Review: Anhedonia – Narzissmus als Narkose

Die Maschinen werden intelligent, die Menschen bleiben dumm – “Fortschritt durch Technik” – den Spruch kennt man ja. Wir sind die Generation, welche die Weiterentwicklung der Menschheit und ihrer Umgebung dank der Digitalisierung auf einem ganz neuen Level miterleben. Irgendwie befindet man sich permanent im Vorspul-Modus, fast so als würde die Taste für immer klemmen- Informationsfluss, über Informationsfluss. Wir pumpen uns bis obenhin voll mit Daten, bis nichts mehr hinein geht. Regisseur Patrick Siegfried Zimmer mag diese Medienrevolution nicht. Ihn schreckt der Tech-Wahnsinn so sehr ab, dass er gleich seinen ersten Spielfilm zu dem Thema gemacht hat.

Jeder guckt nur noch auf sein Handy, nutzt es als Hauptkommunikationsmittel und stumpft dabei der Natur gegenüber ab. Schon klar, zu dieser Problematik, wenn man sie denn als diese sehen möchte, wurde schon viel gesagt. Muss da wirklich noch ein Film her? Ja, nein, also jein. In “Anhedonia” wird man nicht das lang vermisste Statement zur Misere unserer Zeit entdecken, aber man wird dort seinen Spaß haben. Denn über das Elend der anderen lacht es sich bekanntlich am besten. Und, hach, Robert Stadlober leidet in den 78 Minuten wirklich ganz fabelhaft. Er spielt den schnöseligen Franz Freudenthal, der zusammen mit seinem Bruder Fritz (Wieland Schönfelder) auf einem protzigen Schloss gegen eine Krankheit behandelt wird, die sie ganz emotionslos und leidenschaftslos hat werden lassen. Es handelt sich dabei um eine Volkskrankheit, genannt “Anhedonie”, und nur der gefeierte Professor Doktor Immanuel Young (Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow) soll sie tatsächlich und ein für alle Male kurieren können. Dafür sind Waffen, Tanzen, Eifersüchteleien und Wasserplanschereien nötig. Alles ein bisschen schräg, aber am Ende wohl besonders gut fürs “Chillaxen”.

Zimmer hat seine Satire wie ein Theaterstück inszeniert. Es gibt keine Musik, keine Statisten, keinen natürlichen Lauf der Dinge. Blixa Bargeld erzählt uns (auffällig schlecht ablesend) die wichtigsten Eckdaten: man wäre im Jahr 2020, die beiden übellaunigen Protagonisten seien Aristokraten. Ah ja, nun versteht man auch die Mixtur zwischen barocker Kleidungsweise und Hipster-Rucksack, das Siezen und gleichzeitige Umsichwerfen mit Schimpfworten wie “Fotze”, das Lesen von Büchern und das Benutzen von Kindle-Readern. Der Trend ist deutlich: wir lieben die Verschmelzung von technischem Know-How und Vintage-Elementen. So etwas konnte man bereits in dem gefühlvollen Spike Jonze Film “Her” (2013) sehen.

Anhedonia 02 (Image via Interzone Pictures)

Doch in “Anhedonia” geht es doppelbödiger zu. Hin und wieder, mitten in der Lust-Stimuli-Therapie des gesichtslosen Young (lediglich über Lautsprecher lässt er seine Anweisungen ertönen), mischt sich auch der Filmemacher ein. Und dieser ist nicht etwa Patrick Siegfried Zimmer – nein, es ist ein Fake-Regisseur mit Alkoholproblemen. Er erklärt Stadlober und Schönfelder, dass sie die Story, die sie da spielen, besser in sich aufnehmen müssten. Schließlich gehe es um die grenzenlose Dummheit der Menschheit in seinem Werk, und das sollte man auch entsprechend enthusiastisch dämlich herüberbringen. Wer bis dahin beim Zuschauen mit vielen Fragezeichen kämpfen musste, der fühlte sich nach dieser Einführung der Meta-Ebene auch nicht unbedingt entwirrter. Weiterhin ist die Rede von Sklaven – eigentlich seien ja alle Sklaven und das schon von Geburt an. Zusätzlich klatscht einem ein Lacher nach dem anderen aus dem Off entgegen, ganz so als würde man sich gerade eine amerikanische Sitcom aus den Neunzigern reinziehen.

Anhedonia 03 (Image via Interzone Pictures)

Ein Großteil seines Gaga-Debüts skizzierte Patrick Siegfried Zimmer direkt auf dem Bett seiner eigenen vier Wände. Er dachte sich skurrile Dialoge, komische Eigenarten für seine Charaktere und eine herrlich himmlische Kulisse aus. Bei dem Gedanken, dass sich ein Publikum später versuchen würde seine Geschichte zu erschließen, musste er grinsen. Primär geht es ihm nämlich gar nicht um ein Verständnis. Ist doch egal, ob man alles nachvollziehen kann oder nicht. Und genau dieser Umstand erweist sich auch als das Besondere an “Anhedonie”: in so einigen Situationen kann man sich sogar – trotz der Abgefahrenheit – hineinversetzen. Dank des Internets, dank der ständigen Beballerung vom Schönen, sind wir überreizt. Man schluckt oftmals ohne zu kauen. Dennoch wollen wir mehr, mehr und mehr. Auf eine überzogene Weise hält uns Zimmer genau vor diesen wunden Punkt den Spiegel. Können wir uns noch entschleunigen? Können wir noch raus aus unserer Blase? Und wenn ja: was sind wir dann noch? Wer sich nun verletzt ins Schneckenhaus zurückziehen möchte, ist selbst Schuld – der hat nicht genug Fantasie. Denn die ist es vor allem, die in diesem erdachten Spiel-und-Spaß-Paradies gefragt ist. Also Kopf ausschalten und auch mal wieder den Bauch fühlen lassen.

Der Kinostart ist der 31.03.2016


Images by Interzone Pictures


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Hella Wittenberg

Hella Wittenberg

ist freie Journalistin und eine Hälfte des cineastischen Blog Farbensportlich.de; die andere Hälfte ist David Streit. Beide sind die Autoren des wöchentlichen Empfehlung-Newsletter der Netzpiloten.

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