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Amazon Go – So geht Einkaufen in der Zukunft

Egal ob Bücher, Flugzeuge, Smart-Home Artikel oder (in diesem Fall) Supermärkte. Der Versandriese Amazon macht vor keinem neuen Geschäft halt. Dabei besticht der US-Konzern gerade durch seinen effizienten und modernen Touch. Amazon möchte unser aller Leben angenehmer gestalten. Nun hat Amazon vor einigen Jahren ein weiteres Projekt gestartet, dass das Unternehmen als Vorreiter in der Retail-Technologie positioniert. Mit den ersten Amazon Go Supermärkten, welche komplett per App steuerbar sind, revolutioniert Amazon im Vorbeigehen die Art, wie wir alle einkaufen.

Das besondere an Amazon Go

Aber wie genau funktioniert Amazon Go eigentlich? Auf der Website des Online-Händlers preisen sie ihre neue Technologie an. Mithilfe einer App, der Amazon Go App, kann man den Shop betreten. Danach darf nach Herzenslust alles in den Einkaufskorb gepackt werden, was man gerne kaufen möchte. Und dann? Dann geht man einfach aus dem Laden und das Amazon Konto wird automatisch mit dem Gegenwert des Eingekauften belastet. Ganz ohne lästiges Schlange stehen oder erneutes Aus- und wieder Einpacken der Lebensmittel an den Kassen.

Möglich gemacht wird diese neue Form des Einkaufens durch Technologie, die auch in selbstfahrenden Autos Anwendung findet. Sobald man den Laden betritt registrieren Sensoren und Kameras, welche Artikel aus den Regalen genommen werden. Anhand dieser Daten wird eine virtuelle Liste von den Waren erstellt, die man kaufen möchte. Beim Verlassen des Stores wird diese Liste an das Smartphone des Nutzers gesendet. Übrigens verwendet Amazon hier auch Deep-Learning-Technologien, mit denen die Software automatisch dazulernt.

Wofür eignet sich Amazon Go?

Das Konzept von Amazon Go wurde bisher nur in Seattle, San Francisco und Chicago umgesetzt. Zudem sind die meisten Stores eher klein und bieten vor allem bereits fertige Sandwiches und kleinere Mahlzeiten an. Allerdings betont Amazon auch, dass die Einkaufsläden gerade für Menschen ausgelegt sind, die in ihrer Mittagspause schnell und unkompliziert etwas zu essen kaufen möchten. Wie man das Konzept hinter Amazon Go auch für andere Zielgruppen anpassen könnte, erforscht das US-Unternehmen im Moment noch.

Allerdings gibt es bereits erste Tests, in denen die sogenannte „Just Walk Out“-Technologie (deren Namen wohl ziemlich selbsterklärend ist) in größeren Gebäuden eingesetzt wurde. Da Amazon inzwischen auch die amerikanischen Supermarktkette Whole Foods aufgekauft hat, wäre die Anwendung von „Just Walk Out“ eventuell auch hier denkbar.

Und wie sieht es mit Europa aus?

Gerüchten zufolge plant Amazon den ersten europäischen Amazon Go Store in London zu errichten. Auch hier würde das Konzept des kassenlosen Bezahlens sicher Anklang finden. Das Unternehmen selbst wollte sich aber noch nicht offiziell zu den Plänen für London äußern.

Der Rest Europas muss sich eventuell noch ein wenig gedulden, denn noch liegen keine konkreten Expansionspläne vor. Allerdings hat Amazon sich beim britischen Patentamt bereits vier Werbeslogans patentieren lassen. Diese Maßnahme wird als Zeichnen gewertet, dass sich Amazon mit seinen Plänen für die Express-Supermärkte nicht so schnell aus Europa wegbewegen wird.

Des Weiteren plant der Konzern, Amazon Go auch an Flughäfen zu bringen. Jedoch hapert es hier im Moment noch ein wenig an der Umsetzung. Denn Läden in Flughäfen müssen strengeren Richtlinien folgen und somit bleibt die Frage, ob sich der Aufwand für Amazon letztendlich lohnen würde. Bisher laufen die Pilot-Projekte in den amerikanischen Städten jedoch ganz gut. Mag das Konzept auch teilweise noch in den Kinderschuhen stecken und noch einige Probleme zu überwältigen haben, bietet Amazon Go einen innovativen Ansatz, der die Art wie wir einkaufen dauerhaft beeinflussen könnte.


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Google stellt neues Google Pixel 3 und Pixel 3 XL vor

Google hat zwei neue Top-Smartphones vorgestellt, mit denen das Unternehmen wieder ganz oben auf dem Markt mitmischen will. Die größten Neuerungen betreffen dabei den integrierten Google Assistant und die Kamera.

Im Design hat sich nicht allzu viel verändert. Mit einem 5.5“ Bildschirm beim Pixel 3 und einem 6.3“ Bildschirm beim Pixel 3 XL ist die dritte Generation des Google Pixel ein wenig größer als der Vorgänger. Ansonsten weist es das typisch moderne und schlanke Design vor, das man auch schon von den Vorgängermodellen kennt. Das Smartphone soll Staub- und Wasserresistent sein und hat einen speziellen Sicherheits-Chip integriert. Er heißt Titan M und soll die Datensicherheit des Handys unterstützen.

Große Neuerungen bei der Kamera

Google stellt mit seinem Pixel 3 und dem Pixel 3 XL ein Smartphone vor, das noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Benutzer eingestimmt sein soll.

Die Kamera soll mithilfe einer integrierten KI verbessert werden. Die neue Funktion „Super Res Zoom“ soll den Zoom verbessern und zudem gibt es nun „Night Sight“ in der Kamera. Dank dieser soll es endlich möglich sein, auch bei sehr schlechten Lichtverhältnissen, wie abends noch gute Bilder zu schießen. Mit dem „Group Selfie“ soll die Kamera noch einmal um 184 Prozent erweitert sein, sodass man auch Gruppen ohne Probleme auf ein Bild bekommt. Das Feature „Fotobooth“ erkennt automatisch, wenn man lächelt oder eine Grimasse schneidet und schießt anschließend von selbst ein Selfie. Damit muss man nicht mehr selbst den Auslöser betätigen und hat keine Hand mehr im Bild.

Die Kamera des Google Pixel 3 fokussiert nun auch automatisch beim Filmen. Wenn man zum Beispiel ein Haustier filmt, bleibt die Kamera immer auf diesem gerichtet. Auch wenn man sich bewegt. Gleichzeitig versucht die Kamera durchgängig das Bild zu stabilisieren. Zudem bietet Google seinen Kunden mit dem Google Pixel 3 unbegrenzten Speicherplatz für die Bilder. Diese sollen automatisch online bei Google Photos gespeichert werden.

Mehr Phone-Live-Balance

Wie auch schon Apple in seinem Update auf iOS 12 es getan hat, wird es nun auch auf dem neuen Google Pixel möglich sein einzustellen, wie lange man welche App benutzen möchte.

Außerdem kann man einsehen, wie lange man das Handy genutzt hat und man kann nun den „Wind Down“–Modus nutzen, um besser einschlafen zu können.

Ein weiteres tolles Feature ist die integrierte Google Lens. Unter Verwendung dieser soll man sofort durch die Kamera des Google Pixel 3 Texte aus seiner Umgebung übersetzt bekommen, oder ähnliche Kleidung finden wie die, die man vor sich sieht. Und zum Beispiel auch Pflanzen und Tiere kann die Kamera erkennen. Google Lens scannt die Umgebung und erkennt, wozu es mehr Informationen anzeigen kann.

Neue Funktionen beim Google Assistant

Doch Google denkt noch viel weiter mit seiner KI. Denn auf dem Google Pixel 3 sollen eingehende Spam-Anrufe zum Beispiel von Reisegesellschaften oder Verkäufern automatisch erkannt werden. Sobald eine Nummer anruft, die nicht eingespeichert ist, kann der Benutzer aus mehreren Optionen wählen. Er kann auch auswählen, den Google Assistant abheben zu lassen. Die KI nimmt den Anruf entgegen und teilt dem Gesprächspartner mit, dass er mit einer KI spricht und diese das Gesagte in schriftlicher Form dokumentiert und an den Besitzer des Handys weitergibt. Handelt es sich bei dem Anruf um Werbung, kann man dem Google Assistant gleich mitteilen, er soll dem Gesprächspartner sagen, diese Nummer in Zukunft nicht mehr zu wählen. Das knüpft direkt an die Technik an, mit der man ebenfalls Friseurtermine oder Arztbesuche bequem mit der KI abschließen können soll. Diese Funktion wird es zunächst allerdings nur in den USA geben.

Wie auch schon bei dem Google Pixel 2 wird der Akku innerhalb von 15 Minuten geladen und soll dann sieben Stunden halten.

Erhältlich ist das Google Pixel 3 für 799 Dollar (694,46 Euro) und das Google Pixel 3 XL für 899 Dollar (781,37 Euro) im Moment zum vorbestellen.

Hier lest ihr unseren Test zum Google Pixel.


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Nuro R1 – die Zukunft des Einkaufens

Enge Parkplätze, Menschenmassen und langes Warten an den Kassen: selber einkaufen zu gehen ist nervenaufreibend und kostet Zeit.

Die Alternative dazu ist, sich die Lebensmittel vom Supermarkt direkt liefern zu lassen. Doch auch hier stößt man des Öfteren auf Probleme. Viele Supermarktketten können die Produkte nur innerhalb der nächsten Tage und teilweise nur zu sehr ungünstigen Zeiten liefern. Die spontane Grillparty mit Freunden am Abend ist somit kaum bequem möglich. Allerdings möchte die amerikanische Supermarkt-Kette „Kroger“ nun Abhilfe schaffen; sie führen in Zusammenarbeit mit dem Start Up-Unternehmen „Nuro“ erste Tests mit autonom fahrenden Lieferfahrzeugen durch.

Pilotprojekt startet diesen Herbst auf den ersten öffentlichen Straßen

Dies mag zuerst nicht sonderlich aufregend erscheinen, schließlich tüfteln auch Firmen wie Uber oder Google schon seit längerem an selbstfahrenden Fahrzeugen. Und das nicht nur zum Liefern von Lebensmitteln, sondern auch für den sonstigen alltäglichen Gebrauch. Doch „Nuro R1“, so der Name des selbstfahrenden Wagens, hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz; da er ausschließlich zum Liefern von Lebensmitteln erdacht ist, ist er deutlich kleiner als ein gewöhnlicher PKW. Somit fällt ihm das Navigieren durch den Straßenverkehr leichter. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 40 km/h ist zudem die Gefahr eines Unfalls, welcher beträchtlichen Schaden nach sich zieht, geringer als bei normal großen autonomen Fahrzeugen.

Zurzeit liefert die Kette „Kroger“ jedoch noch nicht aktiv mit diesen Fahrzeugen aus. Ihr derzeitiges Projekt im Bereich autonomes Fahren beschränkt sich auf PKW anderer Hersteller wie Toyota, welche sie mit ihrer selbstfahrenden Technik aufrüsten. Auf abgeschlossenen Teststrecken führt das Unternehmen im Moment noch ausgiebige Versuche durch, bevor „Nuro R1“ reale Kunden bedienen darf. Kroger gab nun allerdings bekannt, die „Nuro R1“ Fahrzeuge erstmals im Herbst diesen Jahres im Bundstaat Arizona einzusetzen. Dann wird das kleine, runde Lieferfahrzeug mit einem Code bedient werden können, der vorher Kunden auf das Smartphone gesendet wird. Diese Art der Lebensmittellieferung erleichtert das Einkaufen nicht nur für vielbeschäftigte Berufstätige, sondern auch für ältere oder kranke Menschen, die ohnehin Schwierigkeiten im Alltag haben. Sollte sich dieses Projekt als erfolgreich herausstellen, gibt es bereits Vorschläge wie man auch andere Gegenstände wie Möbel oder Ähnliches mit jeweils angepassten Fahrzeugen einfach und schnell liefern lassen könnte.

Der „Nuro R1“ – auch bald bei uns in Deutschland?

Auch bei uns gibt es seit Jahren mehrere Projekte rund um das Thema „autonom fahren“, allerdings ist die Gesetzeslage hierzulande etwas komplizierter als in den USA. Bisher darf nur auf ausgewählten Testgebieten überhaupt mit selbstfahrenden Fahrzeugen experimentiert werden. In Arizona hingegen erlauben es die Gesetze diese Fahrzeuge auch aktiv einzusetzen. Sollte also das Fahrzeug „Nuro R1“ jemals auch auf deutschen Straßen verkehren, müsste zunächst ein entsprechendes Gesetz erlassen werden. Bis dahin können wir uns weiter an den Erfolgen der amerikanischen Konzerne erfreuen und hoffen, dass auch wir eines Tages in den Genuss eines solchen Lieferfahrzeuges kommen.


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Check-Up Ireland: Ein Platz an der Sonne

Sollarzellen (adapted) (image by Andreas-Troll 8CC0] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diesmal schaue ich auf die Sonne.

Wie Irland im Multimilliarden-Markt für Sonnenenergie mitmischen will

Wenn ich diese Kolumne gestern geschrieben hätte, dann hätte ich mich glaube ich selbst nicht so ganz ernst genommen, wenn ich über Irland und Sonnen-Energie schreibe. So mächtig hatte es gestern geschüttet. Aber – nach einer halben Stunde war der Spuk auch schon wieder vorbei. Nix mehr vom Klischee, dass es hier dauernd regnet. Und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, blicke ich raus auf einen strahlend blauen Himmel. Die Sonne scheint.

Aber Sonnen-Energie? Natürlich sieht man hier und da Sonnen-Kollektoren auf den Dächern. Aber eine ganze Industrie? Wenn es nach nationalen und internationalen Entwicklern geht, dann wird man in nicht allzu ferner Zukunft das Wort Farm nicht nur mit glücklichen irischen Kühen und Windturbinen, sondern auch mit Sonne assoziieren. Fast unbemerkt haben Unternehmen Projekt-Portfolios angesammelt, die wenn sie denn bebaut würden, Milliarden an Investitionen in den Sektor bringen würden.

Wie ist so viel Vertrauen in den irischen Markt möglich? Asiatische Hersteller und der modulare Bau von Anlagen – denkt an Ikea, aber für Kraftwerke – haben den Sektor Sonnenenergie enorm verändert. Die Kosten für solche Anlagen sinken rapide, während sie gleichzeitig bedeutend effizienter arbeiten. Die einst weit hergeholte Idee, dass Irland industriell Sonnenenergie produzieren könnte, ist auf einmal sehr real. Sollten alle Projekte, die zur Zeit auf den Tischen der Planer liegen, die Baugenehmigung erhalten und gebaut werden, so würde eine Fläche viermal so groß wie der berühmte Dubliner Phoenix Park bedeckt werden. Um die Dimensionen, von denen hier geredet wird, noch mit einer weiteren Zahl zu veranschaulichen – für eine Anlage in der Grafschaft Meath sind allein 150 Hektar eingeplant. Solche Zahlen beeindrucken viele, verschrecken aber auch manche. Das Problem ist ein typisch irisches – “Nimbysm” – ich komme am Schluss noch mal darauf zurück.

Die Sonne geht mit Naughten auf

Die Technik ist also vorhanden. Das Vertrauen der Investoren in die Technik – und in den Standort Irland – ist gleichsam vorhanden. Worauf warten wir noch? Nicht auf Godot, wie im berühmten Theaterstück des Iren Samuel Beckett. Der Sonnenenergie-Sektor wartet auf Naughten. Denis Naughten. Minister für Energie. Ein Vorhaben der Regierung, bei dem der Staat Preise für erneuerbare Energien unterstützt, wurde bereits mehrmals verschoben und liegt auf dem Tisch von Denis Naughten. Das letzte Teil des irischen Sonnenergie-Puzzles.

Andere Teile des Puzzles sind die potentiellen Betreiber der Anlagen, manche aus Irland, manche aus dem Ausland, groß und klein, eigenfinanziert oder mit Banken an der Seite. Zur Zeit liegen Planern Anträge für knapp 200 Anlagen mit 2,500 Hektar Fläche in 20 Grafschaften vor. Zusammen könnten die Anlagen rund 1,200 Megawatt an Energie generieren – mehr als das luftverpestende Kohlekraftwerk Moneypoint in der Grafschaft Clare. Die meisten Anträge für Solaranlagen (jeweils 34) liegen Planern in Cork und Wexford vor. 80 Genehmigungen wurden bereits erteilt.

Firmen wie Butlers Chocolates und die AIB-Bank (für den Hauptsitz in Ballsbridge in Dublin) haben die Technologie bereits installiert. Der entscheidende Schub könnte aber kommen, wenn eine Mehrzahl der US-Multinationals, die in Irland Datenzentren (Netzpiloten berichteten: http://www.netzpiloten.de/facebook-datenzentrum-irland/) betreiben, sich entschließen sollte, Solaranlagen zu nutzen.

Ein gutes Beispiel für den Willen der US-Multinationals in Irland nicht nur in Datenzentren, sondern auch in erneuerbare Energien zu investieren, ist zweifelsohne Apple, die für Athenry ein Investment von 850 Millionen Euro planen und dabei Wind- und Solar-Energie nutzen wollen. Toll? Oder? Moderne Technologie, saubere Energie und Arbeitsplätze dort, wo sie eigentlich rar sind – auf dem Lande. Doch leider geriet der Genehmigungs-Prozess, der eigentlich längst abgeschlossen sein sollte, jüngst ins Stocken, weil ein paar Anwohner Widerspruch eingelegt haben. Die Entscheidung der Planer wird nunmehr frühestens im Oktober erwartet. Falls sich Apple bis dahin nicht für die Investition in einem anderen Land (Finnland wurde bereits erwähnt) entschlossen hat.

“Fortschritt? Na klar. Aber nicht bei mir um die Ecke!” Das oben beschriebene Phänomen, das das Apple-Datenzentrum in Athenry aufhält, das Betreibern von Windfarmen zu schaffen macht und von dem zu befürchten ist, dass es auch einige der geplanten Solaranlagen gefährden könnte, heisst hier “Nimbysm” – “Not in my backyard.” Dunkle Wolken der besonderen Art also über dem Platz an der Sonne.


Image (adapted) „Solarzellen“ by Andreas-Troll (CC0 Public Domain)


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Fünf Technologien, die unsere Zukunft gestalten könnten

Thought (adapted) image by TeroVesalainen [CC0] via pixabay)

Fliegende Lagerhallen, Roboter-Rezeptionisten, intelligente Toiletten… klingen solche Innovationen eher wie Science-Fiction oder wie ein Teil einer möglichen Realität? Die Technologie hat sich in einem so rasanten Tempo entwickelt, dass uns unsere Welt in naher Zukunft futuristischen Filmen à la Blade Runner ähnelt – mit intelligenten Robotern und jeder Menge neuer Technik.

Aber welche Technologie wird wirklich einen Unterschied machen? Basierend auf jüngsten Untersuchungen von aktuellen Trends sind hier fünf Innovationen, die wirklich unsere Zukunft gestalten könnten.

1. Intelligente Häuser

Viele typische Haushaltsgegenstände können sich bereits mit dem Internet verbinden und Daten zur Verfügung stellen. Aber einiges an der smarten Technik ist derzeit gar nicht so schlau, wie es auf dem ersten Blick scheint. Ein smartes Messgerät zeigt lediglich, wie Energie genutzt wird, während ein Smart-TV nichts weiter tut, als Fernsehen mit einem Internetanschluss zu kombinieren. Ebenso ermöglichen intelligente Beleuchtung, ferngesteuerte Türschlösser oder intelligente Heizungssteuerungen die Programmierung über ein mobiles Gerät, indem sie einfach die Steuerung von einem Gerät an der Wand in unsere Hände verlegen.

Aber die Technologie bewegt sich ziemlich schnell auf einen Punkt zu, wo sie die Daten und Verbindungen nutzen kann, um im Auftrag des Benutzers zu handeln. Aber um wirklich einen Unterschied zu machen, muss die Technik mehr in den Hintergrund rücken – man stelle sich eine Waschmaschine vor, die erkennt, welche Kleidung man in sie hineingelegt hat. Die Maschine wählt automatisch das richtige Programm aus oder warnt den Nutzer sogar, dass er etwas in sie hinein gelegt hat, die er gar nicht zusammen waschen sollte. Hier ist es wichtig, dass wir die alltäglichen Aktivitäten der Menschen, ihre Beweggründe und die Interaktionen mit intelligenten Objekten besser verstehen, um zu vermeiden, dass diese zu ungebetenen Gästen im Haus werden.

Solche Technologien könnten sogar zum Nutzen aller arbeiten. Die BBC berichtet beispielsweise, dass Energieversorger „die Kosten für jemanden reduzieren können, der es gestattet, dass seine Waschmaschine über das Internet eingeschaltet wird, um den günstigen Solarstrom an einem sonnigen Nachmittag optimal auszunutzen.“ Es gibt auch andere Beispiele. So könne man Gefrierschränke für wenige Minuten ausschalten, um den Verbrauch in Zeiten mit hoher Auslastung auszugleichen.

Das Hauptanliegen in diesem Bereich ist die Sicherheit. Mit dem Internet verbundene Geräte können gehackt werden – und tatsächlich passiert das auch. Erinnern wir uns einmal an den letzten Erpresserangriff. Unser Haus ist der Ort, an dem wir uns doch am sichersten fühlen sollten. Damit sie sich verbreiten, müssen diese Technologien es auch weiterhin aufrechterhalten.

2. Virtuelle Helferlein

Während Assistenten eine sehr wichtige Rolle in Unternehmen spielen, verbringen sie doch oft große Teile ihres Arbeitstages mit zeitraubenden, aber relativ trivialen Aufgaben, die automatisiert werden könnten. Betrachten wir einmal die Organisation eines „einfachen“ Meetings. Sie müssen die richtigen Teilnehmer finden – wahrscheinlich auch über die Geschäftsgrenzen hinaus. Wenn dies geschehen ist, müssen sie nur noch herausfinden, wann all diese Personen Zeit haben. Dies ist nicht gerade eine Wissenschaft.

Tools wie Doodle, die die Verfügbarkeit von Personen vergleichen, um die beste Zeit für ein Meeting herauszufinden, können dabei helfen. Aber diese Tools verlassen sich letztendlich auf diejenigen, die sich aktiv einbringen. Sie sind auch nur dann nützlich, wenn die richtigen Leute bereits kenntlich gemacht wurden.

Durch die Verwendung von Informationen über den Kontext (Tabellen von Organisationen, Standortbewusstsein von mobilen Geräten und Kalendern) wurde die Identifizierung der richtigen Personen und die richtige Zeit für ein gegebenes Ereignis zu einem technischen Optimierungsproblem, das von einem EU-finanzierten InContext-Projekt vor einem Jahrzehnt erforscht wurde. In diesem Stadium war die Technologie für das Sammeln von Kontextinformationen aber noch weit weniger fortgeschritten. Smartphones waren immer noch eine Seltenheit und Datengewinnung und Datenerarbeitung waren noch nicht so weit wie heute. Im Laufe der Jahre konnten wir aber auch Maschinen sehen, die weit mehr in der täglichen Planung innerhalb von Unternehmen übernahmen.

In der Tat kann die Rolle der virtuellen Assistenten weit über die Terminplanung und die Organisation von Terminkalendern hinausgehen – sie können Projektleitern helfen, das richtige Team zusammenzustellen und ihnen die richtigen Aufgaben zuzuordnen, damit jeder Job effizient durchgeführt wird.

Auf der Schattenseite greift ein Großteil der benötigten Kontextinformationen doch sehr in die Privatsphäre ein – aber dann ist da die jüngere Generation, die freudig jede Minute auf Twitter und Snapchat teilt und solche Bedenken können im Laufe der Zeit weniger bedeutend werden. Und wo sollen wir die Grenze ziehen? Akzeptieren wir den „Aufstieg der Maschinen“ vollständig und automatisieren so viel wie möglich? Oder sollen echte Menschen in ihren täglichen Aufgaben beibehalten und Roboter nur benutzt werden, um wirklich triviale Aufgaben zu erfüllen, die niemand anderes erledigen will? Diese Frage muss beantwortet werden – und zwar bald.

3. Ärzte mit künstlicher Intelligenz

Wir leben in aufregenden Zeiten – in der Medizin und bei der KI-Technik gibt es immer mehr Fortschritte, die die Zukunft der Gesundheitsversorgung rund um die Welt gestalten. Doch wie würden wir uns bei einer Diagnose von einer künstlichen Intelligenz fühlen? Eine private Firma namens Babylon Health ist bereits dabei, in fünf Londoner Stadtbezirken zu testen, wo die Beratung von einem Chatbot für Nicht-Notrufe unterstützt wird. Die künstliche Intelligenz wurde mit Massen an Patientendaten ausgebildet, um die Benutzer zu beraten, in die Notfallabteilung eines Krankenhauses zu gehen, eine Apotheke zu besuchen oder einfach zu Hause zu bleiben.

Das Unternehmen behauptet, dass es bald in der Lage sein wird, ein System zu entwickeln, das Ärzte und Krankenschwestern bei der Diagnose übertreffen könnte. In Ländern, in denen es einen Mangel an medizinischem Personal gibt, könnte dies die Gesundheitsversorgung erheblich verbessern, so dass die Ärzte, die vor Ort sind, sich auf die Behandlung konzentrieren können, statt zu viel Zeit für eine Diagnose zu opfern. Dies könnte maßgeblich die klinische Rolle und Arbeitsabläufe von medizinischem Personal bestimmen.

Andererseits können IBM Watson, die CloudMedx-Plattform und die Deep Genomics-Technologie den Klinikern Einblicke in die Daten der Patienten und vorhandene Behandlungen geben, ihnen helfen fachkundigere Entscheidungen zu treffen und sogar bei der Entwicklung neuer Behandlungen zur Seite stehen.

Die wachsende Anzahl an mobilen Apps und Self-Trackern wie Fitbit, Jawbone Up und Withings könnte nun die Erfassung von Patientenverhalten, Behandlungsstatus und Aktivitäten erleichtern. Es ist durchaus vorstellbar, dass bald auch unsere Toiletten intelligenter werden und dazu genutzt werden, den Urin und den Kot der Menschen zu untersuchen, um dann eine Echtzeit-Risikobewertung für bestimmte Krankheiten zu liefern.

Um jedoch eine weit verbreitete Einführung der KI-Technologie im Gesundheitswesen zu ermöglichen, müssen viele berechtigte Bedenken angesprochen werden. Schon jetzt wurden Punkte wie Benutzerfreundlichkeit, Gesundheitskompetenz, Datenschutz, Sicherheit, inhaltliche Qualität und Vertrauensfragen mit vielen dieser Anwendungen gemeldet.

Außerdem werden die klinischen Richtlinien zu selten eingehalten. Ethische Bedenken und nicht übereinstimmende Erwartungen hinsichtlich der Erhebung, Kommunikation, Nutzung und Speicherung der Daten des Patienten kommen als Kritikpunkte zusätzlich hinzu. Darüber hinaus müssen die Grenzen der Technik deutlich gemacht werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden, die den Patienten möglicherweise schaden könnten.

Wenn KI-Systeme diese Herausforderungen angehen und sich auf das Verständnis und die Verbesserung der vorhandenen Pflegepraktiken und der Arzt-Patienten-Beziehung konzentrieren können, dann können wir erwarten, dass zunehmend erfolgreiche Berichte von datengesteuerten Gesundheitsinitiativen entstehen.

4. Pflegeroboter

Werden wir Roboter haben, die uns die Haustüren öffnen? Vielleicht ja. Werden sie in den meisten Häusern vorhanden sein? Selbst, wenn sie preiswert sind – wahrscheinlich wird das nie passieren. Was die erfolgreichen, intelligenten Technologien von den erfolglosen unterscheidet, ist, wie nützlich sie sind. Und wie nützlich sie sind, hängt vom Kontext ab. Für die meisten Menschen ist es wahrscheinlich nicht so nützlich, dass ein Roboter die Tür für sie öffnet. Doch man stelle sich vor, wie hilfreich eine Roboter-Empfangsdame an Orten sein könnte, wo Personalmangel herrscht, wie beispielsweise in Pflegeheimen für ältere Menschen.

KI-Roboter, die beispielsweise über eine Sprach- und Gesichtserkennung verfügen, können mit den Besuchern interagieren, um zu prüfen, wen sie besuchen möchten und ob ihnen der Zugang zum Pflegeheim gestattet ist. Nach der Überprüfung können Roboter mit Leitalgorithmen den Besucher zu der Person führen, die sie besuchen möchten. Dies könnte es den Mitarbeitern ermöglichen, mehr Zeit mit den älteren Menschen zu verbringen und ihren Lebensstandard dadurch zu verbessern.

Die KI benötigt aber noch eine weitere Fortentwicklung, um selbständig zu arbeiten. Immerhin: Die jüngsten Ergebnisse sind positiv. Die DeepFace-Software von Facebook war in der Lage, Gesichter mit 97,25 Prozent Genauigkeit zuzuordnen, als diese mit einer Standard-Datenbank von Forschern benutzt wurde, um das Problem der uneingeschränkten Gesichtserkennung zu studieren. Die Software basiert auf Deep Learning (maschinellem Lernen), einem künstlichen neuronalen Netzwerk, das aus Millionen von neuronalen Verbindungen besteht, die automatisch in der Lage sind, Wissen aus Daten zu beschaffen.

5. Fliegende Lagerhallen und selbstfahrende Autos

Selbstfahrende Autos sind wohl eine der erstaunlichsten Technologien, die derzeit untersucht werden. Trotz der Tatsache, dass sie Fehler machen können, können sie tatsächlich sicherer sein als menschliche Fahrer. Dies liegt zum Teil daran, dass sie eine Vielzahl von Sensoren verwenden können, um Daten über ihre Umwelt zu sammeln, einschließlich 360-Grad-Ansichten rund um das Auto.

Darüber hinaus könnten sie potenziell miteinander kommunizieren, um so Unfälle und Staus zu vermeiden. Neben der Bereicherung für die breite Öffentlichkeit sind selbstfahrende Autos wahrscheinlich auch für die Lieferfirmen sehr nützlich. Sie können Kosten sparen und schneller und effizienter liefern.

Man muss hier noch eine Menge weiterentwickeln, um den weitverbreiteten Einsatz solcher Fahrzeuge zu ermöglichen. Hierbei geht es nicht nur darum, dass sie besser lernen sollen, sich selbständig auf belebten Straßen zu bewegen, sondern auch darum, einen ordnungsgemäßen rechtlichen Rahmen zu schaffen. Trotzdem nehmen die Fahrzeughersteller schon jetzt an ein Rennen gegen die Zeit teil, um zu sehen, wer als Erster ein selbstfahrendes Auto für die Massen produzieren kann. Man nimmt an, dass das erste voll autonome Auto bereits im nächsten Jahrzehnt verfügbar sein könnte.

Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Fortschritt bei selbstfahrenden Autos oder Lastwagen aufhören wird. Amazon hat vor Kurzem ein Patent für fliegende Lagerhäuser eingereicht, die Orte erreichen können, bei denen die Nachfrage nach bestimmten Produkten sehr wahrscheinlich boomen wird. Die fliegenden Lager würden dann autonome Drohnen für Lieferungen aussenden. Es ist nicht bekannt, ob Amazon bei der Entwicklung solcher Projekte wirklich vorankommen wird, aber Tests mit autonomen Drohnen wurden bereits erfolgreich durchgeführt.

Dank der Technologie ist die Zukunft bereits hier – wir müssen nur ernsthaft darüber nachdenken, wie diese am besten geformt werden kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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The Conversation

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Judge KI? Warum es gefährlich ist, Künstliche Intelligenz für die Urteilsfindung zu nutzen

Richter (adapted) (image by Daniel_B_Photos (CCO) via pixabay

Künstliche Intelligenz hilft uns, unsere Zukunft zu bestimmen – seien es unsere Sehgewohnheiten bei Netflix, unsere Kreditwürdigkeit oder wie gut wir zu einem potenziellen Arbeitgeber passen. Doch wir sind uns sicherlich einig, dass es – zumindest noch – einen Schritt zu weit geht, wenn die KI unsere Schuld oder Unschuld feststellen soll.

Besorgniserregend ist, dass dies längst der Fall sein kann. Als John Roberts, das Oberhaupt des obersten Gerichtshofs in den USA, kürzlich an einer Veranstaltung teilnahm, wurde er gefragt, ob er einen Tag kommen sähe, „an dem smarte Maschinen, angetrieben von künstlicher Intelligenz, im Gerichtssaal bei der Erbringung von Indizien helfen oder, sogar noch brisanter, Gerichtsurteile selbst fällen würden“. Er antwortete: „Dieser Tag wird kommen und es ist eine enorme Belastung in Bezug auf die Vorgehensweise der Justiz“.

Roberts bezog sich vermutlich auf den aktuellen Fall von Eric Loomis, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde und das zumindest zum Teil auf die Empfehlung einer proprietären Software eines Privatunternehmens hin. Loomis, der eine kriminelle Vergangenheit hat und wegen Flucht vor der Polizei in einem gestohlenen Wagen verurteilt wurde, behauptet nun, dass sein Recht auf einen fairen Prozess verletzt wurde, da weder er noch seine Vertreter in der Lage waren, den Algorithmus hinter der Empfehlung zu prüfen oder in Frage zu stellen.

Der Bericht wurde von einem Softwareprodukt mit dem Namen Compas erstellt, welches von der Nortpointe Inc an Gerichte vertrieben und verkauft wird. Das Programm ist eine Verkörperung eines neuen Trends innerhalb der KI Forschung: Es wurde entworfen, um Richtern dabei zu helfen, „bessere“ – oder zumindest besser fundierte – Entscheidungen im Gerichtssaal zu treffen.

Obwohl die spezifischeren Details zu Loomis‘ Bericht versiegelt bleiben, ist es wahrscheinlich, dass das Dokument eine Reihe von Tabellen und Diagrammen enthält, die Loomis‘ Leben, sein Verhalten und die Wahrscheinlichkeit der Rückfälligkeit quantifizieren. Vermutlich enthält es auch Informationen wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Surfgewohnheiten und möglicherweise sogar die Maße seines Schädels. Der Punkt ist, dass wir es nicht wissen.

Was wir wissen ist, dass der Kläger in diesem Fall dem Richter erzählte, dass Loomis vor dem Prozess „ein hohes Risiko zur Gewaltausübung, ein enormes Rückfallrisiko“ zeigte. Das ist Standard, wenn es um Verurteilungen geht. Der Richter stimmte zu und teilte Loomis mit, dass er „durch die Compas-Einschätzung als ein Individuum identifiziert wurde, das ein großes Risiko für die Gesellschaft darstellt“.

Das oberste Gericht von Wisconsin sprach Loomis schuldig und fügte hinzu, dass der Compas-Bericht wertvolle Informationen für die Entscheidung eingebracht hat, schränkte dies allerdings sofort durch die Aussage, dass er ohne den Bericht die gleiche Strafe erhalten hätte, ein. Aber wie können wir das sicher wissen? Welche Art von Wahrnehmungsverzerrungen sind beteiligt, wenn ein allmächtiges, “smartes” System wie Compas vorschlägt, was ein Richter tun sollte?

Unbekannte Nutzung

Um eins klarzustellen, an dem, was das Gericht von Wisconsin gemacht hat, ist nichts ‚illegal‘ – es ist unter diesen Umständen nur eine schlechte Idee. Andere Gerichte können genau das Gleiche tun.

Beunruhigend ist, dass wir tatsächlich nicht wissen, in welchem Ausmaß KI und andere Algorithmen für Verurteilungen genutzt werden. Meine eigenen Nachforschungen zeigen, dass mehrere Gerichtsbezirke Systeme wie Compas in geschlossenen Verhandlungen “ausprobieren”, aber sie die Details der Partnerschaft oder wann und wo die Systeme genutzt werden, nicht veröffentlichen können. Wir wissen auch, dass es eine Zahl von KI-Startups gibt, die darum konkurrieren, ähnliche Systeme zu bauen.

Allerdings beginnt und endet die Benutzung von KI beim Gericht nicht bei der Verurteilung, sie beginnt bei den Ermittlungen. Ein System namens VALCRI wurde bereits entwickelt, um die arbeitsintensiven Aufgaben eines Kriminalanalysten innerhalb von Sekunden zu erledigen – das beinhaltet die Durchsuchung von Unmengen von Daten wie Texten, Laborberichten und Polizeidokumenten, um die Dinge hervorzuheben, die weitere Ermittlungen gewährleisten.

Die Polizei der britischen West Midlands wird VALCRI in den nächsten drei Jahren mit anonymisierten Daten austesten. Der Umfang beträgt 6,5 Millionen Dokumente. Eine ähnliche Testphase hat die Polizei im belgischen Abisher als problematisch eingestuft.

Vorteile für Wenige?

Die Gerichte haben aus der Technil bereits viele Vorteile gezogen – von Fotokopien über DNA-Fingerabrücke bis hin zu hochentwickelten Überwachungstechniken. Doch das bedeutet nicht, dass die Technologie an sich eine Verbesserung darstellt.

Obwohl die Nutzung von KI in Ermittlungen und Verurteilungen potenziell dabei helfen könnte, Zeit und Geld zu sparen, beinhaltet dies auch einige schwerwiegende Probleme. Ein Bericht über Compas von ProPublica stellte klar, dass es im Broward County in Florida für dunkelhäutige Angeklagte „viel wahrscheinlicher als für weiße Angeklagte war, fälschlicherweise mit einer zu hohen Rückfallwahrscheinlichkeit eingestuft zu werden”.

Die aktuelle Arbeit von Joanna Bryson, einer Professorin für Computerwissenschaft an der Universiät Bath, hebt hervor, dass sogar die “hochentwickeltsten” KIs die ethnischen und geschlechtsbezogenen Vorurteile derjenigen, die sie entworfen haben, erben können.

Worin liegt darüber hinaus der Sinn, die Entscheidungsfindung in Angelegenheiten, die besonders menschlich sind, (zumindest teilweise) auf einen Algorithmus abzuwälzen? Warum machen wir uns die Mühe, eine Jury aus Unseresgleichen auszusuchen? Der richterliche Standard war niemals perfekt, sondern eher das Beste, was unsere Fähigkeiten uns Menschen erlaubt. Wir alle machen Fehler, doch im Laufe der Zeit und mit Übung werden wir besser darin, diese nicht wieder zu begehen – und dabei entwickeln wir das System fortwährend weiter.

Was Compas und ähnliche Systeme vertreten, ist das ‚Black Boxing‘ des Rechtssystems. Diesem muss sich konsequent widersetzt werden. Rechtssysteme hängen von Informationskontinuität, Transparenz und Kritikfähigkeit ab. Was wir nicht als Gesellschaft wollen, ist ein Rechtssystem, das in eine Abwärtsspirale für KI-Startups führt, um die Produkte so schnell, günstig und exklusiv wie möglich abzuliefern. Während einige Beobachter für KI-Themen dies bereits seit Jahren haben kommen sehen, ist es jetzt hier – und es ist eine schreckliche Idee.

Eine nachprüfbare Open-Source-Version von Compas wäre ein Fortschritt. Trotzdem müssen wir sicher gehen, dass wir zuerst die Standards im Rechtssystem steigern, bevor wir damit beginnen, Verantwortlichkeiten auf Algorithmen abzuwälzen. KIs sollten nicht nur ein Grund sein, nicht zu ermitteln.

Während viel Geld mit KI gemacht werden kann, gibt es auch eine Menge echter Chancen. Sie kann vieles zum Besseren verändern, wenn wir es richtig machen und sicherstellen, dass die Vorzüge jedem zu Gute kommen und nicht nur die Macht an der Spitze der Pyramide zementieren.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt keine perfekte Lösung für all diese Probleme. Aber ich weiß, dass wir in Bezug auf die Rolle der KI in der Rechtsprechung fragen müssen, in welchem Zusammenhang, zu welchem Zweck und mit welcher Aufsichtsführung sie eingesetzt wird. Bis diese Fragen mit Sicherheit beantwortet werden können, ist äußerste Skepsis gefragt. Oder zumindest der Kontakt zu ein paar sehr guten Anwälten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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10 Jahre danach: Wo uns das iPhone weitergebracht hat – und wo nicht.

Der zehnte Geburtstag des iPhone von Apple erinnert uns daran, dass es das erste Smartphone war – wenn auch nicht das Allererste, das am Massenmarkt Anklang fand – obwohl es nicht das Allererste war. Seitdem definierte das iPhone den Ansatz, den andere Smartphone-Hersteller wählten.

Smartphones haben unser Leben verändert, in dem sie uns im Wesentlichen einen an das Internet angeschlossenen Computer für die Hosentasche gegeben haben. Aber wir verlieren auch Freiheiten, während wir von Candy Crush oder Pokémon Go abgelenkt werden. Wir verlieren die Kontrolle über unsere eigenen Geräte und wir verlieren Zugang zu den Informationen, die sie beinhalten – in genau den gleichen Geräten, die zunehmend wichtiger in unserem Leben sind.

Um erkennen zu können, wie weit wir gekommen sind, müssen wir bedenken, dass der Desktop-Computer nur mit dem IBM-PC weiterverbreitet wurde. Indem der PC mit einer offenen Architektur konzipiert wurde, entstand eine gewaltige Industrie an PC-kompatiblen Produkten von anderen Herstellern. Das Gleiche passiert heute: Wenn ihr einen Computer erwerbt, werdet ihr immer (wenn ihr wollt) die Möglichkeit und das Recht haben, jedes Element der System-Hardware hinzuzufügen, zu entfernen, zu tauschen oder aufzurüsten, jede gewünschte Software zu installieren oder zu entfernen, einschließlich des Betriebssystems und des Zugangs zu jeder Information, die darauf gespeichert ist.

Aber heutzutage hat das Smartphone oder das Tablet im Endeffekt in vielen Fällen den Desktop-Computer oder den Laptop ersetzt. In Teilen der Entwicklungsländer sind Smartphones die erste Erfahrung, die viele mit Informatik und dem Internetzugang haben. Die Tatsache, dass sie klein und tragbar sind und ohne Kabel funktionieren, bedeutet, dass sie auch für viele andere Anwendungen ausgelegt sind. Beispielsweise kann das Navigationssystem eine Orientierungshilfe geben, wir hören Musik während des Trainings oder spielen Spiele im Wartezimmer.

Noch ist es unmöglich, auf dem iPhone etwas zu tun, das bei einem Computer sehr einfach ist – wie etwa, unsere Dateien aufzulisten. iPhone-Nutzer können ihr Hintergrundbild, ihren Klingelton und die Alarmzeit ändern. Aber das iPhone überwacht sorgfältig, welche Dateien es beinhaltet. Unser Telefon, das überall mitgenommen wird, das unseren genauen Standort kennt, das die Webseiten aufzeichnet, die wir besuchen, bewahrt alle seine Dateien vollständig unzugänglich für uns auf. Wenn wir uns über unsere Privatsphäre Sorgen machen, sollte uns das beunruhigen.

Wir hatten immer die Herrschaft über unsere eigenen Computer und die Möglichkeit, mit ihnen zu tun, was wir wollen. Aber die Smartphones und Tablets, die wir heute kaufen, werden ohne Administratorrechte genutzt. Wir sind lediglich Nutzer in den Händen der großen Technologie-Unternehmen und diese Firmen beherrschen im Endeffekt die Maschinen, mit denen wir leben.

Informationen und Freiheit

Natürlich erlaubt das iPhone den Zugriff zu einigen Informationen wie beispielsweise Fotos, Emails oder unseren Dokumenten. Aber oft ist es schwierig, Daten von dem Telefon zu entfernen. Die Art, mit der das iPhone mit unserem Computer kommuniziert, ist ein geschlossenes, urheberrechtlich geschütztes Protokoll. Apple ändert das Protokoll zudem jedes Mal, wenn es das Telefon updatet. Daher werden wir Schwierigkeiten haben, unsere eigenen Fotos aus unserem Telefon zu bekommen, wenn wir einen Windows-PC oder einen Apple-Computer verwenden.

Apple schränkt auch ein, welche Informationen auf dem Gerät abgespeichert werden können. Zum Beispiel sind die iPhone-Nutzer gezwungen, jede Musikdatei auf das Telefon mit der Apple iTunes-Software zu überspielen. Wenn man iTunes nicht starten kann oder will, gibt es eben keine Musik. Zudem wird iTunes automatisch alle Musiktitel auf dem Telefon löschen, wenn man versucht, Daten von mehr als einem Computer zu übertragen. Dies geschieht aufgrund der digitalen Rechtemanagement-Software, die annimmt, dass der Zugriff von mehr als einem Computer bedeutet, dass die Datei illegal geteilt worden ist. Es ist ein bisschen so, als würde man eine Brille kaufen, die die Bedingungen überwacht, unter denen wir Bücher lesen dürfen. Oder einen Rucksack, der seinen ganzen Inhalt zerstört,  wenn man versuchen würde, Gegenstände zu tragen, die  aus unterschiedlichen Geschäften stammen.

Das gleiche Problem wirkt sich auch darauf aus, welche Anwendungen installiert werden können. Wer lernt, wie man Code schreibt, kann auch seine eigenen Anwendungen entwickeln, um seine spezifischen Probleme zu lösen. Aber das iPhone gestattet nicht, diese Programme auszuführen:  Nur Software, die von Apple autorisiert und mit Hilfe des Apple Stores vertrieben wurde, ist erlaubt.

Offene Alternativen

Warum wird so engmaschig überwacht, was wir mit unseren Geräten tun können? Manch einer mag argumentieren, dass diese Einschränkungen für unsere Sicherheit notwendig sind. Wenn wir jedoch einen genaueren Blick auf unterschiedliche Betriebssysteme werfen, stellen wir fest, dass Linux – ein nicht-kommerzielles, quelloffenes Betriebssystem – auch vergleichsweise am sichersten ist. Es stimmt, dass das quelloffene Android-Betriebssystem für Mobiltelefone nicht im gleichen Maße sicher ist wie das iOS-Betriebssystem, mit dem das iPhone von Apple betrieben wird. Aber es zeigt auch, dass es möglich ist, ein System zu nutzen, das sowohl sicher als auch offen ist.

In der Tat wird iOS um einige quelloffene Softwareprojekte herum aufgebaut – das sind jede, deren interne Funktionsweisen für alle gratis zugänglich sind, um sie anzuschauen und zu modifizieren. Aber während Elemente von iOS offen sind, werden sie als ein Teil des fest geschlossenen Systems verwendet. Android, ein offenes Betriebssystem für Mobiltelefone, das ursprünglich von Google entworfen wurde, ist die erste Alternative zum iPhone. Doch Android-Telefone haben auch viele geschlossene Source-Komponenten. Auch ersetzt Google laufend offene Vorgänge mit geschlossenen Source-Komponenten.

Eine andere Alternative kommt in Form von Ubuntu Touch, eine neue Version des beliebten Ubuntu Linux für Telefone und Tablets, jedoch wird es noch nicht weitläufig verwendet. Als Tatsache bleibt, dass uns die mobile Revolution, die vom iPhone losgetreten wurde, zehn Jahre später einige Schritte nach vorne und einige Schritte zurück gebracht hat: Sie lässt uns im Unklaren, ob wir eines Tages unsere Geräte eigentlich vollständig besitzen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „iphone“ by JEESHOTS (CC0 Public Domain)


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CinemaConnect: Barrierefreies Kino für alle

Die kostenlose Applikation CinemaConnect von Sennheiser gibt es für Apple und Android und macht barrierefreies Kinoerlebnis für Sinnesbehinderte möglich. Mit ihr sind Audiodeskription, personalisierte Hörunterstützung sowie Untertitel über das eigene Smartphone in Echtzeit abrufbar. Ein Service, der Millionen Menschen anspricht: allein in Deutschland leben 1,2 Millionen mit Sehbehinderung oder Blindheit und etwa 15 Millionen mit Schwerhörigkeit.

Barrierefreies Kulturangebot

Auf dem Dubai Film Festival traf ich Jörn Erkau, Manager von Global Sales CinemaConnect, und sprach mit ihm über sein Engagement für mehr Inklusion in der Gesellschaft: „Uns ist es wichtig, auf das Thema der Barrierefreiheit aufmerksam zu machen und technische Lösungen bereitzustellen. Hör- oder Sehgeschädigte sollen genauso ins Kino, Theater oder auch zu einem Fussballspiel gehen können. Wir möchten Kultur einfach allen zugänglich machen.“

Mit seinem Kollegen Simon Edeler ist der 50-jährige weltweit unterwegs, um Kunden für das Streaming System CinemaConnect zu finden. Um ein Kino barrierefrei zu gestalten, muss ein sogenannter Streaming Server (ConnectStation) und ein spezifischer WLAN-Router (Acces Point) eingebaut werden, erklärt Erkau: „CinemaConnect ist ein Audio-Übertragungssystem auf WLAN-Basis. Wir greifen anhand unseres Servers, der nicht größer als ein DVD-Player ist, die Tonspuren und Untertitel vom Kinoserver ab und übertragen diese über WLAN auf das Smartphone des Kinogängers.“

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Jörn Erkau by Maren Méheust

Diese Inhalte werden seit der Digitalisierung in allen Kinos zur Verfügung gestellt. Die Schnittstelle ist also da, bis jetzt fehlte nur der Übertragungsweg zum Abnehmer. Zwar können in manchen Kinos Empfänger zur Hörunterstützung geliehen werden, doch gestaltet es sich per Smartphone viel einfacher und auch mit eigenen Kopfhörern hygienischer.  Außerdem entfallen für den Veranstalter jegliche Kosten für die Bereitstellung, den Verleih und die Wartung von Geräten. 

Mit der Plattform „culture inclusive“ informiert Sennheiser bereits, wo deutschlandweit barrierefreie Kulturangebote zu finden sind. Auf der interaktiven Deutschlandkarte kann nach Angeboten für Seh- oder Hörbehinderte geschaut werden.

Personalisierte Assistenz

Wenn ein Kino das Streaming System CinemaConnect installiert hat, muss der Nutzer nur noch die kostenlose Applikation herunterladen und sich im Kinosaal mit dem WLAN verbinden. Je nach Sinnesbehinderung stellt Sennheisers Applikation vier unterschiedliche Kanäle zur Verfügung: „Ich kann nicht nur Hörunterstützung oder Audiodeskription anfragen, sondern auch die französische oder englische Fassung des Films“, erklärt Erkau, der sich schon früh als Musiker und mit seiner Soundcom GmbH die Arbeit mit Ton zum Beruf gemacht hat.

Dabei geht die Applikation auf die persönlichen Bedürfnisse des Nutzers ein: „Wenn ich zum Beispiel eine Hörbehinderung bei den höheren Frequenzen habe, kann ich das per App nachjustieren und nur diese auf meinen Kopfhörern lauter stellen. Dafür hat Sennheiser in Unterstützung mit Fraunhofer spezielle Algorithmen entwickelt, um die Sprachverständlichkeit zu verbessern, die dann grafisch auf dem Smartphone übersetzt werden – dem sogenannten ‚personal hearing assistant‘.“ Bei Gehörlosigkeit können mit der Applikation Untertitel auf dem Smartphone mitgelesen werden. Außerdem bietet CinemaConnect auch das Abrufen mehrsprachiger Untertitel an, was zeigt, dass die App nicht nur Inklusion im Fokus hat.

Jörn Erkau stellte mir auf der Messe auch den Prototypen einer Untertitel-Brille vor, die bald das Mitlesen der Untertitel durch Projektion auf den unteren Rand der Leinwand für den Nutzer noch vereinfachen soll.

Anders gestaltet es sich bei Sehbehinderungen: „Wenn man blind ist, hört man zwar alles, sieht aber nicht, was auf der Leinwand passiert. Genau das übernimmt dann die Audiodeskription, die mit einem Ohr mitgehört werden kann. In jedem Audiodeskriptionstream arbeiten sehende und blinde Redakteure zusammen. Die Sehenden beschreiben die Geschehnisse so lange, bis sich das Bild mit dem des Blinden deckt.“

Individualisierte Inhalte sind die Zukunft

In Deutschland sind bereits 20 Kinos mit CinemaConnect ausgestattet. Ebenso in Finnland und Dänemark. In den USA laufen derzeit zwei Demo-Installationen und Korea meldete auch bereits Interesse. Ihre Welttournee führte Erkau und Edeler bis nach Dubai, wo sie großes Potential sehen: „Bei unserer Recherche sind wir auf die EXPO 2020 gestoßen, die auch mit den Themen Inklusion und Zugänglichkeit wirbt. Außerdem ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Technikaffinität sehr groß und es gibt über 1600 Kinosäle in der Region.“

Mit CinemaConnect reagiert Sennheiser für Simon Edeler auf eine Entwicklung der Gesellschaft: „Heutzutage werden Inhalte immer mehr individualisiert konsumiert – das sieht man schon beim Fernsehen. Kaum jemand nutzt noch das lineare Angebot, wenn man per Internet selbst bestimmen kann, wann man was sieht. Mit unserem System habe ich die Möglichkeit, ins Kino zu gehen, ein soziales Ereignis zu teilen und trotzdem individualisierte Inhalte abzurufen – sei es mit Fremdsprachen oder Hör- bzw. Sehunterstützung.“

Die nächsten Besuche in den Städten der Welt sind schon geplant, bei der die beiden weiterhin auf Messen und Festivals für ein barrierefreies Kulturangebot werben.


Image „red“ by Mezenmir (CC0 Public Domain)


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Wie Afrika einen heimischen Technik-Sektor entwickeln kann

RHoK Nairobi, Kenya (adapted) (Image by Erik (HASH) Hersman [CC BY 2.0] via flickr)

Afrika geht rasant online. Das Internet verbreitet sich auf dem Kontinent schneller als in irgendeiner anderen Region der Welt und bietet Millionen von Menschen Zugang zu besserer Kommunikation, Information und Geschäftsgelegenheiten. Obwohl nur etwa 20 Prozent aller Menschen in Afrika Zugang zum Internet haben (im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt von 40 Prozent), ist diese Anzahl von weniger als 5 Prozent vor zehn Jahren angestiegen. Was aber noch fehlt, ist eine bedeutsame Anzahl an Onlineservices, die vor Ort erstellt und gehostet wurden und sich auch in einheimischem Besitz befinden. So gibt es beispielsweise pro Million Einwohnern in Afrika nur 12 sichere Webserver, im Vergleich zu 1171 in Nordamerika. Statt einheimische Anbieter zu nutzen bevorzugen viele Länder populäre Marken, welche in anderen Teilen der Welt beheimatet sind, wie etwa Google und Facebook. Dieser Mangel an einheimischer afrikanischer Online-Präsenz setzt den Kontinent einem ernsten Nachteil aus, indem den Menschen nicht zugestanden wird, das volle Potenzial des Internets auszuschöpfen. Die schwierige Frage lautet, was man dagegen tun kann. Man könnte argumentieren, dass Afrikas Verlangen nach internationalen Onlinemarken eine gute Sache sei, zeigt er doch, wie das Internet aufstrebende Regionen nahtlos an den globalen Markt anschließt. Aber es gibt einen Preis dafür. Entwicklungsländer mit hochentwickeltem Wettbewerb zu überfluten, birgt das Risiko, dass die Entwicklung neuer, einheimischer Alternativen unterdrückt wird – ein Problem, das Ökonomen und Politikern seit hunderten von Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Wie kann etwa ein einheimischer Online-Service, der noch in den Kinderschuhen steckt, gegen einen Konzern wie Google bestehen? Es ist möglich, dass dieses Hindernis die wirtschaftlichen Gewinne der Länder Afrikas beschränkt und sie daran hindert, das Web weiter zu bereichern und von wenigen großen Playern weg zu verändern. Bei meiner eigenen, kürzlich erfolgten Analyse habe ich herausgefunden, dass die Probleme Afrikas mit dem Internet nicht nur mit der Erschaffung und der Eigentümerschaft von Webseiten zu tun haben. Sogar Angebote, die vor Ort designt werden (wie etwa neue Webseiten) werden oft von außerhalb des Kontinents, etwa von den USA oder Europa aus, gehostet und betrieben. Der Hauptgrund hierfür liegt im günstigeren und verlässlicheren Hostingservice, der im Ausland angeboten wird. Ein neuer Bericht der Internet Society zeigt, dass ruandische Inhaltsanbieter im Jahr 111 US-Dollar sparen können, indem sie ihre Inhalte im Ausland hosten.

Langsamer und teurer

Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Für die Webseiten mag es billiger sein, aber es ist wesentlich teurer für die örtlichen Dienstleister (Internet Service Provider, also die Unternehmen, die die Nutzer mit dem Internet verbinden), welche die Daten von überall auf der Welt abrufen müssen. Beim Beispiel von Ruanda müssten die örtlichen Dienstanbieter, die den Inhalt für Internetnutzer verfügbar machen, 13.500 US-Dollar mehr zahlen als wenn sie sich mit Servern in Afrika verbinden würden, was die Kosten für alle in die Höhe treibt. Das Problem endet aber nicht an dieser Stelle. Die Notwendigkeit, sich mit Webseiten zu verbinden, die im Ausland gehostet sind, führt auch zu langsameren Download-Geschwindigkeiten. Das kann todlangweilig und frustrierend für die Nutzer sein, was sie davon abhält, Seiten mit schlechter Leistung aufzurufen. Andererseits zeigt das Beispiel von China, dass es nicht so sein muss. Die strenge Zensurpolitik des Landes beschränkt die Einfuhr ausländischer Webseiten. Das hat der Entstehung von alternativen Seiten geführt, welche vor Ort erstellt und gehostet werden. Im Gegenzug hat dies dem Land dabei geholfen, eine schnell wachsende Internettechnikindustrie zu entwickeln, mit Branchenriesen wie der Suchmaschine Baidu, dem Online-Shop Taobao und der Videoseite Youku, welche nicht nur ein gewaltiges Innovationspotenzial bergen, sondern auch entsprechende wirtschaftliche Vorteile. Vom moralischen Standpunkt her ist es schwierig, eine solche Zensur für Afrika zu rechtfertigen. Menschen den Zugriff auf Videos bei YouTube oder den globalen Einfluss von Facebook zu verweigern scheint fundamental falsch zu sein. Es würde zudem die Idee des Netzneutralität untergraben – die Vorgabe, dass Internetanbieter den Zugriff auf alle Inhalte des Internets gleichermaßen bieten sollen – was viele als Kernprinzip des Internets ansehen. Und während viele Länder im Lauf der Geschichte Schutzpolitik betrieben haben, um ihre so genannten jungen Wirtschaftszweige zu schützen, ist das Internet eine andere Sache. Seine globale Natur und die Art, wie es andere Wirtschaftszweige unterstützen kann, führen dazu, dass die Beschränkung ausländischer Webseiten, und sei es nur für wenige Jahre, zu viele negative Folgen haben kann. Man stelle sich nur einen Onlinehandel vor, der plötzlich den Zugriff auf Ebay verliert.

Positive Lösungen

Statt ausländische Webseiten zu sperren, sollten wir nach positiveren Lösungen suchen. Eine angemessene Regulierung, Investitionen in die Infrastruktur und vor allem in die Ausbildung sind der Schlüssel, um einheimische Innovationen zu fördern. Ein guter Ausgangspunkt wäre, Ausschau nach jenen Angeboten zu halten, die unbedingt einen lokalen Bezug brauchen. Viele Bedürfnisse der afrikanischen Nutzer spiegeln jene der anderen Nutzer weltweit. Daher ist es schwierig, ein einzigartiges Verkaufsargument festzulegen, das sich im Wettbewerb gegen die großen internationalen Konzerne durchsetzt. Mit lokalem Bezug vorzugehen und sich auf die Arten von Angeboten zu konzentrieren, die noch nicht von der globalen Elite abgedeckt werden, wäre eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen. Glücklicherweise kommen immer mehr Beispiele auf, wie etwa Ushahidi, welches entwickelt wurde, um Berichte von Gewalt in Kenia nach den Wahlen 2008 aufzuzeichnen. Angebote in anderen aufstrebenden Wirtschaften können ebenfalls Pate stehen, wie etwa der indische Buchungsservice für Rikschas Autowale. Diese wunderbaren Beispiele zeigen Innovation in bester Form: die Lösung für echte Probleme vor der Haustür zu finden. Und vielleicht wird sich aus dem einheimischen Start-Up der nächste globale Tech-Gigant entwickeln. Indem man die einheimischen Kompetenzen und Kapazitäten ausbaut, wird der Grundstein für die Zukunft gelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir eine afrikanische Webseite zwischen den Lesezeichen von Internetnutzern auf der ganzen Welt sehen werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „RHoK Nairobi, Kenya“ by Erik (HASH) Hersman (CC BY 2.0)


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Review: Anhedonia – Narzissmus als Narkose

Anhedonia (Image by Interzone Pictures)

Die Maschinen werden intelligent, die Menschen bleiben dumm – “Fortschritt durch Technik” – den Spruch kennt man ja. Wir sind die Generation, welche die Weiterentwicklung der Menschheit und ihrer Umgebung dank der Digitalisierung auf einem ganz neuen Level miterleben. Irgendwie befindet man sich permanent im Vorspul-Modus, fast so als würde die Taste für immer klemmen- Informationsfluss, über Informationsfluss. Wir pumpen uns bis obenhin voll mit Daten, bis nichts mehr hinein geht. Regisseur Patrick Siegfried Zimmer mag diese Medienrevolution nicht. Ihn schreckt der Tech-Wahnsinn so sehr ab, dass er gleich seinen ersten Spielfilm zu dem Thema gemacht hat.

Jeder guckt nur noch auf sein Handy, nutzt es als Hauptkommunikationsmittel und stumpft dabei der Natur gegenüber ab. Schon klar, zu dieser Problematik, wenn man sie denn als diese sehen möchte, wurde schon viel gesagt. Muss da wirklich noch ein Film her? Ja, nein, also jein. In “Anhedonia” wird man nicht das lang vermisste Statement zur Misere unserer Zeit entdecken, aber man wird dort seinen Spaß haben. Denn über das Elend der anderen lacht es sich bekanntlich am besten. Und, hach, Robert Stadlober leidet in den 78 Minuten wirklich ganz fabelhaft. Er spielt den schnöseligen Franz Freudenthal, der zusammen mit seinem Bruder Fritz (Wieland Schönfelder) auf einem protzigen Schloss gegen eine Krankheit behandelt wird, die sie ganz emotionslos und leidenschaftslos hat werden lassen. Es handelt sich dabei um eine Volkskrankheit, genannt “Anhedonie”, und nur der gefeierte Professor Doktor Immanuel Young (Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow) soll sie tatsächlich und ein für alle Male kurieren können. Dafür sind Waffen, Tanzen, Eifersüchteleien und Wasserplanschereien nötig. Alles ein bisschen schräg, aber am Ende wohl besonders gut fürs “Chillaxen”.

Zimmer hat seine Satire wie ein Theaterstück inszeniert. Es gibt keine Musik, keine Statisten, keinen natürlichen Lauf der Dinge. Blixa Bargeld erzählt uns (auffällig schlecht ablesend) die wichtigsten Eckdaten: man wäre im Jahr 2020, die beiden übellaunigen Protagonisten seien Aristokraten. Ah ja, nun versteht man auch die Mixtur zwischen barocker Kleidungsweise und Hipster-Rucksack, das Siezen und gleichzeitige Umsichwerfen mit Schimpfworten wie “Fotze”, das Lesen von Büchern und das Benutzen von Kindle-Readern. Der Trend ist deutlich: wir lieben die Verschmelzung von technischem Know-How und Vintage-Elementen. So etwas konnte man bereits in dem gefühlvollen Spike Jonze Film “Her” (2013) sehen.

Anhedonia 02 (Image via Interzone Pictures)

Doch in “Anhedonia” geht es doppelbödiger zu. Hin und wieder, mitten in der Lust-Stimuli-Therapie des gesichtslosen Young (lediglich über Lautsprecher lässt er seine Anweisungen ertönen), mischt sich auch der Filmemacher ein. Und dieser ist nicht etwa Patrick Siegfried Zimmer – nein, es ist ein Fake-Regisseur mit Alkoholproblemen. Er erklärt Stadlober und Schönfelder, dass sie die Story, die sie da spielen, besser in sich aufnehmen müssten. Schließlich gehe es um die grenzenlose Dummheit der Menschheit in seinem Werk, und das sollte man auch entsprechend enthusiastisch dämlich herüberbringen. Wer bis dahin beim Zuschauen mit vielen Fragezeichen kämpfen musste, der fühlte sich nach dieser Einführung der Meta-Ebene auch nicht unbedingt entwirrter. Weiterhin ist die Rede von Sklaven – eigentlich seien ja alle Sklaven und das schon von Geburt an. Zusätzlich klatscht einem ein Lacher nach dem anderen aus dem Off entgegen, ganz so als würde man sich gerade eine amerikanische Sitcom aus den Neunzigern reinziehen.

Anhedonia 03 (Image via Interzone Pictures)

Ein Großteil seines Gaga-Debüts skizzierte Patrick Siegfried Zimmer direkt auf dem Bett seiner eigenen vier Wände. Er dachte sich skurrile Dialoge, komische Eigenarten für seine Charaktere und eine herrlich himmlische Kulisse aus. Bei dem Gedanken, dass sich ein Publikum später versuchen würde seine Geschichte zu erschließen, musste er grinsen. Primär geht es ihm nämlich gar nicht um ein Verständnis. Ist doch egal, ob man alles nachvollziehen kann oder nicht. Und genau dieser Umstand erweist sich auch als das Besondere an “Anhedonie”: in so einigen Situationen kann man sich sogar – trotz der Abgefahrenheit – hineinversetzen. Dank des Internets, dank der ständigen Beballerung vom Schönen, sind wir überreizt. Man schluckt oftmals ohne zu kauen. Dennoch wollen wir mehr, mehr und mehr. Auf eine überzogene Weise hält uns Zimmer genau vor diesen wunden Punkt den Spiegel. Können wir uns noch entschleunigen? Können wir noch raus aus unserer Blase? Und wenn ja: was sind wir dann noch? Wer sich nun verletzt ins Schneckenhaus zurückziehen möchte, ist selbst Schuld – der hat nicht genug Fantasie. Denn die ist es vor allem, die in diesem erdachten Spiel-und-Spaß-Paradies gefragt ist. Also Kopf ausschalten und auch mal wieder den Bauch fühlen lassen.

Der Kinostart ist der 31.03.2016


Images by Interzone Pictures


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Verwaltung, öffne dich!

Bureaucracy_Bürokratie I (adapted) (Image by Christian Schnettelker [CC BY 2.0] via Flickr)

In Deutschland ist ein modernes E-Government immer noch eine nicht erfüllte Forderung, doch die Debatte um eine digitale Verwaltung hat bereits begonnen.

In der Süddeutschen Zeitung haben Christoph Bornschein und Tom J. Gensicke ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue Verwaltung geschrieben. Die Frage, warum die Digitalisierung im öffentlichen Sektor schon so lange auf der Stelle tritt, kommt dabei aber zu kurz.

Dem Ruf nach einer neuen Verwaltung kann man nur zustimmen. Und alle werden es tun, Politiker, Unternehmer, Lobbyisten, Bürger, ja selbst Verwaltungsbeamte. Die Diagnose, dass Deutschlands öffentliche Verwaltung in Sachen Digitalisierung hinter allen anderen gesellschaftlichen Bereichen zurückfällt und auch im Vergleich mit vielen Industrienationen keine gute Figur abgibt, ist seit langem ein Allgemeinplatz. Auch die Zahl der Apelle, dass sich dies schnellstens ändern muss, soll sich der Modernisierungsrückstand nicht zu einem handfesten Standortnachteil im globalen Wettbewerb auswachsen, ist mittlerweile Legion.

Dennoch passiert seit zehn Jahren: fast nichts. Die Digitalisierung des öffentlichen Sektors geht im Schneckentempo voran, die Akzeptanz der so genannten E-Government-Angebote in der Bevölkerung sinkt sogar (siehe aktueller E-Government-Monitor). Zu glauben, dies läge daran, dass die öffentliche Verwaltung sich der Situation nicht bewusst sei, die guten Beispiele aus in dieser Hinsicht fortschrittlicheren Ländern nicht kenne oder nicht wüsste, dass eine “disruptive” Veränderung ohne Kulturwandel nicht zu haben ist, greift zu kurz. Tatsächlich bespiegelt sich die Verwaltung ständig selbst und forderte sich dauernd auf, sich endlich zu verändern. Will man verstehen, warum sie dennoch bleibt wie sie war und all die Veränderungsaufrufe folgenlos verhallen, muss man sich einen Moment mit den strukturellen Ursachen beschäftigen.

Die öffentliche Verwaltung ist durch und durch hierarchisch aufgebaut und ihr Kerngeschäft ist die Ausführung gesetzlich vorgeschriebener Aufgaben. Der hierarchische Aufbau findet sich innerhalb einzelner Behörden und Ministerien (Sachbearbeiter, Referate, Abteilungen, Ämter, Behördenleitung) und schlägt sich in unterschiedlichen Leitzeichen und Besoldungsgruppen nieder. Selbst die föderale Struktur (Gemeinde, Kreis, Bundesland, Bund) lässt sich als Hierarchie beschreiben, auch wenn die hoheitlichen Zuständigkeiten klar geregelt sind. Dazwischen gibt es die kommunalen Landes- und Spitzenverbände, Gewerkschaften, Personalvertretungen usw. Jede dieser Ebenen ist betroffen, jede will ihre Interessen in einem Veränderungsprozess gewahrt sehen, und dies bei minimalem Risiko und Ressourceneinsatz. Nun könnte man meinen, dass, wenn jeder an sich denkt, an alle gedacht sei. Hier ist dies aber nur im denkbar schlechtesten Sinne der Fall. Stattdessen haben sich Bund, Länder und Kommunen in einander verhakt und verhindern gemeinsam den ersehnten Fortschritt. Jüngstes Beispiel dafür ist der IT-Planungsrat, in dem alle föderalen Ebenen gemeinsam an der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung arbeiten sollen und der seit Beginn seiner Arbeit im April 2010 nur sehr bescheidene Ergebnisse erzielt hat.

Dieser Knoten lässt sich nun aber eben nicht durch Apelle lösen. Soll das System verändert werden, kann dies nur unter Berücksichtigung der herrschenden Funktionsmechanismen erfolgen. Hier also von der Spitze der Hierarchie her und soweit möglich, durch gesetzliche Regelungen. Erfolgskritisch für eine digitale Reform der öffentlichen Verwaltung ist darüber hinaus die Frage, wer zahlt? Die lässt sich in den meisten Fällen leicht beantworten: Die jeweils höhere Ebene für die nächst untere. Will die Bundesregierung die deutsche Verwaltung ins digitale Zeitalter führen, muss sie die benötigten Ressourcen bereitstellen. Alles andere führt zu halbherzigen Projekten, die zwar auch Geld kosten aber ihre Wirkung verfehlen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Bereich offene Verwaltungsdaten (Open Data). Der Staat sitzt auf einem riesigen Datenschatz, den er mangels Transparenz und Standardisierung nicht einmal selbst effizient nutzen kann. Diesen zu öffnen und den Bürgern und Unternehmen kostenlos zur Verfügung zu stellen hat ein enormes wirtschaftliches und politisches Potenzial. Die Chance wurde auch erkannt und eine entsprechende Bund-Länderarbeitsgruppe eingerichtet, die ein deutsches Open-Data-Portal auf die Beine gestellt hat. Allerdings soll der Betrieb durch die Länder finanziert werden, mit der Folge, dass überhaupt nur neun von sechzehn Bundesländern mitmachen. Genau hier böte sich für den Bund die Chance, einen beherzten Schritt nach vorn zu gehen, die Finanzierung sicherzustellen und auf Länder einzuwirken, aktiv ihre Daten zu veröffentlichen.

Ganz ähnlich stellt es sich im Verhältnis von Ländern und Gemeinden dar. Die meisten Bürgerdienstleistungen werden von den Kommunen erbracht. Diese haben aber gar nicht die Mittel, eine Digitalisierung ihrer Prozesse aus eigener Kraft zu realisieren. Weil die Länder bei fast allen kommunalen Verwaltungsvorgängen mit von der Partie sind, haben diese außerdem ein Interesse daran, dass IT-Lösungen harmonisiert werden und mindestens landesweit standardisiert sind. Daher kann diese Aufgabe nur von den Ländern finanziert werden.

Die Kommunen müssen im Gegenzug verpflichtet werden, kostenlos zur Verfügung gestellte digitale Fachverfahren auch zu nutzen. Und sie müssen darüber hinaus die Akzeptanz der digitalen Angebote bei den Bürgerinnen und Bürgern sicherstellen – durch nutzerfreundliche Services und finanzielle Anreize.

Das vorgeschlagene Model entließe keine Ebene aus der Verantwortung, auch finanziell nicht. Der Bund übernimmt die Kosten für eine IT-Infrastruktur, ohne die es keine digitalisierte Verwaltung in Deutschland geben kann. Die Länder finanzieren die IT-Harmonisierung ihrer Kommunen. Und die Kommunen nutzen die zur Verfügung gestellten Lösungen und stellen ihre Prozesse entsprechend um, ohne an jeder Ecke mit dem Konnexitätsprinzip zu drohen.

Wo immer möglich, muss die Digitalisierung auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden. Dass dies Wunder wirkt, lässt sich in Hamburg bestaunen. Hier gibt es ein Transparenzgesetz, das die Veröffentlichung der Verwaltungsdaten vorschreibt. Das funktioniert offensichtlich sehr gut. Hätte man stattdessen auf Appelle vertraut, wären vermutlich nur sehr wenige Daten im Transparenzportal zu finden. Der geforderte Kulturwandel stellte sich außerdem quasi von selbst ein.

Zur Digitalisierung von oben gibt es angesichts der hierarchischen Struktur der öffentlichen Verwaltung keine wirkungsvolle Alternative. Damit ist es aber nicht getan, im Gegenteil: die Verwaltung muss sich dem Dialog mit den Bürgern viel stärker öffnen. Es geht nicht nur darum, den Bürgern zuzuhören und ihnen die Services so anzubieten, wie sie sie nutzen möchten. Es geht auch darum sie in dem Maße, in dem sie es wollen und können in die Erarbeitung von Lösungen einzubeziehen. Beth Noveck, die an entscheidender Stelle die Open Government Strategie für Obama entwickelt hat, empfiehlt dringend die Einbeziehung und Nutzung der Expertise von Bürgern (“citizens experts”) in den politischen und administrativen Prozess. Dieser führe nicht nur zu besser akzeptierten sondern schlicht zu besseren Lösungen. Wie man das praktisch umsetzt, lässt sich bei der digitalen Agenda Wien beobachten. Hier ist ein auf Jahre angelegter Beteiligungsprozess initiiert worden, um “den Weg in die digitale Zukunft auch auf der Ebene der Stadtverwaltung mitzugestalten (…). Es ist ein Prozess, an dem sowohl online als auch offline engagierte Wienerinnen und Wiener, Unternehmen und Kreative beteiligt sind.”

Hätte man auf die interessierten Bürger und Experten bei den beiden wichtigsten IT-Infrastrukturprojekten der Bundesregierung gehört, wären uns teure und zeitraubende Irrwege wie der neue Personalausweis, der samt Lesegerät eine qualifizierte elektronische Signatur ermöglichen soll oder die vermeintlich sichere, aber unbenutzbare elektronische De-Mail erspart geblieben.

Eine digitalisierte öffentliche Verwaltung schafft darüber hinaus die Voraussetzungen, auf allen föderalen Ebenen eine dialogorientierte und gleichzeitig effiziente politisch-administrative Aufgabenbewältigung zu realisieren. Die Hoffnung, dass eine Begrenzung von Bürgerbeteiligung auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum politische Prozesse beschleunigt, hat sich längst als haltlos erwiesen. Eine andere Verwaltung sollte daher nicht nur digitalisiert sein, sondern auch offener.


Image (adapted) „Bureaucracy_Bürokratie I“ by Christian Schnettelker (CC BY 2.0)

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Cyberpunk ist die einzig plausible Zukunftsvision der Digitalisierung

Shibuya Night (Image by Guwashi [CC BY 2.0], via Flickr)

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine in einer nahen Zukunft in der enorme informationstechnologische Fortschritte neben prekären gesellschaftlichen Bedingungen ko-existieren ist absehbar. Cyberpunk ist die plausibelste mir bekannte Zukunftsvision. Was lernen wir aus Zukunftsvisionen? Haben wir vor Minority Report schon gesellschaftlich über Pre-Crime diskutiert? Wer kannte Asimovs Gesetze vor einschlägigen Sci-Fi-Filmen und Romanen? Zukunftsforscher und Szenarien bilden seit jeher ein Rückgrat der gesellschaftpolitischen Einrahmung von Debatten. Das, was wir uns menschlich vorstellen können, definiert die Grenzen dessen was wir für möglich halten, und innerhalb dieser Grenzen findet unser Handeln, Planen und Zukunftsgestaltung statt. Was die Vernetzung und Digitalisierung langfristig für uns bedeutet, in einer Welt in der trotz rapidem Fortschritt viele der ältesten menschlichen Probleme ungelöst bleiben, ist genau das Zukunftsszenario das mir am plausibelsten erscheint, daher sollten wir es diskutieren: Cyberpunk.


Warum ist das wichtig? Zukunftsvisionen helfen uns, aktuelle Entwicklungen zu kontextualisieren. Sie prägen unser Handeln und stellen die denkbaren Szenarien unseres Vorstellungsvermögens dar. Cyberpunk gibt es seit Jahrzehnten und ist in vielen Aspekten die treffendste Beschreibung dessen, was uns in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Der Zusammenstoß von Hochtechnologie und Prekariat wird die nächsten Jahrzehnte in unseren Metropolen definieren.

  • Die hoch gebildete, finanziell erfolgreiche und technologisch ausgestattete Elite wird den Rest der Gesellschaft weiter abhängen und sich von ihr abschotten, das wird aber geographisch und physisch nicht gelingen. Mit Technik eingedeckte Yuppies und obdachlose Arme werden in der U-Bahn Berlins also gleichzeitig existieren.

  • Immer mehr Wertschöpfung wird digital und automatisiert, die Arbeitslosigkeit könnte im globalen Westen weiter ansteigen. Wir stehen vor einem gigantischen Verteilungsproblem, das wir mit IT nur schwer gelöst bekommen, wenn unsere Bildungs- und Infrastrukturausgaben weiterhin so stiefmütterlich von der Politik behandelt werden.

  • Die kommenden Technologien werden noch massiver in unser Leben eingreifen. Nano- und Biotechnologien, das Internet der Dinge, neue Fortbewegungsmittel, all das wird unsere Gesellschaft verkomplizieren, technologisieren und zersplittern. Wie wir mit diesen Spannungen umgehen ist Kernherausforderung für unser System.

  • Neueste Technologien werden nur von einem kleinen Teil der Gesellschaft genutzt zur Verbesserung von quasi allem. Gleichzeitig schafft es die globale Gemeinschaft nicht, Jahrhunderte alte Problem wie Hunger, Krieg, Arbeitslosigkeit oder Analphabetismus zu bewältigen.

  • Cyberpunk beschreibt das Verschmelzen einer hochtechnologisierten mit einer niedrigtechnologisierten Welt, einer Welt in der Augmented Reality und Dieselmotoren gleichzeitig ihren Einsatz finden. In dieser Welt gibt es neben der arm-reich Schere noch eine Hightech-Lowtech Schere, die ähnliche soziale Spannung erzeugt.


Was ist eigentlich Cyberpunk?

Cyberpunk ist ein literarisches Subgenre der Science-Fiction, in dem Hochtechnologie mit dem Gossenleben zusammeprallt. Im Fokus stehen IT und Kybernetik gepaart mit Anarchie oder drastischem Verfall der gesellschaftlichen Ordnung. Die Geschichten des Cyberpunk haben oft künstliche Intelligenz und Megakonzerne in einer nahen irdischen Zukunft zum Thema. Es sind postindustrielle Dystopien, in denen Film Noir, Detektivgeschichten, veraltete kulturelle Codes (z.B. angelehnt an Samurai, Gaukler) und unvorhergesehene Verschmelzung von Straßenkultur und Hochtechnologie zusammenkommen. Somit ist Cyberpunk zu finden in etwa filmisch bei Ridley Scotts Blade Runner, literarisch bei William Gibsons Neuromancer und außerordentlicher Beliebtheit erfreute es ich im Rollenspiel-Universum von Shadowrun.

Warum also gerade Cyberpunk?

Ich bin der Ansicht, dass unter all den Zukunftsvisionen die man mehr oder weniger ernsthaft aus Wissenschaft oder Populärkultur kennt, das Cyberpunk-Universum am plausibelsten das beschreibt, worauf wir uns gesellschaftlich zubewegen. Schon heute benutzen manche Teile unserer Gesellschaft Technologien, Prozesse, Sprachen, Konsumgüter und Gebräuche, die weit weg von dem sind, was andere kennen oder nutzen, denen man aber physisch täglich begegnet. Auf den technologisch-wirtschaftlich-kulturellen Ebenen passiert in unserer Gesellschaft eine Spaltung, die sich aber vor allem in eng besiedelten Kulturräumen, wie z.B. europäischen oder asiatischen Städten, nicht räumlich niederschlägt. Somit existieren eine Gesellschaft der Hochtechnologie und eine Gesellschaft, die mehrheitlich nach den Logiken des 20. Jahrhunderts funktionieren, parallel. Die einen haben in einigen Jahren smarte Uhren, intelligente Kontaktlinsen, erwirtschaften ihr Einkommen quasi virtuell, sind wohlhabend und können sich neueste Konsumgüter, Kultur und gesundes Essen leisten. Die anderen haben ihre Jobs an die Digitalisierung verloren, leben von Lohn zu Lohn, nutzen noch Autos oder Telefone, und konsumieren einfache Unterhaltung und Fast Food. Beide allerdings fahren mit der gleichen Tram, leben in der gleichen Stadt, nehmen an den gleichen Wahlen teil oder kennen sich gegenseitig.

Jetzt kommt der etwas größere gedankliche Sprung. Die Welt von Blade Runner ist nicht direkt das Realszenario von dem ich spreche, sondern die Tatsache, dass wir bereits heute in Teilen unserer globalen Gesellschaft enorme Sprünge gemacht haben in der IT, der Medizin, Transport, Kultur, Bildung etc., aber gleichzeitig werden wir Hungersnot, Armut, Gewalt, Verbrechen, Bürgerkriege, Krankheiten und Umweltverschmutzung nicht los. Das liegt teilweise daran, dass unser Fortschritt primär Konsum- bzw Kapitalismusgetrieben ist, und teilweise daran, dass unsere politischen Systeme keine Problemlöser als Führungseliten hervorbringen, sondern in erster Linie Beschwichtiger. Wir steuern also auf eine nahe Zukunft zu, in der manche Teile der Gesellschaft immer mehr vom Fortschritt profitieren, aber große Teile der Gesellschaft weit abgeschlagen werden, oder in Gebieten leben, die wir politisch als verloren einstufen könnten, oder eben wirtschaftlich kaum mehr zu integrieren wissen. Gleichzeitig sind die Technologien aber “da”, bzw. Technologiegenerationen die ausgemustert werden, landen auch irgendwo. Somit lernen wir den Cyberpunk kennen: den Zusammenprall von 22. und 20 Jahrhundert – gleichzeitig.

Ist die Singularität noch aufzuhalten?

Technologisten und andere Silicon-Valley-Propheten reden gerne von der “Singularität”, es gibt sogar eine Universität die sich damit beschäftigt. Mit Singularität ist der Zeitpunkt gemeint, zu dem sich Maschinen selbst verbessern können. Ab diesem Zeitpunkt wäre die zukünftliche, technische Entwicklung dann auf Grund des sich rasant beschleunigenden Fortschritts gar nicht mehr absehbar. Im Zusammenhang damit gehen Theoretiker auch von einer massiven Steigerung der Lebenserwartung aus.

Wenn man sich nun die aktuellen Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz ansieht, die Fortschritte in der Genetik und Biotechnologie, Moores Law und Quantum Computing, dann kann man durchaus die Position vertreten, dass über kurz oder lang die Maschinen übernehmen, oder die Verschmelzung bevor steht. Lebenslogiken, die wir seit Jahrhunderten kennen, würden dann keine Gültigkeit mehr haben. Ob von diesen Entwicklungen jeder Gesellschaftsteil gleichsam profitiert, ist fraglich. Auch hier ist denkbar, das erstmal eine kleine Elite später altern wird, gleichzeitig vielfach Maschinen völlig übernehmen.

Wann kommen die Cyborgs und Androiden?

Ob wir bald Mitbewohner wie Commander Data haben, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist aber, dass in wenigen Jahren ausgereifte, menschlich anmutende Roboter breit verfügbar sein werden. Diese werden Alltagsaufgaben übernehmen, Begleitung oder Kollegen sein, eigenständige Aufgaben übernehmen, für uns in den Krieg ziehen oder uns überwachen. Szenarien wie wir sie aus Filmen kennen, in denen von Fehlfunktionen oder Übergriffen (in beide Richtungen) die Rede ist, werden normal werden. So wie wir heute für manche Aufgaben auf Autos zurückgreifen, auf Smartphones, oder Toaster, so wird in der nahen Zukunft ein Aufgabenspektrum in unserer Gesellschaft durch künstliche Lebensformen abgedeckt werden.

Es kommt dann dazu, dass sich manche einen Androiden leisten können der Besorgungen macht, und dort aber Personen über den Weg läuft, in deren Welt es sich um Hypotheken, kaputte Autos, Talkshows am Abend, und Alkoholkonsum dreht. Die Frage ist nicht, wann die Cyborgs kommen, sondern wie lange es dauert, bis deren Verbreitung in unserer Gesellschaft zu echten Spannungen führen könnte. Zu den Auswirkungen der Automatisierung gibt es ein paar gute Gedanken im Blog des Economist.

Unser Alltag sieht erstmal wenig anders aus

Denn wie so viele Innovationen, kommen diese nicht alle an einem Tag und lösen eine Revolution aus. Stück für Stück setzen sich Consumertechnologien durch, Stück für Stück kommen neue Technologien in Wirtschaft und Wissenschaft zum Einsatz, ganz langsam erreicht der Fortschritt auch den öffentlichen Sektor, und wir werden gar nicht merken, wie “smart” unsere Umgebung werden wird, und es wird dauern, bis uns klar wird, wo die neuen Gräben in unserer Gesellschaft verlaufen.

Unser Alltag ist heute schon sehr stark durch geographische und technologische Filterung dominiert, dies wird sich fortsetzen. Dass es Mitmenschen gibt, denen eine Welt aus Sensorik, Smart Devices, Automatisierung, Big Data und Co. völlig fremd sein könnte, wird uns schwer bewusst, da wir uns kaum mit diesen Menschen umgeben – und umgekehrt. Diese Technologien sind jedoch vorhanden, und sie prallen schrittweise auf eine alte Welt, in der wir jede Menge Probleme dennoch nicht gelöst bekommen haben. Umweltverschmutzung, globale Erwärmung, Kriminalität, Konflikte, Migration, Hungersnöte, Korruption, Verfall der Infrastruktur. Es wird nicht mehr so zusammenpassen. Ein faszinierendes Beispiel für diese Gegensätze sind nicht gerade nach Singapur anmutende Gegenden von Berlin, in denen man aber mit Bitcoins bezahlen kann, oder spärlich bevölkerte Wüstengegenden von Nevada, in denen aber selbstfahrende LKWs auf den Straßen sind.

Die Wirtschaft wird sich konsolidieren

Der Alarmismus ist heute schon an der Tagesordnung. Viel wird geredet von den Arbeitsplätzen die uns die Sharing Economy kosten wird, und die Arbeitslosigkeit die durch Industrie 4.0 und andere Digitalisierung und Automatisierung verstärkt werden könnte. Immer mehr Wertschöpfung findet im Cyberspace statt, wird auf Plattformen erwirtschaftet, durch Skaleneffekte die nichts mehr mit physischen Infrastrukturen gemein haben müssen. Manche Futuristen sprechen von einer Gesellschaft, in der ein sehr kleiner Teil der Menschen den Löwenanteil des BIP erwirtschaften, und einem sehr großen Teil der Menschen, die nicht mehr in die Wertschöpfung zurückfinden und durch sehr komplizierte Umverteilung weiterhin am Zusammenleben beteiligt werden müssen.

Schuld daran ist am Ende die überrumpelte Politik, die sich Jahrzehntelang nicht mit diesen Phänomenen beschäftigt hat, es nicht verstanden hat oder verweigert und verschoben hat (dafür ist Deutschland ein Paradebeispiel). Genauer gesagt liegt das Problem aber in einer Konsolidierung, die bedeutet dass immer weniger gute Jobs eine Wertschöpfung erbringen können, die ganz viele schlechte Jobs ablösen können. Wenn dieser Umschwung aber nicht durch mehr Bildung, Innovationen und neue Wirtschaftszweige aufgewogen werden kann, kommt es zum Bruch in unserer Gesellschaft. Es wird Cyberpunk herrschen.

Ausblick

Ich empfehle den Konsum von Cyberpunk-Literatur, -filmen oder -games, um einmal zu verstehen wie wenig weit hergeholt die Visionen dieses Genres sind. Leider bedarf es viel Transferwissen, um sich auszumalen, welche Technologien und Entwicklungen dazu beitragen könnten, dass irgendwann Hackerkinder durch versiffte Straßen ziehen, Androiden von Zigaretten rauchenden Detektiven gejagt werden, oder fliegende Autos im Wald von Eremiten abgeschossen werden. Das mag alles fiktiv und witzig klingen, aber die Alternative dazu wäre, dass unsere Gesellschaft relativ homogen den technischen Fortschritt nutzt, verinnerlicht und sich mit Hilfe dessen gemeinsam auf die nächste Stufe hebt, und das ist höchst unwarscheinlich, denn die Anzeichen für das Cyberpunk-Szenario sind deutlich, und es ist ein Szenario das bis auf kleine Überspitzungen äußerst plausibel ist. Glaube ich, dass es eine Dystopie darstellt? Nicht zwingend, aber ob die Cyberpunk-Zukunft eine düstere und anarchische Blade-Runner-Welt wird, oder eine glänzende und geordnete Jetsons-Zukunftswelt, das entscheiden wir heute mit den Weichen die wir stellen.

Dieser Artikel steht unter CC BY 4.0.


Image “Shibuya Night“ by Guwashi (CC BY 2.0)


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5 Lesetipps für den 30. September

In unseren Lesetipps geht es um Gerüchte im Journalismus, Regulierung, Netflix zieht mit dem Kino gleich, Internet in China und Nachrichten auf YouTube. Ergänzungen erwünscht.

  • JOURNALISMUS NYTimes.com: Why Rumors Outrace the Truth Online: Auf der Website der New York Times schreibt Brendan Nyhan über ein interessantes Problem der modernen Medienwelt: für Empörung und Aufregung sorgende Geschichten werden öfters geteilt als die späteren Richtigstellungen und neuesten Erkenntnisse über die Fälle. Gerüchte sind eben interessanter als die Fakten, was die in den letzten Jahren geschrumpften Redaktionen eigentlich veranlassen sollte, ihre Fakten vor Veröffentlichung noch besser zu prüfen. Aber selbst wenn das personell noch möglich wäre, würde das Reichweiten kosten und darum scheint es immer öfters zu gehen. Eine gefährliche Entwicklung im Journalismus.

  • REGULIERUNG Inc.com: Tech-Friendly Cities Struggle with New Biz Rules: Technologie stellt für Althergebrachtes stets eine Herausforderung dar, selbst in Deutschland ist das zeitgleich zu den USA an Beispielen wie Uber oder Airbnb zu sehen. Dort auf beiden Seiten des Atlantiks wird zu schnell nach Regulierung seitens der Politik gerufen. Gerade Städte, die bisher einen Ruf als innovative Zentren des digitalen Fortschritts genossen, verspielen damit ihr Kapital anstatt nach neuen Lösungen für die vermeintlichen Probleme zu suchen, die durch die Technologien entstehen. Philip Marcelo schildert auf Inc.com die Debatte am Fall der US-amerikanischen Stadt Boston.

  • NETFLIX VentureBeat: In streaming media landmark, Netflix will show ‚Crouching Tiger‘ sequel same day as theaters: Es ist nur eine kurze Meldung von Mark Sullivan auf Venturebeat.com, aber eine mit weitreichenden Folgen für die gesamte Unterhaltungsindustrie: Netflix hat sich mit dem unabhängigen Filmstudio Weinstein Company darauf verständigt, dass die Fortsetzung von Ang Lees „Tiger & Dragon“ zum Kino-Start gleichzeitig auch ohne Extrakosten auf Netflix angeboten wird. Das wird eine Premiere, aber Netflix arbeitet bereits angeblich an weiteren derartigen Deals. Das es so kommen wird, war abzusehen, trotz der Proteste der Filmindustrie.

  • CHINA Foreign Policy: An Internet Where Nobody Says Anything: Auf Foreignpolicy.com schildert David Wertime den Fall des chinesischen Professors Ilham Tohti, der Mitglied der muslimischen Minderheit der Uiguren ist und der einen Blog namens UygurOnline gründete, um eine bessere Verständigung zwischen Uiguren und Han-Chinesen zu erreichen. Doch die chinesische Regierung sperrte Tohti für sechs Jahre ins Gefängnis, anstatt die Möglichkeiten der harmonischen Verständigung durch das Internet zu nutzen. Der Fall ist ein lesenswertes Beispiel, was für ein Internet sich politische Eliten wünschen – ein Einbahnstraßen-Kanal für Propaganda, ohne Möglichkeit der Partizipation – und wie stark es im Kontrast zu den Nutzungsmöglichkeiten steht.

  • YOUTUBE Siliconrepublic.com: Interview with Cenk Uygur: Nachrichten ist der auf YouTube zuletzt am stärksten wachsende Bereich, denn während hierzulande wohl nur „Jung & Naiv“ zu Bekanntheit gelangt ist, sind anderswo Nachrichten-Formate auf YouTube sehr gefragt. Colm Grey hat sich für Siliconrepublic.com mit Cenk Uygur unterhalten, der den ältesten News-Channel auf YouTube leitet und daraus ein Nachrichten-Netzwerk gemacht hat. Noch verdienen YouTube-Kanäle nicht genauso viel wie TV-Sender, aber wenn sie es eines Tages schaffen, ist das Fernsehen endgültig erledigt.

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5 Lesetipps für den 12. März

In unseren Lesetipps geht es heute um die Geschichte hinter Flappy Bird, Zukunftsangst, die Neuauflage des Browser-Games von Douglas Adams, Social Media und Narzissmus sowie Lebensmittel aus dem Internet. Ergänzungen erwünscht.

  • FLAPPY BIRD Rolling Stone: The Flight of the Birdman: Flappy Bird Creator Dong Nguyen Speaks Out: Manch einer kann sich noch an den Hype um Flappy Bird erinnern, der vor wenigen Wochen sämtliche Tech-Medien erfasste. Die US-Ausgabe des Rolling Stone Magazine hat den Erfinder von Flappy Bird, Dong Nguyen, in Hanoi getroffen und die unglaubliche Geschichte hinter der süchtig machenden App aufgeschrieben.
  • ZUKUNFTSANGST Süddeutsche.de: Angst vor dem Fortschritt – Mehr Vorfreude wagen!: Haben wir Angst vor dem Fortschritt? Ist das die den Deutschen gerne zugeschriebene Zukunftsangst? Dirk von Gehlen schreibt in der Süddeutschen Zeitung, dass die Debatten des Frühjahrs 2014 von einem breiten Konsens geprägt sind, dass der Fortschritt auch schon mal besser war. Der Glaube an die Gestaltbarkeit von Morgen scheint fast abhanden gekommen zu sein – zu unrecht, wie er meint.
  • PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS e-book-news.de: BBC feiert 30 Jahre „Per Anhalter durch die Galaxis“ – mit browserbasiertem Text-Adventure: Die BBC feiert 30 Jahre „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“, aber bevor die Fans des Romans protestieren sei klar gestellt, dass es das Jubiläum des gleichnamigen Text-Adventure-Computerspiels ist, dass 1984 als Koproduktion zwischen Serien-Autor Douglas Adams selbst und dem Infocom-Programmierer Steve Meretzky herausgebracht wurde. Zum Jubiläum gibt es das Spiel als HTML5-Webapp und bescherte dem britischen Rundfunk ein kurzfristiges Traffic-Wachstum von 1.000 Prozent.
  • SOCIAL MEDIA schulesocialmedia.com: Oberflächlichkeit, Narzissmus und Social Media: Philippe Wampfler hat sich verschiedenen Studien zu unserem Nutzungsverhalten in Social Media beschäftigt und den darin geäußerten Verdacht, dass die Nutzung von Social Media Narzissmus auslösen kann. Er kommt aber zum Schluss, dass dem nicht so ist, sondern soziale Netzwerke sich nur als optimale Betätigungsfelder für Menschen erweisen, die narzisstisch veranlagt sind.
  • E-COMMERCE Frankfurter Allgemeine: Lebensmittel aus dem Internet: Wer seine Einkäufe im Netz bestellen und liefern lassen will, hat ein immer größeres Angebot. Nadine Oberhuber hat es für die Frankfurter Allgemeine ausprobiert und sich Lebensmittel von sechs Händler nach Hause bestellt.

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Google-Roboter: Mit Werbemilliarden zum Maschinen-Schöpfer

Die Internetfirma Google investiert beträchtliche Summen in eine Zukunft, in der Roboter menschliche Arbeitskraft ergänzen oder gar ersetzen könnten. Bei der Suche nach neuen Einnahmequellen ist der Internetkonzern Google fündig geworden: Robotik soll langfristig zu einem wichtigen Geschäftsfeld neben der Internet-Werbung ausgebaut werden. Der ehemalige Android-Chef Andy Rubin höchstpersönlich wurde mit der futuristischen Aufgabe betraut. Die Übernahme der Roboter-Firma Boston Mechanics zeigt, dass die selbstfahrenden Google-Autos könnten da nur ein Vorgeschmack auf das sind, was Google in seinen geheimen Laboren entwickelt.

Google ist eine Internet-Firma, die mit Werbung pro Quartal viele Milliarden Dollar Umsatz macht, richtig? Ja, darauf können sich wohl alle einigen. Zuletzt waren es mehr als 12,5 Milliarden Dollar im dritten Geschäftsquartal 2013, das sind 84 Prozent des gesamten Umsatzes. Allerdings ist der “Cost per Click”, als das Geld, das Google im Schnitt pro angeklickter Anzeige bekommt, um acht Prozent gesunken und gibt einen negativen Ausblick auf die künftigen Werbeumsätze. Dementsprechend interessant ist es zu beobachten, wie Google immer mehr Produkte auf den Markt wirft, die nicht mit Reklame Geld machen. Smartphones von Motorola, Bezahl-Dienste wie “Play Music All Access” oder “Drive”, kostenpflichtige Apps für Android-Handys, Internetanschlüsse via “Google Fiber” – der Internet-Konzern versucht, neue Einnahmequellen neben der noch lukrativen Werbung aufzumachen. Diversifizierung nennen die Profis das.

Beim so genannten “Earnings Call” zum dritten Geschäftsquartal 2013 Mitte Oktober hat Google-CEO Larry Page in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Äußerung gemacht: “My struggle in general is to get people to spend money on long-term R&D. At most companies, 99 percent of R&D is incremental. I view my job as the opposite, to get people to spend on long-term R&D. People have a perception that’s material, but that’s not been my experience. Even the investments we’ve announced, like Calico (the new health initiative), while they’re significant dollar amounts, they’re not significant for Google.” Frei übersetzt: Google soll künftig viel mehr Geld in die Entwicklung neuer Produkte stecken als die bisherigen zwei Milliarden Dollar pro Quartal. Doch welche Dinge könnte die Firma aus Mountain View denn bauen, mit denen sie in Zukunft neue Märkte aufmachen?

Seit vergangenem Freitag gibt es eine ziemlich eindeutige Antwort auf diese Frage: Roboter. Da wurde bekannt, dass Google Boston Dynamics (übrigens Zulieferer der DARPA-Behörde des US-Verteidigungsministeriums) aufgekauft und seine Sammlung auf insgesamt 8 übernommene Roboter-Firmen 2013 erhöht. “BigDog”, “Cheetah” oder “WildCat” heißen die Schöpfungen von Boston Dynamics, die Tieren nachempfunden sind, ziemlich furchteinflößend sind und irgendwie an dystopische Roboterinvasions-Science-Fiction denken lassen. “BigDog” kann durch Schnee stapfen und 150 Kilo tragen, “Cheetah” läuft mit 45,5 km/h schneller als Usain Bolt, und der humanoide Roboter “Petman” soll chemische Schutzanzüge testen – aber seht selbst:


WildCat

Petman

BigDog


Der Mann, der Googles Roboterarmee bauen soll, ist der 50-jährige ehemalige Apple-Mitarbeiter Andy Rubin – jener Entwickler, der das Betriebssystem Android groß gemacht hat, das heute auf mehr als einer Milliarde Geräten weltweit installiert ist. Welche Produkte die neue, von Rubin geleitete Roboterabteilung von Google hervorbringen wird, ist heute noch ungewiss – jetzt stehen erst einmal Jahre der intensiven Entwicklung an. Nimmt man aber die Boston-Dynamics-Roboter mit den Produkten der anderen aufgekauften Firmen zusammen – u.a. Schaft, Industrial Perception, Redwood Robotics, Bot & Dolly, Meka Robotics, Holomni -, ergibt das ein schlüssiges Bild. Google geht es nicht um Spielzeug, sondern um Arbeitsmaschinen; um Roboter, die in Fabriken, auf Baustellen oder in der Landwirtschaft arbeiten können. Techcrunch-Autor John Biggs sieht weitere Anwendungsmöglichkeiten: “Google is a data company and needs far more data than humans alone can gather. Robots, then will be the driver for a number of impressive feats in the next few decades including space exploration, improved mapping techniques, and massive changes in the manufacturing workspace”, schreibt er. Die GoogleBots könnten Seite an Seite mit dem Menschen arbeiten, uns vertreten oder gar ersetzen, und Google selbst könnte über die via Roboter erfassten Daten noch mehr über die Welt erfahren als heute über seine Suchmaschine und die Android-Smartphones.

Nun, bis “BigDog” Schafherden über die Weiden treibt und “Cheetah” als flotter Paketbote durch unsere Straßen jagt, werden noch viele Jahre vergehen. Doch auch andere Firmen dringen in den Bereich vor. Amazon sowie der iPhone-Fabrikant und Apple-Partner Foxconn wollen Roboter statt Menschen in ihren Lagerhallen bzw. Fabriken arbeiten lassen, und Facebook wird ein Labor für Künstliche Intelligenz, die man zur Beseelung von Maschinen braucht, einrichten. Je weiter die Robotik sich entwickelt, desto drängender werden auch die Fragen nach ihrem Einfluss auf die Gesellschaft sein. Wer wird die Roboter kaufen, besitzen und betreiben dürfen? Wie viele Arbeitsplätze werden diese intelligenten Maschinen kosten? Und: Werden die Tech-Kreaturen gemäß Asimovs Robotergesetzen so programmiert, dass sie Menschen keinen Schaden zufügen können und somit im Krieg nicht einsetzbar sind?


 


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Journalismus: Lasst euch nicht ausbremsen!

Wenn es um Innovationen geht, gibt es immer solche Menschen, die sie vorantreiben oder zumindest mitziehen und solche, die zurückbleiben. Mitschleifen sinnlos. Wir kennen das alle: einige Engagierte schieben eine Debatte an, entwickeln Ideen und versuchen, sie unter das Volk zu bringen. Dieses wiederum kann damit nicht wirklich etwas anfangen oder will damit gar nichts zu tun haben, weitermachen wie bisher. Für die Engagierten gibt es zwei Wege: Entweder lässt man die wenigen innovativen Köpfe wieder rauchen – ohne Rücksicht auf Verluste. Oder – ein oft gegangener Weg – die kreative Elite wirkt positiv gestimmt auf den Rest ein, bremst aber dadurch den Innovationsprozess. Eine Situation, wie sie problemlos auf die Journalismusdebatte übertragbar ist.


 

  • Die DJV-Zukunftsthesen gehen nicht weit genug.
  • Motivierte Denker und Macher dürfen nicht ausgebremst werden.
  • Fortschritt funktioniert zunächst nie mit allen, sondern nur mit einzelnen Akteuren.

Als eine Projektgruppe des Deutschen Journalistenverbands vor wenigen Wochen acht Thesen zur Zukunft des Journalismus vorstellte, entfachte eine Diskussion darüber, ob diese Thesen denn weit genug gehen würden oder ob sie immerhin ein Anfang seien, um die Kollegen außerhalb der Filterblase jener, die sich tagtäglich damit beschäftigen, endlich zu erreichen. Nachvollziehen lässt sich diese Diskussion beispielsweise anhand der Kommentare unter meinem Artikel auf Lousy Pennies, in dem ich die Thesen als zu mutlos bezeichne. „Ich hoffe, dass diejenigen sich nicht gebremst fühlen, wenn ihr Verband versucht, das, was für sie schon normal ist, endlich zum notwendigen Status Quo in der gesamten Branche zu machen.“, schreibt Carolin Neumann dort. Die Frage, die man sich aber tatsächlich stellen muss: Kann man diesen notwendigen Status Quo in der gesamten Branche erreichen? Und vor allem: Ist es die Arbeit wert, dieses Ziel wirklich anzustreben? Geht man noch einen Schritt weiter, schließt sich auch die Frage an, wie lange diejenigen, welche die Innovationen voranzutreiben versuchen, sich da vorne noch abstrampeln. Wie oft lassen sie sich noch ausbremsen, weil die gesamte Branche noch nicht so weit ist?

Das Potential ausschöpfen

Selbstverständlich dürfen wir nicht davonrennen nach dem Motto: „Nach uns die Sintflut“. Natürlich erfordert es unser aller Anstrengung, die Branche weiterzuentwickeln – und zwar gemeinsam an einem Strang. Aber es darf nicht dazu kommen, dass es kreative, motivierte Köpfe gibt (und diese sind in der Journalismusbranche vorhanden!), die sich auf einem hohen Leistungsniveau abmühen, aber immer wieder ins Mittelfeld zurückgeholt werden und ihr Potential nicht annähernd ausschöpfen. Fortschritt geschieht nun einmal nie in der Masse, sondern durch einzelne Akteure. Und wenn der Rest davon überzeugt ist, dann wird er folgen. Wenn grundlegend über den Journalismus im 21. Jahrhundert diskutiert wird – in einem offenen Prozess mit der Möglichkeit, nicht der Bedingung von Partizipation – und ein neues, gemeinsames und überzeugendes Verständnis entsteht, dann werden sich auch andere damit identifizieren.

Die Rede ist nicht von allen anderen, klar. Es sind ja auch nicht alle von „Bio“ überzeugt, nicht alle vom Mindestlohn, nicht alle von Salami-Pizza. Man wird nie alle Menschen in einer Gruppe von der einen Sache, dem einen Konzept überzeugen können. Aber nur, weil man das nicht kann, heißt es nicht, bestimmte Wege zu gehen, sich für gewisse Dinge zu entscheiden. Ohne Mut und Entscheidungen wird es keinen Fortschritt geben. Auch im Journalismus müssen wir uns das bewusst machen: wir werden nicht die ganze Branche hinter diesen Ideen, Thesen und Konzepten versammeln können, aber wir können mit diesen Ideen, Thesen und Konzepten etwas bewegen. Wir müssen es bloß tun.

 

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