Helmut Schmidt zu PR und Markenbildung

Gestern sah ich einen CDU-Menschen, der im Fernsehen etwas über den Markenkern der CDU faselte. Zuerst war ich amüsiert über die Naivität. Dann merkte ich, dass er es ernst meinte. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein, dass die CDU wahrscheinlich 600.000 EUR an eine Agentur überwiesen hat, um etwas über Branding und Markenbildung zu erfahren. Das erinnert mich daran, dass ich mich neulich im Selbstversuch bei einem Online-Dating-Portal angemeldet hatte. Auch dort traf ich auf Frauen, die sich offenbar einen Markenkern erarbeitet hatten: Die Mehrheit der Erfahrungen. Wenn man zwanzig mal erlebt hat, dass Motorradfahrer viel netter sind als sie zunächst aussehen, Christen gerne CDU wählen oder Konservative Ausländer als Problem ansehen, dann bilden sich kleine oder große Markenkristalle im Verhalten…

Schon sucht man immer wieder Situationen auf, um diese Vorurteile zu bestätigen und kann nachher mit Fug und Recht behaupten, dass man sich einen Kern aufbaut. Genauso bildet sich ja auch eine Perle in einer Muschel – um einen Fremdkörper. Man kann das auch das Wachsen am Fremdbild bezeichnen. Wer sich selber nicht spüren kann, erlebt auf diese Weise wenigstens ein bißchen Lebendiges. Und man braucht gar nicht zu Extremsportarten zu greifen wie noch in den Achtziger, wo alle diejenigen, die den Kontakt zu sich selbst nicht aufbauen konnten, einfach zu Adrenalinjunkies wurden. Unter dem Gesamtmotto „Es lebe der Sport“ konnte man sich sogar zu der Gesundheitswelle zählen. Genauso verhalten sich auch nicht wenige Ü40-Singles und die CDU. Die ist ja auch Ü40. Dass diese Markenkerne eigentlich aus der Warenwelt kommen und zur Herstellung künstlicher Bedürfnisserweckung erfunden wurden, scheint niemanden zu stören. Dass haben wir in Mannheim so gelernt und das setzen wir jetzt so um. Brand Management. Dass es den Leuten unter ihrem Hut im Oberstübchen gehörig brennt, scheint niemanden zu stören. Ist ja schön warm. Denn man ist ja jetzt sozusagen im selben Boot wie Tampons, Autoreifen, Gardinen, Schokoriegel und Lebensversicherungen. Ob Parteien und partnerlose Menschen sich da wohlfühlen? Die Frage ist obsolet. Denn wer nichts fühlt, wenn er oder sie allein ist, der hat eben kein Problem. Oder man rettet sich in eine Gemeinschaft und saugt das dort vorherrschende oder per Agentur erzeugte Gefühl auf und betrügt sich mit dem Einfall, es sei das eigene Gefühl.

Sogar Helmut Schmidt, der Peter Sloterdijk unter den Bundeskanzlern, hat das verstanden, als er in dem Bahn-Magazin im Rahmen eines Interviews Folgendes zum besten gab :

„Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt’s seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!“

Zitat gesehen bei wirres.net

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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