Gigly-Interview mit Roberto De Simone: „Wir veredeln Eventdaten“

Der Gigly-Gründer Roberto De Simone beantwortet uns ein paar Fragen zu seinem kürzlich gestarteten Startup.

Gigly ist ein Kölner Startup, das sich darauf versteht ein umfassendes Künstler- und Band-Verzeichnis bzw. einen Veranstaltungskalender dieser Akteure in den jeweiligen deutschen Städten anbieten zu wollen. Das Augenmerk liegt dabei jedoch weniger auf den Mainstream anstatt vielmehr auf weniger bekannte Acts, die sich in Szenekreisen bewegen. Laut Gigly-Gründer Roberto De Simone, sind diese Events viel zu schwer zu finden und das soll sich schnellstens ändern.

Lieber Roberto, ist es bei euch – wie so oft im Rahmen von Startup-Gründungen – eher einem Zufall zu verdanken, dass die Idee Gigly entstanden ist? Oder war es vielmehr eine persönliche Not, die euch dazu bewogen hat das Projekt zu entwickeln?

Sowohl als auch. Zufall war hier eher, das sich ein echter Konzertliebhaber und „Internetexperte“ in meiner Person getroffen haben. Ich besuche in guten Jahren bis zu 40 Konzerte und habe mich immer gewundert, zum Teil auch geärgert, warum das Thema „Konzertdaten im Internet“ noch kein echtes zu Hause gefunden hat. Damit meine ich die unglaubliche Intransparenz von Event-Informationen im World-Wide-Web. Wenn ich mir viel Mühe gebe, dann kann ich einige Informationen zu angesagten Gigs und Konzerten aus lokalen Musikszenen handisch über Google recherchieren. Das nimmt jedoch einige Zeit in Anspruch und ist vielen potentiellen und interessierten Konzertgängern einfach zu viel Arbeit. Du musst wissen wo in einer Stadt was zu welcher Musikrichtung veranstaltet wird, um dann anschließend genau dort regelmäßig nachzuschauen. Das Angebot in den lokalen Konzertszenen ist i.d.R. riesig. Ich habe in manchen Monaten bis zu 200 Konzerte gezählt, alleine in einer Stadt wie Köln und das nur im Genre „Jazz“. Wir nennen diesen Markt „Long-tail-Konzertmarkt“, also die vielen kleinen Konzerte mit deutlich weniger als 300 Besuchern pro Konzert.

Ich wusste recht schnell, dass ich diesen Zustand ändern muss und mit diesem Projekt den Konzertgängern, Musikern sowie Spielstättenbetreibern und Veranstaltern einen großen Gefallen tue. Das bisherige Feedback bestätigt uns zu 100% und aus Gigly ist mittlerweile ein waschechtes Internet-Start-Up geworden.

Viele streuen und suchen genau diese Informationen über Facebook-Veranstaltungen. Dieses Tool hat sich zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt für Veranstalter kleinerer Events und zu einem bequemen Recherchemittel für die Szene-Suchenden. Die Konzerte werden einem quasi frei Haus geliefert und Freunde aus anderen Städten empfehlen hier sogar. Alles mehr oder weniger kostenlos. Warum würdest du Veranstaltern, Bands und Konzertgängern trotzdem raten, sich euer Projekt einmal genauer anzuschauen?

Facebook ist in der Tat das mit Abstand wichtigste Online-Marketingwerkzeug um Events aller Art zu promoten. Weil das mittlerweile alle so sehen, ist leider auch das, ich nenne es mal „Rauschen“, rund um Events bei Facebook extrem angestiegen. Ich erhalte fast täglich Hinweise zu allerlei Events wie Brunch-Meetings, Techno-Partys, Einweihungsfeiern, Geburtstagsfeten und so weiter. Zwischen all diesen „Events“ ist dann auch mal eine Einladung zu einem Konzert, von dem ein Facebook-Freund oder Veranstalter sich erhofft, dass dies relevant für mich sein könnte. Bei Facebook werden Informationen ohne thematische Eingrenzung ungefragt an mich heran gepusht.

Für das soziale Netzwerk sind Events einfach nur Events. Für Gigly sind Events Live-Konzerte, also eine bestimmt Gattung von Events. Ich sage außerdem immer: „Wir veredeln Eventdaten“ und damit meine ich natürlich alle Daten rundum die jeweilige Veranstaltung. Was bringt mir eine Facebook-Einladung zu einem Konzert, wenn ich dann zum Beispiel nochmal Google bemühen muss, um sicher zu gehen, dass die Band mir auch wirklich gefallen wird und ein Besuch sich lohnt? Wir fokussieren uns auf das Konzert an sich und bieten alle relevanten Zusatzinfos wie z.B. Band- und Künstlerinformationen. Bei uns bekommt man alles aus einer Hand und das in hoher Qualität.

Trotzdem bleibt natürlich das soziale Netzwerk auch für uns und unser Konzept enorm wichtig, kein Zweifel. Wir nutzen es nur etwas anders bzw. erweitern die üblichen Like- und Empfehlungsmechanismen für Events von Facebook. Die Basis unseres Ansatzes ist, das Konzertdaten zu einer bestimmten Stadt und einem bestimmten Genre möglichst vollständig von uns kommen. Das ist was wir am besten können. Bei der Distribution dieser Daten unterstützt uns Facebook. Wir werden beispielsweise zu jeder größeren Stadt/Region in Deutschland eigene „Konzert-Genre-Seiten“ erstellen. Das erste Beispiel dafür ist unsere Page zu „Jazz in Köln“. Jazzinteressierte aus der Region können diese Seite abonnieren und erhalten dann automatisch alle aktuellen Konzerte aus der Kölner Jazzszene von uns in ihren Newsfeed. Das finden wir deutlich relevanter, dadurch automatisch informativer als sich auf die gut gemeinten Tipps von Facebook-Freunden zu verlassen.

Das klingt in Anbetracht der vielen Städte und Regionen Deutschlands sowie den unzähligen möglichen Genres nach einem enormen administrativen Aufwand diese Seiten zu pflegen. Zumindest wenn die Pages nicht maschinell bestückt werden und Ihr euer Portfolie neben „Jazz in Köln“ noch weiter ausbauen wollt. Wie hoch habt Ihr derzeit eure inhaltlichen Ziele gesteckt?

Das stimmt. Der administrative Aufwand ist, wenn man alles richtig macht, am Anfang sehr hoch. Auch ein Grund warum das Thema „Konzertdaten“ in der Tiefe bisher noch kein Anbieter geknackt hat. Gigly wird und muss Prozesse anbieten über die Fans, Veranstalter und Musiker Konzerte schnell und einfach selbst auf Gigly eintragen können. Crowdsourcing ist hier das große Thema. Erste Funktion dazu bieten wir unseren Nutzern bereits in unserem Login-Bereich an. Bald wird man auch direkt in unserem Frontend solche Daten schnell und einfach zusteuern können. Dazu haben wir ein paar innovative Features „in der Pipeline“ – wie man so schön sagt.

Wir werden mit unserem Datenangebot sehr bedacht und gründlich vorgehen und zwar Stadt für Stadt, wobei wir uns vorerst nur auf die zehn größten Städte in Deutschland fokussieren werden. Kleinere Städte als diese Top-10 verfügen i.d.R. über keine nennenswerten Konzertszenen. Solche kleinen Städte oder sogar Ortschaften werden wir später mit eine simple Umgebungssuche auf PLZ-Niveau mit relevanten Konzertdaten bedienen.

Unsere Lernkurve ist zurzeit enorm und wir rechnen fest damit immer schneller Städte und Genres auf Gigly aufschalten zu können. Die Distribution unserer Daten in alle relevanten Social-Networks wird dabei weitestgehend automatisch ablaufen, so wie jetzt auch schon. Aber ich will eigentlich gar nicht zu viel verraten. Am Ende kommt es immer anders als man denkt. Das ist im Internet eigentlich fast immer so.

Wie finanziert Ihr euch? Der Dienst ist kostenfrei und die Daten werden nicht an Dritte weitergeben, heißt es in den AGBs. Selbst Bannerwerbung ist mir auf eurer Seite auf den ersten Blick nicht aufgefallen.

Wir geben keine Nutzerdaten an Dritte weiter. Ansonsten ist unser Konzept ja genau das Weiterleiten bzw. Verbreiten von Daten – jedoch von Konzertdaten, was in diesem Fall im klaren Interesse aller Beteiligten liegt. Finanzieren werden wir uns über Mehrwertdienste für Veranstalter, Spielstättenbetreiber und evtl. auch Künstler. Hierbei wird unser Fokus klar auf einer Self-Service-eTicketing-Technologie gerichtet sein. Für Besucher wird die Plattform kostenlos bleiben. Nur die Veranstalter und Spielstättenbetreiber werden ganz klassisch einen prozentualen Anteil an ihren Ticketumsätzen an Gigly abführen. Das gilt jedoch nur für solche Tickets, welche über die Self-Service Ticketinglösung verkauft werden.

Diese Lösung befindet sich momentan in der Konzeptions- und Planungsphase und wird in ca. sechs bis neun Monaten online gehen. Mehr will ich momentan noch nicht verraten. Gigly hat ein paar extrem sinnvolle Neuerungen bzw. Features in der Schublade und wir können es kaum abwarten diese auf unsere Nutzer loszulassen. Zum Thema Bannerwerbung bleibt nur zu sagen, dass wir versuchen werden, Werbung extrem elegant und vor allem passend in unsere Webseite zu integrieren und das muss keineswegs weniger effektiv sein. Wir distanzieren uns jedoch ganz klar von plumper Werbung genauso wie alle anderen auch.

Habt Ihr Vorbilder? Oder sind Vorbilder eher unüblich in der Startup-Szene? Copycats haben ja oft nicht den besten Ruf.

Ich persönlich finde Copycats gar nicht so schlimm, solange sie nicht auf plumpe Art und Weise eine 1-zu-1 Kopie eines erfolgreichen Vorbilds sind. Die „alte“ Businesswelt besteht übrigens fast ausschließlich aus Copycats und das aus gutem Grund – Tankstellen, Restaurants, Schuhfabriken usw., alles schon da gewesen – tausendfach! So gut wie jeder Web-Service da draußen bedient sich mal mehr mal weniger bei bereits etablierten Designs, Funktionen und Prozessen. Dazu kann ich auch nur jedem Produktmanager raten. Das ist zuerst einmal nichts Verwerfliches. Die Kunst ist es, sich inspirieren zu lassen, etablierte Elemente zu erkennen, diese zu übernehmen und mit eigenen Ideen zu vermischen und am Ende dem Ganzen einen einzigartigen und nach Möglichkeit innovativen Anstrich zu geben. Das alleine ist schwer genug. Mit Gigly habe ich das genauso versucht zu befolgen und wenn ich mir das Feedback anhöre, ist uns das bis jetzt auch recht gut gelungen. Man muss nicht jedes Mal das Rad neu erfinden um dem Vorwurf einer Copycat aus dem Weg zu gehen.

Lieber Roberto, ich danke dir für deine Zeit!

Gerne, jederzeit wieder.



Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


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