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WLAN-Tracking: Von Mülleimern mit Werbedisplays

Mit WLAN-Tracking erfährt der Einzelhandel nun endlich auch mehr über seine Kunden, wenn die das wollen oder vergessen dies zu unterbinden. // von Tobias Gillen

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Wer weiß, wo die Kunden sind, weiß auch, wo er sie ansprechen muss. Eine These, für die es aufzustellen keiner besonderen Risikofreudigkeit bedarf. Ebenso für folgende: Wer weiß, wo die Kunden sind, weiß auch, wofür sie sich interessieren. Oder: Wer weiß, wo die Kunden sind, weiß auch, was sie gerne machen. Je mehr dieser Daten man hat, desto genauer lässt sich das Profil erstellen. Und je genauer es ist, desto wertvoller ist es. Die Rede ist natürlich von Geodaten, also den Daten über unseren Standort.


  • WLAN-Tracking hat viel Potenzial für den stationären Einzelhandel und in den nächsten Jahren zunehmen.
  • Dadurch können kleine Unternehmen des Einzelhandels etwas mit den Unternehmen wie Amazon konkurrieren, was das Wissen um die Kundschaft angeht.
  • Im Sinne des Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre sollte WLAN-Tracking aber nicht zu einer Selbstverständlichkeit werden.

Schon heute teilen viele Menschen ihre Geodaten

Millionen Nutzer teilen ihre Standorte regelmäßig via Foursquare oder lassen zu, dass Twitter, Facebook oder Instagram anzeigen, von wo aus man gerade aktiv ist. Auch Smartphones tracken gerne mal den Weg. Apples seit iOS 7 integrierte „Häufige Orte“-Funktion etwa kann irgendwann ein Profil erstellen, das selbstständig erkennt, wo man Zuhause ist (weil man sich dort häufig nachts aufhält), wo man arbeitet (weil man dort häufig tagsüber ist) und welche Autobahn man regelmäßig fährt (weil man den Weg täglich von Zuhause bis zur Arbeit abfährt). Um die Funktion zu finden und zu deaktivieren muss man schlappe sieben Menüpunkte durchklicken – Scrollerei noch gar nicht mitgerechnet.

Kurz um: Wir teilen regelmäßig freiwillig – oder teils aus Faulheit oder Unwissenheit – unseren Standort. Besonders interessant ist das natürlich für Unternehmen, die nicht unbedingt auf moderne Big-Data-Tracking-Methoden zurückgreifen können. Während Amazon, eBay und Google jeden Klick, jede Mausbewegung und alle Suchanfragen und -ergebnisse genauestens analysieren und auswerten und darüber dann Nutzerprofile erstellen, kann der stationäre Einzelhandel auf diese Möglichkeiten nicht zurückgreifen.

Aus diesem Grund gibt es Start-ups wie 42reports, die zumindest annähernd herausfinden können, wo genau sich der Kunde im Laden aufhält. Auf der Website werden die benötigten Dinge plakativ erklärt: Strom, 2 Minuten Zeit und Internet. Ist der Sensor – 100 Euro pro Monat – installiert, trackt er das WLAN-Signal der Kunden und lokalisiert sie auf einer bis zu 200 Quadratmeter großen Einkaufsfläche.

Das Praktische: Durch die MAC ID, also die einmalige Identifikationsnummer, lässt sich das Gerät eindeutig zuordnen und demnach auch erkennen, ob es den Laden jemals wieder betritt – und wenn ja, wie oft, wie lange, wo genau und zu welcher Uhrzeit. Die Daten geben wir in diesem Fall den ca. 20 Unternehmen, die die 42reports-Technik schon installiert haben, ebenfalls rein freiwillig – aber unbewusst. Wer sein WLAN-Signal unterwegs nicht ausschaltet, der wird getrackt. Das Smartphone sendet in regelmäßigen Abständen kurze Funksignale aus, um WLAN-Router zu finden und genau das machen sich solche Techniken zu Nutze.

Neben den Chancen gibt es aber auch Risiken für unsere Privatsphäre

Ein schönes Beispiel hat dazu übrigens auch die Open Data City im letzten Sommer geliefert. Während der re:publica in Berlin haben sie das WLAN-Signal der Nutzer getrackt und so eine interaktive Karte mit allen Ebenen und Konferenzräumen erstellt, auf denen sichtbar wird, wann wie viele Nutzer wo waren und wohin sie sich bewegt haben.

Ein weiteres Beispiel ist das Renew-Orb-Projekt in London: Mülleimer tracken das WLAN-Signal der Smartphones und zeigen demnach passende Werbung auf integrierten Displays an. Ein Beispiel: Trackt ein Mülleimer während einem Einkaufsbummels, in welche Geschäfte man gegangen ist oder vor welchem Laden man sich länger aufgehalten hat, zeigt der nächste Mülleimer den Interessen entsprechende Werbung an. Bei 200 Mülltonnen und 4 Millionen erkannter Geräte in vier Wochen kommen da spannende Ergebnisse zustande.
Ob man bei Geocaching-Spielen mitmacht, Foursquare, Twitter oder Facebook seinen Standort mitteilt oder sein Instagram-Bild mit dem Ort verknüpft, ist Geschmackssache. Aber fragen sollten wir uns, ob wir auch „offline“ – insofern das noch geht – ständig getrackt werden möchten. Wobei „offline“ beim WLAN-Tracking sicher eine Ironie in sich selbst ist. Künftig empfiehlt es sich also, das WLAN-Signal unterwegs auszuschalten – damit unbemerktes und unfreiwilliges Tracking der Geodaten nicht zur Selbstverständlichkeit wird.

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Teaser & Image by Foursquare


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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