Let’s have an orgy!

Ich möchte nicht wie ein schlechtgelaunter Zeuge Jehovas vor seiner ersten Tasse Kaffee klingen, aber Jennifer Lopez ist die Hure Babylons. Wenn man sich das Video zu ihrem neuen Hit „On the floor“ ansieht, hat man fast Mitleid mit ihr, mit welchem Ehrgeiz und unter völliger Aufgabe jeglichen Charmes sie versucht, aus einer kleinen Glitzerdisco einen Tanz auf dem Vulkan zu entfesseln. Sie ist der Star einer provinziellen Ballermann Orgie, die Göttin der letzten Stunde in einem Moskauer „Nobelclub“, auch genannt „Resterampe“. Und dabei singt sie das Thema von „Lambada“…

Jawohl, Lambada, jenen vergessenen nervigen Robinson Club Tanz aus den 90ern, – das war der zwischen Polonaise Blankenese und Makarena. Warum macht die ehemals schönste Frau der Welt so etwas? Warum sieht sie aus wie eine Transe, die sich als Stangentänzerin etwas dazu verdient? Und warum rappt in der Mitte der berühmte „Pit Bull“ und zeigt so wortwörtlich wie eine Party vor die Hunde geht? Warum – weil es Trend ist!

Seit dem Hit „I got a feeling“ von den Black Eyed Peas (deren gelungener und finanziell außergewöhnlich erfolgreicher Eurotrash Wende, dirigiert und orchestriert von dem damit in die Top Producer Liga aufgestiegenen Ibiza Wuschel David Guetta), geht es in der aktuellen Pop Dance Musik nur noch um Eines: Feiern bis der Arzt kommt. Von „The club can’t even handle me right now“ über alle Rihanna Videos, von Pink’s „Raise your glas“ bis zu dem unverzeihlichen Black Eyed Peas Cover „Time“ (alias Kuschelrock Klassiker „I’ve had the Time of My Life“), vom Gesamtwerk der Herren Flo Rida bis zur aktuellen CD des bis dahin noch als sensibler Latin Lover platzierten Enrique Iglesias – alle aktuelle Tanzhits beschwören nur noch eine Schnäpschen betriebene Tanzboden Orgie irgendwo zwischen dem amerikanischen Ballermann Cabo in Mexiko und einem Hüttenzauber in Lech. Wenn nicht bald jemand Stopp sagt, wird Jennifer Lopez als nächstes „Hey Baby“ von DJ Ötzi covern. Ich schwöre es auf meine Stripperstange!

Natürlich ging es in der Popmusik immer um die Party, immer um den Rausch auf der Tanzfläche. Von Wanda Jacksons „Let’s have a party“ über Kool & the Gang’s „Celebration”, von den Beastie Boys grundrechtlichen “Fight for your right to party” bis zu Kylie Minogues “Your disco needs you” – die Liste der Lieder die das dionysische Prinzip beschwören, das Vergessen des Alltags auf den wenigen Quadratmetern der Eckdisco ist endlos. Aber etwas hat sich im letzten Jahr verändert. Der Rausch ist härter geworden, schneller und billiger, von Champagner zu Jägermeister, von Tanz Ekstase zum Gruppensex. Im neuen Video „I’ll love you tonite“ von Enrique Iglesias (der immerhin mal in „Hero“ bis in den Tod hinein eine einzelne Frau vor Mickey Rourke verteidigte), wird das neue Lotterleben wieder mal perfekt illustriert. Enrique landet in Cabo und stürzt sich dann zu demselben (mittlerweile schon alten) Electro Beat in eine Reihe von One Night Stands, die in einer Orgie mit sechs Frauen endet. In der Mitte des Videos kommt der obligatorische Rap Teil (Rap ist eigentlich das viel zu gute, falsche Wort für das, was die einzelnen Pit Bulls und Flo Ridas da machen, es ist eher ein notgeiler Poesialbums Vierzeiler, der rhythmisch vorgetragen wird), in dem noch mal gezeigt wird wie der coole schwarze Mann in der Limousine zwischen vier Frauen aussuchen darf, die alle um seinen Zuspruch balgen – ein Motiv das schon Madonna in dem Video zu ihrem sehr feinen Partysong „Music“ persifliert hat. Am Schluss des Videos segelt Enrique auf eine Motorboot durch eine mediterrane Landschaft und beobachtet wohlwollend, wie zwei Gespielinnen auf dem Bootsdeck schon wieder rollig werden und pseudo-lesbische Küsse tauschen, um den Meister zu inspirieren.

Damit ist zum Frauenbild in diesen Gomorrha Soundtrack Songs auch schon alles gesagt. Alle Frauen in den neuen Party Songs sehen aus wie Prostituierte, reiben sich an Stangen oder zelebrieren den schönen neuen Party Sport „Body Shots“ (ein Spring Break Ritual bei dem der Tequila direkt von den Brüsten der Frau abgeleckt wird) oder positionieren sich wohlgeformt und dauergeil am Pool dem Blick des männlichen Hauptsängers und damit des Publikums oder erledigen das in Form von Rihanna alles gleich selber in einem Abwasch. In ihrem neuen Song „S & M“ liegt der Popstar in einer David La Chapelle-haften Candy Store Optik gleich gefesselt am Boden und lässt sich verschiedene Sachen ins Gesicht legen. Der weibliche Popstar als eigener Pornoproduzent. Gilt dann wohl als Emanzipation.

Man möchte Charlotte Roche anrufen und mir ihr so ein Video Set sprengen. Aber vielleicht gibt es ja doch einen tieferen Grund, warum alle diese talentierten Menschen (Jennifer Lopez war mal schön, die Black Eyed Peas waren mal schwarz) sich für diesen Rummelbums im Vier Vierteltakt hergeben. Die Musikverkäufe gehen immer noch zurück und wenn ich als Act nicht das Kaufzentrum des Teenagers weltweit treffe, von Bangkok bis Leningrad, von Sao Paulo bis Sidney, dann bleibt die Kasse leer. Und wir wissen ja, wo in diesem Alter – und inzwischen bei Männern UND Frauen – das Kaufzentrum liegt: Im Kopf. Denn dort laufen die Filme der ersten großen Orgie ab, dort kann man die Welt und die Weltpolitik vergessen, dort muss man die eigene Schüchternheit überwinden, um durch Body Shots und Hintern-Rausstreck-Choreografien dem Partner zu beweisen, dass man schon eine erwachsene männliche oder weibliche Schlampe ist. Die theoretischen Kinder von Jennifer Lopez und Enrique Iglesias werden so von ihren eigenen Eltern angestachelt, den Analverkehr noch vor dem Abitur zu meistern. Und das macht aus mir, einem ehemaligen Party Popper, auf einmal einen Party Pooper.

 ist Autor und Entertainer. Er erfand 1992 den Quatsch Comedy Club und gilt als der Vater des deutschen Stand Up Comedy Booms. Er ist Preisträger der Goldenen Kamera und des Deutschen Comedy Preises. 2009 erschien sein erstes Buch „Für immer Disco“ und 2010 der Bestseller „Das Tomatensaft Mysterium“.


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6 comments

  1. Ein Lesegenuss bis zum letzten Satzzeichen und nachdenklich macht es mich auch. Hermanns ist sicher nicht als Zielgruppe dieser Songs zu bezeichnen, aber deswegen zählt seine Beobachtung nicht weniger für mich.

  2. „Am Schluss des Videos segelt Enrique auf eine Motorboot durch eine mediterrane Landschaft und beobachtet wohlwollend, wie zwei Gespielinnen auf dem Bootsdeck schon wieder rollig werden …“

    Ich musste echt lachen, nicht nur über das Zitat oben. :-)
    Die gesamte Musikindustrie ist doch mittlerweile zu einer Farce verkommen. Jetzt versuchen sie es schon mit Sex-Videos, weil sie mit Abmahnungen keine Kohle mehr rein bekommen. Echt lachhaft.

  3. Der Artikel stimmt echt nachdenklich, auch wenn er witzig geschrieben ist. Amanita sagt es ja bereits: die packen immer mehr freizügige Szenen in die Videos, aber das verkauft sich ja immer :). Da ist es egal, ob man gut singt oder der Rhythmus passt. Auch alte Kamellen werden damit aufgewertet und erscheinen in „Neuem Glanz“ :)

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