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Treppenlift: Unterstützung für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Wohnen

Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität stellen Treppenstufen eine große Herausforderung, wenn nicht sogar ein echtes Hindernis dar. Da es Treppen schon seit der Steinzeit gibt und Gehbehinderungen sowieso, steht die Menschheit buchstäblich seit Urzeiten vor diesem Problem. So wundert es auch nicht, dass die ersten Lösungen ebenfalls seit Jahrhunderten existieren, nämlich spätestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts.

So soll etwa der britische Monarch Henry VIII einen handbetriebenen Treppenlift besessen haben. Einen regelrechten Durchbruch erlebte der Treppenaufzug dann aber im Amerika der 1930er Jahre als die Nachfrage nach Treppenliften durch Betroffene von Kinderlähmung drastisch anstieg. Doch obwohl sich die Menschen seit fast 100 Jahren dieser modernen Technologie bedienen können, sind hierzulande noch immer die wenigsten Häuser und Wohnungen mit einem Treppenlift ausgestattet. Schätzungen liegen laut Stiftung Warentest zwischen 3.000 und 7.000 eingebauten Treppenliftanlagen pro Jahr.

Barrierefreies Wohnen nützt allen

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Woran liegt das? Barrierefreies Wohnen ist nicht nur die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden, sondern es nützt allen Menschen mit und ohne Behinderung. Aber wenn die Barrierefreiheit nicht schon beim Hausbau mitbedacht wird, muss sie nachgerüstet werden und das hat meistens seinen Preis. Darüber hinaus können Scham, Sicherheitsbedenken, der bauliche Aufwand und schlechte Beratung bei Betroffenen dazu führen, dass sie eher auf die unterstützende Technologie verzichten, statt von ihren Vorteilen zu profitieren.

Doch wenn man einige Punkte beachtet, kann auch das Nachrüsten eines Treppenlifts zur erfreulich barrierefreien Angelegenheit werden. Von der Planung über den Einbau bis hin zur Wartung des Treppenlifts, gibt es verschiedene Herausforderungen, die sich meistern lassen, indem man das Projekt Treppenlift erst einmal durchdenkt und sich Zeit dafür lässt. Mit dieser Checkliste lassen sich die wichtigsten Faktoren bei der Anschaffung vorab klären:

Planung: Wer nutzt den Treppenlift?

Da es unterschiedliche Aufzugvarianten gibt, muss man sich vorher genau überlegen, für welches Bedürfnis und in welcher Situation man den Lift benötigt. Die beiden wichtigsten Fragen dazu lauten: In welchem Maß ist die Beweglichkeit eingeschränkt und welche Treppe will man überwinden? Davon abgesehen sollte ein Treppenaufzug immer ohne fremde Hilfe zu bedienen und mit einem Notfall-System ausgerüstet sein.

Je nach Bedarf kommen drei gängige Typen von Treppenliften zum Einsatz:

    1. der Sitzlift, für Personen, die sich bewegen und selbstständig aufstehen können mit festem oder hängendem Sitz.
    2. der Plattformlift als Aufzug mit einer Plattform zum Stehen oder als größere Variante mit Rollstuhlplattform. Plattformlifte eigen sich für den Gebrauch im Haus, aber auch im Außenbereich.
    3. der Hub- beziehungsweise Hebelift. Diese Lifte haben eine Beförderungshöhe von rund einem Meter bis hin zu drei Metern und lassen sich auf kleinem Raum und ohne Umbaumaßnahmen einfach aufstellen.

Anschaffung: Ein sicherer Kostenfaktor

Eine der größten Unsicherheiten bei der Anschaffung eines Treppenlifts stellt der Kostenfaktor dar. So ist es kaum möglich, einen konkreten Preis zu recherchieren, weil es keine Pauschalpreise für ein derart individuelles Produkt gibt. Der Preis variiert nicht nur mit dem System selbst und seinem Funktionsumfang, sondern auch mit der Länge der Treppe und ihrer Bauweise. Hier gilt ebenfalls das genaue Abschätzen und Erwägen zwischen Bedürfnissen und Anforderungen.

Anschließend lassen sich konkrete Angebote einholen und vergleichen sowie gezielt Probefahrten und Vororttermine organisieren. Diese Fachberatung sollte immer kostenlos und unverbindlich sein. Und zur Sicherheit: Die Bezahlung des Treppenlifts erfolgt ebenfalls erst, wenn er vollständig installiert ist und einwandfrei funktioniert. Bedenken sollte man jedoch auch die jährlichen Wartungs- und Servicekosten von 200 bis 300 Euro.

Finanzierung: Alle Möglichkeiten prüfen

Je nachdem für welches System man sich entscheidet und wie die Treppe beschaffen ist, kann ein Treppenlift zwischen rund 3.500 und 15.000 Euro kosten. Da es sich um eine Verbesserung des Wohnumfeldes handelt, zahlt die Pflegekasse in bestimmten Fällen einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro. Ebenfalls können Berufsgenossenschaft oder Haftpflichtversicherung zur Leistung verpflichtet sein, wenn man den Treppenlift etwa aufgrund eines Unfalls benötigt. Außerdem können finanzielle Förderprogramme von Bundesländern und Kommunen oder das Sozialamt einspringen.

Nachdem geklärt ist, welche Zuschüsse man in Anspruch nehmen und wie viel aus der eigenen Tasche fließen kann, kommen weitere Möglichkeiten in Betracht, wie sich der Treppenlift günstig finanzieren lässt. So können je nach Bedarf auch Mietmodelle oder gebrauchte Anlagen in Frage kommen.

Baubehörde: Prüfung und Zulassung

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Die Baubehörden der Bundesländer ticken sehr unterschiedlich, wenn es um baurechtliche Vorschriften beim Einbau von Lifteranlagen geht. So brauchen Treppenliftnutzer in Hamburg auch bei der Installation in Privathäusern eine Baugenehmigung, während Berliner Behörden erheblich entspannter gegenüber barrierefreier Technik sind. Über etwaige Prüf- und Zulassungsverfahren muss der Dienstleister seine Kunden informieren. Ebenfalls ist er dafür zuständig, die notwendigen Genehmigungen einzuholen.

Es empfiehlt sich vorher bei der zuständigen Baubehörde nachzufragen, ob ein Mitarbeiter den Treppenlift nach der Installation prüfen und abnehmen muss. Erst wenn die Treppenlift-Firma alle Unterlagen wie eben eine Prüfbescheinigung vorgelegt hat und der Treppenlift keine Mängel aufweist, sollten Kunden die Kaufsumme begleichen. Anschließend greift bei Montage- und Produktmängeln ein zweijähriges Reklamationsrecht.

Dieser Artikel erschien in Zusammenarbeit mit der Beko Käuferportal GmbH.


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Check-Up Ireland: P2P-Kredite – “Fast wie damals bei AOL”

App (adapted) (Image by Torsten Dettlaff) (CC0 Public Domain) via pexels

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute beschäftige ich mich mit P2P-Krediten. Dabei geht mein Blick auch 20 Jahre zurück zu AOL, denn ein wichtiger Aspekt des Arbeitslebens dort war das liebe Geld – oder besser gesagt die Knappheit des selben.

Ende der 90er habe ich mir bei AOL in Dublin wirklich alles andere als eine golden Nase verdient. Zum Glück haben die Bosse aber damals nicht nur die Realität niedriger Gehälter anerkannt und nicht drumrum geredet, sondern gleich eine typisch irische Lösung für ein irisches Problem gefunden – die Gehälter wurden einfach an zwei verschiedenen Tagen ausgezahlt. Die eine Hälfte der Belegschaft wurde am Monatsersten bezahlt, die andere Hälfte am Fünfzehnten, was dazu führte, dass man sich seinen “Buddy” suchte, um sich gegenseitig über die Runden zu helfen. OK – manch ein Kollege wechselte dann eben zu einer Firma, die besser bezahlen konnte, aber was die Kameradschaft unter den verbliebenen “Armen” anbetraf, so war diese doch sehr groß.

So selbstverständlich, wie damals die Transaktionen am Abend des Zahltags immer in bar und (fast) immer im Pub stattfanden, so selbstverständlich würden wir heutzutage quasi “Peer to Peer” das Geld von Smartphone zu Smartphone verschicken – und auch gleich mit dem Gerät im Pub bezahlen. P2P-Kredite werden hier von zahlreichen Unternehmen angeboten. Zuletzt machte der Neuankömmling Flender auf sich aufmerksam.

Flender hilft Freunden, sich gegenseitig Geld zu leihen

In dieser Kolumne habe ich die lebhafte Startup-Szene Dublins schon öfter angesprochen. Doch so manch ein Startup, das am Anfang nur so vor Energie strotzte, musste unzureichende Finanzierung mit dem plötzlichen Tod bezahlen. Nicht jeder Gründer kann auf Familie und Freunde zurückgreifen, staatliche Fördergelder sind begrenzt und bei den Banken sitzt das Geld nach dem großen Crash auch nicht mehr so locker. Andere Lösungen mussten her und P2P-Kredite wurden geboren.

Hierbei können sich Einzelpersonen oder Firmen Geld leihen oder selbst als Kreditgeber auftreten, ohne dabei auf traditionelle Finanzdienstleister als Mittelsmann zurückgreifen zu müssen. Der Vorteil für die Kreditgeber liegt bei den Zinsen, die oftmals höher liegen als Zinsen, die man auf traditionellen Wegen bei klassischen Finanz-Institutionen bekommt. Der Vorteil für die Kreditnehmer liegt auf der Hand. In einem wirtschaftlichen Klima, in dem aufgrund von Fehlern der Banken in der Vergangenheit die gleichen Institutionen indirekt junge Unternehmen bestrafen, indem Kredite selten gewährt werden, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Finanzierung durch Personen und Unternehmen, die oftmals im gleichen Boot sitzen. Wem das Problem der Knappheit von Krediten und die Gründe dafür bewusst sind, der ist eher bereit, Gleichgesinnte zu unterstützen.

Das Dubliner Startup Flender ist zwar erst seit Ende des vergangenen Jahres aktiv, hat aber bereits zahlreiche Läden, Restaurants und kleine Organisationen unterstützt. Jemand, der einen Kredit für ein Projekt sucht, kreiert bei Flender einen personalisierten Link zur betreffenden Kampagne. Dieser kann dann in sozialen Netzwerken geteilt werden oder direkt per eMail an ausgesuchte Empfänger verschickt werden.

Nicht selten, so die Macher von Flender, würden sich Firmen von ihren Kunden Geld leihen. Irgendwie liegt das ja auch auf der Hand – wenn ich Vertrauen in ein Produkt oder eine Dienstleistung habe und diese regelmäßig erwerbe, dann liegt es nahe, dass ich auch dem Verkäufer und seiner Vision für das Unternehmen vertraue.

Flender verdient sein Geld mit einer Marge bei den Zinsen und mit einer Erfolgsprämie, die fällig wird, wenn eine Kampagne abgeschlossen wurde. Zur Zeit können sich Unternehmen bis zu 100.000 Euro leihen, während das Limit für Einzelpersonen bei 20.000 Euro liegt. Selbstredend liegt der Fokus des Dubliner Startups zur Zeit auf dem irischen Markt. Man hat aber auch längst ein Auge auf die britischen Nachbarn geworfen und eine entsprechende Lizenz wurde von der Financial Conduct Agency (FCA) bereits erteilt. Wie in zahlreichen anderen Geschäftsbereichen sind sich Iren und Briten im Konsumverhalten auch im Bereich P2P-Kredite so ähnlich, dass dieser nächste Schritt Sinn macht. Man vertraut halt demjenigen, den man kennt. Daran wird auch der Brexit nichts ändern.


Image (adapted) Space Gray iPhone 6 by Torsten Dettlaff (CC0 Public Domain)


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„Irgendwann kommen die ganz Großen auch aus Deutschland.“ – Gespräch mit Dr. Alex von Frankenberg

Titelbild_Dr.Alex von Frankenberg

Gründen ist schick. Viele junge Unternehmer entscheiden sich zu gründen, während sich der digitale Wandel zunehmend beschleunigt. Deswegen ist es besonders für Investoren wichtig, disruptive Innovationen rechtzeitig zu erkennen. Dr. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF), finanziert mit seinem Team seit über zehn Jahren junge Startups in der Startphase der Gründung. Das Portfolio zeigt eine Vielzahl erfolgreicher Exits auf, unter anderem das Berliner Startup 6 Wunderkinder, das 2015 für eine dreistellige Millionensumme von Microsoft übernommen wurde.

In Bonn hat Frankenberg im Rahmen des Family Day 2017 vor mehr als 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik und Startup-Szene das First Closing des HTGF III mit einem Volumen von 245 Millionen Euro verkündet. Zu den Investoren gehören neben öffentlichen Partnern wie dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) und der KfW derzeit 26 Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft. Der High-Tech Gründerfonds III investiert damit ab Herbst 2017 bis zu drei Millionen Euro, in Ausnahmefällen auch mehr Risikokapital, pro Unternehmen.

Wie schwer es ist, erfolgreiche Innovationen zu erkennen, die richtigen Unternehmen zu finanzieren und wie es um die deutsche Startup-Szene steht, erzählt er im Interview.

Melina Mork: Sie haben mit 6 Wunderkinder und ihrer App „Wunderlist“ eines der populärsten deutschen Startups finanziert. Wann finden Sie das nächste „Wunderlist“?

Alexander von Frankenberg: Ich glaube, wir haben ganz viele „Wunderlists“ im Portfolio. Das kann man an verschiedenen Dingen festmachen. Zum Beispiel mit den Bewertungen im dreistelligen Millionenbereich, wie Mister Spex, Outfittery und vielen anderen. Ich glaube die Zeiten sind so, dass sich immer mehr neue Wunderkinder zur Gründung entscheiden und ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen.

Startups gelten besonders dann als erfolgreich, wenn sie eine Branche nicht nur ein kleines bisschen, sondern gleich fundamental durchschütteln. Wie erkennt man eine solche disruptive Innovation?

Ich würde sagen, Startups sind auch erfolgreich, wenn sie eine inkrementelle Innovation haben, die den Markt nicht komplett durchschüttelt oder verändert. Es gibt auch viele tolle Beispiele, wie disruptive Innovationen erst Jahre danach als solche erkannt wurden. Mein Lieblingsbeispiel ist der Strategiechef von Nokia, der Ende 2009 gesagt hat, dass das iPhone, ähnlich wie der Macintosh, irgendwo in einer Nische hängen bleiben wird. Er hat die disruptive Innovation damals nicht erkannt. Wie erkennt man diese Situationen also als Investor?

Mein Geheimnis ist: Man denkt, es sei vielleicht Quatsch. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es ist wirklich Quatsch oder es ist eine disruptive Innovation. Man denkt nur, dass es Quatsch ist, weil es etwas komplett Neues ist, das nicht in unser Weltbild passt. Oft erkennt man die Innovation erst Jahre danach.

30 bis 50 Prozent von geförderten Startups scheitern. Warum können selbst Profis wie Sie nicht immer die Spreu vom Weizen trennen?

Das ist eine gute Frage. Hierbei gibt es viele Sollbruchstellen und Punkte, an denen ein Startup scheitern kann. Erstens, das Team hat noch keine Betriebserfahrung, hat noch nie zusammengearbeitet oder hat noch nie ein Produkt verkauft. Zweitens, die Technologie ist noch nicht fertig und der Markt ist den Gründern noch unklar.

Auf dem Weg von der Gründung bis zum erfolgreichen Unternehmen gibt es so viele Dinge, die schief gehen können. Auch die besten Gründer schaffen es nicht immer, alle Sollbruchstellen erfolgreich zu passieren. Und dann scheitern auch Unternehmen, die eigentlich gut aussehen, weil es durch ein Risiko doch nicht klappt.

Haben Sie Fehlervermeidungsvorschläge für Gründer?

Man kann zum einen schauen, an welchen Dingen andere Unternehmen gescheitert sind. Das ist zu allererst Streit. Das ist natürlich, man ist sich nicht immer einig. Man streitet, aber man muss auch irgendwann damit aufhören. Ansonsten ist das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Die zweite Fehlerquelle ist die Gefahr, zu viel Geld auszugeben. Man ist optimistisch und plant auch die Umsätze zuerst sehr optimistisch. Das Geld geht allerdings ganz schnell aus, wenn die eingeplanten Umsätze erst später eintreffen. 

Ein weiterer Fehler ist, dass man etwas macht, von dem man nicht zu hundert Prozent überzeugt ist. Heutzutage ist es einfach schick zu gründen – meine Freunde haben gegründet, jetzt muss ich auch gründen. Das ist schwierig, weil dann die Innovation des Unternehmens so gering ist, dass es zu nichts führt. Man muss von seiner Idee auch wirklich überzeugt sein. Erst dann kann man auch andere davon überzeugen.

Auf dem dem PIV-Branchentalk haben Sie Bitcoin, KI (Watson) und Carsharing (Uber) als drei Bereiche mit besonders großem Disruptions-Potenzial bezeichnet. Warum empfehlen Sie in diese Bereiche zu investieren?

Ich glaube, diese Bereiche sind nicht die einzigen Felder, die man beobachten sollte. Aber sie sind mögliche Beispiele für disruptive Innovationen, für die ich mich durchaus auch aus dem Fenster lehnen würde. Ich glaube, Bitcoin und Blockchain kann unser System von Grund auf verändern, es kann aber auch scheitern. Es kann sein, dass wir in zwei Jahren gar nicht mehr davon reden. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Und das Schöne an Innovation und an der Zukunft ist, ist dass wir sie nicht kennen. Es ist nicht klar, was sie uns bringt – im Positiven wie im Negativen. Was bedeutet, dass es noch viele Möglichkeiten geben wird.

Die genannten Beispiele für Trends und Startups kommen nach wie vor aus den USA. Wird die deutsche Startup-Szene jemals aus dem Schatten des Silicon Valley treten können?

In der Tat kommen viele Innovationen aus den USA. Es gibt aber auch mehr Amerikaner, die offener sind, neue Dinge auszuprobieren. Das liegt an der Innovationsfreudigkeit, die dort höher ist als in Deutschland. Kommen diese Sachen irgendwann mal aus Deutschland? Mit Sicherheit. Ich glaube wir haben so eine derartige Dynamik, dass Unternehmer, die auch zum zweiten oder zum dritten Mal gründen, mehr Mut haben werden, neue Sachen auf den Markt zu bringen.

Tolles Beispiel ist Frank Thelen mit seiner Investition in ein fliegendes Auto. Noch ist unklar, ob es was wird. Es gibt positive Anzeichen, es gibt aber auch Skeptiker – aber Frank ist jemand, bei dem man merkt, wie er sich emanzipiert und den Mut hat, etwas ganz großes zu machen. Deswegen bin ich mir sicher, irgendwann kommen die ganz Großen auch aus Deutschland. Wir brauchen uns auch nicht vor der Geschichte verstecken, weil die großen Marken historisch aus Deutschland kommen. Auto erfunden, Computer erfunden – es gibt ganz viele Sachen, die aus Deutschland kommen und das wird wieder so sein.

Sie sagen, wie wichtig die Unterstützung von Startups ist, die Auslandstandorte aufbauen wollen. Heißt das, der deutsche Markt ist Ihrer Meinung nach gesättigt?

Wir reden ja immer vom deutschsprachigen Raum, der ist ja sehr groß. Es gibt 100 Millionen Menschen, die dort leben, was ein unheimlich großer Markt ist. Man kann auch sehr erfolgreich sein, wenn man sich nur in diesem Markt bewegt. 

Um wirklich richtig groß zu werden, um Weltmarktführer zu werden, oder in die Weltspitze vorzudringen, muss man natürlich aus Deutschland, wahrscheinlich sogar aus Europa raus. Es gibt DAX-Unternehmen, die Auslandsumsatzanteile von um die 80 Prozent haben, das ist heutzutage nichts Besonderes mehr. Eigentlich steht es in der Tradition der deutschen Firmen, dass die Wirtschaft von hier kommt, und dass wir aber auch sehr erfolgreich im Ausland sind.

Nach Nokia und Kodak haben ja viele große Technologie-Firmen Angst davor, von disruptiven Startups aus dem Spiel genommen zu werden. Inwiefern könnte die Zusammenarbeit mit Startups auch innerhalb von großen Firmen Innovationen fördern? Welche Möglichkeiten haben Corporates dafür?

Die meisten Innovationen sind inkrementell. Und genau da ist das Potential für Zusammenarbeit. Firmen können davon profitieren. Durch die Startups haben sie Zugang zu Innovation und die Startups bekommen im Gegenzug Zugang zu Ressourcen, zu Know-How und die Möglichkeiten, Partnerschaften einzugehen. Aber es gab auch schon Fälle, in denen die Innovationen der Startups so stark waren, dass eine Firma vom Markt verdrängt wird. Aber der Normalfall ist, dass man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Sie können über Startups alles im Netz recherchieren: Inwiefern bleibt das persönliche Beschnuppern auf Gründer-Konferenzen wie dem Family Day 17 weiterhin wichtig?

Solche Termine sind definitiv noch wichtig! Das persönliche Treffen, das Bild, das man sich durch das Treffen in einem Raum macht, ist gerade am Anfang einer Beziehung super wichtig. Auch mit vielen jungen Unternehmern, die auf mich zukommen, sage ich immer wieder, dass ich sie persönlich kennenlernen möchte, egal ob am Anfang oder auch zwischendrin bei Vertragsverhandlungen oder Kooperationen. Natürlich muss man nicht alles persönlich machen, man kann in den Arbeitsphasen den Kontakt per E-Mail oder Telefon halten. Aber ganz ohne persönlichen Kontakt wird es sehr schnell sehr schwer.

Nehmen wir an, ich bin Entrepreneurin mit einer bahnbrechenden Idee. Wo genau kann ich Sie antreffen und meine Idee vorstellen?

Den High-Tech Gründerfond kann man überall antreffen. Zum einen über die Investmentmanager, zum anderen sind wir, die Geschäftsführer Michael Brandkamp und ich, auch viel unterwegs. Wir geben viele Vorträge, sind auf Messen und Wettbewerben. Und wir sind auch immer bereit dafür, wenn uns junge Unternehmer ansprechen und sagen: „Hallo hier bin ich, das ist meine Idee, was haltet ihr davon?“. Wir schauen uns alle Unterlagen an, die wir bekommen. Und durch unseren neuen Fond, haben wir nicht nur mehr Partner aus der Wirtschaft und Industrie, sondern auch mehr Mittel zur Verfügung, um Unternehmen zu finanzieren, die bis zu drei Jahre alt sein können. 

Haben Sie auch schon Unternehmen finanziert, die neben einer guten Idee noch keine ausgereiften Pläne vorzuweisen hatten?

Ja, in der Tat.  Manche kommen schon mit kleinen Umsätzen, aber manche haben auch nur einen groben Businessplan. Natürlich ist es leichter zu finanzieren, wenn ein Unternehmen schon Umsätze hat, weil dann ein paar Risiken und Sollbruchstellen wegfallen. Aber als Seed-Investor muss man sich auch auf sehr unreife Konzepte freuen. Und wir haben auch schon Unternehmen finanziert, die noch nichts vorzuweisen hatten, außer einer sehr guten Idee und einem motivierten Team.


Image (adapted) by Alexander von Frankenberg

Image (adapted)“Gedanken“ by TeroVesalainen (CC0 Public Domain)


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Ohne bessere Finanzierung der Zivilgesellschaft scheitert der digitale Wandel

SAVE THE DATE Wir müssen über Geld reden - Unconference für die (digitale) Zivilgesellschaft - by Sebastian Haselbeck

Wann haben Sie das letzte mal für eine digitalpolitische Initiative gespendet? Wissen Sie, welche Mittel die digitale Zivilgesellschaft in Deutschland hat, im Vergleich mit Tierschutzorganisationen, dem ADAC oder ihrem Sportverein? Weil die Digitalisierung so rapide und tiefgreifend in unsere Gesellschaft eingreift, darf diese nicht nur von politischen und wirtschaftlichen Interessen alleine getrieben sein, es braucht auch eine starke Zivilgesellschaft, damit Deutschland die digitale Transformation erfolgreich und fair gestalten kann. Eine starke Zivilgesellschaft sichert Teilhabe großer Teile der Bevölkerung und schützt die Grundrechte. Dafür braucht sie eine solide Finanzierung, doch daran mangelt es.

Die Zivilgesellschaft aggregiert gesellschaftlichen Willen und Expertise abseits parteipolitischer Zwänge und wirtschaftlicher Interessen. Diese meist ehrenamtliche Arbeit kostet Geld. Die Vorstellung, der Motor unserer lebhaften Zivilgesellschaft würde allein von der Motivation und dem Schweiß selbstloser Idealisten angefeuert, ist ein Trugschluss. Gleichwohl mischen sich heute so viele Menschen ein wie nie zuvor. Viele ehrenamtlich engagierte Menschen tun dies zusätzlich zu einer Erwerbstätigkeit und haben oft mehr als nur ein gemeinnütziges Amt inne. Den meisten Organisationen der digitalen Zivilgesellschaft mangelt es an Ressourcen, um ihrer gesellschaftlichen Rolle nachhaltig und konsequent nachzugehen. Dabei ist eine aktive Zivilgesellschaft neben einer unabhängigen Presse ein ganz wesentlicher Bestandteil von Demokratie und Pluralismus, vor allem in Zeiten des Wandels.

Ohne Ressourcen keine Ideen

Mangelnde Ressourcen für die politische Arbeit und für Herausforderungen bei der kritischen Durchleuchtung der Treiber und Profiteure des Wandels der Gesellschaft, fehlende professionelle Koordination, Ressourcenmangel bei der Sicherstellung der Nachhaltigkeit von zivilgesellschaftlichen Engagement, Talentschwund und brachliegende Projektideen oder verpuffende Wirkung großartiger Ideen sind nur ein paar der Folgen. Vor allem in neueren Themenbereichen wie der Digitalisierung tun sich Vereine, Stiftungen und Initiativen besonders schwer, nachhaltig Mittel zu akquirieren.

Dies hat fatale Folgen für unser Land, denn nur eine aktive Zivilgesellschaft kann der Politik als fähiger Partner zur Seite stehen, gesellschaftlich nicht wünschenswerte Tendenzen kontrastieren und Gegengewicht für kurzfristige kommerzielle Agenden sein. Die Zivilgesellschaft ist meist getrieben von Idealen und langfristigen Vorstellungen, während viele Politiker und Konzerne in der Regel kurzsichtig agieren und die gesamtgesellschaftlichen Interessen nicht in dem gebotenen Maß berücksichtigen.

Beispiel Frequenzauktion: Als Rundfunkfrequenzen durch die Abschaltung des analogen Fernsehens frei wurden, kamen bei der Auktion nur eine Handvoll großer Konzerne zum Zug, zivilgesellschaftliche Initiativen wie Freifunk nicht. Überlegungen, diese Bandbreiten zum Erschließen von vom Internet ausgeschlossener Regionen zu nutzen (wie es beispielsweise in der snv-Studie dargelegt wird), wurden ignoriert. Der digitale Wandel birgt reihenweise unglaublich wichtige Themen und Chancen, die für unsere Gesellschaft langfristig von immenser Bedeutung sind. Doch im Gegensatz zu etablierten Politikfeldern gibt es keine ausreichend einflussreiche Stimme aus der Zivilgesellschaft für die digitalen Themen, die so neu, abstrakt oder technisch sind, dass häufig noch keine klassisch institutionelle Kapazitäten dafür zur Verfügung stehen.

Die Interessensgruppen einbeziehen

Neben der Wissenschaft und Forschung legt die transparente und vielfältige Beeinflussung von Politik durch Interessengruppen die intellektuelle Basis für politisches Handeln. Zu letzterem gehört auch eine gesunde, starke Zivilgesellschaft ähnlich wie etwa in den Bereichen Naturschutz, Bildung oder Sport, um gesellschaftlichen Ideen und Wünschen politisches Gehör zu verschaffen oder verschaffen zu wollen – Deutschland hat beim digitalen Wandel viel aufzuholen. Das können wir nur zusammen mit den vielen in der Gesamtgesellschaft verstreuten Gestaltern schaffen. Politik und der Wirtschaft müssen diese Gestalter auch institutionell einbeziehen. Notwendig ist auch auf den traditionellen Feldern der Zivilgesellschaft mehr Bewusstsein für digitale Themen. Beides zusammen kann auch die Finanzierungsproblematik mindern.

Das Magazin Politik Digital hat 2014 exemplarisch eine Umfrage in der Vereinswelt Berlins gestartet und sich erkundigt, wie es um die Finanzierung der digitalen Szene bestellt ist. Das Ergebnis: schlecht. Zwei Jahre später sieht es kaum besser aus. Während sich in anderen Ländern auch im Bereich der Digitalen Transformation längst eine Professionalisierung der Zivilgesellschaft entwickelt, wie man sie in hierzulande noch am ehesten aus dem Sportbereich kennt, sieht es in Deutschland eher mau aus.

Kaum eine Chance für die digitale Szene

Es braucht aber dringend mehr Bewusstsein bei Geldgebern und Bürgern für die Notwendigkeit, den digitalen Wandel auch zivilgesellschaftlich viel stärker zu fördern, damit dieser Bereich langfristig arbeiten kann und die teils horrenden Belastungen einzelner Freiwilliger besser zu stützen vermag. Der digitale Wandel scheint den Deutschen aktuell einfach zu wenig Wert zu sein. Konrad Lischka hatte das mal pro Kopf umgerechnet, die Situation heute ist wohl noch nicht besser.

Auch wenn sich in Deutschland kurzfristig wohl kaum einzelne Großspender für abstrakte digitalpolitische Themen und Initiativen finden werden, ist es dennoch notwendig, die Suche nach Mäzenen nicht aufzugeben. Genauso wie sich diverse industriegetragene Stiftungen etabliert haben, um die heutige Bundesrepublik gesellschaftlich mit zu gestalten, brauchen wir auch in den “neueren” Wirtschaftsbereichen mehr, größeres und vielschichtigeres Engagement in den finanziellen Größenordnungen von Mohn, Quandt, Krupp oder Albrecht. Darüber hinaus müssen sich auch öffentliche Fördermittelstrukturen stärker wandeln und den neuen Gegebenheiten anpassen.

Die Digitalisierung verlangt schnellere Finanzierungsvehikel, mehr Flexibilitäten, interdisziplinäre Ansätze und ein höheres Maß an Riskofreudigkeit, egal ob Investitionen, Grants oder Kofinanzierung durch die öffentliche Hand. Zu viele Gelder sind heute an unflexible und starre Fördervorgaben der analogen Welt geknüpft, die weitgehend in den Logiken der 80er Jahre verhaftet sind. Ganz konkret müssen in diesem Zusammenhang auch gesetzliche Bestimmungen her, um den Umgang mit öffentlich geförderten Unterfangen zukunftssicher, fair und transparent zu gestalten. Dazu gehören mehr flexible Ressourcen, aber auch Regelungen, die öffentlich gefördertes Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse für alle zugänglich machen.

Profi-Kampagnen statt verschleierter Lobbyarbeit

Die Unabhängigkeit von gemeinnütziger Arbeit darf auch in den digitalen Politikbereichen nicht unter einseitig vorhandenen Mittelstrukturen leiden. Wie bei allen anderen Themen erleben wir auch bei der Digitalisierung starke Interessenskonflikte, institutionelle ausgetragene Eigeninteressen oder verpackte Lobbyarbeit. Ein wichtiges Gegengewicht dafür ist eine professionellere Kampagnenarbeit, größere Sponsoring-Bereitschaft bei Unternehmen jenseits der großen IT-Multis und vor allem Spendenbereitschaft bei Einzelpersonen. All dies hängt stark miteinander zusammen, denn ohne entsprechende Aufklärungsarbeit bleibt die Komplexität digitaler Themen weiterhin ein großes Hindernis für breite Zugänglichkeit. Diese Aufklärungsarbeit kostet Ressourcen.

Auf einem Barcamp Mitte August, initiert von den beiden Autoren dieses Artikels, Christian Heise (u.a. Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. und Förderverein freie Netzwerke e.V.) und Sebastian Haselbeck, soll erstmals dezidiert darüber gesprochen werden, wie sich die digitale Zivilgesellschaft bei der Finanzierung nachhaltiger aufstellen kann und welche Folgen, Auswirkungen und Einfluss von Tätigkeiten im Spannungsfeld zwischen Ehrenamt und Beruf entstehen. Das Unconference-Konzept wird derzeit noch in einem Etherpad finalisiert. Darin heisst es aktuell:

„Auch wenn mit der (digitalen) Zivilgesellschaft meist der Raum zwischen Staat, Wirtschaft und Gesamtgesellschaft gemeint ist, ist dieser Bereich aus vielen Gründen nicht wirtschaftsfrei. Professionelles zivilgesellschaftliches Engagement braucht eine stabile Finanzierung, um politische und legislative Prozesse langfristig begleiten zu können. Verglichen mit Bereichen wie etwa dem Umwelt- und Naturschutz ist die Spendenbereitschaft und -kapazität der Zivilgesellschaft beim Thema digitale Bürgerrechte deutlich geringer. Jeder neue Akteur in diesem Feld verschärft den ohnehin bestehenden Wettbewerb um finanzielle Ressourcen noch weiter. Auf der Suche nach neuen Geldquellen rücken auch Wirtschaftsunternehmen in das Blickfeld digitaler Bürgerrechtsgruppen. Auf dieser Unconference soll sich alles um die Fragen nach den möglichen Grenzen, Auswirkungen und Folgen wirtschaftlicher Durchdringung der (digitalen) Zivilgesellschaft drehen. Fragen wollen wir auch nach den Folgen und Auswirkungen beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit zivilgesellschaftlicher Akteure sowie nach ethischen Aspekten der ehrenamtlichen Arbeit im digitalen Zeitalter.“

Interessierte können sich zur Teilnahme bereits per Facebook Event, im Pad oder per E-Mail anmelden. Vorschläge für einen Tagungsort sind natürlich noch willkommen. Auf der Veranstaltung sollen idealerweise Diskussionen darüber stattfinden, welche ethischen Grundsätze beim Sponsoring wichtig sind, wie Ehrenamt, Beruf und Privatleben vereinbar sind, wie groß die potentielle Konkurrenz um die wenigen Finanzmittel ist, wie erfolgversprechend thematische Fokussierung von Organisationen sein könnte und vor allem, wie bessere Außenkommunikation beim Fundraising helfen kann. Besondere Aufmerksamkeit könnte auch der Frage zukommen, welche hybriden Modelle aus GmbHs, Investoren, Stiftungen und Vereinen möglicherweise zukunftsweisend sein könnten.

SAVE THE DATE: Wir müssen über Geld reden – Unconference für die (digitale) Zivilgesellschaft

Dieser Text steht unter einer Creative Commons BY (Sebastian Haselbeck und Christian Heise) 4.0 DE Lizenz.


Image by Sebastian Haselbeck


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Crowdfunding muss dringlich wirken! Vier Lehren aus einer spannenden Kampagne

Nur einmal ganz mal kurz zum Dampf-Ablassen: Himmel, war das viel Arbeit! Und wie schade und verhext, dass wir die Zielsumme unserer Crowdfunding Kampagne für ein neues Berlin-Musical nicht erreicht haben! Wir hatten in den letzten Wochen über unsere Erfahrungen mit dem schönen Off-Theater-Projekt berichtet. Hier nun abschließend unsere persönlichen Learnings, die wir an alle diejenigen weitergeben, die ebenfalls mit Crowdfunding ihr Glück versuchen wollen:

1. CROWDFUNDING PRAKTIZIERT IN DEUTSCHLAND KAUM EINER

Jeder der schon eine Crowdfunding Kampagne gemacht hat, wird den Stoßseufzer auf den Lippen haben, wie viel Arbeit es macht, private Geldgeber für das Herzensprojekt zu aktivieren. Phasenweise ein Fulltime-Job! Vor allem dann, wenn es über ein reines Friends & Family-Projekt hinausgeht und man wildfremde Menschen zum Geldgeben überzeugen will. Im Falle des Off-Theater-Projekts Berlin Non Stop haben annähernd 100 freundliche und spendable Leute mit ihrem Ticket-Vorkauf den Traum vom neuen Berlin-Musical unterstützt. Darüber freuen wir uns natürlich – vor allem auch, weil wir jeden von ihnen persönlich kennen! Und genau darin liegt leider auch das Problem: Wir haben es trotz permanenter Social Media-Arbeit, trotz guter Presseresonanz, trotz Radio, trotz Plakaten und Flyern nicht geschafft, größere Kreise von Supportern zu aktivieren. – Und was haben wir uns den Mund fusselig geredet um zu erklären, wie man praktisch teilnehmen kann, was man als Gegenwert für sein Geld bekommt und dass Crowdfunding-Beiträge nur fällig werden, wenn die Zielsumme tatsächlich zusammenkommt. In Deutschland ist Crowdfunding ganz offensichtlich noch überhaupt keine weit verbreitete Kulturtechnik mit der Konsumenten sich an Produkten oder Produktionen beteiligen. Allen zukünftigen Crowdfundern empfehlen wir: Rechnet damit, dass ihr euren Familien, Freunden und Bekannten tüchtig nachhelfen müsst, bis sie tatsächlich ihren zugesagten Beitrag zahlen.

2. CROWDFUNDING-PLATTFORMEN SIND IN ERSTER LINIE TECHNISCHE PLATTFORMEN

Wir haben mit startnext wirklich angenehm zusammengearbeitet. Wir wurden beraten, betreut und mit Media-Leistungen unterstützt (Teaser, Newsletter, Interview, Social Media-Postings). Hatten wir die stille Hoffnung, dass auch aus der Crowdfunding-Community schöne Geldbeträge kämen, wurden wir enttäuscht. Ob es der Stoff war, der zu wenig Interesse weckte oder der fehlende „Gründer-Spirit“ unserer Kampagne, können wir nur raten. Allen zukünftigen Crowdfundern empfehlen wir: Erwartet nicht zuviel von der Plattform eurer Wahl. Es mag Einzelfälle geben, bei denen ein Projekt spektakulär durch die Fans der Plattform zum Fliegen gebracht wurde, aber rechnen sollte man mit diesen Mythen besser nicht.

3. BRANDS, FIRMEN UND KONZERNE INTERESSIEREN SICH NICHT SONDERLICH FÜR CROWDFUNDING

Unsere Ziel-Summe wurde in erster Linie mit Ticketverkäufen an Einzelpersonen kalkuliert. Zusätzlich standen hochdotierte Extra-Pakete bereit, die sich an Firmen richteten. Hierbei haben wir ganz klar unterschätzt, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, bis Unternehmen sich zu solchen Entscheidungen durchringen. Alles in allem erlebten wir eher Desinteresse an der Finanzierungsform. Allen zukünftigen Crowdfundern empfehlen wir: Solltet ihr Zugang zu Firmen haben, die euer Projekt unterstützen, solltet ihr sie bereits zum Start der Kampagne kooperationsbereit wissen.

4. EINE CROWDFUNDING-KAMPAGNE MUSS DRINGLICHKEIT AUSSTRAHLEN

Für Thomas war die Crowdfunding Kampagne ein Experiment, ob man auf diese Weise kleine und mittelgroße Off-Theater-Produktionen finanzieren könnte. Ihm bescherte der Ausgang dieser Aktion einen klare Absage. Vielleicht kam Berlin Non Stop zu wenig mittellos daher und keiner glaubte uns so recht, dass dieses gut aussehende, gut klingende, prominente Vorhaben tatsächlich die Unterstützung durch Crowdfunding braucht. Deshalb unser letzter und wichtigster Tipp an alle zukünftigen Crowdfunder: Macht eure Aktion dringlich! Erklärt allen Unterstützern aus eurem direkten Umfeld, dass die Dynamik der ersten Tage wichtig ist. Verpflichtet sie zu schneller Teilnahme und aktiver Weiterverbreitung an ihre Freunde und Bekannte. Dieser Effekt bringt die Kampagne in Schwung.

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Crowdfunding ist kein Glücksspiel – 9 Tipps aus erster Hand

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Vor zwei Wochen haben wir zum ersten Mal von unseren Erfahrungen bei der Begleitung des großen Crowdfunding Projekts von Entertainer und Showmacher Thomas Hermanns berichtet. Jetzt stecken wir mitten in der laufenden Kampagne. Wer den Artikel über die 5 Tipps zur Vor-Phase bereits gelesen hat, springt am besten zu unseren neuesten Tipps aus den ersten zwei Kampagnenwochen: JUMP

Alle anderen Leser bitte hier weiter im Text:

Zum Hintergrund: Thomas Hermanns will im Herbst ein modernes, mehrsprachiges, wildes Berlin-Musical auf die Bühne bringen. Buch und Musik sind schon vorhanden und mit einer Starbesetzung für den ganz großen Erfolg vorbereitet. Der Stoff soll es allerdings bewusst als Off-Theaterproduktion nach oben schaffen. Das soll mit einer Finanzierung durch Crowdfunding gelingen.

Die Netzpiloten sind Partner dieses schönen Projekts. Ehrensache für uns, da Thomas ein Netzpilot der ersten Stunde ist. Und lehrreich ist es obendrein. Wir werden in den kommenden fünf Wochen in einer kleinen Serie unsere Erfahrungen mit dem Crowdfunding-Projekt hier weitergeben.

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Wir haben Thomas (mit fachlicher Unterstützung von Wolfgang Gumpelmaier) das Crowdfunding-Modell ausführlich empfohlen. Die Verbindung aus Theater und Netz ist für uns Onliner total sinnvoll. Die Unterstützer sind von Anfang an in die Produktion involviert und sitzen im Erfolgsfall stolz in den ersten Vorstellungen. Die Darsteller und Macher ihrerseits haben im Erfolgsfall ein Publikum vor sich sitzen, das die Geburt der Show maßgeblich möglich gemacht hat und ihr vom Start weg nur das Beste wünscht.

Seit Herbst 2015 arbeiten wir Netzpiloten mit Thomas an dem Projekt. Hier ein paar Learnings aus der Phase vor dem Start:

  • Nehmt Euch Zeit zur Vorbereitung!
    Allen Schritten (die Story, die Argumentation, die Zielgruppe, der Kommunikationsplan) gehen viele Diskussionen und Recherchen voraus. Idealerweise begreift ihr die bevorstehende Kampagne nicht nur als reine Geldsammelaktion, sondern auch als eine Phase intensiven Marketings und Netzwerkens für euer Produkt. Spezifisch für Berlin Non Stop galt es, herauszuarbeiten, warum ein erfahrender Produzent wie Thomas innovativ auf diesem Wege sein Geld für ein Theaterprojekt einsammelt. Es war also wichtig, den Off-Theater-Aspekt zu erklären. Wenn das Projekt gelingt, wird es vielen kleinen und mittelgroßen Theaterproduktionen Mut machen zu dieser Art der Finanzierung.
  • Sprecht mit eurer Crowdfunding-Plattform!
    Je nachdem, was ihr finanzieren wollt, bieten euch die am Markt befindlichen Anbieter unterschiedliche Stärken. Recherchiert, welches inhaltliche Umfeld, welche Reichweiten, welche Zahlungsmittel für euer Projekt wichtig sind. Auf alle Fälle sucht das persönliche Gespräch und profitiert von wertvollen Tipps und Tricks! Spezifisch für Berlin Non Stop haben wir uns für startnext entschieden, da sie einen klaren kulturellen Schwerpunkt haben (sie fördern viel Musik- und Theaterprojekte). Außerdem sind sie nach Jahren im deutschsprachigen Markt sehr erfahren mit den hiesigen Gewohnheiten (insbesondere Zahlungsmitteln). – Und auch nicht unwichtig: sind sie alle sehr nett und hilfsbereit!
  • Denkt euch gute Dankeschöns aus!
    Kaum zu glauben, wie viel Zeit man damit verbringt, an dieser Liste der Gegenwerte zu arbeiten. Hat man alles bedacht bei der Kalkulation? Auch die Steuer, die womöglich noch obendrauf kommt? Auch die Prozente für Plattform? Was sind attraktive Gegenwerte für den finanziellen Support? Fragt bei euren Freunden und Bekannten herum, welches Dankeschön sie sich wünschen. Spezifisch bei Berlin Non Stop war es einerseits aufwändig, die bevorstehende Theaterproduktion realistisch zu kalkulieren – andererseits taten wir uns mit den Dankeschöns nicht schwer, weil die Aktion quasi ein Kartenvorverkauf ist. Was Thomas besonders daran gefiel, ist der klare Deal, der nichts mit Spenden-Bittstellerei zu tun hat, sondern bestensfalls ein hochinvolviertes Publikum in die Show bringt.
  • Bereitet euren Kommunikationsplan vor!
    Ohne Frage wird die heiße Phase der Kampagnenzeit jede Menge Ideen und Kontaktarbeit in Gang setzen. Trotzdem beruhigt es ungemein, wenn man vorher zum Beispiel die wichtigen Keyaccounts seiner Zielgruppe in Facebook, Twitter und Instagram recherchiert hat. Wenn möglich, kontaktiert die Accounts und bittet die Inhaber um Verbreitungshilfe. Spezifisch bei Berlin Non Stop haben wir als Zielgruppen adressiert:  die Musical-Fans (hauptsächlich zu erreichen über die Facebook-Aktivitäten der großen Stars), die LGBT-Community (ebenfalls bei Facebook zu finden) sowie alles rund um das Berliner Stadtleben und den Tourismus (hier ist Twitter durchaus ein guter Kanal).
  • Macht eine Kick Off-Veranstaltung!
    Wir können allen Crowdfunder nur empfehlen, wenn möglich eine kleine Veranstaltung zum Start zu machen, auf der ihr eure Idee und die Mitwirkenden vorstellt. Das macht die digitale Sache greifbarer – und außerdem muss Crowdfunding immer noch und immer wieder erklärt werden (viele denken, es seien Spenden, die auch dann flöten gehen, wenn das Projekt nicht zustande kommt – dem ist nicht so). Also, sammelt Freunde, Familie und Mitstreiter um euch und tretet die Aktion mit einem netten Abend los. Spezifisch bei Berlin Non Stop haben wir mit Thomas etwa 100 Leute in den Quatsch Comedy Club eingeladen (Pressevertreter, Partner und Freunde). Auf der Bühne gab es eine knackige Vorstellung der Idee, der Dankeschöns und des Kampagnenvideos, außerdem kurze Interviews mit zwei Musical-Experten und ein kurzes Interview mit dem startnext-Gründer Denis Bartelt. („Crowdfunding-Supports sind keine Spenden! Man erhält einen Gegenwert und zahlt nichts, wenn das Projekt nicht zustande kommt.“). Die Krönung des Abends war die Live-Performance von drei Sängern und einem Pianisten. Die Gäste gingen mit einem starken Eindruck von der zukünftigen Show nach Hause und viele von ihnen sahen wir auf tags darauf auf der Unterstützer-Liste wieder.

Und hier ein paar Learnings aus den ersten beiden Kampagnen-Wochen:

  • Trommelt was das Zeug hält!
    Sobald der Startschuss der Kampagne gefallen ist, gibt es nur noch ein Thema für euch, in allen Gesprächen: Eure Crowdfunding-Kampagne! Habt ihr gedacht, dass es schon bis hierhin viel Arbeit war, dann macht euch auf weitere Anstrengungen gefasst. Jetzt beginnen Wochen der unablässigen Kommunikation, des Erklärens und des Insistierens, euer Umfeld zum Support zu bewegen ohne dabei alle um euch herum komplett zu nerven. Spezifisch bei Berlin Non Stop hat die Presse in Berlin sehr ausführlich und unterstützend das Projekt vorgestellt (hier die Presseschau). Das hilft enorm als Feedback, dass die Aktion interessant, innovativ und unterstützenswert ist!  Unsere tägliche Kommunikationsarbeit spielt sich hauptsächlich auf Facebook ab, wo wir die meisten Musical-Fans identifiziert hatten. Auf der Kickoff-Veranstaltung hatten wir reichlich Interviews und Fotos produziert, die wir entlang eines Kommunikationsplans täglich auf Facebook, dem Startnext-Blog, auf Twitter und auf Instagram veröffentlichen. Zusätzlich gibt es wohldosierte Emails an die Supporter und Fans und wir nehmen jede Gelegenheit wahr, auf Veranstaltungen und Partys unsere Sache zum Gespräch zu machen.
  • Starrt nicht unablässig auf den Funding-Zähler!
    Die Versuchung ist groß, dass ihr unmittelbar nach dem Start x-Mal am Tag die crowdfunding-Seite neu ladet um den Geldzähler nach oben klettern zu sehen. Macht euch nicht verrückt damit! Eure crowdfunding Plattform ist kein Glückspielautomat. Vor allem am Anfang werden es erstmal Familie, Freunde und Bekannte sein, über deren Unterstützung ihr euch freut.  Spezifisch bei Berlin Non Stop haben wir zudem schnell kapiert, dass nur ein geringer Teil der angesprochenen Zielgruppen tatsächlich mit Crowdfunding vertraut war. Viele Freunde und Bekannte waren sehr intessiert daran, über uns dieses Thema kennen zu lernen. Aber bis sie tatsächlich Zeit dafür fanden, sich damit zu beschäftigen, dauert zum Teil bis heute an. Wir (versuchen!) nur 3 Mal am Tag auf den Zähler zu starren ;)
  • Lernt euer Mantra: Crowdfunding ist keine Spendenaktion!
    Das wird euch ständig begegnen: die meisten Leute sehen ihren crowdfunding Beitrag als Spende an. Das mag mit dem Aspekt der Solidarität zusammenhängen, der jeder crowdfunding Kampagne natürlich innewohnt. Es gibt aber einen großen Unterschied zur herkömmlichen Charity-Aktion: Das eingesetzte Geld ist nicht in jedem Fall ausgegeben. Nur wenn das Finanzeirungsziel erreicht ist, wird der Betrag fällig. Das gilt es immer wieder klar zu machen.  Spezifisch bei Berlin Non Stop hatten wir darauf geachtet, dass die Kampagne eigentlich wie ein Kartenvorverkauf funktioniert. Die Unterstützer erhalten etwas Tolles für ihr Vertrauen in unsere Aktion. Wenn wir ausreichend viel Publikum interessieren können, ein Ticket für eine Show zu kaufen, die es noch gar nicht gibt, dann kann das Stück gespielt werden. Wenn es nicht klappt, dann haben wir Macher alle immens viel Arbeit investiert, haben viel gelernt – aber die Unterstützer haben natürlich keinen cent verloren.
  • Steuert eure Aufmerksamkeit gezielt über den eigenen Bekanntenkreis hinaus!
    Wenn die erste Freude verflogen ist, dass eure engen Freunde und Bekannte allesamt in der Unterstützerliste mit aufgetaucht sind, sollte eure Anstrengung systematisch auf Supporter gerichtet werden, die ihr noch nicht persönlich kennt. Insbesondere wenn ihr einen größeren Geldbetrag sucht. Spezifisch bei Berlin Non Stop haben wir Social Media-aktive Schlüsselpersonen aus den Bereichen Musical, LGBT, Berlin-Tourismus kontaktiert und um Unterstützung gebeten. Damit das Tweeten und Posten auch für Vielbeschäftigte so einfach wie möglich wird, erhielten sie konkrete Textvorschläge, inklusive Hashtags und Bilder, so dass sie bequem per copy & paste helfen konnten.

Die nächsten Tipps aus unseren Erfahrungen erscheinen demnächst

Alle digitalen Touchpoints zu BERLIN NON STOP:

STARTNEXT
http://www.startnext.com/berlin-non-stop

FACEBOOK
https://www.facebook.com/berlinnonstop/

TWITTER
https://twitter.com/BerlinNonStop


Image by Sven Serkis


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Kann Crowdfunding den Journalismus retten?

Newspaper (image by bykst [CC0 Public Domain] via Pixabay)2-1

Der Journalismus steckt in einer existenziellen Krise: Die Erträge der Nachrichteneinrichtungen sind innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte ins Bodenlose gefallen, und noch immer ist kein wirkliches Geschäftsmodell in Sicht, um Nachrichten auch im digitalen Zeitalter aufrechtzuerhalten.

Im letzten Teil unserer Serie über Geschäftsmodelle für die Nachrichtenmedien betrachtet die Journalistin und Akademikerin Angela Phillips die Möglichkeit des Crowdfundings und wie es zukünftige Nachrichtenprojekte finanziell unterstützen könnte.

In Schottland gibt es Pläne für eine neue Sportzeitung. Die angekündigte Zeitschrift soll wöchentlich erscheinen und Kolumnen von Prominenten wie der Tennistrainerin Judy Murray und dem Footballexperten Pat Nevin beinhalten. Um die erste Ausgabe im Mai zu veröffentlichen, sind lediglich 50.000 britische Pfund nötig, die aus Crowdfunding-Beiträgen bis zum 25. Februar zusammenkommen sollten. Von einer Gruppe schottischer Journalisten entwickelt und auf der Nachrichtenseite AllMediaScotland präsentiert, garantiert das Projekt ein Exemplar der ersten Ausgabe für jeden Unterstützer als Belohnung für ihren Beitrag.

Die Verwirklichung des Projekts scheint unwahrscheinlich. Zwar sehen viele im Crowdfunding das Potential, Journalismus für die Zukunft denkbar zu machen; allerdings hat die Scottish Sports Weekly bis zum Stichtag nur 211 Unterstützer gefunden, die insgesamt knapp 10.000 £ beitragen hätten, seit das Vorhaben Ende Januar angekündigt wurde. Der zugehörige Twitter-Account (der mittlerweile gelöscht ist, Anm. Netzpiloten-Redaktion) zählte gerade mal 1.200 Follower.

Crowdfunding erfordert eine große Anzahl an Menschen, die bereit sind, in eine Idee zu investieren. Die erfolgreichsten Projekte beinhalten meist ein Produkt, sodass man schlicht im Voraus zahlt, bevor es tatsächlich entwickelt und geliefert wird. Zugegeben, das war wohl auch der Plan hinter dem Vorschlag aus Schottland. Allerdings hätten sie wohl bestenfalls erwarten können, dass sich durch die Beiträge der Unterstützer eine Datenbank aufbaut, die den Grundstein für einen Abonnentenstamm legen könnte. Ohne die Unterstützung der schottischen Zeitungen, die das Projekt eher als Konkurrenz ansehen dürften, lag es beim Entwicklerteam, möglichst hohe Wellen zu schlagen.

Lichtblicke

Es gibt vereinzelte Beispiele von erfolgreichen journalistischen Projekten, die als Start-Ups durch Crowdfunding finanziert wurden. So wurde die niederländische Newsseite Der Correspondent mit einem durch Crowdfunding gesammelten Betrag von 1,7 Millionen US-Dollar (umgerechnet ca. 1,2 Mio. britische Pfund oder 1,55 Mio. Euro) gestartet, was es der Firma ermöglichte, renommierte Journalisten einzustellen. Aus den 19.000 Unterstützern wurden schnell 28.000 Abonnenten und binnen eines Jahres wurde die Webseite zu einem praktikablen Modell, welches sich über Abonnements und Paywalls finanzieren konnte. Mittlerweile ist die Newsseite ein etablierter Bestandteil der niederländischen Medienszene.

Nichtsdestotrotz bestätigt diese berühmte Ausnahme hier wieder einmal die Regel. Der Correspondent traf auf ein Medienfeld, das reif für etwas Neues war. Zudem bekam die Zeitschrift von Anfang an Unterstützung und das Crowdfunding sollte von Beginn an nur die Gründung der Zeitschrift unterstützen – was das spätere eher klassische Finanzierungsmodell erklärt.

Eine weitere Crowdfunding-Initiativen in diesem Bereich ist die von The Bristol Cable, einer englischen Lokalzeitung und Website, die von 600 Anteilhabern mit je 2,50 Pfund pro Monat “finanziert” wurde. Seit der Gründung  im Jahr 2014 ist die Zeitung eine beliebte, unabhängige Stimme in der lokalen Nachrichtenwelt, welche meist von großen Ketten dominiert wird, die ihren journalistischen Ehrgeiz aus Kostengründen zurückfahren.

Dennoch reicht das Crowdfunding nicht aus, um die Lohnzahlungen zu decken. Die Bristol-Journalisten arbeiten allesamt ehrenamtlich, gemäß der Tradition der radikalen Lokalzeitungen der 70er Jahre, die in lokalem Enthusiasmus aufblühte, um kurz darauf wieder zu vergehen. Langfristig ist die einzige zukunftsfähige Finanzierungsmöglichkeit für The Bristol Cable wohl das Abdrucken von Werbeanzeigen im Magazin. Wie Christopher Thomson, der Geschäftsführer des Verlags DC Thomson, dem Mehrheitsausschuss im britischen Oberhaus im Jahr 2013 mitteilte, macht digitale Werbung nur fünf bis zehn Prozent der Einnahmen seiner Lokalzeitungen aus. Lokalnachrichten sind typischerweise noch immer auf die Printausgaben angewiesen.

Das wahrscheinlich größte Experiment im britischen Crowdfunding bisher stellt das Mitgliedschaftssystem von The Guardian dar. Die Zeitung, die sich hauptsächlich aus Werbeeinnahmen und Treuhandfonds finanzierte, startete sein Mitgliedschaftssystem bereits 2014, um damit die jährlichen Verluste zu minimieren und die Nachrichtenorganisation zurück auf den richtigen Kurs zu holen. Laut Business Insider haben sich in den ersten sechs Monaten 35.000 Menschen registriert (Guardian.com erreicht täglich ca. 8 Millionen Menschen). Die Guardian Media Group hat kürzlich ihren Verlust von £100 Millionen innerhalb des letzten Jahres offengelegt, was einer Einsparung im Personalbereich von ca. 20% entspricht. Offensichtlich ist ein nachhaltigerer Einkommensfluss nötig, als die Spenden von besorgten Mitgliedern der Öffentlichkeit erzeugen.

Finanzierungsgeschichten

Wenn es um das Finanzieren individueller journalistischer Projekte ging, zeigte sich Crowdfunding allerdings ein wenig ergiebiger. Eine Reihe von Crowdfunding-Plattformen, wie beispielsweise Kickstarter, haben hierfür eigene Bereiche, während sich Seiten wie Byline voll und ganz dem einen Zweck widmen. Eine Analyse von journalistischen Kickstarter-Projekten der amerikanischen Forschungseinrichtung PEW bezifferte den Betrag an finanzieller Unterstützung auf 1,7 Millionen Dollar im letzten Jahr. Der Großteil davon ging für eine spezifische Recherche an einzelne Journalisten. 22% erhielten etablierte Organisationen, wie die durch Fonds finanzierte Einrichtung ProPublica, um spezielle Projekte zu ermöglichen.

Eine akademische Erhebung der amerikanischen journalistischen Crowdfunding-Website Spot.us suchte nach den Projekten, die am bereitwilligsten unterstützt werden. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass Spenden vor allem an “ausgewählte Themen” gehen, die “für die Unterstützer in ihrem Alltag von unmittelbarem Nutzen” waren. Besonders, wenn sich diese mit dem Gesundheitswesen oder der städtischen Infrastruktur auseinandersetzten. Leider musste Spot.us dennoch vor einem Jahr aussteigen.

Wenn Crowdfunding also nur eine relativ begrenzte Möglichkeit bietet, eine Art “Wachhund-Journalismus” zu unterstützen, der ein kritisches Auge auf die Mächtigen des Landes und der Welt wirft, ist eine Finanzierung auf anderem Wege erforderlich. Wir leben in einer Zeit, in der die klassische Finanzierung durch sinkende Zeitungsverkäufe und Werbeeinnahmen immer schwieriger wird. Paywalls und gebührenpflichtige Inhalte stellen bei größeren Onlinepublikationen eine vielversprechende Finanzierungsform für den Weg in die Zukunft dar. In Amerika beinhalten mittlerweile mehr als ein Drittel aller Nachrichtenseiten Paywalls.

Ein neues Experiment ist die Aufteilung der Abonnements in Kleinstbeträge (Micropayments). Sie könnten für Nachrichten die Bedeutung bekommen, die Spotify inzwischen für Musik hat. Beispiele sind die niederländische Seite Blendle, die von der New York Times und Axel Springer finanziert wird, oder Piano Media, welche in Osteuropa aktiv sind. Ob dem umstrittenen Scottish Sports Weekly irgendetwas davon helfen hätte können, muss an anderer Stelle behandelt werden. Aber eines ist im heutigen digitalen Zeitalter so sicher wie in der grauen Vorzeit der Druckerpresse: Guter Journalismus ist nicht umsonst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Newspaper” by bykst (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Riesenchancen: neue Geschäftsmodelle im Medienumfeld

Dirk Herzbach (Image by Next Media Accelerators)

Dirk Herzbach, CEO des Next Media Accelerators in Hamburg, spricht in einem spannenden Interview über die Chancen von Medien-Startups. Sie heißen Blendle, LaterPay oder De Correspondent und sind auf der europäischen Startup-Landkarte noch ziemlich in der Minderheit: Medien-Startups. Um das zu ändern, ist im August der Next Media Accelerator in Hamburg gestartet und hat eine ganze Reihe an großen Namen aus der Medienbranche davon überzeugen können, den ersten Fonds zu finanzieren. Mit dabei sind als Investoren bzw. Partner die dpa, Axel Springer, Gruner & Jahr, Die Zeit sowie Facebook, Google, Twitter und Amazon.

Als Geschäftsführer fungiert Dirk Herzbach, der die Startups platzda.de, homewhere.io und UmzugEasy gründete und außerdem das YouIsNow Lab für Immobilienscout24 und den E.ON:agile Accelerator umgesetzt hat. Beim Mediencamp 2015 war Herzbach in Wien und hat TrendingTopics.at ein Interview gegeben.

Jakob Steinschaden (JS): Beschreiben Sie mal in kurzen den Next Media Accelerator, worum geht es da?

Dirk Herzbach (DH): Unser Startup-Förderprogramm dreht sich rund um mediennahe Geschäftsmodelle, wobei wir das nicht nur auf News beschränken. Es kann also auch eine B2B-Software sein, die man als Konsument überhaupt nicht sieht, oder ein Marktplatz für Influencer. Wir nehmen Startups auf, versorgen sie mit Geld, Mentoren und Kontakten in die Industrie und helfen ihnen in einem Sechs-Monats-Programm, schnell und stark zu werden.

JS: Wie viel Geld bekommen die Startups?

DH: Wir geben für zehn Prozent der Firmenanteile 50.000 Euro her, also bei einer Bewertung von 500.000 Euro. Wir vergeben das pauschal, weil wir nicht jedes Mal diskutieren wollen, ob das Startup jetzt 700.000, 500.000 oder 300.000 wert ist. Startups, die mit den 50.000 Euro nichts anfangen können , weil sie vielleicht schon Umsatz haben, aber von unserem Netzwerk profitieren wollen, können uns drei Prozent geben und trotzdem mitmachen, um das Netzwerk und die Mentoren zu nutzen.

JS: Wie sollten die Teams, die der Accelerator aufnimmt, aufgestellt sein?

DH: Ganz wichtig sind komplementäre Skills. Am besten einer, der Business kann, einer der das Produkt versteht und User Experience kann, und ein Techie. Was wir nicht gerne sehen, sind Startups, die mit externen Agenturen arbeiten. Der Idealfall ist, dass das Team das Produkt alleine am Mond entwickeln und auf den Markt bringen könnte. Die Idee ist viel weniger wert als das Team, das Team muss uns versichern, dass sie zu diesem Zeitpunkt in der Konstellation morgen die Welt rocken können, wenn sie morgen starten.

JS: Für das sechsmonatige Programm muss man nach Hamburg kommen. Was passiert dort genau?

DH: Wir suchen europaweit Startups, Pflicht ist aber, nach Hamburg zu kommen. Das Programm findet im Betahaus, also mitten in der Hamburger Startup-Szene, statt. Man kriegt ein Büro, Internet, und zu Beginn Workshops zu grundlegenden Dingen wie Firmengründung oder Urheberrecht. Dann diversifizieren wir das Programm, wir haben etwa 100 Mentoren, die von Datenbanktechnologie über Pitch-Training bis hin zu Storytelling in allen Bereichen des Startup-Lebens helfen können. Die wichtigsten Veranstaltungen sind die Demo-Days, wo man potenziellen Investoren seine Idee und seinen Fortschritt zeigt. Nach sechs Monaten geht es dann um die Wurst, nämlich um eine Anschlussfinanzierung.

JS: Welche Startups sind bis dato aufgenommen worden?

DH: Zum Beispiel Spectrm aus Berlin, die machen einen kuratierten Newsfeed über WhatsApp, wo ein Redaktions-Team zu bestimmten Themen oder sogar zu bestimmten Autoren einmal am Tag eine Nachricht mit den fünf wichtigsten Stories schickt. Das zweite ist AdTriba, die machen Attribution-Modelling als Software-As-A-Service und können Werbern damit sagen, über welche Kanäle es sich lohnt, mehr oder weniger Werbe-Budget auszugeben. Das dritte ist Spotgun aus Stuttgart, die einerseits eine Second-Screen-Quiz-App und andererseits eine Software, die Werbespots erkennen kann. Und das vierte und letzte Startup ist Nqyer, ein Marktplatz für Influencer-Marketing. Dort können Brands Instagrammer, Facebooker und YouTuber finden, die dann für die Brands als Testimonials arbeiten. Nqyer haben in Deutschland schon ein paar hundert Influencer auf der Plattform. Diese vier illustrieren ganz schön, welche Bandbreite wir haben.

JS: Welche Kriterien sind die wichtigsten für eine Aufnahme in den Accelerator?

DH: Wir schauen vor allem, ob wir ihnen helfen können. Es geht gar nicht so sehr darum, ob wir an ihre Idee glauben, sondern wir haben in unserem Investorennetzwerk große Verlage wie Axel Springer, Gruner & Jahr, Spiegel oder Zeit dabei, die unterschiedlichste Interessen haben. Klar wenn ein Startup mit Hardware oder einem Health-Thema kommt, schicken wir es weiter, aber alles, was den Strategien unserer Investoren hilft, wird zumindest angeschaut.

JS: Welche Erwartungen stellen die investierten Medienhäuser an den Accelerator?

DH: Es gibt zwei Motive: Einerseits der Return of Investment, wobei denen klar ist, dass wir bei diesen Ticketgrößen nie vor das Komma bei deren Umsatzzahlen kommen werden, aber die wollen schon Geld damit verdienen. Das zweite Wichtige ist: Die wollen sehen, was geht. Wir schauen ja jedes Jahr in ein paar Hundert Startups rein und sehen neue Geschäftsmodelle und neue Ideen. Auch wichtig ist, dass Leute aus den Verlagen kommen und direkt mit den Startups zusammenarbeiten, da entstehen Kooperationen, da wird ausprobiert. Und last but not least: Die Medien kommen natürlich auch als strategische Investoren in Frage.

JS: Haben die Medienhäuser ein Vorkaufsrecht?

DH: Wir als Fonds haben ein Recht aufs sogenannte “first refusal”, wir könnten also noch eine Runde weitergehen, bevor jemand anderer einsteigen kann.

JS: Der Next Media Accelerator ist im August 2015 gestartet, also zu einem Zeitpunkt, an dem der Druck auf die Medienbranche so hoch wie selten zuvor war. Soll der Accelerator der Rettungsanker für die Branche werden?

DH: Das ist oft über uns geschrieben worden, und es würde uns freuen, wenn durch uns jemand seinen etablierten Verlag oder alte Geschäftsmodelle retten kann. Das ist aber nicht unsere Intention. Wir sehen Riesenchancen für neue Geschäftsmodelle und Produktideen im Medienumfeld, weil alle geilen Content am besten den ganzen Tag wollen. Wir haben einfach Bock darauf, in dem Bereich neue Dinge zu entdecken, und mit etwas Glück funktionieren diese Dinge dann auch. Unsere Motivation ist nicht, der Rettungsanker zu sein.

JS: Wenn Sie konkret an Digitaljournalismus denken: Welchem Geschäftsmodell geben Sie mehr Chancen, der Werbefinanzierung oder Paid Content?

DH: Schwer zu sagen. Ich würde es nicht an den Geschäftsmodellen festmachen. Ich möchte Produkte sehen, die das beste Nutzererlebnis bieten, vielleicht sogar über mehrere Geschäftsmodelle hinweg. Die müssen so gut sein, dass sie den User ownen und er sie freiwillig seinen Freunden weiterempfiehlt. Der Schlüssel ist immer die Nutzererfahrung. Wir wollen immer feststellen, ob das Produkt den Nutzer auch noch morgen fesselt und sie ständig das Handy rausholen, um es noch Mal zu benutzen.

JS: Beim Thema Freunde sind wir auch gleich bei Facebook. Online-Medien geraten immer mehr in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dem Social-Network, weil von dort immer mehr Traffic kommt und es gleichzeitig ein Konkurrent der Medien am digitalen Werbemarkt ist. Sehen Sie das Problem als Problem im Startup-Bereich, wo es kaum mehr Ideen gibt, die nicht auf Facebook aufbauen?

DH: Ich finde es schade, dass es so weit gekommen ist. Zuerst war Facebook ja so ein Ding zum Fotos herzeigen, ist dann aber zu einer Login-Maschine für alle möglichen Dienste geworden. Dadurch hat Facebook die Messpunkte bekommen, um herauszufinden, was die Leute interessiert. Ich glaube aber immer noch, dass es gelingen kann, Produkte außerhalb von Facebook zu machen, die anders als ein blau umrahmter News Feed funktionieren. Ich würde immer nach etwas suchen, dass Standalone ohne Facebook funktioniert. Schnell kopierbare Dinge werden alle zu Facebook wandern.

JS: Welche Medien-Startups finden Sie derzeit besonders spannend?

DH: Eines ist Blendle, weil die genau in die richtige Richtung gehen. Mir gefällt die Idee, für einen Artikel einen fairen Preis zu bezahlen. Die machen einiges richtig.

JS: In den USA setzen sich derzeit besonders Vice, Buzzfeed und Vox Media im Digitalbereich durch. Alle drei setzen stark auf Native Advertising und bedienen Werbekunden mit Inhouse-Agenturen. Ist das der Weg, den man heute gehen muss?

DH: Die schaffen es auf jeden Fall, den richtigen Content zu bauen, wenn der nicht gut wäre, würde ihn keiner anschauen. Ich finde es schade, dass sich ganz viele Player von so einem Weltverbesserungsmotiv leiten lassen und sagen, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn sie diesen total neutralen, lehrbuchartigen Journalismus machen, aber dann in vielen Fällen nur Fakten vermitteln. Natürlich ist neutraler Journalismus wichtig, aber die von Ihnen genannten Medien zeigen, dass man Themen, die komplexer sind, auch knackig hinkriegt. Dort, wo die Nutzer landen, zeigt einen, was Sache ist, und da muss man sich hin entwickeln. Ob diese rein durch Monetarisierung getriebenen Modelle das Richtige sind, glaube ich auch nicht.


Teaser & Image “Dirk Herzbach” by Next Media Accelerators .


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Wie das Mikrofon Mikme die Welt verändern kann

Via Kickstarter soll das Mikrofon Mikme finanziert werden

Via Crowdfunding soll Unmögliches doch möglich gemacht werden, wie zum Beispiel ein revolutionäres Mikrofon namens Mikme. // von Niklas Möller

Via Kickstarter soll das Mikrofon Mikme finanziert werden

Kaum eine andere Finanzierungsform hat sich in den letzten Jahren besonders für unabhängige Entwickler so bezahlt gemacht wie Crowdfunding. Darauf hat es auch Philipp Sonnleitner abgesehen, der mit seinem Team ein kabelloses Aufnahme-Mikrofon entwickelt hat, das die Kreativität von Musikern weltweit fördern kann. Mikme heißt sein Traum, mit dem Musiker auch unterwegs in Studioqualität ihre Musik aufzeichnen und bearbeiten können.

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Lektionen aus einer gescheiterten Crowdfunding-Kampagne

Gina Schad ist zwar mit ihrem Crowdfunding-Projekt „Durchgedreht mit…“ gescheitert, doch die Erfahrungen haben ihr auch so weitergeholfen, wie sie uns in einem Gastbeitrag erklärt. // von Gina Schad

Gina Schad über ihr Crowdfunding-Projekt

Seit einiger Zeit blogge ich im Internet; angefangen bei meinem Blog medienfische und seit Anfang diesen Jahres bei den Netzpiloten. In meinen Artikeln habe ich mich immer auf schriftliche Interviews beschränkt, im Frühjahr hatte ich jedoch die Idee, eine neue Interviewreihe mit Video-Interviews zu starten: „Durchgedreht mit…“.

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One Spark: Ideen können Realität werden

Crowdfunding-Festival One Spark in Berlin (Bild: Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

Das internationale Crowdfunding-Festival One Spark fand am Samstag in Berlin statt und zeigte das enorme Potenzial der Schwarmfinanzierung auf. // von Tobias Schwarz

Crowdfunding-Festival One Spark in Berlin (Bild: Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

Am Samstag waren 5000 Menschen bei „One Spark START: Berlin“, dem ersten Crowdfunding-Festival das außerhalb der USA stattfand, in und um die Berliner PLATOON KUNSTHALLE mit dabei. 50 kreative Köpfe aus ganz Deutschland, Polen, Schweden, Chile, Italien, Israel und den USA haben sich und ihre Ideen einem bunt-gemixtem Publikum aus Interessierten, Investoren und Neugierigen präsentiert. Wir waren vor Ort dabei.

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76 Wege, um mit digitalen Medien Geld zu verdienen

Wie kann man Geld im Journalismus verdienen?

Mit dem Medienwandel haben sich auch die Möglichkeiten des Geld verdienen im Journalismus verändert – sie haben sich vervielfacht. // von David Plotz

Wie kann man Geld im Journalismus verdienen?

Auf ziemlich die gleiche Weise, auf die ich meine Großmutter ausfragte, wie sie die Große Depression überlebt hatte, fragte mich kürzlich ein jüngerer Arbeitskollege, wie Journalismus in den 1990ern gewesen ist (wir starteten „Slate“ in 1996). Als ich anfing, darüber zu reden, merkte ich, dass sich der Journalismus selbst nicht viel verändert hat – blah blah, Social Media, blah blah, Interaktivitäten, blah blah, Lange Form – aber was sich geändert hat, ist das Geld. Es gab keines. Nun gibt es sehr viel.

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Crowdfunding ist (Zuhause) angekommen

Untitled (adapted) (Image by c_ambler [CC BY 2.0] via Flickr)

Mittlerweile hat sich Crowdfunding zu einer ernstzunehmenden Art der weltweiten Projektfinanzierung entwickelt und viele neue und regionale Crowdfunding-Angebote entstehen. Nordstarter, Mashup-Finance, Crowdnine, Dresdner-Durchstarter, BerlinCrowd. Fünf Crowdfunding und Investing Plattformen die sich auf die Unterstützung regionaler Ideen spezialisiert haben. Selbst Sparkassen bieten nun eine einfache Finanzierungsbeteiligung an der Instandsetzung des maroden Spielplatzes an. Crowdfunding ist also mehr als nur Indigogo, Kickstarter und Co – doch macht diese Regionalisierung Sinn?

Etwas über eine Woche ist nun verstrichen, seit dem der überwältigende Crowdfunding Erfolg des Hamburger Start-ups Protonet für Begeisterung gesorgt hat. Zehn Stunden und acht Minuten hat das Unternehmen mit seinem Beteilungsaufruf auf Seedmatch benötigt, um rekordverdächtige 1,5 Milionen Euro einzusammeln. Ein Wahnsinnswert, der sogar die populärsten US-Finanzierungen von Ocolus VR oder Pebble übertrifft.

Crowdfunding ist also Erwachsen geworden. So erwachsen, dass es bereits für eine Handvoll Nachkommen gesorgt hat. Überall in Deutschland sprießen neue Crowdfunding- und Crowdinvesting-Plattformen aus dem Boden. Alle sind auf den gleichen Gedanken zurückzuführen und haben doch ihre ganz eigenen Merkmale entwickelt.

Für jeden und alles gibt es eine Plattform

Es gibt die Plattformen mit regionalem Charakter, wie Nordstarter in Hamburg, Mashup-Finance von Bayern für Bayern, Crowdnine aus der Region Stuttgart, Dresdner Durchstarter oder BerlinCrowd aus Berlin. Dazu kommen die eher thematisch orientierten Netzwerke wie 100Fans, die sich auf Buchautoren spezialisiert haben oder Econeers, deren Hauptaugenmerk auf Investitionen in nachhaltige Energieprojekte liegt. Im journalistischen Bereich trat in letzter Zeit vermehrt die Finanzierungsplattform Krautreporter in den Vordergrund. Sie soll helfen, journalistischen Projekten eine Zukunft zu geben – nicht zuletzt dem eigenen Krautreporter-Magazin, dass vergangenen Freitag mit Hilfe von mehr als 15.000 Unterstützern erfolgreich finanziert worden ist. Darüber hinaus gibt es dann noch die Möglichkeit Events zu finanzieren, Sportler zu fördern oder Spiele zu unterstützen.

Die Bandbreite dieser spezialisierten und regionalen Plattformen scheint fast unermesslich. Allerdings stellt sich dabei die Frage, ob diese Spezialisierung auf einzelne Regionen und Sparten überhaupt Sinn ergibt?

Warum in die Welt hinaus, wenn das Glück vor der Haustür liegt?

Crowdfunding setzt sich aus den Begriffen Crowd, der (Menschen)Menge und Funding, der Finanzierung zusammen und ist eine noch recht junge Möglichkeit der Projektfinanzierung: geschaffen in und für ein Medium, dessen wohl wichtigstes Alleinstellungsmerkmal die globale Vernetzung ist – dem Internet. Regionale Grenzen können damit mühelos überwunden werden. Informationen erreichen auch die letzten Ecken auf dem Globus. Die Welt wächst mit jedem Tag ein Stück mehr zusammen und trotzdem scheint sich das Crowdfunding von seinem größtem Trumpf, dem globalen Netzwerk und seiner Ressourcen, ein wenig zurück zu ziehen um neue Wege auszuprobieren.

Auf der weltweit wohl erfolgreichsten Plattform Kickstarter, wurden seit seiner Gründung mehr als 63.000 Projekte erfolgreich finanziert, die knapp 988 Milionen Dollar zugesichert bekommen haben. Zahlen die im ersten Moment sehr beachtlich klingen und sich im Vergleich zu Investitionen auf deutschen Plattformen in science-fiction-ähnlichen Dimensionen bewegen.

Crowdfunding in und aus Deutschland

Laut Crowdfunding-Monitor konnten deutsche Plattformen knapp 9 Milionen Euro einsammeln und dadurch mehr als 1.700 Projekte finanzieren. Ein Anteil von 77% fielen dabei auf die größte deutsche Finanzierungsplattform Startnext. Einem Unternehmen, dessen Philiosophie auf dem Status der Gemeinnützigkeit liegt und nicht auf der Gewinnmaximierung. Ein bemerkenswertes Merkmal im Vergleich zum Marktführer Kickstarter oder dem seit kurzem in Deutschland aktiven Indigogo, dessen Ziele eher im monitären Bereich angesiedelt sind.

Betrachtet man nun die eigentliche Finanzierung der Projekte auf den Plattformen, fällt auf, dass die in Deutschland aktiven Crowdfunder einen höheren Finanzierungsschnitt erreichen, als ihre Pendants aus Übersee. Während auf Kickstarter 43% aller freigegebenen Projekte vollständig finanziert wurden, können die Macher der deutschen Funding-Plattform von Startnext nach eigener Aussage auf 60% erfolgreicher Finanzierungen zurück blicken und die aufstrebenden Crowdfunder der noch jungen VisionBakery aus Leipzig, auf immerhin 52%.

Zahlen die eine gewisse Beruhigung ausstrahlen, sollte man vor der Entscheidung stehen ein Projekt auf einer der Plattformen einzustellen. Natürlich hängt der Erfolg oder Misserfolg auch von der Außendarstellung der Idee ab, auf welchen Kanälen man dafür wirbt und ob man es schafft, andere Menschen dafür zu begeistern. Ein durchaus wichtiger Punkt für ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt und wie sich während der Recherche herausstellte, eines der großen Vorteile von regionalen Plattformen.

Crowdfunding vor der eigenen Haustür

Die Hamburger Plattform Nordstarter ist nach eigener Aussage die erste regionale Crowdfunding-Plattform der Welt. Ins Leben gerufen wurde sie von der Hamburger Kreativ Gesellschaft, einer Standortinitiative zur Wirtschaftsförderung und unterstützt vom Senat der Hansestadt Hamburg. Diese Plattform versucht seit 2011, Hamburger Ideen wirtschaftlich und fachlich zu unterstützen, die es auf anderen Finanzierungswegen bisher nicht geschafft haben. Die Projekte sind bunt gemischt. Ob Kurzfilme, Musiker und Clubs oder klassische Start-ups. Das Projekt Nordstarter bietet allen eine persönliche Betreuung und Qualifizierung. Regelmäßig werden Vernetzungstreffen wie der Crowdfunding Club organisiert. Dort können sich Interessierte, Investoren und Projektbetreiber austauschen und kennenlernen, wodurch sich aus dem reinen Online – ein persönliches Offline entwickeln kann.

Zwischen 55 und 60 Prozent aller Nordstarter-Projekte wurden erfolgreich über die Plattform finanziert. Auf dem Dresdner Pendant, Dresden Durchstarter, wurden seit dem Start im Jahre 2012, insgesamt 56 Projekte erfolgreich realisiert. Bei insgesamt 81 gestarteten Projekten liegt die Erfolgsquote somit bei knapp 64 Prozent. „Eine gute Erfolgsquote. Crowdfunding ist in Deutschland für viele Menschen jedoch immer noch Neuland – für die Plattformbetreiber, aber auch die Nutzer – und erfordert daher weiterhin Aufklärungs- und Betreuungsaufwand„, so die Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH, Dr. Bettina Bunge. Aus diesem Grund bieten die Dresdner Crowdfunder, Starter-Workshops, Marketing-Unterstützung und sogar Hilfe bei der Produktion von Präsentationsvideos an.  Als ein Teil einer städtischen Standortinitiative, ergeben sich wie in Hamburg vollkommen neue und durchaus interessante Synergieeffekte, die für die erfolgreiche Finanzierung von großem Wert sein können.

Es geht jedoch auch ohne die Unterstützung einer Stadt und noch regionaler: Die Initiative Viele-schaffen-mehr, der Volksbank-Buehl in Baden-Wüttemberg, konnte 13 von 16 Projekten erfolgreich unterstützen. Hierbei handelte es sich zwar “nur” um die Finanzierung von Dingen mit regional-gesellschaftlichem und sozialem Hintergrund, wie die Anschaffung neuer Turnmatten für den lokalen Sportverein oder die Veranstaltung eines Open-Air-Konzerts zur “Bewahrung der Chortradition in der mittelbadischen Region”, es zeigt jedoch deutlich, dass Crowdfunding auch auf einer sehr regional eingegrenzten Ebene funktioniert.

Ein Crowdfunding-Fazit

Crowdfunding ist eine gute Möglichkeit um für seine Idee Investoren zu suchen. Noch entspricht das investierte Volumina nicht dem der amerikanischen Vorbilder, allerdings sind die deutschsprachigen Plattformen auf einem gutem Weg. Ob ein Projekt nun auf einer großen internationalen, nationalen oder regionalen Plattform geschaltet wird, ist letztendlich eher zweitrangig. Der Vorteil der “bunten Aufmerksamkeit auf der großen, internationalen Bühne” kann von den kleineren Plattformen mit persönlicher Beratung und Vernetzung wettgemacht werden.

Ein weiterer, auf regionalen Crowdinvesting-Plattformen nicht zu unterschätzender Punkt, ist die regionale Verbundenheit der Crowd und den Projekten. So hat Dr. Bettina Bunge während der Arbeit mit den Dresden Durchstartern die Erfahrung gemacht, „dass viele Dresdner und Dresden-Freunde sich gerne für ihre Stadt engagieren und ihre Verbundenheit mit Dresden auch so konkretisieren wollen und können„. Schließlich werden regionale Produkte und Firmen unterstützt, zu denen man eventuell sogar eine direkte Verbindung hat – und wenn nicht, dann zumindest mit dem eigenen Lokalpatriotismus verbindet. Schließlich ist die Heimat immer noch der schönste Ort zum Leben – und das kann nun sogar aktiv mitgefördert werden.

Regionales Crowdfunding hat also durchaus seinen Sinn und beherbergt in seinem Angebot ein vielversprechendes Potenzial.


Image (adapted) „Untitled“ by c_ambler (CC BY 2.0)


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Crowdfunding und der Erfolgsdruck

Veronica Mars (adapted) (Image by vagueonthehow [CC BY 2.0] via Flickr)

Projekte, die auf Crowdfunding setzen, sind eine Art Überraschungsei: Erst zahlen, dann auspacken. Wer die Erwartungen nicht erfüllt, der darf sich auf einen Kritikhagel gefasst machen. Eine erfolgreiche Serie zu verfilmen ist kein ungewöhnlicher Vorgang; die Serienfans an der Finanzierung des Films zu beteiligen allerdings schon. Veronica Mars-Produzent Rob Thomas und Hauptdarstellerin Kristen Bell gingen genau diesen Weg und riefen Fans dazu auf, sich per Crowdfunding an den Kosten für die Verfilmung der Kultserie „Veronica Mars“ zu beteiligen – mit Erfolg. Das Budgetziel von zwei Millionen Dollar wurde bei Weitem übertroffen: 5,7 Millionen Dollar spülte das Crowdfunding ein. Über 90.000 Unterstützer kamen zusammen. Zufrieden waren die Fans mit dem fertigen Produkt dann aber nicht. Ein Drama für alle Betroffenen.

Imageschaden vermeiden

Unterstützern der Crowdfunding-Kampagne wurde als Dankeschön versprochen, den Film kostenlos streamen zu können. Das Problem: Der Filmverleih Warner Bros. bietet nur eine Möglichkeit des Streaming – und zwar mittels der UltraViolet-Technologie, eine Cloud-Mediathek, auf seinem eigenen Portal Flixster. Fans erheben sich jetzt von ihrer Couch und beschweren sich, dass das Format teilweise nicht funktioniere, technische Schwierigkeiten einem kostenlosen Streaming im Weg stehen. Auch auf anderen Portalen wünschen sie sich das versprochene Gratis-Streaming. Warner reagierte auf diese Kritik und bot alternative Lösungen an: Entweder man streamt den Film auf einem anderen Portal kostenpflichtig und reicht die Rechnung bei Warner Bros. ein oder Unterstützer verlangen ihr Geld zurück.

Ein großer Aufwand, der dem Filmverleih bevorsteht. Warner wird ihn aber zurecht in Kauf nehmen müssen. Schließlich steht nicht nur das Image des Filmverleihs auf dem Spiel, sondern auch jenes der „Veronica Mars“-Macher. Wie dieses leben auch andere Crowdfunding-Projekte von Vorschusslorbeeren der Unterstützer. Denn bevor überhaupt ein Produkt entsteht, bitten die Macher Menschen um Geld. Damit stehen sie unter einem deutlichen Erfolgsdruck, der ausgehalten werden muss. Ist das Produkt nicht erwartungsgemäß zufriedenstellend, hagelt es Kritik – eine wahrscheinlich stärkere Kritik, als es ohne Crowdfunding der Fall wäre. Fans haben schließlich schon investiert und damit verbundene Hoffnungen in die Sache.

Crowdfunding: Kein einfacher Weg

Warner hat mit den angebotenen Lösungen einen richtigen Schritt gemacht. Er ist mit hohem Aufwand verbunden, aber aus oben genannten Gründen durchaus sinnvoll. Dass Crowdfunding kein Zuckerschlecken ist – und zwar in vielerlei Hinsicht: Vorbereitung, Marketing, Nachbereitung, Erfolgsdruck – haben diese Erfahrungen gezeigt. Crowdfunding ist nämlich nicht nur ein Weg zur Finanzierung, sondern auch zur Kundenbindung, zu Marketingzwecken und zum Imagegewinn – wenn man es geschickt anstellt.


Image (adapted) „Veronica Mars“ by vagueonthehow (CC BY 2.0)


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Traurig, aber wahr: Nur 25 Prozent zahlen für Journalismus im Netz

Die Finanzierung von Journalismus ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben, doch die Zahlen sehen düster aus. Es ist – aus Verlagssicht – eines der größten Probleme im (nicht nur) deutschen Journalismus: Die Finanzierung. Während die Verlage mit sukzessiv sinkenden Abo-Zahlen im Printbereich kämpfen müssen und dadurch ihre Online-Portale nicht mehr quersubventionieren können, mangelt es an der Zahlungsbereitschaft der Leser für Journalismus im Internet.

Immerhin: Inzwischen setzen knapp über 70 deutsche Zeitungen auf Paid-Content-Modelle. Davon rund 50 auf Freemium-Konzepte, bei denen ein Teil der Artikel kostenlos und frei verfügbar ist. So zum Beispiel probiert sich aktuell „BILD“ daran, sein Freemium-Modell „BILD+“ zu etablieren. 17 Zeitungen setzen auf das so genannte „Metered Model“, bei dem nicht ausgewählte sondern ein bestimmtes Kontingent an Artikeln kostenlos ist. Den Weg der konsequenten Bezahlschranke haben unterdessen erst drei Zeitungen eingeschlagen: das „Bocholter-Borkener Volksblatt“, die „Böhme Zeitung“ und die „Ibbenbürener Volkszeitung“.

 

0,03 Prozent der Leser bezahlen bei GOLEM mit Flattr

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger rechnet bis Ende 2014 mit ca. 100 Zeitungen, die – wie auch immer – Geld für ihre Arbeit im Internet verlangen werden. Einen Sonderweg unter den Paid-Content-Ansätzen geht die „tageszeitung“ schon länger: Mit Pay-Wahl möchte man die Nutzer auf freiwilliger Basis zur Bezahlung für einen Artikel anregen. Das bringt, so die letzten Zahlen von Mai 2013, dann mal fix 10.000 Euro in die Kasse. Davon lässt sich sicherlich keine Redaktion finanzieren – aber ein Anfang ist es sicherlich.

Beim Stichwort „freiwillige Zahlungen“ kann man aber auch viel über die Zahlungsbereitschaft der Nutzer erfahren. So bilanziert das IT-Portal Golem.de, 1,5 Millionen Unique User pro Monat, nach ein paar Monaten mit Flattr: „460 Flattr-Nutzer haben Artikel von uns seit Oktober 2013 unterstützt. Die Bilanz: 0,03 Prozent.

Klar: Das liegt auch an Flattr, ein Dienst, der so hervorragende Ansätze verfolgt, aber leider noch viel zu wenig etabliert ist in Deutschland. Die jüngste Studie von Internet-Branchenverband BITKOM befasst sich eben mit dieser Zahlungsbereitschaft. Das Ergebnis schaut da – natürlich – deutlich besser aus als bei der Flattr-Integration von GOLEM.de. Dennoch: Nur 25 Prozent der deutschen Internetnutzer™ gibt bereits Geld für journalistische Inhalte im Web aus. Im Schnitt bezahlen sie ca. 13,60 Euro pro Monat.

Gemeinsame Schnittstellen schaffen

Bei der Frage, ob die Nutzer grundsätzlich nur bereit wären, für Journalismus im Netz zu bezahlen, antworteten satte 61 Prozent mit „Nein“. Die Hauptgründe: Zu viele kostenfreie Informationsquellen im Netz, mangelnde Qualität, zu hohe Preise und zu komplizierte Abrechnungen.

Das sitzt. Aber es sind alles Gründe, die ich als Journalist, der selbst vom Journalismus im Netz lebt, nur schwer einsehen möchte – aber nicht anders kann. In Zeiten, wo jeder vom anderen abschreibt: Warum genau soll der Leser da noch für einen Artikel bezahlen? Liest er ihn eben nicht bei der Der Welt, weil seine 20 Artikel schon aufgebraucht sind, zappt er weiter zu Spiegel Online oder zu Süddeutsche.de. Und ja, den 30. Liveticker zu einem Skiunfall brauche ich dann leider auch nicht mehr.

Über den Preis kann man streiten. Schließlich ist das a) Geschmackssache und b) von Artikel zu Artikel sehr individuell einzuschätzen. Nicht streiten kann man aber über die Abrechnung – und dazu zähle ich jetzt einfach mal Registrierung, Bankverbindung, An- und Abmeldung und den gesamten Verwaltungsaufwand, den man – nicht bei allen, aber bei vielen – Online-Portalen leider hat. Das muss deutlich einfacher und schneller werden, vielleicht sogar mit gemeinsamen Schnittstellen von vielen Portalen. Der Komfort des Lesers ist hier ein ganz großer und vor allem ernstzunehmender Punkt. Mit „ob das jetzt zwei oder fünf Minuten dauert…“ wird man keinen Erfolg haben auf Dauer.

Leser sensibilisieren und weitermachen

Es gilt nun trotz der wenig überraschenden, aber dennoch schlechten Zahlen für die Verlage, die Leser weiter an den Kurs zu gewöhnen, sie für Bezahlmodelle im Internet zu sensibilisieren. Viel zu lange schon hat man in Deutschland Angst davor gehabt, sich anständig für die journalistische Arbeit im Netz entlohnen zu lassen. Die Konsequenz ist die verständliche Gewohnheit der Leser an kostenfreie Inhalte – und eben diese gilt es nun zu durchbrechen.

Dafür sind schicke Modelle gefragt, simple Zugänge, weitere Informationskampagnen und vorallem: Gute Inhalte.

 


 


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Wer nicht zahlt, verliert! Ist das die Zukunft des Journalismus?

Objectivity in Journalism Wordle (adapted) (Image by Spot Us [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Ein niedersächsisches Wochenblatt zeigt ein seltsames Verständnis für Journalismus. Wer keine Werbung schaltet wird schlecht geschrieben, doch kann das die Zukunft des Journalismus sein? Jede größere Stadt hat sie, darin findet sich mit Ausnahme der Werbung recht wenig Inhalt. Jetzt hat der Chefredakteur eines niedersächsischen Wochenblättchens bekannt gegeben, über die internationale Gartenschau (igs) habe man absichtlich nicht berichtet. Warum? Weil sie sich weigerten, beim Verlag Werbung zu schalten. Die igs hatte sich im Vorfeld für andere „Kompetenzpartner“ entschieden, der Veranstaltung hätte die Aufmerksamkeit der 400.000 Leser aber sehr gut getan. Statt der erhofften 2.5 Millionen Besucher fanden weit weniger Menschen ihren Weg zur Hamburger Gartenschau.

Die kostenlosen Wochenblätter werden überall in ganz Deutschland vertrieben. Zwischen den vielen Anzeigen und Werbebeilagen finden sich dort ausschließlich lokale Nachrichten, die aber durchaus ihre Berechtigung haben. So ist es nicht uninteressant zu wissen, warum das ansässige Schwimmbad schließt, wie viele Hunde im Tierheim auf einen neuen Besitzer warten, oder in welchen Skandal sich der Bürgermeister und sein Kämmerer derzeit verstricken. In vielen Städten gibt es neben den kostenlosen Stadtteilblättern, die flächendeckend an alle Haushalte verteilt werden, auch lokale Tageszeitungen. Prekär wird es für die Leser aber, sobald es neben den kostenlosen Anbietern keine Verlage gibt, die die Gemeindemitglieder mit Informationen versorgen. Wer von den lokalen Werbeblättchen nicht erwähnt wird, findet bei einer Monopolstellung kaum bis keine Beachtung.

„Wer bei uns nicht wirbt, der stirbt!“

Dieses Alleinstellungsmerkmal scheint man im Umland von Hamburg kräftig auszunutzen. So wird in der aktuellen Ausgabe der Kreiszeitung Wochenblatt ausführlich beschrieben, wie man seinen Garten in ein „Paradies mit hellen Farben“ verwandeln kann. Über die ortsansässige Gartenschau schweigt man sich hingegen aus. Bis zum Ende der Ausstellung verbleiben nur noch wenige Tage. Chefredakteur Reinhard Schrader bezeichnet die Veranstaltung als „Mega-Flop“. Den Organisatoren wird vorgeworfen, man habe zu wenig Werbung geschaltet. Die Verantwortlichen seien nach dem Fehlstart aufgrund des schlechten Wetters „tatenlos“ geblieben.

Um die Besucherströme anzulocken und das eigene Budget aufzubessern, bot die Wochenblatt-Gruppe der igs Hamburg 2013 GmbH ihre Dienste an. Schrader beschwert sich, man sei „überheblich abgebügelt“ worden. Und weil die Macher für die Aufmerksamkeit nicht zahlen wollen, hat man ihnen jegliche Berichterstattung verweigert. Reinhard Schrader kommentiert: „Die WOCHENBLATT-Gruppe, die mit ihren Zeitungen 400.000 Haushalte pro Woche zwischen Winsen und Stade erreicht und inzwischen über ein stark frequentiertes Online-Portal verfügt, verzichtete daraufhin auf jede Berichterstattung über die Gartenschau. Wie sagte es Henry Ford: ‚Wer nicht wirbt, stirbt‘.

Schrader verwechselt Öffentlichkeit mit gekaufter Aufmerksamkeit

Ist es aber die Aufgabe von Journalisten lediglich von Vereinen, Veranstaltungen, Parteien oder Personen zu berichten, die dafür im Vorfeld Geld überwiesen haben? Müssen bei diesem Monopol künftig auch die lokalen Sportvereine, Tierschützer, Altenheime, Feuerwehrleute, Kirchengemeinden oder Abgeordneten des Kreistages Geld lockermachen, damit sie im Wochenblatt erwähnt werden? Wer die Aufmerksamkeit nicht in Euro und Cent begleicht, wird im Umkehrschluss totgeschwiegen? Reichen dem Verlag die Umsätze aus Beilagen und Anzeigen nicht mehr aus, weswegen jetzt auch redaktionelle Inhalte verkauft werden sollen?

Dass der Chefredakteur die Weigerung seines Blattes zu berichten offen im Internet zugibt, spricht Bände. Es zeigt ganz eindeutig, dass der Verlag im Hamburger Umland nichts zu verlieren hat. Man könnte den Slogan des Ford-Gründers dementsprechend ummünzen: „Wer bei uns nicht wirbt, der stirbt!

Doch per Definition soll Journalismus Öffentlichkeit herstellen und seine Leser möglichst ausgewogen informieren. Wie aber kann jegliche Distanz gewahrt werden, wenn man sich für Berichte bezahlen lässt? Ein Geschäftsmodell, bei dem jede Aufmerksamkeit einzeln erkauft werden muss, hatten die ersten Journalisten sicher nicht im Sinn, als sie ihren Berufsstand ins Leben riefen. In jedem Fall wäre es spannend zu erfahren, in wie vielen Gemeinden dieses Vorgehen schon Schule macht. Wilhelmsburg, Staade, Buxtehude & Co. werden bei Weitem nicht die einzigen Ortschaften sein, deren Anwohner für lokale Nachrichten auf einen kostenlosen Stadtanzeiger oder ein anderes Wochenblatt angewiesen sind.


Image (adapted) „Objectivity in Journalism Wordle“ by Spot Us (CC BY-SA 2.0)

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Werbung und Content in der Beziehungskrise?!

Time Square (Bild: Sracer357 [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Adblocker, Content Marketing, Big Data – alles Symptome der neuen vernetzten Mitmachkultur. Etablierte Medienhäuser mit der alten Denke werden sich ganz warm anziehen müssen. Der Versuch eines Überblicks über die Zukunft der Medien und ihrer ökonomischen Grundlage.

Arbeiter lesen eine Zeitung (Bild: Deutsche Fotothek? [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons)

Die große Kampagne gegen Adblocker, also Menschen, die Werbung auf Onlinepublikationen per Software automatisch ausblenden weil es sie schlichtweg nervt, war am Ende wohl eher eine Kampagne für das Ausblenden von Werbung, weil es mehr oder weniger dezent einem breitem Publikum vermittelt hat, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Jetzt kann man sich darüber lustig machen, oder sich über die Verlage und generell über Werbung echauffieren, man kann aber auch mal versuchen zu verstehen, was da gerade im Umbruch ist und warum sich in letzter Zeit immer wieder solches Verhalten der Verzweiflung anhäufen. Um das zu verstehen muss man zunächst einmal verstehen was das Internet da kulturell eigentlich auf den Kopf gestellt hat.

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Geld, Geld, Geld

Nie zuvor haben es deutsche Internet-Gründer so leicht gehabt, Kapital für ihr mutiges Unternehmen zu bekommen – so zumindest scheint es, verfolgt man die Stimmung der Venture Capital-Szene.
Nicht zuletzt in München auf der „Digital, Life, Design“-Konferenz war die Euphorie der Szene wieder zu spüren. Und so versprechen nicht nur die Samwer Brüder Geld aus VC-Kassen, sondern auch Holtzbrinck.
Und auch das Land Baden-Württemberg hat 50.000 Euro zu vergeben und sucht derzeit mit dem eigenen Wettbewerb „Web 2.0 Challenge“ innovative, interaktive Online-Projekte.
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