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Am Pranger – Heiligt der Zweck die Mittel?

Internet (adapted) (Image by Glenn Carstens-Peters) via Unsplash [CC0 Public Domain]

Warum nicht die Justiz mal in die eigene Hand nehmen und seinem Ärger Luft machen? Das dachte sich die sogenannte „Initiative für sichere Straßen“ und rief im Frühjahr 2014 das Online-Portal fahrerbewertung.de ins Leben. Sein Zweck: Nutzer können gefährliches Verhalten anderer Autofahrer für jeden einsehbar anprangern. Natürlich sind die Nutzer ebenfalls dazu angehalten, besonders guten Fahrstil löblich hervorzuheben.

Das Oberverwaltungsgericht in Nordrhein-Westfalen hat die derzeitige Ausgestaltung des Portals nun für unzulässig erklärt. Fahrerbewertung.de würde gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen verstoßen – die Verantwortlichen müssen das Portal anpassen, sodass in Zukunft „nur noch der jeweilige Halter oder die jeweilige Halterin eines Fahrzeugs die dafür abgegebenen Bewertungen einsehen kann und sich zu diesem Zweck zuvor registrieren muss.

Darf man Menschen im Internet bloßstellen?

Und seien wir ehrlich: Wir alle ärgern uns hinter dem Steuer über Drängler und Rechtsüberholer. Auf den ersten Blick mag ein solcher Online-Pranger recht trivial wirken, doch Portale wie fahrerbewertung.de sind Teil einer schwierigen Frage, der wir uns als Gesellschaft im Internet-Zeitalter stellen müssen: Darf man Menschen im Internet aufgrund ihres Fehlverhaltens bloßstellen? Dabei geht es kaum um rechtliche, sondern in erster Linie um moralische Fragen. Die Debatte um die Möglichkeiten der Online-Prangern, sei es auf speziellen Plattformen oder sozialen Netzwerken, ist definitiv nicht neu. Man denke beispielsweise an den Aufschrei, den es einst rund um das Kinder- und Jungendportal ’spickmich.de‘ (derzeit offline) gab. Dort konnten Schüler ihre Lehrer anonym bewerten – einhergehend mit der Diskussion, ob man Pädagogen auf diese Art und Weise öffentlich ächten dürfe. Aber auch zehn Jahre später scheint die Debatte rund um Online-Pranger auf keine Lösung zuzusteuern.

In den beiden genannten Fällen können solche Hinweise im Netz durchaus seine Wirkung zeigen. Lehrer, die ihre Unterrichtsmethoden überdenken oder Autofahrer, die sich im Straßenverkehr umsichtiger verhalten, sind ein Beispiel. Online-Pranger sind letztlich nichts anderes als eine Form der Selbstregulierung. Das kann funktionieren, aber zu welchem Preis?

Online-Pranger außer Kontrolle

Welche Auswirkungen der wütende Internet-Mob haben kann, erleben wir in trauriger Regelmäßigkeit. Schonmal den Namen Justine Sacco gehört? 2013 schickte sie ihren 170 Twitter-Followern einen schlechten Scherz, stieg in ein Flugzeug nach Kapstadt und landete nach elf Stunden in einem gewaltigen Shitstorm. “Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!” Während ihres Flugs kletterte Justine mit ihrem vermeintlich rassistischen Tweet weltweit auf Platz eins der Trends und wurde letztlich sogar von ihrer Arbeit gefeuert – weil es der Internet-Mob so wollte. Was also, wenn das Anprangern außer Kontrolle gerät?

Es gibt zahlreiche Fallstricke, die beim „Public Shaming“ lauern. Was, wenn nicht der Besitzer des Nummernschilds B-GF-469 mit der Lichthupe aufder Überholspur gedrängelt hat, sondern B-GF-496? Wer kümmert sich in einem solchen Fall also um fehlerhafte Informationen? Solche Irrtümer können in bedeutenderen Zusammenhängen als dem vergleichsweise harmlosen Bewerten von Fahrern ernsthafte Konsequenzen haben. Als sich im August 2017 Rechtsextreme im US-amerikanischen Charlottesville versammelten, wurde einer der Teilnehmer von wütenden Beobachtern als Kyle P. Quinn identifiziert. Der Internet-Mob entschied, dass er bestraft werden müsse – per Twitter, Facebook, Mail und Telefon wurde er beleidigt und angefeindet. Das Problem: der Assistenzprofessor war zu dieser Zeit in einem Museum – zwei Staaten entfernt. Im Falle von Kyle P. Quinn lag also ein Irrtum vor. Aber wie reagieren wir überhaupt, wenn Menschen ganz bewusst diskreditiert werden sollen? Mithilfe von Online-Prangern kein Problem.

Nicht nur verwerflich

Eine der Grundfragen, die sich dabei stellt: Wo ziehen wir als Gesellschaft die rote Linie? Dürfen wir auch ernsthaftere gesellschaftliche Probleme mit Online-Prangern angehen? Das sogenannte „Public Shaming“ hat durchaus auch positive Seiten. Vor allem in den sozialen Medien kann der Pranger Anstoß für wichtige gesellschaftliche Debatten sein – man nehme Hashtags wie #BlackLivesMatter, #MeToo oder #Aufschrei, wobei es vor allem um das Fehlverhalten ganzer Gruppen und ihrem gesellschaftlichen Fehlverhalten geht.

Ein anderes Extrem, der Fokus auf die Einzelperson, verkörpert beispielsweise der Twitter-Account @YesYoureRacist, der bis Ende September Rassisten identifizierte und sie vor seinen über 400.000 Followern an den Pranger stellte. Ist für den guten Zweck, die Bekämpfung von Rassismus, jedes Mittel recht? Wo wollen wir als Gesellschaft die Grenze definieren? Wenn wir heute den einen Pranger dulden, welcher kommt dann morgen? Daran schließt sich auch die Frage an, inwiefern geläuterte Menschen eine zweite Chance verdient haben. Einmal im Internet diskreditiert, bleibt das Fehlverhalten auch für künftige Freunde, Arbeitgeber und gar Generationen zugänglich.

Solche Online-Pranger sind nichts per se Gutes oder Schlechtes. Die Frage ist nur, was die Nutzer aus ihnen machen. Darum bricht sich diese moralische Debatte und die Verantwortung letztlich auf den einzelnen Nutzer herunter, der sich über die Konsequenzen seines Handelns bewusst sein muss. Bin ich Teil einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte oder will ich nur meinem Ärger Luft machen? Und als Gesellschaft müssen wir uns beim Anprangern ebenfalls eine einfache Frage stellen: Heiligt der Zweck die Mittel?


Image (adapted)“Internet“ by Glenn Carstens-Peters [CC0 Public Domain]


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Die Herausforderungen einer effektiven Führungskraft

Führungskraft (adapted) (Image by Rawpixel) (CC0 Public Domain) via pixabay

Weil die Menschen mehr denn je auf ihre Entscheidungsträger im sozialen, politischen und organisatorischen Bereich schauen, steht eine ordentliche Führungskraft wie nie zuvor im Mittelpunkt. Statt zu helfen, erscheinen Entscheidungsträger allerdings oft als ein Teil des Problems. Wenn es um Politiker geht, wird den Anführern von politischen Parteien oft die Schuld zugesprochen, weil sie daran gescheitert sind, ihren Wählern eine klare Vision zu bieten und für ihre eigenen moralischen Fehler oder ihrer Unfähigkeit, Wahlversprechen einzuhalten, einzustehen.

Theresa May, die britische Premierministerin, wurde weitestgehend für das schlechte Abschneiden der konservativen Partei bei den Parlamentswahlen des Landes im Jahr 2017 verantwortlich gemacht. Ihr roboterhaft herübergebrachtes Motto, dass man „stark und stabil“ bleiben müsse, erhielt viel Kritik.

Währenddessen scheint ein nie endender Nachrichtenfluss die vermeintlichen Lügen des US-Präsidenten Donald Trump aufzudecken und darüber hinaus seine Geeignetheit für das Amt in Frage zu stellen. Andererseits scheint es einen steigenden Trend unter den Politikern auf der ganzen Welt zu geben, Gesetzesvorschläge aufgrund moralischer anstatt ökonomischer Standpunkte zu unterstützen oder sie abzulehnen.

In organisatorischer Hinsicht kriegen wir oft zu hören, dass sich das Vertrauen in Führungskräfte im Zuge der Finanzkrise, einer Reihe von Unternehmensskandalen sowie den fortwährenden Herausforderungen eines Mitarbeiters, eine „gute Arbeitsstelle“ zu sichern, auf einem Rekordtief befindet. Auch wenn man die aufsehenerregendsten Versagensfälle nicht übersehen kann, ist Führung nicht bloß ein Prozess, der sich auf der höchsten Stufe der Hierarchie abspielt. Wenn wir etwas über Führung, und wie sie in einem organisatorischem Umfeld funktioniert, erfahren wollen, müssen wir uns ebenso anschauen, wie Führungsverhalten und Einstellungen innerhalb der gesamten Organisation verbreitet werden.

Was die Forschung sagt

In unserer Forschung machen wir es uns zum Ziel, herauszufinden, was eine effektive Führungskraft ausmacht. Wir waren besonders interessiert an „zielgerichteter Führung“, weil ein rücksichtsvoller und zielgerichteter Ansatz oft als ein Gegenmittel für erzielte Misserfolge, herbeigeführt von einem rücksichtslosen Fokus auf kurzfristige finanzielle Erfordernisse, bejubelt wurde.

Zielgerichtete Führungskräfte sind Personen mit einer starken Überzeugung ihres persönlichen moralischen Kompasses, einer überzeugenden Vision für ihr Team und einer Berücksichtigung der Bedürfnisse des breiten Spektrums an Bedürfnissen der Stakeholder, wenn es um die Entscheidungsfindung geht. Es gibt viele weitere Führungstypen wie beispielsweise die charismatische Führungskraft, die auf die Stärke der Persönlichkeit und auf eine Vision vertraut, um die Leistungsfähigkeit ihrer Anhänger zu fördern. Dennoch kann die charismatische Führung, wie auch andere Führungsformen, eine dunkle Seite haben, die die Anhänger auf den falschen Pfad führen kann.

Zielgerichtete Führungspersonen sind jedoch vergleichsweise selten. Als wir eine Auswahl verschiedener Manager im Vereinigten Königreich befragten, bewerteten sich lediglich 21 Prozent als sehr zielgerichtet. Als wir diese Zahl noch weiter herunterbrachen fanden wir heraus, dass 35 Prozent aller Anführer aussagten, dass sie eine starke Vision für ihr Team haben und sich einem breiten Spektrum von Stakeholdern gegenüber verpflichtet fühlen. Nur acht Prozent sagten aus, dass sie einen starken moralischen Kompass besitzen. Als wir die Mitarbeiter fragten, sagten 40 Prozent aus, dass ihr Manager sich ethisch korrekt verhält.

Dies ist wichtig, weil die Befragung herausfand, dass zielgerichtete Führungskräfte von ihren Anhängern als moralisch vorbildlich angesehen werden. Dadurch sind die Mitarbeiter zufriedener, leisten mehr, kündigen nicht so schnell und sind eher zu Mehrarbeit bereit.

Zielgerichtete Anführer entstehen aber nicht im luftleeren Raum; einige Organisationen sind geeigneter als andere, wenn es darum geht, ein Arbeitsumfeld zu entwickeln, in der eine Führungskraft sich zielgerichtet verhalten kann. Als wir uns sowohl öffentliche, private und gemeinnützige Sektoren in Fallstudien angeschaut haben, tauchten hier einige interessante Abweichungen auf.

In Organisationen, bei denen die oberste Führung ein positives Beispiel darstellte, war die umfassende Verbreitung zielgerichteter Führung innerhalb der Organisation wahrscheinlicher. Eine Person, mit der wir in einem Handelsunternehmen sprachen, erläuterte: „Unser Vorstandsvorsitzender ist sehr, sehr visionär und absolut jeder hat die Vision geglaubt, die er wegen der Umwandlung des Unternehmens kommen sah. Ich glaube, dass es einen hohen Bewusstseinsgrad auf allen Mitarbeiterebenen gibt.“

Genauso wichtig ist eine starke Sammlung authentischer Unternehmenswerte. Bei einer Stiftung wussten und teilten die Leute dieselben Werte und ethischen Überzeugungen, was sie dazu ermutigt, sich übermäßigen Forderungen entgegenzustellen. Wir fanden auch heraus, dass klare und bekannte Richtlinien zum Whistleblowing viele Menschen von einer Organisation überzeugt hatte, die die Fragen der Ethik ernst nimmt. Auch wenn nicht alle Leute sich mit der spezifischen, religiösen Tradition der Stiftung identifizierten, waren sie dennoch begeistert vom ethischen Kodex, der von der Führungskraft vorgegeben wird.

Befreie deine Leute

Was sich aus der Studie ebenso ergab, war der schädigende Effekt, der die verborgene Arbeit in einer eingeengten Umwelt aufweist. Wo immer den Menschen entweder die Zeit oder die Ressourcen fehlten, war das erste Opfer meistens die Fokussierung auf Zielgerichtetheit und die ethischen Fragen. Wie es ein Anführer der Abteilung der Zentralregierung sagte: „Wenn Du sehr sehr hart arbeitest und die Dinge stressig werden, konzentrierst Du Dich auf die Aufgabe anstelle der Person.“

Eine andere Einschränkung von Organisationen ist die Schwierigkeit und Einbettung einer einzigen, klaren und konsequenten Vision, speziell in großen diversen Organisationen, die bereits eine Reihe von Neuorganisationen, Zusammenschlüssen und Übernahmen durchgemacht haben. Dies wurde von einem Teilnehmer zusammengefasst, der kommentierte, dass seine Organisation „eine Unmenge an Visionen hat“, die die Mitarbeiter verwirrte und im unklaren darüber ließ, wo die Prioritäten liegen.

Es gibt eine Reihe an Möglichkeiten für Führungskräfte, um zu zeigen, dass sie „zielgerichtet führen“. Die erste ist es, sicherzustellen, dass man weiß, wie die Vision der Organisation aussieht. Wer sich in einer leitenden Funktion befindet, sollte eine eine bedeutungsvolle und weit verbreitete Vision erarbeitet haben. Jede Führungskraft wird dann darüber nachdenken müssen, wie diese Vision für sein Team relevant werden kann. Regelmäßige Diskussionen über Visionen und Werte sind wichtig, damit die Menschen sehen, wir ihre Arbeit der Organisation nutzt und welchen Beitrag sie leistet.

Zweitens sollten sich Anführer Gedanken über ihren persönlichen moralischen Kodex machen: Welches sind die Kernwerte, die für Dich selber als Individuum am meisten zählen? Die Leute lassen ihre Werte nicht an der Eingangstür zurück, wenn sie ihre Arbeitsstelle betreten, also sollte man darüber nachdenken, wie die Werte in die eigene Arbeit integriert werden können. Schlussendlich sollte man sich im Entscheidungsfindungsprozess nicht auf kurzfristige Leistungsergebnisse konzentrieren, sondern ebenso darüber nachdenken, wie die verschiedenen Stakeholder davon beeinträchtigt werden.

Angesichts des momentan vorherrschenden Arbeitsklimas und der langen Zeit der Instabilität und Veränderung im Vereinigten Königreich während der Vorbereitungen auf den Brexit ist es wahrscheinlich, dass diese Belastungen nur größer werden. Dies wird Führungskräfte aus allen Bereichen vor weitere Herausforderungen stellen, „zielgerichtet“ zu handeln, obwohl die Notwendigkeit dieses Handelns noch nie wichtiger war.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Teamwork“ by rawpixel (CC0 Public Domain)


 

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Bildungsethik jenseits der Zeigestock-Pädagogik

Classroom (adapted) (Image by Wokandapix)(CC0 Public Domain) via Pixabay

Was Schulen und Hochschulen den Lernenden vermitteln, hat wenig mit Ethik zu tun. Aus Verärgerung über die Vermischung von Moral und Ethik hat Christoph Schmitt ein Buch geschrieben. Titel: „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik – Warum ethische Bildung Schule machen muss.

Der Sinn der Ethik besteht darin, dass wir aus der Differenz zwischen Moral und Ethik lernen, wie wir in Zukunft unsere Gemeinschaft einigermaßen sinnvoll gestalten können.“ Bildungsinstitutionen verharren in einem moralischen Korsett und beflügeln nicht die Weiterentwicklung von Demokratie, Menschenrechte, Ökologie, Gerechtigkeit und Ökonomie.

Moralischer Ablasshandel

Moralvermittlung in Schulen und Hochschulen heißt vor allem, dass wir in der Erziehung lernen, was man tut und was man nicht tut. In der Schule lernen wir ganz bestimmte gesellschaftliche Strukturen, Hierarchien, wir lernen, wer das Sagen und die Macht hat. Und wir lernen eigentlich, dass gut begründetes Argumentieren nicht wirklich weiterhilft“, so Schmitt im ichsagmal.com-Autorengespräch.

Am Ende bleibt nur Fatalismus übrig oder ein moralischer Ablasshandel, den Wissenschaftler wie Professor Karl Homann als Ethik verkaufen. Bewege Dich in den Bahnen der Machbarkeit und schere Dich nicht um utopische Ziele zur Verbesserung der Welt. Dabei könnte eine kritische und reflektierte Haltung in kleinen und großen Zusammenhängen schon eine Menge verändern.

Autonom agierende Menschen sind unerwünscht

Hier setzt der Autor seine Kritik am Bildungssystem an. Welchen Sinn macht es, soviel Energie reinzustecken, um autonom agierende und ethisch handelnde Individuen hervorzubringen, wenn das Entscheidungspotenzial vor allem in der digitalisierten Gesellschaft immer kleiner wird? Wenn uns Maschinen und die großen Konzerne mit ihrem Röntgenblick durchleuchten, digitalisierte Werkzeuge selbst die WC-Zeiten von Mitarbeitern überprüfen und immer weniger Entscheidungsspielräume vorhanden sind. Da hilft dann auch New Work-Propaganda als Beruhigungsmittel nicht weiter. Die Dressur und die von mir so bezeichnete digitale Käfighaltung in Organisationen fangen schon in der Schule an.

Selbstdenker gefährden ihre Karriere

Schülerinnen und Schüler lernen nicht, wie sie selbst zu normativ bewertbaren oder begründbaren Aussagen oder Handlungsoptionen kommen. Wenn mir im Verlauf meiner ganzen Schulkarriere immer vorgebetet wird, was ich zu tun habe, wenn ich also nicht für das verantwortlich bin, was ich mache, sondern nur entscheidend ist, wie ich es mache, dann zählt eben nur die Bewertung der Ausführung von statischen Lernzielen“, kritisiert Schmitt. Da klingeln seine Ohren. Schulen und Hochschulen züchten heteronome, also fremdbestimmte Subjekte heran und nicht autonom denkende und autonom handelnde Menschen. Wer aus diesem Schema ausbricht, riskiert schlechte Noten und seine Karriere.

Wie sich Bildung aus den Fängen des Bildungssystems befreit

Was könnte helfen? Schmitt bringt einen radikalen Schritt ins Gespräch: Er fordert den Abschied vom klassischen Bildungssystem. Wir selber müssten verstehen, dass wir zur Wissensvermittlung keine Schulen, keine Unterrichtsstunden, keine Fächer, keine Noten und keine Lehrpläne mehr brauchen. Dieser Kulturwandel lässt sich nicht verordnen und dürfte in der Kultusminister-Konferenz schwer vermittelbar sein. In einem verfilzten System werde es da keine Umkehr geben. Schmitt erkennt aber immer mehr Initiativen, die die Bildung aus dem Bildungssystem befreit. Das Notiz-Amt sieht das positiv. So steigt der Außendruck auf die Bildungspolitiker und die Spielräume erhöhen sich, um sich von der Zeigestock-Pädagogik zu lösen.


Image (adapted)“Classroom“ by Wokandapix (CC0 Public Domain)


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Datenverantwortung: Ein neues soziales Gut für das Informationszeitalter

ruins (adapted) (Image by choukyin [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der Klimawandel zunimmt, wirken die zerstörerischen, rekordverdächtigen Naturkatastrophen fast wie die neue Normalität — von Hurrikan Matthew, der im vergangenen September mehr als 1.300 Opfer forderte bis zum Taifun Lionrock, der vor Kurzem in Nordkorea tobte und eine Flut verursachte, die 138 Menschen getötet und gut 100.000 Menschen obdachlos zurückgelassen hat.

Was können wir tun, um die Zerstörung durch Naturkatastrophen zu verringern? Man könnte möglicherweise die Hilfsaktionen mithilfe von Daten verbessern. Sehen wir uns einmal die Folgen des Erdbebens im nepalesischen Gorkha im April 2015 an, eine der schlimmsten Katastrophen seit mehr als 80 Jahren. Fast 9000 Menschen wurden getötet, etwa 22.000 wurden verletzt und mehrere hunderttausend sind nun obdachlos, nachdem ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Trotz der umfassenden Zerstörung muss gesagt werden: es hätte schlimmer kommen können. Ohne die Katastrophe beschönigen zu wollen, die Nepal an diesem Tag traf, möchte ich dafür plädieren, dass Daten — und hier ist insbesondere ein neuer Typ von sozialer Verantwortung gemeint — den Nepalesen dabei geholfen haben, größeres Unheil zu vermeiden. Dies könnte für spätere Notfälle hilfreich sein.

Infolge der Katastrophe in Nepal sind viele verschiedene Akteure zusammen gekommen, um diese humanitäre Krise anzusprechen: die Regierung, die Bürger und privat engagierte Helfer. Als besonders herausragend hat sich dabei Nepals größter mobiler Netzwerkbetreiber Ncell gezeigt. Kurz nach dem Erdbeben entschied sich Ncell dazu, seine gesammelten mobilen Daten in unidentifizierbarer Form mit der gemeinnützigen schwedischen Organisation Flowminder zu teilen.

Flowminder hat diese Daten genutzt, um die Menschenströme zu kartographieren. Diese Echtzeit-Karten haben es der Regierung und humanitären Organisationen ermöglicht, Hilfe und Entlastungen besser zuzuschneiden und damit ihren Einfluss optimal auszunutzen. Diese Initiative hat sich als Modell der Datenzusammenarbeit als sehr positiv herausgestellt. Flowminder hat dafür im Jahr 2016 sogar den Mobile in Emergency or Humanitarian Situations-Award bei der GSM Association’s Global Mobile in Barcelona gewonnen

Was ist Datenverantwortung?

Mich beeindruckt am meisten die Art und Weise der Datennutzung bei der Initiative von Flowminder und Ncell – besonders, wenn man bedenkt, wie die privat gesammelten Daten für öffentliche Dienste genutzt wurden. Dies war ein Akt der Datenverantwortung. Diese Datenverantwortung und das genossenschaftliche Teilen der Daten ist ein noch junges Konzept und wird gerade entwickelt. Dennoch ist schon jetzt aufgefallen, dass es eine zentrale Rolle einnimmt, wenn es darum geht, verschiedene öffentliche Dienste zu fördern, wie zum Beispiel bei der Frage, wie wir an Naturkatastrophen und andere Notfälle herangehen.

Datenverantwortung könnte auch eine größere Rolle dabei spielen, um die für die Jahre 2015 bis 2030 gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu fördern. Dazu sagt Jeffrey Sachs: „Die Datenrevolution kann die Nachhaltigkeitsrevolution antreiben, und den Prozess der Armut zu beenden, soziale Inklusion zu fördern und die Umwelt zu schützen.“ Nach jüngsten Schätzungen werden täglich etwa 2,5 Billionen Bytes an Daten erstellt. Neun Zehntel unserer heutigen Daten wurden in den Jahren 2013 und 2014 erstellt.

Dieser massive Anstieg der Datenverfügbarkeit hat einigen Enthusiasmus hervorgerufen, da man sie für potentielle ökonomische, kulturelle und politische Vorteile nutzen kann. Der Economist schrieb dazu, man wolle „Dreck in Gold verwandeln“, indem man große Ströme an „Daten-Müll“ abbaut, der oft unbeabsichtigt von permanent vernetzten Nutzern der sozialen Medien und mobilen Geräte hinterlassen werde.

Was jedoch seltener diskutiert wird, ist die Tatsache, dass diese Daten nicht zugänglich und damit geheim sind. Sie sind das Eigentum von Firmen, Regierungen und anderen Organisationen. Das schränkt die öffentlichen Vorteile ein. Datenverantwortlichkeit kann Organisationen dabei helfen, diese privaten Grenzen zu überwinden und diese Daten für das öffentliche Gut zu teilen. Besonders im Privatbereich  stellt dies ein Beispiel an gemeinsamer sozialer Verantwortung für das 21. Jahrhundert dar.

Heutzutage ist Datenverantwortlichkeit relativ ungewöhnlich. Das nepalesische Telekommunikationsunternehmen Ncell ist eines der wenigen, das seinen Datenfundus geöffnet hat. Aber es gibt auch einige ermutigende Anzeichen. Beispielsweise hat Twitter in Jakarta einige Daten mit australischen Forschern geteilt, mit deren Hilfe sie die Webseite PetaJakarta.org erstellten. Die Seite bietet Live-Informationen zu Überschwemmungen und ermöglicht vor allem während der Monsun-Saison eine verbesserte Einschätzung der Lage.

Im Senegal stieß die Orange Group eine Aktion für Entwicklungsdaten an und teilte ihre Daten mit verschiedenen Forschungsteams, um Muster und Lösungen zu identifizieren und damit die Gesundheit, die Landwirtschaft, die Stadtplanung und der Umgebung und landesweite Statistiken zu verbessern. Das Gewinnerteam benutzte Handydaten, um den Energieverbrauch nachzustellen und so Lösungen für veränderliche Energieanforderungen zu finden.

Die drei Säulen der Datenverantwortung

Solche Beispiele zeigen uns, dass Daten Leben verbessern oder sogar retten können. Aber um das volle Potential zu nutzen, müssen drei Bedingungen erfüllt werden. Diese kommen als die drei Säulen der Datenverantwortung zusammen:

  1. Die Pflicht zu teilen

    Dabei handelt es sich wohl um die offensichtlichste Pflicht: private Daten zu teilen, falls diese dem öffentlichen Gut dienen. Eine sekundäre Nutzung ist nicht immer beliebt unter den Nutzern (oft aus guten Gründen), aber wenn man es richtig anstellt, kann das Teilen starke, soziale Vorteile beinhalten, wie oben aufgezeigt.

  2. Die Pflicht zu schützen

    Teilen geht mit Risiken einher, besonders, was die Privatsphäre, die Sicherheit und andere individuelle Rechte angeht. Deshalb ist es unerlässlich, dass Organisationen ihre Daten auf verantwortliche Weise teilen, und dabei versuchen, die Daten selber zu schützen, aber auch die Individuen, die ihre Daten aufgeben (auch wenn dies oft unabsichtlich geschieht).

    Die Konsequenzen aus dem fehlenden Schutz der Daten wurden bereits gut dokumentiert. Die offensichtlichen Probleme treten auf, wenn Daten nicht genügend anonymisiert werden, bevor man sie teilt, oder wenn nicht anonyme Daten anderweitig an die Öffentlichkeit gelangen. Scheinbar anonymisierte Daten könnten selbst für eine Entschlüsselung anfällig sein. Informationen, die für das öffentliche Gut geteilt wurden, können auch Einzelpersonen Schaden zufügen.

    Im Jahr 2013 in New York folgten die ‚Taxi and Limousine Commission‘ einem öffentlichen Ersuchen und veröffentlichten vermeintlich anonymisierte Daten zur Abholungs- und Ankunftszeiten, Standorten, Preise und Trinkgelder, die von verschiedenen Taxifirmen und Mitfahrerorganisationen gesammelt wurden. Innerhalb weniger Tage jedoch hatten private Hacker die relevanten Taxi-Lizenzen und Nummernschilder identifiziert. Die Konsequenzen waren besorgniserregend und vielleicht sogar justiziabel: Die Daten konnten beispielsweise dazu genutzt werden, das Einkommen eines Fahrers zu berechnen und die Fahrten der Kunden sowie ihre Ausgaben zu identifizieren. Unter ihnen waren auch Prominente, was die Gefahr des Stalkings noch erhöht hat.

    Aus Gründen wie diesen muss das gut gemeointe Vorhaben, die Daten zu teilen, mit einem erhöhten Verantwortungsbewusstsein einhergehen, und zwar an jedem einzelnen Informationsknotenpunkt, von der Sammlung, über die Verarbeitung und Analyse bis hin zum Teilen und der Datennutzung.

  3. Die Pflicht zu handeln

    Damit veröffentlichte Daten dem öffentlichen Gut helfen können, müssen Beamte und andere auch Strategien und Vermittlungen annehmen, die Einblicke in die Veröffentlichung geben. Ohne eine Handlungsaufforderung bleiben die Möglichkeiten nur eben diese: Möglichkeiten, kleine Fakten.

    Die Pflicht zu Handeln ist im dem Kampf gegen die Korruption besonders offensichtlich. Weltweit haben Daten, die von den Regierungen oder anderen Organisationen und Individuen veröffentlichtu wurden, eine wichtige Rolle dabei gespielt, Betrugsfälle offenzulegen und die Transparenz zu erhöhen.

Das brasilianische Transparenzportal wurde im Jahr 2004 vom Büro des Rechnungsprüfers gegründet, um die steuerliche Transparenz zu erhöhen, indem sie Regierungsdaten geteilt haben. Diese Organisation ist nun eines der wichtigsten Werkzeuge dieses Landes, um Korruptionen zu identifizieren und dokumentieren. Monatlich registrieren sie um die 900 000 Besucher. In Mexiko bietet die Onlineplattform Mejora Tu Escuela Bürgern Informationen über Schulleistungen, damit Eltern die beste Bildung für ihre Kinder wählen können und besser in deren Ausbildung eingebunden werden.

Für Schuladministratoren, politische Entscheidungsträger und Nichtregierungsorganisationen bietet diese Plattform allerdings einen Weg, Korruptionsfälle von Lehrern, die nicht oder nicht mehr existieren und dennoch auf einer Regierungsgehaltsliste stehen, und Lehrern, die zu viel Lohn erhalten, aufzudecken.

Dennoch muss man handeln, um aus den Erkenntnissen auch Resultate zu schöpfen. Das beruht oft auf eilig herbeigeführten und schwierigen Veränderungen angesichts bestimmter Interessensverbindungen  und institutioneller Hindernisse.

Die Notwendigkeit einer kulturellen Veränderung

Die Schwierigkeit, Erkenntnisse in Ergebnisse zu übersetzen, deutet auf einige größere soziale, politische und institutionelle Veränderungen hin, die man erreichen muss, um eine wirkliche Datenverantwortung zu erreichen. Für Datenverantwortung muss man eine oft unbekannte Verpflichtung zur Transparenz und Rechenschaft eingehen. Man muss von den gewohnten Pfaden des Datenschutzes zu einer Sharingkultur gelangen und von einem traditionellen Strategiedenken zu einer von Daten getriebenen Steuerung. Daraus folgt eine kulturelle Veränderung, die die Herangehensweise bestimmt, wie Firmen, Regierungen und andere Akteure ihre Daten behandeln.

Die folgenden drei Wege sollte man bedenken, um die benötigte Entwicklung in einer kurzen Zeit zur erreichen:

Als Erstes sollten öffentliche und private Dateninhaber eine öffentliche Verpflichtung (oder Zusage) zur Datenverantwortung herausgeben, sodass eine solche in Unternehmen zur Normalität wird.

Zweitens sollten in öffentlichen und privaten Unternehmen „Datenverwalter“ eingestellt werden. Sie werden die Veränderungen erkennen und leiten und bestimmen, was man wann teilt, wie man die Inhalte schützt und wie man mit verfügbaren Daten umgeht.

Und schlussendlich muss es eine Bewegung geben: es ist an der Zeit, eine Gemeinschaft für Informationsrecht zu erweitern und mehr „Datenverantwortung“ zu fordern. Damit könnte man das Leben vieler Menschen besser machen — und somit auch unser eigenes.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „ruins“ (adapted) by choukyin (CC0 Public Domain)


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Sherlock Holmes und der seltsame Fall des Antiintellektualismus

Sherlock Holmes Statue (adapted) (Image by Justin Ennis [CC BY 2.0] via flickr)

Weder Sherlock Holmes noch Donald Trump sind gegenwärtig vom Fernsehbildschirm wegzudenken. Die Ereignisse um Trumps Präsidentschaft mussten sich die Sendezeit mit der neuesten Sherlock-Staffel teilen, die am 15. Januar zu Ende ging. Die beiden sind jedoch überraschenderweise nicht nur durch die Präsenz im Fernsehen, sondern auch durch die Idee des Antiintellektualismus verbunden.

Trumps Einzug in das Weiße Haus gründete sich auf der von den Populisten hervorgerufenen Verachtung von Fachleuten aus der gebildeten, liberalen Elite, sowie einer Überbewertung des gesunden Menschenverstandes. Doch der Antiintellektualismus durchdringt unseren Kulturkreis auch an anderer Stelle: Werbeanzeigen für Erfrischungsgetränke zeigen, wie sich langweilige Universitätsvorlesungen in freudiges Leben verwandeln, sobald jemand eine Getränkedose öffnet. Die kürzlich initiierte Kampagne mit dem Titel „Welche Universität?“ suggeriert, dass höhere Bildung eine ähnliche Entscheidung ist wie die, sich eine neue Waschmaschine zuzulegen.

Wie ist das bei Sherlock Holmes? Sicherlich repräsentiert der Detektiv den Höhepunkt des Intellektualismus, den rational denkenden Experten. Als Leser und Zuschauer vertrauen wir auf Holmes‘ Expertise, das Rätsel zu lösen und die Ordnung wieder herzustellen. Allerdings suggerieren Doyles Geschichten und deren Adaptionen ebenso, dass Holmes‘ Intellekt beinahe schon ungeheuerlich ist. Zugleich ist die Darstellung des Sherlock in der BBC-Serie immer mit dem Stichwort des „hoch-funktionalen Soziopathen“ verknüpft. Die Serie stellt damit klar, dass intellektuelle Werte vermeintlich nicht denen der sozialen Menschlichkeit entsprechen.

Der viktorianische Holmes

Holmes als rationaler Superheld ist ein vertrautes Narrativ in der Popkultur. Der sich stets beschleunigende Takt des Lebens im viktorianischen Zeitalter, so die These, verlangte nach einer neuen Art eines fiktionalen Helden, der die überwältigenden Zeichen der urbanen Moderne zu entschlüsseln vermag. Jedoch übersieht dieser Ansatz einen essentiellen Punkt: Die intellektuellen Qualitäten, die Holmes zum Helden gemacht haben, machten ihn auch zu einer Figur des Misstrauens.

Die Erzählungen rund um den Detektiv waren kein unmittelbarer Erfolg. Die ersten beiden Romane aus der Feder von Arthur Conan Doyle, „Eine Studie in Scharlachrot“ (1887) und „Das Zeichen der Vier“ (1890) erhielt zunächst eine begrenzte Aufmerksamkeit und unbegeisterte Kritiken, teilweise verschuldet durch den abgehobenen und überspezialisierten Helden. In diesen Romanen schläfert Holmes einen betagten Terrier ein, um eine Theorie zu testen. An anderer Stelle beschreibt ihn Watson als „eine Rechenmaschine“, die etwas „angenehm Unmenschliches“ an sich hat. Und als Watson Holmes‘ Wissen auf den verschiedneen Gebieten untersucht, beschreibt er dieses als umfassend in einigen und merkwürdig mangelhaft in anderen Bereichen. Holmes hat durchaus Ahnung von Chemie und Anatomie, weiß aber nichts über Literatur, Astronomie oder Politik.

Die mangelhaft ausgebildeten Wissensgebiete des frühen Holmes gelten hier gewissermaßne als dekadent. Der spätviktorianische Psychologe und Kriminologe Havelock Ellis beschreibt die Dekadenz als den Teil, der das Ganze verschleiert. Moralische Gesundheit findet sich in einem Allrounder, wie bei Doyle selbst (er war zugleich praktizierender Allgemeinmediziner, schrieb für verschiedene Genres und hatte eine Begabung für so ziemlich jede Sportart, die im frühen 20. Jahrhundert gespielt wurde). Holmes ist ein Experte in oft obskuren Themengebieten. Seine Ablehnung der Tatsache, dass die Erde sich um die Sonne dreht, reflektiert auf satirische Weise seine intellektuelle Absonderlichkeit.

Der erste Erfolg kam im Jahre 1891, als Doyle sich dem Kurzgeschichtenformat des Strand Magazine widmete. Und so veränderte sich auch Holmes. Sein Wissen wurde abgerundeter, sein Charakter weniger harsch und sein Kokainkonsum verschwand weitestgehend. Dennoch bliebt das Gefühl bestehen, dass sein unbestechlicher Intellekt nur teilweise menschlich war.

Es ist kein Zufall, dass Holmes seine Fangemeinde in den Momenten für sich gewinnt, in denen er mit seinem Intellekt scheitert. In der ersten Geschichte „Ein Skandal in Böhmen“ wird Holmes von der Opernsängerin Irene Adler überlistet – einem Charakter, der in der BBC-Umsetzung „Sherlock“ vielsagend als Domina neuentwickelt wird. In „Das gelbe Gesicht“ interpretiert Holmes die Geschehnisse in Norbury vollkommen falsch. Er sagt zu Watson: „Sollte es Ihnen jemals so vorkommen, dass ich meiner Fähigkeiten ein wenig zu selbstbewusst werde, flüstern Sie leise ‚Norbury‘ in mein Ohr.“ Diese Szene wird in der aktuellen „Sherlock“-Episode „Die sechs Thatchers“ erneut aufgegriffen. Genau wie in den aktuellen politischen Kampagnen muss dem Publikum nahegebracht werden, dass man sich nicht immer auf Experten verlassen kann.

Unser Monster

Die aktuellsten Holmes-Adaptionen sprechen aus, was bei Doyle unausgesprochen blieb. Während Doyle Holmes gelegentlich mit einer Maschine vergleicht, macht Sherlock ihn zu einem Monster. „Aber es ist unser Monster“, sagt Mary Watson, wobei sie den Film „Ed Murrow – Reporter aus Leidenschaft“ aus dem Jahr 1986 zitiert. Seitdem erscheint die Phrase regelmäßig im Internet im Zusammenhang mit Trump.

Der „Sherlock“ der BBC ist die jüngste Erscheinung eines Trends, der seit den Siebzigern ersichtlich ist, als Autoren auf das Heldentum des kriegsgebeutelten Holmes von Basil Rathbone reagierten. Rathbones Holmes repräsentierte den Respekt einflößenden, englischen Helden, mit dem sich das Publikum auf Kosten des vergleichsweise schwachköpfigen Watson, dargestellt von Nigel Bruce, identifizieren sollte (einer Charakterisierung, die einen Großteil der Subtilität des Doyle’schen Watson übersieht). Im Gegensatz dazu versuchen postmoderne Adaptionen, Holmes einzuschränken und einfache Heldenbilder in Frage zu stellen: Filme wie „Kein Koks für Sherlock Holmes“ (1976) und „Das Geheimnis des verborgenen Tempels (Der junge Sherlock Holmes)“ (1985) zeigen einen traumatisierten oder noch sehr jungen Holmes.

Das soll nicht heißen, dass Holmes‘ Fähigkeiten geschmälert werden, sondern dass sich die aktuelleren Darstellungen auf einen antiintellektuellen Subtext verlassen, der verdeutlicht, dass herausragende geistige Fähigkeiten stets mit einem hohen Preis einhergehen. Die Eröffnungsszenen der BBC-Serie zeigen einen Holmes, der unfähig ist, sozial zu funktionieren, weil er damit beschäftigt ist, zahlreiche Rätsel zu lösen – eine Szene, die in Doyles urbanerem Original  undenkbar wäre.

Tatsächlich stellen Serien wie „Sherlock“ oder die Filme von Guy Ritchie den Intellekt Holmes‘ paradoxerweise weit weniger bedrohlich dar, indem sie diesen  auf absurde Weise überhöhen. Beispielsweise ist Sherlock in „Der lügende Detektiv“ in der Lage, komplexe Geschehnisse über Wochen im Voraus vorherzusagen. Wenn Doyles Fähigkeit darin bestand, Holmes‘ Vermögen gerade noch im Rahmen des Plausiblen darzustellen, definiert „Sherlock“ den Detektiv als allwissenden Gott neu – als eine Phantasiefigur, die uns in unserer Realität nicht irritieren soll.

Holmes‘ Intelligenz hilft, die Welt zu ordnen. In den modernen Adaptionen ist sie jedoch zu einem Fluch oder einem Krankheitsbild geworden. Nicht jeder kann wie Holmes sein. In dieser monströsen, allumfassenden Ausprägung möchte wohl allerdings auch niemand wie Holmes sein. Fragt man sich, wieso eine Person wie Holmes für uns heute noch interessant ist, ist es vielleicht ein Fehler, sich auf Sherlock selbst zu konzentrieren. Es ist nicht der Intellekt von Holmes, der sich ändern sollte, sondern die Art, wie andere darauf reagieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Sherlock Holmes Statue“ (adapted) by Justin Ennis (CC BY 2.0)


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Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

startup (adapted) (Image by StartupStockPhotos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

In der Wirtschaft geht es immer um Wertentscheidungen. Jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Das gilt auch für jene, die auf Bühnen über die Notwendigkeit der Digitalisierung schwätzen, aber sich in Wirklichkeit hinter Begriffskaskaden verstecken. Die Keynote-Dauerredner sprechen von Digitaler Transformation, Digitalem Darwinismus (sozusagen die Donald Trump-Variante des Business-Darwinismus), Disruption oder Innovation, erläutern aber nicht, welche Programmatik dahinter steckt.

„Wenn wir wirklich eine inklusive, nachhaltige und verantwortliche Gesellschaft und Ökonomie wollen, müssen wir unsere Bilanzen und Logiken ändern. Ich halte das für fundamental. Was sind die grundlegenden Paradigmen und Theorien der Ökonomie? Die sind implizit normativ. Am Ende ist Digitalisierung kein Selbstzweck. Es gibt auch keinen Determinismus* (*=Die Anschauung, dass alle Ereignisse im Voraus festgelegt sind und es keinen freien Willen gibt, Anm. des Autors). Wir haben gestalterische Freiheiten. Wohin führen unsere Denkansätze?“, fragt sich Winfried Felser in der netzökonomischen Ideenrunde.

Wie gerecht ist die Netzökonomie?

Darüber denkt in der digitalen Technologieszene kaum einer nach. Umso mehr müsste sich die Wirtschaftswissenschaft mit diesen Fragen beschäftigen, fordert Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts.

Die Ökonomik sollte etwas zu möglichen und wünschenswerten Szenarien in der Zukunft sagen. Sie muss wieder Möglichkeitswissenschaft werden: Wie könne eine Ökonomie aussehen, die die Produktivitäts­fortschritte der Informationswirtschaft für einen Wohlstand nutzt, der bei möglichst vielen Menschen ankommt? „Sind Postwachstums­gesellschaften denkbar, die dennoch eine hohe Lebensqualität für zehn Milliarden Menschen innerhalb der planetaren Grenzen schaffen? Wie sehen Perspektiven für einen zeitgemäßen Kapitalismus aus? Ein solches Zielwissen ist normativ, die zugrunde liegenden Normen bedürfen der Explizierung und der Begründung“, so Schneidewind.

Tschakka-Weisheiten im Killermodus

Im Silicon Valley ist davon wenig zu spüren. Da findet man eher eine Menge Donald Trump-Ideologie, auch wenn die kalifornischen Protagonisten der Netzökonomie das empört zurückweisen würden: Das Dasein sei ein Dschungel, in dem man bereit sein muss, zu kämpfen – das ist das Credo von Trumps „kontrollierter Paranoia“. Überleben werde nur der Stärkere. Für den neuen Präsidenten der USA gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Gewinner und Verlierer, man ist entweder das eine oder das andere. „Sei ein Killer“, so der „pädagogische“ Leitspruch seines Vaters.

Den ideologischen Überbau für den donaldistischen Siegeszug lieferte der evangelikale Tschakka-Wanderprediger Norman Vincent Peale, Autor des Bestsellers  „The Power of Positive Thinking“: „Formuliere und präge deinem Verstand ein mentales Bild von dir selbst als jemand ein, der Erfolg hat. […] Halte hartnäckig daran fest. Lass es niemals verblassen. Denk nie von dir selbst als jemand, der versagt“, so die anarcho-kapitalistischen Phrasen von Peale. Bei Trump wird das Prinzip zur Manie: „Ich gewinne, ich gewinne, ich gewinne immer. […] Am Ende gewinne ich immer, ob nun beim Golf, beim Tennis oder im Leben, ich gewinne einfach immer. Und ich sage den Leuten, dass ich immer gewinne, weil ich eben immer gewinne.“ Und wenn er nicht gewinnt, straft er die Leute eben ab, die nachweisen, dass er nicht immer gewonnen habe. Oder er empfiehlt gar die Übernahme oder gar Schließung von Institutionen, die seinem Siegeswahn im Wege stehen.

Hütchenspieler im Tal der Zukunft

Plappern die Papageien im „Tal der Zukunft“ einen anderen Sound? Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt doch sehr viel Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump.

Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen, schreibt der Journalist und Drehbuchautor Dan Lyons in seinem Opus „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“. „Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern, von der Art Jungs (und es sind fast alles junge Männer), die sich im Kino ‚The Social Network‘ angesehen haben, in dem Mark Zuckerberg als diebischer, heimtückischer Lügner dargestellt wird, und die danach genauso werden wollen wie er. Viele haben gerade erst das College abgeschlossen – oder sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuschließen.“ In ihren Unternehmen gehe es zu wie im Hauptquartier einer Studentenvereinigung. Twitter habe wirklich einmal eine Betriebsfeier mit dem Thema Fraternity (Studentenverbindung) gegeben.

Frauen begrapschen und Wasserpfeifen mit Bier befüllen

„Seit 2012 gibt es im Silicon-Valley-Wörterbuch den Begriff brogrammer – ein Programmierer vom Typ bro, ein jugendlicher Macho, der seine Wasserpfeife mit Bier füllt und Frauen begrapscht. Bald kommen die unvermeidlichen Skandale und Prozesse, die Geschichten über schleimige Gründer, die weibliche Angestellte belästigen oder, in einem extremen Fall, ihre Freundin zusammenschlagen. Solche Leute stehen an der Spitze der neuen Generation Hightech-Unternehmen, solchen Leuten vertrauen viele Menschen sehr viel Geld an. Man möchte sich ja gerne vormachen, dass die Zeche, wenn diese Blase platzt, von den Risikokapitalgebern der Sand Hill Road in Menlo Park gezahlt wird, aber ein Großteil des Geldes, das man diesen Kids jetzt nachwirft, stammt aus Pensionsfonds“, warnt der frühere Newsweek-Technologieredakteur. Die Zeche werden sehr viel mehr Leute zahlen müssen als nur ein paar Berufsinvestoren, die Risiken gewohnt seien.

Gierige Investoren und unmoralische Gründer

„Wenn ich mich in San Francisco umsehe, fürchte ich, dass das alles nicht gut gehen kann. Diese Kombination aus Wunschdenken, billigem Geld, gierigen Investoren und unmoralischen Gründern ist das Rezept für eine Katastrophe“, so Lyons. Gute Gründe, um auch den netzökonomischen Diskurs mit normativer Brille zu führen. Fernab von den Hurra-Meldungen über neue Gadgets, Apps und Plattformen.

Das Silicon Valley ist ethisch betrachtet kaum hübscher als die Wall Street, mit deren Milliarden aus dem Derivatenhandel es reich geworden ist, bemerkt Zeit-Autor Alard von Kittlitz. Wenn es nicht sogar noch unangenehmer sei, wegen seiner grell geschminkten Bubblegum-Hippie-Fassade. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit eines kritischen Rationalismus im Umgang mit den „Helden“ der Digitalisierung.


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Die perfide Strategie der Populisten – Wer nicht „zum wahren Volk“ zählt, gilt als Verräter

Erfolgreiche Populisten unterschiedlicher Couleur sind Meister der Inszenierung und bauen auf die Reflexe einer Öffentlichkeit, die in immer kürzeren Intervallen auf die theatralische Regie der Populisten reagiert. Schaut man in das Hauptwerk „Strategeme“ des Sinologen Harro von Senger, der die berühmten 36 Strategeme der Chinesen aus drei Jahrtausenden darlegt, ist dieses Vorgehen kein neues Phänomen. Etwa das Strategem Nummer Sieben: „Aus einem Nichts etwas erzeugen“ – etwas aus der Luft greifen; etwas Erfundenes als Tatsache ausgeben (neudeutsch: Fake-News); Gerüchtefabrikation; Verleumdungs- und Lügenkampagne („Merkel muss weg“); Diffamierungstaktik; Aufbauschungsmanöver. Man könnte es auch philosophischer in den Worten von Lao Zi ausdrücken: „Die Dinge in der Welt entstehen aus dem Seienden, das Seiende entsteht aus dem Nichtseienden.“

Populistische Gedankenkonstrukteure im David-Goliath-Modus

Was die populistischen Gedankenkonstrukteure dabei bedienen, folgt einer psychologischen Funktion: Sie reduzieren die Komplexität der Wirklichkeit und schaffen eine einfache Struktur im Kopf. Als Projektionsfläche der Vereinfachung dienen Sündenböcke und Dämonen, die man für alles Böse, Unverständliche und Ungerechte verantwortlich macht. Die Identität der eigenen Gruppe erzielt man dabei mit dem David-gegen-Goliath-Erzählmuster. Für zufällige Ereignisse, für unvorhersehbares Handeln, für menschliche Fehler oder komplizierte Verfahren ist dabei kein Platz. Stets gibt es nur eine einzige Ursache, die als Beweis für das dunkle Spiel eines übermächtigen Gegners herangezogen wird. Jeder Gegenbeweis wird als Fälschung tituliert, jeder fehlende Beleg ist ein Indiz für eine absichtliche Unterschlagung. Mit dieser Teflon-Strategie wollen sich Populisten unangreifbar machen.

Moralischer Alleinvertretungsanspruch

In der nationalistischen Variante, die wir bei den Populisten in Europa und den USA erleben, kommt noch eine weitere Taktik hinzu: Sie behaupten: „Wir sind das Volk.“ Sie meinen jedoch: „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk.“ Nachzulesen in dem lesenswerten Essayband „Was ist Populismus“ von Jan-Werner Müller. Damit werden alle, die anders denken, als illegitim abgestempelt, „ganz unabhängig davon, mit wie viel Prozent der Stimmen ein offizieller Volksvertreter ins Hohe Haus gewählt wurde“, so Müller.

Populisten seien zwangsläufig antipluralistisch; wer sich ihnen entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, gehört automatisch nicht zum wahren Volk. „Das mag wie eine Banalität klingen, ist aber von entscheidender Bedeutung in Auseinandersetzungen mit Populisten, die behaupten, den Willen des Volkes zu repräsentieren und zu vollstrecken – in Wirklichkeit jedoch eine symbolische Repräsentation des angeblich ‚wahren Volkes’ instrumentalisieren, um demokratische Institutionen, die dummerweise nicht von Populisten dominiert werden, zu diskreditieren“, führt Müller weiter aus.

Populismus ist demnach eine ganz bestimmte Politikvorstellung, die ein imaginäres Volk als moralisch rein und homogen definiert und gegen unmoralische, korrupte und parasitäre Dunkelmänner und Dunkelfrauen in verschiedenen Institutionen in Position bringt. Wer diese anmaßende Vereinnahmung des „Volkes“ in Frage stellt, wird kurzerhand vom „einzig wahren Volk“ abgetrennt. Das reicht von der Lügenpresse bis zur „Volksverräterin“ Merkel.

In Wahrheit geht es um „Nur wir vertreten das Volk“

Hinter dem Spruch „Wir sind das Volk“ steckt eigentlich die Botschaft „Nur wir vertreten das Volk“. Dieser Alleinvertretungsanspruch der Populisten und deren Verhältnis zur Demokratie macht die Gemengelage so gefährlich. Sie sind kein nützliches Korrektiv in einer Demokratie, um den vermeintlichen Abstand zwischen Politik und „Volk“ wiederherzustellen. Wer so denkt, ist schon auf der semantischen Leimspur der Populisten unterwegs. Populisten interessieren sich nicht für plurale Willensbildung, für das langwierige Bohren dicker Bretter bei der Bewältigung von Problemen; ihre Kritik gilt auch nicht dem Prinzip der politischen Repräsentation. Ihre Agitation richtet sich gegen die amtierenden Repräsentanten, die angeblich nicht die Interessen des „Volkes“ vertreten.

Da niemand sagen kann, wo die Interessen eines jeden Einzelnen liegen, sind populistische Demagogen wie Erdogan oder Orbán an Teilhabe, Offenheit und Pluralität überhaupt nicht interessiert. Sie geben sich als die Kenner des wahren Volkes aus und hebeln jeden aus, der sich ihnen in den Weg stellt. Wer sich den Populisten nicht anschließt, wird ausgeschlossen. Wer Volk sagt, meint in Wahrheit Ent-Individualisierung und sogar Ent-Menschlichung, die bis zur Inhaftierung und Beseitigung aus dem öffentlichen Leben reichen kann. Populisten sind keine Problemlöser, sie nutzen Probleme, um das politische System zu destabilisieren.

Klugheitsstrategien im Umgang mit Populisten

Wer das durchschaut, sollte klüger vorgehen – im Journalismus, im politischen Diskurs und in seinem Verhalten im Social Web. SZ-Onlinechef Stefan Plöchinger liefert in einem Journalist-Gastbeitrag eine kluge Gegenstragie. Die wichtigste Haltung sei, nicht den Durchlauferhitzer für populistische Phrasen zu spielen. Man sollte nach Auffassung des Notiz-Amtes auf die Pöbeleien von Hofer, Strache, Petry und Co. nicht wie ein Pawlowscher Hund reagieren und auf das Strategem Nummer Sieben hereinfallen. Wer News fälscht, haarsträubende Behauptungen aufstellt und täglich Ressentiments absondert, hat keine Geschichten verdient. „Wir Journalisten brauchen wohlüberlegte Taktiken gegen die ständige Eskalation, statt die Populisten-Strategie weiter blind zu bedienen – weil blinde Journalisten keine Journalisten sind“, schreibt Plöchinger.

Was noch wichtiger ist: Gesicht zeigen und sich nicht hinter irgendwelchen Redaktionsmauern verkriechen. Immer wenn Journalisten greifbar werden und nicht nur als „die Medien“ sichtbar sind, wenn wir in unserer Arbeit so etwas wie Ombudsleute für Leser, Hörer, Zuschauer und dem journalistischen Beruf werden, dann entsteht nach Meinung von Plöchinger auch Vertrauen in den Journalismus. Das Niveau der digitalen Debatte kann zudem nur steigen, wenn jeder Journalist endlich auch versteht, im Digitalen erfolgreich unterwegs zu sein – ohne diese ewige Offline-Online-alles-wird-schlimm-Attitüde. 


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Die vermessene Ökonomie – Es könnte auch alles ganz anders sein

Es ist wohl ein Mythos, dass Unternehmen den Wettbewerb befürworten oder gar fördern. Sie hassen den Wettbewerb, sie tun alles, um ihn auszuhebeln. Sie wollen den maximalen Erfolg, aber nicht den maximalen Wettbewerb. Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln, schreibt Colin Crouch in seinem Buch „Die bezifferte Welt“: „Wenn wir uns selbst als Rechenmaschinen begreifen, sind wir bei der Ausrichtung unseres Handelns moralischen Kriterien gegenüber immun.“

Alles soll berechenbar sein

Es dominiert der Primat der Zahlungsfähigkeit, der jegliche inhaltlichen Aspekte auslöscht. Bürger, Kunde, Objekt. Ein zentraler Anspruch der neoliberalen Ideologie und der neoklassischen Märchenerzählung ist, dass sie das Individuum in den Mittelpunkt rücke und daher humaner sei. Die Wirtschaftstheorie fischt lediglich ein bestimmtes Merkmal heraus und verabsolutiert es: unsere Fähigkeit zur pseudo-rationalen Berechnung unseres Vorteils und der Wege, auf denen wir ihn maximieren können. „Außerdem verlangt sie, dass sich dieser Vorteil in Form eines Geldbetrags ausdrücken lassen muss, da sie Geld zum einzigen Maßstab der Bemessung des Werts von Waren und Gütern einerseits und zum einzig verlässlichen Motivator unseres Handelns andererseits erklärt. Damit der Markt funktioniert, müssen alle Dinge, nach denen Menschen ein Bedürfnis haben, miteinander verglichen werden können. Andernfalls ist eine rationale Entscheidung der Frage, wo unser größter Vorteil liegt, nicht möglich. Infolgedessen werden alle Dinge, die sich entweder nicht in einen Geldwert umrechnen lassen oder durch diese Umrechnung irreparabel Schaden nähmen, als unbedeutend verworfen“, so Crouch.

Auch der Ökonomismus ist ein Werturteil

Alles andere blendet man aus, weil es ja zu verzerrenden Werturteilen führen könnte. Eine Erfahrungswissenschaft dürfe keine verbindlichen Normen oder Ideale ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können. Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel, erläutert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut im ichsagmal.com-Interview.

Aber schon diese Reduktion ist ein Werturteil. Etwa die Anwendung des Ökonomismus auf alle Lebensbereiche, von Schule bis Medizin. Wir werden ausschließlich als Kunden betrachtet, als Objekt der Begierden. Man merkt es an der Unternehmenskommunikation, die darauf ausgelegt ist, uns mit weltweit führenden Wortblähungen zu verscheißern. Wir werden mit wohlklingenden Versprechungen umworben, also mit Angeberei und haltlosen Behauptungen. Und das führt zu einer fatalen Schieflage: „In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“, kritisiert Dierksmeier in seinem Opus „Qualitative Freiheit“.

Scheinheilige Abstinenz in der Ökonomik

In der Ökonomik regiert eine scheinheilige Abstinenz bei Werturteilen. Etwa bei der „Konsumentensouveränität“, die einfach die Egozentrik von Einzelentscheidungen aggregiert und sie in der Summe als Wohl der Allgemeinheit ausspuckt. Wie von Geisterhand. Eine mathematische Schimäre, die politischen Reformen im Weg steht – zum Nachteil des Gemeinwohls und zum Vorteil für privilegierte Machteliten. Wir beschränken uns auf eine abstrakt-quantitative wirtschaftliche Freiheit eines Konsumentenstaates auf Kosten von qualitativen Freiheiten einer realen Bürgergesellschaft. Dierksmeier plädiert für einen qualitativen Liberalismus in Konfrontation mit oligarchischen und plutokratischen Strukturen. Pseudo-Liberale, die sich unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Freiheiten ausbreiten, demontieren die Freiheit- und Bürgerrechte. Wer anderen vorschreibt, Freiheit sei allein quantitativ zu verstehen, also als Maximierung von Erträgen, Nutzen, Profiten und Einkommen, der verstößt selber gegen jene von Liberalen hochgehaltene Freiheit zur bürgerlichen Selbstbestimmung, betont Dierksmeier.

Die Kollateralschäden der Deregulierung

Man braucht sich nur die Kollateralschäden der Deregulierung anschauen, um die  Werturteilsfreiheit, die in VWL-Lehrbüchern fast religiös gepredigt wird, werten zu können. Etwa beim Investment-Banking, beim Buchhaltungsrecht oder im Sicherheitssektor. Stichworte wie WorldCom-Pleite, Lehman-Untergang, Savings and Loans-Debakel, Enron-Arthur-Andersen-Skandal mögen da ausreichen. Wir könnten jetzt noch VW, Deutsche Bank, Thyssen, RWE und Co. hinzufügen. Es gibt kein Naturgesetz und keinen Automatismus in der Ökonomik, um für Wohlfahrt zu sorgen. Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Was kann man ändern jenseits der Erbsenzählerei, die sich in Algorithmen, ceteris paribus-Formeln und sonstigen von Menschen gemachten mathematischen Rechenexempeln verstecken.

Auch in Algorithmen verstecken sich Werturteile

Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen und sich nicht hinter Formeln, Kennzahlen, Rankings, aufgeblähten Umsätzen und Renditen zu verstecken. „Es muss grundsätzlich eine Änderung der Ökonomik herbei geführt werden, die nicht mehr von mechanistischen Paradigmen geprägt ist“, fordert Dierksmeier.

Auch Formelkonstrukteure müssen sich einem normativen Diskurs stellen

Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für eine Radikalkur an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden.

Das hat der bildende Künstler Jürgen Stäudtner im Abschlussgespräch der diesjährigen Next Economy Open trefflich bemerkt.


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Machteliten-Hacking ist möglich – Warum Fatalismus bei Trump und Co. nicht hilft

Justitia (adapted) (Image by Markus Daams [CC BY 2.0] via Flickr)

Jahrelang haben die „liberalen“ Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. „Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß“, schreibt Elisabeth Raether in der Zeit. Nichts habe den Siegeszug von Donald Trump aufhalten können: keine Satire-Nummer, kein tadelnder Leitartikel, keine Häme über die Haare des pöbelnden Bauunternehmers. Und Michael Seemann führt aus, dass die Abgehängten und Verlierer der Globalisierung die alten Eliten zurückwünschen, die noch in derselben Welt gelebt haben wie sie.

„Deswegen schafft Trump, was Mitt Romney nicht schaffen konnte: Identifikationsfigur zu sein und positiver Entwurf einer Elite zu sein, zu dem sich die Arbeiter verbinden können. Trumps Erfolg kommt ohne Bildung und ohne Political Correctness aus, deswegen wirkt er erreichbar. Er repräsentiert eine entmachtete Elite der guten alten Zeit, die sich die Leute zurückwünschen. Eine Elite, die zwar egoistisch und brutal kapitalistisch war, die aber kulturell anschlussfähig und national bezogen blieb.“ Weil man gegen die globale Klasse nicht moralisch und argumentativ gewinnen könne, bleibt der alternativen Rechten nur noch, jede Moral und jedes Argument zu verweigern.

Fakten gegen die postfaktischen Populisten

Trump, Brexit und die Rehabilitation von „völkisch“ seien argumentative und moralische Pflastersteine in unsere Vitrinen. „Sie sind der internationale Aufstand gegen die kulturelle Hegemonie der globalen Klasse. Der Brexit macht die Richtung klar: eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung“, resümiert Seemann. Seit Jahren ertönt schon das Lied, wie die Globalisierung und die seit dem Untergang des sozialistischen Lagers fehlende „Angst vor einer kommunistischen Revolution“ die heutige Wirtschaftselite ökonomisch viel unabhängiger vom Lebensstandard der breiten Mittelschichten gemacht habe.

Diese globale Elite lebt perfekt vernetzt und abgesondert vom Rest der Bevölkerung. Wir werden beherrscht von einer transnationalen Klasse der Superreichen. Und genau diese Gemengelage nutzen die „postfaktischen“ Rassisten und Chauvinisten für ihre politischen Beutezüge aus. Das klingt ziemlich fatalistisch.

Vielleicht helfen Fakten weiter und da lohnt der Blick in die Forschungsarbeit des Soziologen Michael Hartmann, die im Campus Verlag unter dem Titel „Die globale Elite“ erschienen ist.  „Nur wenn die Topmanager der größten Unternehmen und die reichsten Menschen der Welt durch umfangreiche und kontinuierliche Erfahrungen außerhalb ihres Heimatlands einen eigenständigen Habitus ausbilden, der sich deutlich von dem ihrer auf nationaler Ebene verbleibenden Pendants unterscheidet, kann man von einer transnationalen Klasse oder Elite reden“, erläutert Hartmann. In seiner Analyse hat er weltweit 20.000 Konzernchefs, Aufsichtsratsvorsitzende, Chairmen, Board Members und Milliardäre unter die Lupe genommen und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Globale Elite ziemlich lokal

„Im Durchschnitt stammt nur jeder zehnte CEO der weltweit größten und global aktivsten Unternehmen und ein etwas höherer Prozentsatz der Chairmen und übrigen Board-Mitglieder aus dem Ausland. Sogar nur ungefähr jeder zwanzigste CEO kann einen Studienabschluss einer renommierten ausländischen Business School oder Elitehochschule aufweisen. All das ist umso aussagekräftiger, als diese Prozentsätze sich auf die größten Unternehmen der Welt beziehen.

Weil die Inter- wie Transnationalität der Spitzenmanager umso stärker ausfällt, je größer die Konzerne sind, würden die Werte in dem Maß zurückgehen, in dem eine höhere Anzahl von Unternehmen berücksichtigt würde.“ Wenn es eine globale Wirtschaftselite oder gar eine globale Elite unter Einschluss der einflussreichsten Politiker und Mitglieder der anderen Eliten nicht gibt, dann eröffnet das nach Ansicht von Hartmann politische Handlungsspielräume.

Man braucht nicht auf die Einsicht der Superelite zu warten

Wer allerdings von einer einheitlichen weltweiten Superelite ausgeht, der kann angesichts der fehlenden Gegenkräfte auf globaler Ebene nur noch auf die Einsicht dieser Superelite oder auf das schmerzhafte Ende des neoliberalen Kapitalismus hoffen. Häufig gehe die Beschwörung globaler Eliten Hand in Hand mit der gleichzeitigen Feststellung, dass man dagegen nichts unternehmen könne. Wenn Wissenschaftler wie Wolfgang Streeck konstatieren, dass diese Eliten sich „keine Gedanken mehr über nationales Wirtschaftswachstum machen [müssen], weil ihre transnationalen Vermögen so oder so wachsen“ und sich mit ihrem Geld absetzen, dann verleitet das eher zu Endzeitszenarien als zu politischem Denken und Handeln.

Staaten können handeln

„Tatsächlich existieren für die Politik vielfältige Handlungsmöglichkeiten, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, zumindest in den größeren Staaten dieser Erde“, so Hartmann. Besonders, wenn es um die Plünderung der öffentlichen Sphäre geht. Etwa bei der Umgehung von Steuerzahlungen oder der Privatisierung von öffentlichen Gütern. „Der Kampf gegen Steuerflucht ist jedenfalls nicht aussichtslos, wenn ein politischer Wille da ist. Das belegt auch das faktische Ende des vor wenigen Jahren noch als quasi naturgesetzlich betrachteten Schweizer Steuergeheimnisses“, betont Hartmann.

Als Beispiel führt er den Silicon Valley-Konzern Facebook an, der angekündigt hat, künftig alle Werbeeinnahmen auf dem britischen Markt auch in Großbritannien zu versteuern und nicht in Irland wie bisher. „Das dürfte ebenfalls zu einer drastischen Erhöhung der Steuerbelastung führen, denn Facebook hat bislang den wesentlich günstigeren Steuersatz in Irland genutzt und 2014 in Großbritannien gerade einmal 4327?Pfund Körperschaftssteuer gezahlt“, betont Hartmann. Das Unternehmen reagiere damit wie Google auf eine ab dem 1. April 2015 in Kraft getretene Änderung der britischen Steuergesetzgebung, die für Unternehmen, die derartige Steuervermeidungsstrategien betreiben, einen von 20 auf 25 Prozent erhöhten Steuersatz auf so ins Ausland verschobene Gewinne vorsieht.

Der gerade bei Politikern beliebte Hinweis auf die ungeheure Macht der globalen Wirtschaftselite und die eigene Ohnmacht ihr gegenüber verschleiere solche Möglichkeiten. Das Notiz-Amt sieht beste Möglichkeiten für das Machteliten-Hacking über gesetzgeberische Initiativen, um für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen. Die globale Elite ist wohl doch eher eine Schimäre. Sie ist zumindest kein scheues Reh, das beliebig Ausweichmanöver an den Tag legen kann.


Image (adapted) „Justitia“ by Markus Daams (CC BY 2.0)


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Kant statt Hobbes – Mehr Pflichtethik für Unternehmen

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In der Differenz zwischen der Nützlichkeitsethik des Staatstheoretikers Thomas Hobbes und der Pflichtethik des Philosophen Immanuel Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik und Wirtschaftstheorie.

Nützlichkeit und Sittlichkeit haben nichts miteinander zu tun, sagen die Pflichtethiker. Verfechter der Nützlichkeitsethik kontern, Moral ist für nach Vorteil strebenden Menschen und nicht für Heilige da. Letztere Denkweise dominiert in der Wirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und auch im wirtschaftlichen Handeln. Das individuelle Wohlergehen wird addiert zu gesellschaftlichen Zuständen. Einfach gesagt: Eine Handlung ist dann moralisch, wenn die Folgen für mich und für viele optimal sind.

Vorstände und Aufsichtsräte achten auf die Liquidität

Wenn wir uns die Intrigen, Lügen, Manipulationen und Machenschaften im VW-Konzern anschauen, geht es wohl wenig um Pflichtethik. Was Aufsichtsräte und Vorstände interessiert, ist nicht beim Philosophen Kant anzusiedeln. Man will schlichtweg relativ ungeschoren davonkommen und handelt dabei rechtskonform. Nach der geltenden Rechtsprechung müssen die Aufsichtsräte in Deutschland vor allem auf die Liquidität der Unternehmen achten. Sie müssen Warnsignale frühzeitig wahrnehmen und im Krisenfall ohne Zeitverzögerung Sanierungen einleiten – ansonsten drohen den Kontrolleuren haftungsrechtliche Konsequenzen. Aber wie steht es mit unethischem Verhalten?

Warum das Controlling-Gejodel in den Abgrund führt

Passt das in das monokausale Gefüge der Controlling-Pflichten mit dem Gejodel über Kennzahlen, Bilanzbewertungen und juristischen Kenntnissen über Gesellschaftsverträge? Wohl nicht. Was aber sind die Konsequenzen der Abgas-Betrügereien in Wolfsburg? Sie vernichten den Unternehmenswert, schädigen das Gemeinwohl, führen zu einem radikalen Stellenabbau sowie zu einer Zerschlagung des Volkswagen-Imperiums und belasten die Volkswirtschaft. Mit der reinen Lehre der Nützlichkeit kommen wir da nicht weiter. Hier liegt eine Schwäche der Wirtschaftspolitik, der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und des Managements vor.

Warum muss sich Menschlichkeit rechnen?

Mehrheitsfähig dürfte die Position des Unternehmers Stephan Brockhoff sein, die er im Interview mit Zeit Online äußert: Mit etwas mehr Menschlichkeit komme ein Veränderungsprozess in Gang, der gerade in der Marktwirtschaft gut funktioniert. „Denn mithilfe von Vertrauen und Empathie kann man das ungenutzte Potenzial von vielen Mitarbeitern in Unternehmen bergen – und letztlich auch monetarisieren. Menschlichkeit rechnet sich insofern.“

Thomas Hobbes würde jubeln. Es geht meistens um die Frage, ob moralisch oder ethisch relevante Sachverhalte sich für das Unternehmen positiv auswirken. Was Management-Zeitschriften und die Wirtschaftsforschung in der Corporate Social Responsibility-Debatte ins Zentrum rücken, ist der ökonomische Imperativ. Es muss sich rechnen. Mit der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt hat das aber nichts zu tun: „Unternehmen publizieren oft schön formulierte Pressemitteilungen, CSR-Reports oder Codes of Conduct und errichten damit eine Imagefassade, während die eigentlichen Geschäftsprozesse unangetastet bleiben“, schreiben Andreas Georg Scherer, Guido Palazzo und Andreas Butz in einem Fachbeitrag für den Sammelband „Theorien der Wirtschafts- und Unternehmensethik“, erschienen im Suhrkamp-Verlag.

Mit Trickle-down in die Obdachlosigkeit

Die Mehrheit der Ökonomen sieht das wohl anders. Unternehmen sind Institutionen, die auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind. Jede soziale oder ökologische Verantwortung, die über gesetzliche Bestimmungen hinausgeht, sei abzulehnen. Eine solche Orientierung wäre kein Beitrag für die Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus sei das private Gewinnstreben aufgrund der Allokationsfunktion des Marktsystems der Katalysator für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt.

In der vulgär-kapitalistischen Variante von Donald Trump heißt das dann Trickle-down-„Theorie“. These: Wenn die Reichen reicher werden, wird das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern.

In der Realität „erfreuen“ sich über 15.000 Menschen allein im Silicon Valley an ihrer Obdachlosigkeit, verbunden mit der lukrativen Perspektive, bei den explodierenden Immobilienpreisen im Tal der Tech-Giganten irgendwann eine Einzimmerwohnung zu ergattern, die durchschnittlich bei 4.000 Dollar pro Monat liegt. Dickerchen Trump will das jetzt „verbessern“. Der Milliardär möchte den Reichen und Schönen weitere Steuergeschenke machen. Seine Reform würde das Einkommen der Vermögenden um rund 20 Prozent erhöhen und zu Einnahmeausfällen in der Staatskasse von zwei bis sechs Billionen Dollar führen. Da lohnen denn auch weitere Spekulationen mit Luxussanierungen sowie Neubauten in San Francisco und Umgebung.

Unternehmen sind politische Akteure

Wirtschaftstheoretiker werden jetzt einwenden, dass es sich hier wohl eher um die extremistische Variante eines Nützlichkeitsideologen handelt. Im Großen und Ganzen gehe ja das Renditestreben der Unternehmen auf das Konto gesamtwirtschaftlicher Prosperität. Ich halte das für dürftig und naiv. Unternehmen sollten auch in der Wirtschaftstheorie als politische Akteure betrachtet werden – besonders im globalen Maßstab. Wir erleben immer häufiger ein Versagen des Staates bei der Durchsetzung von Normen und Pflichten für das Allgemeinwohl. Prominentestes Beispiel ist die Steuerflucht von Konzernen wie Apple, die mit ihrem Heimatland und der EU Katz und Maus spielen. Unter diesen Bedingungen versagt häufig der ökonomische Imperativ.

Transnationale Demokratie

Die Autoren Scherer, Palazzo und Butz subsumieren das unter dem Begriff „Global Governance“. Es müssen neue Formen der politischen Steuerung gefunden werden, um die politische Ordnung mittels neuer demokratischer Institutionen und Verfahren wieder herzustellen. Das sei nicht nur eine Angelegenheit der nationalen Regierungen und internationalen Institutionen, sondern auch eine Sache der privaten Akteure wie Nichtregierungsorganisationen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Konsumenten, Arbeitnehmer und eben auch Unternehmen.

Runde Tische sollten im Lichte der Öffentlichkeit Standards für Arbeitsleben, Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung, Gesundheitswesen, Umweltschutz und Bildung entwickeln. Im transnationalen Diskurs kann man sich dann nicht mehr mit netten PR-Sprüchen, CSR-Hochglanzbroschüren und semantischen Nebelkerzen über Wasser halten.

In diesem Demokratiemodell sind Unternehmen dann Gegenstand demokratischer Mitentscheidung und Kontrolle. Genau das wollen die CETA- und TTIP-Konstrukteure vermeiden.

Zumindest die Wirtschaftstheorie sollte verstärkt die Legitimität unternehmerischen Handelns im Geiste des Pflichtethikers Immanuel Kant auf die Tagesordnung setzen. Von Unterhändlern, die im Hinterzimmer an den transatlantischen Freihandelsabkommen feilen, ist das nicht zu erwarten.


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Freaks, Geeks, Normen und Sitten: Warum wir den Status Quo als moralischen Kompass ansehen

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Die Binewskis sind keine gewöhnliche Familie. Arty hat Flossen statt Gliedmaßen, Iphy und Elly sind siamesische Zwillinge und Chick hat telekinetische Kräfte. Diese reisenden Zirkus-Künstler sehen ihre Andersartigkeit als Talent, andere jedoch betrachten sie als Freaks ohne Werte und Moral. Das Erscheinungsbild kann jedoch täuschen: Der wahre Schurke der Binewski-Geschichte ist wohl Miss Lick, eine physisch „normale“ Frau mit niederträchtigen Absichten. Ähnlich wie die fiktiven Charaktere aus Katherine Dunn’sGeek Love“ missverstehen „gewöhnliche“ Menschen Normalität oft als Maßstab für Moral. „Freaks“ und „Normalos“ befinden sich jedoch gleichermaßen irgendwo auf dem schmalen Grat zwischen Gut  und Schlecht. Trotzdem werden immer noch die Dinge, die typisch sind, als Maßstab für das Gute gesehen. Verhalten, das gegen die Norm geht, wird weiterhin kritisch beäugt. Warum ist das so? In einer Reihe von Studien haben der Psychologe Andrei Cimpian und ich untersucht, warum Menschen den Status Quo als einen moralischen Kodex sehen. Wir haben versucht, einen Weg zu finden, um richtig von falsch und gut von schlecht zu unterscheiden. Unsere Inspiration für dieses Projekt war der Philosoph David Hume, der darauf aufmerksam machte, dass Menschen dazu neigen, sich vom Status Quo („Was ist?“) bezüglich ihres moralischen Ermessens („Was soll sein?“) leiten zu lassen. Nur weil ein Verhalten oder eine Praxis existiert, bedeutet das nicht, dass diese gut ist – aber genauso begründen Leute ihre Taten häufig. Zum Beispiel waren und sind Sklaverei und Kinderarbeit in manchen Teilen der Welt noch immer verbreitet. Deren reine Existenz macht sie aber noch lange nicht richtig oder in Ordnung. Wir wollten die Psychologie hinter der Argumentation verstehen, dass die Verbreitung Grundlage für moralisch gutes Handeln ist. Um die Wurzeln solcher „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen zu untersuchen, haben wir zu Grundelementen der menschlichen Wahrnehmung gegriffen: Wie erklären wir, was wir in unserer Umgebung wahrnehmen? Von klein auf versuchen wir zu verstehen, was um uns herum abläuft. Oft geschieht dies durch Erklären. Erklärungen liegen oft tief verwurzelte Glaubensansätze zu Grunde. Beeinflussen Erklärungen also auch den Glauben der Menschen in Bezug auf die Frage nach einem Richtig oder Falsch?

Mit Vereinfachungen die Welt erklären

Wenn man sich Erklärungen ausdenkt, um die Welt um uns herum zu verstehen, sticht der Bedarf nach mehr Effizienz oft den Bedarf nach Präzision aus. (Die Leute haben weder Zeit noch kognitive Kapazitäten, um nach Perfektion bei jeder Erklärung, Entscheidung oder Beurteilung zu streben.) In den meisten Fällen muss getan werden, was zu tun ist – wenn man es mal kognitiv ausdrücken möchte. Wenn ein effizienter Kriminalbeamter mit dem Unbekannten konfrontiert wird, nutzt er Abkürzungen und vertraut auf einfachste Informationen, die ihm spontan einfallen. Was einem als erstes einfällt, geht tendenziell mit eigenen oder intrinsischen Eigenschaften des Gegenstands einher, der erklärt wird. Wenn man zum Beispiel erklären möchte, warum Männer und Frauen getrennte öffentliche Toiletten haben, könnte man zunächst sagen, dass es an den anatomischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern liegt. Die Tendenz, etwas zu erklären, indem man solche anhaftenden Merkmale benutzt, bringt uns oft dazu, andere relevante Informationen über die Umstände oder die Geschichte des besagten Phänomens zu ignorieren. In der Realität wurden die öffentlichen Toiletten, nach Geschlechtern getrennt, erst im späten 19. Jahrhundert in den USA eingeführt – nicht als Anerkennung der anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern als Teil verschiedener politischer Veränderungen, die die Idee stärkten, dass sich der gesellschaftliche Stellenwert von Frauen, zu dem von Männern unterschied.

Die Verbindung ausprobieren

Wir wollten wissen, ob die Tendenz dazu, Dinge basierend auf deren inneren Qualitäten zu erklären, auch dazu führt, dass man das Alltägliche wertschätzt. Um zu testen, ob die eigene Präferenz für anhaftende Erklärungen in Bezug zu „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen steht, haben wir zuerst unsere Teilnehmer befragt. Sie sollten bewerten, wie sehr sie mit einer Anzahl an inhärenten Erklärungen übereinstimmen: Zum Beispiel dass Mädchen gern Pink tragen, weil es eine zierliche, blumige Farbe ist. Dies dient als Maßstab für eine Präferenz des Teilnehmers für anhaftende Erklärungen. In einem anderen Teil der Studie sollten die Leute spöttische Pressemitteilungen über Statistiken, die normales Verhalten beschrieben, lesen. Eine der Mitteilungen gab zum Beispiel an, dass 90 Prozent der Amerikaner Kaffee trinken. Die Teilnehmer wurden dann befragt, ob sie diese Verhaltensweisen als „gut“ oder „wie es sein sollte“ einstufen würden. Das gab uns ein Maß über die „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen der Teilnehmer. Diese beiden Messungen waren eng miteinander verbunden: Die Leute, die inhärente Erklärungen bevorzugten, dachten meist auch, dass das typische Verhalten das ist, was man tun sollte. Wir tendieren dazu, das Alltägliche als gut und „so, wie die Dinge sein sollten“ zu empfinden. Wenn man also zum Beispiel denkt, dass öffentliche Toiletten wegen der inhärenten Unterschiede zwischen Mann und Frau getrennt sind, denkt man meist auch, dass diese Praxis angemessen und gut (also ein Werturteil) ist. Diese Beziehung war sogar präsent, wenn die Zahlen durch eine Anzahl anderer  kognitiver oder ideologischer Tendenzen statistisch bereinigt wurden. Zum Beispiel kam die Frage bei uns auf, ob die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung durch die politische Einstellung der Teilnehmer erklärt werden kann. Vielleicht sehen politisch eher Konservative den Status Quo als gut an und neigen beim Erklären zu anhaftenden Erklärungen? Diese Variante wurde nicht durch die gesammelten Daten unterstützt, wie auch keine der anderen Varianten, denen wir Beachtung schenkten. Unsere Ergebnisse offenbarten eher eine eindeutige Verbindung zwischen Erklärungslenkungen und moralischer Beurteilung.

Toilettes (image by Antonio Ortega [CC by 2.0] via Flickr)
Image (adapted) „Toilettes en el lago salado de Chott el Jerid, Túnez. 1994“ by Antonio Ortega (CC BY 2.0)

Eine innere Neigung, die unsere moralische Beurteilung beeinflusst

Wir wollten außerdem herausfinden, in welchem Alter man die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung entwickelt. Je früher diese Verbindung im Leben präsent ist, desto größer kann ihr Einfluss auf die Entwicklung der Vorstellung eines Kindes in Bezug auf Richtig und Falsch sein. Aus früheren Projekten wussten wir, dass die Neigung, mithilfe von inhärenten Erklärungen zu erklären, bereits bei vierjährigen Kindern vorhanden ist. Vorschüler denken also zum Beispiel eher, dass Bräute bei der Hochzeit weiß tragen, weil es etwas mit der Farbe an sich zu tun hat – und nicht etwa egen eines Modetrends, dem die Leute folgen. Es stellt sich die Frage, ob diese Neigung die moralische Beurteilung der Kinder beeinflusst. Und tatsächlich: Wir haben herausgefunden, dass vier- bis siebenjährige Kinder, die inhärente Erklärungen bevorzugten, auch eher typische Verhaltensweisen (wie zum Beispiel, dass Jungen Hosen und Mädchen Kleider tragen) als gut und richtig ansehen. Wenn unsere Behauptungen korrekt sind, sollten Veränderungen in der Weise, wie Leute erklären, was typisch ist, auch Änderungen in der Art, wie sie über Richtig und Falsch denken, hervorrufen. Wenn die Leute mehr Zugang zu Informationen haben, wie die Welt funktioniert, mag es für sie einfacher sein, sich die Welt anders vorzustellen. Wenn man Ihnen Erklärungen bietet, die sie vorher noch nicht bedacht haben, werden sie weniger davon ausgehen, dass das „Was ist?“ und das „Was soll sein?“ das Gleiche bedeutet. Damit stimmen unsere Ergebnisse überein, dass, wenn wir die Erklärungen der Leute subtil manipulieren, wir auch ihre Tendenz verändern, die Schlussfolgerungen nach dem Modell „Was ist? – Was soll sein?“ zu ziehen. Wenn wir Erwachsenen ein eher extrinsisches statt intrinsische Denkweise vermitteln, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie denken, dass das normale Verhalten definitiv jenes ist, das man anstrebt. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder den Status Quo (Bräute tragen weiß) als gut und richtig ansehen, war geringer, wenn diese eine externen Erklärung erhielten (Wie zum Beispiel: Eine berühmte Königin trug weiß an ihrer Hochzeit und dann fing jeder an, sie zu kopieren).

Eine Folgerung für die soziale Veränderung

Unsere Studien offenbaren einen Teil der Psychologie hinter der menschlichen Tendenz, eine direkte Verbindung von einem „Ist“-Zustand zu einem „So soll es sein“-Zustand zu machen. Obwohl es natürlich viele Faktoren gibt, die diese Tendenz einleiten, scheint eine davon eine einfache Eigenart unseres kognitiven Systems zu sein: Die frühe Neigung zu inhärenten Verbindungen, die in unseren alltäglichen Erklärungen vorhanden ist. Diese Eigenart mag einer der Gründe sein, warum Menschen – sogar die Jüngsten unter uns – solche starken Reaktionen gegen Verhaltensweisen aufweisen, die gegen die Norm gehen. Bezüglicher sozialer und politischer Belange könnte es hilfreich sein, zu betrachten, wie solche kognitiven Faktoren die Menschen beeinflussen, sich gegen soziale Veränderungen zu wehren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Ballon“ by Mysticsartdesign (CC0 Public Domain


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Können wir Politiker durch Roboter ersetzen?

Roboter (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Politiker zu wählen, dem sie voll und ganz vertrauen, der keine versteckten Absichten hat und der wirklich die Ansichten der Wähler repräsentiert – sie würden diesen dann wohl wählen, richtig?

Was, wenn dieser Politiker ein Roboter wäre? Kein Mensch mit einer roboterhaften Persönlichkeit, sondern ein echter, ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Roboter.

Eine Zukunft wie diese war jahrzehntelang Gegenstand von Science Fiction. Kann das aber Wirklichkeit werden? Und wenn ja, sollten wir auch diesen Weg beschreiten?

Verlorenes Vertrauen

Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen, dass das Vertrauen in Politiker in den westlichen Gesellschaften rapide abgenommen hat und dass Wähler zunehmend Wahlen dazu nutzen, um eine Proteststimme abzugeben.

Dies soll nicht bedeuten, dass die Menschen das Interesse an der Politik und der politischen Mitgestaltung verloren haben. Vielmehr gibt es Hinweise auf ein zunehmendes Engagement in die nicht-traditionelle Politik, die nahelegen, dass die Menschen politisch engagiert bleiben, jedoch das Vertrauen in die traditionelle Parteipolitik verloren haben.

Insbesondere verspüren die Wähler zunehmend, dass sich die bestehenden politischen Parteien zu ähnlich sind und dass sich die Politiker hauptsächlich mit politischem Punktesammeln und politischem Aktionismus beschäftigen. Verärgerte Wähler empfinden, dass die großen Parteien typischerweise mit den mächtigen Partikularinteressen verbunden sind, mit Großunternehmen oder Gewerkschaften gemeinsame Sache machen und dass demzufolge deren Stimmen keinen Unterschied machen werden.

Ein weiteres Anzeichen für ein sich veränderndes politisches Engagement (zumindest ist dies eher wahrscheinlich als eine vollkommene Loslösung) ist der Aufschwung populistischer Parteien mit einer radikalen und systemkritischen Agenda und dem wachsenden Interesse an Verschwörungstheorien – Theorien, die die Ahnungen von Menschen bestätigen, dass das System manipuliert ist.

Die Idee der eigennützigen Politiker und Beamten ist nicht neu. Diese zynische Ansicht wurde durch Fernsehserien wie „BBC’s Yes Minister“ und die neuere US Serie „House of Cards“ (sowie die originale BBC Serie) bekannt gemacht.

Wir mögen das Vertrauen in die traditionelle Politik verloren haben, doch welchen Alternativen haben wir? Können wir Politiker durch etwas Besseres ersetzen?

Das Denken von Maschinen

Eine Alternative wäre, politische Systeme so zu designen, dass politische Entscheidungsträger vor unzulässiger Fremdeinwirkung geschützt sind. Auf diese Weise, so wird argumentiert, wird ein Raum erschaffen, in dem objektive wissenschaftliche Beweise die politische Mitgestaltung beeinflussen können, anstelle von Partikularinteressen.

Auf den ersten Blick sieht dies wie etwas Erstrebenswertes aus. Doch was ist mit den vielen politischen Fragen wie etwa die, bei denen sich die politischen Meinungen deutlich unterscheiden – wie etwa beim Klimawandel, der  gleichgeschlechtlichen Ehe oder der Asylpolitik?

Die Politikgestaltung ist und bleibt naturgemäß politisch und die Vorgehensweisen sind bestenfalls auf evidenzinformiert statt evidenzbasiert. So können jedoch einige Themen entpolitisiert werden – sollten wir also darüber nachdenken, Roboter einzusetzen, um diese Aufgabe zu erledigen?

Diejenigen, die sich auf die technologischen Fortschritte konzentrieren, würden diese Frage wohl bejahen. Immerhin können komplexe Berechnungen, die Jahre gebraucht hätten, wenn sie händisch berechnet worden wären, nun in Sekundenschnelle gelöst werden – indem die neuesten Entwicklungen in der Informationstechnologie genutzt werden.

Solche Innovationen haben sich in bestimmten Politikbereichen als extrem wertvoll erwiesen. Beispielsweise nutzen Stadtplaner, die die Durchführbarkeit neuer Infrastrukturprojekte untersuchen, nun eine leistungsstarke Verkehrsmodellierungssoftware, um zukünftige Verkehrsströme zu prognostizieren.

Diejenigen, die sich andererseits auf soziale und ethische Aspekte konzentrieren, werden wahrscheinlich gewisse Vorbehalte haben. Technologische Fortschritte sind von begrenztem Nutzen in Hinblick auf politische Fragen, die konkurrierende Überzeugungen und Werturteile involvieren.

Ein passendes Beispiel hierfür wäre die Legalisierung der Sterbehilfe, welche von Natur aus eng mit religiösen Ansichten und der Frage der Selbstbestimmung verbunden ist. Wir könnten dazu neigen, dieses Thema als ungewöhnlich abzutun, doch dies wäre eine Nichtberücksichtigung davon, dass die meisten politischen Fragen konkurrierende Überzeugungen und Werturteile mit einbeziehen. Daher wäre diese Perspektive aus der Sicht eines maschinellen Politikers eher von geringerem Nutzen.

Moralvorstellungen

Ein Supercomputer wäre vielleicht dazu in der Lage, präzise Vorhersagen über die Anzahl von Verkehrsteilnehmern auf einer geplanten Ringstraße zu treffen. Was würde der Supercomputer jedoch tun, wenn er mit einem moralischen Dilemma konfrontiert wird?

Die meisten Menschen werden zustimmen, dass es unsere Fähigkeit ist, Werturteile zu fällen, die uns von Maschinen unterscheiden und uns überlegen macht. Was jedoch, wenn wir bestehende ethische Grundsätze in Roboter einprogrammieren könnten? Somit könnten diese Entscheidungen basierend auf vorgegebenen normativen Richtlinien und Konsequenzen, welche aus diesen Entscheidungen hervorgehen, getroffen werden.

Wenn dies möglich wäre, und manche glauben, dass dem so ist, könnten wir schließlich unsere fehlbaren Politiker durch unfehlbare künstlich intelligente Roboter ersetzen?

Die Idee klingt möglicherweise etwas weit hergeholt – aber ist sie das wirklich?

Roboter könnten durchaus schneller ein Teil unseres alltäglichen Lebens werden, als wir denken. Beispielsweise könnten Roboter bald dafür genutzt werden, um Routineaufgaben in Altenpflegeeinrichtungen zu erledigen, um älteren Menschen oder Menschen mit Behinderungen Gesellschaft zu leisten. Vereinzelt wurde auch vorgeschlagen, Roboter zur Prostitution zu verwenden. Welche Meinung wir auch immer von Roboterpolitikern haben, die Basis dafür wurden bereits gelegt.

Eine kürzlich erschienene Publikation präsentierte ein System, das automatisch politische Reden schreibt. Einige dieser Reden sind durchaus glaubwürdig und es wäre für die meisten von uns sehr schwer zu sagen, ob diese von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurden.

Politiker ziehen bereits menschliche Redenschreiber heran, also wäre es nur noch ein kleiner Schritt für sie, auf einen maschinellen Redenschreiber umzusteigen.

Dasselbe gilt für politische Entscheidungsträger, die etwa für die Stadtplanung oder den Hochwasserschutz verantwortlich sind und die Gebrauch von hoch entwickelten Modellierungssoftwares machen. Wir könnten bald sogar die Menschen vollkommen beseitigen und sie durch Roboter ersetzen, die diese Modellierungssoftware bereits eingebaut haben.

Wir könnten uns noch viel mehr Szenarien ausdenken, aber das zugrunde liegende Problem wird dasselbe bleiben: der Roboter müsste zuerst mit einer beschlossenen Reihe an ethischen Standards programmiert werden, die es ihm erlauben, auf der Basis von vereinbarten Moralvorstellungen zu urteilen.

Der Beitrag der Menschen

Selbst wenn wir also ein Parlament voller Roboter hätten, bräuchten wir noch immer eine Einrichtung mit Menschen als Mitarbeitern, deren Aufgabe es ist, die ethischen Grundsätze zu definieren, nach denen die Roboter programmiert werden sollen. Wer darf über diese ethischen Grundsätze entscheiden? Nun ja, dies müssten wir wahrscheinlich zur Abstimmung zwischen verschiedensten interessierten und konkurrierenden Parteien stellen.

Dies führt uns wieder an den Ausgangspunkt zurück – zurück zu dem Problem, wie unzulässige Beeinflussung verhindert werden könnte. Befürworter der abwägenden Demokratie, die meinen, dass Demokratie mehr sein sollte als ein gelegentlicher Spaziergang zu einer Wahlkabine, werden angesichts der Aussicht auf maschinelle Politiker wohl  erschaudern.

Fürsprecher des freien Marktes hingegen, die sich mehr für einen schlanken Staat, Sparmaßnahmen und den Abbau von Bürokratie interessieren, mögen verstärkt dazu tendieren, es auszuprobieren. Die letzteren scheinen die Oberhand gewonnen zu haben. Versuchen Sie sich also daran zu erinnern, wenn Sie das nächste Mal einen Berichterstatter einen Politiker als Roboter bezeichnen hören, dass vielleicht eines Tages einige von ihnen wirkliche Roboter sein werden!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Roboter“ by geralt (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Kassaei meets Kotler

Jetzt ist es raus. Der Verbraucher ist nicht nur Kunde, er ist sogar ein Mensch. Jahrzehntelang hat Philip Kotler das gesamte Arsenal der mathematsierten Gesellschaftswissenschaften, die so gern von den Naturwissenschaften anerkannt wären, auf die Nachfrager losgelassen. Sogar die Organisationstheorie war ihm nicht zu schade, etwas Übersicht in die Absatzförderung zu bringen. Nun ist Schluß. Auch er bläst in das Horn namens Ethik. Der mathematisierte Geist verspricht sich davon, dass es auf diese Weise menscheln sollte.“Die neue Dimension des Marketings. Vom Kunden zum Menschen“ muss ja dann konsequenterweise auch von dem Handeln, was Philosophen und Theologen seit langem, erstere sogar seit Jahrtausenden behandeln. Denn da geht es nicht um soziale oder ökonomische Rollen, da geht es gleich um alles: den Menschen…

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Kampf vs. Vergewaltigung ist Kampf vs. Betroffene

Am Donnerstag letzter Woche beschäftigte sich das TV-Magazin “Monitor” mit dem Thema Vergewaltigung. Anlass gab die Äußerung des Staatsanwaltes Hansjürgen Karge bei Anne Will, der selbst seiner eigenen Tochter davon abraten würde, im Fall einer Vergewaltigung Anzeige zu erstatten (wir berichteten).

“Monitor” ging der Frage nach, was es Opfern in Deutschland erschwere, eine Tat vor Gericht zu bringen beziehungsweise Anzeige zu erstatten. Die Fakten, die das Magazin vorbringt, sind nicht neu und dennoch ernüchternd. Auf etwa 100.000 Deutsche gäbe es nur neun Anzeigen wegen Vergewaltigung. Die nicht gemeldeten Vorfälle dürften allerdings um ein Vielfaches höher liegen, legt man lediglich die Statistiken zu Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen zu Grunde…

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Von Tellerwäschern und Millionären

The problem of our age is the proper administration of wealth, that the ties of brotherhood may still bind together the rich and the poor in harmonious relationship.“

Es ist das Jahr 1889, als Stahl-Magnat Andrew Carnegie dies im ersten Kapitel seines vielzitierten Essays „The Gospel of Wealth“ („Das Evangelium des Reichtums“) niederschreibt und fortan in der Ahnengalerie bedeutender Philantropen hängen darf.

Und nun, im Jahr 2010, erklären sich einige der reichsten Menschen der USA bereit, die Hälfte ihrer Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu spenden.

Rockefeller, Hilton, Turner, Bloomberg, Pickens, Lucas. Sie alle folgen dem Aufruf von Microsoft-König Bill Gates und Investor Warren Buffet. Denn die Nummern 2 und 3 der surrealen „Forbes-Liste“ wollen eine neue karitative Dimension erschließen.

Ihre Vision: The Giving Pledge. Das Ziel: die Superreichen ihres Landes davon zu überzeugen, einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod zu spenden und dies via öffentlicher Absichtserklärung auch kundzutun. Die Zusage zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihres Vermögens ist dabei kein juristisches Vertragszugeständnis, sondern eine Frage der Moral: „to commit to giving the majority of their wealth to philantrophy.“ Ein kategorischer Spenden-Imperativ für einen guten, dem Gemeinwesen dienenden Zweck…

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