Roboter (Bild: Simon Zirkunow [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Technik vs. Gehirn: Wie weit ist es mit der künstlichen Intelligenz?

Auf der Falling Walls Konferenz 2013 wurde den Besuchern ein Einblick in die Welt von morgen gegeben – wenn künstliche und menschliche Intelligenz miteinander konkurrieren // von Christina zur Nedden

Hiroshi Ishiguro (Bild: Mikhail Shcherbakov [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Die Falling Walls Conference fand erstmals im Jahr 2009 anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls statt. Seit fünf Jahren bringt die Konferenz Spitzenforscher aus aller Welt zusammen, die in 15-minütigen Präsentationen ihre neuesten Erkenntnisse teilen, und somit versuchen dem Jahrestag eine neue Bedeutung zu geben. Christina zur Nedden war für die Netzpiloten vor Ort und hat einige Zukunftsprojekte kennengelernt, die das Potential haben, die Gesellschaft zu verändern und alte Mauern einzureissen.

Künstliche Intelligenz fasziniert den Menschen seit seiner Entstehung. Die Vorstellung menschliche Tätigkeiten und Emotionen maschinell nachzuahmen reicht bis zur Automatentheorie der Antike. In der Griechischen Mythologie wird von mechanischen Menschen und goldenen Robotern erzählt und Mary Shelleys Frankenstein ist wahrscheinlich heute noch das bekannteste literarische Werk, dass sich mit der Nachahmung menschlicher Intelligenz beschäftigt, obwohl es schon 1818 geschrieben wurde. Doch erst seit der Entwicklung des Computers wurde der Begriff der künstlichen Intelligenz eingeführt und Technologisierung als vielversprechende Möglichkeit menschliches Verhalten in Maschinen nachzubilden ausgemacht. Doch ist es tatsächlich möglich die Komplexität des menschlichen Gehirns künstlich herzustellen? Und ist künstliche Intelligenz nicht vielmehr nachgeahmte, vorgetäuschte Intelligenz, die durch Algorithmen ein intelligentes Verhalten simuliert anstatt es eigenständig auszuführen? Zwei Vorträge auf der Falling Walls Konferenz 2013 stellten die neusten Erkenntnisse in diesem Gebiet vor. Im Publikum befanden sich natürlich auch Roboter.

Roboter müssen wie Kinder behandelt werden

Zu Anfang seines Vortrags zeigt Luc Steels, Direktor des Sony Computer Science Laboratory, dem Publikum seinen Roboterhund, mit dem er in Brüssel spazieren geht. “Roboter sind für mich nur eine andere Spezie. Und diese kann auch seine eigene Sprache entwickeln”, meint Steels. Als einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz erforscht er zur Zeit den Ursprung von Sprache und die Entstehung des menschlichen Gehirns. Sein Ziel ist es, ein Rechenmodell der natürlichen Sprache zu konstruieren, um so die Entwicklung künstlicher Intelligenz voranzutreiben. Dabei geht es ihm um autonome intelligente Systeme oder anders formuliert, Roboter die menschliche Intelligenz nicht nachahmen, sondern ihre eigene entwickeln.

Um sein Vorhaben besser darzustellen, stellt Steels dem Publikum einige aktuelle Roboter-Projekte vor. Hiroshi Ishiguro, ein japanischer Robotiker an der Universität von Osaka, hat eine Kopie von sich selbst gebaut. Sie beherrscht mehr als 60 menschliche Gesichtszüge. In einem Video fragt er sein Roboter-Ich, ob er ELIZA (ein Computerprogramm von 1966, das einen Psychotherapeuten simuliert und ein Gespräch mit einem Menschen über natürliche Sprache führt) kennt. Der Roboter antwortet mit: “Ja, ich kann mit Java programmieren”. Das Publikum lacht. Nicht immer klappt es mit der richtigen Antwort. Auch das nächste Beispiel sorgt für Belustigung. Steels spielt ein Video ab, in dem Roboter eifrig durch eine Küche wuseln und Zutaten für Pfannkuchen zusammen suchen. Die von Michael Beetz entwickelten Helferlein besorgen sich ihr Wissen aus dem Internet und bringen sich somit das Pfannkuchen backen selbst bei. Wenn die Roboter auf neue Situationen im Alltag treffen, sind sie allerdings hilflos den alles was sie können hat ihnen ihr Programmierer-Papa beigebracht. “Muster-basierte Wiedererkennung führt nicht zu richtiger Erkennung”, kritisiert Steels.

Und nun zeigt er uns seinen eigenen Ansatz, welcher Roboter der sogenannten “Technologischen Singularität” – der Zeitpunkt ab dem Maschinen sich selbst weiter programmieren und sich so ohne menschliche Hilfe weiterentwicklen – am nächsten bringen soll. Man sieht drei kleine Roboter in einem Raum, die dem Anschein nach versuchen miteinander zu kommunizieren. Der eine hebt den Arm, der andere gibt ein japanisch klingendes Wort von sich. Steels verfolgt mit seinen Kollegen Martin Hild und Marcus de Sautoy von der Humboldtuniversität Berlin einen evolutionären Ansatz. “Wir behandeln unsere Roboter wie Kinder. Wir setzen sie vor einen Spiegel, damit sie sich betrachten können und dann lassen wir sie ihre eigene Sprache miteinander entwickeln”. Am Ende des Vortrags wird die Zeit knapp und Steels hat keine Zeit mehr dem Publikum zu zeigen, wie sich die Gehirne der Roboter durch eigenständiges Neuronenwachstum erweitert. Schade, das wäre noch interessant gewesen (kann aber hier ab Minute 07:50 angeschaut werden). Einer der drei Roboter sitzt im Publikum und macht mit kleinen Kopfbewegungen den Anschein, als würde er aufmerksam dem Vortrag folgen. Luc Steels hat übrigens eine Oper über Roboter geschrieben. Man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Star Wars Konferenz.

Das Human Brain Project

Während Luc Steels davon träumt, dass Roboter ein Gehirn und ihre eigene Sprache entwickeln, möchte das “Human Brain Project” einen Supercomputer bauen, der wie ein Gehirn funktioniert (nur besser). Karlheinz Maier ist Co-Direktor des von der Europäischen Union mit 1,19 Milliarden Euro ausgestatteten in Lausanne ansässigen Projekts, an dem sich über 80 europäische und internationale Forschungseinrichtungen beteiligen.

Meier erklärt die Grundidee: “Computer haben viele Nachteile, die das Gehirn nicht hat: sie brauchen Strom, Software und sie funktionieren nicht mehr, wenn ein Fehler auftritt. Das Gehirn hingegen verbraucht weniger Energie und arbeitet auch noch, wenn Neuronen z.B. mit dem Alter verloren gehen”. Meier und sein Team aus Physikern, Neurobiologen und Ingenieuren möchte eine neue Kategorie der Computerarchitektur schaffen – einen Computer der ein Gehirn simuliert. Sie erhoffen sich damit neue Erkenntnisse über das Gehirn indem z.B. neurowissenschaftliche Daten, also biologische Daten, für Modelle und Simulationen des Gehirns in Supercomputern aufbereitet werden. Damit kann mehr über die Funktionsweise und auch die Heilung des zum Teil noch unerforschten menschlichen Gehirns erfahren werden. Auf der anderen Seite möchte das “Human Brain Project” die Informations- und Kommunikationstechnologien von Computern und Robotern durch ein tieferes Verständnis der Funktionsweise des Gehirns optimieren, denn wie allgemein bekannt ist auch Meier der Meinung, dass das Gehirn immer noch der beste und faszinierendste Computer ist.

Ist künstliche Intelligenz witzig oder gefährlich?

Künstliche Intelligenz kommt langsam im Alltag an. Siri macht dank Spracherkennung das Tippen überflüssig und IBMs Watson arbeitet nach seiner Karriere als Jeopardy Kandidat als Diagnostiker in der Medizin. Watson und Siri sind jedoch personifizierte Maschinen. Sie haben kein eigenes Bewusstsein und sie verstehen keine Nuancen. Viele machen sich einen Spass und stellen Siri doofe Fragen. Maschinen sind schlauer als wir, deswegen bauen wir sie. Aber Menschen vertrauen anderen Menschen mehr als Maschinen und deswegen werden sie (noch) nicht ernst genommen. Der Traum der Vertreter der starken Künstlichen Intelligenz, von einem postbiologisches Leben mithilfe von Computern, die langfristig menschliches Wissen speichern, bleibt eine Vision.

Wenn man darüber nachdenkt, wie es mit der künstlichen Intelligenz weitergeht, ist die ethische Komponente nicht ausser Acht zu lassen. Es stellt sich die alte Frage, ob die Schaffung von Leben, egal ob künstlich oder nicht, ein Versuch ist Gott zu spielen. Und wenn technischer Fortschritt es uns ermöglicht Maschinen immer menschenähnlicher zu machen, inwieweit wird der Mensch sein künstliches Abbild noch kontrollieren können? Wird künstliche Intelligenz uns im Alltag helfen so wie es jetzt schon Roboter in alternden Japan tun oder kann sie zu einer Bedrohung werden, wenn ihre Intelligenz die unsrige übertrifft? Letzere Befürchtung wird immer wieder in Science Fiction Filmen wie z.B. „I, Robot“ oder „The Matrix“ dargestellt.

Letztendlich variiert die Einstellung zu künstlicher Intelligenz von Land zu Land. Die Popularität von Robotern in Japan mag daher kommen, dass Animismus, der Glaube dass alle Objekte eine Seele und eigene Götter haben, dort eine lange Tradition hat. Im Westen hingegen dominiert der jüdisch-christliche Monotheismus, der besagt, dass es nur einen Gott gibt, der Leben geben darf. Der Aufstand von Maschinen in westlichen Science Fiction Filmen könnte somit als eine Bestrafung gegen die Blasphemie des Roboter-Schöpfers gesehen werden. Der Begriff „Roboter“ kommt aus einem tschechischen Theaterstück von 1921. Am Ende des Stücks rebellieren die Kunstmenschen und vernichten die Menschheit. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Roboter in Japan als freundliche Helfer im Alltag dienen, während der Westen Roboter vorzugsweise in militärischen Konflikten einsetzt.


Teaser by Simon Zirkunow (CC BY-SA 2.0)

Image by Mikhail Shcherbakov (CC BY-SA 2.0)


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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden.

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