So war es auf der PLAY18

Gaming ist mittlerweile in großen Teilen der Gesellschaft akzeptiert und auch die Gamescom kann immer wieder neue Rekordzahlen bei den Besuchern melden. Dort dominieren aber die großen Hersteller. Zwar gibt es dort mittlerweile auch eine Ecke für Indiespiele, trotzdem geht Innovation im Schatten der Massentauglichkeit unter. In Hamburg fand dafür die PLAY18 statt, eine vergleichsweise kleine Veranstaltung, die den Beinamen „Creative Gaming Festival“ trägt.

Spielend die Zukunft verändern

Bereits am Donnerstag bekam ich eine Führung durch die Ausstellung der PLAY18, in der verschiedene kreative Spiele zur Verfügung standen. Unter dem diesjährigen Motto „Ready Game Change – Create a new tomorrow“ deckten die Spiele Themen wie Gentrifizierung, Arbeitslosigkeit, Migration, Überwachung und Revolutionen ab.

In „RIOT – Civil Unrest“ wurden beispielsweise Demonstrationen in Echtzeit spielbar. Jeweils zwei Spieler übernahmen die Rollen von Demonstranten und Einsatzkräften. Mit Mitteln wie Handwaffen bis hin zu Gasgranaten war das Spiel nicht nur ziemlich unverblümt – es bewertete am Ende zudem noch das Verhalten beider Seiten.

In „Not Tonight“ wurde das Thema Brexit auf dystopische Art in Angriff genommen. Als EU-Bürger wird man plötzlich zum Ausländer und landet im Umsiedlungsblock B. Dort müssen wir hart als Türsteher arbeiten, um eventuell doch noch im Land bleiben zu dürfen. In eine ähnlich humorvolle Kerbe schlägt „Get Bad News“, wo ihr Fakenews verbreiten müsst. Der Clou dabei: Übertreibt ihr es, werdet ihr zu unglaubwürdig.

Neben Zukunfts- und Gesellschaftsthemen gab es auch einfach verdammt kreative Spiele. Im Spiel „The Book Ritual“ mussten Seiten aus Büchern bemalt und geschreddert werden – wofür aber auch wieder neues entsteht. In „Höme Improvisation“ durften die Spieler digital Möbel zusammenbauen – allerdings ohne Anleitung. Die kreativste Auslebung gab es allerdings in der „Micro Game Factory“, in der man die Spielfeder selbst auf Papier gemalt hat. Mit Kamera und Projektor wurde das gemalte Spiel dann zum Leben erweckt.

Beim Spiel „The Book Ritual“ dürft ihr den Papierschredder mit leckeren Buchseiten füttern.

Die großen Schülermassen

Als ich am Freitag dann zum ersten offiziellen Tag der PLAY18 ging, fühlte ich mich erst einmal deplatziert. Es war ein Wochentag und noch vergleichsweise früh, sodass vor allem Schulklassen auf der Veranstaltung zu finden waren und ich mich selbst mit meinen 30 Jahren ungewohnt alt fühlte. Allerdings war das Programm auch sehr gut auf Schulklassen zugeschnitten.

Im „Studio Zukunft“ konnten Besucher in fünf Stationen ihr eigenes Spiel designen. In den Zelten ging es um die Themen Storytelling, Character Design, World Building, Game Design und Spielecontroller. Neue Welten konnten mit Minetest entwickelt werden, einem kostenlosen Minecraft-Klon. Die Spielecontroller konnten aus Elektroschrott hergestellt werden und das Storytelling wurde in Form von Textadventures mit Twine geschrieben.

Neben dem Studio Zukunft gab es auch zahlreiche Workshops. Dafür ging es in die Räumlichkeiten der angrenzenden Jugendbibliothek – eine ziemlich kuriose Umgebung für eine Gaming-Veranstaltung. Unter anderem gab es einen Workshop zu Let’s Plays. Unter dem Thema „Ready Play Change“ ging es allerdings um Let’s Plays von Spielen mit politischem oder gesellschaftlichem Fokus.

Die Stationen des „Studio Zukunft“ waren jeweils in Zelten aufgebaut, in denen man an seinen eigenen Spiele-Ideen arbeiten konnte.

Eine spielbare Show

Mich selbst trieb es aber mehr an die Bühnen. Neben dem schon länger feststehenden Programm auf der Hauptbühne gab es dieses Jahr erstmals die Speaker’s Corner. Dort konnten sich selbst während der Veranstaltung Speaker für freie Slots melden. Die Themen reichten von Diversität in Spielen über rechtliche Auseinandersetzungen zwischen Serverbetreibern bis hin zur Vorstellung eines Gaming-bezogenen Theaterstückes vom Fundus Theater.

Auf der Hauptbühne sah ich noch den Rest des Artist Talks mit OddNina, die als Bloggerin und Streamerin im Netz unterwegs ist. Unter anderem erzählte sie von der Wichtigkeit, trotz aller Community-Nähe noch eine gewisse Privatsphäre aufrecht zu erhalten. Wie nah sie trotzdem ihrer Community ist, zeigt sich an kuriosen Geschenken, die sie von ihren Zuschauern erhält – sogar selbstgebrautes Bier bekam sie schon zugeschickt.

Richtig gespannt war ich aber auf die Incredible Playable Show. Alistair Aitcheson, übrigens auch der Schöpfer des lustigen Schredderspiels, hat Spiele programmiert, die das ganze Publikum als Kollektiv meistern muss. Mit guter Laune, Charme und Witz bricht der Brite schnell das Eis und drückt einem Zuschauer einen Barcode-Scanner in die Hand. Shirts mit Barcodes auf der Vorderseite wirft Aitcheson auch noch ins Publikum. Mit dem Scanner müssen unter Zeitdruck möglichst viele Paare Memory-artig gescannt werden. Bald schon hilft das ganze Publikum mit, die richtigen Pärchen zu finden.

Später werden Farben durch den Raum gerufen und aufblasbare Fische und Gurken fliegen durch die Menge. Es ist keine Show, bei der man nur gemütlich herumsitzt und zuschaut – manche schaffen es,  sich ums Mitmachen zu drücken, aber am Ende hat fast jeder im Publikum zum Erfolg oder Misserfolg der Spiele beigetragen.

In der „Incredible Playable Show“ flog auch so manches aufblasbares Gemüse durchs Publikum

Mach mir den Larry

Deutlich ruhiger wurde es später, als es um das neue Larry-Spiel ging. Maurice Alain Hagelstein, einer der Autoren des Spiels, war zum Talk auf der Bühne geladen. Wie lässt sich ein Spiel wie „Leisure Suit Larry“ in Zeiten von #MeToo überhaupt noch machen? Mittlerweile waren die Schulklassen langsam im Wochenende – was angesichts des Themas vielleicht auch besser war. Allerdings kam es zur amüsanten Erkenntnis, das kaum einer der Anwesenden seine erste „Larry-Erfahrung“ im Erwachsenenalter hatte.

Nach der sehr anregenden Diskussionsrunde, in der auch kurze Ausschnitte des Spiels gezeigt wurden, hieß es für mich dann Abschied nehmen. Ein wenig traurig war ich schon, am Samstag keine Zeit gehabt zu haben. Zwar hätte ich mir die PLAY18 gerne etwas größer gewünscht, aber die Impulse des Creative Gaming Festivals waren äußerst interessant. Ich bin schon gespannt, mit welchen Themen die PLAY18 im nächsten Jahr aufwartet.


Images by Stefan Reismann


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