Können wir Politiker durch Roboter ersetzen?

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Politiker zu wählen, dem sie voll und ganz vertrauen, der keine versteckten Absichten hat und der wirklich die Ansichten der Wähler repräsentiert – sie würden diesen dann wohl wählen, richtig?

Was, wenn dieser Politiker ein Roboter wäre? Kein Mensch mit einer roboterhaften Persönlichkeit, sondern ein echter, ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Roboter.

Eine Zukunft wie diese war jahrzehntelang Gegenstand von Science Fiction. Kann das aber Wirklichkeit werden? Und wenn ja, sollten wir auch diesen Weg beschreiten?

Verlorenes Vertrauen

Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen, dass das Vertrauen in Politiker in den westlichen Gesellschaften rapide abgenommen hat und dass Wähler zunehmend Wahlen dazu nutzen, um eine Proteststimme abzugeben.

Dies soll nicht bedeuten, dass die Menschen das Interesse an der Politik und der politischen Mitgestaltung verloren haben. Vielmehr gibt es Hinweise auf ein zunehmendes Engagement in die nicht-traditionelle Politik, die nahelegen, dass die Menschen politisch engagiert bleiben, jedoch das Vertrauen in die traditionelle Parteipolitik verloren haben.

Insbesondere verspüren die Wähler zunehmend, dass sich die bestehenden politischen Parteien zu ähnlich sind und dass sich die Politiker hauptsächlich mit politischem Punktesammeln und politischem Aktionismus beschäftigen. Verärgerte Wähler empfinden, dass die großen Parteien typischerweise mit den mächtigen Partikularinteressen verbunden sind, mit Großunternehmen oder Gewerkschaften gemeinsame Sache machen und dass demzufolge deren Stimmen keinen Unterschied machen werden.

Ein weiteres Anzeichen für ein sich veränderndes politisches Engagement (zumindest ist dies eher wahrscheinlich als eine vollkommene Loslösung) ist der Aufschwung populistischer Parteien mit einer radikalen und systemkritischen Agenda und dem wachsenden Interesse an Verschwörungstheorien – Theorien, die die Ahnungen von Menschen bestätigen, dass das System manipuliert ist.

Die Idee der eigennützigen Politiker und Beamten ist nicht neu. Diese zynische Ansicht wurde durch Fernsehserien wie „BBC’s Yes Minister“ und die neuere US Serie „House of Cards“ (sowie die originale BBC Serie) bekannt gemacht.

Wir mögen das Vertrauen in die traditionelle Politik verloren haben, doch welchen Alternativen haben wir? Können wir Politiker durch etwas Besseres ersetzen?

Das Denken von Maschinen

Eine Alternative wäre, politische Systeme so zu designen, dass politische Entscheidungsträger vor unzulässiger Fremdeinwirkung geschützt sind. Auf diese Weise, so wird argumentiert, wird ein Raum erschaffen, in dem objektive wissenschaftliche Beweise die politische Mitgestaltung beeinflussen können, anstelle von Partikularinteressen.

Auf den ersten Blick sieht dies wie etwas Erstrebenswertes aus. Doch was ist mit den vielen politischen Fragen wie etwa die, bei denen sich die politischen Meinungen deutlich unterscheiden – wie etwa beim Klimawandel, der  gleichgeschlechtlichen Ehe oder der Asylpolitik?

Die Politikgestaltung ist und bleibt naturgemäß politisch und die Vorgehensweisen sind bestenfalls auf evidenzinformiert statt evidenzbasiert. So können jedoch einige Themen entpolitisiert werden – sollten wir also darüber nachdenken, Roboter einzusetzen, um diese Aufgabe zu erledigen?

Diejenigen, die sich auf die technologischen Fortschritte konzentrieren, würden diese Frage wohl bejahen. Immerhin können komplexe Berechnungen, die Jahre gebraucht hätten, wenn sie händisch berechnet worden wären, nun in Sekundenschnelle gelöst werden – indem die neuesten Entwicklungen in der Informationstechnologie genutzt werden.

Solche Innovationen haben sich in bestimmten Politikbereichen als extrem wertvoll erwiesen. Beispielsweise nutzen Stadtplaner, die die Durchführbarkeit neuer Infrastrukturprojekte untersuchen, nun eine leistungsstarke Verkehrsmodellierungssoftware, um zukünftige Verkehrsströme zu prognostizieren.

Diejenigen, die sich andererseits auf soziale und ethische Aspekte konzentrieren, werden wahrscheinlich gewisse Vorbehalte haben. Technologische Fortschritte sind von begrenztem Nutzen in Hinblick auf politische Fragen, die konkurrierende Überzeugungen und Werturteile involvieren.

Ein passendes Beispiel hierfür wäre die Legalisierung der Sterbehilfe, welche von Natur aus eng mit religiösen Ansichten und der Frage der Selbstbestimmung verbunden ist. Wir könnten dazu neigen, dieses Thema als ungewöhnlich abzutun, doch dies wäre eine Nichtberücksichtigung davon, dass die meisten politischen Fragen konkurrierende Überzeugungen und Werturteile mit einbeziehen. Daher wäre diese Perspektive aus der Sicht eines maschinellen Politikers eher von geringerem Nutzen.

Moralvorstellungen

Ein Supercomputer wäre vielleicht dazu in der Lage, präzise Vorhersagen über die Anzahl von Verkehrsteilnehmern auf einer geplanten Ringstraße zu treffen. Was würde der Supercomputer jedoch tun, wenn er mit einem moralischen Dilemma konfrontiert wird?

Die meisten Menschen werden zustimmen, dass es unsere Fähigkeit ist, Werturteile zu fällen, die uns von Maschinen unterscheiden und uns überlegen macht. Was jedoch, wenn wir bestehende ethische Grundsätze in Roboter einprogrammieren könnten? Somit könnten diese Entscheidungen basierend auf vorgegebenen normativen Richtlinien und Konsequenzen, welche aus diesen Entscheidungen hervorgehen, getroffen werden.

Wenn dies möglich wäre, und manche glauben, dass dem so ist, könnten wir schließlich unsere fehlbaren Politiker durch unfehlbare künstlich intelligente Roboter ersetzen?

Die Idee klingt möglicherweise etwas weit hergeholt – aber ist sie das wirklich?

Roboter könnten durchaus schneller ein Teil unseres alltäglichen Lebens werden, als wir denken. Beispielsweise könnten Roboter bald dafür genutzt werden, um Routineaufgaben in Altenpflegeeinrichtungen zu erledigen, um älteren Menschen oder Menschen mit Behinderungen Gesellschaft zu leisten. Vereinzelt wurde auch vorgeschlagen, Roboter zur Prostitution zu verwenden. Welche Meinung wir auch immer von Roboterpolitikern haben, die Basis dafür wurden bereits gelegt.

Eine kürzlich erschienene Publikation präsentierte ein System, das automatisch politische Reden schreibt. Einige dieser Reden sind durchaus glaubwürdig und es wäre für die meisten von uns sehr schwer zu sagen, ob diese von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurden.

Politiker ziehen bereits menschliche Redenschreiber heran, also wäre es nur noch ein kleiner Schritt für sie, auf einen maschinellen Redenschreiber umzusteigen.

Dasselbe gilt für politische Entscheidungsträger, die etwa für die Stadtplanung oder den Hochwasserschutz verantwortlich sind und die Gebrauch von hoch entwickelten Modellierungssoftwares machen. Wir könnten bald sogar die Menschen vollkommen beseitigen und sie durch Roboter ersetzen, die diese Modellierungssoftware bereits eingebaut haben.

Wir könnten uns noch viel mehr Szenarien ausdenken, aber das zugrunde liegende Problem wird dasselbe bleiben: der Roboter müsste zuerst mit einer beschlossenen Reihe an ethischen Standards programmiert werden, die es ihm erlauben, auf der Basis von vereinbarten Moralvorstellungen zu urteilen.

Der Beitrag der Menschen

Selbst wenn wir also ein Parlament voller Roboter hätten, bräuchten wir noch immer eine Einrichtung mit Menschen als Mitarbeitern, deren Aufgabe es ist, die ethischen Grundsätze zu definieren, nach denen die Roboter programmiert werden sollen. Wer darf über diese ethischen Grundsätze entscheiden? Nun ja, dies müssten wir wahrscheinlich zur Abstimmung zwischen verschiedensten interessierten und konkurrierenden Parteien stellen.

Dies führt uns wieder an den Ausgangspunkt zurück – zurück zu dem Problem, wie unzulässige Beeinflussung verhindert werden könnte. Befürworter der abwägenden Demokratie, die meinen, dass Demokratie mehr sein sollte als ein gelegentlicher Spaziergang zu einer Wahlkabine, werden angesichts der Aussicht auf maschinelle Politiker wohl  erschaudern.

Fürsprecher des freien Marktes hingegen, die sich mehr für einen schlanken Staat, Sparmaßnahmen und den Abbau von Bürokratie interessieren, mögen verstärkt dazu tendieren, es auszuprobieren. Die letzteren scheinen die Oberhand gewonnen zu haben. Versuchen Sie sich also daran zu erinnern, wenn Sie das nächste Mal einen Berichterstatter einen Politiker als Roboter bezeichnen hören, dass vielleicht eines Tages einige von ihnen wirkliche Roboter sein werden!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Roboter“ by geralt (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Frank Mols

Frank Mols

arbeitet derzeitig als Dozent an der Queensland Universität in Australien. Seine Lehr- und Forschungsinteressen beinhalten die Themen europäische Politik, Öffentlichkeitspolitik, politische Psychologie und Regierungsthemen.

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Jonathan Roberts

Jonathan Roberts

ist Professor an der Queensland Universität für Technologie in Australien. Sein Forschungsgebiet ist die Robotik, er forscht verstärkt zu Themen rund um das Einsetzen autonomer Roboter in unstrukturierten Umgebungen.

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