Streaming-Dienst YouNow

YouNow: Übernimmt diese App Deutschlands Kinderzimmer?

YouNow ist wie reden mit sich selbst. Aber mit dem Unterschied, dass einem tausende anonyme Nutzer dabei zuschauen. Schon warnen die ersten Anwälte wegen der vielfachen Verletzung des Persönlichkeitsrechts. // von Lars Sobiraj

Streaming-Dienst YouNow

Die Videoplattform YouNow ist für alle geeignet, die sich ohne technisches Wissen live im Internet präsentieren wollen. Der Betreiber geriet nun in die Kritik, weil ein Großteil des Publikums minderjährig und unerfahren im Umgang mit sensiblen Daten ist. Leider ist YouNow auch perfekt dafür geeignet, so richtig Ärger zu bekommen. Wenn beispielsweise im Hintergrund GEMA-pflichtige Musik gespielt wird, muss diese bezahlt werden.


Warum ist das wichtig? Der Streaming-Dienst YouNow lockt durch seine einfache Bedienung vor allem junge Nutzer an, ohne dass der Jugendschutz ausreichend gesichert ist.

  • Mit der Auswahl des richtigen Hashtags kann man sich direkt eine passende Person aussuchen. Leider eröffnet dies auch völlig neue Möglichkeiten für Pädophile.

  • In den vergangenen Wochen musste YouNow aufgrund des niedrigen Jugendschutzes viel Kritik einstecken.

  • Ein Moderationsteam soll 24 Stunden täglich für Ordnung sorgen. Wie aber soll dies gelingen?


Der Einstieg ist wirklich einfach. App auf Android oder iOS installieren oder die Webseite besuchen. Mit Twitter, Facebook oder Google Plus anmelden, fertig! Wer schon einmal Skype oder Google Hangout benutzt hat, weiß, dass dort die Anzahl der Nutzer ohne Zuzahlung limitiert ist. Bei YouNow gibt es keine Grenzen. Wer will, kann sich so viele Menschen in sein Wohnzimmer einladen, wie er will. Diese können per Chat direkt auf das Video reagieren.

Für alle Personen, die wie Künstler, Sportler oder Musiker kostenlos auf der Suche nach mehr Aufmerksamkeit sind, ist der Dienst optimal. Dazu kommt, dass beinahe jeder über die benötigte Hardware verfügt. Jeder hat zu Hause eine Webcam oder kann die Kamera seines Smartphones benutzen.

YouNow ist sehr praktisch – aber auch brandgefährlich!

Im Telefonat weist uns Rechtsanwalt Tobias Röttger darauf hin, dass die Nutzung dieses Dienstes unter 13 Jahren nicht erlaubt ist. In den „YouNow Terms of Use“ wird weiterhin ausgeführt, dass Anwender unter 18 Jahren zwingend die Erlaubnis ihrer Eltern benötigen. Doch Hand aufs Herz: Glaubt jemand ernsthaft, dass sich alle Minderjährigen die Einverständniserklärung ihrer Eltern eingeholt haben? Oder, dass sich überhaupt jemand die ausführlichen englischsprachigen Regeln durchgelesen hat?

Streaming-Dienst YouNow

Medienanwalt Röttger hat sich kürzlich telefonisch bei der GEMA erkundigt. Wer während seines Video-Auftritts Musik abspielt, ist auch zur Zahlung von GEMA-Gebühren verpflichtet. Die Dame von der Verwertungsgesellschaft nannte dem Anwalt einen Tarif, bei dem pro Session rund 100 Euro fällig werden. Bisher ist die GEMA noch nicht aktiv geworden, sie hätte aber jedes Recht dazu.

Doch es geht noch weiter. Manche Jugendliche filmen aus Unwissenheit ihren Lehrer oder andere Personen, die nicht ahnen, dass sie aufgenommen werden. Kaum jemand weiß, dass jeder in Deutschland das Recht am eigenen Bild besitzt. Soll heißen: Ich muss vorher jemanden um Erlaubnis fragen, wenn ich Videos oder Fotos von ihr oder ihm verbreite. Wer das nicht tut, verstößt gegen das Persönlichkeitsrecht und kann deswegen abgemahnt oder sogar verklagt werden.

YouNow ist leider auch geradezu eine Einladung für Stalker, Mobber und Pädophile. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich anonym bei Facebook, Google Plus oder Twitter anzumelden. Die Mädchen und Jungen erzählen völlig ungezwungen alle Details aus ihrem Leben. „Was würdest Du tun, wenn Dich ein Mädchen einfach küsst„, wurde heute ein populärer Broadcaster gefragt. Die Fragen könnten aber auch sehr viel weniger harmlos ausfallen.

Coming-out vor der Webcam

Nina führt gerade ihr Coming-out durch, live und in Farbe. Ihre Freundin ist zunächst nur im Hintergrund zu hören. Jemand schreibt, sie habe aber viele Pickel im Gesicht. Meistens sind die Broadcaster die ganze Zeit damit beschäftigt, sich die Kommentare ihrer Zuschauer durchzulesen, um darauf zu reagieren. Viele Fragen sind sehr intim. Die meisten werden offen und ehrlich von Nina und den anderen Broadcastern beantwortet.

Streaming-Dienst YouNow

Noch meint Medienanwalt Röttger, sei ihm kein Fall vorgelegt worden, der aufgrund der Nutzung von YouNow entstanden sei. Wenn die Popularität weiter so sprunghaft ansteigt, könnte sich das schon bald ändern. Den Kollegen vom Spiegel Online wurde auf Anfrage mitgeteilt, die Anzahl der deutschsprachigen Nutzer sei in den vergangenen zwei Monaten um 250 Prozent angestiegen. Bis zu den ersten Abmahnungen oder Klagen wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts ist es also nicht mehr allzu weit.

Kritisch ist auch, dass die Kinder und Jugendlichen freiwillig so viel von sich selbst erzählen. Nina aus dem Raum Düsseldorf macht es sich weiter im heimischen Bett bequem. Ihre Freundin aus Krefeld liegt nun eng angekuschelt neben ihr. Nach mehreren Aufforderungen küssen sie sich und alle schauen zu. Nur den Zungenkuss, den wollen sie im Moment noch nicht vorführen. Man muss nicht viel Fantasie besitzen um zu erraten, wie weit diese Offenherzigkeit gehen könnte.

Auch YouTube-Vlogger und Cartoonist tooncraft warnt vor YouNow:


Teaser & Images are screenshots by Lars Sobiraj


Schlagwörter: , , , , , , , , ,
Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus