Die Debatte um Geo-Engineering geht uns alle an

Es besteht die Möglichkeit, dass wir ein System entwickeln müssen, um gegen die globale Erwärmung anzugehen – und zwar schnell. Das mag wie eine verrückte Idee erscheinen. Allerdings sind mehr als 250 andere Wissenschaftler, Politiker und Interessenvertreter aus aller Welt, unter ihnen auch ich, kürzlich nach Berlin gekommen. Hier wurde über die Versprechungen und Gefahren des Geo-Engineerings diskutiert.

Es gibt viele mögliche Methoden, um das Klima zu gestalten. Ein paar frühe, jedoch eher absurde Ideen waren die Installation eines „Space Sunshade“: ein massiver Spiegel, der die Erde umkreist, um Sonnenlicht zu reflektieren. Die Ideen, die heute am meisten diskutiert werden, sind vielleicht nicht viel realistischer. Partikel in die Stratosphäre sprühen, um Sonnenlicht zu reflektieren, oder die Ozeane mit Eisen befruchten, um Algenwachstum und Kohlendioxidbindung durch Photosynthese zu fördern.

Doch seit dem Pariser Abkommen ist die Aussicht auf Geo-Engineering wesentlich realistischer geworden. Das Pariser Abkommen von 2015 verpflichtete sich nahezu universell und rechtlich verbindlich, den Anstieg der globalen Temperatur auf deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten und sogar den Anstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) kommt zu dem Schluss, dass diese Ziele erreicht werden können. Doch fast alle Szenarien stützen sich auf den umfassenden Einsatz von Geo-Engineering bis zum Ende des Jahrhunderts.

Das Klima gestalten

Geo-Engineering gibt es in zwei verschiedenen Ausformungen. Die erste ist die Beseitigung von Treibhausgasen. Jene Ideen, die darauf abzielen, Kohlendioxid und andere Treibhausgase aus der Atmosphäre zu entfernen und zu speichern. Die zweite ist die Beeinflussung der Sonneneinstrahlung. Die Idee dahinter ist, dass man versuchen würde, eine gewisse Menge an Sonnenlicht von der Erde wegzureflektieren.

Die Beeinflussung der Sonneneinstrahlung ist umstritten. Hier wird bisher nichts unternommen, um die Ursache des Klimawandels – die Treibhausgasemissionen – zu bekämpfen. Außerdem wirft es eine ganze Menge Bedenken über unerwünschte Nebenwirkungen wie Veränderungen des regionalen Wetterverhaltens auf.

Und dann gibt es noch das so genannte „Beendigungsproblem“. Wenn wir das Klima irgendwann nicht mehr beeinflussen würden, würde die Temperatur weltweit plötzlich wieder auf das Level zurückkehren, wo sie ohne diese Beeinflussung gewesen wäre. Und wenn wir nicht gleichzeitig die Emissionen verringert hätten, würde dies einen starken und plötzlichen Anstieg bedeuten.

Die meisten Klimamodelle, die die Ziele des Pariser Abkommens erreichen, gehen davon aus, dass die Beseitigung von Treibhausgasen, insbesondere Bioenergie und CO2-Abtrennung und -Lagerungstechnologie, genutzt werden. Wie die jüngste Konferenz jedoch gezeigt hat, gibt es trotz der Tatsache, dass die Forschung auf diesem Gebiet immer mehr an Boden gewinnt, eine gefährliche Kluft zwischen dem derzeitigen Stand der Technik und der Durchführbarkeit des Pariser Abkommens über den Klimawandel.

Das Pariser Abkommen – und seine implizite Abhängigkeit von der Beseitigung von Treibhausgasen – ist zweifellos eine der bedeutendsten Entwicklungen auf dem Gebiet des Geo-Engineering seit der letzten Konferenz seiner Art im Jahr 2014. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der Konferenz weg von der umstrittenen und aufmerksamkeitsstarken Beeinflussung der Sonneneinstrahlung hin zu einer banaleren, aber politisch relevanteren Treibhausgasentsorgung.

Umstrittene Experimente

Aber es gab Momente, in denen die Sonnenlicht reflektierende Methoden noch immer allen die Show stahlen. Ein Kernstück der Konferenz war ein Talk, bei dem David Keith und seine Kollegen vom Harvard University Solar Geoengineering Research Programme ihre Experimentierpläne vorstellten. Ziel ist es, ein Instrumentenpaket mit einem Höhenballon auf eine Höhe von 20 Kilometer zu heben und eine kleine Menge reflektierender Partikel in die Atmosphäre abzugeben.

Dies wäre nicht das erste Geo-Engineering-Experiment. Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer experimentieren bereits mit verschiedenen Ideen, von denen einige in der Öffentlichkeit auf großes Interesse gestoßen sind. Es hat aber auch Kontroversen gegeben. Ein besonders bemerkenswerter Fall war ein britisches Projekt, bei dem im Jahr 2013 aufgrund von Bedenken über das geistige Eigentum die Ausführung gestrichen wurden. Der Plan war, in einer Höhe von einem Kilometer über dem Boden eine kleine Menge Wasser in die Atmosphäre abzugeben, indem man ein Rohr benutzt, das mit einem Ballon verbunden ist.

Solche Experimente sind unerlässlich, wenn Geo-Engineering-Ideen jemals zu technisch tragfähigen Beiträgen beitragen sollen, mit denen die Ziele des Pariser Abkommens erreicht werden sollen. Aber es ist die Steuerung von Experimenten, nicht ihre technischen Qualifikationen, die immer schon das umstrittenste Feld der Geo-Engineering-Debatte war und ist.

Kritiker warnten, dass das Harvard-Experiment ein Dammbruchargument in Richtung eines unerwünschten Aufmarsches sein könnte. Deshalb müsse es zurückgehalten werden. Die Befürworter argumentierten jedoch, dass die Technologie erst entwickelt werden müsse, bevor wir wissen könnten, was wir zu regieren versuchen.

Die Herausforderung für die Governance besteht nicht darin, eines dieser beiden Extreme zu unterstützen. Vielmehr muss ein verantwortungsvoller Weg zwischen ihnen gefunden werden.

Wie regieren?

Der Schlüssel zu einer verantwortungsbewussten Steuerung von Geo-Engineering-Experimenten liegt in der Berücksichtigung öffentlicher Interessen und Anliegen. Geo-Engineering-Experimentatoren, oder jene, die es gerne wären, einschließlich jener in Harvard, versuchen routinemäßig, diese Interessen zu erklären. Hier appelieren sie an ihre Experimente, die von einem kleinen Maßstab und einem begrenzten Umfang sind. Doch wie ich bereits auf der Konferenz argumentiert habe, war in öffentlichen Diskussionen über den Umfang und das Ausmaß von Geo-Engineering-Experimenten ihre Bedeutung immer subjektiv und durch andere Anliegen qualifiziert.

Meine Kollegen und ich haben festgestellt, dass die Öffentlichkeit mindestens vier Hauptanliegen an Geo-Engineering-Experimenten hat. Ihren Grad der Eindämmung, die Unsicherheit darüber, was die Ergebnisse sein würden, die Rückführbarkeit der Auswirkungen und die Absicht dahinter. Ein Versuch, der sich nur in Innenräumen abspielt, könnte daher als unannehmbar angesehen werden, zum Beispiel, wenn er Bedenken in Bezug auf private Interessen hervorruft. Andererseits könnte ein Großversuch im Freien akzeptabel sein, wenn er keine Stoffe in die Umwelt freisetzt.

Unter bestimmten Bedingungen konnten die vier Dimensionen ausgerichtet werden. Die Herausforderung für die Governance besteht darin, diese und wahrscheinlich auch andere Dimensionen der Beherrschbarkeit zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Gestaltung der Governance selbst im Mittelpunkt der Entwicklung von Geo-Engineering-Experimenten stehen muss.

Es stehen eine ganze Reihe von Methoden des wechselseitigen Dialogs zur Verfügung – Fokusgruppen, Bürgerjurys, Beratungsworkshops und viele andere mehr. Und für diejenigen, die außerhalb der formalen Einbindung in solche Prozesse stehen: Lesen und sprechen Sie viel mehr über Geo-Engineering. Wir müssen einen gesellschaftlichen Dialog darüber beginnen, wie wir solche umstrittenen Technologien beherrschen können.

Die öffentlichen Interessen und Anliegen müssen schon im Vorfeld eines Experiments herausgearbeitet werden. Die Ergebnisse müssen dazu genutzt werden, die Art und Weise, wie wir es regeln, sinnvoll zu gestalten. Dadurch wird das Experiment nicht nur legitimer, sondern auch wesentlich besser.

Sie sollten nicht in die Falle tappen. Es werden Experimente nötig sein, wenn wir den Ideenwert von Geo-Engineering erlernen wollen. Aber dies kann nur geschehen, wenn im Kern die öffentlichen Werte enthalten sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „White and Blue…“ by Willian Justen de Vasconcellos (CC0 Public Domain)


The Conversation


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Rob Bellamy

Rob Bellamy

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft der Universität Oxford. Seine Forschung konzentriert sich auf die Wechselwirkungen zwischen dem globalen Umweltwandel und der Gesell-schaft, insbesondere in Bezug auf Entscheidungsfindung, Öffentlichkeitsbe-teiligung, Innovationssteuerung und Risikowahrnehmung.

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