Nico Lumma

So kaputt ist das Internet gar nicht

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie. Diesmal geht es um den Zustand des Internets.

The Internet (Bild Alex McCabe [CC BY 2.0], via Flickr)

Johnny Haeusler schrieb kürzlich einen Artikel über das Internet und die Überwachung durch PRISM, Tempora und andere Programme: Das Internet ist kaputt. „Wir werden viel mehr für uns behalten. Denn wir können nicht mehr flüstern im Internet. Und der Traum vom grenzenlosen Menschheitsnetz, dessen gesammelte Offenheit auf Dauer für mehr Empathie und Transparenz sorgt, er ist ausgeträumt, fürchte ich. Widersprecht mir. Bitte.“ Na gut, dann mache ich das mal.

Alles wird anders - Nico LummaIch glaube, dass wir weiterhin flüstern können im Internet, wenn wir es wollen. Das Internet hat sich bislang immer dadurch ausgezeichnet, dass es sich auf Veränderungen und neue Begebenheiten einstellen kann, quasi ein wenig wie ein Organismus. Es wird also einfach zu nutzende Lösungen geben für vernünftig verschlüsselte Kommunikation. Ideen dafür gibt es schon lange, sehr lange, aber PGP oder GPG blieben bislang nur Nerdzeugs, weil niemand verstehen wollte, dass Kommunikation im Netz eigentlich nur so sicher ist wie ein Gespräch im Bus. Das wissen nun alle. Es werden daher mehr Lösungen entstehen für Leute, die nicht wollen, dass ihre Kommunikation leicht offenzulegen ist.

Es ist ja nicht so, dass wir wirklich alle überrascht sind, dass die NSA das Netz abhört, nur jetzt ist es eben allen klar geworden. Daher machen auch Dienste wie Bitcoin plötzlich viel mehr Sinn als vorher, denn die wenigsten wollen, dass wirklich alle finanziellen Transaktionen irgendwo gespeichert werden. Je mehr bargeldlosen Zahlungsverkehr wir nutzen, desto gläserer werden wir und desto interessanter erscheint Bitcoin als Währung. Die Selbstheilungsprozesse des Internets sind getrieben durch Technologie, aber sie werden politisch flankiert werden durch ein bereits stärker werdenden Verbraucherschutz und einem erneuten Fokus auf Bürgerrechte.

PRISM und Tempora sind ein heilsamer Schock für das Web 2.0, die Cloud und Big Data, denn nun wissen alle, wie vorsichtig die Nutzer, aber auch die Betreiber mit den Daten umgehen müssen, die sie bereitstellen oder erheben. Offene Standards werden weiterhin dafür sorgen, dass das Internet für uns alle nutzbar bleibt, auch wenn wir mal etwas flüstern wollen.


Image by Alex W. McCabe (CC BY 2.0)


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Nico Lumma

Nico Lumma

arbeitet als COO des next media accelerator (http://nma.vc) in Hamburg. Er bloggt auf lumma.de und ist seit 1995 eigentlich nicht mehr offline gewesen. Er ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes und Co-Vorsitzender des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Unter @Nico findet man ihn auf Twitter.

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