Tobias GillenVoice-over-IP: Neue Strategien müssen her bei Telekom und Co.

Viel tut sich im Voice-over-IP-Geschäft aktuell. So führt Facebook nach der Skype-Kooperation im Sommer 2011, mit der Videochats in Facebook möglich wurden, nun auch Sprachanrufe ein. Doch wie gehen die traditionellen Provider mit dieser Entwicklung um?

Jacob Gould Schurman am Telefon (Bild Bundesarchiv, 102-05438 [CC-BY-SA], via Wikimedia Commons)

Über das Internet können sich Nutzer plattformübergreifend, also etwa von iOS zu Android, anrufen und wie bei Skype ohne Telefongebühren telefonieren. Das Feature hält Facebook bereits einige Zeit in der Hinterhand – in der aktuellen Version des Facebook Messengers war es jedenfalls bereits integriert und wurde nun ohne zusätzliches Update in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien freigeschaltet. Damit folgt Europa auf Nordamerika, wo neue Entwicklungen meist zuerst getestet werden.

Über den „i“-Infobutton im Chat mit einem Kontakt findet man nun das Feld „Kostenloser Anruf“ – natürlich nur dann, wenn das Gegenüber den Facebook Messenger, eine spezielle App für die Nachrichtenverwaltung, installiert hat. Für Facebook ist die neue Funktion also gleich doppelt gut: Man macht Skype Konkurrenz und fördert die Download-Zahlen der Messenger-App. Das Telefonieren funktioniert nicht nur über WLAN, wie es etwa bei Apples Videodienst Facetime lange Zeit der Fall war, sondern auch über das Mobilfunknetz. Hier sollte allerdings darauf geachtet werden, dass man eine ausreichende Datenflatrate besitzt. Mit einer schlechten Verbindung, etwa schwachem Edge, fühlt sich ein „Ortsgespräch“ an wie eine Liveschalte von Deutschland nach Amerika im Jahre 1995. Auf die Antwort des Gegenübers wartet man dann mitunter ein paar Sekunden, was für den Gesprächsfluss nicht förderlich ist.

Der Vorteil liegt, so sieht es auch Falk Hedemann auf t3n, sicherlich vor allem in der großen Datenbank der Nutzer. Während man beim 2011 für 8,5 Milliarden US-Dollar von Microsoft übernommenen Skype Kontakte erst zufügen muss, hat man sie bei Facebook – in aller Regel – bereits in der Freundesliste. Sobald beide die Messenger-App installiert haben, kann es auch schon losgehen.

Viel Raum für Facebook

Taktisch hat Facebook den Zeitpunkt gut gewählt. Denn bei Microsoft und Skype gibt es wohl in Kürze ebenfalls Neuigkeiten zu vermelden. So wird – das ist allerdings bereits länger bekannt – Skype den Windows Live Messenger im ersten Quartal 2013 vollständig übernehmen. Spätestens bis zum 30. April sollen alle Kontakte automatisch und ohne Neu-Registrierung zu Skype übergehen. Damit schließt Microsoft zwar nur seinen Instant Messenger, Skype bekommt aber eine Menge zusätzliche und potenzielle VoIP-Kunden.

Facebook wäre unterdessen gut daran geraten, die neue Sprachanruf-Funktion auch in den baltischen Staaten schnell einzuführen. So nutzen etwa in Littauen und Lettland bereits an die 65 Prozent der Menschen Voice-over-IP-Dienste. Aber auch in den restlichen europäischen Staaten geht der Trend mehr und mehr zur Internettelefonie. Noch 2010 nutzten 22 Prozent aller Einwohner VoIP unregelmäßig, 2011 bereits ebenso viele ausschließlich und weitere 6 Prozent als Alternative für teure Handy- und Auslandsgespräche. Deutschland liegt hier aber noch immer etwas zurück. Genug Raum also für Facebook, hierzulande anzugreifen und die restlichen 80 Prozent von den Vorteilen der Internettelefonie zu überzeugen.

Spannend wird es zudem für die führenden Kommunikationsunternehmen. Mit Skype und Facebook als Telefon- und WhatsApp und joyn als SMS-Alternativen dürfte sich im Mobilfunkmarkt schon bald einiges tun. Dann müssen sich auch Telekom, Vodafone und O2 überlegen, mit welcher Strategie sie ihre Oligopole halten wollen.


Teaserimage by NobbiP (Public domain)


Image by Bundesarchiv, Bild 146-2006-0196, (CC BY-SA 3.0-de)



Über den Autor / die Autorin
ist freiberuflicher Medienjournalist aus Köln. Er schreibt auf Papier, ins Netz und für die Ohren über alte, neue und soziale Medien. Zudem ist er Inhaber der Online-Agentur "GILLEN MEDIA" und Blogger auf tobiasgillen.de. Im Netz ist er auf seiner Website, Twitter, Google+ und Facebook zu finden.

 

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