am Ende ein analoger Widerstand entwickeln kann.“

Das gilt nicht nur für die jungen Wählerinnen und Wähler, sondern auch für den Mittelbau und für die geburtenstarken Jahrgänge, die sich von den Unionsparteien und von der SPD abwenden. Nur noch bei den über 70-jährigen können CDU und CSU noch mit Unterstützung rechnen. Ansonsten ist das klassische Wahlverhalten bunter und unberechenbarer geworden. Als Ursache sehe ich eine veränderte Theorie der öffentlichen Meinung.

Vor fünf Jahren formulierte ich folgende Zeilen: Schon die Kanzlerin Angela Merkel hat erkannt: Es gibt mehr als eine Öffentlichkeit. Höchste Zeit, dass die alten Eliten in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen das begreifen. Was wir über die Welt wissen, so der Soziologe Niklas Luhmann, das wissen wir durch die Massenmedien. Die als „thematische Struktur öffentlicher Kommunikation“ bezeichnete öffentliche Meinung ist deshalb wesentlich das Ergebnis von Selektion auf der Basis von „Aufmerksamkeitsregeln“.

Und dieser Nachrichten-Flaschenhals wurde von bestimmten Auswahlkriterien geprägt, die bewusst oder unbewusst zu einer Vereinheitlichung des Medientenors führen – in der empirischen Sozialforschung spricht man von Konsonanz.

Verlust der Deutungsmacht

Medientenor und öffentliche Meinung fallen nur selten auseinander. Die Bundeskanzlerin ahnte schon früh, dass sich die Theorie der öffentlichen Meinung wandelt und die alten Eliten in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen ihre Deutungsmacht im massenmedialen Zirkus verlieren: „Nachrichten werden heute sehr viel schneller alt. Die Vielzahl der Medien, vom Internet bis zu den zahlreichen Fernsehsendern, verlangt von Politikern ein immer schnelleres Reagieren. Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen. Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen.“

Durch diesen „sehr großen technischen Wandel“ sei es schwerer geworden, „alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich“. Erkenntnis der CDU-Politikerin: „Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.“

AKK und Co. sehnen sich nach Bild, BamS und Glotze

Soweit ein kleiner Auszug meines Beitrages aus dem Jahr 2014. Und vor neun Jahren gab ich folgendes zu Protokoll: Der Niedergang und Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg macht deutlich, wie stark das Netz mittlerweile auf die Politik einwirkt. Massenmedien wie „Bild“ können ihre Agenda kaum noch setzen, denn die junge Generation informiert sich anders. Ein Medium wie „Bild“ kann einen Politiker wie Guttenberg in einer linearen Weise nicht mehr durchsetzen oder halten. Die massive Positivkampagne des größten Boulevardblattes für den baronesken Welterlöser war nicht von Erfolg gekrönt, da man die sich selbst organisierende Web-Öffentlichkeit nicht mehr unter Kontrolle bringt. Klaffen veröffentlichte und öffentliche Meinung wie in diesem Fall auseinander, spricht man von einem doppelten Meinungsklima.

Was erlebten wir aber beim Aufstieg und Untergang des adligen Polit-Shootingstars? „Bild“ und „BamS“ scheiterten beim Versuch, den erlauchten Minister im Amt zu halten. Die Mehrheit der Deutschen trauert um den Abgang eines Heilsbringers und die Schwarmintelligenz des Netzes entzauberte den Meister der Camouflage. Da müsste man wohl von einem dreifachen oder vielfachen Meinungsklima sprechen.

AKK und Co. können mit diesem vielfachen Meinungsklima und dem Verlust der Deutungshoheit immer noch nicht umgehen. Sie sehnen sich wohl eher nach Regulierung und der guten alten Medienzeit mit Bild, BamS und Glotze. Netzaktivisten und Youtuber wie Rezo leiten die Götterdämmerung der Gestern-Denker ein. Und diese Gestern-Denker tummeln sich nicht nur im Umfeld von Politikern wie AKK, Axel Voss und Philipp Amthor. Die findet man auch bei Deutschen Journalisten Verband und den Verlegern. Wir sollten uns alle noch an die Unterstellungen gegen die Uploadfilter-Kritiker erinnern.

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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