Lektionen aus einer gescheiterten Crowdfunding-Kampagne

Gina Schad ist zwar mit ihrem Crowdfunding-Projekt „Durchgedreht mit…“ gescheitert, doch die Erfahrungen haben ihr auch so weitergeholfen, wie sie uns in einem Gastbeitrag erklärt. // von Gina Schad

Gina Schad über ihr Crowdfunding-Projekt

Seit einiger Zeit blogge ich im Internet; angefangen bei meinem Blog medienfische und seit Anfang diesen Jahres bei den Netzpiloten. In meinen Artikeln habe ich mich immer auf schriftliche Interviews beschränkt, im Frühjahr hatte ich jedoch die Idee, eine neue Interviewreihe mit Video-Interviews zu starten: „Durchgedreht mit…“.

Vor dem Crowdfunding kommt bereits die Arbeit

Beim Crowdfunding kann man mit spannenden Menschen in Kontakt treten, bekommt kostenloses Feedback und kann, wenn das Projekt erfolgreich finanziert wird, die eigene Idee im besten Fall gleich umsetzen. Was man beachten sollte, bevor man ein eigenes Crowdfunding-Projekt startet, darüber hatte ich mich informiert: man sollte gut vernetzt sein, braucht eine kleine Unterstützergemeinde bevor das Projekt in die Finanzierungsphase wechseln darf, und eine gute Idee. Der Projektstarter sollte seine Zielgruppe kennen und erreichen können. (Das mit der guten Idee ist natürlich eine subjektive Einschätzung, aber es ist bestimmt von Vorteil, an das eigene Projekt zu glauben.)

Mir ging es darum, mein Projekt durch die Crowd finanzieren zu lassen, weil ich den Prozess spannend finde: Durch das Crowdfunding wird die Hoheit der Kulturförderung durcheinandergewirbelt und einfach jeder hat die Möglichkeit, seine Ideen ohne Warteschleife zu veröffentlichen. Mir ging es darum, die Chancen des Internets für meine Idee auszuschöpfen. Am Ende war es aber auch nur ein Versuch, etwas Neues auszuprobieren. Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht sogar private Unterstützer zu finden. In Deutschland neigen wir ja dazu, nicht mehr über ein(e) gescheiterte(s) Projekt/Arbeit/Beziehung zu reden. Ganz im Gegensatz zu der amerikanischen Unternehmenskultur bewerten wir ein gescheitertes Projekt negativ.

Übers Scheitern reden

Doch gerade auch durch das Scheitern von Projekten kann man hinterher aus Kontakten und Ideen profitieren. Mein Projekt „Durchgedreht mit…“ wurde zwar nicht erfolgreich durch die Crowdfunding-Plattform Startnext finanziert, aber ich möchte dennoch in diesem abschließenden Artikel auf die Vorteile von Crowdfunding aufmerksam machen:

  • Ich habe ein eigenes Crowdfunding-Projekt gestartet. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, ein eigenes Projekt durchgeführt zu haben.

  • Mein Projekt habe ich einer breiten Öffentlichkeit vorstellen können. Dadurch habe ich neue Follower und Fans für meine Netzmedien gewinnen können.

  • Es gab durchaus positives Feedback von der Crowd, die mich darin bestärkt hat, dass das Projekt Sinn macht.

  • Es hat gut getan zu wissen, dass mich andere Blogger als Kollegin unterstützt haben.

  • Ein Mediendienst hat sogar eine Pressemitteilung zum Start meines Projektes veröffentlicht. Daneben habe ich im Laufe der Kampagne über mein Projekt reden dürfen.

  • Eine Studentin hat mich im Laufe der Kampagne angeschrieben und gefragt, ob sie mein Projekt als Forschungsobjekt für ihre Masterarbeit nutzen kann.

Von daher bereue ich nicht, ein Crowdfunding-Projekt gestartet zu haben, und würde jedem ans Herz legen, nicht auf das „Go“ von irgendwelchen Entscheidungsträgern zu warten, sondern einfach loszulegen. Gerade das kostenlose Feedback der Crowd war mir wichtig; dadurch habe ich auch die Möglichkeit, das Konzept zu überarbeiten und es weiter zu entwickeln.

Crowdfunding macht man nicht nebenbei

Ob ich bei meinem nächsten Projekt wieder Crowdfunding versuchen werde? Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Der Grund dafür ist nicht die fehlende Unterstützung der Crowd bei meinem ersten Versuch, sondern einfach der, dass so ein Crowdfunding-Projekt in der Vorbereitung und Durchführung enorm viel Zeit in Anspruch nimmt: So eine Crowdfunding-Kampagne muss gründlich geplant sein. Man braucht einen gut strukturierten Zeitplan. Die Projektidee muss präzise formuliert werden, von Vorteil wäre es, sogar eine eigene Website/Facebook/Twitterseite zu erstellen. Bei der Planung darf man auch nicht vergessen, dass die Crowdfunding-Plattform ebenfalls mit Inhalt gefüllt werden muss, dass man z.B. ein kurzes Video dreht und sich Gedanken über die „Dankeschöns“ macht. Erst wenn genügend Fans gefunden sind, kann das Projekt in die eigentliche Finanzierungsphase wechseln. In dieser Phase (meist mehrere Wochen) wollen die Follower regelmäßig auf dem neuesten Stand gehalten werden, d.h. Blog-, Facebook- und Twitter-Einträge müssen verfasst und es muss auf Kommentare der Follower reagiert werden. Im besten Fall sollte man – bevor man sich für eine bestimmte Plattform entscheidet – mit jemandem sprechen, der schon einmal selbst ein Crowdfunding-Projekt durchgeführt hat und sich bei dieser Person Tipps einholen.

Diese Punkte sollte man, bei allem Enthusiasmus, auf keinen Fall unterschätzen.

Auf YouTube finden sich alle Interviews des Projekts „Durchgedreht mit…“, u.a. mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer, Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner, den Moderator Jo Schück und dem Regisseur Dani Levy.


Teaser & Image by PH José Luis Cortés Gonzáles


Gina Schad

hat Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin studiert. Ihre Masterarbeit hat sie zum Thema „Risiken und Chancen der Digitalisierung für Gesellschaft und Kultur“ verfasst. Derzeit forscht sie weiter zu den Themen Privatsphäre und Öffentlichkeit in der Digitalen Welt. Auf ihrem Blog medienfische bloggt sie über Menschen, Ideen und Netzkulturdings. Privat schreibt sie mit einem Stift auf Blätter, bei Twitter ist sie unter @achwieschade zu finden. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , , , , ,

9 comments

  1. „Übers Scheitern reden“

    Als ich das las, dachte ich an Sam und Moritz aus dem Roman „Schwanzrasur“ von Soulman. Zwei konträre Typen, die in den Kampf gegen die seelenzerfressende Umwelt in James City ziehen.

    Generell würde ich meinen, dass bei Crowdfunding die gleichen Regeln herrschen wie sonst auch: Wer in gute (arrivierte) soziale Netze eingebunden ist bzw. zumindest Zugang dazu hat, dem wird es eher gelingen, sich sein „Projekt durch die Crowd finanzieren zu lassen“

  2. Guter Artikel nur Schade, dass er eigentlich wenig präzise Details über den Prozess enthielt. Ich habe mir genauere Informationen in einer Art Timeline erhofft, um mal zu sehen, wie die einzelnen Milestones deines Projekts so aussahen.

  3. Liebe Gina.

    Die Details hätten mich auch interessiert. Das würde mich auch interessieren :-) vielleicht kannst du ja ein Follow Up schreiben oder ich interviewe dich mal für meinen Crowdfunding Talk auf ununi.TV.

  4. Danke für euer Interesse an meinem Crowdfunding-Projekt :)

    Mhm, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Und zwar deshalb, weil ich es auch ehrlich nicht weiß …
    Während der Kampagne haben mich sogar einige Kollegen angeschrieben, die auch nicht verstehen, warum es nicht gelaufen ist. Ich kann daher selbst nur Mutmaßungen anstellen:

    – Vor meinem eigenen Projekt hatte ich selbst nur ein Crowdfunding-Projekt unterstützt und war nicht besonders aktiv bei Startnext. Es könnte also am niedrigen Bekanntheitsgrad gelegen haben.
    – Die Laufzeit war eventuell zu lang, so dass potenzielle Unterstützer dachten, ihre Entscheidung über ein mögliches Sponsoring habe noch lange Zeit. Anschließend haben sie das Projekt aus den Augen verloren.
    – Möglicherweise hat eine Polarisierung oder zumindest eine klare Ausrichtung gefehlt; beim Crowdfunding sollte man eine breite Zielgruppe ansprechen. Bei einem Kunst-und Kulturtalk mit Netzfokussierung spricht man nur eine verhältnismäßig enge Zielgruppe an.

    Ich könnte mir vorstellen, dass vor allem solche Projekte besonderen Erfolg haben, die ganz klar Stellung beziehen zu einem bestimmten Thema: etwas neu zu machen, neu zu denken, neu zu gestalten …

    Hoffentlich hilft’s ;)

  5. Liebe Gina,

    eigentlich ist Crowdfunding ja nichts anderes, als das, was man/frau jeden Tag tut. Bekanntheit machen. Wenn ich ein Projekt oder Produkt habe, sorge ich via Twitter oder facebookja auch dafür, das die Leute es erfahren, egal ob als Artikel, Tasse oder Theaterstück. Das Trommeln ist dasselbe. Crowdfunding ist in sofern keine Arbeit wenn man, ähnlich wie erwähnt, weiß, wen man „haben“ will.
    Also – wo ist meine Zielgruppe, wen spreche ich an, was biete ich ihnen als Gegenleistung. Auf eine Plattform sollte man sich nie verlassen, die ist nur Mittel zum Zweck und wenn man genug Traffic auf einer Seite hat, kann man das auch selber rocken, Zahlungssysteme gibt es auch im WordPress oder HTML Format.
    Milestones: Zielgruppe, Gegenleistung, Video, Update-Kalender – das wars eigentlich schon. Dann vorhandenes Netzwerk aktivieren (als Newsletter oder Neues von..), Gegenleistungen abchecken ( Versand und Steuern nicht vergessen), Video machen, wieder ins Netzwerk schicken, abchecken lassen und los gehts.
    Wer als „Kunde“ schon so ins Projekt Crowdfunding geholt wird, der will auch mitmachen und zum Erfolg beitragen.
    Der Rest geht über Kalender und neue Zielgruppe (Foren, Blogger etc.).
    Scheitern heisst ja nur, das es beim zweiten Mal besser laufen wird! Und da bin ich fest von überzeugt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.