Das perfekte Selfie – wo liegen die Grenzen?

Warum riskieren Menschen ihr eigenes oder das Leben anderer für das perfekte Selfie? Das Jahr 2016 war bisher kein gutes Jahr für den Selfie-Trend. Im Februar reichten argentinische Touristen ein La-Plata-Delphinjunges herum, damit jeder der Umstehenden ein Selfie mit ihm schießen konnte. Das bedrohte Tier starb langsam während der Prozedur an den Folgen des Stresses und der Hitze. Kurz darauf, Anfang März, musste ein Schwan dran glauben,  nachdem ein Tourist ihn aus einem See in Mazedonien gezogen hatte – und das nur für ein Selfie. Während die Tode beider Tiere bereits für eine große Empörung sorgten, riskieren Menschen eigentlich noch viel mehr, um ein perfektes Foto zu schießen – nämlich ihr eigenes Leben. Im Jahr 2015 hatte die russischen Behörden sogar eine Kampagne ins Leben gerufen, die mit dem Spruch warnte: “Ein cooles Selfie könnte Dich Dein Leben kosten.” Was ist der Grund dafür? Die Polizei schätzt, dass fast 100 Russen an dem Versuch, ein “Draufgänger”-Selfie sowie Fotos von sich selbst in gefährlichen Situationen zu schießen, gestorben sind oder zumindest verletzt worden. Zu den Beispielen hierfür zählen eine Frau, die durch den Schuss einer Pistole verletzt wurde (immerhin: sie überlebte), zwei Männer, die eine explodierende Handgranaten in der Hand hielten (sie sind allerdings dabei gestorben) sowie Menschen, die auf den Dächern von Zügen Fotos schießen. Auch große Höhen führten zu Todesfällen durch Selfies. Eine polnische Touristin fiel von einer Brücke in Sevilla (Spanien), als sie versuchte ein Selfie zu schießen – sie starb dabei. Und ein Pilot einer Cessna verlor im Mai 2014 die Kontrolle über sein Flugzeug, als er versuchte, ein Selfie im Flug zu machen und tötete dabei sich selbst und seine Passagiere. Nicht nur gefährliche Momente der Selfie-Bessenheit führten zum Tod. Ein Jugendlicher, der an Dysmorphophobie litt, versuchte sich das Leben zunehmen, nachdem er hunderte Stunden mit dem Versuch verbracht hatte, ein perfektes Selfie zu schießen. Menschen, die regelmäßig Selfies posten, werden oft als narzisstisch und geschmacklos bezeichnet. Mit Social Networking-Apps wie Snapchat, die zunehmend beliebter werden, greift auch der SelfieTrend weiter um sich. Also: Was ist hier los? Was hat es mit dem Selbstportrait auf sich, das zu einem Teil unserer Kommunikation geworden ist? Und warum fühlen sich einige dazu gezwungen, das perfekte Selfie zu schießen und dabei das eigene Leben oder das der anderen (einschließlich derer von Tieren) zu riskieren? Noch gibt es keine konkrete Antwort auf diese Frage, aber als Psychologe finde ich, dass dieses Phänomen, das auf einzigartige Weise das 21. Jahrhundert beschreibt, es Wert ist, näher untersucht zu werden.

Eine kurze Geschichte des Selfie

Einem amerikanischen Fotografen namens Robert Cornelius wird das erste Selfie zugeschrieben: Im Jahr 1839 benutzte Cornelius eine der ersten Kameras. Er stellte die Kamera auf und lichtete sich selbst ab, als er ins Bild lief. Die höhere Verfügbarkeit von Schnappschusskameras im 20. Jahrhundert führte zu einem Anstieg der Selbstportraits, bei denen sich viele die (heute noch populäre) Methode des Fotografierens vor dem Spiegel zu Nutze machten. Die Selfie-Technik machte einen großen Sprung nach vorne mit der Erfindung des Handys mit integrierter Kamera. Und schließlich kam natürlich der Selfie-Stick. Für einen kurzen Moment wurde dieser Stick hoch gelobt – die Times bezeichnete ihn als eine der besten Erfindungen des Jahres 2014. Die Kritiker jedoch nannten ihn passenderweise “Naricisstick” (dt. etwa: “Narzissmus-Stick”). Die Sticks sind nun in vielen Museen und Parks, einschließlich des Walt Disney-Resorts, verboten. Trotz der Kritik gegenüber Selfies wächst ihre Popularität stetig an. Eindeutige Zahlen scheint es nicht zu geben, wobei Schätzungen zu den täglich geposteten Selfies zwischen einer Million bis hin zu 93 Millionen, allein auf Android-Geräten, beträgt. Wie hoch die tatsächliche Zahl auch sein mag, eine neue Umfrage des Pew Research Centers aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass der Selfie-Hype besonders die jüngere Generation betrifft. Während 55 Prozent der Generation Y regelmäßig Selfies in ihren sozialen Netzwerken teilen, so wussten bei der sogenannten stillen Generation (denjenigen, die zwischen 1920 und 1945 geboren worden sind) nur 33 Prozent, was ein Selfie überhaupt ist. Ein Bericht aus Großbritannien deutet zudem darauf hin, dass jüngere Frauen den aktiveren Teil bei der Selfie-Erstellung einnehmen und bis zu fünf Stunden jede Woche mit Selbstportraits beschäftigt sind. Der wichtigste Grund für sie: Gut auszusehen. Weitere Gründe sind: einander eifersüchtig machen oder fremdgehende Partner ihre Fehltritte bereuen zu lassen.

Selbstbewusstseinsschub oder Instrument des Narzissmus?

Einige sehen Selfies als eine positive Entwicklung. Die Psychologieprofessorin Pamela Rutledge glaubt, dass Selfies die “normalen Menschen” zelebrieren. Und die Psychologin der UCLA Andrea Letamendi ist der Auffassung, dass Selfies “jungen Erwachsenen erlauben, ihre Gefühle auszudrücken und wichtige Erfahrungen zu teilen.” Andere argumentierten damit, dass ein Selfie das Selbstbewusstsein stärken könnte, indem gezeigt wird, wie “umwerfend” sie sind. Des Weiteren können währenddessen noch wichtige Erinnerungen gesichert werden. Selfies werden trotzdem oft eher negativ assoziiert. Während sie manchmal als Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins herausgestellt werden, zeigte eine europäische Studie den gegenteiligen Effekt. Die Zeit, die mit dem Anschauen von Selfies in sozialen Medien verbracht wird, kann zur Entwicklung eines negativen Körpergefühls bei jungen Frauen beitragen. Neben Verletzungen, Todesfällen und diversen Geschmacklosigkeiten scheint ein weiteres Problem des Selfies zu sein, dass sie etwa die Ursache oder Folge zum Narzissmus sind. Peter Gray, der für “Psychology Today” schreibt, beschreibt Narzissmus als “ein arrogantes Bild vom eignen Selbst in Verbindung mit einer relativen Gleichgültigkeit gegenüber anderen”. Narzissten neigen dazu, ihre Begabungen zu überschätzen und reagieren mit Wut auf Kritik. Mit hoher Wahrscheinlichkeit neigen sie dazu andere zu mobben, statt ihnen zu helfen. Gray zufolge zeigen Umfragen unter Hochschulstudenten, dass diese Charaktereigenschaft heute noch verbreiteter ist als vor 30 Jahren. Stehen Selfies und Narzissmus also wirklich in Beziehung zueinander? Die Psychologin Gwendolyn Seidman vermutet, dass es durchaus einen Zusammenhang gibt. Sie führt zwei Studien an, die das Vorkommen von Facebook-Selfies in einer Stichprobe von 1000 Personen untersucht. In der Stichprobe zeigten Männer, die eine höhere Anzahl an Selfies posteten, eine Tendenz zu narzisstischen Zügen. Unter den weiblichen Teilnehmern stand die Anzahl der geposteten Selfies im Zusammenhang mit einer als “dem Verlangen nach Bewunderung” bezeichneten Unterform des Narzissmus, die mit “dem Gefühl, über einen besonderen Status oder Privilegien zu verfügen und über anderen zu stehen‚” definiert wird. Im Endeffekt scheinen Selfie und Narzissmus also tatsächlich miteinander zusammenzuhängen.

Wie wir uns gegen andere aufrüsten

Selfies scheinen die bevorzugte Art der Selbstdarstellung in dieser Generation zu sein. Psychologen, die sich mit der Selbstwahrnehmung beschäftigen, nehmen an, dass unser Selbstbild und wie wir es projizieren, von zwei Faktoren abhängen: Vertrauenswürdigkeit (wie haltbar sind Behauptungen, die ich über mich anstelle?) und Vorteilhaftigkeit (wie attraktiv, talentiert und erstrebenswert sind die Behauptungen, die ich über mich anstelle?). In diesem Sinne ist das Selfie das perfekte Medium: Es ist ein einfaches Werkzeug, um Beweise für ein aufregendes Leben, außergewöhnliche Talente und Fähigkeiten, einzigartige Erfahrungen, persönliche Schönheit und Attraktivität zu liefern. Als Psychologe halte ich es nicht nur für wichtig, nachzufragen, warum Menschen Selfies posten, sondern auch warum sie betrachtet werden. Die Untersuchungen lassen vermuten, dass Menschen sich einfach gerne Gesichter anschauen. Selfies ziehen nun einmal mehr Aufmerksamkeit und mehr Kommentare an als alle anderen Fotos. Sie werden durch unsere Freunde und Bekannte weitergetragen, die sie mit jeder Menge Likes und anderen Formen der Bestätigung in den sozialen Medien belohnen. Eine Erklärung für die Ursache, warum Menschen von Selfies angezogen werden, könnte auf das psychologischen Gefüge der sozialen Vergleichstheorie beruhen. Der Begründer der Theorie, Leon Festinger, behauptete, dass Menschen einen inneren Drang besitzen, sich selbst mit anderen zu vergleichen. Wir verhalten uns auf diese Weise, um unser Selbstwertgefühl zu verbessern (Selbstverstärkung), uns zu bewerten (Selbstbewertung), uns selbst zu bestätigen, dass wir so sind, wie wir es uns denken (Selbstbestätigung) und um besser zu werden als wir bereits sind (Selbstverbesserung). Es handelt sich hierbei um eine Liste, die eine Reihe von Ursachen anführt, die zunächst sehr positiv scheinen. Leider sieht die Wirklichkeit nicht so positiv aus. Diejenigen, die dazu neigen, Selfies zu posten, scheinen weniger Selbstbewusstsein zu besitzen als diejenigen, die keine posten. Letztendlich ziehen Selfies Aufmerksamkeit auf sich, was eine gute Sache zu sein scheint. Aber das tun Autounfälle auch. Die Bestätigung, die durch Likes und positive Kommentare in sozialen Medien entsteht, ist belohnend – besonders für die Einsamen, Isolierten und Unsicheren. Die Tatsachen weisen alles in allem (einschließlich der Tode von Menschen und Tieren!) darauf hin, dass es bei diesem Hype nur wenig zu verherrlichen gibt. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Selfies” by Connie Ma (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

Michael Weigold

ist Dozent an der Universität in Florida im Bereich Advertising. Seine wissenschaftlichen Interessen betreffen Konsumentenverhalten, Gesundheitskampagnen sowie Warnhinweise. Er führte Studien zum Advertising, Impression Management , Informationssuche und zur Kommunikation innerhalb der Politik.


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