Political Campaiging im Web 2.0 – ein Rückblick auf die Socialbar Berlin

Politische Kampagnen im Web 2.0 können für Aufsehen sorgen, das ist spätestens seit Barack Obamas öffentlichkeitswirksamer Internet-Strategie klar. Wie zivilgesellschaftliche Akteure das Mitmach-Netz zur Mobilisierung einsetzen können, darüber diskutierten die Teilnehmer der dritten Berliner Socialbar am vergangenen Montag. Über eines waren sich dabei alle einig: Selbst gut gemachte Online-Kampagnen können Aktionen und Diskussion im Real Life nicht ersetzen – aber sinnvoll ergänzen.

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Die Idee der Socialbar

Jeden Dienstag im Monat treffen sich im Berliner tazcafé sozial engagierte Menschen und Internetexperten, tauschen Erfahrungen und Ideen aus – und knüpfen im besten Falle Kontakte für neue Projekte. Das Konzept: Jeder Interessierte kann die Treffen mitgestalten, organisieren, Themen und Referenten vorschlagen und auch selbst spannende Projekte vorstellen.
Eine Einführung in das politische Campaigning über Web 2.0 gaben drei kurze Vorträge.

Aktion AK Vorratsdatenspeicherung

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Den Anfang machte Ricardo Cristof Remmert-Fontes vom AK Vorratsdatenspeicherung mit einem Bericht über die Online- und Offline-Mobilisierung der erfolgreichen Demo „Freiheit statt Angst – Stoppt den Überwachungswahn“. Der „AK Vorrat“ setzte zur Online-Mobilisierung vor allem auf Page Peel-Banner (zu sehen unter anderem auf netzpolitik.org und die Vernetzung über Social Networks. Allerdings zeigte sich Remmert-Fontes eher skeptisch, ob sich tatsächlich eine kritische Masse von Menschen rein über Online-Medien erreichen lasse.

Das Web 2.0 sei ein gutes Mittel, um Kampagnen zu organisieren, um Leute zu vernetzen und Informationen zu streuen – allerdings erreiche man damit meist nur die ohnehin Interessierten. Schließlich, so die nicht ganz neue Erkenntnis, sei die Reichweite der „klassischen“ Medien Fernsehen und Zeitung noch weit höher als die des Internet. Ein Mobilisierungs-Video hätte über YouTube vielleicht noch ein paar mehr Leute erreicht, räumte Remmert-Fontes ein. Aber: „Mehr Einfluss hätte das Video immer noch, wenn es in der tagesschau gezeigt würde.“ Real-Life-Aktionen wie die Demo „Freiheit statt Angst“, so Remmert-Fontes´ Fazit, seien momentan noch die einzige wirklich wirksame Möglichkeit, um die Massenmedien, die Leute auf der Straße und den Bundestag auf Anliegen aufmerksam zu machen.

— Creative Acts

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Weiter ging es mit Joep van Delft von creative acts, der die kreative Seite von Online-Kampagnen und Aktionen beleuchtete. Seine These: Nutzergenerierte Web-Kampagnen sind die Street Art des Internet. Das belegte er in seiner Präsentation mit vielen anschaulichen Beispielen und Vergleichen zwischen „herkömmlichen“ Aktivismus und Web 2.0-Kampagnen: Auf der „Real-Life“-Seite Ad Busting, die Umgestaltung bekannter Werbemotive und Logos, oder Flashmobs, auf der virtuellen Seite Google-Bomben (http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Bombe) und Online-Demonstrationen.

— Campaigning über Twitter

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Den Abschluss machte Jan Michael Ihl mit einer Anleitung zum Political Campaigning über Twitter. Zu diesem Thema sammelte er als „Betreuer“ der Twitter-Accounts von Greenpeace Deutschland und der taz bereits praktische Erfahrung. Er stellte drei Thesen auf:

  • 1. Twitter gehört ab morgen zum Standard-Repertoire jeder erfolgreichen Kampagne – nach dem Vorbild Barack Obamas.
  • 2. Twitter ist als Feedback-Kanal noch viel interessanter denn als reiner Micro-News-Kanal. Faktoren: Niedrigschwelligkeit & Öffentlichkeit.
  • 3. Twitter ist keine Plattform für die Ewigkeit, aber auf jeden Fall fürs Jetzt. Deshalb: sollten NGOs und Initiativen besser _jetzt_ Twitter einsetzen, als zu zögern. Voraussetzung für Erfolg: richtiger Ton, Witz, Offenheit.

Zwar sei die Verbreitung Twitters in Deutschland noch relativ überschaubar. Die Nutzer, die sich über den Microblogging-Dienst austauschen, seien aber für die Kampagnen-Organisation besonders interessant, so Ihl. Denn diese sind zumeist jung, haben einen relativ hohen Bildungsstand und sind mitteilungsfreudig. Also die idealen Leute, um Nachrichten über Kampagnen und Aktionen zu verbreiten und selbst mitzugestalten. Organisationen, die Twitter nutzen wollen, sollten allerdings auch einige Punkte beachten: Wichtig sei es, sich auf die Tonalität der Nutzer einzulassen. Weiterhin genüge es nicht, nur Verlautbarungen und Links zu posten, vielmehr müsse man sich auf den Dialog einlassen, auf Feedback und auch auf Kritik eingehen.

Fazit

Interessanterweise war es am Ende des Abends eine ganz reale Kampagne, die einige der Socialbar-Teilnehmer sehr inspirierte: Ein Do-it-youself Fahrradweg, den Joep van Delft in seiner Präsentation vorgestellt hatte. Das Prinzip: Wenn in der Stadt Fahrradwege fehlen, male doch einfach deinen eigenen auf die Straße. Eine witzige Idee, die einige Freunde und vielleicht auch Nachahmer findet.


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