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Die Debatte um Geo-Engineering geht uns alle an

White and Blue (adapted) (Image by Willian Justen de Vasconcellos [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Es besteht die Möglichkeit, dass wir ein System entwickeln müssen, um gegen die globale Erwärmung anzugehen – und zwar schnell. Das mag wie eine verrückte Idee erscheinen. Allerdings sind mehr als 250 andere Wissenschaftler, Politiker und Interessenvertreter aus aller Welt, unter ihnen auch ich, kürzlich nach Berlin gekommen. Hier wurde über die Versprechungen und Gefahren des Geo-Engineerings diskutiert.

Es gibt viele mögliche Methoden, um das Klima zu gestalten. Ein paar frühe, jedoch eher absurde Ideen waren die Installation eines „Space Sunshade“: ein massiver Spiegel, der die Erde umkreist, um Sonnenlicht zu reflektieren. Die Ideen, die heute am meisten diskutiert werden, sind vielleicht nicht viel realistischer. Partikel in die Stratosphäre sprühen, um Sonnenlicht zu reflektieren, oder die Ozeane mit Eisen befruchten, um Algenwachstum und Kohlendioxidbindung durch Photosynthese zu fördern.

Doch seit dem Pariser Abkommen ist die Aussicht auf Geo-Engineering wesentlich realistischer geworden. Das Pariser Abkommen von 2015 verpflichtete sich nahezu universell und rechtlich verbindlich, den Anstieg der globalen Temperatur auf deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten und sogar den Anstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) kommt zu dem Schluss, dass diese Ziele erreicht werden können. Doch fast alle Szenarien stützen sich auf den umfassenden Einsatz von Geo-Engineering bis zum Ende des Jahrhunderts.

Das Klima gestalten

Geo-Engineering gibt es in zwei verschiedenen Ausformungen. Die erste ist die Beseitigung von Treibhausgasen. Jene Ideen, die darauf abzielen, Kohlendioxid und andere Treibhausgase aus der Atmosphäre zu entfernen und zu speichern. Die zweite ist die Beeinflussung der Sonneneinstrahlung. Die Idee dahinter ist, dass man versuchen würde, eine gewisse Menge an Sonnenlicht von der Erde wegzureflektieren.

Die Beeinflussung der Sonneneinstrahlung ist umstritten. Hier wird bisher nichts unternommen, um die Ursache des Klimawandels – die Treibhausgasemissionen – zu bekämpfen. Außerdem wirft es eine ganze Menge Bedenken über unerwünschte Nebenwirkungen wie Veränderungen des regionalen Wetterverhaltens auf.

Und dann gibt es noch das so genannte „Beendigungsproblem“. Wenn wir das Klima irgendwann nicht mehr beeinflussen würden, würde die Temperatur weltweit plötzlich wieder auf das Level zurückkehren, wo sie ohne diese Beeinflussung gewesen wäre. Und wenn wir nicht gleichzeitig die Emissionen verringert hätten, würde dies einen starken und plötzlichen Anstieg bedeuten.

Die meisten Klimamodelle, die die Ziele des Pariser Abkommens erreichen, gehen davon aus, dass die Beseitigung von Treibhausgasen, insbesondere Bioenergie und CO2-Abtrennung und -Lagerungstechnologie, genutzt werden. Wie die jüngste Konferenz jedoch gezeigt hat, gibt es trotz der Tatsache, dass die Forschung auf diesem Gebiet immer mehr an Boden gewinnt, eine gefährliche Kluft zwischen dem derzeitigen Stand der Technik und der Durchführbarkeit des Pariser Abkommens über den Klimawandel.

Das Pariser Abkommen – und seine implizite Abhängigkeit von der Beseitigung von Treibhausgasen – ist zweifellos eine der bedeutendsten Entwicklungen auf dem Gebiet des Geo-Engineering seit der letzten Konferenz seiner Art im Jahr 2014. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der Konferenz weg von der umstrittenen und aufmerksamkeitsstarken Beeinflussung der Sonneneinstrahlung hin zu einer banaleren, aber politisch relevanteren Treibhausgasentsorgung.

Umstrittene Experimente

Aber es gab Momente, in denen die Sonnenlicht reflektierende Methoden noch immer allen die Show stahlen. Ein Kernstück der Konferenz war ein Talk, bei dem David Keith und seine Kollegen vom Harvard University Solar Geoengineering Research Programme ihre Experimentierpläne vorstellten. Ziel ist es, ein Instrumentenpaket mit einem Höhenballon auf eine Höhe von 20 Kilometer zu heben und eine kleine Menge reflektierender Partikel in die Atmosphäre abzugeben.

Dies wäre nicht das erste Geo-Engineering-Experiment. Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer experimentieren bereits mit verschiedenen Ideen, von denen einige in der Öffentlichkeit auf großes Interesse gestoßen sind. Es hat aber auch Kontroversen gegeben. Ein besonders bemerkenswerter Fall war ein britisches Projekt, bei dem im Jahr 2013 aufgrund von Bedenken über das geistige Eigentum die Ausführung gestrichen wurden. Der Plan war, in einer Höhe von einem Kilometer über dem Boden eine kleine Menge Wasser in die Atmosphäre abzugeben, indem man ein Rohr benutzt, das mit einem Ballon verbunden ist.

Solche Experimente sind unerlässlich, wenn Geo-Engineering-Ideen jemals zu technisch tragfähigen Beiträgen beitragen sollen, mit denen die Ziele des Pariser Abkommens erreicht werden sollen. Aber es ist die Steuerung von Experimenten, nicht ihre technischen Qualifikationen, die immer schon das umstrittenste Feld der Geo-Engineering-Debatte war und ist.

Kritiker warnten, dass das Harvard-Experiment ein Dammbruchargument in Richtung eines unerwünschten Aufmarsches sein könnte. Deshalb müsse es zurückgehalten werden. Die Befürworter argumentierten jedoch, dass die Technologie erst entwickelt werden müsse, bevor wir wissen könnten, was wir zu regieren versuchen.

Die Herausforderung für die Governance besteht nicht darin, eines dieser beiden Extreme zu unterstützen. Vielmehr muss ein verantwortungsvoller Weg zwischen ihnen gefunden werden.

Wie regieren?

Der Schlüssel zu einer verantwortungsbewussten Steuerung von Geo-Engineering-Experimenten liegt in der Berücksichtigung öffentlicher Interessen und Anliegen. Geo-Engineering-Experimentatoren, oder jene, die es gerne wären, einschließlich jener in Harvard, versuchen routinemäßig, diese Interessen zu erklären. Hier appelieren sie an ihre Experimente, die von einem kleinen Maßstab und einem begrenzten Umfang sind. Doch wie ich bereits auf der Konferenz argumentiert habe, war in öffentlichen Diskussionen über den Umfang und das Ausmaß von Geo-Engineering-Experimenten ihre Bedeutung immer subjektiv und durch andere Anliegen qualifiziert.

Meine Kollegen und ich haben festgestellt, dass die Öffentlichkeit mindestens vier Hauptanliegen an Geo-Engineering-Experimenten hat. Ihren Grad der Eindämmung, die Unsicherheit darüber, was die Ergebnisse sein würden, die Rückführbarkeit der Auswirkungen und die Absicht dahinter. Ein Versuch, der sich nur in Innenräumen abspielt, könnte daher als unannehmbar angesehen werden, zum Beispiel, wenn er Bedenken in Bezug auf private Interessen hervorruft. Andererseits könnte ein Großversuch im Freien akzeptabel sein, wenn er keine Stoffe in die Umwelt freisetzt.

Unter bestimmten Bedingungen konnten die vier Dimensionen ausgerichtet werden. Die Herausforderung für die Governance besteht darin, diese und wahrscheinlich auch andere Dimensionen der Beherrschbarkeit zu berücksichtigen. Das bedeutet, dass die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Gestaltung der Governance selbst im Mittelpunkt der Entwicklung von Geo-Engineering-Experimenten stehen muss.

Es stehen eine ganze Reihe von Methoden des wechselseitigen Dialogs zur Verfügung – Fokusgruppen, Bürgerjurys, Beratungsworkshops und viele andere mehr. Und für diejenigen, die außerhalb der formalen Einbindung in solche Prozesse stehen: Lesen und sprechen Sie viel mehr über Geo-Engineering. Wir müssen einen gesellschaftlichen Dialog darüber beginnen, wie wir solche umstrittenen Technologien beherrschen können.

Die öffentlichen Interessen und Anliegen müssen schon im Vorfeld eines Experiments herausgearbeitet werden. Die Ergebnisse müssen dazu genutzt werden, die Art und Weise, wie wir es regeln, sinnvoll zu gestalten. Dadurch wird das Experiment nicht nur legitimer, sondern auch wesentlich besser.

Sie sollten nicht in die Falle tappen. Es werden Experimente nötig sein, wenn wir den Ideenwert von Geo-Engineering erlernen wollen. Aber dies kann nur geschehen, wenn im Kern die öffentlichen Werte enthalten sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „White and Blue…“ by Willian Justen de Vasconcellos (CC0 Public Domain)


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Ein Tag im Leben eines Smart-City Computers

smartwatch (adapted) (image by Free-Photos [CC0] via pixabay)

Der Alarm deines Smartphones ertönt heute Morgen zehn Minuten früher als sonst. Teile der Stadt sind abgesperrt, für die Vorbereitungen eines beliebten Sommerfestes – die Staubildung wird wohl schlimmer als an anderen Tagen sein. Du musst einen früheren Bus erwischen, um pünktlich auf Arbeit zu sein.

Die Weckerzeit ist deiner Morgenroutine angepasst, die jeden Tag von deinem Smartphone überwacht wird. Es sagt das Wetter vorher (für 7 Uhr wurde Regen angesagt), gibt Auskunft über den Wochentag (es ist Montag und der Verkehrs ist Montags immer schlimm) und sagt dir, dass du gestern spät ins Bett gegangen bist (diesen Morgen wird daher vermutlich alles etwas langsamer ablaufen). Das Telefon summt wieder – es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen, wenn du den Bus kriegen willst.

Während du zur Bushaltestelle läufst, schlägt dir dein Smartphone vor einen kleinen Umweg zu machen – aus irgendeinem Grund ist die Straße, die du sonst immer nutzt, heute sehr voll. Du kommst auf dem Weg an deinem Lieblingskaffeeladen vorbei und obwohl dieser heute 20 Prozent Rabatt anbietet, informiert dich dein Telefon nicht – du hast es immerhin eilig.

Nach deinem morgendlichen Spaziergang fühlst du dich frisch und kraftvoll. Du kommst an der mit WLAN und Bluetooth ausgestatten Bushaltestelle an und eine Benachrichtigung wird an den Busfahrer gesendet. Er weiß jetzt, dass 12 Passagiere darauf warten, abgeholt zu werden, weshalb er ein bisschen schneller fahren sollte, wenn er allen genügend Zeit geben will, einzusteigen. Das Busunternehmen ist ebenfalls informiert und schickt bereits einen weiteren Bus los, um dem hohen Personenaufkommen auf deiner Route gerecht zu werden. Während du wartest, fällt dir ein Elternteil mit zwei kleinen Kindern auf, die sich mit dem Touch-Screen der Haltestelle beschäftigen.

Als der Bus ankommt, können alle entspannt einsteigen: fast alle Passagiere nutzten Tickets, die auf ihrem Smartphone gespeichert waren. Nur eine Person musste aufwendig mit Bargeld zahlen. Im Bus holst du ein Tablet aus deiner Tasche, um die Nachrichten und deine E-Mails über das kostenlose WLAN zu checken. Dir fällt plötzlich auf, dass du vergessen hast, dein Telefon zu laden. Du schließt es also an die USB-Buchse neben deinem Sitz an, um es zu laden. Obwohl der Verkehr sehr stockend ist, kannst du fast alle deine Arbeitsmails abarbeiten. Die Zeit im Bus ist also sehr sinnvoll genutzt.

Als der Bus dich vor deinem Büro absetzt, informiert dich dein Chef über einen ungeplanten Besuch. Du buchst daher bei einem Car-Sharing-Dienst wie Co-wheels. Du sicherst dir ein Auto für die Reise, inklusive einem Klapprad im Kofferraum.

Du musst in das Zentrum der Stadt, also parkst du das geliehene Auto in einer nahgelegenen Parkbucht (die eigentlich eine ungenutzte Auffahrt eines anderen Mitglieds ist), sobald du am Stadtrand ankommst. Du nimmst für den Rest des Wegs ein Fahrrad, um Zeit zu sparen und den Verkehr zu umgehen. Deine Reise-App gibt dir Anweisungen über deine Bluetooth-Kopfhörer – es sagt dir, wie du deine Geschwindigkeit auf dem Fahrrad anpassen sollst, je nachdem, wie es um deine Fitness steht. Wegen deines Asthmas schlägt die App dir eine Route vor, die ein Areal umgeht, das starke Luftverschmutzung aufweist.

Nach dem Meeting winkst du ein Taxi heran, um zurück ins Büro zu gelangen. Du kannst auf dem Weg ein paar Mails beantworten. Mit einem Klick auf deinem Smartphone bestellst du das Taxi und in den zwei Minuten, die es bis zu dir braucht, faltest du dein Fahrrad, um es in den Kofferraum eines anderen Autos in der Nähe deines Büros zu packen. Du hast es eilig, also keine grünen Belohnungspunkte fürs Laufen heute. Wenigstens bist du pünktlich beim Meeting gewesen und hast auf dem Weg dorthin zwei Kilogramm CO2 eingespart.

Wach auf

Das mag alles wie Fiktion klingen, aber in Wahrheit werden alle notwendigen Daten dafür bereits auf die eine oder andere Art und Weise gesammelt. Dein Smartphone kann deinen Standort verfolgen, deine Fortbewegungsgeschwindigkeit und sogar die Art von Aktivität, die du ausführst – ob du fährst, läufst oder mit dem Rad unterwegs bist.

In der Zwischenzeit werden Fitness-Tracker immer besser und Smart Watches können deine Herzfrequenz und deine körperlichen Aktivität überwachen. Dein Suchverlauf und dein Verhalten auf den einschlägigen Sozialen Medien können Auskunft über deine Interessen, Geschmäcker und sogar Absichten geben: Zum Beispiel geben die Daten, die generiert werden, wenn du dir Urlaubsangebote ansiehst, nicht nur Auskunft darüber, wo du hinwillst, sondern auch wann und wieviel du bereit bist, zu zahlen.

Neben persönlichen Geräten, ist das Internet of Things mit Netzwerken unzähliger Arten von Sensoren, die von Luftverschmutzung bis Verkehrsaufkommen alles messen können, eine weitere Datenquelle. Ganz abgesehen von dem kontinuierlichen Fluss an Informationen auf Socia- Media-Plattformen zu jedem Thema, das dich interessiert.

Mit so vielen verfügbaren Daten scheint es, als sei die Erfassung unserer Umwelt fast komplett. Doch alle diese Datensätze sind in Systemen gespeichert, die nicht miteinander interagieren und von verschiedenen Entitäten verwaltet werden, die Sharing nicht gerade gut heißen. Obwohl die Technologie also bereits existiert, sind unsere Daten weiterhin bei verschiedenen Organisationen voneinander isoliert und institutionelle Hürden stehen dieser Art von Service im Weg. Ob das gut oder schlecht ist, bleibt dir überlassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „smartwatch“by Free-Photos ( CC0 Public Domain)


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Deutschlands Plan für Elektroautos könnte die CO2-Emissionen fördern

Elektroauto (adapted) (Image by MikeBird [CC0 Public Domain] via pixabay)

Deutschland hat nicht nur einen ambitionierten Plan für Elektroautos, sondern auch für erneuerbare Energien. Aber es können nicht beide ausgeführt werden. Nach letztem Stand der Dinge bemüht sich  Deutschland sehr, doch die Ambitionen widersprechen sich, da sie die Emissionen in Wirklichkeit um eine Menge vergleichbar mit den derzeitigen Abgaswerten von ganz Uruguay oder des US-Staates Montana vorantreiben würden.

Im Oktober 2016 hat der Bundesrat das Land Deutschland dazu aufgefordert, den stufenweisen Abbau von Benzinfahrzeugen bis zum Jahr 2030 zu unterstützen. Dieser Entschluss ist zwar keine offizielle Regierungsrichtlinie, aber schon Gespräche über solch ein Verbot senden ein starkes Signal in Richtung der gewaltigen Automobilindustrie. Was würde also geschehen, wenn Deutschland bis 2030 wirklich nur noch elektrische Autos nutzen würde?

Für Umweltaktivisten hört sich solch ein Wandel sehr verlockend an. Immerhin ist der Straßenverkehr für den größten Anteil unserer Emissionswerte verantwortlich und der Ersatz von regulären Benzinautos durch Elektroautos ist eine großartige Möglichkeit, diesen CO2-Fußabdruck zu verringern.

Aber es ist nicht so einfach. Das grundlegende Problem ist, dass Elektroautos von einer Energieversorgung abhängig sind, die durch schadstoffbelastete Kohle oder durch Gas generiert wird – und daher in Wirklichkeit mehr Emissionen hervorbringen  als Autos, die herkömmlichen Kraftstoff nutzen. Um also die Nettoemission tatsächlich zu reduzieren, müsste die Elektrizität erneuerbar sein. Sollten sich die Dinge nicht ändern, ist es unwahrscheinlich, dass Deutschland rechtzeitig genügend grüne Energie aufbringen kann.

Ein mögliches Verbote von Benzinfahrzeugen kam ins Gespräch, kurz nachdem die Kanzlerin betonte, dass die Regierung eine Ausweitung neuer Windparks nicht mehr fördern würde, da zu viele Produktionsschwankungen in der Herstellung erneuerbarer Energien das Stromnetz instabil machen würden. In der Zwischenzeit hat Deutschland sich als Reaktion auf die Vorfälle in Fukushima dafür ausgesprochen,  seine gesamte Kernreaktor-Flotte bis 2022 in den Ruhestand zu schicken.

Windraeder (adapted) (Image by Detmold [CC0 Public Domain] via pixabay)
Das Stromnetz Deutschlands hat Probleme im Umgang mit der unbeständigen Verfügbarkeit von Strom. Image (adapted) „Windräder“ by Detmold (CC0 Public Domain)

In einer Analyse, die im Nature-Magazin veröffentlicht wurde, haben mein Arbeitskollege Harry Hoster und ich uns angesehen, wie die Elektrizität und Verkehrspolitik in Deutschland miteinander verknüpft sind. Beide haben sich zur Aufgabe gemacht, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Würde man diese beiden Felder jedoch tatsächlich miteinander verknüpfen, könnte dies sogar zu einem Emissionsanstieg führen.

Wir haben untersucht, was nötig wäre, um das Versprechen einzuhalten und sein Verkehrswesen auf Elektrizität umstellen. Zudem haben wir untersucht, was diese Entwicklung für eine Schadstoffbelastung nach sich ziehen würde. Unsere Forschung weist darauf hin, dass man keinesfalls fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung und im Transportwesen auf einen Schlag tilgen kann. Diesem Umstand wird Deutschland demnächst ins Auge sehen müssen.

Weniger Energie, mehr Elektrizität

Es ist eine Tatsache, dass der Austausch von Verbrennungsfahrzeugen durch elektronische den Energiebedarf verringern würde. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Elektroautos viel effizienter sind. Wenn Benzin verbrannt wird, wird nur 30 Prozent oder weniger an Energie dafür verwendet, das Auto  vorwärtszubewegen  – der Rest wird als Abgase ausgestoßen und für die Wasserpumpe oder andere unwirtschaftliche Vorgänge verwendet. Elektroautos verlieren zwar einige Energie durch das Wiederaufladen der Batterien, aber im Gesamten werden mindestens 75 Prozent davon zur tatsächlichen Fortbewegung verwendet.

Deutsche Fahrzeuge verbrauchen jedes Jahr flüssigen Brennstoff im Wert von circa 572 Terrawattstunden (TWh). Basierend auf den zuvor genannten Effizienzeinsparungen würde ein vollständig elektrifizierter Verkehrssektor ungefähr 229 TWh verbrauchen. Daher würde Deutschland insgesamt zwar weniger Energie verbrauchen (da Benzin eine Energiequelle darstellt), aber es bedürfte einer erstaunlichen Menge an erneuerbaren oder nuklearen Ressourcen.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Deutschland plant den stufenweisen Abbau seiner Kernkraftreaktoren, idealerweise bis 2022, jedoch spätestens bis 2030. Dadurch gehen weitere 92 TWh verloren, die ersetzt werden müssen.

Zählt man die zusätzliche erneuerbare Elektrizität zusammen, die benötigt wird, um Millionen von Fahrzeugen mit Strom zu versorgen, und die jene der Kernkraftwerke ersetzen soll, so ergibt dies eine Summe von 321 TWh bis 2030, die durch erneuerbare Energiequellen ersetzt werden muss. Dies entspricht einem ganzen Dutzend neuer Elektrizitätswerke.

Auch wenn die erneuerbare Energie sich auf Basis des von Deutschland erstellten Plans mit der höchsten erlaubten Wachstumsrate ausbreitet, wird diese dennoch nur circa 63 TWh der Gesamtmenge abdecken. Wasserkraft, Erdwärme und Bioenergie leiden nicht unter denselben periodisch bedingten Problemen wie Wind- oder Solarenergie, sondern Deutschland hat das zur Verfügung stehende Potential in allen drei Bereichen jedoch bereits nahezu ausgeschöpft.

Das bedeutet, dass der Rest der fehlenden Energie – das sind insgesamt beeindruckende 258 TWh – durch Kohle oder Erdgas aufgefüllt werden muss. Das entspricht dem derzeitigen gesamten Energieverbrauch von Spanien – oder zehn Mal dem von Irland.

Deutschland kann sich dafür entscheiden, diese Lücke mit Kohle oder Gaswerken aufzufüllen. Würde man jedoch vollkommen auf Kohle setzen, würde dies erneut zu Emissionen von 260 Millionen Tonnen CO2 im Jahr führen, während Erdgas alleine 131 Millionen Tonnen Abgase produziert.

Deutschlands Straßenverkehr stößt derzeit circa 156 Millionen Tonnen CO2 aus, bei dem der größte Teil von Fahrzeugen stammt. Aus diesem Grund, sofern das Energiedefizit nicht beinahe vollständig von Erdgaswerken ersetzt wird, könnte Deutschland komplett auf Elektroautos umsteigen, die Abgase würden trotzdem ein Nettowachstum aufweisen.

Image by Dénes Csala
Image by Dénes Csala

Die Grafik weiter oben zeigt ein realistischeres Szenario, in welchem die Hälfte der von den Elektroautos benötigten Elektrizität von neuen Gaswerken gewonnen würde und die andere Hälfte von Kohlebergwerken. Wir haben angenommen, dass sowohl Kohle als auch Erdgas ihre Effizienz um 25 Prozent  steigern würden. In diesem relativ wahrscheinlichen Szenario steigen die tatsächlichen Emissionen im Verkehr um 20 Prozent oder sogar um bis zu 32 Millionen Tonnen CO2 (vergleichbar mit dem jährlichen Emissionsausstoß von Uruguay oder Montana) an.

Wenn Deutschland den Abgasausstoß seiner Fahrzeuge wirklich erheblich reduzieren möchte, müssen die Energie- und Transportrichtlinien ausgeglichen sein. Statt die Energie durch neue Solaranlagen und Windparks abzudecken, sollte Deutschland die stufenweise Abkehr von der Kernenergie verschieben und sich vielleicht lieber auf die Berechnung des Energiebedarfes und die Lagerung von erneuerbarer Energie konzentrieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Elektroauto“ by MikeBird (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • AMAZON heise: Streik bei Amazon – und keiner merkt‘s: Vor wenigen Tagen hatte Verdi erneut zu Arbeitsniederlegungen an den deutschen Logistikstandorten aufgerufen, auch am bundesweit größten im osthessischen Bad Hersfeld. Das war keineswegs neu. Streiks bei Amazon sind inzwischen zu einem Dauerbrenner geworden und werden seit vier Jahren alljährlich im Weihnachtsgeschäft hochgefahren. Verdi fordert einen Tarifvertrag nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels für die 11.000 Beschäftigten in den Warenlagern, bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende von „Unternehmenswillkür“. Doch Amazon, das sich als Logistiker sieht, stellt sich quer.

  • MICROSOFT golem: Microsoft stellt Photosynth-Dienst ein: Die Website zur Panoramasoftware Photosynth wird im Februar 2017 eingestellt. Dies teilte Microsoft mit einem Posting im Microsoft Developer Network mit. Wer dort noch begehbare Bilderwelten gespeichert hat, sollte diese vorher herunterladen, denn sie werden ebenfalls entfernt. Microsoft bot die Software seit 2008 Nutzern kostenlos an. Photosynth erstellt aus Fotos mit gleichen Motiven begehbare Panoramen. Das Programm versucht, Aufnahmestandpunkte nachzuberechnen und Bilder räumlich passend anzuordnen.

  • ANDROID googlewatchblog: Android Nougat: Neue versteckte Funktion ermöglicht Anfertigen von Teil-Screenshots:Je nach Hersteller des Smartphones gibt es eine Reihe von Möglichkeiten und Varianten, um einen Screenshot unter Android anzufertigen. In allen Fällen wird aber ein Screenshot des gesamten Displays angefertigt, der dann hinterher bearbeitet und gespeichert oder versendet werden kann. Unter Android Nougat ist nun eine neue, sehr gut versteckte, Funktion aufgetaucht, mit der sich auch nur Teile des Displays verewigen lassen.

  • AUDI deutsche-wirtschafts-nachrichten: Abgas-Skandal: Neue Betrugs-Software bei Audi: Der Autobauer Audi gerät einem Medienbericht zufolge in der Abgas-Affäre immer stärker unter Druck. Die kalifornische Umweltbehörde CARB habe im Sommer eine weitere Betrugs-Software bei einem Audi mit V6-Motor entdeckt, berichtet die Bild-Zeitung. Der Ingolstädter Autohersteller habe diese auch für die Manipulation von CO2-Werten für Diesel und Benziner in Europa verwendet. Audi-Modelle mit einem bestimmten Automatik-Getriebe können dem Zeitungsbericht zufolge mittels einer sogenannten Lenkwinkel-Erkennung unterscheiden, ob sie auf einem Rollenprüfstand sind oder auf der Straße fahren. Wird das Lenkrad wie auf dem Prüfstand nach dem Start nicht bewegt, aktiviere sich ein Schaltprogramm für das Getriebe, das besonders wenig CO2 produziere.

  • DATENSCHUTZ datenschutzbeauftragter-info: Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten: Eigentlich ist die Pflicht, unter gewissen Voraussetzungen ein Verzeichnis über alle relevanten Verarbeitungstätigkeiten führen zu müssen, nicht neu. Allerdings war ein Verstoß dagegen bisher nicht direkt bußgeldbewehrt. Mit Einführung der Datenschutz-Grundverordnung müssen die Verantwortlichen nun die Verzeichnisse von Verarbeitungstätigkeiten jederzeit und vollständig für die Aufsichtsbehörden vorhalten können, ansonsten droht ein Bußgeld, Art. 83 Abs. 4 a DSGVO. Unabhängig von der abzuwartenden Bußgeldpraxis der Aufsichtsbehörden, bewegt sich der mögliche Rahmen hier bis zu 10 Mio. Euro oder bei Unternehmen bis zu 2% des Jahresumsatzes, sodass hier in jedem Fall zu entsprechender Vorsorge zu raten sein dürfte.

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Die Erkundung des Mars im Kampf gegen den Klimawandel auf der Erde

Mars (adapted) (Image by Moyan Brenn [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Oberfläche des Mars ist eine kalte Wüste. Die vernarbte Landschaft lässt ehemals rauschende Flüsse, ruhige Seen und möglicherweise sogar planetenweite Meere erahnen. Jedoch beträgt die Dichte der gegenwärtige Atmosphäre des Mars etwa 0,6 Prozent der Dichte der Erde und ist somit bei Weitem zu dünn, um flüssiges Wasser – oder gar Leben – auf der unfruchtbaren Oberfläche hervorzubringen.

An einem gewissen Punkt in der Geschichte des Planeten muss es jedoch eine dickere, dichtere Atmosphäre gegeben haben, die wahrscheinlich hauptsächlich aus Kohlendioxid (CO?) bestand. Herauszufinden, was mit all dem CO? geschehen ist, könnte uns dabei helfen, mit der ansteigenden Menge des Gases in unserer eigenen Atmosphäre fertig zu werden, die einen gefährlichen Klimawandel herbeiruft.

Also, wohin ist die Atmosphäre des Mars verschwunden? Eine große Menge ging an den Weltraum verloren, abgetragen vom Sonnenwind. Einiges wurde als CO?-haltiges Eis an den Polen gespeichert, wo es bis heute erhalten ist. Ein Teil der Atmosphäre jedoch wurde in kohlenstoffhaltige Mineralien umgewandelt und über Jahrtausende hinweg konserviert. Mithilfe einer Kombination aus Satelliten und Rovern sowie von Hinweisen aus Meteoriten, die vom Mars abgestoßen wurden und auf der Erde gelandet sind, beginnen wir zu verstehen, wie dieser Prozess der mineralischen Karbonisierung die gesamte Atmosphäre eines Planeten verändern kann.

Die Menschheit ist tatsächlich sehr gut darin geworden, CO? mit einer breiten Auswahl an Techniken aus der Atmosphäre zu filtern. Sobald es einmal herausgefiltert wurde, wird das CO? üblicherweise zu einer dichten Flüssigkeit komprimiert. Die Problematik besteht darin, diese Flüssigkeit sicher und stabil zu lagern, und das über Millionen von Jahren hinweg. Eine aufregende neue Entwicklung nennt sich „mineralische Kohlenstoffbindung“. Das beschreibt den Prozess der Umwandlung von gasförmigem CO? in ein stabiles Mineral namens Karbonat.

Die Umwandlung von CO? in Gestein

Wie wird aus gasförmigem CO? massives Gestein? Wenn sich gasförmiges CO? in Wasser auflöst, produziert es eine schwache Säure, genannt Kohlensäure. Kommt diese säurehaltige Flüssigkeit nun in Kontakt mit Steinen, die als Basalte oder Peridodite bekannt sind und die viele der Mineralien Olivin und Pyroxen enthalten, geben diese angereicherte Teilchen von Elementen wie zum Beispiel Magnesium, Eisen und Kalzium an die Flüssigkeit ab.

Weitere chemische Reaktionen zwischen dem Gestein und der kohlenstoffhaltigen Flüssigkeit führen zur Entstehung des stabilen und karbonreichen Minerals Karbonat, das Risse und Porenräume im Gestein auffüllt. Der Kohlenstoff entwickelt sich von einem atmosphärischen Gas zu einer mineralischen Ablagerung. Während dieses Prozesses der Umbildung nehmen die ursprünglichen Gesteinsmineralien enorme Mengen an Wasser in ihre Zusammensetzung auf. Diese Hydratisierung führt dazu, dass das Gestein sich ausdehnt und bricht und damit neues Gestein freilegt, das wiederum mit dem Wasser reagieren kann.

Dieser Prozess der mineralischen Kohlenstoffbindung findet auf der Erde auf natürliche Weise statt, hauptsächlich in Ophiolithen, Teilen der Meereskruste, die sich bewegt und auf die Kontinentalplatten transportiert haben. Die natürliche Reaktion verläuft sehr langsam, über hunderte und tausende von Jahren hinweg und der Kohlenstoff, der aus der Atmosphäre extrahiert wurde, ist eine wichtige Senke für Kohlenstoff, der durch Vulkanausbrüche ausgestoßen wird.

Hellisheidi geothermal power plant (image by ThinkGeoEnergy [CC BY 2.0] via flickr)
Carbonmineralisierung in Island (Image (adapted): Hellisheidi geothermal power plant by ThinkGeoEnergy/Flickr, CC BY 2.0)

Wenn wir diesen Prozess jedoch künstlich nachbilden können und es schaffen, dass er in einem schnelleren Tempo verläuft, können wir das CO?, das wir aus der Atmosphäre entnehmen, sicherer lagern. Mit dieser Art mineralischen Geoengineerings der Aufbewahrung von Kohlenstoff wird derzeit bei einer Reihe von Modellprojekten von Island, Norwegen und den Vereinigten Staaten experimentiert.

Forscher in diesen Ländern haben entdeckt, dass die Reaktion sehr viel schneller von Statten geht, wenn die Temperatur der Flüssigkeit auf etwa 185 Grad Celsius erhöht wird. Diese erhitzte Flüssigkeit wird in ein Bohrloch hinunter in die gewünschte Gesteinsschicht gespritzt, wo sie aufgrund der natürlichen Wärme unter der Erdoberfläche und auch, weil die Reaktion selbst Hitze erzeugt, heiß bleibt.

Jedoch müssen noch viele Fragen beantwortet werden, bevor das Verfahren in einem solchen Umfang durchgeführt werden kann, dass es im Kampf gegen den globalen Klimawandel von Nutzen ist. Im Idealfall benötigen wir hunderte Anlagen für die Kohlenstoffeinspritzung, wie zum Beispiel die Anlage von CarbFix, verteilt über die weitläufigen, basaltenen, wilden Regionen der Erde. Die Herausforderungen bestehen auch darin, die Reaktionen zwischen dem Gestein und Wasser vollständig zu verstehen, zu lernen, wie diese Reaktionen schnell genug ausgelöst werden und genauer zu schätzen, wie schnell sich das CO? mineralisiert und wie viel Raum es dabei einnimmt.

NASA_Mars_Rover (image by NASA JPL Cornell University, Maas Digital LLC (CC0 Public Domaibn) via Wikimedia)
Der Kampf gegen den Klimawandel (NASA JPL Cornell University, Maas Digital LLC/Wikimedia, CC0 Public Domain)

Verlust für den Mars, Gewinn für die Erde

Das ist es, was wir vom Mars lernen können. Es gibt eine nahezu endlose Anzahl an verschiedenen Möglichkeiten, wie das Auftrennen der chemischen Entwicklung des einen Planeten über geotechnische Verfahren auf unserem eigenen besser aufklären könnte. Zum Beispiel wird uns das Verständnis über den langfristigen Verbleib der Kohlenstoffe des Mars und wie sie mit der Atmosphäre und der Hydrosphäre interagieren lehren, wie wirksam diese Form der Kohlenstofflagerung auf der Erde sein könnte.

Die Kohlenstoffe, die auf dem Mars gefunden wurden, die Art und Weise der erfolgten chemischen Reaktionen sowie die sich verändernde Verteilung der Kohlenstoffkonzentration über den Planeten hinweg zu analysieren, können uns vielleicht dabei helfen, den Prozess der mineralischen Kohlenstoffbindung besser zu verstehen. Neue Kohlenstoffarten könnten entdeckt werden und Hinweise auf kohlenstoffbasierte Mineralien liefern, von denen wir zwar glauben, dass sie existieren, die aber noch nicht auf der Erde gefunden wurden.

Das Problem ist, dass es überraschenderweise nur sehr wenig Informationsaustausch zwischen Mars-Wissenschaftlern und Spezialisten für den Klimawandel auf der Erde gibt. Durch die Verknüpfung des Wissens dieser beiden Gruppen sind wir vielleicht in der Lage, unsere weltweiten Klimaprobleme in den Griff zu bekommen, indem wir die Gesteinskruste des Planeten nutzen. Der Verlust der Marsatmosphäre könnte für die Erde irgendwann einmal die Rettung vor dem Klimawandel werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Mars“ by Moyan Brenn (CC BY 2.0)


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Wie die Medien die COP21-Klimakonferenz auswerteten

Conferencia de la ONU sobre Cambio Climático COP21 (adapted) (Image by Presidencia de la República Mexicana [CC BY 2.0] via flickr)

Die Medien spielen eine entscheidende Rolle in der Erklärung der Klimakonferenz von Paris – eine Untersuchung der britischen und russischen Berichterstattung. Dem Pariser Abkommen wurde in der Presse im Allgemeinen viel Aufmerksamkeit zuteil. Die meisten Berichte im direkten Anschluss legten einen ähnlichen Fokus auf einige wenige Schlagzeilen: Dieser Sieg war ein „Meilenstein“, wenn auch verbunden mit einigen mahnenden Anmerkungen. Trotzdem zeigt eine nähere Betrachtung ein paar bemerkenswerte Unterschiede.

Der linksangehauchte Guardian nannte es ein „ehrgeiziges Übereinkommen” und ein „Ende der Erdöl-Ära”. Während auch Kritik herausgelesen werden konnte, war der Grundton überwiegend positiv, sogar euphorisch in seiner Hervorhebung der historischen Natur dieses Erfolgs. Es wurde erwähnt, dass NGOs „sich nie ein Abkommen hätten vorstellen können, das so ambitioniert sei” und, obwohl es immer noch nicht ehrgeizig genug sei, „Aktivistengruppen weitestgehend mit dem Ergebnis sehr zufrieden seien“. Nichtsdestotrotz wurde „die Abschwächung des Abkommens bezüglich des Umgangs mit dem irreparablen Schaden durch den Klimawandel” negativ angeführt.

Der gemäßigtere Independent betonte ebenfalls die historische und revolutionäre Natur des Moments, fügte allerdings strenger warnende Anmerkungen hinzu, so zum Beispiel von Chris Rapley (University College London), der betonte, dass nur „die Zeit die wahre Natur des Pariser Abkommens offenbaren wird“.

Auf der politisch rechten Seite, vertreten durch den Telegraph, war man sehr viel vorsichtiger. Dort wies man zwar auf den Erfolg des Abkommens hin, bevorzugte aber eine Schilderung dessen, was beschlossen worden war anstelle einer Betonung der historischen Wichtigkeit des Moments. Die Zeitung interessierte sich dafür, was dies für die Politik des Vereinigten Königreichs bedeuten wird und was die NGOs von dem Abkommen halten. Zu diesem Zweck verglichen sie die positive Beurteilung durch Christian Aid mit der negativen Bewertung durch Friends of the Earth.

Die Times und die Sunday Times waren dagegen weniger positiv eingestellt. Kurz vor der Bekanntgabe wurde das Abkommen in der Times als Erfolg für kleine Inselstaaten bezeichnet, indem das Vereinigte Königreich und der Rest der Welt stärker zur Verantwortung gezogen werden. Die Kosten technologischer Lösungen waren von größerem Interesse als das Betonen des bahnbrechenden Moments. Die Sunday Times (hier: die irische Ausgabe) des Folgetages schätzte das Abkommen als wichtiger ein, da hier geltend gemacht wurde, es wäre durchaus „historisch“, aber nicht so bedeutend, wie anderswo behauptet. Der Artikel betrachtet Technologie und Eigeninteresse als diejenigen Kräfte, die die globale Erwärmung bekämpfen werden.

Neben den praktischen Grundlagen des Abkommens – den Finanzierungsmechanismen, den getroffenen Versprechungen und so weiter – war eine der eindringlichsten Botschaften der Berichterstattung, dass Investoren und Regierungen nun Entscheidungen treffen könnten, die auf einer kollektiven Festlegung zur Reduktion der Emissionen basieren; dies wird als sehr positiver Schritt angesehen. Ein anderer Schwerpunkt war die Rolle der USA, die auf diese Vereinbarung drängten und die vermittelnde Rolle Frankreichs.

Zwei Arten von Negativität

Indes waren auf den Kommentarseiten stark skeptische/negative Stimmen zu hören, vor allem im Guardian. George Monbiot, der hochgeachtete Umwelt-Kolumnist der Zeitung, behauptete: „Im Vergleich zu dem, was es hätte sein können, ist es ein Wunder. Im Vergleich zu dem, was es hätte sein sollen, ist es ein Desaster.“ Ähnlich bewertete der frühere NASA-Klimaforscher James Hansen das Scheitern:

„Es ist wirklich ein Betrug, ein Schwindel. […] Es ist einfach Blödsinn, wenn sie sagen: Wir haben ein Erwärmungsziel von maximal 2°C und versuchen es dann alle fünf Jahre ein bisschen besser zu machen.“

Darüber hinaus gibt es Berichterstattungen, die der ganzen Idee eines großen Umweltgipfels feindlich entgegenstehen. Die Daily Mail zum Beispiel untersuchte den Einfluss der Konferenz selbst auf die Umwelt und kam zu dem Schluss, dies wäre „ein erstklassiges Beispiel dafür, was für ein verschwenderisches Leben die grüne Lobby führt“. Unterdessen verspottete der Journalist Christopher Booker im Telegraph den COP21 als den Moment, in dem „politische Panik“ über den Klimawandel mit der Realität einer auf Erdöl basierenden globalen Zivilisation zu kollidieren begann.

Diese Sorte der Verleugnung des Klimawandels – oder politischer “Realismus“ – ist allerdings zunehmend selten in den weltweiten Mainstream-Medien. Unsere Recherche beinhaltete auch einen Blick auf die Klima-Berichterstattung in Russland, einem der weltweit größten Kohlenstoffproduzenten und damit einem Land, das jeden Grund hat, öffentlichkeitswirksame Debatten zu vermeiden. Trotzdem finden auch dort Veränderungen statt. Die gewöhnlich eher zurückhaltenden Medien stimmten in die positive Berichterstattung über die Pariser Bekanntmachung überein, vielleicht als logische Konsequenz der starken Stellungnahme durch den russischen Präsidenten, Vladimir Putin, am ersten Tag des Gipfels.

So diskutierte zum Beispiel die staatliche Zeitung Rossiyskaya Gazeta die Erfolge der russischen Delegation, die alle ihre Ziele erreicht hat. Russische Reporter kritisierten die legalen Aspekte des Abkommens, während Aktivisten und NGOs Zweifel am Erfolg des COP21 äußerten, indem sie beispielsweise auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit von kontroversen Richtlinien zur Kohlenstoffreduzierung (wie zum Beispiel Chinas möglichen Wechsel zu Nuklearenergie) und Russlands unklare Position zwischen entwickelten und entwickelnden Parteien hinwiesen. Diese Kritik ist aber eher als ein positives Zeichen des Auseinandersetzens mit dem Prozess zu werten als simple Verleugnung oder Fehlinformation.

Für die Kommunikation des Klimawandels war 2015 entscheidend – die Medien spielten eine wesentliche Rolle, als es darum ging, die Risiken für die Umwelt einem breiteren Publikum verständlich zu machen. Die Preise für die klassischen Helden und Bösewichte im Klimawandel-Kommunikationstheater sind noch nicht verteilt, aber die komplette Medienlandschaft verdient ein dickes Lob dafür, dass sie dem historischen Erfolg in Paris zumindest den verdienten Raum in der Berichterstattung gestatteten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Conferencia de la ONU sobre Cambio Climático COP21“ by Presidencia de la República Mexicana (CC BY 2.0)


 

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No Pressure

Netzpiloten VideotippKennt Ihr die Kampagne 1010global.org, wo viele Länder freiwillige Aktionen unterstützen, um den Co2-Ausstoß um 10% zu verringern? Der britische Star-Regisseur Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall) hat auch einen Spot dazu beigetragen. Obwohl die Engländer als humoriges Volk gelten, war ihnen dieser kleine Film zu…naja..geschmacklos. Sensible Naturen sollten also NICHT auf den Link MEHR klicken. Weiterlesen »

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