RSS-Ampel (Bild: Jakov Vilović [CC BY 2.0], via Flickr)

Zur Zukunft von Weblogs und Nachrichtenseiten

Seit dem Ende von Google Reader wurde das Thema RSS sehr umfangreich und kontrovers diskutiert. Mike Schnoor hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht.

Analoge RSS-Reader (Bild: Luis Villa del Campo [CC BY 2.0], via Flickr)

Brauchen wir überhaupt noch klassische RSS-Reader? Lohnt sich ein RSS-Feed mit vollständigen Artikeln oder die Variante mit reduzierten Auszügen? Werden mehr Leser durch die reduzierte Variante auf das Blog gelockt? Kommt ein Blog heutzutage ohne RSS aus? Diese Fragen habe ich mir in den letzten Wochen oft genug gestellt – und ich habe eine passende Lösung anzubieten, damit RSS auch in Zukunft zu den digitalen Essenzen der Medienwelt zählt.

Veränderter Medienkosum

Selbstverständlich habe ich den Google Reader seit einer Ewigkeit nicht mehr verwendet, so dass ich dem Tool kaum hinterher weinen muss – trotz des offen bekundeten Schwärmens in purer Nostalgie. Mein Medienkonsum hatte sich vom einstigen Informationsfetischisten zum auf Themenseismographen vertrauenden Nutzer verändert. Bislang versorgt mich Twitter mit zahlreichen Links zu aktuellen Informationen, Facebook liefert alternative Inhalte, Google+ ergänzt ganz gut. Darüber hinaus verweisen Rivva und Virato auf meist interessante Artikel der deutschsprachigen Blogosphäre und aus der traditionellen Medienlandschaft. Mit diesem kleinen Informationsportfolio wird meine tägliche Dosis an Nachrichten über diese “großen Quellen” gedeckt.

Einen entscheidenden Vorteil liefern die (wohl jedem PRler bekannten) Möglichkeiten mit Monitoring-Tools, von denen es genügend freie oder kostenpflichtige Varianten am Markt gibt. Anhand gewünschter Stichworte wird man darüber gänzlich unabhängig vom aktuellen Zeitgeist der in Social Networks angereicherten Links zu seinen Wunschthemen informiert. Kein Wunder also, dass viele netzaffine Menschen sich fragen, wozu RSS-Feeds überhaupt noch notwendig sind? Eigentlich kann man doch darauf verzichten, nicht nur als Nutzer, sondern als Inhalte-Anbieter.

Revival von RSS-Feeds

In den letzten Wochen, vor allem nach der Nachricht über die Einstellung von Google Reader, habe ich immer öfter Feedly verwendet, um die Inhalte aus verschiedenen RSS-Feeds in etwas peppigerer Aufmachung zu lesen. Ich bin eigentlich nur durch die Nachrichten zum Google Reader wieder auf den Geschmack gekommen, Inhalte per RSS regelmäßig zu lesen. Zwar überfliege ich die Artikel sehr oft, aber bleibe bei manchen Beiträgen hängen, öffne sie als Primärquelle im Browser und gebe oft genug eine eigene Linkempfehlung wiederum über meine persönlichen Präsenzen in Social Media ab. Sharing is caring – das alte Motto funktioniert dank Feedly und zahlreichen Alternativen zum Google Reader.

Inhalteanbieter auf Abwegen

Nur leider stelle ich immer öfter fest, dass einige Blogs, die nicht auf standardisierte Funktionen von z.B. WordPress zurückgreifen, gänzlich auf den RSS-Feed verzichten. Ähnlich verhält es sich mit vielen Nachrichtenangeboten, die neu auf dem Markt sind, aber nur noch selten die Inhalte per RSS anbieten. Ein aktuelles Beispiel, wo ich instinktiv nach einem RSS-Feed suchte und keinen fand, zeigt sich beim Blog “Markenschau” von Werben & Verkaufen. Selbst wenn man sich nicht unbedingt für Werbe- und Marketing-Themen interessiert, gefallen zumindest mir die dortigen Inhalte, weil sie mich auf beruflicher Ebene als Kommunikator ansprechen.

Daher entschied ich, dass ich darüber auch in Feedly informiert werden möchte. Weil kein offensichtlicher Abo-Button für den RSS-Feed im Layout angeboten wurde, wollte ich sofort im Quellcode nach dem berühmten “Alternate”-Link suchen – doch dort fand sich gar nichts. Zwar versorgt die W&V mich auf Wunsch mit zahlreichen RSS-Inhalten, doch auch dort findet sich kein direkter Hinweis. Gut, das mag ein Einzelfall sein, der mir als Paradebeispiel in der Medienbranche auffiel. Kommt ein Blog ohne RSS aus?

In guten wie in schlechten Zeiten…

Dabei liegen die Vorteile von RSS-Feeds auf der Hand: Alle aktuellen Nachrichten und neue Themen einer Website werden zentral angeboten. Sowohl in puncto Zeitersparnis als auch bei der stetigen Versorgung mit aktuellen Informationen zählt der Nutzer zu den Gewinnern. Nachrichtenangebote und Blogs können schnell, effektiv und einfach auf Aktualisierungen überprüft werden, ohne direkt die Webseiten mit allen Grafiken, Filmen und Werbebannern zu besuchen. In Zeiten von überladenen Webseiten reduziert dies die teilweise langen Downloadzeiten – und man übt zugleich sich im Sparen beim Trafficvolumen, um der “Drosselkom” ein Schnäppchen zu schlagen.

Eine grundsätzlich heile Welt, die leider viel zu selten die Kehrseite der Medaille aufzeigt. Die größte Schwäche von RSS-Feeds offenbart sich für jeden Portalanbieter: Die Nutzer besuchen die eigentlichen Seiten nicht mehr, auf denen die Inhalte mit Werbung zwecks Refinanzierung der meist kostenfreien Angebote dargestellt werden. Viele Inhalteanbieter setzen auf verkürzte RSS-Feeds oder versuchen sich mit speziell für RSS-Feeds optimierte Werbemaßnahmen. Aber nach den ganzen Jahren des Ausprobierens zur Remonetarisierung der RSS-Inhalte zeigt sich offenkundig Tristesse. Mit anderen Worten: Werbung in RSS-Feeds bringen nicht genügend Kohle und die erhofften Nutzer kommen nicht auf die Webseite, nur weil die Inhalte im RSS-Feed verkürzt sind. Dennoch sollten Inhalteanbieter ihren Nutzern keinesfalls RSS enthalten – schließlich trägt dies zum Fan-Dasein einen kleinen positiven Beitrag bei.

Lösungsvorschlag für Blogger und Medienschaffende

Ich versprach ganz am Anfang eine Lösung für die vielen Fragen, warum Seitenbetreiber heute noch auf RSS setzen sollten. Es liegt nicht an der Technologie, es liegt nicht am Medienkonsum, es liegt nicht an der Refinanzierbarkeit. Das Grundproblem lautet: Viele Artikel lesen sich vom Anfang an nicht gut genug, dass sie die Nutzer zu mehr als dem Konsum der reinen Überschrift begeistern. Ähnlich wie die Reiz- und Informationsüberflutung bei E-Mails, die sich in fast jedem Posteingang sammeln, besonders wenn unzählige E-Mails mit illustren und bunten Überschriften eintrudeln, verhält es sich wiederum beim Medienkonsum im Netz. Wir filtern die Informationen bereits instinktiv und sortieren die guten wie die schlechten Informationen nach dem Aschenputtel-Prinzip: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Die Herausforderung für jeden Seitenbetreiber, egal ob Blog oder Nachrichtenportal, liegt vielmehr darin, sich für den potenziellen Leser auf eine ganz traditionelle Denkweise zu konzentrieren: Damit die Nutzer sich mit einem Thema auseinandersetzen, also den Artikel lesen, muss der Inhalt stimmen und direkt am Anfang überzeugen: Eine aussagekräftige Überschrift und ein knapper Anreißer sollen das erste Interesse wecken. Der Rest läuft dann fast wie von selbst, sofern der ganze Artikel diese Wirkung entfalten kann. Als Belohnung wird der Artikel von den Lesern weiterverbreitet und geteilt. Genau an diesem Punkt, dem Heranführen und Anlocken setzt RSS wunderbar an, indem die Überschrift und der Anreißer dem interessierten Leser gebündelt präsentiert werden.

RSS-Feeds entpuppen sich daher als Gottes Beitrag und reines Teufelswerk – je nachdem, wie man sie nutzen möchte. Ein Verzicht auf diese Technologie, die Abkehr von RSS, darf in Zukunft nicht erfolgen, weil die Medienlandschaft einen wichtigen Teil ihrer Selbst verlieren würde. Und mit allem Respekt, die Aufwände einen RSS-Feed anzubieten belaufen sich heute dank ausgeklügelter Content-Management-Systeme doch auf ein äußerst geringes Minimum. Wer dieses Blog per RSS abonnieren möchte, kann das jederzeit über den Link mikeschnoor.com/feed machen.

tl;dr: RSS funktioniert für die Nutzer, bringt wiederum dem Inhalteanbieter kaum Geld ein. Wenn aber der Inhalt stimmt, erfreuen sich Blogger und Medienschaffende an ihren treuen Lesern, Nutzern und Fans. Lasst uns mehr gute Beiträge schreiben.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf dem Blog Mikeschnoor.com.


Teaserimage by Jakov Vilović (CC BY 2.0)


Image by Luis Villa del Campo (CC BY 2.0)


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Mike Schnoor

Mike Schnoor

arbeitet als Head of Corporate Communication für die hmmh multimediahaus AG in Bremen und blickt auf seine langjährige Erfahrung in der Medien- und Digitalbranche zurück. Zu seinen vorherigen beruflichen Stationen zählen der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., das Videoportal sevenload und der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag. Der studierte Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaftler referiert regelmäßig als Dozent an privaten Weiterbildungsträgern und Hochschulen. Auf seinem persönlichen Blog mikeschnoor.com veröffentlicht er eigene Fachartikel über Digital Communication, Marketing, Public Relations und Social Media.

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