Von Tellerwäschern und Millionären

The problem of our age is the proper administration of wealth, that the ties of brotherhood may still bind together the rich and the poor in harmonious relationship.“

Es ist das Jahr 1889, als Stahl-Magnat Andrew Carnegie dies im ersten Kapitel seines vielzitierten Essays „The Gospel of Wealth“ („Das Evangelium des Reichtums“) niederschreibt und fortan in der Ahnengalerie bedeutender Philantropen hängen darf.

Und nun, im Jahr 2010, erklären sich einige der reichsten Menschen der USA bereit, die Hälfte ihrer Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu spenden.

Rockefeller, Hilton, Turner, Bloomberg, Pickens, Lucas. Sie alle folgen dem Aufruf von Microsoft-König Bill Gates und Investor Warren Buffet. Denn die Nummern 2 und 3 der surrealen „Forbes-Liste“ wollen eine neue karitative Dimension erschließen.

Ihre Vision: The Giving Pledge. Das Ziel: die Superreichen ihres Landes davon zu überzeugen, einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod zu spenden und dies via öffentlicher Absichtserklärung auch kundzutun. Die Zusage zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihres Vermögens ist dabei kein juristisches Vertragszugeständnis, sondern eine Frage der Moral: „to commit to giving the majority of their wealth to philantrophy.“ Ein kategorischer Spenden-Imperativ für einen guten, dem Gemeinwesen dienenden Zweck…

Ganz nach Carnegie-Manier, die da festschreibt, all jenes Vermögen, das zur Versorgung der Familie nicht unbedingt notwendig sei, in den karitativen Kreislauf einzubringen und zum Wohle der Gesellschaft zu verwalten.

Und so hofft The Giving Pledge auf mindestens 600 Milliarden Spenden- und Sitftungsgelder.

So weit, so wohltätig.

Allerdings scheint die transatlantische Spendenverständigung noch manche Defizite aufzuweisen. Stieß Gates doch mit seiner Anfrage bei ihm persönlich bekannten Milliardären in Deutschland offensichtlich auf Ablehnung.

Sind wir also bockige Knauserhammel, die nicht anerkennen wollen, dass eine zivilgesellschaftliche Beteiligung auch die Öffnung privater Geldquellen beinhaltet? Liegt es an der langewährenden vollständigen Tabuisierung von Sex und monetären Angelegenheiten in unserer Kultursphäre? Ein „Man zeigt nicht, was man hat“, weder das Holz vor der Hütte, noch die Kröten in der Tasche?

Nein.

Dann vielleicht schon eher die Angst vor Neidern oder dem Vorwurf möglicher Verquickung privater und öffentlicher Interessen. Eventuell ein fehlendes Gen zur Marktschreierei. Seht her, ich habe gespendet!

So ist die bevorzugte Art, sich in Deutschland einen wohltätigen Namen zu machen, der Stiftungsweg. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen dienen 90 Prozent der etwa 17 400 Stiftungen hierzulande rein gemeinnützigen sozialen und kulturellen Zwecken. Natürlich darf auch hier angenommen werden, dass die Spendierhosen des Gebers um so lockerer sitzen, je grösser der Einfluss auf den Verwendungszweck ist.

Zudem stehen sich bei dem Vergleich deutsch-amerikanischer Spender-Mentalitäten zwei grundsätzlich verschiedene Sozial- und Bildungssysteme gegenüber. Pauschalisiert trifft das deutsche Verständnis von Verantwortungsabgabe in Umverteilungsfragen an den Staat auf eine eher grossmannssüchtige „Do it yourself“-Mentalität der Amerikaner.

Doch letztendlich ist es aus einer zweckgerichteten Perspektive egal, warum und unter welchen Bedingungen das Geld „von oben nach unten“ fliesst.

Ob nun dem öffentlichkeitswirksamen Spenderpathos eines Forbianers oder einer adäquaten Erbschafts- und Vermögensbesteuerung des Staates geschuldet: Es geht um die Wahrnehmung gegenseitiger Verantwortung. In einer ungleichen Gesellschaft.

Bildnachweis: Wikipedia (gemeinfrei)

Julia Malz

 lebt als freie Journalistin in Hamburg. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur und der Politischen Wissenschaft an der Uni Hamburg widmet sie sich dem freien Schreiben und ungewöhnlichen Gedanken. Privat auch in ihrem Blog FREISTIL.


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4 comments

  1. Ich habe mal gehört, dass es in wohlhanbenden US-Familien üblich ist, sämtliches Geld nach dem Tod zu spenden und nur Unternehmen und Immobilien in der Familie weiterzugeben. Die Erben haben in kurzer Zeit wieder reichlich Vermögen verdient. Von den Hiltons habe ich das zum Beispiel gelesen. Damit wäre die Idee von Gates und Buffet eigentlich ein alter Hut.

  2. @Patricia: Die grosszügigen Spenden post mortem in den USA sind allerdings nur in sehr wenigen Fällen wirklich Ausdruck eines karitativen Bedürfnisses, sondern die Konsequenz einer hohen Erbschaftssteuer (zur aktuellen Debatte vielleicht interessant: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,701790,00.html)Diese ist für das Jahr 2010 ausgesetzt, weil die US-Regierung es dieses Jahr nicht geschafft hat, die Erbschaftssteuer auf grosse Vermögen neu festzuschreiben. Für die Erben in diesem Jahr natürlich ein dickes Geschäft!

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