Zurückgeblättert: Abenteuer Computer im Jahr 1995

Abenteuer Computer: Elektronik verändert das Leben” hieß das Spiegel Special Heft 3/1995, in dem es um die weltbewegende Gestaltungskraft des Internets ging. In der amüsanten und lehrreichen Lektüre ging es neben technischen Aspekten, dem Kampf der Chip-Hersteller und der Sprache im Netz unter anderem auch um zukünftige digitale Entwicklungen. Dabei gelangen einigen Vordenkern mitunter erstaunlich präzise Vorhersagen.

Mega Super Information Highways und Netzwelsch

Man mag es Arroganz der Gegenwart nennen, aber wie vor zwei Jahrzehnten über das Internet gesprochen wurde, ist mitunter sehr amüsant. Was damals eine Revolution der Kommunikation war, ist 2015 Teil der digitalen Realität, das Internet nichts neu zu Entdeckendes mehr, die Geschwindigkeit der Datenübertragung eine Selbstverständlichkeit. Schon im Editorial von “Abenteuer Computer” schreibt Uly Foerster, der ein Jahr zuvor den Grundstein für Spiegel Online gelegt hatte, von “Mega Super Information Highways”. Überhaupt war Mitte der 1990er Jahre der Begriff “Datenautobahn”, so oder in abgewandelter Form, quasi ein Muss im Digitalsprech, wie zahlreiche Artikel des Heftes beweisen. Auch heute wird er noch angewandt, meist jedoch nur, wenn es um Breitbandanschlüsse in ländlichen Regionen geht, die bislang von den Mega Super Information Highways ausgeschlossen waren.

Begriffe, die heutzutage tagaus, tagein völlig selbstverständlich verwendet werden, mussten vor zwei Dekaden noch erklärt werden. So heißt es an einer Stelle, dass Verknüpfungspunkte “fachsprachlich” Links heißen, “spezielle Suchhilfen” war der üblichere Begriff für Browser, Netscape war damals der “coolste” unter ihnen. Beim “Netzwelsch mit Smileys” befasste sich Uly Foerster außerdem mit der Sprache, die “sich nur schreiben, nicht sprechen” lässt. Dort konnte man lernen, dass RTFM “Read the fucking manual” und <g,d&r> “grin, duck and run” bedeutet. Zudem stellte er eine Reihe Smileys aus einem darüber verfassten Buch vor. Die Anleitung lehrte, dass ;-) eine “Bemerkung mit Augenzwinkern, nicht ganz ernst gemeint” ausdrückt und dass der Absender von :-{} Lippenstift trägt. Auch erfuhr der geneigte Leser, dass sich “die Witzbolde der Szene” immer wieder neue Symbole für Tiere, Schauspieler, Sänger oder Politiker ausdenken. =:0] heißt? Richtig. Bill Clinton. Man kann natürlich darüber lachen, mit welch banalen Dingen sich damals beschäftigt wurde. Wenn man aber sieht, dass das Wort des Jahres 2015 der renommierten Oxford Dictionaries ein tränenlachendes Emoji ist, versteht man den kulturellen Einfluss der Smileys von damals.

“Unsere Technik befreit den Zuschauer”

Bei der Lektüre der Artikel, die sich im März 1995 mit der Entwicklung der Medien befassten, ist es erstaunlich, dass schon damals bemerkenswerte korrekte Aussagen getätigt wurden. Wer hat Video-On-Demand-Streaming erfunden? Netflix? Falsch. Sie haben es nur markttauglich gemacht. Die Idee wurde schon Jahrzehnte früher artikuliert, zum Beispiel im Interview mit dem damaligen Time-Warner-Chef Gerald Levin. Auch wenn er später vom US-Sender CNBC für die Fusion von Time Warner mit AOL zu einem der schlechtesten CEOs aller Zeiten gekürt wurde, war seine Vision der medialen Zukunft nah an der heutigen Realität. Im Interview erzählt er, dass sich bei Time Warners – später gescheitertem – Full Service Network, “unser digitales interaktives Fernsehen”, theoretisch unbegrenzt viele Filme ordern lassen. Auch das Spielen von Videogames, “gegen andere Zuschauer im Netz oder allein”, sollte schon möglich sein. Was Netflix, Amazon Prime, Maxdome & Co ausmacht, beschreibt Levin dann auch genau: “Unsere Technik befreit den Zuschauer: Er kontrolliert, was im Fernsehen läuft – und nicht mehr die TV-Sender.

Nicht nur die Information, dass PDFs “übertragbare Dokument-Dateien” sind, bekam man bei der Lektüre von “Alice im Datenland” von Gerd Meißner und Jörg Schieb, die sich mit Online Publishing befassten, zu lesen. Ihre Ausgangsfrage, ob “digitale Netze eine Gefahr für das gedruckte Wort” sind, kann man heute klar bejahen. Zum Stand des Online Publishings hieß es im Artikel: “Digitalversionen des Koran lassen sich ebenso auf die Festplatte des PC holen wie holländische Pornofotos, faksimilierte Handschriften der Vatikan-Bibliothek, die Washington Post, Tageszeitung, Frankfurter Allgemeine und der SPIEGEL.” Es muss festgehalten werden, dass man neben holländischen Pornofotos im Jahr 2015 erotische Inhalte mitunter auch aus anderen Ländern auf der Festplatte speichern kann. Wie weitreichend die Umwälzungen in der Medienbranche darüber hinaus sein würden, wurde hingegen nicht vorhergesehen. Immerhin: Aus “über zwei Dutzend deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen”, die sich damals online abrufen ließen, sind viele Hunderte geworden.

Noch immer nicht genug Gehirnschmalz

Schon damals meldete sich allerdings Rainer Klute vom Dortmunder Werbestudio Nads zu Wort und gab zu bedenken: “Auf die Reklame im Netz wird noch eine Menge Gehirnschmalz verwendet werden müssen.” Dass 20 Jahre später noch nicht genug Gehirnschmalz auf die Lösung dieses Problems verwendet wurde, zeigt sich tagtäglich. Noch immer schwirren schrecklich nervige Werbebanner über das Display, AdBlocker können – solange das Geld nicht einfach vom Himmel fällt – auch nicht die Lösung sein, Sponsored Posts sind ebenfalls nicht jedermanns Sache. Was also tun? Noch mehr Gehirnschmalz einsetzen und vielleicht lässt sich dann in weiteren 20 Jahren sagen, dass es endlich gereicht hat.

Als präziseste Aussage im Heft hat sich wohl die von Newt Gingrich herausgestellt, von der im Artikel “Eine Revolution mit ungewissem Ausgang” die Rede ist. Meißner schrieb:

Gingrich selbst, der sich gern als Cyber-Konservativer geriert, kündigte an, im 21. Jahrhundert werde ‚jeder Amerikaner ein Funktelefon mit sich herumtragen, das dann vermutlich auch als Fax und Modem dient und ihn mit dem Rest der Welt verbindet – auf diese Weise muß jeder Amerikaner, ob er will oder nicht, auf dem Weltmarkt mit Deutschland, China und Japan konkurrieren.

Wir haben weder Fax noch Modem in unseren Smartphones, doch deren Funktionen werden erfüllt. Das damalige Einwählen ins Internet verstehen nur noch diejenigen, die das Fiepen und Kratzen eines analogen Modems live miterlebt haben, Nachrichten sind schon seit Jahren ohne Umwege in Sekundenbruchteilen beim Empfänger und von wo aus gearbeitet wird, spielt in vielen Berufen eine immer geringere Rolle. Konkurrenz wird im Digitalen schon lange nicht mehr nach Nationalitäten getrennt.

Das Spiegel Special Heft 3/1995 ist eine hochinteressante Lektüre, mit der sich leicht ein Bogen vom Damals ins Jetzt spannen lässt. Wir können von Glück sagen, dass etwa der Obolus zum Internetzugang stark gesunken ist und nicht mehr “26 Mark pro Monat für die ersten drei Stunden und 7 Mark pro weiterer Stunde” kostet. Ansonsten gilt in Teilen noch immer, was Jaron Lanier, Vordenker im Bereich der Virtual Reality, bei den “Mega-Trends 1995” feststellte: “Das World Wide Web ist voller Wunder. Niemand weiß, was dort alles geboten wird. Es ist uns über den Kopf gewachsen und hat ein Eigenleben entwickelt.” Bewegen wir uns heute online auch ebenso schrittsicher wie offline, so wird es uns doch niemals möglich sein, die Netzrealität gänzlich zu fassen zu bekommen. Vielleicht stellt sich die Situation in weiteren 20 Jahren vollkommen anders dar, wir leben in einer entcomputerisierten Welt, Wearables sind der Standard beim Online-Zugang und irgendwo auf der Welt lacht sich ein Redakteur über die Naivität kaputt, mit der man 2015 über die Digitalisierung geschrieben hat.


Image (adapted) “1994/1995 Flatland BBS Menu Screen” by Tim Patterson (CC BY-SA 2.0)


 

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.


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